Man kann wieder leben in Juarez

1623. 2754. 3622. 2086. 797. 450. Diese Zahlen sind die Mordraten zwischen 2008 und 2013 in der nordmexikanischen Stadt Ciudad Juarez. 2010 war ich zum ersten mal in der Nachbarstadt von El Paso. Hier die sicherste Großstadt der USA, auf der anderen Seite der Brücke die gefährlichste Stadt der Welt. Die einstige Partystraße gleich hinter der Santa Fe Bridge war verwaist. Bars und Restaurants mit Brettern vernagelt. Schwer bewaffnete Bundespolizisten patroullierten die Straßen, von Touristen war weit und breit nichts mehr zu sehen. Ab 20 Uhr waren die Straßen wie leer gefegt. Damals 2010 erreichte der Kartellkrieg mit 3622 Morden einen Höhepunkt. Verfeindete Gangmitglieder wurden mit Maschinengewehren durchsiebt, ihre Köpfe abgetrennt und als Warnung irgendwo abgeladen. Juarez versank im Chaos.

Ein Jahr später hatte sich die Lage leicht verbessert, doch nach wie vor war man in der Stadt nicht sicher. Damals meinte jemand, es werde erst dann besser, wenn eines der beiden Kartelle den brutalen Drogenkrieg gewinnt. Das Sinaloa Kartell hat den blutigen Kampf um Macht, Einfluß und Drogenwegen Richtung Norden schließlich gewonnen. Das Juarez Kartell ist so gut wie zerschlagen.

Juarez ist auch heute sicherlich keine sichere Stadt. 450 Morde sprechen für sich. Raubüberfälle und Vergewaltigungen sind nach wie vor an der Tagesordnung. Es gibt noch immer Stadtteile, in die man besser nicht gehen sollte. Doch das Leben hat sich zum Positiven hin verändert. Die Menschen erleben wieder ihre Stadt, trauen sich auf die Straßen, genießen das Nachtleben in Restaurants, Bars und Nachtclubs. Die Kunst- und Kulturszene von Juarez, die einmaliges zu bieten hat, blüht wieder auf. Das Jellyfish Colectivo war immer dort und hat auch während der gefährlichsten Zeit das Stadtbild farbenfroh verändert. Eine Gruppe von jungen Künstlern, die ganz deutlich und überzeugt sagten: „Qiero a mi Ciudad – Ich liebe meine Stadt“. Es ist an der Zeit mal wieder nach Ciuadad Juarez zu reisen.

 

Die Freiheit steht auf dem Spiel

Fast zeitgleich ging es mal wieder um Waffen und der Unterschied in der Diskussion hätte nicht größer sein können. Während Präsident Barack Obama in einer Rede im mexikanischen „Museo Nacional de Antropologia“ eine zumindest Mitschuld in der Gewaltspirale im südlichen Nachbarland eingestand, traf sich im texanischen Houston die National Rifle Association (NRA) zu ihrem jährlichen Treffen. Der Präsident wies daraufhin, dass rund 70 Prozent der Waffen im Drogenkrieg Mexikos aus den USA stammten, die NRA forderte ihre Mitglieder auf, sich für einen „Kulturkrieg“ zu rüsten und die „Freiheit“ zu verteidigen.

Fakt ist, in Mexiko gibt es ein Recht auf Waffenbesitz. Allerdings gibt es nur einen Waffenladen im ganzen Land, der befindet sich in Mexiko City und wird vom Militär kontrolliert. Die Pistolen und Gewehre, die im Drogenkrieg der Syndikate zum Einsatz kommen, stammen fast ausschließlich aus den Vereinigten Staaten, illegal über die Grenze geschmuggelt. Das ist mittlerweile belegt, darüber gibt es keine Diskussion mehr. In Grenznähe gibt es Tausende von „Gun Stores“, die ihren Profit vor allem durch Käufer aus Mexiko erwirtschaften. Darunter Familienväter, die eine Waffe zum Selbstschutz wollen, doch vor allem Kriminelle, die das blutige Morden im Süden mit hochkalibrigen Schußwaffen befeuern. Der Grenzübergang von Nord nach Süd ist problemlos, kontrolliert wird man so gut wie gar nicht. Auch nicht in einer Stadt wie Ciudad Juarez, die jahrelang im Mittelpunkt des Drogenkartellkrieges stand. Obama sieht die Problematik, weiß, dass Amerika eine Mitschuld an der Gewalteskalation im Nachbarland hat. Doch er kann im Norden und im Süden der Grenze predigen, was er will, verändern wird sich daheim nichts.

