„The Divider in Chief“

Wer glaubte, Donald Trump komme nach dem Amtsenthebungsverfahren zur Vernunft, der hat sich mehr als getäuscht. Trump dreht nun so richtig auf, säubert die eigenen Hallen von all jenen, die nicht loyal genug gegenüber ihm und seiner Politik waren und sind. Mitarbeitern in den verschiedensten Ministerien wird gekündigt oder sie werden an andere, nicht weiter wichtige Positionen versetzt. Trump schasst alle kritischen Stimmen in seiner näheren Umgebung und besetzt die Stellen mit Ja-Sagern und 150prozentingen Trumpisten.

Und es ist Wahlkampf, Trump bläst zum erneuten Sturm aufs Weiße Haus. Dabei ist ihm alles recht. Er besetzt die nationalen Symbole, wie Fahne und Hymne, erklärt die Demokraten als unamerikanisch und unpatriotisch. Nur mit ihm und seiner auf Kurs gebrachten republikanischen Partei werden die amerikanischen Arbeiter, die amerikanischen Familien und der amerikanische Traum geschützt.

Trump ist befreit von all seinen Fesseln, er sieht einen klaren Freispruch darin, dass der Senat mit seiner republikanischen Mehrheit ihn nicht verurteilt hat. Nun kann er ungehindert von seiner Hexenjagd, dem „Deep State“, den gemeinen und fiesen Demokraten sprechen. Trump baut weiter an seinem sehr auf sich bezogenen amerikanischen Alltag. Wer für ihn ist und das auch ganz deutlich zeigt und erklärt, wird gefördert. Wer Kritik äußert oder sich gegen ihn stellt, wird als Feind Amerikas, als Sozialist, als Vaterlandsverräter hingestellt. Darunter durchaus auch einstige Wegbegleiter, wie der ehemalige nationale Sicherheitsberater John Bolton, der nun in Trumps Augen ein „traitor“ sei.

Donald Trump hält nun nichts mehr zurück. Seine Generäle, die er einst pries, die ihn einigermaßen in einer geordneten Laufbahn hielten, sind nicht mehr. Berater für Donald Trump sind nur noch die, die ihm kopfnickend zustimmen und das fraglos umsetzen, was er sich da in den Kopf setzt. Bestes Beispiel ist der umstrittene US Botschafter in Deutschland, Richard Grenell, der ohne großes Vorwissen nun zum Geheimdienstkoordinator gemacht wurde und dort umgehend den Trumpschen Kurs durchsetzte. Kurzerhand wurde der stellvertretende Leiter, Andrew Hallman, gefeuert. Grenell wird zumindest für die kommenden Monate Trump die Ergebnisse der Geheimdienste präsentieren. Man kann davon ausgehen, dass da nichts über den Einfluss der Russen auf den US Wahlkampf zu hören sein wird.

Der Präsident hat im Jahr vier seiner Amtszeit nun das erreicht, was er von Anfang an wollte. Eine freie Fahrt ohne Hindernisse. Trump greift nun ungehindert die demokratischen Grundfesten an, regiert wie ein König und nicht wie ein gewählter Präsident. Das sollte endlich auch bei den Demokraten ankommen, die dieses peinliche Schauspiel des Vorwahlkampfes schnellstmöglich beenden sollten und eine geeinte Linie im Kampf ums Weiße Haus finden müssen.

Ein Album der rauen Zärtlichkeit

Vor kurzem habe ich eine Kassette mit dem Mitschnitt meiner ersten Radio Goethe Sendung gefunden. Das war vor fast 24 Jahren an einem Samstagmorgen auf KUSF 90,3 fm San Francisco. Was ich damals spielte war so ganz anders als das, was ich heute in meiner Sendung präsentiere. Damals war ich Ende 20, heute bin ich Anfang 50. Die Zeit, ich weiß… Wenn ich diese Playlisten von 1996 mit denen von 2020 vergleiche, dann hat sich viel verändert, obwohl der Grundsatz von Radio Goethe der gleiche geblieben ist, Musik aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zu spielen. Doch irgendwie haben sich da Grenzen verschoben.

Das liegt vor allem an einigen Musikerinnen und Musikern, die mir durch ihre Musik ganz neue Klangwelten eröffnet, meine Hörgewohnheiten und Hörerfahrungen verändert, ja, verschoben haben. Dazu zähle ich die Amerikanerin und Wahl-Berlinerin Danielle de Picciotto genauso wie den Bassisten der Einstürzenden Neubauten, Alexander Hacke. Ihr jüngstes gemeinsames Album heißt “The Current”, das durchaus aktuelle Themen aufgreift, die uns alles betreffen – “All men are created equal” – eine Tatsache, die nur zu oft übersehen wird, die nicht beachtet, der Grund für Hass, Neid, Gewalt ist.

Es ist keine Platte im Vorbeigehen, nichts für nebenbei zu hören. “The Current” ist vielmehr ein Album zum Hinhören. Man braucht Zeit, um den beiden auf ihrer Exkursion in die Weite und die Tiefe zu folgen. Spoken Word neben langen, komplexen Soundlandschaften. Es entsteht ein reiches Klangbild, das so ganz anders, doch so vielschichtig und farbenfroh ist. Manchmal vertraut, manchmal nachdenklich, manchmal bedrohlich. Danielle de Picciotto und Alexander Hacke ergänzen sich mit ihren Erfahrungen, ihren Geschichten, ihren musikalischen Ideen nahezu perfekt. Das wird ganz deutlich, wenn man die beiden live erleben kann. Hier die zart wirkende und tief in sich versunkene de Picciotto, die auf Violine, Drehleier und Kastenzither unglaubliche Vorgaben gibt, die dann von dem eher rau wirkenden Hacke, der durchaus auch gerne mal die Sau rauslässt, aufgenommen, ergänzt und zurückgespielt werden. “The Current” ist so ein wunderbares Zusammenspiel der beiden geworden, voller Ecken, Kanten und Tiefen. Ein Album zum Genießen.

YouTube Preview Image

Und sie flechten wieder ihre Verschwörungstheorien

Betroffenheit, Entsetzen, Trauer nach dem terroristischen und rassistischen Anschlag von Hanau. In den USA wird genauso darüber berichtet wie in Deutschland. Wie konnte das passieren? Politiker aller Parteien tweeten und stellen ihre Stellungnahmen online. Auch so Alice Weidel von der AfD, die schreibt: „Extremismus, egal welcher Art, ist eine Gefahr für unser Land und muss mit allen Mitteln des Rechtsstaats bekämpft werden.“ Das ist die typische Reaktion von Populisten, „egal welcher Art„, die damit von einer Tat ablenken wollen, sie relativieren, in dem sie gleich ein „aber“ einfügen. Aber man muss auch an die Gewalt der anderen denken, schaut auch dorthin. Das hat aber in solch einem Moment keine Bedeutung.

