Corona bremst den Kulturaustausch

Die San Francisco Bay Area ist so eine Region, in der man, wenn man denn sucht, viele deutsche Spuren finden kann. San Francisco und auch Oakland wurden von deutschen Einwanderern mitaufgebaut. In der Geschichte am Golden Gate hinterließen die „Germans“ einen tiefen Eindruck.

Ich erinnere mich noch gut an die Schilderungen eines alten Freundes, der bereits 1942 nach San Francisco kam. Er hatte eine aufregende Flucht hinter sich, war vom FBI nach dem japanischen Angriff auf die Militärbasis Pearl Harbor in Costa Rica aufgegriffen und wie viele Tausend weitere Deutsche und Japaner aus Mittel- und Südamerika in die USA gebracht worden. Hier sollte er in ein Internierungslager kommen, konnte aber nachweisen, dass er aus Nazi-Deutschland schon 1938 geflohen war…das ist eine Geschichte für sich, die hier in Oakland beginnt.

Doch zurück zu diesem alten Freund, mit dem ich oft durch San Francisco fuhr. Er deutete immer wieder auf Häuser und Straßenecken, da sei ein deutscher Metzger gewesen, dort ein Tischler, da ein Bäcker, dort ein Automechaniker. Mit Hans die Straßen von San Francisco zu befahren, war eine historische Rundfahrt der besonderen Art. Er erzählte von den vielen Festen, die gefeiert wurden, von den Empfängen in der „California Hall“ auf Polk Street.

Davon ist nicht viel übrig geblieben, das alte „deutsche“ San Francisco ist längst verblasst. Dennoch waren die Deutschen nie weg, neue Immigranten kamen und bauten hier das auf, was sie machen wollten, lebten ihren „American Dream“. Etliche deutsche Restaurants kann man finden, noch. Denn die „Suppenküche“ in Hayes Valley ist in Schwierigkeiten, deutsche Gemütlichkeit, Bierhallenatmosphäre und das lange Sitzen an Tischen ist in Corona-Zeiten nicht möglich. Das „Walzwerk“, ein ostdeutsches Themenrestaurant, macht zum Ende der Woche ganz dicht. Schon zuvor fiel ihr „Schmidt’s“ den hohen Mietpreisen in der „City by the Bay“ zum Opfer.

Das „Walzwerk“ hat es schon auf seiner Webseite stehen: „We are closed“

Auch Feste der noch verbliebenen Kulturvereine werden derzeit ersatzlos gestrichen. Wie soll man auch ein Maifest im Herbst feiern. Und die Aussichten sind nicht gut, denn oftmals waren diese Feste auch „Fundraiser“ für die Clubs. Das Goethe-Institut, die offizielle deutsche Kulturaußenstelle in der Region, ist seit Monaten geschlossen. Die Ausfälle an Gebühren und Eintrittsgeldern werden deutlich bei allen zukünftigen Planungen zu spüren sein.

Den Deutschen geht es sicherlich nicht anders als anderen ethnischen Gruppen in San Francisco oder in den USA. Doch an diesen mehr als wichtigen Part in der amerikanischen Gesellschaft wird kaum gedacht. Das Land der Immigranten vergisst gerade in diesen harten Zeiten die oftmals gefeierte und geschätzte Vielseitigkeit des amerikanischen Lebens. Was nach dieser Pandemie von all dem Kulturleben der „Minderheiten“ noch übrig bleiben wird, ist nicht absehbar. Man kann nur hoffen, dass es nicht einen totalen Kahlschlag geben wird.

Kultur in Corona Zeiten

Alles nicht so einfach, wenn von jetzt auf gleich die Stop Taste gedrückt wird, das öffentliche Leben mit einem kräftigen Ruck angehalten wird. Keine Konzerte, kein Theater, kein Kino, keine Ausstellungen, keine geöffneten Museen. Die Aussichten sind nicht gut. Veranstaltungen, Festivals, Tourneen wurden abgesagt. Eigentlich sollte es ein gutes Jahr werden, ich freute mich hier in Kalifornien gleich auf mehrere Konzerte von Bands aus dem deutschsprachigen Raum: Das Ich, Kraftwerk, KMFDM, Rammstein, The Young Gods, Einstürzende Neubauten. Und wahrscheinlich wären noch ein paar mehr dazu gekommen. Ein Satz mit X, das war nix.

