Der Ton macht die Musik

Seit dem Wahlkampf von Donald Trump hat sich der Ton in den USA verändert. Seit die AfD für deutsche Parlamente kandidiert, hat sich der Ton in Deutschland dramatisch verschärft. Seit Populisten in vielen EU Ländern auf dem Vormarsch sind, hat sich der europäische Ton verschlechtert. Wobei man das Wort „Populismus“ mehr als hinterfragen sollte, denn „auf der Seite des „einfachen Volkes““ stehen Populisten nicht, auch wenn sie das stets erklären. Ganz im Gegenteil, mit Hass und Wut, Übertreibungen und Lügen agitieren sie und spielen damit gefählich mit dem Feuer.

Donald Trump spielt mit dem Feuer. Foto: Reuters.

Donald Trump beschreibt Menschen aus Mexiko, aus Honduras, Guatemala, El Salvador als Vergewaltiger, Kriminelle, als Tiere. Von Flüchtlingen hält er nichts, will sie nun ohne Gerichtsverfahren in die Länder zurück schicken, aus denen sie gekommen sind. Das Asylrecht will er untergraben. Er verkennt die Immigrationsgeschichte seines eigenen Landes, denn aus Deutschland, Irland, Italien, China, Mexiko, Russland, Polen, Somalia, Indien, aus aller Herren Länder kamen über die Jahrhunderte nicht die besten der Besten, wie Trump es nun fordert. Aus all diesen Ländern kamen Flüchtlinge, Notleidende, Menschen auf der Suche nach Wohlstand, nach Sicherheit, nach einem besseren Leben. Familien, Abenteurer, daheim Gescheiterte, und all sie machten und machen Amerika heute aus. Wer diesen wichtigen Grundsatz Amerikas unterschlägt, verkennt, dass Immigranten Amerika groß gemacht haben. MAGA made by Immigrants!

Es ist nicht viel anders in Deutschland. Auch hier hat sich der Ton verändert. Was ich online in den sozialen Medien lese, was ich von der politischen Berichterstattung in den Fernseh- und Nachrichtensendungen höre und sehe, was ich in den Zeitungen und Magazinen mitbekomme und was ich auf den Straßen erfasse, auch hier werden von Brandstiftern Flüchtlinge und Asylsuchende mit Terroristen, Kriminellen, Verbrechern gleichgesetzt. Es gibt nach jeder schlimmen Straftat eine unsägliche Verallgemeinerung, die diesseits und jenseits des Atlantiks zur Tagesordnung geworden ist. Es ist eine gefährliche Entwicklung, die Menschen zu Schuldigen macht, die eigentlich nur Hilfe suchen, die „das einfache Volk“ gegen Andersaussehende, Anderssprechende, Andersdenkende ausspielen soll. Die Probleme einer Gesellschaft löst man aber nicht durch Spaltung und Ausgrenzung.

Was und wer ist amerikanisch? Was und wer ist deutsch? Vielleicht denke ich auch nur so, weil ich der Sohn eines Vertriebenen bin, der seinerzeit von Deutschen als Flüchtling bezeichnet und abgestempelt wurde. Vielleicht denke ich so, weil ich mich noch an den Mauerfall erinnern kann und daran, wie DDR Bürger Willkommen geheißen wurden, die Wiedervereinigung trotz der immensen Kosten für die Bundesbürger als Chance für Deutschland gesehen wurde. Vielleicht denke ich auch nur so, weil ich heute selbst Immigrant bin und daraus kein Geheimnis mache.

Operativer Vorgang „Sumpf“

Heute kamen hier in Oakland per Post die Kopien meiner angesammelten Unterlagen an, die in den Stasi Archiven in Berlin und im früheren Bezirk Karl-Marx-Stadt gefunden wurden. Vor rund zwei Jahren hatte ich nach langem hin und her dann doch mal einen Antrag ausgefüllt, kurz danach erhielt ich einen Brief, in dem stand, dass der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes etwas unter meinem Namen gefunden habe. Nun also liegen diese Informationen hier vor mir, schon seltsam, was da gesammelt, welche Informationen angehäuft wurden, wer da etwas über andere erzählte. weiter lesen

Im Sonderzug nach Karl-Marx-Stadt

Heute lag dieser Brief im Kasten. Ein grauer Umschlag, keine Adresse darauf. Aufgerissen und da stand „Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik“. Alles klar, da hatte ich vor ein paar Monaten hingeschrieben, einen Antrag eingereicht, hier in San Francisco beim Generalkonsulat abstempeln lassen, um nachzuweisen, dass ich auch wirklich der bin, der den Antrag stellt.

