Corona als Wahlkampfhilfe

Gavin Newsom, der Gouverneur von Kalifornien, hält täglich um 12 Uhr mittags eine Pressekonferenz, um über die aktuelle Lage in der Corona Krise zu berichten und Fragen zu beantworten. Auch in anderen Bundesstaaten, vor allem in den stark betroffenen, finden solche täglichen Auftritte der Gouverneure und Regierungsvertreter statt. Auf lokaler Ebene melden sich regelmäßig Bürgermeisterinnen und Bürgermeister zu Wort, hier in Oakland ist Mayor Libby Schaaf sehr aktiv, um die Oakländer zu erreichen.

Donald Trump ist mit sich sehr zufrieden. Foto: AFP.

Und ja, auch das Weiße Haus, lädt Tag für Tag um 17 Uhr Ortszeit Medienvertreter in den „Rose Garden“. Die Trump-Show kann beginnen. Der Präsident nutzt diese live übertragene Pressekonferenz aber nicht nur dafür, um über die aktuelle Lage zu berichten, Trump führt vielmehr Wahlkampf in einem stillstehenden Land. Er greift die Presse an, wie eh und je, dass die falsch berichtete oder Journalisten zu kritische Fragen stellten. Er läßt sich applaudieren von seiner Gefolgschaft, sprich Ministern. Trump verdreht die Tatsachen, lügt ganz offen und vor allem übertreibt er. Nun ist die Rede von 200.000 bis 250.000 Toten in den USA durch die Corona-Krise. Experten weisen diese Modelle weit von sich, da würden Zahlen ganz falsch ausgelegt, heißt es.

Am Anfang sprach Trump noch davon, ein paar Tote und dann ist das überwunden. Er spielte alles herunter, alles kein Problem. Doch dann erkannte er in der Krise die Chance. Nun holt er den Vorschlaghammer raus und hämmert auf die Amerikaner ein. Trump selbst zeichnet ganz bewußt ein Horrorszenario, denn klar ist, zumindest für seine Anhänger, wenn es dann doch nicht so schlimm wird, hat er, der selbsternannte „Kriegspräsident“, alles richtig gemacht. Das ist sowieso der Unterton bei allem, was Trump sagt. Er machte und macht keine Fehler. Die Verantwortung liege bei den Bundesstaaten und den Kommunen, seine Adminstration sei vielmehr nur ein „Back up“ zur Unterstützung und sowieso sei der vorherige Regierung für die dramatische Lage verantwortlich zu machen.

Trumps Wahlkampfteam greift das nur zu gerne auf. Hinzu kommen die FoxNews Köpfe, wie Sean Hannity und Laura Ingraham, die sich täglich mit ihm kurzschalten, so, als ob direkt abgesprochen wird, was und wie für die „Trump Nation“ berichtet werden soll. In den sozialen Medien greifen seine Wahlkampfhelfer begeistert diese Nachrichten aus dem Weißen Haus auf. Trump wird als „großartig“, „weitsichtig“, die „Nation vereinend“ dargestellt. Er und nur er sei in dieser historischen und einzigartigen Situation der wahre und richtige Präsident, der Amerika durch diese größte Krise aller Zeiten führen werde.

„War time president“ Donald Trump nutzt die Lage aus. Der politische Gegner kann keinen Wahlkampf führen, aber er hat den Zugang zu den Medien. Tag für Tag im Rosengarten des Weißen Hauses. Und was er da sagt hat Gewicht, zumindest für seine Anhänger, die er seit Jahren darauf eingestimmt hat, dass nur sein Wort zählt, alles andere, vor allem das, was die „Fake News“, die Lügenpresse berichte, sei falsch. Es ist die ultimative Trump-Show, die hier zur Hochform aufläuft. Was gut ist, dafür ist er verantwortlich, was schlecht läuft, dafür sind die anderen zuständig. Es ist ein gefährliches schwarz-weiß Spiel in der Krise, doch Trump geht es nur um seine Wiederwahl. Um das zu erreichen, läßt er sich auch nicht von einem Virus aufhalten. Die Realität kann man durch eine „Alternative Realität“ ersetzen, das ist unter Trump nicht das erste Mal.

Wie sieht die Situation bei Dir aus?

Von einer ehemaligen Kollegin, die für einen fränkischen Privatsender arbeitet, wurde ich gebeten ein paar Fragen zur aktuellen Lage in den USA zu beantworten. Es war für mich mal wieder was anderes, mich kurz und knapp zu halten.

