Die verkehrte Welt des Donald Trump

Der Westen der USA brennt, an der Atlantikküste stehen die Hurricanes Schlange, der Südosten wird gerade überflutet. Das alles inmitten einer Pandemie, die die Vereinigten Staaten von Amerika besonders hart getroffen hat. Doch für Donald Trump ist das alles ganz normal, wenn jemand überhaupt eine Schuld trägt, dann sind es die Demokraten. Zum einen harken die nicht ihre Wälder, zum anderen, so Trump, sei die Todesrate in den „Blue States“, den demokratisch regierten Bundesstaaten, besonders hoch. Ohne sie hätten die USA überhaupt kein Problem mit Corona und es wäre ganz klar, dass seine Administration einen herausragenden Job in der Covid-19 Krise mache, analysiert Trump die (alternativen) Fakten.

Dass das nicht so ganz stimmt ist nicht überraschend. Trump steckt nicht nur beim Klimwandel den Kopf in den Sand, sondern verdreht gerne auch Zahlen und Statistiken, gerade wenn diese belegen, dass er eigentlich einen ziemlichen „crappy job“ in Bezug auf die Pandemie gemacht hat. Fast 200.000 Menschen sind bereits an Corona in den USA gestorben, die Dunkelziffer, das belegen Statistiken, die die Todesrate 2019 mit 2020 vergleichen, ist wohl noch viel höher. Noch immer fehlt eine einheitliche Linie im Kampf gegen das Virus, Präsident Trump politisiert vielmehr erneut die Pandemie. Das fing schon damit an, dass er Covid-19 einmal als „demokratisches“ Hirngespinst abgetan hat, dann die amerikanischen Medien beschuldigte, alles unnötig zu hypen, um schließlich zu erklären, dass das Virus einfach so verschwinde, wenn es wärmer wird. Der Sommer kam, die Zahlen stiegen weiter.

Alles Krampf, aber das war noch nicht alles. Trump politisierte das Tragen eines „Mund-Nasen-Schutzes“ und weigerte sich selbst lange Zeit, überhaupt auch nur einmal eine Maske zu tragen. Das führte dazu, dass im Trump Lager die meisten eben keine MNS nutzen, es sogar als „unpatriotisch“ und „unamerikanisch“ betrachten, wenn man denn doch mit einer Maske kommt. Ich bin gespannt, was ich demnächst im Central Valley und in Arizona erleben werde, dorthin reise ich noch vor dem Wahltag.

Doch nun geht Trump sogar so weit und beschuldigt die demokratisch regierten Bundesstaaten, schuld an der hohen Todesrate in den USA zu sein. Ohne sie, so der Präsident, wären die Zahlen deutlich niedriger. Das stimmt so nicht, denn etwa 53 Prozent der Toten wurden bislang in den „Blue States“ vermeldet, 47 Prozent in den „Red States“, den republikanisch regierten Bundesstaaten. Was stimmt ist, dass die Krise in den blauen Staaten begann, das liegt aber auch daran, dass sie mit New York, Los Angeles und der San Francisco Bay Area drei der größten Ballungsräume in den USA haben, die eben auch Zielort des internationalen Verkehrs sind. Und hier begann ja die Krise, bevor sie sich im Landesinneren mit den „Red States“ ausbreitete.

Donald Trump wußte schon früh, dass diese Pandemie mehr als gefährlich ist, das zeigen auch die Audioaufnahmen von Interviews mit dem Journalisten Bob Woodward. Doch er spielte öffentlich alles herunter, trat weiterhin vor Tausenden von Trumpianern auf und machte sich sogar noch lustig über all jene, die Covid-19 ernst nahmen. Seine Aufgabe als Präsident wäre schon damals im Februar, März und April gewesen, einen nationalen Notstand auszurufen, auf Wissenschaftler und „Public Health“ Experten zu hören, um die Krise frühzeitig unter Kontrolle zu bekommen. Doch Trump spielte das „blame game“, beschuldigte andere, sah Kritik an der Vorgehensweise seiner Administration als „unamerikanisch“ an. Die Folgen sind heute zu spüren und zu sehen. Und wieder beschuldigt er andere für das Ausmaß. Nicht nur das, Trump sagte sogar auch, der demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden habe keine allgemeine Maskenpflicht gefordert. Biden darauf ganz cool: „Ich bin nicht der Präsident“. Noch nicht!