Alice Weidels Stellungnahme interessiert mich eigentlich gar nicht. Was ich erschütternd finde, sind die Reaktionen unter ihrer Meldung auf Facebook, die typisch sind für jene, die das glauben, was Populisten hier und da verbreiten. Das ist so in Deutschland, das ist so in den USA. Man muss nur die Tweets von Donald Trump und die Kommntare seiner Anhänger darunter verfolgen. Unter Weidels Stellungnahme starten sie gleich mit Verschwörungstheorien, der Staat habe seine Hände im Spiel, es wird gefragt, ob auch alles aufgedeckt wird, warum sei wohl das Bekennervideo auf Englisch oder warum sei die Anteilnahme an ermordeten ausländischen Mitbürgern höher als die beim Anschlag auf dem Breitscheidplatz in Berlin? Der Screenshot zeigt nur einen kleinen Ausschnitt, insgesamt haben sich über eintausendreihundert Kommentare gesammelt. Ich musste nicht gross suchen, sondern einfach nur abfotografieren.

Wenn ich solche Kommentare, Verschwörungstheorien, abstrusen Gedanken lese, egal ob nach Anschlägen in Deutschland oder nach Amokläufen in den USA, dann kann einem angst und bange werden. Denn es zeigt, dass ein bedeutender Teil der Bevölkerung voller Mißtrauen ist, überall Verschwörungen des Staates sieht, es nicht akzeptieren kann, dass es oftmals keine dubiose Hintergeschichte gibt. Ich erlebe das hier in den USA Tag für Tag. Ich bin einer von denen, die morgens die Tweetstürme von Donald Trump lesen, seine Beleidigungen, seine Verdrehungen der Tatsachen, seine Rechtfertigungen für offensichtliches Fehlverhalten. Und ich lese die Kommentare darunter. Es scheint, dass 25 Prozent der Wählerschaft nur noch das glaubt, was dieser Populist im Weißen Haus vorgibt. Und wenn ich mir die Reaktionen auf Alice Weidels Seite ansehe, dann ist es in Deutschland nicht viel anders. Das macht mir Sorgen.

Ganz großes Kino in der Provinz

Lange Zeit kannte ich Hof nur als Grenzstadt. Auf dem Weg zu meinem Freund in der Nähe von Freiberg in Sachsen, war Hof immer der letzte Bahnhof im Westen. Kurz nach 23 Uhr ging es von Nürnberg los, in Hof war man dann nach Mitternacht. Aber das ist nun schon über 30 Jahre her. Ich werde alt.

Mit Hof kann ich nun aber ein ganz neues Bild verbinden. Etwa zehn Jahre nach dem Mauerfall lebte ich schon in Kalifornien, produzierte meine Radio Goethe Sendung und da schickte mir ein Label die CD einer Berliner Band zu, die ich nicht kannte. “Another last goodbye” war so ein Album, das mir zeigte, was es in der deutschen Musikszene so alles zu erkunden, zu entdecken und zu erfahren gibt. Bei einem folgenden Deutschlandbesuch sass ich dann bei Sänger Rene Schwettge in der Wohnung an der Friedrichstrasse, gleich gegenüber vom Tacheles, und führte eines meiner ersten Radio Goethe Interviews. Das ist nun schon lange her, Rene wohnt da nicht mehr, das Tacheles ist Geschichte, die Band singt nun auf Deutsch und auch auf dem Label Moloko+ kam danach nichts mehr von Infamis raus.

Im Westen der Himmel…Infamis live in Hof.

Doch zurück zu Hof, hier schließt sich mein etwas kompliziert gezeichneter Kreis. Infamis sind eine meiner Lieblingsbands geworden, die ich über die Jahre aus der Ferne beobachten und begleiten konnte. Wer meine Sendung regelmäßig hört – es soll solche Personen ja geben – die haben Infamis kennengelernt. Ihr Sound ist schwer auszumachen. Es ist ein Zusammenspiel der verschiedensten musikalischen Richtungen und Einflüsse. Großstadtcowboys zwischen Johnny Cash Melancholie und den grauen Bildern und Geschichten eines Film Noir Streifens. Dazu immer wieder diese Independent Rock Ausbrüche, bei denen es laut, heftig und kantig wird. Klangideen werden dabei auf kreative Art umgesetzt und sei es der Loop einer kratzenden Ernst Busch Platte aus dem Jahr 1930. Das Ergebnis ist ein ganz besonderer, bewegender und nahegehender Soundtrack, der mich auch nach all den Jahren immer wieder aufs Neue fasziniert.

In Hof standen die fünf auf der kleinen Bühne im KunstKaufHaus und spielten vor einem überschaubaren, doch hoch begeisterten Publikum. Höhepunkte für mich waren diese besondere Version von “Hofgang” und eben ihr Monumentalsong “Ganz großes Kino”, die beide die Infamis Klangwelt am besten zusammenfassen: Tiefe, Nähe, Nachdenklichkeit, doch eben auch diese Gewalt, die Rohheit, das Spiel mit der Lautstärke. Ende Februar soll ein neues Album erscheinen, ich bin gespannt wie der sprichwörtliche Flitzebogen…und im kommenden Dezember, kurz vor Weihnachten, werde ich dann wieder nach Hof fahren. Warum spielt diese grandiose Band eigentlich nicht in Nürnberg?

YouTube Preview Image

Weit über den Wolken

Die gewaltige Stahlkonstrukution von Hangar One aus den 1930er Jahren steht noch immer und ist weithin zu sehen.

In den letzten 25 Jahren bin ich oft auf dem 101 an dem grossen Hangar in Mountain View vorbei gefahren. Moffett Field ist ein abgeschirmter Flughafen, der von der NASA und dem US-Militär genutzt wird. Und auch Präsidentenmaschinen landen und starten dort, wenn der „Commander in Chief“ San Francisco und die Bay Area besucht. Der große Hangar wurde in den 30er Jahren errichtet, entworfen von dem deutschen Ingenieur Karl Arnstein. Es ist eines der weltweit größten, freistehenden Gebäude. Heute ist nur noch das Stahlgerüst übrig, der High Tech Gigant Google hat vor einiger Zeit angeboten, eine neue Umschalung zu finanzieren, doch darauf wartet man noch. Auf der anderen Seite von Moffett Field sind zwei weitere gigantische Hangars zu sehen, doch auch diese werden nicht mehr benutzt. Sie wurden aus Redwood Holz gebaut und sind nun wegen Feuergefahr gesperrt.

Gestern konnte ich mir endlich mal das Gelände jenseits des Zaunes ansehen. Der Grund war ein Besuch im Forschungsjet von SOFIA, des „Stratospheric Observatory For Infrared Astronomy“, einem deutsch-amerikanischen Gemeinschaftsprojekt. Und das läuft trotz aller diplomatischer und politischer Schwierigkeiten auch nach über 20 Jahren noch immer gut. NASA und DLR arbeiten hier in Mountain View und am weiteren Standort Palmdale hervorragend zusammen. Von der wissenschaftlich begleitenden Universität Stuttgart kommen immer wieder junge Studierende hierher, um an diesem Stratosphären-Unternehmen mitzuarbeiten und mitzuhelfen. Der Jet wurde einst von den Amerikanern umgebaut, das Teleskop wurde von den Deutschen geliefert, ein Zusammenspiel zahlreicher Unternehmen.