Wie ist die aktuelle Situation bei Dir vor Ort?
Hier in Oakland und der gesamten San Francisco Bay Area wurden die Ausgangsbestimmungen bis zum 3. Mai verlängert und auch verschärft. Das öffentliche Leben soll weitgehend herunter gefahren werden. Ein Mundschutz soll ab morgen getragen werden, aber eben keiner, der von Pflegekräften benötigt wird. Da kann man also Kreativität zeigen. Die Supermärkte kontrollieren, wie viele Leute in den Laden dürfen, in den noch offenen Geschäften ist ganz klar der Abstand zum Vordermann vorgeschrieben. Dazu wurden nun noch mehr Parks geschlossen. Die Leute werden wirklich dazu angehalten daheim zu bleiben. Ein allgemeines Ausgangsverbot gibt es aber noch nicht.

Wie sieht es in den Krankenhäusern aus?
Da sieht es nicht viel anders als in Deutschland aus, wobei hier eine einheitliche Linie fehlt und wohl auch die Schutzmassnahmen, wie Masken und Schutzkleidung langsam aber sicher ausgehen. Das hört man aus den verschiedenen Regionen und Einrichtungen. Dazu kommt, dass die Beatmungsgeräte Mangelware sind. Da kann der Präsident noch so viel beschönigen, wie er will, Tatsache ist, es gibt massive Versorgungsprobleme. Die Bundesstaaten werden hier von der Bundesregierung quasi allein gelassen, sie sollen sich selbst welche besorgen. Das ist natürlich keine Lösung und führt auch nicht gerade zu einer Einheit in dieser Krise im ganzen Land.

Was ist mit den Obdachlosen?
Na, die Hotels sind derzeit leer, da hat nun der Staat eine Möglichkeit gefunden, Obdachlose unterzubringen und sie und auch die Allgemeinheit zu schützen. Die Frage ist, wie dieses gewaltige Problem der Obdachlosigkeit in Kalifornien nach der Krise gelöst werden soll. Aber derzeit versucht man alles, um die Leute von der Straße zu bekommen.

Weißt Du, wie es neben New York und New Orleans in den anderen Bundesstaaten aussieht?
Du hast schon New Orleans erwähnt, Louisiana entwickelt sich zu einem Problemstaat. Und das hat Auswirkungen auch auf die umliegenden Bundesstaaten, die alle eine ziemlich schlechte Gesundheitsversorgung und Infrastruktur in diesem Bereich haben, also ich rede von Mississippi, Tennessee, Alabama. Das wird Probleme geben, denn klar ist, nach den Städten und Ballungsräumen in den USA werden auch die ländlichen Gegenden im Mittleren Westen und den Südstaaten davon betroffen sein. Große Probleme gibt es nach wie vor in Washinton State, aber auch Illinois…und auch Florida mit seinen vielen Rentnern, die dort leben, entwickelt sich zu einem deutlichen Krisengebiet.

Wie reagieren die Einheimischen?
Das ist vergleichbar mit der Situation bei Euch. Die einen reagieren, wie sie reagieren sollten. Ziehen sich zurück, befolgen die Anweisungen. Andere wieder machen genau das Gegenteil, meinen sie sind davon nicht betroffen…also da unterscheiden sich die Deutschen kaum von den Amerikanern. Aber ja, der Großteil hält sich schon daran….sagen wir es so, normalerweise bräuchte ich im Berufsverkehr von meinem Haus bis nach San Francisco etwa eineinhalb Stunden…derzeit kann ich zur gleichen Zeit die Strecke in 20 Minuten schaffen. Das zeigt schon, dass hier das öffentliche Leben deutlich und erfolgreich runtergefahren wurde.

Welche Prognosen haben die Fachleute bisher veröffentlicht und inwieweit deckt sich das mit den Prognosen des Weißen Hauses?
Na ja, es wird von Tag zu Tag schlimmer. Anfangs meinte ja Präsident Trump, das sei alles kein Ding, 15 Tote und dann sei die Sache vorbei….Nur wenige Tage später sind wir soweit, dass hier von vielleicht 200.000 Toten in den USA gesprochen wird….Die Prognosen sind derzeit alles andere als gut….für die Amerikaner genauso wie für die amerikanische Wirtschaft.

Was schätzt Du, wie es in den nächsten Wochen weiter gehen wird und wie die Aussichten sind?
Wenn ich das wüßte?….man muss nur zwei, drei, vier Wochen zurückblicken, dann weiss man, wie falsch alle mit ihren Prognosen gelegen haben, vor allem an ganz obiger Stelle…man kann nur hoffen, dass sich die Menschen an diese Ausgangsbeschränkungen halten und dann sehen, ob es hilft….was ich sehe ist auch, dass derzeit in den USA eine einheitliche Linie fehlt, weil Donald Trump das alles als Wahlkampfspektakel nutzt, man muß nur seine täglichen sogenannten „Pressekonferenzen“ ansehen, die zu einer Trump-Show verkommen sind. Das macht es nicht leicht, wenn man den Verdacht hat, dass er den Staaten mehr hilft, die für ihn bei der Wahl im November mehr Bedeutung haben.

