„Hell Yeah“ – KMFDM sind zurück

Es wurde auch langsam Zeit! Im November wurde Donald Trump zum 45. Präsidenten der USA gewählt und nun endlich ist es so weit. Gespannt wie ein Flitzebogen habe ich auf die neue KMFDM Platte gewartet. Darauf, wie Sascha Konietzko auf die politische Lage in seiner zeitweiligen Wahlheimat reagieren wird. Der Hamburger legt mit „Hell Yeah“ nun das 20. Studioalbum der Band vor.

Es ist erneut ein brachiales Industrial-Metal Werk, ohne Raum für Kompromisse zu lassen. Die zum Teil hochpolitischen Texte machen deutlich, dass hier ein Angriff auf all das kommt, für was Amerika in diesen Tagen steht: Fake News, Gelaber, Geschichtsverfälschung, eine Verletzung der Grundwerte und Grundrechte. Unterlegt ist das lautstark, mit harten Gitarrenriffs, viel Elektronik und einem typisch-mitreißenden KMFDM Beat. Hier spielt eine Band, die nicht Schönwetter macht, vielmehr den Alltag in seiner ganzen Brutalität widerspiegelt.

KMFDM sind bekannt dafür, das auszusprechen, oder besser hinauszuschreien, was andere nur denken. Als Präsident George W. Bush ins Kriegshorn gegen Afghanistan und Irak blies und viele Künstler aus Angst vor Repressalien still blieben, antwortete Konietzko unmissverständlich mit „WWIII“, ein hochpolitisches, ein mehr als wichtiges Album in der Bandgeschichte. Damals lebte er noch in Seattle, eine Stadt, die ihn und die Band prägte. KMFDM heute sind vor allem das Duo Sascha Konietzko und Lucia Cifarelli, nicht nur musikalisch sind sie ein Paar. Und diese künstlerische Nähe spürt man. Es ist eine Ergänzung durch und durch.

KMFDM wurden 1984 am Rande einer Kunstausstellung gegründet. Seitdem brettert Sascha Konietzko unaufhaltsam voran: „KMFDM never stops“ heisst es in einem Lied. Die Band ist international eine der bekanntesten und erfolgreichsten deutschen Acts. Auch wenn man im eigenen Land den Einfluss von KMFDM nicht erkennt und zu schätzen weiß, viele Bands in den härteren Genres sehen die Gruppe als wichtigen Meilenstein im Musikzirkus. In den USA haben sie Kultstatus, das wird man bald wieder auf der kommenden Tour durch die (Nicht)Vereinigten Trumpschen Staaten erleben können. „Hell Yeah, se Tschörmans are coming!“

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Immer wieder Flucht und Vertreibung

Flucht und Vertreibung sind ein aktuelles Thema. In den täglichen Nachrichten diesseits und jenseits des Atlantiks, in Afrika, in Asien, in Australien. Flucht und Vertreibung bestimmen Wahlkämpfe, führen zu Wahlergebnissen, wie in den USA, die durchaus Angst machen. Doch das Thema ist nicht neu, gerade und vor allem für Deutschland.

Die sehr hörenswerte und auch nahegehende CD „Flucht und Vertreibung im Rundfunk“, kostenlos herausgegeben vom Hans-Bredow-Institut in Zusammenarbeit mit der Historischen Kommission der ARD und dem Deutschen Rundfunkarchiv, präsentiert Tondokumente aus den Jahren 1945 bis 1960. Millionen von Deutschen waren auf der Flucht, wurden aus ihrer östlichen Heimat, Schlesien, Ostpreußen, Pommern, Sudetenland vertrieben, für immer, ohne Aussicht auf eine Rückkehr. Und das kurz nachdem Deutschland selbst für Flucht und Vertreibung verantwortlich war. In den Hörbeiträgen geht es auch um Offenheit, um Unterstützung, um Hilfe, um Verständnis. Sie liefern Antworten, die zeitlos sind.

