Gaskammern für die USA

Die Gaskammer im kalifornischen San Quentin. Mehrere US Bundesstaaten überlegen derzeit erneut die Vergasung von Todeskandidaten einzuführen. Foto: Reuters.

Heute ging die Nachricht durch alle Medien. Amnesty International berichtet, dass die Zahl der Hinrichtungen weltweit zurück gegangen sei, auch die Anzahl der Todesurteile habe sich verringert. Doch diese Angaben wurden gemacht, obwohl es keine vollständigen Daten gibt. In China und auch anderen Ländern werden die Zahlen von durchgeführten Exekutionen nicht veröffentlicht.

In den USA allerdings wird derzeit in vielen Bundesstaaten ganz offen überlegt, wie man die Todesmaschine wieder anlaufen lassen kann. Dale Baich ist Rechtsanwalt, der sich seit 1988 als Pflichtverteidiger für Todeskandidaten einsetzt. Baich, der in Arizona lebt, vertritt auch mehrere “Death Row” Häftlinge in Oklahoma, einem Bundesstaat, der nun für Hinrichtungen wieder die Vergasung einführen will. Ich konnte ihn telefonisch erreichen.

– Oklahoma will zukünftig die Hinrichtungen mit Stickstoff durchführen, warum?

Baich: Das zuständige Ministerium für den Strafvollzug erklärte, dass es nicht in der Lage ist, die Substanzen zu bekommen, die für eine tödliche Injektion vorgeschrieben sind.

– Was weiß man über das Hinrichten mit Stickstoff?

Baich: Keiner weiß, ob Stickstoffgas funktionieren wird. Es wurde so bestimmt, weil das Ministerium für den Strafvollzug diese Schwierigkeiten hatte, die chemischen Substanzen für die Injektion zu beschaffen. 2015 schon erlaubte das Parlament in Oklahoma, dass Hinrichtungen mit Stickstoff als eine Möglichkeit gesehen werden kann.

– Wurde denn in Oklahoma das Stickstoffgas getestet oder liegen andere Forschungsergebnisse diesbezüglich vor?

Baich: Wie ich das verstehe, haben sich Abgeordnete mehrere Videos auf youtube angesehen, in denen Leute Helium inhalieren und sie haben zwei Professoren der Kriminalistik an der “Eastern Oklahoma University” angehört, die allerdings keine medizinischen Experten sind. Darüberhinaus wurden Berichte von Piloten mit Hypoxie herangezogen. Und aufgrund dieser youtube Videos und den Berichten von Piloten, die einen Sauerstoffmangel erlebten, wurde entschieden, dass die Verabreichung von Stickstoffgas funktionieren wird.

– Wie kann ich mir das vorstellen, soll das Gas in einer Gaskammer oder über eine Maske verabreicht werden?

Baich: Wie das ganze durchgeführt werden soll ist noch nicht festgelegt. Offizielle in Oklahoma arbeiten noch an dem genauen Durchführungsprotokoll. Bei einer Pressekonferenz vor ein paar Tagen meinte der Direktor der zuständigen Behörde allerdings, dass sie darüber nachdenken, das Gas über eine Gesichtsmaske zu verabreichen.

– Gibt es neben Oklahoma noch andere US Bundesstaaten, die über die Nutzung von Stickstoff nachdenken?

Baich: Louisiana ist daran interessiert mit Stickstoff hinzurichten, auch Alabama denkt darüber nach. Aber Oklahoma war der erste. Aus historischer Sicht ist das interessant, denn Oklahoma war der Bundesstaat, der die tödliche Injektion für Hinrichtungen eingeführt hat. Oklahoma scheint also Vorkämpfer darin zu sein, wie man Menschen hinrichten kann.

– Wie wollen Sie gegen diese Vergasungspläne in Oklahoma angehen?

