„Sie hätte es aber sagen können“

Es ist schon eine komische Zeit in der wir leben. In den USA macht ein Kandidat Schmalspur-Wahlkampf und auch als gewählter Präsident äußert er sich am liebsten in Form von 140 Zeichen. Twitter ist sein Sprachrohr, darüber erklärt er und kommentiert komplizierteste tagespolitische Themen. Auf Facebook werden problem- und kritiklos erfundene Nachrichten und Kommentare verbreitet und diese bejubelt. Selbst wenn man diejenigen darauf hinweist, wie im Falle eines falschen Zitats, das der Grünen Politikerin Claudia Roth untergeschoben wurde, dass Roth so etwas nie gesagt habe, kommt zur Antwort: „Sie hätte es aber sagen können„. Der entsprechende Post auf Facebook wurde deshalb nicht gelöscht.

Nun habe ich vor ein paar Tagen ein Bild mit einem Text auf meiner Facebook Seite veröffentlicht: „Wir haben nicht Terror wegen der vielen Flüchtlinge, sondern wir haben so viele Flüchtlinge wegen Terror“. Ein Textbildchen, darunter steht als Absender Caritas. Ich habe dieses Bild geteilt, einfach so, als einen kleinen Denkanstoss in einer schwierigen Zeit.

Doch das war ein Fehler. Zwar stimmten sehr viele „Facebook Freunde“ diesen Zeilen zu, etliche teilten dieses Bild auch weiter, aber es gab auch einige, die daraufhin eine unsägliche Diskussion begannen. Es wurde auf Flüchtinge geschimpft, sie als „potentiellen Schläger„, als „Grabbscher und Gangreserve“ bezeichnet. Von der „Leitpresse“ ist da die Rede und „Wer Auslandspresse liest ist besser informiert„. Fragwürdige Propagandalinks wurden da gesetzt. Ein erfahrener Journalist und von mir sehr geschätzter Kollege bekommt zur Antwort: „Ok ich verstehe schon, wer im Mediengeschäft ist muß sich heute so verhalten, das ist die offizielle Sprachregelung, sonst ist man leider schnell erledigt.“ Einer Bekannten, die Promoterin im Musikbereich ist und einen Einwand liefert, wird gesagt: „„öffentlichkeits“arbeiter“Innen müssen sowat sagen. dafür werden sie bezahlt“.

Natürlich werden auch wieder die USA beschuldigt, Verschwörungstheorien über Hintermänner und -frauen der jüngsten Terrorattacke von Berlin geliefert, Zitat: „Die EU und D, sind koloniale Erfüllungsgehilfen„. Auch werden für die Meinungsbildung zahlreiche Quellen benutzt, manchmal durchaus fragwürdig: „Meine Friseurin in der Heimatstadt erzählte mir entsetzt, alle 4 Moscheen würden Radikalisierung betreiben.“ Pauschal werden Muslime verurteilt: „Ihre Sozialisation ist eben so, dass Frauen minderwertig sind.

Bundeskanzlerin Angela Merkel wird als „obermuddi“ bezeichnet, die mit ihrer „bande ihre grenzflutung erreicht„. Und die Caritasschelte darf natürlich auch nicht fehlen, immerhin ist der katholische Wohlfahrtsverband für das am Anfang stehende Zitat verantwortlich: „caritas & co verdienen sich dumm und dämlich dran. auf kosten des steuerzahlers.“

Mir wurde vorgeworfen, ich sei „naiv„, ich verbreite „ein sehr oberflächlich populistisches Bild„. Eigentlich waren es doch nur diese wenigen Worte: Wir haben nicht Terror wegen der vielen Flüchtlinge, sondern wir haben so viele Flüchtlinge wegen Terror. Und dann so eine heftige Reaktion, die mich nachdenklich und auch betroffen macht über die Art und Weise des Umgangs miteinander, der Diskussionsebene, der Problembewältigung. Klar, ich könnte einige dieser „Facebook Freunde“ sperren oder einfach alles unkommentiert lassen. Aber das ändert ja nichts daran, dass es in diesen „sozialen Medien“ viele gibt, die sich ihr eigenes Bild der Welt und seiner Abläufe gebastelt haben. Nach dem Wahlausgang in den USA, der auf Lügen, Verschwörungstheorien und Hasstiraden aufgebaut war, schaue ich mehr als besorgt auf das, was da im kommenden Jahr in Deutschland passieren könnte. Die Zeichen lassen sich nicht mehr übersehen.