Das hat mal wieder die NRA in Houston demonstriert. 70.000 kamen zur Konferenz, natürlich mit Schußwaffen griffbereit. Ihr designierter Präsident James Porter erklärte vor der jubelnden Mitgliedschaft: „Dies ist kein Kampf um Waffenrechte mehr. Dies ist ein Kulturkrieg. Ihr in diesem Raum seid die Freiheitskämpfer. Wir sind die Beschützer.“ Natürlich waren auch wieder zahlreiche prominente Republikaner erschienen, die den Schulterschluß mit der Waffenlobby suchten. Rick Santorum, Sarah Palin und natürlich auch der texanische Gouverneur Rick Perry, der meinte, „man kann schon fast seine Uhr danach richten, wie lange es nach einer Massenschießerei dauert, bis die Leute, die Waffen und Waffenbesitzer hassen, eine neue Kampagne beginnen.“ Viel zynischer könnte die Hinrichtung von 20 Grundschulkindern nicht dargestellt werden.

Der Amoklauf von Newtown und andere Wahnsinnstaten wurden immer wieder direkt und indirekt auf dem Treffen der NRA angesprochen, doch die Bedeutung dieser Schießereien für die USA ganz anders ausgelegt. Kontrolle, Beschränkung, technische Veränderungen….davon war nicht die Rede. Sarah Palin, das Darling der Tea-Party Bewegung, rief den NRA Mitglieder vielmehr zu, sie sollten ihren Glauben nicht verlieren. „Steht auf und kämpft für Eure Freiheit.“

 

Die Frauen von Ciudad Juarez

Die Frauen von Ciudad Juarez     

Ciuadad Juarez liegt gleich neben El Paso, Texas. Ein paar Brücken über den Rio Grande verbinden die beiden Städte. So nah wie Nürnberg zu Fürth, und doch trennen die beiden Kommunen Welten. El Paso gilt als eine der sichersten nordamerikanischen Großstädte, Ciuadad Juarez erholt sich gerade von einem der blutigsten Drogenkartellkriege in der Geschichte Mexikos. Seit dem Ausbruch der Schießereien Anfang 2008 wurden weit über 10.000 Menschen in Juarez umgebracht. Es gab Tage, da lagen 25 und mehr Tote auf den Straßen, die Leichenhalle der Polizei platzte aus allen Nähten. Es gab Monate da wurden 300 und mehr Tote gezählt. Es gab Stadtteile, das traute sich die Polizei nicht mehr rein, aus Angst beschossen zu werden, wenn sie eine weitere Leiche abholen wollte. Die Armee patroullierte durch die Stadt, man wusste nie, was hinter der nächsten Ecke auf einen wartete. Das gesamte öffentliche Leben kam zum Stillstand. Ciuadad Juarez glich nach Ausbruch der Dunkelheit einer Geisterstadt.

Tausenden von Toten in einem der blutigsten Drogenkartellkriege, Anarchie auf den Straßen, da interessierte sich kaum noch jemand für die Sicherheit der Frauen von Juarez. Seit den frühen 90er Jahren verschwanden immer wieder, zumeist junge Frauen, spurlos. Manchmal wurden ihre schwer mißhandelten, entstellten und vergewaltigen Körper irgendwo gefunden. In der Wüste, auf einer Müllhalde, in einem Graben. Was genau geschah, wurde nie geklärt.