Baich: So lange wir nicht genau wissen, was in dem Ablaufplan steht, ist es schwer rechtliche Schritte darzulegen. Aber wir werden das genauestens lesen und uns mit medizinischen Experten kurzschließen, um die richtigen Schritte zu unternehmen.

– Von welchem Zeitrahmen sprechen wir hier, kann sich das über Jahre hinauszögern oder kann es ganz schnell gehen?

Baich: Das Ministerium für den Strafvollzug hat angedeutet, dass es etwa 120 Tage dauern wird, bis der genaue Ablaufplan feststeht. Dann wird das veröffentlicht. Der Staat Oklahoma kann ab diesem Zeitpunkt für 150 Tage keine Hinrichtungstermine festsetzen. Wir sprechen also von Ende 2018, Anfang 2019, bevor der Staat diese neue Methode der Hinrichtung ausprobieren könnte.

– Ist das ein Einzelkampf oder sehen Sie Ihre Bemühungen gegen den Einsatz von Stickstoff als Teil der Anti-Todesstrafen Bewegung in den USA?

Baich: Einige werden es sicherlich so sehen, dass es ein Teil der größeren „Anti-Death Penalty“ Kampagne ist, aber von unserer Perspektive als Anwälte betrachtet, vertreten wir nur unsere Klienten. Und wir vertreten sie bei den Herausforderungen der Anschuldigungen und Urteile. Wir schauen uns die Methode der Hinrichtung an, die der Staat wählt und wenn wir da ein verfassungsmäßiges Problem sehen, dann werden wir das anfechten.

– Gibt es einen “humanen” Weg der Hinrichtung?

Baich: Die Exekution durch Gas ist eine barbarische Praxis und es gibt keinen Grund für Oklahoma darauf zurück zu greifen und zu glauben, diese wäre sicherer und humaner. Das Verfassungsgericht hat entschieden, dass die Nutzung eines Barbiturats bei einer Hinrichtung nicht gegen die Verfassung verstösst. Ob das human ist, wissen wir nicht, denn es gibt keine Experimente an Menschen, um herauszufinden, wie man einen Menschen human tötet.

– Ist diese Debatte in einigen Bundesstaaten, wie man human hinrichtet, ein Zeichen dafür, dass das gesamte Todesstrafensystem in den USA gescheitert ist?

Baich: Viele Bundesstaaten schauen auf die Todesstrafe und erkennen, dass es eine gescheiterte Methode ist. Und die Frage, die gestellt werden muss ist, soll der Staat weiterhin Menschen hinrichten dürfen oder sollten wir das als eine Methode der Vergangenheit sehen und nach vorne blicken. Es gibt die Möglichkeit für die Bundesstaaten vorsätzlichen Morgen mit lebenslanger Haftstrafe ohne Aussicht auf Begnadigung zu ahnden.

– Worüber ich mich in all den Jahren in den USA immer wieder wundere ist, es gibt strikte Regeln und Vorgaben, wie ein Tier eingeschläfert werden muss. Warum gibt es keine genaue Vorgabe beim Hinrichtungsprozess?

Baich: Wenn wir Tiere einschläfern, dann tun wir das, um ihr Leiden zu beenden. Mediziner haben das herausgefunden, was am besten für die Haustiere ist. Es gibt aber diese Art der Forschung nicht für Hinrichtungen. Und Mediziner wollen daran auch gar nicht teilhaben, ihnen ist es sogar verboten Hinweise zu geben, wie man eine Hinrichtung durchführen sollte. Also bleibt uns die Behörde für den Strafvollzug und andere Amateure, die dann vorschlagen, was sie für den besten Weg halten, einen Menschen zu töten.

– Für mich als Deutscher ist es verstörend, dass in den USA über die erneute Einführung der legalen Vergasung gesprochen wird.

Baich: Es ist in der Tat mehr als verstörend, zuzusehen, wie in Oklahoma ein Schritt zurück gegangen wird. Aber der Großteil der Welt und viele Bundesstaaten in den USA blicken in die Zukunft und haben erkannt, dass die Todesstrafe eine verfehlte Politik ist.