Leben mit dem Terror

Berlin, Breitscheidplatz. Der Terror trifft die deutsche Hauptstadt. Kein militärisches, kein politisches Ziel, vielmehr das alltägliche Leben. Viele fragen, wo kann man noch sicher sein, wenn nicht unbekümmert und feiernd, einen Glühwein trinkend auf einem Weihnachtsmarkt?

Wir alle leben schon sehr lange mit der Angst vor der Gewalt. Nicht erst seit dem 19. Dezember 2016, nicht erst seit dem 11. September 2001. Auch wenn es so scheint, der Terror ist nicht neu in unserem Leben. Die „University of Maryland“ sammelt seit Jahren in ihrer „Global Terrorism Database (GTD)“ die Daten und Fakten von Terroranschlägen rund um den Globus. Mehr als 150.000 Vorfälle zwischen Januar 1970 und Dezember 2015 wurden darin aufgelistet. In Europa waren es in diesem Zeitraum 18.803 Terroranschläge bei denen 10.537 Menschen ums Leben kamen. Die Zahl der Anschläge nahm nicht zu, allerdings stieg 2014 und 2015 die Zahl der Todesopfer auf einen Höchststand seit 2004.

Wir leben schon lange mit dem Terror: Foto: Reuters.

Zwischen den 70er und 90er Jahren war der Terror für Europa eher ein nationales Problem. Die IRA bombte in England und Irland, die ETA in Spanien, die RAF in Deutschland, die Roten Brigaden in Italien, die Action Directe in Frankreich. Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs verrutschte auch der Schwerpunkt der Angriffe auf der Landkarte des Terrors Richtung Osten. Plötzlich gab es Anschläge in Russland, der Ukraine, im Kaukasus. Der Terror hat dann mit den Anschlägen vom 11. September 2001 auch noch einen anderen, einen neuen und nicht weniger brutalen Anstrich bekommen. Statt Bomben und Blut für vermeintliche politische Ziele, wurden nun auch noch die Menschen im Namen Allahs terrorisiert.

Es sind bedrückende Zahlen, die man in diesen trockenen Statistiken lesen kann. Auch jene, die beschreibt, dass im Zeitraum zwischen Januar 2015 und Juni 2016 in Europa und Amerika 658 Menschen bei 46 Terroranschlägen ihr Leben verloren. Im Nahen Osten, Afrika und Asien gab es im gleichen Zeitraum 50mal mehr Todesopfer. 20.031 Menschen starben bei 2.063 Angriffen. Das Blutbad reicht um den Globus.

Wir leben mit der Terrorgefahr und das schon lange. Der gewaltsame Versuch einiger weniger, das Leben der Mehrheit zu verändern ist Teil des Alltags geworden. In den USA, im Irak, in Somalia und auch in Deutschland. Die Art und Weise, die Intensität der Anschläge und die Zahl der Todesopfer hat zugenommen. Mit dem Anschlag von Berlin werden wir wachgerüttelt, dass es hier „auch“ passieren kann. Obwohl wir das schon lange wissen und damit leben, damit zu leben gelernt haben.

„Wollen Sie Deutscher werden?“

Die Wahlnacht in den USA war noch nicht vorbei, da ging die Nachricht von der gecrashten Webseite der kanadischen Einwanderungsbehörde um die Welt. Viele Amerikaner blickten jenseits der nördlichen Grenze, um zumindest mal herauszufinden, ob man auswandern könnte, wenn unter Trump alles schlimmer werden sollte. Man weiß ja nie, was da auf einen zukommt.

Auch ich habe Freunde und Bekannte, die auf einmal ihre europäischen Wurzeln entdecken und sich dafür interessieren, ob sie einen zweiten, einen Pass eines europäischen Landes bekommen könnten. Sicher ist sicher, ein Hintertürchen, einen Plan B wollen hier einige in Aussicht haben. Und so schlecht lebt es sich ja auch nicht in Berlin, Paris, Italien, Madrid oder anderswo im Euroraum.