Ich hatte das Glück von einem der führenden und langjährigen Wissenschaftler im SOFIA-Team durch das Flugzeug und über das Areal geführt zu werden. Die Boeing war direkt neben Hangar One geparkt. Das besondere an diesem SOFIA Flugzeug ist das Infrarot Teleskop, das im hinteren Teil des Jets verankert ist. In 12 Kilometern Höhe wird das Teleskop freigelegt, die Decke des Flugzeugs in diesem Teil wird aufgeschoben, der Blick in die Weiten des Universums kann dann ungehindert beginnen.

Es ist ein spannendes Projekt, das trotz politischer Schwierigkeiten und der immer neuen Frage nach der weiteren Finanzierung Bestand hat. Nahezu zweimal in der Woche startet der SOFIA Jet von Palmdale aus, um weitere Bilder und Daten in höchster Höhe zu sammeln. Mal sehen, was ich aus dieser Geschichte noch machen kann.

Im SOFIA Jet. Im Hintergrund das Teleskop, vorne die Überwachungsschaltplätze.

 

Vor 30 Jahren

Derzeit bin ich am Produzieren mehrerer Audiobeiträge für eine Ausstellung in Oakland. „Berlin Wonderland“ will die Geschichte der Zeit nach dem Mauerfall erzählen. Ich höre mich dafür durch die vielen Originaltöne, die ich in meinem Archiv finden kann, durch einige Interviews mit Zeitzeugen und denke dabei auch an jene Monate 1989, als ich mehrmals einen Freund in Freiberg, Sachsen, besuchte.

Die Petrikirche in Freiberg war 1989 ein wichtiger Treffpunkt für die junge Öko- und Demokratiebewegung.

Das waren damals schon aufregende Zeiten, auch wenn ich nicht mittendrin in Berlin war. Ich erinnere mich noch an diese Konferenz von Kirchengruppen und Öko-Kreisen aus allen Teilen der DDR, die im Frühjahr ’89 nach Freiberg kamen. Die Petrikirche war der Treffpunkt, die Bankreihen waren übervoll. Ich als damals 20jähriger Wessi staunte und beobachtete nur, hörte zu, war beeindruckt vom Mut all der Aktivisten, die über eine Reform der Demokratie in der DDR sprachen, über Umweltschutz, über das Gebot der Stunde. Jeder wusste, die Stasi war unter ihnen. Und auch draußen warteten auffällig unauffällige Männer in Lederjacken.

Aber es herrschte diese Aufbruchstimmung, irgendwas würde passieren. Schon ein gutes Dreiviertel Jahr zuvor hatte mir mein Freund ein Buch des kirgisischen Autors Tschingis Aitmatow geschenkt. „Die Richtstatt“, wie es in der DDR veröffentlicht hieß, war ein Buch mit durchaus kritischen Tönen. Das verstand auch ich. René fragte mich ein paar Wochen später bei einem weiteren Besuch, wie ich das Buch fand. Ja, meinte ich, toll zu lesen, für mich damals eine ganz neue Lektüre. Er war jedoch ganz ergriffen von „Die Richtstatt“ und sagte – diese Worte werde ich nie vergessen – es wird sich etwas in der DDR ändern. Ich fragte ihn, wie er darauf käme und er antwortete, das, was hier geschrieben und veröffentlicht wurde, zeige ganz deutlich, dass Veränderungen kämen. Alleine, dass dieses Buch überhaupt erschienen sei, belege, es wird sich was tun.

In den kommenden Monaten nach dem Treffen der kirchlichen Öko-Kreise schrieben wir Briefe hin und her, bis ich erneut nach Freiberg fuhr. Da marschierten die Menschen schon auf den Straßen der Bergbaustadt, es müssen Zehntausende gewesen sein, die lautstark mit „Wir sind das Volk“ und „Schliesst Euch an“ schließlich auch an der Stasi-Zentrale vorbeiliefen. Von Angst war da keine Spur mehr. Die DDR war der kippende Koloss, dessen Fall nicht mehr aufzuhalten war.

Und ja, man debattierte über die Zukunft des Landes, darüber, wie man diese deutsche demokratische Republik sozial und basisdemokratisch verändern könnte, wie man aus ihr einen umweltbewussten Staat entstehen lassen würde. Die Menschen in der DDR, so glaubten viele, würden diesen solidarischen Weg des Miteinanders weitergehen. Ich war damals von dieser Energie schwer beeindruckt. Noch heute habe ich diese vielen Briefe von damals, sie zogen mit mir aus Nürnberg nach Oakland um. Und dann kam der Mauerfall und schließlich der Ruf „Wir sind ein Volk“. Damit wurde nicht nur das Ende der DDR ausgerufen, sondern auch das Ende jeglicher basisdemokratischer und naturschützerischer Utopien. Auch wenn das, was schließlich kam, viele überforderte, es war eine beeindruckende Zeit, auch für mich, der ein bisschen aus der Nähe diese friedliche Revolution beobachten durfte.

Die Hoffnung ist da

Es war eine schnelle Reise einmal halb um die Welt. Von Kalifornien in den Sudan. Nun bin ich wieder zurück in Oakland. Der Sudan ist ein Land im Auf- und Umbruch. In der Hauptstadt Khartum wurde viel von der Revolution gesprochen, der friedlichen Revolution, die Vorbild für andere afrikanische Staaten sein könnte.

Der Blick aus dem Fenster von meiner Unterkunft in Kassala.

Ich sprach in den vergangenen Tagen mit Journalisten und Radiomachern, mit jungen, engagierten Frauen, mit Musikern, Kulturschaffenden. Man hat Hoffnung in diesem Land nach der jahrzehntelangen Dikatur. Das ist zu sehen, das ist zu spüren. Selbst in einem Pizzaladen ist es entspannter geworden. Junge Frauen sitzen zusammen, lachen, machen „Selfies“ ohne Kopftuch, genießen den Tag. So etwas sei vorher nicht möglich gewesen, wurde mir gesagt. Im einzigen englischsprachigem Radiosender in Khartum, Capital 91.6 FM, blickt man optimistisch in die Zukunft. „The heart beat of Sudan“ ist der Slogan dieser Station und der dringt klar und deutlich nach draußen. Die schwierigen Zeiten während des Umbruchs sind vorbei. Deutliche Worte durfte man in der Übergangszeit on-air nicht finden, doch man bezog durch die Musikauswahl Stellung. Ein Lied, wie Tracy Chapmans „Talkin‘ Bout a Revolution„, wurde da zu einer kraftvollen Aussage, bestätigt mir die Moderatorin Maya Gadir.