– Wie sehen Sie die Zukunft der Todesstrafe in den USA?

Baich: Ich glaube, wir sind auf einem langen Weg hin zur Abschaffung. Wir sehen auch schon, dass das Verfassungsgericht bestimmte Gruppen von Menschen nicht länger hinrichten lassen will, wie Menschen mit geistigen Behinderungen oder Jugendliche. Aber ich glaube, die Entscheidungen müssen auf Bundesstaatsebene in den Parlamenten getroffen werden. Dort muss eine offene und ehrliche Diskussion geführt werden, darüber, ob sie die Todesstrafe beibehalten wollen oder sie als verfehlte Methode erkennen und andere Möglichkeiten der Bestrafung finden.

Aber Präsident Donald Trump hat jüngst sogar die Todesstrafe für Drogenhändler gefordert…

Baich: (Seufzt) Ich hatte gehofft, bald in Rente gehen zu können, ohne Arbeit dazustehen. Daraus wird wohl so bald nichts werden.

Dem Henker von der Schippe springen

Die Hinrichtungskammer in San Quentin. Foto: Reuters.

Was sagt man einem Mann, der seit 1978 in der Todeszelle sitzt und sterben will? Der Staat Kalifornien könnte schon bald wieder mit Hinrichtungen beginnen. Im vergangenen Jahr stimmte eine knappe Mehrheit der Wähler dafür, die Einspruchsmöglichkeiten von zum Tode Verurteilten zu verkürzen. Das kalifornische Verfassungsgericht hat vor ein paar Wochen dieses Gesetz weitgehend für rechtens befunden. Damit ist für 18 Todeskandidaten das Ende in Sicht. weiter lesen

Plastiktüten, Todesstrafe, Kondome und Limosteuer

Der Präsident ist durch und Kalifornien hat auch noch über anderes abgestimmt. Das Verbot von Plastiktüten bleibt im Sonnenstaat bestehen, Pornodarsteller müssen in ihren Filmen keine Kondome drüberziehen, in vielen Gemeinden wurde eine Limosteuer eingeführt, Zigaretten werden weiter besteuert, der Preis für eine Schachtel wird wohl um zwei Dollar steigen, der Verkauf von Munition wird drastisch verschärft und dann ist da noch die Todesstrafe. Kalifornien setzt politische Rauchzeichen, die auch in Washington gehört werden. Und diese Abstimmungen zeigen, dass Amerika auch mit einem Präsidenten Trump keinen Rechtsruck macht. Nicht die Themen für die Hillary Clinton steht wurden abgelehnt, sondern die Kandidatin. Viele der Stimmen für Trump waren vor allem Stimmen gegen Hillary Clinton.

Erleichterung nach der Wahl im Todestrakt von San Quentin. Foto: S. Robinson.

Erleichterung nach der Wahl im Todestrakt von San Quentin. Foto: S. Robinson.

Ich hatte ja schon in einem früheren Blogeintrag geschrieben, dass viele im Todestrakt von San Quentin gegen die Abschaffung der Todesstrafe und für die Beschleunigung der Verfahren sind, die nun auch zur Abstimmung standen. Und jetzt liegt das Ergebnis vor. Die kalifornischen Wähler haben sich mit 53,9 Prozent gegen eine Abschaffung der Todesstrafe und einer Umwandlung aller Todesurteile in lebenslängliche Haftstrafen ohne Aussicht auf Begnadigung ausgesprochen. Doch die Zahl der „Death Penalty“ Unterstützer sinkt weiter.