Verrückte Zeiten

Ausgerechnet Donald Trump wirft Joe Biden und Kamala Harris vor, gegen die Wissenschaft zu sein. Das muß man sich mal geben, nur weil Kamala Harris in einem Interview erklärte, sie werde sicherlich nicht Donald Trump trauen, wenn dieser sage, ein Impfstoff gegen Covid-19 sei sicher. Sie, das betonte sie, halte sich an die „Public Health“ Experten und Wissenschaftler, bevor sie sich impfen lassen würde. Soviel dazu und ich stimme ihr zu. Trump politisiert die Suche nach einem Impfstoff und will genau damit im Wahlkampf punkten.

Es sind schon verrückte Zeiten. Wenn man den Fernseher anschaltet und auf die Nachrichtenkanäle geht, die mehr und mehr werden, dann dreht sich alles um den Wahlkampf. Und es ist interessant, aber auch ermüdend, wie die verschiedenen Sender die Fakten drehen und verdrehen, analysieren und auslegen. Da stehen noch ein paar hitzige und heftige Wochen bis zum Wahltag bevor. Gespannt bin ich auf die Fernsehduelle von Trump/Biden und Pence/Harris.

Während ich das hier schreibe schwitze ich. Ich sitze nur da, kurze Hose, ein Shirt, ein Glas Wasser neben mir und schreibe und schwitze. Wer mich kennt, weiß, der Arndt schwitzt viel. Aber das hier ist nicht mehr normal. Es sind 40 Grad vor der Tür. Ein kleines Lüftchen weht, aber das hilft nichts, denn die Fenster müssen aufgrund der dicken Rauchglocke geschlossen bleiben, die riesigen Waldbrände in Nordkalifornien machen das Atmen schwer.

Man ist den ganzen Tag geschlaucht, dazu Kopfschmerzen und Augenbrennen, weil ich ja doch mal mit dem Hund vor die Tür muß. Und dann letzte Nacht diese Vollpfosten, die in der Gegend rumballerten. Keine Ahnung, was das war, aber es hallte durch den Canyon, irgendwelche Schwachmaten drückten um 2 Uhr morgens auf den Abzug. Gleich mehrmals. Bang, Bang, Bang. Als ich kurz darauf wieder eingeschlafen war, begannen die Kojoten zu heulen. Ein ganzes Rudel hatte wohl einen nächtlichen Festschmaus. Sie hörten gar nicht mehr mit der Heulerei auf, was wiederum einige Hunde in der Nachbarschaft auf den Plan rief, lautstark zurück zu bellen. Man will doch einfach nur schlafen…

Die Zoom Nation tanzt und lacht

Mal ehrlich, all diese Online-Interviews über Skype, What’s App Audio, Zoom usw. gehen mir langsam wohin. Ich weiß, warum es so ist, aber mir fehlt das vor Ort sein, das Beobachten, das Riechen, das Erfahren, Eindrücke und Töne sammeln. Mit Menschen auch mal zu schweigen, Pausen zu genießen, Zeit zum Nachfragen zu haben. Vor einem Jahr reiste ich von hier direkt nach Hargeisa, von dort weiter nach Niamey und von dort wieder hierher zurück. Eine gewaltige und anstrengende Reise für ein wunderschönes Thema, die Kraft und Bedeutung der Musik in Krisenzeiten und Konfliktgegenden. Nachhören kann man diese Geschichte hier. Aber genau das fehlt mir. Auch nach San Quentin komme ich nicht rein, dort wollte ich eigentlich schon lange eine Geschichte über Gefangene machen, die mit Hunden leben, eine Partnerschaft zwischen der Haftanstalt und dem Tierheim in Marin County. Aber keine Besuche sind derzeit und auf unbestimmte Zeit möglich.