Im Impact Hub von Khartum sitzen vor allem junge Leute mit Ideen zusammen. Sie repräsentieren das neue Sudan, sind stolz auf ihre Revolution, die ein Land nach 30 Jahren brutaler Regierung durch Omar Bashir, auf einen neuen Kurs gebracht hat. Seitdem sind nur wenige Monate vergangen, vieles ist noch unklar und unsicher, doch die Hoffnung ist groß, dass der Übergang zu einer demokratischen Reform funktioniert, dass der Sudan, das flächenmäßig drittgrößte Land Afrikas, zu seiner Stärke findet, die er eigentlich auf dem Kontinent haben müsste. Hier treffe ich auch Emad Zakria, den Mitbegründer von Share Zone, einem Start-up aus Darfur. Auch das gibt es in dieser von Krieg und Gewalt geprägten Region Sudans. Emad will dabei mithelfen, dass die Jungen bleiben und nicht das Land verlassen. Es ist beeindruckend, zu erleben, zu hören, zu sehen, was gerade im Sudan passiert, Ein Land im Umbruch, im Aufbruch.

Als die Tür während des Interviews mit dem Dorfführer immer wieder aufging, zückte dieser kurzerhand sein Messer und verriegelte die Tür damit.

Und doch, da sind auch die bekannten Bilder. Ich bin mit CARE Deutschland in dieses Land am Nil gereist, die hier unter dem Namen „Care International Switzerland“ arbeiten. Der Grund für diese Reise waren nicht die Revolution, die Start-ups, die Aufbruchstimmung, es war das, was wir in Kassala, im Osten des Sudan, nahe der Grenze zu Eritrea sahen. Vergessene Dörfer, Unterernährung, Wasserknappheit, benachteiligte Mädchen und Frauen, Armut und auch Elend. CARE hat hier in dieser konservativen Region neue Projekte begonnen, gemeinsam mit einer lokalen NGO versucht man zu  helfen. Es ist nicht ganz leicht, denn alte Traditionen, religiöse Überzeugungen, die harten Lebensbedingungen und die Abgeschiedenheit mancher Dörfer lassen eine schnelle Hilfe nicht zu. Es braucht Zeit, Geld und Ausdauer hier Fortschritte zu erzielen. Khartum ist weit weg. Kassala ist eine Gegend, in der viele Flüchtlinge aus Somalia, Somaliland, Eritrea und Äthiopien durchziehen. Es liegt im Zentrum der Schmuggler. Hier ticken die Uhren anders.

Es war für mich die erste Reise in den Sudan und es war beeindruckend, tief bewegend. Die Landschaft, die Kultur, doch vor allem die Menschen, die ich treffen konnte, die mit mir sprachen, die Antworten auf meine vielen Fragen gaben. Die junge Feministin von Amna, der ältere Dorfanführer in Omraika, die ältere vollverschleierte Frau in Kifeteria, die eloquente Programmleiterin von CARE Sudan und viele mehr. Sie alle nahmen sich Zeit, meine Fragen zu beantworten, erklärten mir Umstände, Sachverhalte, kulturelle Gegebenheiten. Nach so einer Reise komme ich zurück, geerdet, dankbar, bereichert. Und ich weiß, ich habe einen wunderbaren Job, der mich in andere Länder, andere Kulturen führt, der mich Orte sehen lässt, die ich wohl nie besuchen würde. Der mich jedoch vor allem mit Menschen in Kontakt bringt, die ich nie getroffen und mit denen ich wohl nie gesprochen hätte. Nun geht es daran, das alles auszuwerten, was ich aufgenommen, gesehen und erlebt habe. Eine besondere Verpflichtung gegenüber all jenen, die ich getroffen habe.

Musik, die verbindet

Das Auswärtige Amt hat dafür ein Deutschlandjahr in den Vereinigten Staaten ausgerufen. Überall im Land wird daran erinnert, was uns verbindet. Die Projekte reichen von gemeinsamen Festen über Ausstellungen, Konzerte, Konferenzen bis hin zu Radiosendungen mit Musikthemen, wie ich sie hier präsentiere. Neben AFN, Rammstein, Bear Family Records, den Einstürzenden Neubauten, den zeitlosen Liedern über die Moorsoldaten und Lili Marleen ist nun das wohl wichtigste Thema in dieser Sendereihe dran: die Musik der deutschen Einwanderer.

Von Huttwil in der Schweiz nach Wisconsin, von Trossingen in Schwaben nach Michigan, von St. Pölten in Niederösterreich nach Illinois: Mit den deutschsprachigen Einwanderern kam Anfang des 20. Jahrhunderts auch ihre Musik und ihre zünftige Art zu feiern in die USA. Spuren dieser Musik sind bis heute in der US-Volksmusik zu finden. Schweizer, Deutsche und Österreicher zog es in den Mittleren Westen, vor allem nach Wisconsin – «Swissconsin» wie der «deutscheste» aller Bundesstaaten auch gerne genannt wurde. Österreicher liessen sich in Chicago nieder und bildeten dort die grösste österreichische Gruppe im Ausland.

All die Einwanderer aus den deutschsprachigen Ländern wurden kurz „Germans“ genannt. Sie kamen nicht nur zum Arbeiten, sie wollten sich in der Neuen Welt eine neue Heimat aufbauen und brachten ihre Kultur, ihre Lebensweise, ihre Eigenarten mit. Und feiern das konnten sie. Die Feste der „Deutschen“ waren beliebt und sind es bis heute noch. Mit Bier, Tanz und vor allem der zünftigen Musik wurde ausgelassen gefeiert.

Mit dem Beginn der Plattenindustrie in den USA, wurden auch mehr und mehr „ethnic“ Schallplatten veröffentlicht, darunter viele mit Jodlern, Blaskapellen, Chören. Die großen deutschsprachigen Gemeinden brachten sich nicht nur ein in den „Melting Pot“ USA, sondern sie beeinflussten auch auf ihre Weise die amerikanische Musik. Man denke an den Country, den Blues, Hillbilly und Cajun. Und genau diesen Spuren geht diese Radio Goethe „Wunderbar Together“ nach. Und wohl keine andere Episode in dieser Sendereihe zeigt besser auf, wie sehr Deutschland mit den USA verbunden ist.

 

Die Einstürzenden Neubauten im Deutschlandjahr

Der Name ist kein Sinnbild für die deutsch-amerikanischen Beziehungen – Einstürzende Neubauten. Deutschland und die USA verbindet vielmehr sehr viel. Historisch, kulturell, politisch. Da kann kein Präsident etwas daran ändern. Und doch, manchmal ist es notwendig, auf die engen Beziehungen, die Verbindungen, die Partnerschaft hinzuweisen.

Genau das passiert zur Zeit in den USA. Davon bekommen die meisten Deutschen gar nichts mit. Das Auswärtige Amt hat das sogenannte „Deutschlandjahr“ in den Vereinigten Staaten ausgerufen. Unter dem Slogan „Wunderbar Together“ werden Projekte realisiert, die die Nähe und die tiefe Verbundenheit beider Länder darstellen sollen.

