Ein Stück Kongo in der Hosentasche

Was schreibt man über ein Buch, das einen tief beeindruckt, bewegt, fasziniert? Es ist schwer, das in Worte zu fassen, was David Van Reybrouck mit „Kongo – Eine Geschichte“ gelungen ist. Der Belgier hat über Jahre hinweg den Kongo bereist, Gespräche geführt, Interviews aufgezeichnet, alle Ecken des Landes kennengelernt, sich umfassend mit der Geschichte dieses Landes im Herzen des Kontinents auseinander gesetzt. Der Kongo ist nicht weit weg, er war und ist Spielball Amerikas, Europas und nun Asiens. Die Belgier, die Deutschen, die CIA, Che Guevara, im Kongo war im 20. Jahrhundert die Bühne, auf der die Welt verrückt spielte.

Den Kongo zu beschreiben ist unmöglich. Was dort passiert, gerade in den letzten 20 Jahren, ist nicht zu verstehen. Es ist ein Land in der Größe Westeuropas. Ein Land ohne Infrastruktur, man kann nicht von der Hauptstadt Kinshasa in den Osten des Landes fahren. Es existieren keine Straßen (mehr), keine Kanalisation, keine Trinkwasser- und Stromversorgung. Als das Land nach 80 Jahren brutalster Ausbeutung unabhängig wurde, hinterließen die Belgier ein funktionierendes Infrastrukturnetz. Doch von dem ist nicht mehr viel übrig. Was folgte ist das Abgleiten eines ganzen Landes ins Chaos.

David Van Reybrouck beschreibt lesenswert die Geschichte und die Geschichten des Kongo. Seine Politik, seine Kultur, seine Ethnien. Er geht darauf ein, wie dieses wunderbare Land zwischen Ost und West, zwischen den verschiedensten Machtinteressen in der Region und in Übersee aufgerieben wurde. Seit nunmehr 130 Jahren wird der Kongo ausgebeutet. Und es ist nicht einfach so, dass all das weit weg ist, uns nichts angeht. Was Van Reybroucks Buch so besonders macht, ist, dass er zeigt, wie sehr der Kongo eigentlich in unserer Mitte ist. In jedem Handy in unserer Hosentasche, in jedem Computer auf unserem Schreibtisch steckt ein Stück aus der Erde dieses reichen Landes. Es geht uns an, was dort passiert, wie die Ressourcen dort geplündert werden. Wie eine korrupte Regierung, wie Rebellengruppen die eigene Bevölkerung unterdrücken, plündern, vergewaltigen, ermorden, in Armut verkommen lassen. Im Kongo ist Krieg und wir tun so, als ob es uns nichts angeht. Das Land könnte aufgrund seiner Bodenschätze, seiner Lage und seines kraftvollen Flusses in seiner Mitte zu den reichsten Ländern der Welt gehören, doch es ist das Armenhaus des Kontinents.

Die größte UN Friedensmission ist im Kongo. Jedes Jahr verschlingt sie eine Milliarde Dollar. Doch geändert hat sich nichts. Das Land versinkt weiter im Chaos. Das Buch von David Van Reybrouck wirft Fragen auf, vor allem warum. Warum schreitet die Weltgemeinschaft hier nicht tatkräftiger ein? Rund fünf Millionen Tote in den letzten 15 Kriegsjahren sollten nicht einfach übersehen werden. Warum? Man sollte sich auch fragen, wie die Kongo Strategie der Bundesrepublik, der Europäischen Gemeinschaft, der USA, der UN aussieht. Sie scheint nicht zu existieren und man fragt sich nach dem Lesen dieses Buches, warum eigentlich nicht?

Am Ende bleibt für mich nur eine Frage an den Autoren. Hat er Hoffnung, dass sich im Kongo etwas ändern wird? Im Buch beantwortet er diese nicht. Ich habe ihm geschrieben, die Antwort steht noch aus.

„Kongo – Eine Geschichte“ von David Van Reybrouck ist nun auch als Taschenbuch erschienen.