In der zweiten Abstimmung, die sich mit der Todesstrafe in Kalifornien befasste, votierten 50,9 Prozent der Wählerinnen und Wähler für eine Beschleunigung der Verfahren. Zwischen der Verurteilung und der Hinrichtung solle nicht mehr so viel Zeit vergehen, damit soll erreicht werden, dass die übervolle Death Row in Kalifornien mit derzeit über 750 Todeskandidaten geleert wird. Es gibt also noch eine Mehrheit in diesem Bundesstaat, die die Höchststrafe unterstützt. Doch diese Wahl zeigt, das Ende der Todesstrafe ist in Sicht.

Todeskandidaten gegen die Abschaffung der Todesstrafe

Am 8. November wird in den USA gewählt. Und hier stimmt man nicht nur für Donald oder Hillary ab, in Kalifornien sollen oder können wir 41 Mal unser Kreuzchen machen, sprich unsere Linie zwischen zwei Punkten ziehen. Es geht neben der Präsidentenwahl auch um Abgeordnete, Senatoren, Mitglieder verschiedener öffentlicher Unternehmen, Stadträte, Richter und dann noch allerhand „Volksentscheide“ auf staatlicher, kommunaler und Bezirksebene.

Vor mir liegt ein umfangreiches Heft, so dick wie DER SPIEGEL in guten Zeiten, zugeschickt von der Wahlbehörde. Darin die Auflistung all dieser Entscheide, das Für und Wider. Als Wähler muß man hier seine Hausaufgaben machen, wobei viele wohl nur ihre Stimme für ihren Präsidentschaftskandidaten abgeben werden. Wer weiß schon, welche Qualitäten ein Richter oder ein Aufsichtsratsmitglied für das lokale UBahn-System, den Park Service oder die Schulbehörde mitbringt.

San Quentin Death Row. Foto: CDC.

San Quentin Death Row. Foto: CDC.

Zwei der Volksentscheide befasssen sich auch mit der Todesstrafe in Kalifornien. „Prop. 62“ sieht die Abschaffung der „Death Penalty“ und die Umwandlung aller Todesurteile in lebenslängliche Haftstrafen ohne Aussicht auf Begnadigung vor. „Prop. 66“ hingegen will eine Beschleunigung der Verfahren durch eine Beschneidung der Einspruchsmöglichkeiten und eine zusätzliche Verpflichtung von Rechtsanwälten erreichen. Beide Initiativen führen an, dass ihr jeweiliger Ansatz massiv Steuergelder einsparen würde.

Interessanterweise werden beide „Propositions“ im Todestrakt selbst abgelehnt. Das zumindest erklärten mir gleich mehrere zum Tode Verurteilte. Klar, „Prop/ 66“, die Beschleunigung des Verfahrens, stößt nicht auf viel Zustimmung auf der „Death Row“. Die Abschaffung der Höchststrafe, „Prop. 62“ kommt allerdings auch nicht gut an, denn mit der Verlegung in andere Gefängnisse und in den allgemeinen Strafvollzug, würden ein paar der Privilegien wegfallen, die die Todeskandidaten in San Quentin derzeit haben.

Ein ganz wichtiger Vorteil sind die Einzelzellen, in denen sie untergebracht sind. Diese sind zwar nur 1,40 Meter x 2,60 Meter groß, allerdings sind im normalen Strafvollzug in San Quentin zwei Häftlinge in solchen Zellen eingepfercht, heißt, wenn einer steht, muß der andere auf seinem Bett sitzen. Wenn einer die Toilette am Kopfende benutzt, geschieht das gleich neben dem Zellengenossen. Hinzu kommt mit einer Verlegung in andere und auch modernere kalifornische Gefängnisse ein Verlust von vielen Sozial-, Kunst- und Freizeitprogrammen. Im ältesten Knast Kaliforniens, direkt im Ballungsraum an der San Francisco Bay gelegen, gibt es mehr als 70 solcher Angebote, die vor allem von Freiwilligen von draußen durchgeführt werden. Darunter eine Uni, Yoga Klassen, Musik-, Kunst-, Bildungs- und Kulturangebote. Darüberhinaus würde mit einer Umwandlung in lebenslängliche Haftstrafen ohne Aussicht auf Begnadigung für einige Todeskandidaten die Tür nach draußen endgültig geschlossen sein. Mit dem Ende der Einspruchmöglichkeiten wäre ihr Lebenslauf abgeschlossen, sie wären vergessen hinter dicken Mauern. Es gibt sie, die Häftlinge, die nach wie vor behaupten, sie seien unschuldig oder hätten nicht mit dem Tod bestraft werden sollen. Einzig die Hoffnung hält sie in San Quentin am Leben, ein Leben auf „Death Row“.