Amerika im Wahlkampf

Ach ja, da war ja noch was. Die Demokraten führen noch ihre Vorwahlkämpfe, um zu entscheiden, wer denn nun im November gegen Donald Trump antreten soll. Alles sieht nach Joe Biden aus, aber Bernie Sanders ist nach wie vor im Rennen. Große Veranstaltungen gibt es keine mehr, alles wird online und aus der Sicherheit der eigenen vier Wände geleistet. Joe Biden hat im eigenen Keller ein kleines Sendestudio, aus dem er Fernsehinterviews gibt, von dort wendet er sich an seine Anhänger.

Und die Kameras warten. Foto: Reuters.

Da hat es Donald Trump schon leichter. Er kann zwar derzeit keine seiner beliebten Massenauftritte mehr durchführen, aber Trump hat nun jeden Tag eine Pressekonferenz, die live übertragen wird. Anfänglich waren es noch alle Newskanäle, die den Präsidenten der USA in die Wohnzimmer der Amerikaner brachten. Doch schnell wurden die Stimmen laut, dass Trump diese Pressekonferenzen zur Lage von Corona in den USA als Wahlkampfveranstaltungen nutzt. Jeden Tag stehen mit Trump Unternehmer, Minister, Experten auf der Bühne, die ihn preisen und loben. Ihre vorbereiteten Texte werden vorher vom Weißen Haus abgesegnet. Es sind also keine Überraschungen zu erwarten. Trump sonnt sich in diesem Bad der organisierten Lobhudelei. Mich erinnert das oft an die Auftritte des nordkoreanischen Diktators, der ja alles weiß, richtig macht, erfahren in jeglicher Krise ist, sein Volk sicher durch die schweren Zeiten führt und dafür von Experten, den Armeeangehörigen und dem eigenen Volk bejubelt wird.

Ich weiß, ein böser Vergleich, aber die Pressekonferenzen Trumps sind in diesen Tagen mehr als surreal. Denn wenn ein Reporter kritische Fragen stellt, wie das ja auf Pressekonferenzen auch durchaus sein sollte. Wenn, wie eine Journalistin von PBS, Trump mit seinen eigenen Aussagen aus den letzten Wochen konfrontiert wird, er dann antwortet, das habe er nicht gesagt, dann wundert man sich schon, in welchem schlechten Film man gerade ist.

Sender wie CNN haben sich nun davon zurückgezogen, diese täglichen Auftritte des Präsidenten live zu senden. Gerade auch aus dem Grund, weil er Dinge verdreht, falsch darstellt, ja, offen lügt. Die Pressekonferenzen im „Rose Garden“ sind für Trump Wahlauftritte geworden, so wendet er sich in Zeiten des „social distancing“ an seine Wähler. Und die Einschaltquoten sind hoch. Trump vergleicht seine Auftritte mit „Monday Night Football“ und verkennt mit so einem Vergleich, dass die Nation durch eine noch nie dagewesene Krise geht und eigentlich einen Präsidenten bräuchte, der präsidial auftritt. Der Applaus in den großen Hallen und Stadien fehlt ihm, deshalb müssen nun die Unternehmer im Land den „Commander in Chief“ mit löblichen Worte bejubeln. Trump dominiert derzeit die Airwaves. Biden und Sanders tauchen kaum noch auf. Sie können gar nicht mehr auf das reagieren, was der Präsident da verbreitet. Das ist der Wahlkampf 2020. Ausgang ungewiss.

In der Krise kreativ sein

Ich lebe in Oakland Montclair, einem Stadtteil am Rande der Stadt. Alles wirkt etwas dörflich, man kennt sich nach einiger Zeit. Ich wohne hier seit fast 21 Jahren, da habe ich so einige Veränderungen miterlebt. Anfangs gab es noch zwei „Hardware Stores“, also Läden, die vom Nagel bis zum Wasserrohr alles hatten. Die gibt es nicht mehr, dafür nun ein gutes Dutzend „Nail Studios“ und drei Sushi Restaurants. Montclair hat sich zweifellos verändert und das nicht gerade zum Besseren.

