„Ich lass‘ mich in den Äther saugen“

Heute ist Weltradiotag. An dieser Stelle sollte man mal an all jene Radiomacher denken, die den Hörfunk für sich entdeckt haben. Nein, ich spreche nicht von den Profis im kommerziellen und öffentlich-rechtlichen Rundfunk, vielmehr von all denen, die ich ich über die Jahre in High School und College Sendern, Community Stationen und offenen Kanälen getroffen habe.

Im Tonarchiv eines Senders in Somalia.

Für mich selber ging es bei Radio Z in Nürnberg los, eine Station, die so ganz anders war und ist. Dort machte ich meine ersten Radioschritte. Neben Radio Z gibt es auch noch den Ausbildungskanal afk max/max neo in Nürnberg, den ich sehr gut kenne. Dort werden junge Radiomacher geschult und für Karrieren im Hörfunk vorbereitet. Ein tolles Konzept, ein engagiertes Team, die Ergebnisse lassen sich durchaus hören.

So richtig auf den „Geschmack“ von Community Stationen bin ich in San Francisco gekommen. Kurz nach meinem Umzug in die Bay Area 1996 fing ich auf KUSF, dem Collegesender der University of San Francisco mit meiner Sendung Radio Goethe an. „Mach mal“, hieß es und das langte mir, um allwöchentlich auf Sendung zu gehen. KUSF war eine Station, auf der sich alles traf. Armenier und Finnen, Türken und Chinesen, Perser und Polen, ein schwuler Pastor genauso wie ein Astrologe. Dazu Unmengen an Independent Musik. Vieles hörbar, manches nur schwer zu genießen. Ein Highlight war für mich auch das Kennenlernen der „Piratensender“ in der San Francisco Bay Area. Senden ohne Lizenz und mit politischer Message: „the airwaves belong to the people“.

Besuch einer Community Station im Niger.

Mit der „Syndication“ meiner Sendung lernte ich andere Stationen vor allem in den USA und Kanada kennen. Da ist KWMR in West-Marin oder KOWS in Sonoma County oder KRYZ in Mariposa. Da ist CFUV in British Columbia oder WBDG in Indianapolis, aber auch RaBe in Bern. Und zuletzt lernte ich KKUP in San Jose kennen. Community Stationen, die fernab des kommerziellen Radios Musik- und Wortprogramme ausstrahlen. Manchmal holprig, doch eigentlich immer mit Herz. Auf all meinen Reisen nach Afrika ist es mir immer wichtig, Radiostationen zu besuchen, zu sehen, welche Bedeutung der Rundfunk heute noch hat. Und immer treffe ich auf engagierte Radiomacher, die oftmals das beste aus den wenigen Mitteln und der Technik holen, die ihnen zur Verfügung stehen. Einfache Studios, es wird oftmals improvisiert. Am Ende klingt das, was da über den Äther kommt einfach gut und erfrischend.

An all diese Radiomacher sollte man heute denken, die den Hörfunk als wichtige Stimme ihrer Community erkannt haben. Die sich einsetzen, motiviert sind und das Radio zu dem machen, was es sein sollte – eine Stimme in der Community. Die Musik spielen, Kunst, Kultur, Literatur, Stimmen aus unserer Mitte oder vom Rand der Gesellschaft vorstellen, die man sonst nirgends hört. „To give a voice to the voiceless“… Radio verbindet, informiert, bildet, unterhält. Auch wenn immer wieder erklärt wird, das Radio habe keine Zukunft, daran glaube ich nicht. Radio ist das unmittelbarste und schnellste Medium. Es ist ganz einfach und billig on-air zu gehen, Menschen zu erreichen. Eben auch und gerade in Krisenzeiten und Konfliktgegenden. Radio hat eine Zukunft, so lange es all jene gibt, die an das glauben, was sie vor dem Mikrofon machen.

„On the air“ in Amerika

Seit über 23 Jahren bin ich nun „on the air“ in den USA. Angefangen hat alles auf KUSF 90.3 fm, dem einstigen College Radio mit UKW Frequenz der University of San Francisco. Doch die Jesuiten Uni-Leitung brauchte Geld und verkaufte 2011 für mehrere Millionen Dollar die 90.3 Frequenz an ein nicht-kommerzielles Klassikradio-Network aus Südkalifornien. Schon damals deutete sich an, dass KUSF nicht der einzige Collegesender in den USA bleiben würde, dessen Frequenz verhökert werden oder der ganz verschwinden würde. Weitere folgten, Collegeradio, einst ein wichtiger Part und Trendsetter in der amerikanischen Rundfunklandschaft, wurde immer mehr beschnitten.