Claire M. Singer ist auf dem Touch „Isolation Exclusive“ Album vertreten.

Kreativität ist in diesen Zeiten von den Kreativen gefragt. Manche wollen abwarten, andere werden aktiv, reagieren gleich, schalten um. Schon kurz nach der Ankündigung, dass Corona alles verändere, kündigte das kleine Independent Label Touch an, eine Online Compilation über Bandcamp zu veröffentlichen: Touch – Isolation Exclusive. Zweimal die Woche wurden seitdem Songs von Künstlerinnen und Künstlern veröffentlicht, die man sonst nirgends finden kann.

Und auch andere Musikerinnen und Musiker zogen nach, wie Danielle de Picciotto und Alexander Hacke, die Archivmaterial, Drucke und anderes anboten. Auch Bandcamp selbst hat in den vergangenen Wochen schon mehrmals auf ihren Anteil an Verkäufen verzichtet, um so den auf ihrem Portal vertreteten Künstlerinnen und Künstlern zu helfen.

Es geht um Ideen, wie man in der Krise weiterhin präsent sein und auch seinen Lebensunterhalt verdienen kann. Künstlerinnen und Künstler müssen in diesen Tagen zeigen, dass sie nicht nur flexibel sind und auf die Anforderungen schnell reagieren können. Sie müssen vor allem als Geschäftsleute auftreten, neue Verkaufswege erkunden und verfolgen. Und Musikfans können helfen.

Interessant wird das kommende Wochenende. Nach etlichen Online Konzerten, wie das von Corvus Corax auf einem Bauernhof vor Berlin, finden nun Online Festivals statt. Bands wie Subway to Sally, Letzte Instanz und die Erlangener Fiddler’s Green treten beim „Online Musik Festival“ auf. Zeitgleich wird auch das „Dark Stream Festival“ ausgestrahlt, das an Stelle des abgesagten „Wave Gotik Treffens“ in Leipzig organisiert wird. Mit dabei Bands wie Coppelius, Umbra et Imago und Herbst in Peking. Die etwas anderen „Eintrittsgelder“, um mit dabei zu sein, erinnern an Spenden. Gezahlt wird, wieviel man sich leisten kann und will. Es sind keine einfachen Zeiten. Für niemand. Die Kulturschaffenden wurden leider anfangs etwas zu sehr vergessen. Doch sie zeigen, dass Kreativität genau das ist, was nun gefragt ist. Wer kann, sollte hinsehen, zusehen, hinhören und unterstützen.

„The Divider in Chief“

Wer glaubte, Donald Trump komme nach dem Amtsenthebungsverfahren zur Vernunft, der hat sich mehr als getäuscht. Trump dreht nun so richtig auf, säubert die eigenen Hallen von all jenen, die nicht loyal genug gegenüber ihm und seiner Politik waren und sind. Mitarbeitern in den verschiedensten Ministerien wird gekündigt oder sie werden an andere, nicht weiter wichtige Positionen versetzt. Trump schasst alle kritischen Stimmen in seiner näheren Umgebung und besetzt die Stellen mit Ja-Sagern und 150prozentingen Trumpisten.

Und es ist Wahlkampf, Trump bläst zum erneuten Sturm aufs Weiße Haus. Dabei ist ihm alles recht. Er besetzt die nationalen Symbole, wie Fahne und Hymne, erklärt die Demokraten als unamerikanisch und unpatriotisch. Nur mit ihm und seiner auf Kurs gebrachten republikanischen Partei werden die amerikanischen Arbeiter, die amerikanischen Familien und der amerikanische Traum geschützt.

Trump ist befreit von all seinen Fesseln, er sieht einen klaren Freispruch darin, dass der Senat mit seiner republikanischen Mehrheit ihn nicht verurteilt hat. Nun kann er ungehindert von seiner Hexenjagd, dem „Deep State“, den gemeinen und fiesen Demokraten sprechen. Trump baut weiter an seinem sehr auf sich bezogenen amerikanischen Alltag. Wer für ihn ist und das auch ganz deutlich zeigt und erklärt, wird gefördert. Wer Kritik äußert oder sich gegen ihn stellt, wird als Feind Amerikas, als Sozialist, als Vaterlandsverräter hingestellt. Darunter durchaus auch einstige Wegbegleiter, wie der ehemalige nationale Sicherheitsberater John Bolton, der nun in Trumps Augen ein „traitor“ sei.