Als jemand, der sich seit 23 Jahren – vielleicht etwas eigenwillig – mit der kulturellen Arbeit im Ausland beschäftigt, beteilige ich mich natürlich auch und sehr gerne an diesem Jahr. Klar, bei mir geht es um Musik. Musikthemen, die Deutschland und die USA verbinden. Von Jahrhundertliedern wie „Lili Marleen“ und die „Moorsoldaten“, über Rammstein, Bear Family Records und AFN Radio bis hin zur Geschichte der Einstürzenden Neubauten, der neuesten Ausgabe in dieser Serie. Dafür habe ich ausführlich mit Alexander Hacke und Danielle de Picciotto gesprochen. Zwei weitere Sendungen kommen auf alle Fälle noch hinzu, Kraftwerk und die Musik der Einwanderer aus den deutschsprachigen Ländern und ihr Einfluss auf die amerikanische Musik.

Die Einstürzenden Neubauten haben die Musikgrenzen verschoben. Ihr Ansatz, Musik ganz neu zu definieren, machte sie schon früh in ihrer Karriere in den USA zu ganz besonderen Live-Gästen. Blixa Bargeld erzählte mir einmal, dass sie ihre Tourneen meist in San Francisco anfingen. Am Flughafen teilte sich die Band auf. Ein Teil übernahm die Koffer und das Einchecken im Hotel. Der andere Teil machte sich gleich auf den Weg, um auf einem Schrottplatz die passenden Schlagwerkzeuge für die schrill-schräg-schönen Konzerte der Band zu finden. Die Neubauten sind seit 40 Jahren unterwegs und mittlerweile in den Hochkulturtempeln, wie der neuen Philharmonie in Hamburg angekommen. Oftmals haben sie die Hörgewohnheiten ihres Publikums getestet, doch, wer sich auf die Band und ihre Soundideen einlässt, der wird, so finde ich, reich belohnt. Auch den musikalischen Weg versuche ich in dieser „Wunderbar Together“ Ausgabe über die Einstürzenden Neubauten nachzuzeichnen. Von den Anfangsjahren bis hin zur aktuellen Soundwelt. Einfach mal reinhören!

Musik grenzenlos

Ich bin an meiner Serie zum Deutschlandjahr in den USA dran. Radiosendungen mit Musikthemen, die Deutschland und Amerika verbinden. Eine davon ist die Geschichte des Labels Bear Family Records aus dem kleinen Dorf Holste-Oldendorf. Im Frühjahr bin ich dorthin gefahren, um Detlev Hoegen zu treffen und mit ihm über den weltweiten Erfolg des ganz besonderen und einzigartigen Independent-Labels zu sprechen. Denn Bear Family hat mit seiner Archivarbeit und seinen umfangreichen Dokumentationen viel dazu beigetragen, dass zahlreiche Künstler gerade aus dem Folk, Country und Americana Bereich nicht vergessen wurden. Und als begeisterter Sammler von historischen Aufnahmen kommt man an diesem Label einfach nicht vorbei. Eine wahrlich deutsch-amerikanische Musikerfolgsgeschichte:

Wer oder was ist Bear Family Records?

Detlev Hoegen: Bear Family ist eine in Deutschland gegründete Firma, wir sind nach wie vor hier und nur hier aktiv. Aber was die Materialien, die Geschichte, die wir aufarbeiten angeht sind wir schon sehr, sehr stark mit den USA verbunden.

Was genau veröffentlicht Ihr auf Bear Family?

Detlev Hoegen: Grundsätzlich geht es in unserer Firmenpolitik darum Aufnahmen, die vor langer, langer Zeit mal veröffentlicht worden sind, von Künstlern, zum Teil, die heute völlig unbekannt sind, wieder zugänglich zu machen und zu archivieren und somit ein Stück Zeitgeschichte zu bewahren. Das hat mit unserem Firmengründer 1975 begonnen, wo er gemerkt hat, dass vieles von dem, was man mal in den 60er an Platten kaufen konnte, mittlerweile längst gestrichen war und, dass die große Industrie überhaupt kein Interesse daran hat, diese Sachen im Katalog zu behalten. Er hatte damals einen Versandhandel gegründet für Country Music, Rock’n Roll und Rockabilly also typisch, amerikanische Musikarten und hat dann gemerkt, dass das, was er zur Verfügung gestellt bekommen hat von den Händlern, viel zu klein war. Und ist dann hergegangen, hat sich erkundigt und schlau gemacht und damit begonnen, in Kooperation mit der Industrie, mit den großen Firmen, die die Kataloge verwalteten, Schallplatten neu zu veröffentlichen. Dann hat er gemerkt, dass das sehr spannend ist und, dass es unveröffentlichte Aufnahmen gibt und ist dann immer häufiger in die USA geflogen, hat in Archiven wirklich gewühlt, gut Zugang bekommen, viele Leute kennengelernt und hat so auch Schätze heben können, die bis dahin vollkommen unbekannt waren. Aber sein Ziel, und auch das Ziel von uns heute, nach über 40 Jahren Bear Family Geschichte, ist es immer noch, das zu bewahren, was irgendwann für die Entwicklung der Musik mal ganz, ganz wichtig war.

Wie entsteht denn bei Euch ein Thema, eine musikalische Projektidee?

Detlev Hoegen: Es gibt verschiedene Wege, die zu Bear Family führen. Das eine und im Grunde der häufigste Weg ist, dass uns Projekte angetragen werden. Es gibt Historiker, Ethonologen, Musikwissenschaftler, Sammler da draußen in der Welt, die ein Faible entwickelt haben für ein ganz bestimmtes Thema, jahrelang Materialien zusammen getragen haben, das archiviert haben und nun sichten und denken, ja, das ist doch so wichtig und so ein tolles Thema, das sollte man doch mal veröffentlichen. Und dann stellt sich ganz schnell die Frage, wer soll das denn veröffentlichen. Viele fragen dann bei der Industrie, also den großen Firmen an, die es noch gibt. Bei einigen kleinen, aber die meisten winken ab und sagen, das können wir gar nicht realisieren, davon kann man nicht genug verkaufen, das ist zu aufwendig, viel zu kompliziert und interessiert auch nur eine Minorität, das ist nichts für uns. Und viele von denen, die sich für ganz spezielle Randthemen interessieren, landen mehr oder weniger schnell bei Bear Family. Das ist ja heute nicht mehr so kompliziert, das heißt, wenn man irgendetwas sucht und man sucht vielleicht Gleichgesinnte im großen Netz, dann stösst man schon auf Bear Family. Viele Themen, die an uns heran getragen werden sind wirklich spannend, manche davon haben es schon selber realisiert zuvor oder in anderer Form veröffentlicht. Aber es gibt immer wieder größere Themen, die für uns auch Neuland bedeuten. Und wenn es sich dann um bestimmte Themen handelt, Ecken handelt in der Musikwelt, die wir überhaupt noch nicht abgedeckt haben, dann sind wir gerne bereit da auch mal genauer drauf zu schauen und daraus sind schon viele spannende Projekte entstanden.

Wie reagieren eigentlich die Künstler, denen Ihr eine umfangreiche Retrospektive widmet?