Wenn man diese Tondokumente heute hört, diese Reden, die Hörspiele, die Radiobeiträge, scheinen sie etwas verstaubt zu sein. Der Sound ist etwas dumpfer, es knackt, knistert und rauscht auch mal. Interviewer und Interviewte wirken teils steif, nicht locker flockig, wie es heute üblich ist im Radio. Vergangenheit, damals, vorbei. Doch diese Aufnahmen in ihrer Bedeutung bleiben gegenwärtig, sind aktuell, gerade für uns Deutsche. Wenn man die Interviews hört, eine junge Frau, die Ärztin werden wollte und stattdessen nun in Wesermünde in einer Heringsfabrik arbeitet, dann muss man sich an die Geschichten der geflohenen Menschen aus Syrien erinnern, die auch alles aufgegeben haben – ihr Land, ihre Herkunft, ihren Beruf, ihren Alltag – um sich und ihre Familien in Sicherheit zu bringen. (West-) Deutschland war damals wie auch heute das Ziel. Ankommen, sicher sein, von vorne anfangen.

Ich selbst kenne diese Geschichten nur zu gut, mein Vater war Flüchtling. Mit den Erzählungen von Flucht und Vertreibung wuchs ich auf, sie prägten auf ihre Art meinen Lebenslauf. Eine dieser Aufnahmen auf der CD ist ein Beitrag des Bayerischen Rundfunks vom 16. Dezember 1956. Darin berichtet der Journalist und spätere Bundestagsabgeordnete und Vertriebenen-Politiker Herbert Hupka von den schlesischen Glocken, die in westdeutschen Kirchen zu hören sind, ein Stück weit Schlesien nach West-Deutschland bringen. 1200 Glocken aus den Ostgebieten, die nach Kriegsende nicht mehr zurückgegeben werden konnten, wurden als sog. Patenglocken an christliche Gemeinden übergeben. Sie kamen über den Umweg des Glockenfriedhofs in Hamburg, auf dem im Zweiten Weltkrieg rund 47.000 Glocken aus dem gesamten Deutschen Reich zwischengelagert wurden, in die Kirchen. Und eine davon ist die Glocke aus der Gemeinde „Zum Schifflein Christi“ in Glogau. In der Oder-Stadt ging mein Vater bis zu seiner Flucht ins Gymnasium, seit 1951 erklingt die Glocke in der St. Stephans Gemeinde in Würzburg, meinem Geburtsort. So schließen sich die Kreise.

Angela wird „getweetet“

Mit etwas Verspätung hat Donald Trump nun doch noch etwas zum Besuch von Angela Merkelt getwittert. Aber das fällt dann wohl auch unter die Kategorie „Überflüssig“. Denn was er da sagt, sagt eigentlich nichts über die Gespräche aus, auch nicht über das Verhältnis zwischen den USA und Deutschland, zwischen dem Präsidenten und der Kanzlerin. „GREAT“ ist nämlich für Donald Trump auch ein Eimer voller „Chicken Wings“ von „KFC“.

Immerhin hat er in seinen Tweets auch sein Lieblingsthema „Fake News“ einbringen können. Ansonsten hätte es für Trump wohl auch keinen Grund gegeben über die Stippvisite der Bundeskanzlerin zu sprechen. Sein Bla-Bla über die Verteidigungskosten zeigt erneut, dass Trump nicht so richtig begreift, das Verteidigung mehr ist, als nur Investitionen in Panzer, Raketen, Maschinengewehre. Deutschland tut mehr für seine Verteidigung, als nur die Bundeswehr zu stärken. Das Auswärtige Amt spielt eine wichtige Rolle für Deutschland auf der internationalen Bühne. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit, oder auch Entwicklungshilfeministerium genannt, ist ein wichtiger Teil für die Außen- und Sicherheitspolitik der Bundesrepublik.

All das sieht Donald Trump nicht, das macht er mit solchen banalen Äußerungen deutlich, das unterstreicht er gleich doppelt und dreifach mit seinem vorgelegten Haushaltsplan. Darin erhält das amerikanische Militär 54 Milliarden Dollar mehr. Dem State Department hingegen werden 30 Prozent des Budgets gekürzt. Und auch die Entwicklungshilfe wird drastisch runtergefahren. Das sind ganz deutliche Zeichen eines Mannes, der nicht begreift, dass die Zeiten des Wilden Westens schon lange hinter uns liegen, dass die Probleme in der Welt komplizierter geworden sind als zu Zeiten von „Billy the Kid“ „Safety and Security first“, das vertritt Trump und meint damit, mit Waffengewalt und Drohgebärden wird die Welt schon sein „America First“ schlucken. Ohne Rücksicht auf Verluste im eigenen Land und in Übersee.