Was mir zur Zeit aber auffällt ist, wie die einzelnen Ladeninhaber mit der Krise, die uns alle betrifft, umgehen. Da gibt es Cafés, wie Peet’s, die lassen niemanden mehr in ihre Räume. Dennoch verkaufen sie Kaffee, direkt von der Tür. Ein Tisch blockiert den Eingang, darauf ein Kreditkarten und Smartphone Lesegerät. Mit Abstand kann man seine Tasse „Joe“ bestellen, selbst „Low Fat Soy Organic Fair Trade De-Caf“, dreimal umgerührt und mit dem Verweis darauf, dass der Kaffee auch wirklich bei Vollmond geerntet wurde. Aber eben alles von der Tür aus. Das geht.

Auch der Käseladen um die Ecke hat auf, er zählt zu den wichtigen Läden in der Krise, die geöffnet haben dürfen. Man darf einzeln eintreten, seinen Käse bestellen und der Shop hat auch eine Riesenauswahl an Wein. Verdursten muß also niemand während einer Epidemie, die nach einem Plörrebier benannt wurde (oder auch nicht).

Da viele derzeit in ihrem „home office“ arbeiten, aber dennoch Dokumente und auch anderes durch die Gegend schicken müssen, haben sowohl die Post, wie auch der UPS Store geöffnet. Auch hier muß man einzeln in den Laden eintreten, sein Paket auf die Theke legen und dann „six feet“ Abstand nehmen. Wirkt etwas seltsam, aber es geht.

Auch in Oakland wird in diesen Tagen viel aufs Klo gegangen.

Im Supermarkt läuft alles ganz normal. Das Angebot ist noch immer reichhaltig, bis auf die „Essentials“ in dieser Krise, wie Toilettenpapier, Mehl, Nudeln, Tomatensoße. Wie das zusammengeht, weiß ich auch nicht, aber da gibt es wohl einen Schnittpunkt, der noch zu erkennen ist.

Montclair ist in diesen Tagen ruhig. Der Spritpreis an der Tankstelle sinkt und sinkt für eine Gallone fast über Nacht. Vor vier Wochen lag er noch bei 3 Dollar 29, nun sind es nur noch 2 Dollar 73. Auf den Bänken entlang der Einkaufsstraße darf man nicht mehr sitzen, das hat das Gesundheitsamt verboten, viele Ladenfronten sind verwaist. Auch der lokale Buchladen, ein überfüllter Verkaufsraum ist geschlossen. Am Fenster hängt ein Blatt Papier, man habe geschlossen, könne keine Aufträge entgegen nehmen, man solle also bitte auch nicht anrufen und Nachrichten auf dem Anrufbeantworter hinterlassen, denn der sei schnell voll. Ich lese das und denke an den Artikel in der NZ, in dem beschrieben wird, wie ein Buchhändler in Nürnberg die bestellten Bücher per Fahrrad ausliefert. Mir fällt das Gespräch im Deutschlandfunk Podcast „Der Tag“ ein, in dem eine Buchhändlerin aus Köln erzählt, wie sie nach wie vor Bücher in ihrem Kiez ausliefert. Ein Mann, so die Buchhändlerin, sei sogar zu ihr gekommen und habe gesagt, er brauche derzeit kein Buch, aber hier sei ein Scheck, sie solle davon zehn Kinderbücher kaufen und diese an Familien verteilen, die derzeit zu Hause sein müssten. Das nenne ich Kreativität in der Krise, anders als mein Buchhändler hier, der die Schotten dicht macht, dennoch in seinem Laden am Computer sitzt und die Welt draußen vorbei ziehen läßt.

Nicht jeder kann in diesen Zeiten kreativ sein, das ist mir klar. Doch vielleicht kann man es zumindest versuchen, und seinen Tag nicht nur damit verbringen, vor dem Fernseher oder dem Computer zu sitzen, ein schlechtes Tagesprogramm oder die verstörenden Nachrichten zu konsumieren, um schließlich nervige und dämliche Verschwörungstheorien über die sozialen Medien in alle Welt zu verbreiten. Ich sag ja nur, es gibt Möglichkeiten…

Coronaamerika

Ich mußte heute mal raus. Zuerst in die Bank, parkte mein Auto am Rande der Geschäftsstraße in Oakland-Montclair, um einfach mal in aller Ruhe zu sehen, was da gerade passiert oder eben auch nicht. Die meisten Läden sind geschlossen. Pete’s Coffee Store hat zwar offen, aber niemand darf in den Verkaufsraum. Ein Tisch an der Tür, dort kann man seine Bestellung aufgeben und nur mit Kreditkarte bezahlen. Die Bänke vor den Läden und Cafés sind verwaist, Schilder weisen darauf hin, dass niemand hier sitzen darf.