Ich bin nun viel zu Hause, wenn ich raus gehe, dann eigentlich nur zum Einkaufen, zum Spazierengehen mit Käthe, zum Fahrradfahren. Das wars dann. Ich arbeite, lese und höre viel Musik, trainiere hier daheim vor mich hin, denn auch die Fitnessclubs im Bezirk Alameda dürfen noch nicht öffnen. Mir fällt die Decke dennoch nicht auf den Kopf, irgendwie wird mir trotz der Einschränkungen nicht langweilig, auch wenn ich das Reisen und das vor Ort sein sehr vermisse.

Auch 2020 brennt der „Man“.

Anderen scheint es da schlimmer zu gehen. Zoom Tanzparties, gemeinsame Abendessen vor dem Bildschirm, geteilte Screen Time und was es nicht alles noch per Videokonferenz und -Chat gibt. Eigentlich sollte ja in dieser Woche das Burning Man Festival sein, doch auch das findet natürlich 2020 nicht in der Wüste von Nevada statt. Klar, auch Burning Man ist online und es wird versucht die „Community“ eben so zusammenzuhalten. Bei einigen sieht das sogar so aus, dass sie in ihrem Wohnzimmer ein Zelt aufgebaut haben, um das „Feeling“ von der Playa nach Hause zu holen. Zumindest in diesem Jahr. Keine Ahnung, ob sie dafür auch noch Sand in ihrer Bude verstreuen, den immer mal wieder von einem Ventilator durchs Zimmer pusten lassen, um einen Sandsturm vorzutäuschen und dazu auch noch das Thermometer auf 40 Grad drehen. Aber mein Ding wäre das nicht.

Auch das angekündigte Webtoberfest ist nichts für mich. In den USA verstehen viele nicht, dass ich zwar aus (Nord) Bayern komme, aber nur einmal in meinem Leben auf dem Oktoberfest war und das auf der Klassenabschlußfahrt und es fürchterlich fand. Aber auch wenn ich solch ein Bierfest gut finden würde, ich glaube, ich ziehe einem „virtual Beer tasting“ einen Abend mit Freunden auf dem Tiergärtnertorplatz mit Bier vom Wanderer vor. Sowieso frage ich mich, warum man für eine virtuelle Bierprobe 21 Jahre alt sein muss? USA halt! Es gibt also Auswüchse und Seltsames in diesen Corona Tagen, die braucht wirklich kein Mensch. Klar ist es schade, wenn man derzeit erheblich in seinem Lebensumfeld und Lebensrhythmus eingeschränkt wird, aber deshalb muß man ja nicht alles vor dem Bildschirm nachmachen. Ich sag ja nur…

Eine filmische Brücke zwischen Berlin und San Francisco

Pornofilme haben einen schlechten Ruf. Rein-Raus, der schnelle Quickie, sie seien frauenfeindlich und geben nur ein falsches Bild von Sexualität wider. Dass das nicht so sein muß, zeigt Jahr für Jahr das Berliner Pornofilmfestival. Und das hat durchaus weite Kreise gezogen. Einige Filmbegeisterte im fernen Kalifornien wurden auf den Plan gerufen. Das erste San Francisco Pornfilmfestival findet Mittwoch bis Sonntag (19.-23.8.) Corona bedingt online statt.

“Weißt Du, in Toronto gibt es ein Pornofilmfestival, London hat eins, Berlin und auch Madrid. Und ich dachte mir, warum gibt es das überall, San Francisco braucht auch eines”, das meinte Shine Louise Houston zu mir, die Direktorin des ersten Pornofilm Festivals in San Francisco ist, auf die Frage, warum sie ein Filmfest mit nackten Tatsachen ans Golden Gate bringen wollte. Für sie war klar, das im prallen Festivalkalender von San Francisco solch eine Filmschau einfach fehlt, auch wenn andere Events, wie das weltweit größte LGBTQ Filmfest “Frameline” immer mal wieder “After Dark” Streifen im Programm haben, also Filme mit eindeutigen Sexszenen.

