Die Lage südlich der „Mauer“

Feature - The Perfect Storm     

Eine alltägliche Szene in Juarez.

2009 reiste ich zum ersten Mal nach Ciudad Juarez. Damals tobte ein Drogenkartellkrieg in der Nachbarstadt von El Paso, Texas. Tausende von Menschen wurden Opfer des brutalen Straßenkrieges. Die Touristen blieben aus, Restaurants, Kneipen, Läden machten dicht, wurden mit Brettern vernagelt. Juarez versank im Chaos, glich nachts einer Geisterstadt. Mit Maschinengewehren bewaffnete und vermummte Polizisten patroullierten auf Pick Up Wagen durch die Stadt. Das Sinaloa Kartell kämpfte gegen das Juarez Kartell um die wichtigen Drogenrouten in die USA.

Nach ein paar Jahren stabilisierte und beruhigte sich die Lage wieder, das Sinaloa Kartell hatte den Krieg gewonnen. Die Mordrate sank von über 3000 im Jahr 2009 auf rund 500. Ciudad Juarez rutschte auf der Weltrangliste der gefährlichsten Städte von Platz 1 ins Mittelfeld ab.

Doch die Ruhe in Mexiko war nur von kurzer Zeit, wie die jüngste Statistik der 50 gefährlichsten Städte der Welt zeigt. Hier werden die Morde pro Einwohnerzahl gemessen. 12 der Städte liegen in Mexiko, unter den Top Ten sind sogar fünf mexikanische Städte zu finden: Platz 1 Los Cabos, Platz 3 Acapulco, Platz 5 Tijuana, Platz 6 La Paz, Platz 8 Victoria. Und Ciudad Juarez liegt auf dem 20. Platz mit einer Entwicklung nach oben, sprich die 1000er Mordrate in diesem Jahr ist schon jetzt fast erreicht. Mexiko und gerade auch die Touristenziele Los Cabos und Acapulco versinken in einem Blutbad. Die Gewaltspirale dreht sich erneut beim südlichen Nachbarn der USA.

Doch wie einst George W. Bush sieht auch Donald Trump das Problem in Mexiko selbst. Für Trump gilt, der Mauerbau würde – zumindest für die USA – alles lösen. Den Drogenfluss von Süd nach Nord, den Waffenfluss von Nord nach Süd und schließlich auch nocht die mexikanischen „Bad Guys“, „Rapists“ und „Criminals“ draußen lassen. Mexiko solle sich gefälligst um die eigenen Probleme kümmern. Das ist die Logik, die schlichtweg falsch ist. Die Gewalt in Mexiko hängt nach wie vor eng mit dem größten Drogenmarkt und den liberalsten Waffengesetzen der Welt zusammen. Die USA sind gefordert mit Mexiko zusammen zu arbeiten, um die erneute Gewaltwelle unter Kontrolle zu bringen. Doch das ist Wunschdenken in einer Zeit, in der eine Hunderte Meilen lange Mauer als Lösung für nationale Probleme gesehen wird.

Der Kartellkrieg beginnt erneut

Drogenkartellkrieg in Ciudad Juarez     
Ein erneuter Drogenkartellkrieg beginnt in Juarez. Foto: Reuters

Ein erneuter Drogenkartellkrieg beginnt in Juarez. Foto: Reuters

Es geht wieder los. 257 Morde in den ersten acht Monaten dieses Jahren, 47 davon allein im August, so viele in einem Monat, wie seit dem Dezember 2013 nicht mehr. Die mexikanische Grenzstadt Ciudad Juarez steht erneut vor einem Drogenkartellkrieg. Die Verhaftung von Joaquin ‚El Chapo‘ Guzmán, dem Boss des Sinaloa Kartells, hat zu einer Aufspaltung der eigenen Reihen und zu einem Erstarken verfeindeter Kartelle geführt. Nach dem brutalen Straßenkrieg vor ein paar Jahren (Audio-Feature oben) war die Nachbarstadt von El Paso fest in der Hand von Guzmáns Gruppe. Doch nun, nach dessen Festnahme, hat sich das Sinaloa Kartell gespalten, mehrere Fraktionen kämpfen um die Führungsrolle innerhalb des Drogenimperiums.