„Sie hätte es aber sagen können“

Es ist schon eine komische Zeit in der wir leben. In den USA macht ein Kandidat Schmalspur-Wahlkampf und auch als gewählter Präsident äußert er sich am liebsten in Form von 140 Zeichen. Twitter ist sein Sprachrohr, darüber erklärt er und kommentiert komplizierteste tagespolitische Themen. Auf Facebook werden problem- und kritiklos erfundene Nachrichten und Kommentare verbreitet und diese bejubelt. Selbst wenn man diejenigen darauf hinweist, wie im Falle eines falschen Zitats, das der Grünen Politikerin Claudia Roth untergeschoben wurde, dass Roth so etwas nie gesagt habe, kommt zur Antwort: „Sie hätte es aber sagen können„. Der entsprechende Post auf Facebook wurde deshalb nicht gelöscht.

Nun habe ich vor ein paar Tagen ein Bild mit einem Text auf meiner Facebook Seite veröffentlicht: „Wir haben nicht Terror wegen der vielen Flüchtlinge, sondern wir haben so viele Flüchtlinge wegen Terror“. Ein Textbildchen, darunter steht als Absender Caritas. Ich habe dieses Bild geteilt, einfach so, als einen kleinen Denkanstoss in einer schwierigen Zeit.

Doch das war ein Fehler. Zwar stimmten sehr viele „Facebook Freunde“ diesen Zeilen zu, etliche teilten dieses Bild auch weiter, aber es gab auch einige, die daraufhin eine unsägliche Diskussion begannen. Es wurde auf Flüchtinge geschimpft, sie als „potentiellen Schläger„, als „Grabbscher und Gangreserve“ bezeichnet. Von der „Leitpresse“ ist da die Rede und „Wer Auslandspresse liest ist besser informiert„. Fragwürdige Propagandalinks wurden da gesetzt. Ein erfahrener Journalist und von mir sehr geschätzter Kollege bekommt zur Antwort: „Ok ich verstehe schon, wer im Mediengeschäft ist muß sich heute so verhalten, das ist die offizielle Sprachregelung, sonst ist man leider schnell erledigt.“ Einer Bekannten, die Promoterin im Musikbereich ist und einen Einwand liefert, wird gesagt: „„öffentlichkeits“arbeiter“Innen müssen sowat sagen. dafür werden sie bezahlt“.

Natürlich werden auch wieder die USA beschuldigt, Verschwörungstheorien über Hintermänner und -frauen der jüngsten Terrorattacke von Berlin geliefert, Zitat: „Die EU und D, sind koloniale Erfüllungsgehilfen„. Auch werden für die Meinungsbildung zahlreiche Quellen benutzt, manchmal durchaus fragwürdig: „Meine Friseurin in der Heimatstadt erzählte mir entsetzt, alle 4 Moscheen würden Radikalisierung betreiben.“ Pauschal werden Muslime verurteilt: „Ihre Sozialisation ist eben so, dass Frauen minderwertig sind.

Bundeskanzlerin Angela Merkel wird als „obermuddi“ bezeichnet, die mit ihrer „bande ihre grenzflutung erreicht„. Und die Caritasschelte darf natürlich auch nicht fehlen, immerhin ist der katholische Wohlfahrtsverband für das am Anfang stehende Zitat verantwortlich: „caritas & co verdienen sich dumm und dämlich dran. auf kosten des steuerzahlers.“

Mir wurde vorgeworfen, ich sei „naiv„, ich verbreite „ein sehr oberflächlich populistisches Bild„. Eigentlich waren es doch nur diese wenigen Worte: Wir haben nicht Terror wegen der vielen Flüchtlinge, sondern wir haben so viele Flüchtlinge wegen Terror. Und dann so eine heftige Reaktion, die mich nachdenklich und auch betroffen macht über die Art und Weise des Umgangs miteinander, der Diskussionsebene, der Problembewältigung. Klar, ich könnte einige dieser „Facebook Freunde“ sperren oder einfach alles unkommentiert lassen. Aber das ändert ja nichts daran, dass es in diesen „sozialen Medien“ viele gibt, die sich ihr eigenes Bild der Welt und seiner Abläufe gebastelt haben. Nach dem Wahlausgang in den USA, der auf Lügen, Verschwörungstheorien und Hasstiraden aufgebaut war, schaue ich mehr als besorgt auf das, was da im kommenden Jahr in Deutschland passieren könnte. Die Zeichen lassen sich nicht mehr übersehen.