Detlev Hoegen: Da muss man natürlich etwas kucken, wer von den Country Musikern aus den 40er, 50er Jahren, also aus der ursprünglichen Zeit dieser Musik erlebt denn noch eine Bear Family Box, wenn die auf den Markt kommt. Es gibt sehr, sehr viele positive Reaktionen, nehmen wir mal ein populäres Beispiel, Johnny Cash z.b. hat seine Plattenfirma, ich glaube, es war Columbia, gefragt: sagt mal, warum macht ihr mit meinem Material nicht auch so tolle Boxen, wie Bear Family das kann? Das war für uns natürlich ein ganz großes Lob. Ich denke, bei den Musikern selbst kommt so eine Retrospektive, wie wir sie machen, in der Regel sehr gut an. Es gibt auch kritische Stimmen, das sollte man auch durchaus sagen, die Frage, ob man nun jede jemals aufgenommene Version von einem Song, dann nochmal später veröffentlichen sollte oder nicht, das ist schon eine Frage, die bei manchen Musikern eher zu Unmut geführt hat. Aber in der Regel ist die Resonanz auf das, was Bear Family tut auch bei den Musikern, die es noch erleben, sehr, sehr gut.

Kann ich mir Eure Arbeit so vorstellen, dass Ihr wirklich durch Archive forstet, auf der Suche nach dem verlorenen Tape?

Detlev Hoegen: So kann man sich das vorstellen, ich bin selber mit Richard in den frühen 80er Jahren in die USA geflogen und habe dann den ganzen Tag in einem fensterlosen Raum im 27. Stock, irgendwo an der 5th Avenue gestanden, wo CBS damals ein Headoffice hatte und habe Unterlagen von Aufnahmen kopiert. Stundenlang, bis mir von dem Kopierergeruch irgendwann schlecht wurde. Und diese Aufnahmen sind letztzlich dann auch der Pfad zu den Mastertapes. Man muss sich das so vorstellen, dass die amerikanische Industrie ganz, ganz viele Aufnahmen in den 50er und 60er Jahren gemacht hat, die nicht veröffentlicht worden sind, die archiviert worden sind, manchmal korrekt, oftmals aber auch falsch beschriftet und in irgendwelchen Archivräumen, Lagerräumen dann ein Dasein fristen. Es gab damals zumindest Verwalter in diesen Archiven, ähnlich wie bei Rundfunkarchiven auch in Deutschland, die dann auf Wunsch von Richard oder auch von anderen, die Originalbänder gesucht haben. Manchmal gefunden haben, manchmal auch nicht. Richard Weize konnte und kann sehr hartnäckig sein und irgendwann hat er dann bei den meisten offene Türen eingerannt und hat sich dann selber in den Archiven auf die Suche begeben können und wirklich auch einiges Unveröffentlichtes und Spannendes gefunden. Das natürlich ganz legal war und ist im Eigentum der Firma geblieben, aber zumindest gab es dann die Möglichkeit, das auf Bear Family zu veröffentlichen.

Eine Bear Family Box ist ja wie ein Ritterschlag für einen Musiker. Woran liegt das?

Detlev Hoegen: Das sind viele verschiedene Faktoren. Ich glaube es ist bei uns zum einen die Akribie und die Leidenschaft möglichst perfekt zu arbeiten. Das fängt damit an, dass wir die Themen sehr sorgfältig aussuchen. Und es geht dann in jedem weiteren folgenden Schritt seinen Weg. Die besten möglichen Quellen für die Aufnahmen müssen gesucht werden, oftmals sind die Originalbänder verschwunden, sind bei einem Feuer verbrannt oder gestohlen worden. Dann muss man sich auf gut erhaltene Kopien stützen, da gibt es Quellen, zum Beispiel in Studios oder bei ehemaligen Mitarbeitern. Also, man muss immer versuchen, die bestmögliche Quelle aufzutreiben, von der dann für die neue Veröffentlichung gemastert werden kann. Das setzt sich dann fort in einem ähnlichen Bereich, es geht auch immer darum, dass man die Illustration und die Texte möglichst optimal zusammenstellen kann. Das heißt, man muss sich auf die Suche machen nach Bildern, die zuvor noch nie jemand gesehen hat, vielleicht aus Privatarchiven, von Freunden, von ehemaligen Produzenten. Und dann geht es darum, dass man dieses ganze Konzept von einem Autor in Text kleiden lassen muss, der die Geschichte des Musikers oder des Labels oder einer Ära oder irgendeiner anderen Dokumentation nachvollzieht. Und da haben wir immer das Glück gehabt, dass wir mit sehr, sehr engagierten und versierten Autoren zusammen arbeiten konnten. Das war immer ein Teil des großen Bear Family Konzeptes.

Wie lange dauert es eigentlich, bis es zur Veröffentlichung so eines Projektes kommt?

Detlev Hoegen: Jahre, viele Jahre manchmal. Es gibt sicherlich Projekte, gerade wenn es um die Bear Family Boxen geht, das sind eigentlich die Projekte, für die unsere Firma am meisten bekannt ist. Wenn es darum geht, wirklich umfassend eine Musikerbiographie oder die Geschichte eines Labels zu dokumentieren, dann kann das schon Jahre, manchmal sogar mehr als zehn Jahre dauern, bis das dann von der eigentlichen Konzeption zur Veröffentlichung gereift ist.

Ihr seid ein einzigartiges Indie-Label, weltweit beachtet, das Erfolg hat. Gibt es für Dich Veröffentlichungen, die ganz besonders sind?