Und diese Bauchnabelschau nutzen andere Gruppen, um das Sinaloa Kartell herauszufordern. Allen voran das wiedererstarkte Juarez Kartell, das die wichtigen Wege in den größten Drogenmarkt der Welt, die USA, zurück gewinnen will. 47 Morde in einem Monat deuten auf den Beginn eines neuen Blutbades hin. Es geht um Macht, um Geld, um Einfluß. Und nichts wird die Gangs und Kartelle da aufhalten. Schwerbewaffnet suchen sie den Kampf mit ihren Kontrahenten und mit der Polizei. Die sieht sich derzeit einer Armee gegenüber, bestens ausgerüstet, bereit für einen erneuten Straßenkrieg. La Linea ist die Einsatztruppe des Juarez Kartells. Im April wurde eine Zelle der Bande ausgehoben, die Polizei fand zahlreiche Sturmgewehre und sogar eine Flugabwehrrakete. Seitdem sind die offiziellen Stellen in der Grenzstadt gewarnt.

Ciudad Juarez hatte sich langsam vom blutigen Straßenkrieg der Kartelle zwischen 2009 und 2011 erholt. Damals starben nahezu 10.000 Menschen im Kampf um die Drogenwege Richtung Norden. Die einstige Party-Stadt Juarez wurde in dieser Zeit zur gefährlichsten Stadt der Welt. Touristen und Besucher blieben weg, Restaurants, Kneipen wurden geschlossen, das öffentliche Leben fand nicht mehr statt. Nach Einbruch der Dunkelheit glich Juarez einer Geisterstadt. Nach dem blutigen Sieg des Sinaloa Kartells nahmen auch die Morde ab. In den letzten Jahren erholte sich Juarez, die Menschen genossen in vollen Zügen den „Mexian Way of Life“. Damit scheint nun wieder Schluß zu sein. Die nächste Welle der nicht endenwollenden Gewalt rollt heran. Ausgang und Länge noch ungewiss.

„The most dangerous place in the world“

Ich war in der mexikanische Grenzstadt Ciuadad Juarez zu Fuß unterwegs, als dort im Jahr 3600 Menschen ermordet wurden.

Besuch in Ciudad Juarez     

Mit der Bundeswehr war ich zweimal in Afghanistan. Nach der Landung in Kunduz bekam ich gleich eine kugelsichere Weste und einen Stahlhelm verpasst, im gepanzerten Fahrzeug ging es die kurze Strecke vom Flughafen in die Kaserne der Deutschen. Ich reiste in den Ostkongo, um über die dortige Krise zu berichten, sprach im Rebellengebiet der M23 mit dem Präsidenten, während vor der Tür bewaffnete Soldaten mit Maschinengewehren und Raketenwerfern standen.

Besuch im Ostkongo     

Es ging in den Tschad. Im Süden des Landes herrschte eine Flüchtlingskrise, das Chaos aus der benachbarten Zentralafrikanischen Republik drohte in den Tschad überzuschwappen.

Besuch im Tschad     

Dann ging es nach Somalia, ans Horn von Afrika. Einen funktionierenden Staat gibt es dort nicht mehr, seit 25 Jahren ist das Land gespalten, Teile versinken im Chaos, werden von Terrorgruppen, wie der Al-Shabaab Miliz, tyrannisiert.

Besuch in Somalia     

Ach ja, und hier drüben war ich auch mal in Los Angeles unterwegs, um dort auf Spurensuche nach den Gangs zu gehen, denn LA gilt als die Hauptstadt der Banden und kriminellen Organisationen in den USA.

Besuch in Los Angeles     
Donald Trump redet mal wieder Unsinn. Foto: Reuters.

Donald Trump redet mal wieder Unsinn. Foto: Reuters.

Das sind nur ein paar der „Reiseziele“, die ich in den letzten Jahren angesteuert habe. Waffen, Gewalt, Not und Elend gab es auf all diesen Trips zu sehen. Doch anscheinend hätte ich für den „Nervenkitzel“ gar nicht so weit fahren müssen, denn der angehende republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump erklärte nun in seiner allumfassenden Kenntnis des amerikanischen Alltags in einem Interview mit der New York Times: „There are places in America that are among the most dangerous in the world. You go to places like Oakland, or Ferguson. The crime numbers are worse. Seriously.“ Oakland ist, laut Trump, also vergleichbar mit den Krisenherden dieser Welt.

Was stimmt, meine neue Heimatstadt in Kalifornien hat ein Gewaltproblem. Die FBI Statistik für 2014 belegt, dass es in dem Jahr 6900 Gewaltverbrechen in Oakland gab, darunter 80 Morde. Doch das ist nichts besonderes für die USA. Vergleichbare Städte, wie Miami oder New Orleans, liegen noch darüber. Oakland ist also nicht gefährlicher als andere US Städte.