Heute las ich von KMSM, dem Uniradio in Butte, Montana, auf dem auch mehrere Jahre meine Sendung „Radio Goethe“ ausgestrahlt wurde. Nach 45 Jahren „on the air“ wird der Sender abgewickelt. Studierende der Montana Tech Hochschule erklärten in einer Umfrage, dass sie kein großes Interesse an der Station hätten. Die Uni-Leitung nahm das zum Anlass den Stecker zu ziehen. Doch sie hat schlichtweg übersehen, dass dieser Collegesender eine wichtige Community Station ist, dessen Hörerschaft weit über den Campus hinausreicht. So war es auch bei KUSF in San Francisco. Der Sender war über die Jahrzehnte eine gewachsene College Station, die auf der einen Seite Bands wie Metallica, Nirvana, Faust unterstützten und förderten und auf der anderen Seite Stimmen in der San Francisco Bay Ara on air brachte, die woanders nicht zu hören waren. Es gab 16 fremdsprachige Programme, von den Armeniern bis zu den Finnen, dazu Kultursendungen, die einzigartig waren. All das verschwand aus der Medienlandschaft San Franciscos als die Jesuitenführung der USF einen schnellen „Buck“ machen wollte.

Collegeradio ist sicherlich nicht mehr das, was es einmal war. Die Streaming Dienste, das Online Hören, der Zugang zu Musik, ja, die Wertschätzung der Musik, all das hat über die letzten Jahre die Hörgewohnheiten dramatisch verändert. Und dennoch, es gibt sie noch diese Oasen im Hörfunk. Das konnte ich am Mittwochmorgen wieder feststellen, als ich meine erste Nachtsendung auf KKUP in San Jose moderierte. Die Musikwahl war…sagen wir eklektisch. Etliche der Musiker und Bands veröffentlichen nur auf Vinyl und das in einer Auflage von 50+. Doch auch, wenn das keine Massenware, keine hitverdächtigen Charterfolge sind, so gibt es doch unzählige von Hörerinnen und Hörern, die genau diese Art von Musik entdecken wollen. Selbst ein Klaus Schulze, einer der wohl wichtigsten Pioniere der elektronischen Musik, der weltweit seine Fans und Bewunderer hat, ist im „normalen“ Radio kaum zu hören.

In Sendungen, wie dieser, die ich nun monatlich auf KKUP moderieren werde, wird genau für solche Musikerinnen, Musiker und Gruppen Platz zur Verfügung gestellt. Ich weiss, damit erreiche ich nur jene wenigen, die entweder in der Bay Area nachts nicht schlafen können oder die morgens in Deutschland online keinen Dudelfunk mit den ewig gleichen Songs hören wollen. Aber gerade deshalb gibt es Sender wie KKUP, die „non-commercial“ sind, die Musik und Stimmen „on air“ haben, die man woanders nicht hören kann. Musik, die anders ist, den klanglichen Horizont erweitert, die herausfordernd sein kann, die herkömmliche Hörgrenzen versetzt. Das ist für mich eine Bereicherung, zu wissen, dass es da noch immer solche Stationen gibt, die diese Art von Sendungen möglich machen. Ja, die mir ermöglichen Musik zu teilen, die mich bewegt.

Klar, es gibt solche Stationen nicht nur in den USA. Auch in Deutschland sind zahlreiche offene Kanäle, Uniradios und auch Sender, wie max neo oder auch Radio Z in Nürnberg zu finden. Sie bereichern die Radiolandschaft durch eine andere Musikauswahl, durch andere Sichtweisen und Blickwinkel. Auch wenn manche das als Minderheitenradio abfällig abtun, das, was man da hören kann ist dennoch ein Ausdruck der Vielfalt einer Gesellschaft. Von daher gilt es, diese Radiooasen zu schützen und auch zu unterstützen.

Underground Radio

Zahlenschloss auf, Gitter hoch, Zahlenkombination an der Tür drücken und dann ist man drin im Studio von “KUSF in Exile”. Vor 15 Jahren fing ich mit meiner Sendung Radio Goethe auf KUSF San Francisco an, bis, ja bis die Jesuitenführung der Universität die Frequenz 90.3 fm verkaufte. Einfach so und ohne vorher was zu sagen. Tja, damit ging nicht nur eine der besten College Stationen in den USA verloren, sondern auch ein bedeutender Community Sender für San Francisco, auf dem viele Fremdsprachen- und Kulturprogramme ausgestrahlt wurden.

Die Unileitung meinte, so ein Verkauf wäre ein Klacks, mal schnell 3,75 Millionen Dollar zu kassieren. Doch sie hatte nicht mit dem Protest gerechnet, der kam. Viele in der Stadt protestierten. Von den Supervisors bis zu Clubs, Bands und Hörer und Kulturinstitute und Konsulate…und sogar aus Deutschland und anderen Ländern kamen Protestschreiben. Nun liegt das ganze bei der Aufsichtsbehörde FCC, die den Verkauf noch absegnen muß. Die Unileute jedenfalls hatten vor dem Verkauf keine Ahnung, was sie da machen und auch jetzt haben sie nicht den geringsten Schimmer davon, was sie da treiben und angerichtet haben.

Die ehemaligen Ehrenamtlichen von KUSF 90.3 fm haben sich jedenfalls zu “KUSF in Exile” zusammen getan. Zum einen wird gekämpft, um die Frequenz zurück zu bekommen, zum anderen ist nun mit dem eigenen Online Sender ein Alternativprogramm am Start, das zeigen soll, die alte Musik- und Programmbreite ist nicht verloren gegangen.