Vor über zehn Jahren sei sie zum ersten Mal zum Pornofilmfest nach Berlin gereist, meint Houston. “Ich war vollkommen hin und weg, denn da machten Leute etwas, was ich gerade erst für mich entdeckt hatte, ich bin eine Filmliebhaberin. Für mich war klar, ich wollte wirklich schöne Filme machen und hier waren Leute, die dieselben Ideen und Werte hatten und fantastische Dinge realisierten.”

San Francisco, die Stadt am Golden Gate, ist wohl wie für dieses Festival gemacht. In San Francisco werden die teils puritanischen Gesetze wie in anderen Teilen der USA einfach ignoriert. Die “City by the Bay” gilt als die Hauptstadt der Gay-Bewegung, hier feiert alljährlich die BDSM Szene ganz offen das Folsom Street Fair mit Hundertausenden von Besuchern. Und hier gibt es auch eine lange Geschichte von unabhängigen Filmschaffenden, die teils künstlerisch, teils gewagt und provokant “Adult Movies”, Filme mit sexuellem Inhalt, produzierten. In den 1960er Jahren nannte die New York Times San Francisco sogar “The Smut Capital of the United States”, also die Porno oder Schweinkram Hauptstadt der USA.

Die Dokumentation “Smut Capital of America”, die beim Festival gezeigt wird, erzählt genau davon, dass San Francisco einmal das Epicenter der amerikanischen Pornoszene war. Doch davon ist nicht mehr viel übrig geblieben. Heute denkt man bei US Pornos vor allem an das San Fernando Valley außerhalb von Los Angeles und an Las Vegas.
Für Shine Louise Houston ist es dennoch ein Heimbringen eines Filmgenres, dass hier sowieso schon auf verschiedenste Weise gefeiert wurde: “Ich verstehe Porno einfach als ein weiteres Film Genre. Es ist nicht monolithisch, es gibt vielmehr eine riesige künstlerische Vielfalt innerhalb des Genres, bei dem man denkt, oh mein Gott, das ist Porno?”

Es geht bei diesem Pornofilmfestival nicht um die schnelle Befriedigung, um unmögliche Positionen, um ein aneinander reiben von wunderschönen Körpern. Ganz im Gegenteil, Porno ist hier ein weit gefasster Begriff. Ja, es wird auch kopuliert, geleckt und mit Grenzen gespielt, aber es wird vor allem ein durchaus künstlerischer, ästhetischer und politisch korrekter Blick auf nackte Haut und Vorlieben gewährt.

Eigentlich sollte es ja ein traditionelles Festival in einem Kinosaal werden, die Verträge waren unterschrieben, doch dann kam Corona. Und alles änderte sich. Was tun? Für Shine Louise Houston war klar, man werde am eigentlichen Konzept festhalten. “Wir wollten nicht einfach “Video on demand” machen, also, dass die Leute sich die Filme einfach ansehen können, wann sie wollen. Mir war die Festivalidee wichtig. Das miteinander Ansehen als Erfahrung. Also machten wir uns daran, wie wir das live Streamen können, mit einem Live Chat und all dem, damit man das Gefühl bekommt, die Filme gemeinsam zu sehen. Denn für mich ist gerade das der wesentliche Part eines Festivals.”

Im nächsten Jahr soll es dann aber doch ins Kino gehen, der Vertrag mit dem Brava Theater am Rande des Mission Distrikts von San Francisco wurde einfach um 12 Monate verschoben. In diesem Jahr allerdings kann man problemlos auch aus der Nürnberger Metropolregion dabei sein.
Tickets für das Festival gibt es hier: https://sfpff.pinklabel.tv/tickets/

Präsident Joe Biden? Na ja!

Joe Biden führt in den Umfragen. Nicht nur US weit, sondern vor allem auch in etlichen der umkämpften Swing States. Das ist schon erstaunlich, denn Biden taucht nicht gerade oft auf. Er ist zu Hause, gibt Interviews per Skype oder Zoom und hält sich an die „social distancing“ Regeln und Regularien des „Centers for Disease Control“ (CDC). Er muß gar nicht so viel machen, um zu punkten.

Mit fast 78 Jahren ist er die Hoffnung Amerikas. Foto: AFP.