Nur wenige Restaurants sind geöffnet, und auch nur dann, wenn sie „Take out“ anbieten. Drogerien und Supermärkte haben auf. Und in der Bank, die ich besuchen mußte, wurde das Thermometer hochgefahren, wohl in der Absicht jegliche Viren zu bekämpfen. Auf dem Boden Abstandshalter, um dem Vordermann nicht zu nahe zu kommen, doch es sind kaum Leute in der Bank. Ich sitze schließlich der Managerin in ihrem Büro gegenüber, die im Vergleich zu ihren Mitarbeitern am Schalter hinter dickem Panzerglas weder Mundschutz noch Latexhandschuhe trägt und auch sonst keinerlei Distanzprobleme hat.

Nach gefühlt-geschwitzten 50 Minuten in der überheizten Bank fahre ich zu Trader Joe’s, der Aldi Tochter, eigentlich der Supermarkt meiner Wahl. Doch seit hier die Krisenzeiten ausgebrochen sind, vermeide ich ihn, denn vor dem Laden bildet sich jedesmal eine lange Schlange, sie lassen nur eine bestimmte Anzahl von Leuten hinein. Doch heute bin ich da, um für eine ältere Nachbarin einzukaufen, ich hatte ihr das schon vor einer Woche anbeboten, heute morgen hat sie mich beim Rundgang mit Käthe darauf angesprochen. Also Trader Joe’s…. Die Warteschlange zieht sich um den Laden herum, jeder hält fast zwei Meter Abstand zum Vordermann/frau. Die Frau vor mir blickt sich ständig mit panischem Gesichtsausdruck nach mir um, ob ich ihr auch ja nicht zu nahe komme. Am Eingang sprüht sie sich gleich mehrmals Desinfektionsmittel auf die Hand. Nach zehn Minuten bin ich schließlich drinnen. Die Regale sind voll, bis auf Toilettenpapier, Nudeln, Reis und Bohnen in Dosen. Anscheinend ist das nicht nur ein deutsches Problem.

Einige im Laden sind freundlich, lächeln, andere schauen einen grimmig an, als ob man ein wandelnder Virus sei. Die Mitarbeiter sind mehr als hilfreich, fragen nach, wenn man suchend umherblickt. Sie versuchen wohl die Kunden so schnell wie möglich wieder nach draußen zu bekommen, denn die Schlange vor der Tür wird nicht kürzer. Der Supermarkt liegt gleich neben der Bart Station „Rockridge“, die erhöht zwischen den Autobahnspuren des 24er liegt. Darunter der Parkplatz, der eigentlich immer überfüllt ist. Ich schätze, zwischen 600 und 800 Autos haben dort Platz, heute parkten gerade mal sieben Wagen dort. Skateboarder nutzen die Chance, um sich etwas auf der Freifläche auszutoben.

Das öffentliche Leben wird immer weiter eingeschränkt, Teile der Parks und Parkplätze werden geschlossen, um alles zu entzerren, noch offene Läden und Restaurants müssen schließen. Fast täglich erhalte ich Mails und Anrufe mit der Aufforderung daheim zu bleiben. Unterdessen fabuliert der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika von vollen Kirchen am Ostersonntag. Wissenschaftler, bekannterweise nicht gerade die Freunde von Donald Trump, schlagen darüber nur die Hände über den Kopf. Das ist der Alltag im heutigen Amerika.

„Alles unter Kontrolle, Dank Angela Merkel“

In einer gemeinsamen Pressekonferenz verschiedener Bundesminister erklärte Außenminister Heiko Maas, dass Dank der schnellen Reaktion von Bundeskanzlerin Angela Merkel, die Corona-Krise unter Kontrolle sei. Gesundheitsminister Jens Spahn fügte hinzu, dass die Kanzlerin sich persönlich dafür eingesetzt habe, dass die Krankenhäuser besser mit Test-Kits und Schutzmasken ausgerüstet werden. Auch Innenminister Horst Seehofer betonte, dass die Weitsicht und die frühe Entscheidung von Angela Merkel die Grenzen zu den Nachbarländern zu schließen, die Opferzahlen in diesem „Krieg gegen das Virus“ niedrig halte.

Finanzminister und Vize-Kanzler Olaf Scholz, der bei dieser Pressekonferenz neben der Bundeskanzlerin stand und zunächst ihren Ausführungen über das „China Virus“ nickend zustimmte, wandte sich dann an die Pressevertreter: „Ich möchte unterstreichen, dass Deutschland mit dieser Kanzlerin in sicheren Händen ist. Deutschland hat die besten Mediziner, die besten Wissenschaftler, alle anderen Nationen schauen neidisch auf uns und darauf, wie wir diese Krise meistern.“ Zum Schluß trat noch Wirtschaftsminister Peter Altmaier ans Mikrofon, dankte der Kanzlerin für ihre Unterstützung, ihre Tatkraft und ihre Führungsstärke in dieser schwierigen Lage und kündigte ein umfangreiches Wirtschaftsprogramm von Merkel an, das er in enger Abstimmung und vielen Leitideen der Bundeskanzlerin ausgearbeitet habe. „Dieses Programm“, so Altmaier, „trage eindeutig die Handschrift von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Dafür sollten wir ihr danken“. Altmaier klatschte und auch die anderen Minister fielen in den Applaus ein, den Bundeskanzlerin Angela Merkel sichtlich mit sich zufrieden entgegennahm.