Eigentlich wollte ich das schon lange gemacht haben. Damals schon, als mir mein Freund aus dem sächsischen Freiberg erzählte, dass er in seinen Unterlagen Kopien der vielen Briefe fand, die wir damals hin und her über die innerdeutsche Grenze geschickt hatten. Ich fragte mich, was da wohl noch so aufgelistet war und ob da mehr über mich steht? Denn in den letzten Jahren vor dem Mauerfall war ich regelmäßig im Amtsbezirk Karl-Marx-Stadt unterwegs. Das waren keine subversiven Treffen, das war ein Teilnehmen an der Arbeit kirchlicher Umweltgruppen. Ich war fasziniert von dem, was ich da erleben konnte und durfte. Die ersten überregionalen Treffen, die Diskussionen, die Ideen, die Ziele, die Träume von einer anderen, einer „besseren“ DDR. Alles harmlos im Nachhinein.

Und nun dieser Brief, der nichts besonderes ist. Auch das, was da in den Akten zu finden sein wird, ist nichts besonderes. Was mich mehr interessiert ist, ob ich rauslesen kann, wer da was gesagt hat. Vor allem, ob da ein Jemand in Nürnberg etwas zu gesprächig war. Wundern würde es mich nicht, bei allem, was ich über die Arbeit und die Kontakte der Stasi gelesen habe.

 

Ein Rammstein packt aus

"Der Tastenficker" ist der Rückblick des Rammstein Keyboarders Flake.

„Der Tastenficker“ ist der Rückblick des Rammstein Keyboarders Flake.

„Niemand, ich betone, niemand würde dieses Buch in die Hand nehmen, wenn ich nicht zufällig in dieser Band spielen würde“. Das schreibt Flake auf der Rückseite seines Buches „Der Tastenficker“, erschienen bei Schwarzkopf & Schwarzkopf. Und recht hat er. Niemand würde sich um seine Erinnerungen, Eindrücke, Erfahrungen, Erlebnisse kümmern. Und doch, gerade weil er in dieser „Band“ spielt, ist das Buch lesenswert. Es gibt einen Einblick auf einen Musiker, der problembeladen seinen Weg ging und geht, der meint, nur durch Zufall sei er in der „Band“ gelandet. Die brauchten halt einen Keyboarder, so Flake.

Flake vermeidet bis wenige Worte vor dem Ende das Wort „Rammstein“, er redet nur hin und wieder von „der Band“. Er beschreibt seine Kindheit, seine Phobien, kommt manchmal als liebenswerter Trottel rüber, den andere ausnehmen. Aber seine Geschichte ist wohl vergleichbar mit vielen, die in der DDR aufgewachsen sind, sich irgendwie damit arrangiert hatten ohne Teil davon zu werden. Sie erlebten zwei  Systeme und den Wandel der Zeit. Darum geht es auch in diesem Buch. Flake nennt sich „Tastenficker“, doch er ist auch ein Freischwimmer, der sich irgendwie durchgekämpft hat und nun zu einer der bedeutendsten Bands unserer Zeit gehört. Ob das Zufall war, wie er meint, oder logische Konsequenz, er ist da, wo er sein sollte, und ergänzt durch seine zappelige Art und Weise diese auf Perfektion getrimmte Band.

Ich hatte Flake ein paar Mal hier in den USA für Interviews getroffen. Das war noch bevor sie die großen Stadien füllten. Was mich von ihm überzeugte, und warum ich auch dieses Buch lesen wollte, war, dass er nicht abgehoben, auf dem Boden der Tatsachen, sympathisch und locker daher kam. Wir unterhielten uns über die Musik, klar, aber auch über alles mögliche. Er fragte mich aus über die USA, die ihn auch in seinem Buch fasziniert.