Die Reaktion in Oakland ließ nicht lange auf sich warten. Bürgermeisterin Libby Schaaf, geboren und aufgewachsen in Oakland und eine erklärte Hillary Clinton Unterstützerin, twitterte und postete diese Nachricht auf facebook: „Let me be clear, regarding @nytimes story, the most dangerous place in America is Donald Trump’s mouth.“ Dazu muß ich glaube ich nichts mehr hinzufügen!

Alles beginnt und endet im Kentucky Club

Everything begins and ends at the Kentucky Club.

Nur die Santa Fe Bridge trennt El Paso in den USA von Ciudad Juarez in Mexiko. Früher war es ganz einfach und ganz normal über die Brücke zu gehen, um in der Nachbarstadt billiger einzukaufen, die Bars und Restaurants zu besuchen. Juarez war die Partymeile für die Amerikaner aus dem Norden. Dann begann 2008 ein blutiger Drogenkrieg zwischen dem Sinaloa und dem Juarez Kartell, Tausende von Menschen wurden umgebracht, es wurde zu gefährlich, um die paar Meter von El Paso nach Juarez zu gehen. Die Besucher, die Touristen, die Feiernden blieben weg. Juarez versank in einer Gewaltspirale, im Chaos. Dazu produzierte ich vor einigen Jahren das Feature „The perfect storm“.

Nur etwa 50 Meter hinter der Santa Fe Bridge, auf der rechten Seite liegt der Kentucky Club. Hier soll Elizabeth Taylor ihre Scheidung von Eddie Fisher mit Freidrinks gefeiert haben, hier trafen sich Musiker, Autoren, Künstler, Kulturschaffende, Trinker. Es ist eine einfache Kneipe. Eine lange Theke, weiter hinten eine kleine Küche, links Tische und Stühle. Seit der Gewalt auf den Straßen von Juarez kommen weitaus weniger Gringos hierher.

Benjamin Saenz lebt und arbeitet als Autor in El Paso. Er unterrichtet an der dortigen University of Texas. Er liebt den Kentucky Club: „Das ist wahrscheinlich die bekannteste Bar in Juarez. Sie ist legendär, denn sie repräsentiert irgendwie die Geschichte der Avenida Juarez und der Nachtclubszene, die es hier gab. Es zeigt noch etwas nostalgisch das, was Juarez einmal war, für was es stand und für was es noch immer steht.“

Alles beginnt und endet im Kentucky Club.

Sein jüngstes Buch heißt “Everything begins and ends at the Kentucky Club” und wurde mit dem PEN/Faulkner Award ausgezeichnet. Darin sieben Geschichten, die an irgendeinem Punkt im Kentucky Club ankommen. Die Shortstories drehen sich nicht um die Bar, nur die Handelnden kommen mal so ganz nebenbei vorbei, um einen Drink zu genießen. Man wartet beim Lesen richtig auf den Moment, an dem es passiert.

Saenz‘ Erzählungen in “Everything begins and ends at the Kentucky Club” sind traurige, teils düstere Lebensgeschichten. Es geht um Sucht und Liebe, um die Suche nach der Sinnfindung. Die Stories gehen nahe, sind teils brutal, emotional, schockierend. Und doch Saenz hat eine weiche, gefühlvolle Sprache gefunden, die den Leser erfasst. Seine Geschichten, so meint er selber, seien voller Tragik. Saenz macht aus der Gewalt in Juarez keine dramatischen Action Stories, es gibt keine Helden, keine Lösungsvorschläge. Der Autor beschreibt vielmehr das normale Leben der Menschen, diesseits und jenseits der Grenze, die gelernt haben, damit zu leben. Man wird als Leser zum Zuschauer, zum stillen Beobachter eines Alltags, der zwischen den Kulturen, zwischen den Sprachen so ganz anders ist, und doch eigentlich tagtäglich auch so in unserem Leben stattfindet. Wir wissen wenig über die Menschen, denen wir begegnen. Drogensucht, Kindesmißbrauch, Gefühlskälte, Gewalt, das findet man in Juarez, in El Paso, in Nürnberg.

Benjamin Saenz Sprache ist persönlich und überzeugend, auch, wenn er betont, dass nichts davon ihn beschreibt. Doch trotz aller Dunkelheit, Hoffnungslosigkeit, der tiefen menschlichen Abgründe, die Saenz in diesen Geschichten aufzeigt, es ist immer auch Hoffnung, Nähe und ja, auch Wärme zu spüren. “Everything begins and ends at the Kentucky Club” ist ein lesenswertes Buch, im Original bei “Cinco Puntos Press” in El Paso erschienen. Seit September auch in deutscher Übersetzung im Ripperger & Kremers Verlag erhältlich.