Der Drogenkartellkrieg in Juarez hat sich gelegt, die Seiten haben sich geklärt. Das Sinaloa Kartell hat den blutigen Krieg um die Drogenwege in den größten Drogenmarkt der Welt, die USA, gewonnen. Im Juli verzeichneten die Behörden „nur noch“ 48 Ermordete. 33 Erschossene, sieben Erschlagene, sechs Erwürgte, zwei Erstochene. Das ist eine gute Meldung in einer Stadt, die schon fast aufgegeben wurde.

Doch die Situation für die Frauen von Juarez hat sich nicht verbessert. Nach wie vor wird von Seiten der Behörden abgewehrt, verschleiert, kaum ermittelt. Der Audiobeitrag (siehe oben) beschreibt, wie man in Ciuadad Juarez seit fast 20 Jahren damit lebt, dass Frauen einfach immer wieder spurlos verschwinden.

3169 Kilometer Wahlkampf

Wahlkampf 2012     

Barack Obama gegen Mitt Romney, zwei Kandidaten, die eigentlich für alles unterschiedliche Lösungsvorschläge haben. In der Wahl am 6. November geht es auch um den zukünftigen Kurs der USA. Obama hofft, er kann in seiner zweiten Amtszeit mehr von seinen Ideen und politischen Vorstellungen umsetzen, als er das in den ersten vier Jahren tun konnte. Und Mitt Romney will gerade das verhindern, ihm schwebt ein ganz anderes Amerika vor, in dem sich der Staat weitestgehend aus der gesellschaftlichen Verantwortung zurück zieht.

Arbeits- und Wirtschaftspolitik, Sicherheits- und Außenpolitik, Gesundheits- und Sozialpolitik, Steuer- und Umweltpolitik, eigentlich gibt es zwischen dem Demokraten und dem Republikaner kaum Gemeinsamkeiten. Ach ja, und da ist auch noch die 3169 Kilometer lange Grenze zu Mexiko, die noch immer und schon wieder ein heißes Wahlkampfthema geworden ist. Dazu ein aktueller Audiobeitrag.

Keine Angst mehr vor der Angst

Eine Grenze, die einen Großraum zerreißt. Früher waren El Paso und Ciudad Juarez fast eins. Man ging hin und her, tauschte sich aus, wandelte zwischen den Welten. Das hat sich alles durch den Drogenkrieg in Mexiko und den Anti-Terror Einsatz der Amerikaner geändert. Eine schwer bewachte Grenze teilt nun die beiden Schwesterstädte. In manchen Bereichen wurden zusammengewachsene Nachbarschaften auseinander gerissen. Ein hoher schwarzer Zaun im Stadtgebiet, alle 500 Meter ein Border Patrol Agent in einem SUV, Kameras und Bewegungsmelder und sogar Dronen werden im Kampf an der Grenze eingesetzt.

Man läuft über die Santa Fe Bridge und kommt auf die Avenida Benito Juarez, der einstigen Partystraße von Juarez. Noch vor zehn Jahren waren die Restaurants, Bars, Läden mit amerikanischen Touristen gefüllt. Anfang 2008 änderte sich dann alles. Ein offen ausgetragener Drogenkartellkrieg, Korruption in den Reihen der Polizei, die Weltwirtschaftskrise, neue Passgesetze in den USA und ein Nachbar im Norden, der einfach wegsah bildeten einen „perfect storm“. Juarez versank im Chaos, in einem Blutbad, der seitdem weit über 10.000 Menschenleben kostete.

Viele der Läden, Restaurants und Bars sind noch immer geschlossen, mit Brettern vernagelt. Doch es tut sich was in der Stadt. Man sieht mehr Menschen auf den Straßen, mehr Kinder die spielen, neue Läden und Kneipen werden eröffnet. Es scheint, man hat hier genug Angst gehabt. Man will leben, man will frei atmen, man will sich nicht länger verstecken in der Hoffnung, nicht der nächste Name in der Opferliste zu sein. Nach wie vor  bekriegen sich zwar die Gangs in einem blutigen Straßenkrieg, Frauen verschwinden spurlos, die Arbeitslosigkeit ist hoch, die sozialen Probleme erdrückend. Doch genug ist genug.