Donald Trump hält nun nichts mehr zurück. Seine Generäle, die er einst pries, die ihn einigermaßen in einer geordneten Laufbahn hielten, sind nicht mehr. Berater für Donald Trump sind nur noch die, die ihm kopfnickend zustimmen und das fraglos umsetzen, was er sich da in den Kopf setzt. Bestes Beispiel ist der umstrittene US Botschafter in Deutschland, Richard Grenell, der ohne großes Vorwissen nun zum Geheimdienstkoordinator gemacht wurde und dort umgehend den Trumpschen Kurs durchsetzte. Kurzerhand wurde der stellvertretende Leiter, Andrew Hallman, gefeuert. Grenell wird zumindest für die kommenden Monate Trump die Ergebnisse der Geheimdienste präsentieren. Man kann davon ausgehen, dass da nichts über den Einfluss der Russen auf den US Wahlkampf zu hören sein wird.

Der Präsident hat im Jahr vier seiner Amtszeit nun das erreicht, was er von Anfang an wollte. Eine freie Fahrt ohne Hindernisse. Trump greift nun ungehindert die demokratischen Grundfesten an, regiert wie ein König und nicht wie ein gewählter Präsident. Das sollte endlich auch bei den Demokraten ankommen, die dieses peinliche Schauspiel des Vorwahlkampfes schnellstmöglich beenden sollten und eine geeinte Linie im Kampf ums Weiße Haus finden müssen.

Ein Album der rauen Zärtlichkeit

Vor kurzem habe ich eine Kassette mit dem Mitschnitt meiner ersten Radio Goethe Sendung gefunden. Das war vor fast 24 Jahren an einem Samstagmorgen auf KUSF 90,3 fm San Francisco. Was ich damals spielte war so ganz anders als das, was ich heute in meiner Sendung präsentiere. Damals war ich Ende 20, heute bin ich Anfang 50. Die Zeit, ich weiß… Wenn ich diese Playlisten von 1996 mit denen von 2020 vergleiche, dann hat sich viel verändert, obwohl der Grundsatz von Radio Goethe der gleiche geblieben ist, Musik aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zu spielen. Doch irgendwie haben sich da Grenzen verschoben.

Das liegt vor allem an einigen Musikerinnen und Musikern, die mir durch ihre Musik ganz neue Klangwelten eröffnet, meine Hörgewohnheiten und Hörerfahrungen verändert, ja, verschoben haben. Dazu zähle ich die Amerikanerin und Wahl-Berlinerin Danielle de Picciotto genauso wie den Bassisten der Einstürzenden Neubauten, Alexander Hacke. Ihr jüngstes gemeinsames Album heißt “The Current”, das durchaus aktuelle Themen aufgreift, die uns alles betreffen – “All men are created equal” – eine Tatsache, die nur zu oft übersehen wird, die nicht beachtet, der Grund für Hass, Neid, Gewalt ist.

Es ist keine Platte im Vorbeigehen, nichts für nebenbei zu hören. “The Current” ist vielmehr ein Album zum Hinhören. Man braucht Zeit, um den beiden auf ihrer Exkursion in die Weite und die Tiefe zu folgen. Spoken Word neben langen, komplexen Soundlandschaften. Es entsteht ein reiches Klangbild, das so ganz anders, doch so vielschichtig und farbenfroh ist. Manchmal vertraut, manchmal nachdenklich, manchmal bedrohlich. Danielle de Picciotto und Alexander Hacke ergänzen sich mit ihren Erfahrungen, ihren Geschichten, ihren musikalischen Ideen nahezu perfekt. Das wird ganz deutlich, wenn man die beiden live erleben kann. Hier die zart wirkende und tief in sich versunkene de Picciotto, die auf Violine, Drehleier und Kastenzither unglaubliche Vorgaben gibt, die dann von dem eher rau wirkenden Hacke, der durchaus auch gerne mal die Sau rauslässt, aufgenommen, ergänzt und zurückgespielt werden. “The Current” ist so ein wunderbares Zusammenspiel der beiden geworden, voller Ecken, Kanten und Tiefen. Ein Album zum Genießen.