Detlev Hoegen: Das ist auch einzigartig. In der Zeit, in der Bear Family angefangen hat, Boxen zu veröffentlichen, Anfang der 80er Jahre, war das ein vollkommen neues Format. Die Industrie hat sich damit eigentlich nie beschäftigt, weil für die Industrie natürlich das Thema heute produziert, morgen auf den Markt und nach einem Jahr vergessen eigentlich die Prämisse war. Für uns ging es gerade ums Gegenteil. Die Sorgfalt, die hinter diesen Veröffentlichungen steckte, erforderte einfach immer sehr viel Zeit. Das war das eine. Das andere, was ich denke, was Bear Family international nochmal ins Rampenlicht geführt hat, war eine Box, die eigentlich mit dem amerikanischen Thema so gut wie nichts zu tun hatte. Das war eine Veröffentlichung, die nannte sich “Beyond Recall” über Musik des jüdischen Kulturbundes in Berlin unter der Zeit der Nazi-Herrschaft, also Aufnahmen von 1933 bis Ende der 30er Jahre. Eine Zeit, die glaube ich selbst in der jüdischen Biographie oftmals vergessen wurde und wo vielen gar nicht bewusst war, dass eben unter der Herrschaft der Nazis, der jüdische Kulturbund zum Teil noch produzieren und anfangs noch veröffentlichen konnte. Das war ein grosses Projekt mit einem ganz umfangreichen Begleitbuch, was u.a. in Frankreich für viel Furore gesorgt hat. Ich kann mich noch erinnern, dass damals in der Libération eine Doppelseite über dieses Projekt geschrieben wurde. Und sich Bear Family damit erstmals von dem amerikanischen Thema wegentwickelt hat und ein ganz großartiges und wichtiges, internationales Kulturthema aufgegriffen hat. Wichtige Veröffentlichungen darüberhinaus fand ich, und finde ich im Nachhinein immer noch, unsere Box rund um den Vietnamkrieg, wo es darum geht, die populäre Musik der damaligen Zeit zusammenzutragen. Das was damals im Radio gespielt wurde, was wir hier in Europa, was Studenten und junge Leute in Amerika gehörte haben, aber eben auch die Soldaten in Vietnam. Und das in Verbindung mit kritischen Songs über den Krieg in Vietnam, aber auch auf der anderen Seite die Befürworter, die sind genauso zu hören, werden natürlich kritisch begleitet im Begleitbuch. Und als Ausblick für das, was ein Krieg so mit sich bringt Aufnahmen von Vietnam Veteranen, die versucht haben, mit Musik, mit eigenen Songs, die Traumata des Krieges zu verarbeiten. Das fand ich eine sehr spannende Dokumentation. Wir haben jetzt vor kurzem noch eine Box herausgebracht über die Musik des Spanischen Bürgerkriegs. Und aktuell im letzten Jahr, Musik aus dem sogenannten “Forgotten War”, den Krieg in Korea. Das klingt vielleicht ein bißchen makaber, dass es um Kriegsthemen geht, aber ich denke, in Verbindung mit Krieg spielt Musik eine besondere Rolle. Und viele von denen, die in irgendeiner Form in Krieg involviert waren, natürlich die Soldaten selber in erster Linie, haben versucht dann auch über eigene Musik dieses Thema eigens zu verarbeiten. Und, der Höhepunkt, auch der Höhepunkt, was die Massivität angeht, war eine Veröffentlichung vor ein paar Jahren mit dem Titel “Black Europe”, wo es um schwarze Musik in Europa geht. Ich glaube, die älteste Aufnahme war von 1896 und die jüngste von 1926. Insgesamt über 1200 Aufnahmen, die die schwarze Musikgeschichte in Europa dokumentiert. Also, die Musik von afrikanischen Musikern, die damals z.B. in Paris, einer der Hochburgen der Musikproduktion, Aufnahmen gemacht haben, aber auch von afro-amerikanischen Musikern, die in Europa auf Tournee gegangen waren und ebenfalls vor allem in Frankreich Aufnahmen gemacht haben. Da haben sich einige Sammler jahrzehntelang mit beschäftigt und ersteinmal versucht überhaupt diese Aufnahmen, die ja mittlerweile fast 100 Jahre alt sind, zusammen zu tragen und Materialien zu sammeln, Informationen über die Musiker beizutragen, Fotos zu finden. Und das war ein einzigartiges Projekt mit insgesamt 24 CDs und zwei dicken, schweren Büchern. Und für dieses Projekt sind wir damals auch für einen Grammy nominiert worden. Das sind einige der Projekte, die,wie ich finde, aus der großen Menge von guten Veröffentlichungen herausragen.

Du hast schon einige der großen Veröffentlichungen genannt, aber was führt letztendlich zu einem Projekt?

Detlev Hoegen: Das ist eine Gratwanderung. Es gibt nicht die eine Entscheidung, die man bei einem Projekt gefunden hat und dann vielleicht auf das nächste überträgt. Sondern jedes Projekt muss wieder neu betrachtet werden. Natürlich müssen wir darauf achten, dass sich solche Projekte auch finanziell tragen. Das ist heute schwieriger als noch vor 10, 20 Jahren, aber die Antriebsfeder besteht eher in der Frage, ist das spannend, interessiert das jemanden, ist das dokumentationswürdig und passt das auf unser Label? Sind wir sozusagen die richtigen Partner, die so etwas veröffentlichen können. Nehmen wir mal ein Gegenbeispiel. Wenn mir jemand ein großes Projekt über die Geschichte des Jazz in den USA antragen würde, würde ich höchstwahrscheinlich ablehnen, weil wir im Jazz nun überhaupt nicht zu Hause sind. Das hat nichts mit einer Abneigung zu tun, sondern es hat einfach damit zu tun, dass die Geschichte von Bear Family eine andere ist. Und das diejenigen, die hier arbeiten und die Verantwortung tragen für Veröffentlichungen sich auf ganz bestimmte Themen konzentriert haben. Das hat also nichts mit Qualität zu tun, sondern da muss ich sagen, wir müssen irgendwo eine Grenze ziehen. Wir können nicht die vergessene Arbeit von Generationen leisten. Wir müssen uns auch schon auf bestimmte Dinge konzentrieren. Und ansonsten spielt, denke ich mal, einfach die Spannung eine ganz, ganz große Rolle. Das Thema muss wirklich spannend sein. Bleiben wir noch einmal bei dem Thema “Black Europe”, das war ein Thema, das ich nur ansatzweise kannte. Josephine Baker kannte ich auch, aber die meisten Künstler, die auf diesen Aufnahmen vertreten sind, habe ich noch nie gehört im Leben. Werde ich wahrscheinlich darüberhinaus niemals woanders erleben. Und so etwas zu veröffentlichen, auch wenn es nur in einer kleinen Auflage ist, das war schon eine extreme Herausforderung und da bin ich Richard Weize dankbar, dass er das wirklich damals aufgegriffen hatte. Das hatte ich ja auch schon kurz erwähnt. Ich glaube, aus rein finanziellen, betriebswirtschaftlichen Gründen hätte ich meine Finger davon gelassen. Aber, es ist wunderbar, dass ich mich da nicht durchsetzen konnte und, dass das Projekt wirklich veröffentlicht wurde.

Gibt es eigentlich auch Musiker, die nicht mit Euch zusammenarbeiten möchten?

Detlev Hoegen: Das gibt es auch, klar. Aber man muss sich ein bisschen in der Entwicklung der Musikindustrie auskennen, um zu beurteilen, was ist möglich und was nicht. Wir profitieren natürlich davon, dass in den 50er und 60er Jahren Musikerverträge geschlossen wurden, wo der Musiker selbst relativ wenig Einfluss auf das hat, was mit seinem aufgenommenen Material passiert. Gerade in den USA sind damals Verträge geschlossen worden, die dem Musiker quasi alle Rechte absprachen und alles wurde auf die Industrie übertragen. Davon profitiert die Industrie und wir natürlich gleichermaßen. Es gibt aber auch Themen von Musikern, wo es dann einfach schwierig wird, weil es komplizierteste Herangehensweisen über Rechtsanwalts-Konsortien erfordert und da müssen wir dann die Finger von lassen. Das wird immer komplizierter je neuer die Aufnahmen sind. Und das hat auch was damit zu tun, dass die Industrie selber sich verändert hat. Unser Hauptaugenmerk liegt einfach in der Phase der ursprünglichen Entwicklung von amerikanischer, populärer Musik, also 40er, 50er, 60er Jahre. Und was danach kommt, also alles was eigentlich in der Geschichte der Rockmusik passiert ist, so ab Mitte der 60er Jahre, das ist gar nicht mehr unser Aufgabengebiet.