 

America Under Attack!

In knapp zehn Wochen wird in den USA gewählt. Das gesamte Abgeordnetenhaus und ein Teil des Senats werden neu besetzt. Die Republikaner erhoffen sich, einen deutlichen Sieg einzufahren, ihre Mehrheit im „House“ auszubauen und gleichzeitig die Kontrolle über den Senat zu übernehmen. Damit würde Präsident Obama in den letzten zwei Jahren seiner Amtszeit endgültig ausgebremst werden und die GOP könnte bereits jetzt mit der Beseitigung des „politischen Flurschadens“ beginnen, wie sie die Politik Obamas sehen. Alles ist möglich am 4. November. Um sicher zu gehen, dass die republikanischen Wähler auch ihre Stimme abgeben, wird nun – mal wieder – ein Wahlkampf voller Angst vom Zaun gebrochen. Und im Angstschüren sind die Republikaner Weltmeister.

Die Santa Fe Bridge trennt Ciudad Juarez von El Paso. Werden schon bald die ISIS Terroristen über diese Brücke kommen?

Die Santa Fe Bridge trennt Ciudad Juarez von El Paso. Werden schon bald die ISIS Terroristen über diese Brücke kommen?

In irgendeinem Hinterzimmer der Parteizentrale muß sich folgendes zugetragen haben. Ein paar kluge Köpfe überlegten sich, wie man am besten die Emotionen der Wähler bedienen kann. Einer meinte, man müsse im Wahlkampf mehr auf die Grenzsituation eingehen, denn die sei ja löchrig wie ein Schweizer Käse. All die Illegalen kommen so ins Land, nehmen den hartarbeitenden Amerikanern die Jobs weg, plünderten das Sozialnetz und sowieso seien viele von ihnen auch noch Schwerkriminelle und Bandenmitglieder. Die anderen nickten wohlwollend. Toller Plan.

Der neben ihm saß meinte nur, vielleicht sollte man auch noch die mexikanischen Drogenkartelle mit in dieses Szenario aufnehmen, denn die seien ja wie die Mafia, unkalkulierbar, das schüre Ängste. Alle nickten, guter Plan.

Der Dritte im Bunde überlegte etwas und erklärte dann, die größte Gefahr bliebe dennoch der internationale Terrorismus. ISIS und Al-Qaida, das seien Dauerbrenner. Und sowieso habe die GOP schon mehrere Wahlkämpfe mit diesen Schreckgespenstern des Terrors gewonnen.

Und dann meldete sich der Vierte im Raum. Warum verbinde man nicht all diese Szenarien, das wäre doch dann der SuperGAU des Angstschürens: Die Kämpfer von ISIS, eigentlich im Irak und Syrien aktiv, sind schon in Mexiko gelandet, haben sogar schon eine Terrorzelle in der Grenzstadt Ciudad Juarez aufgebaut. Natürlich ging das nur mit Zustimmung der dort aktiven Drogenkartelle. Nicht genannte Mitarbeiter der Geheimdienste hätten Telefonate, Emails und SMS Botschaften abgehört und abgefangen, in denen ganz deutlich würde, dass ISIS, Ortsgruppe Juarez, Bombenanschläge auf Grenzposten und Einrichtungen im Grenzbereich auf amerikanischer Seite durchführen will. Die Grenzen sind ja durchlässig, von daher ein Klacks für die Islamisten und ihre Kumpels von den Kartellen. America Under Attack!

Ich weiß nun nicht, ob dieses Hinterzimmergespräch tatsächlich so stattgefunden hat. Denkbar wäre es, denn das Horrorszenario, das hier beschrieben wird, ist tatsächlich die Wahlkampfstrategie der Republikaner. Genau so und in dieser Deutlichkeit. In den konservativen Medien von FOXNews und Breitbart bis hin zu Kommentatoren, wie Allen B. West, wird dieser Terrorplan Tag für Tag Zuschauern, Zuhörern und Lesern dargeboten und nimmt immer haarsträubendere Formen an. Ich denke, bis zum Wahltag werden die ISIS Kämpfer auch noch mit nordkoreanischen oder pakistanischen Nuklearwaffen bewaffnet sein. Es sind ja noch knapp zehn Wochen. Alles ist möglich, man muß es nur glauben.