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Das ist natürlich nicht passiert, zumindest nicht auf einer Pressenkonferenz in Berlin. Allerdings sehen so die derzeitigen Pressekonferenzen und Auftritte von Donald Trump aus, der sich gar nicht vor Lobhudelei und tiefen Verbeugungen seiner Minister und Administrationsmitglieder retten kann. Trump genießt diese Auftritte, bei denen er Tag für Tag als „Commander in Chief“ dargestellt und gefeiert wird, der alles unter Kontrolle habe. Trump läßt keine Kritik an sich zu. Dass er im Laufe der letzten Wochen und Monate seine Sichtweise zu Covid-19 mehrfach änderte und somit die richtige und rechtzeitige Reaktion auf die Krise verpennte, wird aus seinem Umfeld nicht angesprochen und schlichtweg übergangen. Reportern fährt er über den Mund und erklärt ihre Fragen zu „nasty questions“ oder bezeichnet Journalisten als „terrible people“. Er selbst sagt von sich und seinem Handeln, in dieser Virus-Krise habe er auf einer Skala von 1-10 eine 10 verdient, alles richtig gemacht!

Die allmorgendliche Trump-Show in der Corona-Krise. Foto: Reuters.

„I’m a very stable genius“

A very stable genius. (Official White House photo by Shealah Craighead)

Sowas kann eigentlich nur Donald Trump von sich sagen. Er kennt sich aus. Mit allem. Ihm macht man nichts vor. Trump ist bewandert, klug, intelligenter als alle anderen und sowieso eben „a very stable genius“. Das schließt ein, dass Donald Trump auch schon mal die Geschichte ändert, vor allem seine eigene. Jüngst behauptete er: „I felt it was a pandemic long before it was called a pandemic“. Also, er wußte schon lange zuvor, dass sich die Corona Krise – oder wie er es nennt „Tscheinna Virus“ – zu einer Pandemie ausbreiten würde.

Dem allerdings stehen Trumps Aussagen aus den letzten Wochen gegenüber, die genau das Gegenteil aussagen und deutlich machen, warum die USA andern Ländern in der Bekämpfung von Covid-19 hinterher hinkt. Am 22. Januar wurde er in einer Pressekonferenz gefragt, ob er sich Sorgen mache, dass die Corona Krise in China sich zu einer weltweiten Pandemie ausbreiten könnte. „No, not at all. We have it totally under control. It’s one person coming in from China, and we have it under control. It’s going to be just fine.“

Am 26. Februar ging es in einer Pressekonferenz um die Infektionszahlen in den USA und weltweit. Trump erklärte: „We’re going down, not up. We’re going very substantially down, not up.“ Nur einen Tag später meinte der US Präsident: „It’s going to disappear. One day — it’s like a miracle — it will disappear.“ Am 7. März, als sich Trump mit seinem brasilianischen Kollegen Jair Bolsonaro in Mar-a-Lago amüsierte, meinte er: „I’m not concerned at all.“ Nur wenige Tage später wurden gleich drei Teilnehmer der brasilianischen Delegation positiv auf Covid-19 getestet.

Donald Trump verkannte zu lange die Lage, verwies immer wieder darauf, dass die Situation in den USA nicht so schlimm sei, dass es hier viel weniger Infizierte gäbe, weniger Menschen an dem Virus sterben. Tatsache ist aber auch, dass die Regierung überhaupt nicht auf das Ausmaß der Katastrophe vorbereitet war, Zeit verschwendete und nach wie vor nur ganz wenige in den USA überhaupt getestet wurden. Daher gehen Wissenschaftler auch davon aus, dass die Zahl der Infizierten in den USA weit über der offiziell verkündeten Infektionsrate liegt.