Leben mit dem Terror

Berlin, Breitscheidplatz. Der Terror trifft die deutsche Hauptstadt. Kein militärisches, kein politisches Ziel, vielmehr das alltägliche Leben. Viele fragen, wo kann man noch sicher sein, wenn nicht unbekümmert und feiernd, einen Glühwein trinkend auf einem Weihnachtsmarkt?

Wir alle leben schon sehr lange mit der Angst vor der Gewalt. Nicht erst seit dem 19. Dezember 2016, nicht erst seit dem 11. September 2001. Auch wenn es so scheint, der Terror ist nicht neu in unserem Leben. Die „University of Maryland“ sammelt seit Jahren in ihrer „Global Terrorism Database (GTD)“ die Daten und Fakten von Terroranschlägen rund um den Globus. Mehr als 150.000 Vorfälle zwischen Januar 1970 und Dezember 2015 wurden darin aufgelistet. In Europa waren es in diesem Zeitraum 18.803 Terroranschläge bei denen 10.537 Menschen ums Leben kamen. Die Zahl der Anschläge nahm nicht zu, allerdings stieg 2014 und 2015 die Zahl der Todesopfer auf einen Höchststand seit 2004.

Wir leben schon lange mit dem Terror: Foto: Reuters.

Zwischen den 70er und 90er Jahren war der Terror für Europa eher ein nationales Problem. Die IRA bombte in England und Irland, die ETA in Spanien, die RAF in Deutschland, die Roten Brigaden in Italien, die Action Directe in Frankreich. Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs verrutschte auch der Schwerpunkt der Angriffe auf der Landkarte des Terrors Richtung Osten. Plötzlich gab es Anschläge in Russland, der Ukraine, im Kaukasus. Der Terror hat dann mit den Anschlägen vom 11. September 2001 auch noch einen anderen, einen neuen und nicht weniger brutalen Anstrich bekommen. Statt Bomben und Blut für vermeintliche politische Ziele, wurden nun auch noch die Menschen im Namen Allahs terrorisiert.

Es sind bedrückende Zahlen, die man in diesen trockenen Statistiken lesen kann. Auch jene, die beschreibt, dass im Zeitraum zwischen Januar 2015 und Juni 2016 in Europa und Amerika 658 Menschen bei 46 Terroranschlägen ihr Leben verloren. Im Nahen Osten, Afrika und Asien gab es im gleichen Zeitraum 50mal mehr Todesopfer. 20.031 Menschen starben bei 2.063 Angriffen. Das Blutbad reicht um den Globus.

Wir leben mit der Terrorgefahr und das schon lange. Der gewaltsame Versuch einiger weniger, das Leben der Mehrheit zu verändern ist Teil des Alltags geworden. In den USA, im Irak, in Somalia und auch in Deutschland. Die Art und Weise, die Intensität der Anschläge und die Zahl der Todesopfer hat zugenommen. Mit dem Anschlag von Berlin werden wir wachgerüttelt, dass es hier „auch“ passieren kann. Obwohl wir das schon lange wissen und damit leben, damit zu leben gelernt haben.

„Wollen Sie Deutscher werden?“

Die Wahlnacht in den USA war noch nicht vorbei, da ging die Nachricht von der gecrashten Webseite der kanadischen Einwanderungsbehörde um die Welt. Viele Amerikaner blickten jenseits der nördlichen Grenze, um zumindest mal herauszufinden, ob man auswandern könnte, wenn unter Trump alles schlimmer werden sollte. Man weiß ja nie, was da auf einen zukommt.