 

So schafft man Unruhen

Zehntausende kommen in diesen Tagen und Wochen über die Grenze in die USA. Minderjährige, Frauen, ganze Familien. Sie werden empfangen, in Notunterkünften untergebracht, verpflegt, gekleidet, beraten. Und dann meistens an Familienangehörige, die bereits in den USA leben, übergeben, bis zu einem Anhörungstermin. Die Grenzpolizei ist an manchen Stellen rund um die Uhr damit beschäftigt, illegale Grenzgänger aufzugreifen. Leere Gebäude in Grenznähe, wie Schulen, Lagerhallen, Kirchen, werden umgerüstet, eine Infrastruktur für die Versorgung der Neuankömmlinge muß eingerichtet werden. Präsident Barack Obama fordert zusätzliche 3,7 Milliarden Dollar vom Kongress, um mehr Richter und Anwälte anzuheuern, mehr Equipment für den Grenzschutz anzuschaffen.

Eine Flut von schlecht ausgebildeten Arbeitern trifft auf ein Land, in dem die produzierende Industrie schon lange verschwunden ist. Amerikanische Unternehmen haben bereits vor Jahren ihre Produktionen ausgelagert, zum Teil einfach um ein paar Kilometer verschoben, vom amerikanischen Süden in den mexikanischen Norden. Wie z.B. von El Paso über die Brücke nach Ciudad Juarez. Einen Steinwurf entfernt. Die amerikanischen Firmen sparten so „hohe“ Arbeitskosten in den USA und hinterließen eine Arbeitnehmerschaft, die ohne Jobs und ohne Zukunft zurück blieb. Gerade die Afro-Amerikaner wurden davon hart getroffen. Die Arbeitslosenquote bei den Schwarzen in den USA liegt bei über 11 Prozent, weit über der allgemeinen Arbeitslosenzahl. Mit großem Interesse blicken afro-amerikanische Organisationen auf das, was da an der Grenze passiert. Gelder werden für illegale Einwanderer bereitgestellt und ausgegeben, während „inner city schools“ und schwarze Stadtteile sich selbst überlassen werden, wie East-Oakland. Dort beherrschen Gangs den Alltag. Kriminalität, Prostitution, Drogensucht, Arbeitslosigkeit, die Schwarzen Amerikas fühlen sich benachteiligt und wenn man die harten Zahlen genauer ansieht, aus gutem Grund.

Nun verbinden die ersten Kommentatoren diese beiden Ereignisse. Hier die Afro-Amerikaner, dort die illegalen Latinos. Der konservative Autor und Anwalt A. J. Delgado geht in seinem Beitrag für nationalreview.com „Black Americans: The True Casualties of Amnesty – Democrats throw black voters under the bus“ einen Schritt weiter. Delgado meint, die Demokraten wenden sich bewußt und kalkuliert von den Schwarzen ab, die eigentlich zu ihrer Stammwählerschaft gehören. Der Anteil der Afro-Amerikaner an der Gesamtbevölkerung sinkt, während der der Latinos konstant ansteigt. Die demokratische Partei gehe davon aus, dass sich hier eine neue und weitaus wichtigere Wählerschaft entwickelt, so Delgado. Er schließt seinen Artikel mit dem Satz: „The message to black voters is: “Yes, your ancestors endured unimaginable hardships and helped build this country, and we said we’d help you out. But now we have a new trophy wife.” FOXNews und einige FOX Lokalsender nehmen solche, durchaus berechtigten, doch gefährlichen Überlegungen und Aussagen gerne auf, um die „Scheinheiligkeit“ der Demokraten „bloß zu stellen“. So werden Nachrichten auch gemacht. Amerika stehen heiße Zeiten bevor.

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Ein hausgemachtes Problem des US Kapitalismus

Irgendwas stimmt nicht in den USA. Seit ein paar Jahren war es eigentlich das Thema schlechthin: Obamacare. Die Gesundheitsreform des Präsidenten ließ das Blut der Republikaner zum Kochen bringen. Das Thema vereinte sie, darauf schossen sie sich ein. Und manchmal hatte man das Gefühl, Obamacare ist an allen Mißständen im Land und in der Welt schuld. Vorher war ja alles so gut, doch dann kam der Sozialistenpräsident und verstaatlichte das Gesundheitswesen. Wenn man FOXNews, konservativen Kommentatoren und Bloggern folgte, dann hatte man das Gefühl, Amerika war vor Obama die gesündeste Nation der Welt. Patienten hatten die Wahl, von welchem Arzt sie sich behandeln lassen, in welchem Krankenhaus sie sich operieren lassen wollten. Auch die Prävention stand ganz oben auf dem Ausgabenplan der Versicherungen.