Etwas überrascht war ich dann schon davon, dass die deutsche Botschaft in Washington ganz offen auf ihrer facebook Seite erklärt „Looking for information on German citizenship?“ Das wirkt gerade so, als ob man hinter Kanada als Drittland nicht zurückstehen möchte. Deutschland soll auch interessant für jene sein und wirken, die bestimmte Qualitäten mitbringen. Eine davon ist, dass der Bewerber um die deutsche Staatsbürgerschaft Deutsch sprechen muss, also eine Eingliederung in das gesellschaftliche, kulturelle und Arbeitsleben von Tag 1 garantiert ist. Es wirkt ein bißchen wie das Abschöpfen einer politisch frustrierten, aber hochgeschulten Elite im Land.

Es kann durchaus sein, dass die Botschaft in Washington regelmäßig solche Infos für an Deutschland Interessierte raushaut, bislang fielen sie mir jedoch nicht auf. Nur eine Woche nach dem Sieg Donald Trumps und bei der etwas gedrückten Stimmung im Land, wirkt solch ein Vorpreschen jedoch etwas, nennen wir es befremdlich. Der Zeitpunkt scheint da wohl ganz bewußt gewählt worden zu sein.

Deutschland hat ein Imageproblem

AfD, Pegida und Xenophobie, gewaltsame Übergriffe auf Ausländer und radikalisierte junge Asylbewerber. Deutschland ist derzeit in den internationalen Schlagzeilen. Hier in den USA muß man nur mal „Germany“ auf google News eingeben und schon bekommt man die Antworten. Der Großteil der Nachrichten ist alles andere als positiv.

Fotos von Demos gegen Flüchtlinge haben die Bilder eines weltoffenen Deutschlands verdrängt. Foto: Reuters.

Fotos von Demos gegen Flüchtlinge haben die Bilder eines weltoffenen Deutschlands verdrängt. Foto: Reuters.

Das wird hier drüben genauestens beobachtet, was da im Herzen Europas passiert. Die Erfolge der Rechtspopulisten der AfD wird ausführlich in den Zeitungen, online und sogar in Fernseh- und Radionachrichten kommentiert. Ausschreitungen, gerade im Osten Deutschlands, führen zu Reisewarnungen. Auf den Seiten des „State Departments“ heißt es: „Hooligans, meistens betrunkene Skinheads, haben erkennbare Ausländer und Mitglieder rivalisierender Gruppen angepöbelt und angegriffen. Offensichtlich rassistisch begründete Übergriffe (aufgrund einer „fremden“ Erscheinung) gegen US Staatsbürger sind vorgekommen. Diese Situation könnte sich noch aufgrund von mehr als einer Millione Flüchtlingen verschlimmern, die 2015 nach Deutschland kamen“.

Klare Worte, die mit Medienberichten von pöbelnden und prügelnden Mobs unterlegt werden. Deutschland hat in diesen Tagen ein deutliches Imageproblem in den USA. Negative Schlagzeilen bestimmen auf weiter Flur das Bild. Da ist dann noch der VW-Skandal, die FIFA-WM Affäre und der Schlingerkurs von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Selbst Donald Trump griff im Wahlkampf die Kanzlerin an. Er sagte: „Hillary Clinton will die Angela Merkel Amerikas werden und ihr wisst, was diese massive Immigration für ein Desaster für Deutschland und das deutsche Volk geworden ist. Die Kriminalität ist auf ein Level gestiegen, das sich niemand auch nur vorstellen konnte.“ Wenn es denn nur Trumps Worte zu Deutschland wären, dann müsste man das nicht ernst nehmen, denn noch im August 2015 erklärte er, Merkel sei „probably the greatest leader in the world today.“

Die negativen Nachrichten und Schlagzeilen dominieren in diesen Tagen die Berichterstattung über Deutschland. Erst gestern titelten zahlreiche Outlets, darunter die „Huffington Post“, „Yahoo News“ und auch „Voice of America“: „German Government Fears Xenophobia Will Do Economic Harm – Violent acts by rightist supporters rose by 43% in 2015“. Das ist wahrlich kein gutes Bild. Schlimmer noch, es wird von Leuten wie Trump als Argument für einen Einreisestopp für Muslime und seine Mauerpläne an der mexikanischen Grenze benutzt.