„Der Tastenficker“ ist eine Beschreibung, einfach und direkt geschrieben, so, als ob er einfach alles in ein Diktiergerät gesprochen hat. Wahrscheinlich sogar noch mit Kassette, Flake lebt in seiner eigenen Welt, die irgendwo stehen geblieben ist. Und das sage ich nicht, um ihn abzuwerten. Ganz im Gegenteil, es ist überraschend, dass jemand, der durch die Welt tourt, die größten Bühnen und Festivals bespielt und mit deutschsprachigen Songs international Musikgeschichte geschrieben hat und eben Teil dieser „Band“ ist, dass dieser jemand so offen von sich schreibt, Fehler und Mängel eingesteht, von sich behauptet er renne keinen Trends hinterher, sich so öffnet und sagt, eigentlich ist er ein ganz uncooler Typ, den man nicht beachten würde, wenn er eben nicht einer von R+ wäre. Das macht ihn für mich sympathisch, das macht das Buch lesenswert. Sicherlich nicht die erwartete Biographie eines Rammsteiners. Aber vielleicht gerade doch, denn sie haben es immer wieder geschafft etwas ganz anderes zu machen, als alle vorhergesagt haben.

GI’s in Germany

A GI's Germany, Platte für die US Streitkräfte in Deutschland.

„A GI’s Germany“, LP für die US Streitkräfte in Deutschland in den frühen 60er Jahren.

Schon seit langem wollte ich mal wieder im Plattenladen von Arhoolie Records vorbeischauen. Der „Down Home Music Store“ liegt in El Cerrito, neben Berkeley, und ist im selben Gebäude, wie das von Chris Strachwitz gegründete Label, untergebracht. Gestern hatte ich Zeit und fuhr vorbei. Ein Plattenladen ganz nach meinem Geschmack. Weltmusik und Folk, Country und Jazz CDs. Und dann im Nebenzimmer Vinyl. Altes, sehr altes, obskures. Der Geruch im Raum ist einzigartig, schwer zu beschreiben für jemanden, der noch nie auf Plattenjagd war.

Und natürlich wird man hier fündig. Mich zog es zur Regalwand mit den internationalen Aufnahmen. Dort unter „Germany“ fand ich gleich ein paar Platten. „A GI’s Germany“ Vol.1 und Vol.2, zwei LPs, die Anfang der 60er Jahre von den amerikanischen Streitkräften herausgegeben wurden. Darauf Klänge aus Deutschland. Musik, Bierhallen, Kirchenglocken und auch militärische Sounds, wie vom Trainingsgelände in Grafenwöhr. Es ist eine Art Dokumentation für Neuankömmlinge, was auf sie in Deutschland wartet. Und dann auch ein klangreicher Rückblick für all jene Soldaten, die in der Bundesrepublik stationiert waren. Ein besonderer Hörgenuß, irgendwie vertraut und dann doch so schräg-seltsam-schön. Hier kann man beide Platten online hören.

100 Jahre deutsches Arbeiterlied

100 Jahre deutsches Arbeiterlied

Und dann fand ich auch noch eine 1973er Platte „100 Jahre Deutsches Arbeiterlied“, eine Dokumentation veröffentlicht auf dem DDR Label „Eterna“. Der Journalist und Sprecher Hans Jacobus erzählt, ganz im Stil und im Sinn der kommunistischen Führung in Ost-Berlin, die Geschichte des Arbeiterliedes. Viel Musik ist zu hören, Kampflieder, Anti-Faschismus Songs, Lieder des Proletariats, Solidaritätsgesänge. Diese Doppel-LP ist ein Zeitdokument in zweierlei Hinsicht. Das Thema Arbeiterlied und dann auch die kommentierte DDR Veröffentlichung.

Und all sowas findet man in den USA, in Kalifornien, in El Cerrito. Es ist immer wieder erstaunlich, was man hier in die Hände bekommt. Und an Buch- und Plattenläden kann ich einfach nicht vorbei gehen. Wie könnte ich auch, bei solchen Schätzen.

US Überläufer in der DDR

      Interview mit Peter Köpf

Das gab es auch. US Soldaten, die sich in den 1950er Jahren von West nach Ost aufmachten, ihre Truppe verließen und in die DDR gingen. Einige hatten persönliche Gründe für diesen Schritt, andere glaubten an die sozialistische Idee und wollten beim Aufbau der DDR mithelfen, wieder andere sahen die US Army als „imperialistische Armee“ und wollten nicht länger Teil davon sein.

Lange Jahre war dieses Thema verschüttet. Der Berliner Journalist Peter Köpf hat nun im Ch. Links Verlag das Buch „Wo ist Lieutnant Adkins?“ veröffentlicht. Durch Zufall stieß er in einer Fußnote auf diese Geschichte. Drei Jahre lang recherchierte er, durchstöberte rund 50.000 Seiten an Dokumenten und Archivmaterial und schrieb schließlich dieses interessante Kapitel der Nachkriegsgeschichte auf.

Dazu das aktuelle Interview mit dem Autoren Peter Köpf.