Das dem natürlich nicht so war und ist sollte klar sein. Eine Gesundheitsreform mußte kommen, was dann kam und als Obamacare bekannt wurde, war nicht ausgereift und wurde an allen Ecken und Enden von den Repbublikanern unterminiert. Es war ein Kompromiss auf niedrigstem Niveau. Natürlich haben sich die Republikaner auch geschworen, die Reform rückgängig zu machen, wenn sie wieder die Macht im Land in ihren Händen halten. Wie gesagt, unter George W. Bush war ja alles besser.

Immigranten auf dem Weg nach Norden. "La Bestia" wird der Zug, genannt.

Immigranten auf dem Weg nach Norden. „La Bestia“ wird der Zug, genannt.

Doch Obamacare ist aus den Schlagzeilen gekegelt worden. Nun haben die Konservativen ein paar neue Themen im Wahljahr 2014 gefunden. Die illegale Einwanderung ist das Hauptthema geworden. Amerika wird überrannt. Und wieder werden Ängste geschürt. Die Immigranten seien nur hier, um das Sozialsystem zu berauben, Amerikanern die Arbeit wegzunehmen, bla bla bla…diese Diskussion kennt man ja zu genüge aus Deutschland. Was in dieser Debatte gerne übersehen wird ist, dass amerikanische Firmen ihre Produktionsstätten aus den USA nach Mexiko und anderen mittelamerikanischen Ländern verlagert haben. Aus dem einfachen Grund, weil man dort billiger produzieren kann. In der texanischen Grenzstadt El Paso liegt der Mindeststundenlohn derzeit bei $ 7,25. Zu wenig zum Leben, aber das ist eine andere Debatte. Gleich auf der anderen Seite der Brücke im mexikanischen Ciudad Juarez liegt der Tagesverdienst eines Fabrikarbeiters in einem US Unternehmen bei 5-6 Dollar. Und das ist noch viel für Mexiko. Wenn man südlicher geht sinkt auch der Lohn.

Amerika hat sich also ein Problem im eigenen Vorgarten geschaffen. Die Aktionäre verlangen mehr Gewinn, die Unternehmen machen ihre Tore in den USA dicht, Hunderttausende verlieren hier ihre Arbeit, weil die Jobs südlich der Grenze angesiedelt werden. Und dort fahren die Firmen riesige Gewinne ein, weil sie die leidlichen Lohnkosten erheblich drücken können. Doch diese Löhne sind nicht genug zum Leben, das hatten wir ja schon oben. Profitgier hat also weitreichende Folgen, und die bekommt Amerika nun zu spüren. Die „Globalisierung“ der amerikanischen Wirtschaft ist sicherlich nicht der einzige Grund für die illegale Einwanderung in die USA, doch es ist ein Grund, ich denke, ein wichtiger Grund sogar.

In diesem Jahr wird wieder gewählt in den USA. Die Kongresswahlen stehen an. Vor der Stimmenabgabe wird es keine Reform des Einwanderungsgesetzes geben, auch wenn die seit langem mehr als überfällig ist. Es wird ein Wahlkampf der Angst werden. Angst vor der Immigrantenflut. Angst vor Terrorangriffen. Angst vor dem übermächtigen Staat. Angst vor einem neuen Wirtschaftscrash. Kein Wunder, dass man sich hier bewaffnet, irgendein vermeintliches Gefühl der Sicherheit muß man ja im Leben haben.

Nürnberg IST mehr wert

Das stimmt. Nürnberg ist mehr wert, als ein Wahlspruch, der für die CSU eine „Katastrophe“ (Sebastian Brehm) brachte. Nürnberg ist eine sehr schöne, lebens- und besuchswerte Stadt. Ich bin dort aufgewachsen, zur Schule gegangen, habe dort studiert, Volontariat gemacht, viel über die Geschichte, die Menschen, das Leben dort gelernt. Und auch, wenn ich seit 1996 in Kalifornien wohne und arbeite, bin ich noch immer sehr mit Nürnberg verbunden. Familie, Freunde, tiefe Wurzeln. Dieses komische Wort „Heimat“ habe ich erst im Ausland so richtig verstanden.

Nun geht es zurück in meine zweite „Heimat“, Kalifornien. Nach Oakland, eine Stadt, in der ich bis heute nie richtig angekommen bin. Es ist eine schöne Stadt, eine einzigartige Region, doch nichts wiegt das auf, was Nürnberg zu bieten hat. Das Golden Gate ist nichts im Vergleich zum Königstor. Das ist kein platter Vergleich, zumindest nicht für mich. Das Golden Gate ist wunderschön, die Brücke ein Jahrhundertwerk. Und doch, am Königstor liegen Erinnerungen, die einem ein Leben lang bleiben.