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Und sie flechten wieder ihre Verschwörungstheorien

Betroffenheit, Entsetzen, Trauer nach dem terroristischen und rassistischen Anschlag von Hanau. In den USA wird genauso darüber berichtet wie in Deutschland. Wie konnte das passieren? Politiker aller Parteien tweeten und stellen ihre Stellungnahmen online. Auch so Alice Weidel von der AfD, die schreibt: „Extremismus, egal welcher Art, ist eine Gefahr für unser Land und muss mit allen Mitteln des Rechtsstaats bekämpft werden.“ Das ist die typische Reaktion von Populisten, „egal welcher Art„, die damit von einer Tat ablenken wollen, sie relativieren, in dem sie gleich ein „aber“ einfügen. Aber man muss auch an die Gewalt der anderen denken, schaut auch dorthin. Das hat aber in solch einem Moment keine Bedeutung.

Alice Weidels Stellungnahme interessiert mich eigentlich gar nicht. Was ich erschütternd finde, sind die Reaktionen unter ihrer Meldung auf Facebook, die typisch sind für jene, die das glauben, was Populisten hier und da verbreiten. Das ist so in Deutschland, das ist so in den USA. Man muss nur die Tweets von Donald Trump und die Kommntare seiner Anhänger darunter verfolgen. Unter Weidels Stellungnahme starten sie gleich mit Verschwörungstheorien, der Staat habe seine Hände im Spiel, es wird gefragt, ob auch alles aufgedeckt wird, warum sei wohl das Bekennervideo auf Englisch oder warum sei die Anteilnahme an ermordeten ausländischen Mitbürgern höher als die beim Anschlag auf dem Breitscheidplatz in Berlin? Der Screenshot zeigt nur einen kleinen Ausschnitt, insgesamt haben sich über eintausendreihundert Kommentare gesammelt. Ich musste nicht gross suchen, sondern einfach nur abfotografieren.

Wenn ich solche Kommentare, Verschwörungstheorien, abstrusen Gedanken lese, egal ob nach Anschlägen in Deutschland oder nach Amokläufen in den USA, dann kann einem angst und bange werden. Denn es zeigt, dass ein bedeutender Teil der Bevölkerung voller Mißtrauen ist, überall Verschwörungen des Staates sieht, es nicht akzeptieren kann, dass es oftmals keine dubiose Hintergeschichte gibt. Ich erlebe das hier in den USA Tag für Tag. Ich bin einer von denen, die morgens die Tweetstürme von Donald Trump lesen, seine Beleidigungen, seine Verdrehungen der Tatsachen, seine Rechtfertigungen für offensichtliches Fehlverhalten. Und ich lese die Kommentare darunter. Es scheint, dass 25 Prozent der Wählerschaft nur noch das glaubt, was dieser Populist im Weißen Haus vorgibt. Und wenn ich mir die Reaktionen auf Alice Weidels Seite ansehe, dann ist es in Deutschland nicht viel anders. Das macht mir Sorgen.

Ganz großes Kino in der Provinz

Lange Zeit kannte ich Hof nur als Grenzstadt. Auf dem Weg zu meinem Freund in der Nähe von Freiberg in Sachsen, war Hof immer der letzte Bahnhof im Westen. Kurz nach 23 Uhr ging es von Nürnberg los, in Hof war man dann nach Mitternacht. Aber das ist nun schon über 30 Jahre her. Ich werde alt.

Mit Hof kann ich nun aber ein ganz neues Bild verbinden. Etwa zehn Jahre nach dem Mauerfall lebte ich schon in Kalifornien, produzierte meine Radio Goethe Sendung und da schickte mir ein Label die CD einer Berliner Band zu, die ich nicht kannte. “Another last goodbye” war so ein Album, das mir zeigte, was es in der deutschen Musikszene so alles zu erkunden, zu entdecken und zu erfahren gibt. Bei einem folgenden Deutschlandbesuch sass ich dann bei Sänger Rene Schwettge in der Wohnung an der Friedrichstrasse, gleich gegenüber vom Tacheles, und führte eines meiner ersten Radio Goethe Interviews. Das ist nun schon lange her, Rene wohnt da nicht mehr, das Tacheles ist Geschichte, die Band singt nun auf Deutsch und auch auf dem Label Moloko+ kam danach nichts mehr von Infamis raus.