Unterdessen läuft das finanzielle Hilfspaket für Unternehmen, Arbeitgeber und Arbeitnehmer an. Jede erwachsene Amerikanerin und jeder erwachsene Amerikaner soll in einem ersten Schritt einen Scheck von 1000 Dollar erhalten. Kinder jeweils 500 Dollar. Das ist allerdings nur ein hilfloser Versuch, denn 1000 Dollar können einem in Tupelo, Mississippi ein bißchen weiterhelfen, in San Francisco ist das gerade mal ein Drittel des monatlichen Mietschecks für eine Einzimmerwohnung. Trump versucht aufzuhalten, was nicht aufzuhalten ist. Heute ist der Dow Jones auf den Stand gesunken, wie er bei Amtsübernahme von Donald Trump lag. Sein Wahlkampf der boomenden Wirtschaft, alles Dank seiner Weitsicht, ist damit hinfällig geworden. Trump könnte ein Opfer des „Tscheinna Viruses“ werden.

 

„It’s the end of the world“

Gestern im Trader Joe’s. Eigentlich wollte ich nur ein paar Dinge besorgen, aber die Regale waren leer. Zuletzt habe ich sowas in Russland Anfang der 90er Jahre gesehen. Im Tierhandel wollte ich für Käthe Hundefutter kaufen, doch auch da war das Angebot mehr als spärlich. Ich sehe schon, Käthe muss demnächst auf die Jagd gehen, mal sehen, was die Nachbarn dazu sagen werden.

Die Corona Krise scheint auf den Magen zu schlagen.

Heute morgen dann ein ähnliches Bild, ein anderer Trader Joe’s vor dem sich im Regen eine lange Schlange gebildet hatte. Und das um 8 Uhr morgens.Ich fuhr gleich weiter zu Lucky’s. Dort konnte man zumindest in den Laden hinein gehen ohne im Regen zu stehen. Aber das Angebot war auch hier mehr als gering. Lange Regalreihen leer. Ich frage mich sowieso, warum nun alle Klopapier horten.

Und nicht nur das, die Stimmung war auf dem Tiefpunkt. Einige rannten mit Mundschutz, Einweglatexhandschuhen und Feuchttüchern in der Hand durch die Reihen und sahen einen an, als ob man sie gleich umbringen wollte. Kein Lächeln, kein Sinn für Humor am Samstagmorgen. Als ich vor einem leeren Regal stand und so vor mich hin sagte, der dritte Weltkrieg sei ausgebrochen, meinte eine Frau zu mir, die Lage sei sehr ernst und darüber sollte man keine Witze machen.

Soviel dazu. Es gab noch Milch, Eier und Kartoffeln. Na immerhin. Aber die Situation wird nicht besser, gerade sagte Donald Trump in einer Pressekonferenz, dass er durchaus verstehe, dass die Leute alles aufkaufen. Es wäre wohl gut, wenn man mal für zwei Wochen ganz weg ist. Das beruhigt die Lage sicherlich, Trump hat die Situation alles andere als unter Kontrolle. Er bejubelt den Anstieg des Dow Jones Indexes und verkennt, dass er und seine Administration zu lange diese Krise nicht ernst genommen haben. Aber das ist ein anderes Thema.

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Trump und sein Rassismus

Nun wissen wir es. Das Virus ist „ausländisch“. Donald Trump sprach am Mittwochabend zur Fernsehnation und erklärte, alles kein Problem und überhaupt „it’s a foreign virus“. So, als ob Covid-19 mit Pass an der Grenze aufgetaucht sei oder höchstwahrscheinlich illegal über die Grenze kam. Aber diese Aussage des amerikanischen Präsidenten passt zu seinem immer wieder aufkommenden rassistischen Unterton, den viele in seiner Basis ja so schätzen.

Donald Trump als „Commander in Chief“ in der Corona-Krise. Foto: Reuters.

Trump will nun hart durchgreifen, bislang war der Corona-Ausbruch erst eine Medienkampagne gegen ihn, dann ein „Democratic Hoax“, also ein Hirngespinst der Demokraten, dann alles nicht so schlimm, denn durch die Grippe sterben ja weitaus mehr Leute. Am Mittwoch dann wollte sich Trump ganz als „Commander in Chief“ präsentieren und verbot erstmal alle Flüge von Europa in die USA, denn die Europäer, so Trump, hätten viel verschlafen und seien für den Corona-Ausbruch in Amerika verantwortlich. Briten allerdings, die ja nun aus der EU ausgetreten sind, dürfen auch weiterhin kommen. Später dann musste das „White House“ zurückrudern, denn Trump hatte Dinge erklärt, die so nicht stimmten. Der Handel und der Import/Export sollte weiterlaufen und auch gelte dieses Einreiseverbot nicht für Amerikaner und Green-Card Besitzer.