Und nein, ich werde hier nicht melancholisch. Ganz im Gegenteil. Als jemand, der Nürnberg kennt und nun als Besucher immer wieder und immer wieder gerne zurück kommt, verstehe ich nicht, warum die Nürnberger Nürnberg schlecht reden. Alles ist irgendwie ein Prolbem. Von den Fahrradwegen bis zur VAG, vom Müll auf der Straße bis zur Sicherheit, von den Nachbarschaften bis zum Verkehr. All das erlebe ich auch als Besucher und ich frage mich jedesmal, wo ist das Problem. Nürnberg ist eine sichere Großstadt. Das belegen nicht nur die Statistiken, das empfinde ich auch. In keiner anderen Stadt fühle ich mich sicherer. Es gibt keinen Stadtteil, um den ich einen großen Bogen machen würde und ich gehe gerne nachts spazieren. In Oakland gibt es gleich mehrere, die ich meide und in denen ich zu bestimmten Tageszeiten sicherlich nicht zu Fuß unterwegs sein möchte. Wenn ich in der Vergangenheit als Journalist unterwegs war, in Los Angeles, in Ciudad Juarez oder in Goma, dann fragte ich immer zuerst dort Wohnende, was ich machen kann, was ich nicht machen sollte. Daran halte ich mich, das ist meine Faustregel auf allen Reisen. Sicherlich, das sind drei extreme Städte, doch es sind Städte, in denen Menschen leben und überleben. In Nürnberg brauche ich das nicht. Nürnberg ist sicher.

Die U-Bahn fährt pünktlich. Nürnberg ist ein Paradies für Fahrradfahrer. Nürnberg hat ein wunderschönes Umland, das einfach und direkt zu erreichen ist. Nürnberg pflegt sein Bratwurst- und Lebkuchenimage, und doch ist es eine Kulturstadt mit zahllosen Angeboten, Museen, Theatern, Konzerten, Ausstellungen, Filmfestivals. Man muß nur hinschauen. Und ja, Deppen gibt es überall, die ihren Müll auf die Strße schmeißen. Das hat nichts mit SÖR zu tun, sondern mit einer Einstellung zum öffentlichen Raum.

Vor ein paar Tagen war ich mit einer alten Bekannten aus Funkhauszeiten einen Kaffee trinken, sie arbeitet bei der Stadt Nürnberg und erzählte mir eine so typische Anekdote für Nürnberg. Täglich kommen Nürnbergerinnen und Nürnberger zu ihr ins Büro und fragen nach Programmen. Doch sie fragen nicht; „Könnte ich ein Programm bekommen?“. Nein, sie fragen; „Sie  haben sicherlich kein Programm mehr?“. In Nürnberg sieht man die Dinge in einer Schieflage. Alles ist schlimm, und wenn nicht, wird es schlimm geredet. Die Münchner kriegen eh mehr und haben es viel besser. Die haben Bayern München und feiern einen Sieg und einen Titel nach dem anderen, wir haben den 1. FC Nürnberg und erklärtes Saisonziel ist immer der Nichtabstieg. Aber mal ehrlich, will jemand Bayern München Fan sein?

Nürnberg war, ist und bleibt eine schöne Stadt und sicherlich gibt es Probleme. Keine Frage, die gibt es überall. Aber man sollte wirklich mal einen Blick von außen auf die Frankenmetropole werfen. Das lohnt sich. Ich weiß, wovon ich spreche.

Durchatmen in Mexiko

„El Chapo“ Guzman wurde in der Nacht zum Samstag verhaftet. Angeblich hielt er sich mit einer Frau in einem Hotel in Mazatlan auf. Der 56jährige ist der Kopf des berüchtigten Sinaloa Drogenkartells, das seit 2008 für einen blutigen Straßenkrieg im Norden Mexikos verantwortlich ist. Allein in der Grenzstadt Ciudad Juarez starben weit über 10.000 Menschen im Kartellkrieg zwischen dem Sinaloa und dem Juarez Kartell.

Mehrere Millionen Dollar waren in den vergangenen Jahren für die Ergreifung von „El Chapo“ Guzman ausgesetzt worden. Sowohl die mexikanischen wie auch die US amerikansichen Behörden wollten ihn fassen. 1993 wurde er bereits einmal verhaftet und wegen Mord und Drogenhandels verurteilt. Doch 2001 gelang ihm die Flucht aus einem Hochsicherheitsgefängnis in Mexiko.