Im Westen der Himmel…Infamis live in Hof.

Doch zurück zu Hof, hier schließt sich mein etwas kompliziert gezeichneter Kreis. Infamis sind eine meiner Lieblingsbands geworden, die ich über die Jahre aus der Ferne beobachten und begleiten konnte. Wer meine Sendung regelmäßig hört – es soll solche Personen ja geben – die haben Infamis kennengelernt. Ihr Sound ist schwer auszumachen. Es ist ein Zusammenspiel der verschiedensten musikalischen Richtungen und Einflüsse. Großstadtcowboys zwischen Johnny Cash Melancholie und den grauen Bildern und Geschichten eines Film Noir Streifens. Dazu immer wieder diese Independent Rock Ausbrüche, bei denen es laut, heftig und kantig wird. Klangideen werden dabei auf kreative Art umgesetzt und sei es der Loop einer kratzenden Ernst Busch Platte aus dem Jahr 1930. Das Ergebnis ist ein ganz besonderer, bewegender und nahegehender Soundtrack, der mich auch nach all den Jahren immer wieder aufs Neue fasziniert.

In Hof standen die fünf auf der kleinen Bühne im KunstKaufHaus und spielten vor einem überschaubaren, doch hoch begeisterten Publikum. Höhepunkte für mich waren diese besondere Version von “Hofgang” und eben ihr Monumentalsong “Ganz großes Kino”, die beide die Infamis Klangwelt am besten zusammenfassen: Tiefe, Nähe, Nachdenklichkeit, doch eben auch diese Gewalt, die Rohheit, das Spiel mit der Lautstärke. Ende Februar soll ein neues Album erscheinen, ich bin gespannt wie der sprichwörtliche Flitzebogen…und im kommenden Dezember, kurz vor Weihnachten, werde ich dann wieder nach Hof fahren. Warum spielt diese grandiose Band eigentlich nicht in Nürnberg?

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Weit über den Wolken

Die gewaltige Stahlkonstrukution von Hangar One aus den 1930er Jahren steht noch immer und ist weithin zu sehen.

In den letzten 25 Jahren bin ich oft auf dem 101 an dem grossen Hangar in Mountain View vorbei gefahren. Moffett Field ist ein abgeschirmter Flughafen, der von der NASA und dem US-Militär genutzt wird. Und auch Präsidentenmaschinen landen und starten dort, wenn der „Commander in Chief“ San Francisco und die Bay Area besucht. Der große Hangar wurde in den 30er Jahren errichtet, entworfen von dem deutschen Ingenieur Karl Arnstein. Es ist eines der weltweit größten, freistehenden Gebäude. Heute ist nur noch das Stahlgerüst übrig, der High Tech Gigant Google hat vor einiger Zeit angeboten, eine neue Umschalung zu finanzieren, doch darauf wartet man noch. Auf der anderen Seite von Moffett Field sind zwei weitere gigantische Hangars zu sehen, doch auch diese werden nicht mehr benutzt. Sie wurden aus Redwood Holz gebaut und sind nun wegen Feuergefahr gesperrt.

Gestern konnte ich mir endlich mal das Gelände jenseits des Zaunes ansehen. Der Grund war ein Besuch im Forschungsjet von SOFIA, des „Stratospheric Observatory For Infrared Astronomy“, einem deutsch-amerikanischen Gemeinschaftsprojekt. Und das läuft trotz aller diplomatischer und politischer Schwierigkeiten auch nach über 20 Jahren noch immer gut. NASA und DLR arbeiten hier in Mountain View und am weiteren Standort Palmdale hervorragend zusammen. Von der wissenschaftlich begleitenden Universität Stuttgart kommen immer wieder junge Studierende hierher, um an diesem Stratosphären-Unternehmen mitzuarbeiten und mitzuhelfen. Der Jet wurde einst von den Amerikanern umgebaut, das Teleskop wurde von den Deutschen geliefert, ein Zusammenspiel zahlreicher Unternehmen.