Denn seinen Wahlkampf macht Donald Trump, der sich selbst zerlegt. Der meint noch immer, er spreche für die „silent majority“, all die Umfragen seien nur „fake news“. Trump zitiert nur dann solche Zahlen, wenn sie für ihn sprechen. Sein Umfeld scheint ihm zu erklären, Biden sei kein ernstzunehmender Gegner für ihn, am 3. November werde er, Trump, wiedergewählt werden.

Erstaunlich ist die derzeitige Stimmung schon in den USA. Es sieht nach einem Wahlsieg von Joe Biden aus, doch das nicht, weil dieser so überzeugend ist, mitreißende Programme vorstellt, das Land mit denkwürdigen Reden eint. Nein, Biden liegt einfach vorne, weil Trump eben Trump ist. Der meint, er kann alles, weiß alles und vor allem alles besser als Fachleute. Diese Haltung bringt ihn gerade ziemlich aus dem Gleichgewicht, denn die USA durchwandeln eine Krise, wie sie so noch nie dagewesen ist. Eben eine führungslos erlebt.

Amerika wird denn auch nicht unbedingt am 3. November für den Demokraten Biden stimmen, sondern eher gegen den Amtsinhaber. Die „silent“ und „not so silent majority“ im Land hat genug von Donald Trump. Dessen tägliches Gepoltere auf Twitter, dessen Unfähigkeit in der Corona Krise, dessen unpassende Antworten auf die historisch notwendige und tiefgehende „Black Lives Matter“ Debatte im Land, haben bei den Demokraten zu einem Schließen der Reihen geführt. Bei den Republikanern wuchs die Gruppe der Zweifler und derer, die sagen, sie werden diesmal überhaupt nicht zur Wahl gehen oder nur für die Kongressabgeordneten stimmen. Und die „Independents“, die mal so und mal so wählen, wurden von Trump alles andere als überzeugt, denn weder seine vielgepriesene Steuerreform, noch seine Aufkündigung von Obamacare kam ihnen zugute. Und das gepaart mit Trumps Ton und seinen dilettantischen Manövern gerade in diesem Jahr macht das Ankreuzen am Wahltag einfach.

Trump wird also am 3. November vor allem über sich selbst stolpern. Das ist passend für einen Narzisten, einen Mann, der von sich selbst sagt, keine Fehler zu machen. Das wird an ihm nagen. Vielleicht, so zumindest die Hoffnung. Wahrscheinlicher ist, dass er andere für seine Niederlage verantwortlich macht, einen Wahlbetrug sieht und fest davon überzeugt sein wird, eigentlich doch die Wahl gewonnen zu haben. Aber das wäre egal. Die große Frage ist eigentlich nur, wie dieses Land nach Trump wieder auf Kurs kommen kann. Ob Joe Biden der richtige Mann im Oval Office sein wird, um die innere Einheit zu schaffen und das Vertrauen von außen wieder zu bekommen, ist fraglich. Vieles hängt von dem ab, wen er mit ins Boot holt. Und wohl auch davon, ob die Republikaner selbst einen Schlußstrich unter das Kapitel Donald Trump ziehen, oder ob sie glauben, sie müssen in den kommenden vier Jahren offene Rechnungen begleichen.

Covid-19 in San Quentin

San Quentin von oben.

Im Landeanflug auf den internationalen Flughafen von San Francisco ging es gestern über das Staatsgefängnis von San Quentin. Ich dachte an Reno, den ich schon seit etlichen Wochen nicht mehr gesprochen hatte. Mein Brief blieb vor meiner Abreise unbeantwortet. Ich verfolgte die Nachrichten, wußte, dass Covid-19 hinter den Gefängnismauern besonders heftig wütete. Weit über 1600 Gefangene wurden positiv getestet, ein Drittel aller Häftlinge.

Und auch im East-Block, dem Todestrakt von San Quentin, wurde Covid-19 nachgewiesen. Insgesamt starben etwa zweit Dutzend Gefangene, etliche davon auf Death Row. Reno ist 75 Jahre alt, gesundheitlich mehr als angeschlagen. Ich hatte mit dem Schlimmsten gerechnet. Doch heute kam ein Anruf von ihm. Er lebt. Und darüber ist er selbst überrascht. Dreimal wurde er in den letzten Wochen in Krankenhäuser verlegt, drei verschiedene in der San Francisco Bay Area. Er konnte nicht anrufen, nicht schreiben. Es ging ihm schlecht, sehr schlecht.