„San Quentin you’ve been living hell to me“

Ein Samstagmorgen in San Quentin, an einem Wochenende, an dem meine Lange Nacht über das älteste kalifornische Staatsgefängnis auf Deutschlandradio Kultur und dem Deutschlandfunk läuft. Seit 1980 sitzt Reno dort auf Death Row, 1978 wurde er verhaftet. Heute ist er ein alter Mann, er sitzt im Rollstuhl, kann sich kaum erheben, als ich mit einigen Sandwiches, Cola und Popkorn in dem „Besucherkäfig“ eingesperrt werde, in dem er schon wartet.

Das kalifornische Staatsgefängnis von San Quentin.

Das kalifornische Staatsgefängnis von San Quentin.

8:30 ist mein Termin, vor ein paar Tagen hatte ich angerufen und nachgefragt, ob am Wochenende noch ein Besuchertermin offen sei. Am Eingang von San Quentin warten Dutzende Frauen auf den Einlass. Ich bin der einzige Mann, der in der Besucherreihe steht. Kontrolle, Metalldetektor und dann der lange Spaziergang zur „Bastille by the Bay“. Wie oft bin ich diesen Weg schon in den letzten 20 Jahren gegangen? Damals, 1996, war alles noch neu, ein komisches Gefühl im Bauch begleitete mich auf diesem ersten Besuch. Heute ist alles Normalität, man grüßt „Correctional Officers“ und andere Besucher. Ich weiß, nach was ich in den Automaten für Reno suchen muß, wie die Mikrowelle funktioniert, ein kleiner Plausch noch mit dem zuständigen Strafvollzugsbeamten, bevor der mich dann in den Käfig einsperrt. Reno, der schon drin ist, muß die Hände durch einen kleinen Schlitz stecken, ihm werden Handschellen angelegt, dann wird die stählerne Stahlschiebetür geöffnet, ich darf eintreten, die Stahltür schließt sich mit einem lauten Krachen. Anschließend die gleiche Prozedur, die Handschellen werden abgenommen. Eine kurze Umarmung, „Hello, here I am“.

Wir reden über alles mögliche, wir lachen, scherzen, essen und trinken gemeinsam. Reno fragt viel nach, will wissen, wen ich wählen werde. Ich erzähle ihm von meinen anstehenden Reisen, von dem, was ich gerade mache, von meinem Hund. Ein paar Stunden Unterhaltung, bevor ich zurück nach Oakland fahre, um mir das DFB Pokalfinale im Internetradio anzuhören und er zurück in seine 1,40 x 2,30 Meter große Zelle geht. Alltag in San Quentin.

„An einem Freitag vor 37 Jahren“

94964 ist die Postleitzahl, der Zip Code, von San Quentin.

94964 ist die Postleitzahl, der Zip Code, von San Quentin.

Im Oktober 1978 wurde Harold Memro verhaftet, zwei Jahre später zum Tode verurteilt und nach San Quentin gebracht. Damals waren nur ein Handvoll Häftlinge im kalifornischen Todestrakt untergebracht. Über die Jahre ist die Death Row auf über 750 Insassen angewachsen.