 

 

„Ich dachte, Du kannst helfen“

Als ich im letzten November nach Somaliland und Puntland reiste, fragten mich einige ersteinmal „wo ist das denn?“. Als ich Somalia sagte, kam die Antwort „Ja, spinnst Du denn, viel zu gefährlich!“ Als ich hier war, griffen IS-Terroristen Paris an. Seitdem ist viel passiert in der Welt, es knallte überall: San Bernardino, Istanbul, Orlando, Brüssel, Nizza, Würzburg, Ansbach, das sind die Orte, die mir gerade einfallen. Es sind sicherlich noch mehr. 2016 hat sich die Welt verändert und ich kann nur folgern, Hargeisa ist nicht gefährlicher als andere Orte. Ganz im Gegenteil, hier erklärt man mir, die nichtanerkannte Republik sei sicher.

Selbst Esel helfen beim Aufbau der somaliländischen Wirtschaft.

Esel helfen beim Aufbau der somaliländischen Wirtschaft.

Bei Reisen außerhalb der Stadtgrenzen der Hauptstadt ist für Ausländer gesetzlich eine bewaffnete Eskorte vorgeschrieben. Die bezahlt man selbst. Ein Sicherheitsgefühl bekommt man deshalb nicht unbedingt, auch wenn die beiden Polizisten Maschinengewehre bei sich führen. Irgendwie ist so eine Wumme und eine Uniform nur störend, wenn man Interviews führen möchte, gerade bei eher „persönlichen“ Themen. Aber egal, Gesetz ist Gesetz und daran hält man sich eben.

Hier in Somaliland gibt es jedoch eine Krise, die außer Kontrolle geraten könnte: die Jugendarbeitslosigkeit. Der Großteil der jungen Leute hat keinen Job. Jeden Tag sieht man viele von ihnen auf der Straße, einfach so, herumlaufend, nichts tun. Als westlicher Besucher wird man angesprochen, ich bin da keine Ausnahme. Egal wo ich sitze, jemand kommt auf mich zu, fragt mich, woher ich komme, was ich hier mache und ob ich Kontakte habe. Ali ist einer von ihnen. Vor ein paar Tagen saß ich im Garten des Hotels, als er mit ein paar Freunden auf mich zukam, höflich fragte, ob er sich setzen dürfte und anfing von sich zu erzählen. Er hat studiert, spricht fließend Englisch, hat seine Abschlüsse und findet keinen Job. „Ich dachte, Du kannst helfen“, meinte er zu mir. In Somaliland kann man sich nicht einfach bewerben, man muß jemanden kennen, der wieder jemanden kennt, der wieder jemanden kennt. Familie, Clan, Vitamin B sind hier die wichtigen Grundlagen für eine Karriere. Nicht die Qualifikation, sondern die Zugehörigkeit zählt. Das und das mangelnde Jobangebot treibt viele, zum Teil gut ausgebildete junge Leute auf die Lange Reise nach Europa. „Tahreeb“ ist in aller Munde.

Das behindert eine Entwicklung, die sowieso auf sehr brüchigen Grundfesten gebaut wird. Somaliland ist international nicht anerkannt, und das schon seit 25 Jahren. Die kleine Republik mit ihren 3,5 Millionen Einwohnern hat über die Jahre demonstriert, dass sie friedlich ihren eigenen Weg gehen will. Doch Deutschland, die EU, die USA und die UN setzen auf ein wiedervereinigtes Somalia, ein Land, das es nicht mehr geben wird. Sowieso gab es das geeinte Somalia noch nie. 1961 gingen die einstigen italienischen und britischen Kolonien zusammen. Doch schon schnell wurde klar, es passt nicht. 1981 gründete sich im Exil die Rebellenbewegung Somali National Movement (SNM). Das Ziel war die Abspaltung der einstigen britischen Kolonie Somaliland von Rest Somalia. Der bewaffnete Kampf der SNM endete 1988 in der Bombardierung der Städte Hargeisa und Burao durch die Regierungstruppen des Diktators Siad Barre. 40.000 Menschen starben, 400.000 wurden vertrieben. Als Barre 1991 entmachtet wurde, war vielen in Somaliland klar, die Chance für die Unabhängigkeit war gekommen. Die Republik Somaliland wurde ausgerufen.