Und heute Abend eben sende ich meine erste Live-Show aus diesem provisorischen Studio im Stadtteil Bayview Hunters Point. Keine tolle Gegend, viele Lagerhäuser und seltsame Firmen sind hier ansässig, aber hey, ein Mischpult, Cd Player und Plattenspieler, dazu ein Mikro, was will man mehr. Das ganze hat den Charme von Piratenradio meets Low Budget Community Station. Mal was anderes.

In dem Gebäude sind etliche Proberäume von Bands untergebracht, die ziemlich laut im Hintergrund spielen. Mal sehen und hören, wie sich das mit der Live-Sendung vertragen wird.

Auf alle Fälle mal „KUSF in Exile“ einschalten, lohnt sich….also nicht nur für meine Sendung, aber deshalb auch…is’ klar, ne?

Radio tut gut

KUSFWenn man von Metallica, Tom Waits, Nirvana oder R.E.M. spricht, muss man auch College Radio erwähnen. Denn ohne die Uniradios in den USA wären all diese Bands und Musiker niemals bekannt geworden. Eine der bekanntesten und auch wichtigsten Collegestationen in Nordamerika ist KUSF in San Francisco, der Sender, auf dem ich vor 13 Jahren mit Radio Goethe angefangen habe. KUSF ist die Alternative im Grossraum San Francisco. Die zahlreichen Gold Records im Büro der kleinen Station belegen das, Bands haben so dem Sender ihren Dank ausgesprochen, nachdem sie gross rausgekommen sind. Wer weg will vom Kommerzfunk und Einheitsbrei streng formatierter Sender schaltet in San Francisco die 90,3 UKW ein. Hier hört man alles, was es woanders nicht gibt und man entdeckt die ganze Bandbreite des musikalischen Angebots. Manchmal ist das stressig und nervig, aber Musik ist ohne Grenzen und so ist KUSF. Das ganze nennt sich Freeform Radio.

Auf einer Photowand sieht man sie alle im Studio C sitzen, bevor sie die Charts eroberten. Kurt Cobain und PJ Harvey, Nick Cave und die Melvins. Collegeradio in den USA ist anders als das Uniradio in Deutschland. Zumeist hat man starke UKW-Frequenzen, wie beim Beispiel KUSF eine potentielle Hörerreichweite von 1,5 Millionen Hörern. Und viele der Universitätsstationen haben die Aufgabe des Community Radios übernommen und binden die verschiedensten Gruppen mit ein. Bei KUSF sind es etliche Fremdsprachenprogramme, dazu Kulturprogramme und Spezialsendungen. Und das beste an allem ist, KUSF ist schon lange keine Lokalstation mehr nur für San Francisco. Per Mausklick schalten sich Hörer von überallher zu. Wie wäre es also mit einer transkontinentalen Radiobrücke zwischen Nürnberg und der Bay Area? Kommentare und Hörerwünsche zum Programm sind immer willkommen. Und wem der Sound nicht gleich gefällt, keine Sorge, einfach dranbleiben. Freeform Radio heisst auch, dass mehrere Genres und Sounds in einer Stunde gespielt werden.

Das „f…in“ Wort „F…“

„F…“ ist ein Wort, das überhaupt nicht geht. Jedenfalls nicht, wenn man eine Radiosendung in den USA produziert. Da kennen die Amerikaner keinen Spass. Mit „F…“ kann man sich seine Karriere zugrunde richten und dabei auch noch arm werden. Als DJ auf KUSF, dem Collegesender in San Francisco, muss man schon sehr aufpassen. Denn zum einen sendet der Sender im Vergleich zu den kommerziellen Stationen wirklich live und nicht mit 10 Sekunden Verzögerung. Zum anderen unterschreibt man, dass man für eventuelle Bussgelder selbst aufkommt. Und die können bei rund 30.000 Dollar (!) pro Vergehen liegen.

Das ist auch ein Grund, warum ich jede CD, bevor ich sie on-air spiele, genauestens durchhöre. Seltsamerweise finden gerade viele deutsche Bands das „F…“ Wort besonders cool und nutzen es bis zum Abwinken. Deutscher HipHop geht gar nicht, denn die „F…“-Bombe, wie „F…“ hier drüben auch genannt wird, ist da quasi Markenzeichen und isssss jaaaaa soooooo cooooool! Das schlimmste allerdings, was mir je zugeschickt wurde, war eine Compilation von Düsseldorfer Punk Bands. Ich konnte keinen einzigen Song daraus spielen, soviele „F…“s und „S…“s gab es darauf. Ja, „S…“ ist auch ein Bannwort im puritanischen amerikanischen Medienmarkt.

Aber nun zur Bedeutung und Nutzung von „F…“. Hierzu ein kleines Video, es sei allerdings darauf hingewiesen, dass das im amerikanischen Sinne nicht jugendfrei ist. Also „Explicit Adult Language“:

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