Heute war ich mal wieder bei Reno, wie er sich heute nennt. Ein Kollege, der derzeit an einem Artikel über die Todesstrafe schreibt und dem ich viel über San Quentin erzählt hatte, fragte, ob er ihn kennenlernen könne. Klar, meinte ich. Nach Absprache mit Reno, dem obligatorischen Formularausfüllen und einer längeren Planung war es nun soweit. Etwas verspätet kamen wir in San Quentin an. Einer der größeren Käfige war für uns schon reserviert. Reno saß schon dort und wartete auf uns. Getränke, Popcorn und Buffalo Wings aus dem Automaten, kurz heiß gemacht, dann wurden wir mit ihm gemeinsam in den Stahlkäfig gesperrt.

Für mich ist es nichts besonderes mehr, seit über 20 Jahren kenne ich Reno, seidem ich vor 19 Jahren in die San Francisco Bay Area gezogen bin, besuche ich ihn regelmäßig, fast wöchentlich telefonieren wir. Vor ein paar Monaten „feierte“ er in seinem 1.40 x 2,60 großen „Haus“, wie er seine Zelle nennt, seinen 70. Geburtstag. Mein Kollege hatte viele Fragen zum Tagesablauf auf „Death Row“. Es war eine lockere Unterhaltung, die auch um Freundschaften im Todestrakt, über Gefühle, Beziehungen, schöne und schlechte Tage ging.

Als Reno nach fünf Stunden wieder angekettet in den hinteren Teil des Besuchsbereichs gebracht wurde, um dort „strip searched“ zu werden, warteten wir vorne auf die Durchsage „Memro cleared“. Wir durften in die Sicherheitsschleuse treten, die eine Stahltür schob sich hinter uns zu, wir erhielten unsere Ausweise zurück, die andere Stahltür öffnete sich vor uns. Die Sonne strahlte am blauen Himmel, vor uns die Bay. „Und wenn er es wirklich nicht getan hat“, sprach der Printkollege seine Gedanken aus, darauf anspielend, dass Reno nach wie vor beteuert unschuldig zu sein. Ja, was dann? An einem Freitag vor 37 Jahren nahm Harold Memros Leben einen anderen Weg.

Einer wollte ihn nicht zum Henker schicken

James Holmes wird nicht zum Tode verurteilt. Foto: AFP

James Holmes wird nicht zum Tode verurteilt. Foto: AFP

James Holmes erschoss 2012 in einem vollen Kinosaal in Aurora, Colorado, 12 Menschen und verletzte 70 weitere, zum Teil schwer. Die Geschworenen, die über ihn richten sollten, verurteilten ihn nun wegen Mordes, doch die Todesstrafe wird er dafür nicht erhalten. Die Staatsanwaltschaft, Angehörige und viele Opfer selbst hofften auf ein klares Zeichen der 12, doch das blieb nun aus. Eine Geschworene meinte nach der Entscheidung zu einem Reporter, dass ein Geschworener die Todesstrafe blockierte. Er habe sich nicht überzeugen lassen, dass die Höchststrafe in diesem Falle angebracht sei. Alle anderen seien sich einig gewesen, dass Holmes für seinen Amoklauf sterben sollte. Nun erwartet James Holmes eine lebenslängliche Haftstraft ohne Aussicht auf Begnadigung.

Als ein grundsätzliches Zeichen gegen die „Death Penalty“ in den USA darf diese Entscheidung allerdings nicht gewertet werden. Eigentlich sollte jeder Angeklagte von einer Gruppe Mitbürger abgeurteilt werden, doch diese Gruppe repräsentiert zum einen nicht gerade oft die wirkliche Zusammensetzung der Bevölkerung. Zum anderen hat man als jemand, der die Todesstrafe ablehnt, kaum eine Chance auf eine Geschworenenbank zu kommen, in der es um Mord und die Möglichkeit auf ein Todesstrafenurteil gibt.