Rest-Somalia versank im Chaos. Die Hauptstadt Mogadischu gibt es nur auf dem Papier. Seit 25 Jahren wird South-Central Somalia und Puntland nicht von einer Zentralregierung regiert. Puntland erklärte sich 1998 für autonom, ist aber offen für eine Wiedervereinigung. Somaliland hingegen lehnt das strikt ab. Und die Menschen in Somaliland zahlen dafür einen hohen Preis. Sie leben in Frieden, doch die wirtschafliche Situation verschlechtert sich, gerade auch, weil die Anforderungen an die Regierung wachsen. Dringend benötigte Entwicklungsgelder und Aufbauhilfen fehlen, die gehen nach Mogadischu, denn die Regierung in Hargeisa wird nicht anerkannt. Somaliland heute hängt am Tropf der somalischen Diaspora, die in Europa, den USA und Kanada lebt. Das kann jedoch keine langfristige Lösung bleiben. Nicht für Ali und die vielen anderen jungen Leute und nicht für das Horn von Afrika. Deutschland, Europa und die internationale Gemeinschaft müssen handeln, um endlich ein klares Zeichen für ein friedliches und friedliebendes Land zu setzen.

Die deutschen Trumpisten

Auch das noch, ich habe ja sonst nichts zu tun. In den letzten Wochen und Monaten mußte ich als Korrespondent in Radiobeiträgen, Artikeln und Gesprächen oft erklären, was hier in den USA vor sich geht. Ein historischer republikanischer Wahlzirkus, ein Egomane als Frontrunner, Verbaltiefschläge zwischen Penislänge und mexikanischen Vergewaltigern. Dazu ein undurchsichtiges Wahlsystem, das von außen betrachtet so undurchschaubar wie das Regelwerk eines Baseballspiels ist. Oftmals habe ich versucht, die Dinge in Relation zu stellen, auf die niedrige Wahlbeteiligung verwiesen, darauf, dass es ja „nur“ die Vorwahlen sind und sich am Ende ein Donald Trump sicherlich nicht durchsetzen wird.

Wie sich die Aussagen doch ähneln.

Wie sich die Aussagen doch ähneln.

Und da blicke ich heute nach Deutschland, lese, höre und schaue online die Nachrichten. Unfassbar, die AfD gewinnt bei drei Wahlen aus dem Stand den Einzug ins Parlament, wird sogar in Sachsen-Anhalt zweitstärkste Partei und das mit einem Spitzenkandidaten, der am rechten Rand (!) zu finden ist. Die Los Angeles Times titelt dann auch gleich umgehend: „Far-right party surges in German elections after anti-immigrant campaign„. Die AfD beschädigt einfach mal so aus der Hüfte raus das Ansehen Deutschlands. „Far-right“ und „German“ läßt im Ausland gleich aufhorchen.

Nun frage ich mich, warum in der deutschen Berichterstattung in der letzten Zeit kopfschüttelnd nach Amerika geblickt wurde. Unverständnis war in eigentlich allen Berichten über den Rechtsaußen-Wahlkampf eines Donald Trump zu spüren. Und vor der eigenen Haustür gewinnt eine Partei mit den gleichen platten, menschenverachtenden, ja, hirnrissigen Wahlsprüchen und Wahlversprechungen, wie hier drüben ein Kandidat mit Fönwelle. Die AfD ist nicht mehr als ein deutscher Trump-Fanclub. Es entsteht da ein transatlantischer Schulterschluss, auf den ich beim besten Willen gerne verzichten würde.

Deutschland Studienland

Es muß nicht immer Berkeley sein. US Studenten zieht es an deutsche Unis.

Es muß nicht immer Berkeley sein. Amerikanische Studenten zieht es mehr und mehr zum Studieren nach Deutschland.

Stanford, UC Berkeley, UCSF, UCLA, USC. Topuniversitäten in Kalifornien, die alle äußerst attraktiv für deutsche Studierende sind. Doch es gibt auch den Blick von hier über den Großen Teich. Etwa 10.000 US Amerikaner sind an Universitäten in Deutschland eingeschrieben. Ganz legal und ganz kostenfrei. Das liegt zum einen an der Tatsache, dass seit 1985 die Studiengebühren in den USA um mehr als 500 Prozent gestiegen sind. Absolventen sind nach ihrem Abschluß hoch verschuldet. Sogar der Präsidentschaftswahlkampf hat dieses Thema aufgegriffen. Die radikalste Forderung ist die des demokratischen Kandidaten, Bernie Sanders, der ein kostenloses Studium für alle an öffentlichen Unis und Colleges fordert. Sanders blickte für diese Forderung auch nach Deutschland.