Juarez und El Paso, die Grenzregion in diesem westlichen Teil von Texas, ist eine wunderschöne Gegend. Hier treffen sich Autoren und Maler, Musiker und Kulturschaffende aller Art. Die Kreativität in der Region hat nie aufgehört, trotz Mord, Totschlag, Entführung, Vergewaltigung. Sie hat sich nur verändert, vielleicht ist sie sogar dadurch nur noch intensiver und vielfältiger geworden.

 

Frühlingserwachen in Juarez

Ich bin ich wieder in Juarez unterwegs. Diesmal geht es nicht um Mord und Totschlag, Vergewaltigung und Gewalt. Bei meinen vorherigen Besuchen fiel mir immer wieder auf, dass die Menschen diesseits und jenseits der Grenze diese Stadt und diese Region lieben. Sie alle reden von der Energie, der Kreativität, der Schönheit von Juarez, El Paso, der Wüste und der Grenze. Das ist schwer zu sehen, wenn man gleichzeitig über tausende von Toten im Jahr berichtet, über 10.000 Morde seit Anfang 2008, über verschwundene, vergewaltigte, verstümmelte und ermordete Frauen.

Für ein längeres Feature will ich jedoch genau dieser Frage nachgehen. Was passiert hier, warum bleiben Menschen hier, woher nehmen sie die Kraft, die Energie, den kreativen Willen? Und es hat sich viel verändert in der Stadt. Zwar lag die Mordrate auch 2011 mit rund 1600 Toten äußerst hoch, doch hat sie sich im Vergleich zum Vorjahr fast halbiert. Und auch das Gefühl auf den Straßen, zumindest in Downtown Juarez, ist positiver, freundlicher, fast wie ein Frühlingserwachen. Die Federales, die schwerbewaffnete Bundespolizei, ist nicht mehr zu sehen. Nur ein paar Soldaten stehen auf der mexikanischen Seite der Santa Fe Bridge, ganz normal, wie an jeder Grenze überall auf der Welt Sicherlich, man spürt auch weiterhin die schwierige Situation in Juarez. Geschlossene und verbretterte Laden- und Restaurantfronten, baufällige Straßen….doch irgendwas ist anders.

Die ersten Gesprächspartner bestätigen dies, es tut sich was in Juarez. Man blickt optimistisch nach vorne. Es scheint, als wenn man sich lange genug versteckt und geduckt hat. Und die Gesprächspartner freuen sich, dass man hier ist und über ihre Stadt in einem positiven Licht berichten will nach all den Schlagzeilen der Gewalt, dem Leichenzählen.

Gestern waren wir bei einem beeindruckenden Jugendorchester, einem Projekt, das Hoffnung und Zukunft ausdrückt. Kinder und Jugendliche, die sich verpflichtet haben täglich drei Stunden zu üben. Dafür erhalten sie eine erstklassige musikalische Ausbildung.

Die Frauen von Juarez

Im Frühjahr war ich mit meiner Kollegin Anja Bühling in Ciudad Juarez, um mehr zu erfahren über die Situation von Frauen in dieser nordmexikanischen Grenzstadt. Seit Anfang der 90er Jahre verschwanden Hunderte von Frauen. Dutzende wurden ermordet, vergewaltigt und verstümmelt in der Wüste gefunden, der Großteil der zumeist jungen Frauen blieb jedoch spurlos verschwunden. Keiner weiß, was wirklich geschah und noch immer geschieht. Etliche Theorien kursieren, von Massenmördern über religiöse Sekten bis hin zu Menschenhandel ist die Rede. Die Behörden gehen jedoch nur selten einem Fall nach.