Ich selbst bin gegen die „Death Penalty“. Irgendwann wird ein Brief in meinem Briefkasten liegen, in dem ich aufgerufen werden, meiner „Bürgerpflicht“ als „Juror“ in einem Prozess nachzukommen. In Alameda County, wo ich wohne, wird die Höchststrafe noch manchmal von Staatsanwälten gefordert. Die Frage ist also, was ich bei der Auswahl der Geschworenen antworten werde, wenn die Frage kommt „Are you for or against the death penalty?“

Kein Platz mehr im Todestrakt

Eingang zum Todestrakt von San Quentin.

Eingang zum Todestrakt von San Quentin.

731 Männer und 20 Frauen sind in Kalifornien zum Tode verurteilt. Sie warten zum Teil schon seit fast 40 Jahren auf ihre Hinrichtung. Die Frauen sind in einem Sicherheitstrakt im Frauengefängnis von Chowchilla untergebracht, die Männer im ältesten Staatsgefängnis des Bundesstaates in San Quentin. Und hier sind sie einzeln in einer 1,20 Meter mal 2,60 kleinen Zelle weggesperrt. Die „Death Row“ in San Quentin kann 715 Gefangene aufnehmen, doch diese Zahl ist schon lange überschritten worden. Nun verlangt Gouverneur Jerry Brown vom kalifornischen Parlament eine finanzielle Spritze in Höhe von 3,2 Millionen Dollar, um weitere Todeskandidaten in anderen Zellenblöcken der „Bastille by the Bay“ unterzubringen. Angedacht sind 100 umgebaute Zellen und Waschräume.

Eigentlich war schon lange ein Neubau für die größte „Death Row“ in den USA geplant, doch nach wie vor ist fraglich, ob und wie lange es die Todesstrafe in Kalifornien überhaupt noch geben wird. Seit 2006 wurde kein verurteilter Mörder mehr hingerichtet. Damals war ich als Medienzeuge zur Hinrichtung von Michael Morales geladen worden. Die Aufgabe wäre gewesen, der Verabreichung der Giftspritze zuzusehen und anschliessend anderen Medienvertretern über das zu berichten, was ich gesehen hätte. Die Exekution wurde in letzter Minute gestoppt. Ein Bundesrichter verlangte, dass ein Arzt während dieser Prozedur dabei sein sollte, doch kein Mediziner ließ sich auf die Schnelle finden. Seitdem gab es in Kalifornien keine Hinrichtung mehr. Die Legalität des Giftcocktails und die gesamte Verfassungskonformität der Todesstrafe wird seitdem angezweifelt und vor den Gerichten diskutiert.

Und die „Death Row“ wächst dennoch weiter. Jedes Jahr kommen rund 20 neue Todeskandidaten hinzu. Seit 2006 ist die Zahl der Verdammten von 646 auf 751 angewachsen. 49 Häftlinge starben in dieser Zeit an Selbstmord, Krankheiten, Drogenmißbrauch oder aus anderen Gründen hinter den dicken Mauern des Todestrakts.

 

37 Jahre unschuldig im Gefängnis

Joseph Sledge vor seiner Freilassung.

Joseph Sledge vor seiner Freilassung.

Was denkt man 37 lange Jahre lang in einer kleinen Zelle, wenn man weiß, man ist unschuldig? Joseph Sledge wurde 1976 für einen Doppelmord verhaftet und 1978 verurteilt, den er nicht begangen hat. Im September 1976 war die 74jährige Josephine Davis und ihre 57jährige Tochter Aileen erstochen aufgefunden worden. Aileen wurde vor ihrem Tod vergewaltigt. Der Army-Veteran Sledge, ein Afro-Amerikaner, wurde kurz darauf verhaftet. Er war einen Tag vor der Tat von einer Gefängnisfarm geflohen, auf der er eine Haftstrafe von vier Jahren absitzen sollte.

Joseph Sledge auf seinem Gefängnisfoto.

Joseph Sledge auf seinem Gefängnisfoto.