Ich hatte das Glück von einem der führenden und langjährigen Wissenschaftler im SOFIA-Team durch das Flugzeug und über das Areal geführt zu werden. Die Boeing war direkt neben Hangar One geparkt. Das besondere an diesem SOFIA Flugzeug ist das Infrarot Teleskop, das im hinteren Teil des Jets verankert ist. In 12 Kilometern Höhe wird das Teleskop freigelegt, die Decke des Flugzeugs in diesem Teil wird aufgeschoben, der Blick in die Weiten des Universums kann dann ungehindert beginnen.

Es ist ein spannendes Projekt, das trotz politischer Schwierigkeiten und der immer neuen Frage nach der weiteren Finanzierung Bestand hat. Nahezu zweimal in der Woche startet der SOFIA Jet von Palmdale aus, um weitere Bilder und Daten in höchster Höhe zu sammeln. Mal sehen, was ich aus dieser Geschichte noch machen kann.

Im SOFIA Jet. Im Hintergrund das Teleskop, vorne die Überwachungsschaltplätze.

 

Vor 30 Jahren

Derzeit bin ich am Produzieren mehrerer Audiobeiträge für eine Ausstellung in Oakland. „Berlin Wonderland“ will die Geschichte der Zeit nach dem Mauerfall erzählen. Ich höre mich dafür durch die vielen Originaltöne, die ich in meinem Archiv finden kann, durch einige Interviews mit Zeitzeugen und denke dabei auch an jene Monate 1989, als ich mehrmals einen Freund in Freiberg, Sachsen, besuchte.

Die Petrikirche in Freiberg war 1989 ein wichtiger Treffpunkt für die junge Öko- und Demokratiebewegung.

Das waren damals schon aufregende Zeiten, auch wenn ich nicht mittendrin in Berlin war. Ich erinnere mich noch an diese Konferenz von Kirchengruppen und Öko-Kreisen aus allen Teilen der DDR, die im Frühjahr ’89 nach Freiberg kamen. Die Petrikirche war der Treffpunkt, die Bankreihen waren übervoll. Ich als damals 20jähriger Wessi staunte und beobachtete nur, hörte zu, war beeindruckt vom Mut all der Aktivisten, die über eine Reform der Demokratie in der DDR sprachen, über Umweltschutz, über das Gebot der Stunde. Jeder wusste, die Stasi war unter ihnen. Und auch draußen warteten auffällig unauffällige Männer in Lederjacken.

Aber es herrschte diese Aufbruchstimmung, irgendwas würde passieren. Schon ein gutes Dreiviertel Jahr zuvor hatte mir mein Freund ein Buch des kirgisischen Autors Tschingis Aitmatow geschenkt. „Die Richtstatt“, wie es in der DDR veröffentlicht hieß, war ein Buch mit durchaus kritischen Tönen. Das verstand auch ich. René fragte mich ein paar Wochen später bei einem weiteren Besuch, wie ich das Buch fand. Ja, meinte ich, toll zu lesen, für mich damals eine ganz neue Lektüre. Er war jedoch ganz ergriffen von „Die Richtstatt“ und sagte – diese Worte werde ich nie vergessen – es wird sich etwas in der DDR ändern. Ich fragte ihn, wie er darauf käme und er antwortete, das, was hier geschrieben und veröffentlicht wurde, zeige ganz deutlich, dass Veränderungen kämen. Alleine, dass dieses Buch überhaupt erschienen sei, belege, es wird sich was tun.

In den kommenden Monaten nach dem Treffen der kirchlichen Öko-Kreise schrieben wir Briefe hin und her, bis ich erneut nach Freiberg fuhr. Da marschierten die Menschen schon auf den Straßen der Bergbaustadt, es müssen Zehntausende gewesen sein, die lautstark mit „Wir sind das Volk“ und „Schliesst Euch an“ schließlich auch an der Stasi-Zentrale vorbeiliefen. Von Angst war da keine Spur mehr. Die DDR war der kippende Koloss, dessen Fall nicht mehr aufzuhalten war.