Unser Feature erzählt die Geschichte der verschwundenen Frauen von Juarez und beschreibt die aktuelle Situation. Das Feature wurde auf SWR2 ausgestrahlt:

Die Frauen von Juarez     

Gesetzestreue in Juarez

Nach einem Interview an der Universität in El Paso ging es wieder rüber nach Juarez. Die Stadt hat einen Reiz, auch wenn man als Besucher nicht ganz begreift, wie man sagen kann “I love this city”. Noch viel mehr Ladenfronten als im letzten Jahr sind vernagelt, Häuser herunter gekommen, verwahrlost, am Einstürzen. Dann die allseits präsente und schwerbewaffnete lokale und Bundespolizei, dazwischen immer wieder Militär. Die schönen Tage von Ciudad Juarez sind längst verblasst.

Und dann ging es mit dem jungen Reporter einer Lokalzeitung durch die Stadt. Der 22jährige erzählt von seiner Arbeit, seinen Erlebnissen, berichtet vom Leben diesseits und jenseits der Grenze. Vor kurzem mußte er nach El Paso übersiedeln, nachdem er von der Bundespolizei entführt worden war. Zuvor hatte er einen Artikel über die Verflechtungen der Polizei mit den Drogenkartellen veröffentlicht. Kein Spaß, Luis zog sich erst einmal zurück.

Nach all den Interviews in El Paso und Ciudad Juarez schaut man die patroullierende Polizei ganz anders an. Den Schupos vertrauen hier die wenigsten, ich schließe mich da gerne an. Die noch im letzten Jahr überall zu findenen Flugblätter von verschwundenen Frauen, die damals noch an jedem Lichtmast und Telefonhäuschen hingen, sind fast vollständig verschwunden. Auch die rosa Kreuze auf einem Grundstück, auf dem die Leichen von zehn Frauen gefunden wurden, sind nicht mehr da. Es scheint fast so, als ob Juarez nicht in aller Öffentlichkeit an die Gefahr und die Frauenmorde erinnert werden will. Nach den Interviews mit dem Bürgermeister und dem Bischof wundert einen gar nichts mehr.

Doch man kann auch lachen in Juarez. Im Kentucky Club auf der Avenida Benito Juarez hängen die gesetzlich vorgeschriebenen Nichtraucherzeichen, doch niemand stört sich daran. Es wird gequalmt. Auf die Frage, warum man das hier darf, bekommt man nur ein Lachen. Ja, es wäre wohl eher sehr seltsam, wenn ausgerechnet dieses gutgemeinte Gesetz in Juarez eingehalten werden würde – Rauchen kann tödlich sein!

 

War da was?

Der Bischof von Ciudad Juarez ist ein Kumpel vom Bürgermeister. Kein Wunder also, dass der auch im Interview erklärt, alles sei eigentlich in Ordnung. Und die paar Probleme, die es doch gibt, daran seien die Amerikaner, die “Maquiladoras” (Montagebetriebe) und die verschwindenen Familienwerte verantwortlich. Auch ein Weg als Bischof über 3111 tote Mitbrüder und Mitschwestern im vergangenen Jahr zu urteilen…Nein, das ist echt kein Problem! Die inoffzielle Mordrate liegt sogar bei 3900.

Heute morgen hatte ich auch noch ein Interview mit Kathleen Staudt von der “University of Texas El Paso”. Sie steht den Versuchen der mexikanischen Regierung unter dem Titel “Wir sind alle Juarez” sehr kritisch gegenüber, mit denen das Gewaltproblem in der Stadt unter Kontrolle gebracht werden soll. Eigentlich müßte man auch auf US Seite so einiges ändern, meinte sie. Wenn man sich die Statistiken ansieht, dann werde klar, dass 99 Prozent der Drogen, die jedes Jahr an der Grenze mit viel Aufwand und Geld beschlagnahmt werden, Marihuana ist. Eine Droge also, die bereits in 16 US Bundesstaaten als “medical treatment” eingesetzt wird, heißt, mit einem Rezept vom Arzt kann man ganz legal Marihuana kaufen. Staudt betont, dass sie nicht für die Legalisierung von Drogen ist, allerdings mache es Sinn in diesem Fall ganz neue Wege zu gehen und diese Substanz in den legalen Rahmen mit Kontrolle und Steuereinnahmen zu bringen.