Seit Montag ist er wieder in seiner Zelle. Das Atmen falle ihm schwer, er bekomme Sauerstoff. San Quentin ist noch immer unter verschärftem „Lock-Down“, Frühstück und Mittagessen erhalten die Gefangenen nun in braunen Papiertüten in ihren Zellen. Keine Besuche sind erlaubt, selbst Rechtsanwälte haben derzeit keinen Zugang zu ihren Klienten. Die Situation in San Quentin geriet im Mai außer Kontrolle, als der Staat 121 Häftlinge aus einem anderen Gefängnis dorthin verlegte. Alle waren zwar vorab getestet worden, doch die Befunde lagen noch nicht vor. Etliche von ihnen waren positiv. Diese Erkenntnis kam zu spät. Covid-19 breitete sich da bereits in den engen Unterkünften und Lebenssituationen von San Quentin aus. „Laß uns am Montag oder Dienstag reden, dann habe ich wieder das Telefon. Ich muß mich hinlegen“, meinte Reno nach wenigen Minuten am Telefon. Er lebt, das ist zumindest eine gute Nachricht in diesen Tagen.

Coming home…

Der Münchner Airport war im internationalen Bereich fast leer. Keine Läden waren geöffnet, die LH-Lounges geschlossen, irgendwie schien alles viel dunkler, man spart in diesen kümmerlichen Reisetagen wohl auch am Licht. Im Flieger von MUC nach SFO war vielleicht gerade mal jeder vierte oder fünfte Sitz besetzt. Der Abstand konnte eingehalten werden, Mund-Nasen-Schutz war während der gesamten Reise vorgeschrieben. „Zum Essen und Trinken können sie die Maske abnehmen“, meinte der nette Mann bei seiner Durchsage.

Damit man es nicht vergisst.

Auf dem Flug bekamen die Passagiere ein Formular des „Center for Disease Control“ (CDC), auf dem man Name, Adresse in den USA und Symptome angeben mußte. Nur einzeln durfte man in San Francisco das Flugzeug verlassen, noch vor dem Terminal warteten Mitarbeiter des CDC im Gate-Tunnel, um weitere Fragen zu stellen und die Formulare einzusammeln. „Haben Sie Fieber?“, fragte mich die nette Frau und ich dachte sie fragt das, weil ich etwas in Schwitzen gekommen war. „Nein, mir ist nur warm“, antwortete ich. Damit war sie zufrieden. Sowieso komme ich mir in diesen Tagen blöd vor, wenn ich schwitze. Auch im Flieger schafften die es wieder nicht, in diesem sündhaft teuren Flugobjekt die Klimanlage so einzustellen, dass man nicht schweißgebadet aufwacht. Ich hoffte nur, dass da niemand an meinem Platz vorbeikam, mich sah und sich dachte, ich fiebere vor mich hin. Von der CDC-Dame erhielt ich dann noch einen „Flyer“ falls Unklarheiten bestehen sollten. Das war es dann.

Gähnende Leere auch hier im internationalen Terminal des Airports. Keine Schlange an der Passkontrolle, das Gepäck kam schnell, es waren ja kaum Passagiere an Bord. Sowieso fehlten andere ankommende Flieger. Normalerweise landen um diese Zeit gleich mehrere Maschinen aus aller Welt. SFO ist in normalen Zeiten eine der wichtigen Drehscheiben an der amerikanischen Westküste. Und auch draußen das selbe Bild, kaum Wartende, keine langsam fahrenden Autos, keine Polizisten, die mit lauten Pfiffen zum Weiterfahren aufforderten.

Nun sitze ich wieder daheim in Oakland. Die letzten zwei Wochen gingen wie im Flug vorbei. Wann die nächste Reise klappen könnte, kann ich noch gar nicht sagen, noch nicht absehen, hier und da fließt bis dahin noch viel Wasser durchs Golden Gate und die Pegnitz runter. Wie heißt es so schön: schaun mer mal!