Und ja, man debattierte über die Zukunft des Landes, darüber, wie man diese deutsche demokratische Republik sozial und basisdemokratisch verändern könnte, wie man aus ihr einen umweltbewussten Staat entstehen lassen würde. Die Menschen in der DDR, so glaubten viele, würden diesen solidarischen Weg des Miteinanders weitergehen. Ich war damals von dieser Energie schwer beeindruckt. Noch heute habe ich diese vielen Briefe von damals, sie zogen mit mir aus Nürnberg nach Oakland um. Und dann kam der Mauerfall und schließlich der Ruf „Wir sind ein Volk“. Damit wurde nicht nur das Ende der DDR ausgerufen, sondern auch das Ende jeglicher basisdemokratischer und naturschützerischer Utopien. Auch wenn das, was schließlich kam, viele überforderte, es war eine beeindruckende Zeit, auch für mich, der ein bisschen aus der Nähe diese friedliche Revolution beobachten durfte.

Die Hoffnung ist da

Es war eine schnelle Reise einmal halb um die Welt. Von Kalifornien in den Sudan. Nun bin ich wieder zurück in Oakland. Der Sudan ist ein Land im Auf- und Umbruch. In der Hauptstadt Khartum wurde viel von der Revolution gesprochen, der friedlichen Revolution, die Vorbild für andere afrikanische Staaten sein könnte.

Der Blick aus dem Fenster von meiner Unterkunft in Kassala.

Ich sprach in den vergangenen Tagen mit Journalisten und Radiomachern, mit jungen, engagierten Frauen, mit Musikern, Kulturschaffenden. Man hat Hoffnung in diesem Land nach der jahrzehntelangen Dikatur. Das ist zu sehen, das ist zu spüren. Selbst in einem Pizzaladen ist es entspannter geworden. Junge Frauen sitzen zusammen, lachen, machen „Selfies“ ohne Kopftuch, genießen den Tag. So etwas sei vorher nicht möglich gewesen, wurde mir gesagt. Im einzigen englischsprachigem Radiosender in Khartum, Capital 91.6 FM, blickt man optimistisch in die Zukunft. „The heart beat of Sudan“ ist der Slogan dieser Station und der dringt klar und deutlich nach draußen. Die schwierigen Zeiten während des Umbruchs sind vorbei. Deutliche Worte durfte man in der Übergangszeit on-air nicht finden, doch man bezog durch die Musikauswahl Stellung. Ein Lied, wie Tracy Chapmans „Talkin‘ Bout a Revolution„, wurde da zu einer kraftvollen Aussage, bestätigt mir die Moderatorin Maya Gadir.

Im Impact Hub von Khartum sitzen vor allem junge Leute mit Ideen zusammen. Sie repräsentieren das neue Sudan, sind stolz auf ihre Revolution, die ein Land nach 30 Jahren brutaler Regierung durch Omar Bashir, auf einen neuen Kurs gebracht hat. Seitdem sind nur wenige Monate vergangen, vieles ist noch unklar und unsicher, doch die Hoffnung ist groß, dass der Übergang zu einer demokratischen Reform funktioniert, dass der Sudan, das flächenmäßig drittgrößte Land Afrikas, zu seiner Stärke findet, die er eigentlich auf dem Kontinent haben müsste. Hier treffe ich auch Emad Zakria, den Mitbegründer von Share Zone, einem Start-up aus Darfur. Auch das gibt es in dieser von Krieg und Gewalt geprägten Region Sudans. Emad will dabei mithelfen, dass die Jungen bleiben und nicht das Land verlassen. Es ist beeindruckend, zu erleben, zu hören, zu sehen, was gerade im Sudan passiert, Ein Land im Umbruch, im Aufbruch.

Als die Tür während des Interviews mit dem Dorfführer immer wieder aufging, zückte dieser kurzerhand sein Messer und verriegelte die Tür damit.

Und doch, da sind auch die bekannten Bilder. Ich bin mit CARE Deutschland in dieses Land am Nil gereist, die hier unter dem Namen „Care International Switzerland“ arbeiten. Der Grund für diese Reise waren nicht die Revolution, die Start-ups, die Aufbruchstimmung, es war das, was wir in Kassala, im Osten des Sudan, nahe der Grenze zu Eritrea sahen. Vergessene Dörfer, Unterernährung, Wasserknappheit, benachteiligte Mädchen und Frauen, Armut und auch Elend. CARE hat hier in dieser konservativen Region neue Projekte begonnen, gemeinsam mit einer lokalen NGO versucht man zu  helfen. Es ist nicht ganz leicht, denn alte Traditionen, religiöse Überzeugungen, die harten Lebensbedingungen und die Abgeschiedenheit mancher Dörfer lassen eine schnelle Hilfe nicht zu. Es braucht Zeit, Geld und Ausdauer hier Fortschritte zu erzielen. Khartum ist weit weg. Kassala ist eine Gegend, in der viele Flüchtlinge aus Somalia, Somaliland, Eritrea und Äthiopien durchziehen. Es liegt im Zentrum der Schmuggler. Hier ticken die Uhren anders.