Nichts deutete auf die Schuld von Joseph Sledge. Doch aufgrund einer Aussage eines anderen Gefangen, die später zurück gezogen wurde, wurde Sledge schließlich verurteilt. Und das, obwohl es Beweise gab, die ihn entlastet hätten. An den Opfern wurden Haare gefunden. Doch der Umschlag mit diesen war lange Zeit nicht mehr auffindbar. 2004 übernahm die Anwältin Christine Mumma den Fall, doch kam einfach nicht weiter. 2012 wollte sie aufgeben, doch dann fanden Mitarbeiter der Polizei auf einem Regal den besagten Umschlag, der dort jahrzehntelang unbeachtet gelegen hatte. Tests der Haare ergaben, dass Joseph Sledge nicht der Mörder war. Ein Gericht in Whiteville, North Carolina, erklärte ihn nun für unschuldig und entließ den 70jährigen aus der Haft.

Von einem Ende der Geschichte kann allerdings nicht gesprochen werden. Mehr als die Hälfte seines Lebens saß Joseph Sledge unschuldig hinter Gittern. Darüberhinaus wurde ein Mörder nicht für seine Tat verurteilt. Joseph Sledge zeigte sich nach seiner Entlassung nur erleichtert. Er wolle nun ganz normale Dinge genießen, wie in einem richtigen Bett schlafen und in einem Swimming Pool schwimmen.

Amerika und die Todesstrafe

Die neue Hinrichtungskammer im Staatsgefängnis von San Quentin.

Die neue Hinrichtungskammer im Staatsgefängnis von San Quentin.

Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Ein neuer Bericht zeigt, in den USA wurden in diesem Jahr weniger Menschen hingerichtet und weniger Todesurteile ausgesprochen. Todesstrafengegner werten diese Zahlen als ein Zeichen dafür, dass sich etwas ändere, Amerikaner schon bald ganz die „Death Penalty“ abschaffen werden.

In Zahlen ausgedrückt heißt das, 2014 wurden 35 Verurteile hingerichtet, im Vorjahr waren es noch 39. Die niedrigste Zahl seit 25 Jahren. Insgesamt verhängten Richter in diesem Jahr 72 mal die Höchststrafe, im Vorjahr war es noch 79 mal. So „wenig“ wie seit 1972 nicht mehr, als das Verfassungsgericht die meisten Todesstrafengesetze in den USA für verfassungswidrig erklärte.

Im bevölkerungsreichsten Bundesstaat Kalifornien mit seiner überfüllten „Death Row“, in der 750 Todeskandidaten auf den Tag X warten, wurden 2014 „lediglich“ 14 Todesurteile ausgesprochen. Die Richter und auch die Geschworenen wissen, hier hat der Henker seit 2006 nichts mehr zu tun. Noch immer gibt es einen angeordneten Stopp für alle Exekutionen.

Ob diese gesunkenen Zahlen bei Urteilen und Hinrichtungen tatsächlich ein Anzeichen für eine Neuausrichtung der USA gesehen werden kann, sei dahingestellt. Ich glaube es nicht. In Umfragen spricht sich noch immer ein Großteil der Amerikaner für die Auge-um-Auge-Zahn-um-Zahn Politik aus. Wobei ich nicht viel von Umfragen halte, doch Tatsache ist, es bedarf nur eines brutalen Kindsmordes, eines durchgeführten Terroranschlags, eines vielbeachteten und in den Medien ausgeschlachteten Gewaltverbrechens und schon schreien Jim und Johnny, Mary und Angela von Florida bis nach Washington State wieder „Rübe ab“.

Das ist in Deutschland nicht anders, nur kann es da – zum Glück – nicht gesetzlich umgesetzt werden. Denn auch in Deutschland glauben nach wie vor viele an den Sinn und den Zweck der Todesstrafe. So unterschiedlich sind Amerikaner und Deutsche dann wohl doch nicht.