 

Der neue Ton des Donald Trump

Man sollte sich nicht täuschen lassen. Die “Einsicht” von Donald Trump, die Corona Krise nun endlich als nationale Krise einzustufen ist sicherlich richtig, kommt aber viel zu spät und ist garantiert nicht ein Anzeichen dafür, dass der Präsident nun endlich umdenkt.

Vielmehr eskaliert Trump den Wahlkampf mit seinen Horrorbildern des brutalen Straßenkampfes in den amerikanischen Großstädten, mit der Entsendung von Spezialeinheiten der Bundespolizei nach Portland, Chicago, Albuquerque und anderen US Städten, von seinen Drohgebärden unter einem Präsident Biden würden die USA im Chaos enden, von seiner geschichtstauben Auffassung, die weißen Vorstädte müssten gerettet werden.

Einige im Umfeld von Donald Trump haben wohl erkannt, dass der Hauptfeind im Wahlkampf nicht die Demokraten sind, sondern das Corona Virus. Joe Biden muß eigentlich gar nichts machen und steigt trotzdem in den Umfragen. Nicht nur in den nationalen, sondern eben auch in jenen in den sogenannten Swing States, die die Wahl am 3. November entscheiden werden. Sogar im republikanischen Texas gibt es ein Kopf an Kopf Rennen zwischen Trump und Biden, der “Lone Star State” wird nun sogar als “Swing State” gehandelt, etwas, was vor ein paar Jahren noch undenkbar erschien.

Maskentragen sei nun „patriotisch“, erklärt „Lone Ranger“ Trump. Foto: AFP.

Corona ist nun also der Hauptgegner, Trump will sich fortan als Kriegspräsident gegen das “China Virus” darstellen, fordert nun die Amerikaner zum Maskentragen auf, das sei patriotisch, erklärt er. Kein Wort darüber, dass er monatelang all jene verunglimpfte und belächelte, die einen Mund-Nasen-Schutz trugen. Nun erklärt er, er selbst sehe richtig gut aus mit Maske, wie eben der “Lone Ranger”. Seine Anhänger feiern ihn nun als “bad ass president”. Trump ging nun sogar so weit, den großen Wahlkonvent der Republikaner zu canceln, aus “Vorsicht”. Die Städte und Bundesstaaten sollten fortan selbst entscheiden können, wie sie vorgehen wollen und erhielten dafür auch noch finanzielle Unterstützung aus Washington. Ganz neue Töne. Vor ein paar Wochen und Tagen klang das noch anders, doch anscheinend müssen selbst ein Trump und sein Team erkennen, dass sich die Zeiten dramatisch geändert haben. Der US Präsident kann sich nicht mehr hinter der unsinnigen Aussage verstecken, man habe in den USA nur deshalb so viele positive Corona Fälle, weil man viel mehr als anderen Nationen teste.

Fakt ist, Amerika hat ein Problem. Um eine Pandemie dieses Ausmaßes unter Kontrolle zu bekommen, müsste noch viel mehr getestet werden und vor allem schnell. Derzeit dauert es etwa acht Tage in den USA um einen Befund nach einem Covid-19 Test zu erhalten, viel zu lange, um die weitere Verbreitung des Virus zu verhindern. Fraglich ist auch, ob Trumps Anhänger den neuen Kurs des Maskentragens, des “Social Distancing”, des Rücksichtnehmens mittragen. Zu lange hat genau dieser Präsident das Gegenteil gepredigt, die nationale und internationale Krise verharmlost, davon gesprochen, dass das Virus einfach verschwinden wird, die Corona Krise als von Demokraten und Medien gehypte Anti-Trump-Kampagne abgetan.

Die Frage ist daher, ob diese offensichtliche Kehrtwende ohne Eingeständnis Fehler gemacht zu haben bei den Wählerinnen und Wählern ankommen wird. Eigentlich ist zu offensichtlich, was Trump da vorhat. Hier sich nun als fürsorglichen Landesvater darzustellen, dort den harten “Law & Order” Führer zu spielen. Es ist ein Bild, das hinten und vorne nicht passt. Trump eskaliert und unterminiert weiter, schafft Fakten, die noch lange nach ihm das Leben und das Miteinander in den USA bestimmen werden. Amerika heute ist nicht mehr das Land, in das ich vor 24 Jahren immigriert bin.