Auch ich habe Freunde und Bekannte, die auf einmal ihre europäischen Wurzeln entdecken und sich dafür interessieren, ob sie einen zweiten, einen Pass eines europäischen Landes bekommen könnten. Sicher ist sicher, ein Hintertürchen, einen Plan B wollen hier einige in Aussicht haben. Und so schlecht lebt es sich ja auch nicht in Berlin, Paris, Italien, Madrid oder anderswo im Euroraum.

Etwas überrascht war ich dann schon davon, dass die deutsche Botschaft in Washington ganz offen auf ihrer facebook Seite erklärt „Looking for information on German citizenship?“ Das wirkt gerade so, als ob man hinter Kanada als Drittland nicht zurückstehen möchte. Deutschland soll auch interessant für jene sein und wirken, die bestimmte Qualitäten mitbringen. Eine davon ist, dass der Bewerber um die deutsche Staatsbürgerschaft Deutsch sprechen muss, also eine Eingliederung in das gesellschaftliche, kulturelle und Arbeitsleben von Tag 1 garantiert ist. Es wirkt ein bißchen wie das Abschöpfen einer politisch frustrierten, aber hochgeschulten Elite im Land.

Es kann durchaus sein, dass die Botschaft in Washington regelmäßig solche Infos für an Deutschland Interessierte raushaut, bislang fielen sie mir jedoch nicht auf. Nur eine Woche nach dem Sieg Donald Trumps und bei der etwas gedrückten Stimmung im Land, wirkt solch ein Vorpreschen jedoch etwas, nennen wir es befremdlich. Der Zeitpunkt scheint da wohl ganz bewußt gewählt worden zu sein.

Deutschland hat ein Imageproblem

AfD, Pegida und Xenophobie, gewaltsame Übergriffe auf Ausländer und radikalisierte junge Asylbewerber. Deutschland ist derzeit in den internationalen Schlagzeilen. Hier in den USA muß man nur mal „Germany“ auf google News eingeben und schon bekommt man die Antworten. Der Großteil der Nachrichten ist alles andere als positiv.

Fotos von Demos gegen Flüchtlinge haben die Bilder eines weltoffenen Deutschlands verdrängt. Foto: Reuters.

Fotos von Demos gegen Flüchtlinge haben die Bilder eines weltoffenen Deutschlands verdrängt. Foto: Reuters.

Das wird hier drüben genauestens beobachtet, was da im Herzen Europas passiert. Die Erfolge der Rechtspopulisten der AfD wird ausführlich in den Zeitungen, online und sogar in Fernseh- und Radionachrichten kommentiert. Ausschreitungen, gerade im Osten Deutschlands, führen zu Reisewarnungen. Auf den Seiten des „State Departments“ heißt es: „Hooligans, meistens betrunkene Skinheads, haben erkennbare Ausländer und Mitglieder rivalisierender Gruppen angepöbelt und angegriffen. Offensichtlich rassistisch begründete Übergriffe (aufgrund einer „fremden“ Erscheinung) gegen US Staatsbürger sind vorgekommen. Diese Situation könnte sich noch aufgrund von mehr als einer Millione Flüchtlingen verschlimmern, die 2015 nach Deutschland kamen“.

Klare Worte, die mit Medienberichten von pöbelnden und prügelnden Mobs unterlegt werden. Deutschland hat in diesen Tagen ein deutliches Imageproblem in den USA. Negative Schlagzeilen bestimmen auf weiter Flur das Bild. Da ist dann noch der VW-Skandal, die FIFA-WM Affäre und der Schlingerkurs von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Selbst Donald Trump griff im Wahlkampf die Kanzlerin an. Er sagte: „Hillary Clinton will die Angela Merkel Amerikas werden und ihr wisst, was diese massive Immigration für ein Desaster für Deutschland und das deutsche Volk geworden ist. Die Kriminalität ist auf ein Level gestiegen, das sich niemand auch nur vorstellen konnte.“ Wenn es denn nur Trumps Worte zu Deutschland wären, dann müsste man das nicht ernst nehmen, denn noch im August 2015 erklärte er, Merkel sei „probably the greatest leader in the world today.“

Die negativen Nachrichten und Schlagzeilen dominieren in diesen Tagen die Berichterstattung über Deutschland. Erst gestern titelten zahlreiche Outlets, darunter die „Huffington Post“, „Yahoo News“ und auch „Voice of America“: „German Government Fears Xenophobia Will Do Economic Harm – Violent acts by rightist supporters rose by 43% in 2015“. Das ist wahrlich kein gutes Bild. Schlimmer noch, es wird von Leuten wie Trump als Argument für einen Einreisestopp für Muslime und seine Mauerpläne an der mexikanischen Grenze benutzt.