Zum anderen liegen die gestiegenen Einschreibungszahlen amerikanischer Studierender an deutschen Unis auch an der Attraktivität der Bildungseinrichtungen selbst. Die Kurse für ausländische Studenten werden in Englisch angeboten, die Forschung ist attraktiv und gerade in den technischen Bereichen hat Deutschland weltweit einen hervorragenden Ruf. Und schließlich sind Städte wie Berlin, Hamburg, München und Heidelberg mehr als bekannt in den USA. Deutschland wird hier drüben durchaus als interessante Alternative zu einem Studium im eigenen Land gesehen.

Hinter den kostenlosen Angeboten für Studierende aus den USA, aber auch aus China und Großbritannien, steckt die Hoffnung der deutschen Wirtschaft, dass damit eine Lücke im Bereich der Fachkräfte geschlossen werden kann. Auch andere EU-Länder bieten gezielte Kurse für US-Studierende an, doch Deutschland ist mit das einzige Land, in dem Amerikaner umsonst die Bildungsmöglichkeiten nutzen können. Damit werden auch ganz besondere und nachhaltige kulturelle Brücken zwischen beiden Ländern aufgebaut.

Da dreht sich Donna Summer im Grab herum

Mit den Toten kann man es ja machen. Der deutsche Auslandssender, die Deutsche Welle, setzt seit ein paar Jahren auf eine neue Zielgruppe. Die Jugendlichen in aller Welt sollen angesprochen werden. Dafür begeistert man sich nun auch für Rammstein, deren CDs man in den 90er Jahren noch nicht einmal mit spitzen Fingern anfassen, geschweige denn über die weltweiten Frequenzen spielen wollte. Nun gut, man denkt um. Bravo dw!

Donna Summer - the German Superstar.

Donna Summer – the German Superstar.

Gestern Abend klickte ich mal wieder durch die Sender und blieb bei Kanal 32 hängen. KMTP-TV ist ein offener Kanal in der San Francisco Bay Area, die Deutsche Welle hat sich hier Sendezeit gekauft. Und es lief PopXport, das Musikmagazin „Made in Germany“. Diesmal ging es um „The ten most successful German acts of the 70s“. Na, das ist doch ein Thema, bei dem ich gerne zuschaue und dranbleibe. Aber dann kam es. Auf Platz 10 die Scorpions, auf Platz 9 Tangerine Dream, auf Platz 8 Eruption, auf Platz 7 Les Humphries Singers, auf Platz 6 Baccara, auf Platz 5 Kraftwerk, auf Platz 4 Silver Convention, auf Platz 3 James Last, auf Platz 2 Boney M und auf dem Spitzenplatz – tata – die Nummer 1 der deutschen Acts in den 70ern setzte die Deutsche Welle Donna Summer.

So…was stimmt mit dieser Liste nicht? Wenn ich die Logik der deutschen Auslandsradiospezialisten weiter verfolge, dann müssten da eigentlich auch David Bowie, Iggy Pop, Lou Reed, Brian Eno, Mike Batt und viele andere stehen, denn die haben auch in Deutschland in den 70ern gelebt, gearbeitet, Platten aufgenommen. David Bowie veröffentlichte sogar Songs, die „Neuköln“ und „V-2 Schneider“ hießen und man denke nur daran, dass er von den „Helden für einen Tag“ sang. Also, Kollegen, deutscher geht es ja wohl nicht mehr!

Dass Deutschland in den 70er Jahren durchaus eine Rolle auf der internationalen Musikbühne spielte, ist unbestritten. Mit Frank Farian werkelte da einer der bedeutendsten und erfolgreichsten Produzenten seiner Zeit. Mit den Musicland Studios in München und den Hansa Studios in Berlin gab es weltweit geschätzte Aufnahmemöglichkeiten. Und dann gab es da auch noch eine ganze Reihe von wichtigen Bands, die international ihre Spuren hinterließen. Klar, Kraftwerk, Tangerine Dream, Can, Faust uva. Gerade deshalb braucht man die Amerikanerin Donna Summers nicht posthum und noch ein paar weitere Gruppen zu  „German acts“ umschreiben.

Liebe Deutsche Welle, das kommt einfach etwas komisch bei mir und anderen hier drüben in den USA an. Das wäre ungefähr so, als ob ich Fiddler’s Green zu einer Los Angeles Band machen würde, weil sie ihre Platte „Spin Around“ in den Sound Image Studios in LA aufgenommen haben. Ich glaube, wenn ich das damals nach meinem Studiobesuch geschrieben hätte, hätten sich wohl einige zurecht an den Kopf gefasst.