Welche Projekte würdest Du noch gerne verwirklichen?

Detlev Hoegen: Ich habe da schon ein paar Projekte im Kopf. Ich arbeite jetzt mit einem Autor aus San Francisco zusammen, an einem Projekt, das nennt sich “The history of Folk Rock”. Das ist schon ein Thema, das so ein bißchen für uns in die Neuzeit reinragt, auch, weil es so ein bißchen in die 70er Jahre reingeht. Das finde ich ein spannendes Thema, hat mich auch selber in den 60er und 70er Jahren beeinflusst. Dann wird im nächsten Jahr eine 20 CD Box kommen zum Thema Blues aus Memphis und da geht es einfach darum, die gesamte Musikgeschichte von der Zeit nach dem ersten Weltkrieg bis in die späten 60er hinein zu dokumentieren mit allen Aufnahmen, die in Memphis entstanden sind, bzw. von Memphis Musikern außerhalb von Memphis, abgesehen von dem Sun Katalog, den wir schon viel, viel tiefer ausgeschlachtet haben. Das sind dann auch schon wieder 550, 560 verschiedene Aufnahmen und da arbeiten wir jetzt dran zusammen mit einem Autor, einem Experten, einem Historiker aus England, der schon fleißig dabei ist, die einzelnen Musikerbiographien zu schreiben und die Songs zu bewerten. Das ist ein Projekt, was jetzt auch schon seit gut einem Jahr in der Mache ist. Also, da gibt es schon einige Projekte, ich würde gerne eine Gesamtretrospektive über den Musiker Steve Young machen. Ich finde, er ist einer der wundebarsten Sänger der amerikanischen Country Geschichte, toller Typ. Ist schwierig, weil es da eben auch rechtliche Hürden gibt. Andere Projekte, die mir noch vorschweben wäre vielleicht mal etwas über Dough Sahm zu machen, bekannt hier vor allem über das “Sir Douglas Quintet” und den alten Pophit “Mendocino”. Man kann so viele Themen aufgreifen und so viele Themen werden auch einfach in den USA ignoriert, dass ich denke, daran mangelt es nicht.

Ihr habt neben Country auch zahlreiche Schlager Boxen gemacht, dazu auch solche Sachen wie eine umfangreiche Martin Böttcher Box. Wie kam es dazu?

Detlev Hoegen: Ich glaube, diese älteren Projekte, die Du jetzt ansprichst, die wurden in der Regel in den 90er Jahren veröffentlich, die haben natürlich was mit Richards persönlichen Vorlieben zu tun. Und neben Country Musik war für Richard in der Zeit der 60er Jahre Schlager eben sehr prägend und es gab ja auch immer eine Verbindung zwischen Schlagermusik in Deutschland und Country Musik in den USA. Diese Verbindung hat er aufgezeigt und hat ja auch ganz, ganz viele Sachen dazu dokumentiert. Zwar weniger in aufwendigen Boxen, aber in vielen Einzel-Cds, als die deutsche Industrie eben auch daran überhaupt kein Interesse hatte. Ich denke mal, dass die Bandbreite ein wichtiger Faktor ist für die Überlebensgeschichte von Bear Family. Und Soundtracks ist ein ganz anderer Markt, als der Markt für Country Musik und die Geschichte von Bonanza und die Geschichte der Martin Böttcher Soundtracks und viele andere deutsche Filmkomponisten, ist durchaus ein Thema auch heute noch. Ich denke, dass das durchaus ins Bear Family Repertoire reinpasst.

In Zeiten, in denen immer weniger CDs verkauft werden, hat Bear Family noch eine Zukunft?

Detlev Hoegen: Ich denke schon, dass wir eine Zukunft haben. Vielleicht nicht für alle Ewigkeiten, keine Ahnung, ich bin kein Prophet. Aber wenn ich mir die Entwicklung der letzten 20 Jahre anschaue, seit es im digitalen Bereich extreme Veränderungen gegeben hat, da muss ich sagen, dass wir eigentlich besser dastehen, als vor 10 Jahren erwartet. Das hat sicherlich damit zu tun, dass der Markt, den wir bedienen, ein komplett anderer ist als der, der sich über Streaming und Downloads im digitalen Bereich bedient. Wir veröffentlichen eben keine aktuellen Aufnahmen. Wir sind nicht im Pop Bereich tätig. Sondern wir sind Archivare, wir sind Bewahrer in einer gewissen Weise. Und für uns und unsere Veröffentlichungen gilt, dass es stets um das Gesamtprojekt geht. Also auch das Gesamtprodukt in dem Fall. Ich denke, viele von den Aufnahmen, die wir heute veröffentlichen kann man, wenn man sich bemüht, auch im Netz finden. Entweder legal oder illegal, aber die Art und Weise, wie wir sie zusammen fassen mit Text und Bild und CDs mit 60seitigem Booklets veröffentlichen und Boxen mit mehreren hundertseitig dicken Büchern, das ist schon ein ganz anderes Thema, als das, was im Alltagsgeschäft digital heute läuft.

Wer sind eigentlich Eure Kunden, habt Ihr da Informationen?

Detlev Hoegen: Wir wissen schon was, das hat viel damit zu tun, dass wir ja an eine ganze Reihe von Kunden direkt verkaufen. Also Bear Family hat ja ein zweites Standbein, das ist der Mailorder, der seit einigen Jahren dann mehr oder weniger zum Online Shop weiterentwickelt wurde. Wo wir dank meines Partners, Michael Ohloff, sehr gut aufgestellt sind. Das ist eine Riesenaufgabe da mit unseren Veröffentlichungen und auch mit den anderen Produkten, die wir vertreiben, im google ranking, was ja heute ganz, ganz wichtig ist, möglichst weit oben zu stehen. Das ist eine der Strategien, die uns das Überleben erleichtert. Und das andere ist, dass wir einfach versuchen über das, was es noch an Handel gibt, überall präsent zu sein. Wir nutzen natürlich die Market Places von bestimmten großen Plattformen weltweit, wir haben auch noch ein Vertriebssystem in den USA. Wir vertreiben unsere Produkte in Deutschland jetzt wieder selbst. Wir sind über Exporteure auch in Läden in Skandinavien oder in England, eigentlich weltweit zu finden. Insgesamt gesehen wird der Markt natürlich kleiner werden. Und das Publikum, das wir bedienen wird immer älter. Das denke ich mal ist einfach der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung zu schulden, also der gesellschaftlichen und der technologischen Entwicklung. Und jemandem, der heute 20 ist, davon zu überzeugen, dass er ein physisches Produkt kaufen soll, wo eine CD drin liegt, das ist glaube ich nahezu unmöglich. Da können wir natürlich noch ein bißchen was reißen, in dem wir spannende Sachen auch auf Vinyl veröffentlichen, aber die CD Boxen, das spricht schon ein Publikum an, das in einem Altersbereich zwischen 50 und 80 liegt. Die meisten unserer Kunden sind wahrscheinlich zwischen 55 und 70 Jahre alt.

Bear Family Records