Amerikanische Spezialeinheiten der DEA und der Federal Marshalls sollen nun an der Verhaftung in Mazatlan beteiligt gewesen sein. Schon seit längerem sind amerikanische Ermittler und Spezialeinheiten im mexikanischen Drogenkrieg aktiv. Die US Behörden bereiten wohl auch bereits einen Auslieferungsantrag vor. Sie wollen nicht noch einmal riskieren, dass Guzman entkommt und wieder die Geschäfte des Sinaloa Kartells übernimmt, wie nach seiner Flucht 2001. Guzman tauchte sogar auf der Reichen Listen von Forbes auf. Mit dem Drogenhandel  hatte er ein Vermögen gemacht. Tonnenweise brachte er Kokain durch unterirdische Tunnel ins nördliche Nachbarland.

In Mexiko wurde die Nachricht mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Mit der Verhaftung des Kartellbosses wird sich nicht viel am Bandenkrieg auf den Straßen ändern. Man geht sogar davon aus, dass das Syndikat verstärkt Vergeltungsschläge gegen staatliche Einrichtungen und Ermittlungsbehörden unternehmen wird. Guzman soll freigepresst werden. Nach dem kurzen Auftatmen werden sich also wieder die Sorgenfalten, gerade in den Grenzstädten zu den USA, breit machen.

„Bei 800 Toten hörte ich auf zu zählen“

Arturo Gallegos Castrellon wird wohl die Todesstrafe bekommen. Castrellon war einer der Bosse im Juarez Kartell. Er ist angeklagt, die Morde an der amerikanischen Konsulatsmitarbeiterin Lesley Enriquez, ihrem Ehemann Arthur Redfels und Jorge Alberto Salcido Ceniceros, Ehemann einer weiteren Konsulatsmitarbeiterin in Ciudad Juarez angeordnet zu haben. Und dabei war alles wohl bloß ein „Mißverständnis“. Am 13. März 2010 wurden die beiden Autos von Enriquez, Redfels und Ceniceros direkt an der Santa Fe Bridge und damit direkt gegenüber der amerikanischen Grenze gestoppt und mit Kugeln durchsiebt. Die Beschreibung eines der Wagen, ein weißer Honda Pilot, paßte auf das Auto einer verfeindeten Gang. Man fragte nicht viel, sondern schaffte gleich blutige Tatsachen.

Einer, der seinen früheren Boss und Weggefährten im Prozess in El Paso schwer belastet, ist Ernesto Chavez Castillo, Mitglied der berüchtigten Azteca Straßengang, die von einer US amerikanischen Gefängnisgang zu einer der blutigsten und brutalsten Gruppierungen im Drogenkartellkrieg Nordmexikos aufstieg. Die Aztecas arbeiteten für das Juarez Kartell im Kampf um die Drogenwege Richtung Norden. Ihre Feinde waren das Sinaloa Kartell und deren verbündete Gangs.

Castillo gab den Geschworenen im Prozess gegen Castrellon nun einen Einblick in den Lebensalltag des Straßenkrieges auf der anderen Seite der Brücke. Er habe bei 800 Morden aufgehört zu zählen, meinte er mit ruhiger Stimme. Oftmals habe er seine Opfer schwer mißhandelt, gefoltert, den Kopf und Extremitäten abgeschnitten, einfach, um Eindruck bei seinen Vorgesetzten zu schaffen. Er wußte, so Castillo, solch ein Mord bringe gute Schlagzeilen in den Medien. Auch eine Warnung an verfeindete Gruppen.

Wieviele Morde genau auf das Konto der Aztecas gehen, läßt sich nicht klären. Doch in den letzten fünf Jahren wurden in Juarez weit über 12.000 Menschen umgebracht. Die Aztecas operieren noch immer im Grenzgebiet, allerdings nicht mehr für das Juarez Kartell. Das hat den blutigen Krieg mit dem Sinaloa Kartell verloren. Die Mordrate ist daher auch von 3622 im Jahr 2010 auf 2086 im Jahr 2011 auf 751 im Jahr 2012 gefallen. Juarez ist auch heute keine sichere Stadt, doch so langsam kommt das Leben in der einstigen Mordmetropole der Welt zurück. Der Prozeß auf der anderen Seite der Brücke in El Paso zeigt die ganze Brutalität und Sinnlosigkeit dieses Drogenkrieges auf. An Einzelheiten wird dabei nicht gespart. Auch das ein Teil des Lebens im Grenzgebiet zwischen den USA und Mexiko.