Hong Kong, Taiwan, China Expansion?

Seit nunmehr 19 Jahren halte ich hier an der amerikanischen Westküste die fränkische Flagge hoch. Zumindest musikalisch. Denn seit Beginn von Radio Goethe im November 1996 auf dem Collegesender der University of San Francisco, KUSF, sind Bands aus der „alten Heimat“ fester Bestandteil meiner Playlist. Von den guten Freunden von Fiddler’s Green über eine meiner Lieblingsalben, mc creatrix der Shiny Gnomes, bis hin zu Dutzenden anderen Bands, wie The Robocop Kraus, JBO, Fade, Blue Manner Haze, Wrongkong, Smokestack Lightnin‘, Be My Island uva. Ach ja, auch Atze Bauer war hier schon live on-air. Und kürzlich brachte mein Freund Martin Schano die jüngste Straßenkreuzer CD mit. Die fränkische Musikszene ist gut vertreten im Sendernetzwerk von Radio Goethe, derzeit sind das rund 40 Stationen in acht Ländern.

Radio Goethe goes China?

Radio Goethe goes China?

Online sehe ich, dass viele Hörer sich aus China, aus Hong Kong und Taiwan zuschalten. Freut mich natürlich, dass die deutsche Musikszene auch dort ankommt, auch wenn ich kein Wort chinesisch spreche. Nun bekam ich eine Mail, dass jemand in China einige Radio Goethe Webadressen registrieren will: radiogoethe.asia, radiogoethe.cn, radiogoethe.co.in, radiogoethe.com.cn, radiogoethe.com.hk, radiogoethe.com.tw, radiogoethe.hk, radiogoethe.in, radiogoethe.net.cn, radiogoethe.org.cn,
radiogoethe.tw und ob ich das angewiesen, erlaubt, dem zugestimmt hätte.

Nö, habe ich nicht. Keine Ahnung, was das nun soll, ob da jemand im fernen Osten „unerlaubterweise“ einen Radio Goethe Ableger gründen will, mir quasi die Millionen von chinesischen Hörerinnen und Hörer strittig machen, einen Radiokrieg lostreten, ein „battle of the DJs“ beginnen möchte. Ich weiß es nicht, aber dann soll er mal machen. Ich glaub‘ ja eher, dass da jemand wirklich meint, man könne mit einem kulturellen Programm zur Musikszene aus Deutschland, Österreich und der Schweiz Geld machen. Kann man nicht, warum auch? Aber viel Glück, ich bin gespannt.

DJ am Opernball

Ich bin heute in Washington DC angekommen. Noch frage ich mich, was ich hier eigentlich mache, aber das wird sich morgen Abend zeigen. Der Opernball für die „Washington National Opera“ steht an. An diesem Samstagabend werden zahlreiche Botschafter zu privaten Dinners einladen, bevor es dann in die Residenz des deutschen Botschafters Peter Wittig geht, der Schirmherr der diesjährigen Veranstaltung ist.

Huberta von Voss-Wittig und Botschafter Peter Wittig laden zum Opernball in ihre Residenz.

Huberta von Voss-Wittig und Botschafter Peter Wittig laden zum Opernball in ihre Residenz.

Und dort wartet dann ein umfangreiches Programm auf die Gäste dieses „elegant black-tie events“, die mit ihren großzügigen Spenden die Oper in der Stadt unterstützen.

Und mit dabei eben auch ich, der hier, nein, keine Arien einspielt und schon gar keine trällert, sondern eine kunterbunte Mischung aus 60er, 70er und 80er Jahre Musik mixt, mit ein paar deutschen Klängen untermalt. Heute erreichte mich eine Mail des organisierenden Kennedy Centers, dass mein Teil des Abends von 3 Stunden auf zwei Stunden und 15 Minuten gekürzt wurde. Um 00:30 wartet also schon die Limousine am Eingangstor der Botschaftsresidenz, um mich zurück ins Hotel zu bringen. Fragen habe ich keine.

Also, es ging quer durch die USA, um dabei zu sein, Freitag hin, Sonntag zurück. Ich sage es mal so, und das ist sicherlich nicht übertrieben, ich bin gespannt auf das, was ich da morgen Abend erleben werde.