Es war für mich die erste Reise in den Sudan und es war beeindruckend, tief bewegend. Die Landschaft, die Kultur, doch vor allem die Menschen, die ich treffen konnte, die mit mir sprachen, die Antworten auf meine vielen Fragen gaben. Die junge Feministin von Amna, der ältere Dorfanführer in Omraika, die ältere vollverschleierte Frau in Kifeteria, die eloquente Programmleiterin von CARE Sudan und viele mehr. Sie alle nahmen sich Zeit, meine Fragen zu beantworten, erklärten mir Umstände, Sachverhalte, kulturelle Gegebenheiten. Nach so einer Reise komme ich zurück, geerdet, dankbar, bereichert. Und ich weiß, ich habe einen wunderbaren Job, der mich in andere Länder, andere Kulturen führt, der mich Orte sehen lässt, die ich wohl nie besuchen würde. Der mich jedoch vor allem mit Menschen in Kontakt bringt, die ich nie getroffen und mit denen ich wohl nie gesprochen hätte. Nun geht es daran, das alles auszuwerten, was ich aufgenommen, gesehen und erlebt habe. Eine besondere Verpflichtung gegenüber all jenen, die ich getroffen habe.

Musik, die verbindet

Das Auswärtige Amt hat dafür ein Deutschlandjahr in den Vereinigten Staaten ausgerufen. Überall im Land wird daran erinnert, was uns verbindet. Die Projekte reichen von gemeinsamen Festen über Ausstellungen, Konzerte, Konferenzen bis hin zu Radiosendungen mit Musikthemen, wie ich sie hier präsentiere. Neben AFN, Rammstein, Bear Family Records, den Einstürzenden Neubauten, den zeitlosen Liedern über die Moorsoldaten und Lili Marleen ist nun das wohl wichtigste Thema in dieser Sendereihe dran: die Musik der deutschen Einwanderer.

Von Huttwil in der Schweiz nach Wisconsin, von Trossingen in Schwaben nach Michigan, von St. Pölten in Niederösterreich nach Illinois: Mit den deutschsprachigen Einwanderern kam Anfang des 20. Jahrhunderts auch ihre Musik und ihre zünftige Art zu feiern in die USA. Spuren dieser Musik sind bis heute in der US-Volksmusik zu finden. Schweizer, Deutsche und Österreicher zog es in den Mittleren Westen, vor allem nach Wisconsin – «Swissconsin» wie der «deutscheste» aller Bundesstaaten auch gerne genannt wurde. Österreicher liessen sich in Chicago nieder und bildeten dort die grösste österreichische Gruppe im Ausland.

All die Einwanderer aus den deutschsprachigen Ländern wurden kurz „Germans“ genannt. Sie kamen nicht nur zum Arbeiten, sie wollten sich in der Neuen Welt eine neue Heimat aufbauen und brachten ihre Kultur, ihre Lebensweise, ihre Eigenarten mit. Und feiern das konnten sie. Die Feste der „Deutschen“ waren beliebt und sind es bis heute noch. Mit Bier, Tanz und vor allem der zünftigen Musik wurde ausgelassen gefeiert.

Mit dem Beginn der Plattenindustrie in den USA, wurden auch mehr und mehr „ethnic“ Schallplatten veröffentlicht, darunter viele mit Jodlern, Blaskapellen, Chören. Die großen deutschsprachigen Gemeinden brachten sich nicht nur ein in den „Melting Pot“ USA, sondern sie beeinflussten auch auf ihre Weise die amerikanische Musik. Man denke an den Country, den Blues, Hillbilly und Cajun. Und genau diesen Spuren geht diese Radio Goethe „Wunderbar Together“ nach. Und wohl keine andere Episode in dieser Sendereihe zeigt besser auf, wie sehr Deutschland mit den USA verbunden ist.