Trump ließ schon vor seiner Schreibtischrede verbreiten, dass er was „very big“ verkünden wird. Das war es dann durchaus, doch Trump kam eher so rüber, als ob er das nun vom Teleprompter ablesen muß, etwas distanziert, alles andere als überzeugend, tief schnaufend, immer mal wieder blieb er hängen. Man hatte das Gefühl, Corona ist so eine nervige Sache für ihn, die da ganz ungelegen ist in seiner täglichen Selbstbeweihräucherung. Viele Wochen verpennte Trump schlichtweg die Reaktion auf die kommende Pandemie, pries sich vielmehr selbst, erklärte alles als eine politsche Aktion der Demokraten, betonte immer wieder, dass Amerika die führende Nation weltweit sei und mehr als gut vorbereitet auf alles sei, was da kommen möchte. Alles nicht so schlimm.

Dem ist nicht so, das wird nun mehr als deutlich. Es gibt keinen Plan, es ist Stückchenarbeit, hier mal etwas einschränken, da mal etwas verbieten. Die Krankenhäuser sind überlastet, es fehlen weit über 100.000 Betten für Betroffene. Aber, so Trump, wir haben hier in den USA das beste Gesundheitssystem, die besten Mediziner und die besten Forscher. Wird schon alles, muß ja, wenn Trump das sagt.

Der macht unterdessen mit dem politischen Kleinkrieg weiter, greift die Opposition an und tut so, als ob nichts geschehen ist. Von der Einheit Amerikas, die er noch am Mittwochabend beschwor, keine Spur. Beruhigt kann man in den USA nicht mehr sein, denn da ist jemand am Machen, der von sich erklärt, er verstehe alles viel besser als die Mediziner und Wissenschaftler. Ich hoffe nur, dass ich in den kommenden 30 Tagen nicht ganz dringend nach Deutschland muss.

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Coronajagd in Chinatown

Chinatown in San Francisco und Chinatown in Oakland sind eigentlich sehr lebendige und vielbesuchte Stadtteile. Gerade das Chinatown in San Francisco, das älteste Chinesenviertel in den USA, ist beliebter Anlaufpunkt für die unzähligen Touristen die alljährlich in die „City by the Bay“ strömen. Doch das hat sich nun geändert.

Covid-19, das Corona Virus, tauchte zuerst in Wuhan, China auf. Tausende von Meilen entfernt. Doch alleine, dass es in China ist, führt dazu, dass viele nun meinen, sie müssten Chinatown meiden. Denn irgendwie hängen die Chinesen wohl mit dem Virus zusammen, so die Überzeugung vieler. Die Straßen sind leer, viele Geschäfte geschlossen, die, die offen haben, darunter auch viele Restaurants und Cafes, sind gähnend leer. Von Touristen kaum etwas zu sehen. Für die vielen kleinen Läden zwischen dem „Chinese Gate“ an der Ecke Bush/Grant und der Columbus Street sind schwierige Zeiten angebrochen. Und wer unterwegs ist trägt Mundschutz. Nicht anders ist es in Oakland, gleich auf der anderen Seite der Bay. Chinatown ist in diesen Tagen verwaist. Und nicht nur das, die Nachrichten nehmen zu, dass asiatisch aussehende Menschen Opfer von Hetze, Hass und Gewalttaten werden.

Quarantäne am Golden Gate. Foto: Reuters.

Vor der Küste liegt ein Kreuzfahrschiff und darf nicht ankern, denn die Corona-Gefahr reist mit an Bord. Auf der vorhergehenden Cruise nach Mexiko war ein Mann, der mit Symptomen die „Grand Princess“ verließ und mittlerweile verstorben ist. Die jetzige Cruise ging nach Hawaii, unklar ist, ob es unter den Passagieren zu Ansteckungen kam. Bis Klarheit herrscht, darf das Schiff nicht in den Hafen einfahren. Und die Corona Panik hat auch einen deutschen Club in der Bay Area erreicht. Zwanzig Mitglieder von ihnen waren auf der Schifffahrt nach Mexiko. Sie alle wurden anschließend benachrichtigt und mussten in ihren eigenen vier Wänden in Quarantäne bleiben, dazu kamen weitere Menschen, mit denen sie nach dem Verlassen des Schiffes in Kontakt kamen.

Auch wenn Präsident Donald Trump die Gefahr und die Auswirkungen des Corona Viruses herunterspielt, in diesen Tagen herrscht nirgendwo mehr Normalität. Nicht nur in Chinatown, auch hier in meinem lokalen Supermarkt wird man mehr als schief angeschaut, wenn man mal husten muss. Gegrüßt wird nicht mehr per Handschlag sondern nur noch per Ellbogenkick. Die langfristigen Folgen sind noch nicht absehbar, die Panik vor einer Ansteckung an sich hat schon genug Angst, Schrecken und finanzielle Sorgen ausgelöst.