Am Nachmittag ging es dann zu “Casa Amiga”, einer Einrichtung für Frauen in einem der gefährlichsten Distrikte von Juarez. Vorbei an Dutzenden von “Maquiladoras”, darunter “Motorola”, “Honeywell” und auch…“Siemens”. Dabei dachte ich wieder an die Worte von Kathleen Staudt am Morgen, die erklärte, die internationalen Firmen, die in Juarez produzieren lassen, müssen in die Verantwortung genommen werden, um die Sicherheit ihrer Mitarbeiterinnen zu garantieren und ihnen mehr als nur ein paar Dollar Lohn pro Tag auszuzahlen.

“Casa Amiga” hilft mißhandelten und mißbrauchten Frauen, Schulungen werden zu den verschiedensten Themen angeboten, man begleitet betroffene Frauen in Krankenhäuser und zu Behörden, um die Fälle aktenkundig zu machen und man versucht immer wieder auf die schwierige Situation von Frauen in Juarez hinzuweisen. Mit viel Einsatz kämpft man gegen die Windmühlen an, die da Staat, Stadt, Polizei, Verständnis, Machismo, Banden heißen. Man kann die Mitarbeiter hier nur bewundern, die seit Jahren mit den schlimmsten Fällen und Geschichten umgehen müssen. Doch so lange es noch solche Menschen gibt, hat Juarez eine Chance, denn sie arbeiten für eine bessere Zukunft.

Alles sonnig in Juarez

“Woher kommen Sie?”

“Aus Nürnberg”.

“Lieben Sie Ihre Stadt?”

“Ja.”

“Würden Sie sie verteidigen?”

“Ja”

“Genau das mache ich.”

Héctor Murguía ist der neue Bürgermeister von Ciuadad Juarez. Na, nicht ganz. Der 57jährige war schon einmal “Presidente Municipal” von 2004 bis 2007. Danach kam José Reyes Ferriz, dessen Administration als die blutigste in die Annalen der Stadt einging. Kurz nach Ferriz’ Amtsübernahme brach ein blutiger Drogenkartellkrieg aus, der bislang weit über 7000 Menschenleben forderte. Allein im vergangenen Jahr 3111. Und in dieser Zeit wurde der alte zum neuen Bürgermeister gewählt.

Doch für Héctor Murguía ist die Welt in Ordnung. Die schlimmen Meldungen über Juarez? Alles nur Propaganda. Die anderen, so der Bürgermeister, seien nur neidisch auf die vielen neuen Jobs in der Stadt. Deshalb redeten sie Juarez schlecht, um die ansässigen Firmen abzuwerben. Und was ist mit der hohen Mordrate? Morde gibt es überall, sie seien hier nicht mehr als in Mexiko City. Ach ja, und was ist mit den vielen ermordeten, vergewaltigten und entführten Frauen? In Juarez wird sehr viel für Frauen getan. Nirgends sonst würde es so viele Jobs für Frauen geben, wie eben in Juarez. Also, sorgen Sie sich nicht um Ihre Mitarbeiterinnen hier im Rathaus, wenn sie spätabends nach Hause gehen? Nein, wieso denn, die Stadt ist sicher, hier geht man abends aus.

Bei diesem Interview staunte ich nur. Noch vor einem Jahr saß ich in dem gleichen Büro dem Vorgänger José Reyes Ferriz gegenüber, der die Situation ernsthaft, doch nicht übertrieben darstellte und schon gar nicht untertrieb. Er gestand Fehler ein, beschrieb die Probleme und zeigte auch Lösungen auf.

Und nun der Nachfolger, der breitbeinig und mit etwas Überheblichkeit vor rund zwei Dutzend (!) Selbstportraits sitzt und vom schönsten Ort der Welt redet. Nach solch einem Gespräch läuft man durch die Straßen der Stadt, vorbei an den verfallenden Häusern, den vernagelten Ladenfronten, denkt noch mal an die Interviews vor einem Jahr, an die vielen Artikel und Bücher, die man in der Zwischenzeit gelesen hat und fragt sich, auf welchem Planeten dieser Héctor Murguía lebt…jedenfalls nicht in Juarez.