Na, da schau her!

Der Flug LH459 von San Francisco nach München war vielleicht zu einem Drittel gefüllt. Das Einsteigen ging so schnell, dass wir verfrüht vom Gate abstoßen konnten. 15 Minuten vor der geplanten Ankunftszeit erreichten wir MUC. Auf den Rollfeldern kaum etwas los und auch an den Gates standen nur wenige Flugzeuge. Der Flug selbst war entspannt, das Tragen des Mund-Nasen-Schutzes war vorgeschrieben, außer beim Essen und Trinken.

Das Tor am Gate war noch geschlossen, als ich ins leere MUC Terminal kam. Sechs Bundespolizisten saßen an der Passkontrolle, kein Mensch weit und breit zu sehen, ich war der erste aus meinem Flieger. “Wo kommen Sie her?” “Aus San Francisco”. Er schaute auf meinen Pass und forderte mich auf, kurz die Maske abzunehmen: “Sie leben dort?” “Ja.” “Sie wissen, dass sie sich nun für 14 Tage in Quarantäne begeben müssen“, er hielt einen Informationszettel in die Höhe. “Den habe ich im Flugzeug schon erhalten.” “Schönen Tag”. “Auf Wiedersehen”.

Das wars, niemand fragte mich wohin ich eigentlich will, keiner verlangte die genaue Adresse zu der ich reise. Damit hatte ich nicht gerechnet, ich war darauf vorbereitet, dass ich zumindest einen Zielort angeben muß, denn wie soll das örtliche Gesundheitsamt wissen, dass ich komme, dass ich da bin, dass ich wieder abreise, wenn die Information der Einreise gar nicht weitergegeben wird?

Meine Koffer kamen schnell auf dem Gepäckband, es war wohl der einzige Flieger, der gerade entladen wurde. Mein Neffe holte mich ab, er wartete in der fast menschenleeren Empfangshalle. Auf dem Parkplatz kaum Autos. Nur die A9 war mal wieder verstopft an Endlosbaustellen. “Welcome to Bavaria”

Nix los an SFO

Im vergangenen Jahr reisten fast 58 Millionen Passagiere durch den San Francisco International Airport. Heute war ich um kurz nach 15 Uhr der einzige, der vor dem internationalen Terminal ausstieg. Weit und breit niemand. Kein Polizist rief „move your car“. Nix, niemand.

Einchecken ohne Schlange, an jedem Schalter sind Plexiglasscheiben angebracht. Weder der SFMOMA Store ist offen, noch der Food Court. Die Gates im südlichen Teil des Terminals sind ganz verrammelt. Rund zwei Dutzend TSA Angestellte stehen sich die Beine in den Bauch. Sie haben nichts zu tun. Auch an der Sicherheitscheck kein Warten, bei der Passkontrolle heißt es lediglich, nehmen Sie mal kurzdie Maske ab. Ein Blick auf den Pass, ein Nicken, gut ist.

Im eigentlichen Terminal scheint der Lufthansa Flug für eine ganze Weile der einzige zu sein. An allen Gates heißt es „closed“. Nur am Gate 08, wo die Maschine nach München abfliegen soll, sitzen ein paar Maskierte herum. Überall sind die Abstandsaufkleber zu sehen, auf dem Boden, auf den Sitzgelegenheiten. Und die Läden sind geschlossen. Nur ein Restaurant hat geöffnet, das Japanische, aber dort sitzt niemand. Die Angestellten unterhalten sich ungestört hinter dem Tresen.

Es herrscht eine seltsame Atmosphäre im gesamten Terminal. In der Ferne kann man geparkte United Flieger sehen, denn SFO ist ja einer der „Hubs“ der US Airline. Wenige Maschinen sind an den Gates zu sehen. Ich bin gespannt auf den Flug und wie die Freiheit wohl über den Wolken in diesen Tagen gehandhabt wird.