 

 

„Ich dachte, Du kannst helfen“

Als ich im letzten November nach Somaliland und Puntland reiste, fragten mich einige ersteinmal „wo ist das denn?“. Als ich Somalia sagte, kam die Antwort „Ja, spinnst Du denn, viel zu gefährlich!“ Als ich hier war, griffen IS-Terroristen Paris an. Seitdem ist viel passiert in der Welt, es knallte überall: San Bernardino, Istanbul, Orlando, Brüssel, Nizza, Würzburg, Ansbach, das sind die Orte, die mir gerade einfallen. Es sind sicherlich noch mehr. 2016 hat sich die Welt verändert und ich kann nur folgern, Hargeisa ist nicht gefährlicher als andere Orte. Ganz im Gegenteil, hier erklärt man mir, die nichtanerkannte Republik sei sicher.

Selbst Esel helfen beim Aufbau der somaliländischen Wirtschaft.

Esel helfen beim Aufbau der somaliländischen Wirtschaft.

Bei Reisen außerhalb der Stadtgrenzen der Hauptstadt ist für Ausländer gesetzlich eine bewaffnete Eskorte vorgeschrieben. Die bezahlt man selbst. Ein Sicherheitsgefühl bekommt man deshalb nicht unbedingt, auch wenn die beiden Polizisten Maschinengewehre bei sich führen. Irgendwie ist so eine Wumme und eine Uniform nur störend, wenn man Interviews führen möchte, gerade bei eher „persönlichen“ Themen. Aber egal, Gesetz ist Gesetz und daran hält man sich eben.

Hier in Somaliland gibt es jedoch eine Krise, die außer Kontrolle geraten könnte: die Jugendarbeitslosigkeit. Der Großteil der jungen Leute hat keinen Job. Jeden Tag sieht man viele von ihnen auf der Straße, einfach so, herumlaufend, nichts tun. Als westlicher Besucher wird man angesprochen, ich bin da keine Ausnahme. Egal wo ich sitze, jemand kommt auf mich zu, fragt mich, woher ich komme, was ich hier mache und ob ich Kontakte habe. Ali ist einer von ihnen. Vor ein paar Tagen saß ich im Garten des Hotels, als er mit ein paar Freunden auf mich zukam, höflich fragte, ob er sich setzen dürfte und anfing von sich zu erzählen. Er hat studiert, spricht fließend Englisch, hat seine Abschlüsse und findet keinen Job. „Ich dachte, Du kannst helfen“, meinte er zu mir. In Somaliland kann man sich nicht einfach bewerben, man muß jemanden kennen, der wieder jemanden kennt, der wieder jemanden kennt. Familie, Clan, Vitamin B sind hier die wichtigen Grundlagen für eine Karriere. Nicht die Qualifikation, sondern die Zugehörigkeit zählt. Das und das mangelnde Jobangebot treibt viele, zum Teil gut ausgebildete junge Leute auf die Lange Reise nach Europa. „Tahreeb“ ist in aller Munde.

Das behindert eine Entwicklung, die sowieso auf sehr brüchigen Grundfesten gebaut wird. Somaliland ist international nicht anerkannt, und das schon seit 25 Jahren. Die kleine Republik mit ihren 3,5 Millionen Einwohnern hat über die Jahre demonstriert, dass sie friedlich ihren eigenen Weg gehen will. Doch Deutschland, die EU, die USA und die UN setzen auf ein wiedervereinigtes Somalia, ein Land, das es nicht mehr geben wird. Sowieso gab es das geeinte Somalia noch nie. 1961 gingen die einstigen italienischen und britischen Kolonien zusammen. Doch schon schnell wurde klar, es passt nicht. 1981 gründete sich im Exil die Rebellenbewegung Somali National Movement (SNM). Das Ziel war die Abspaltung der einstigen britischen Kolonie Somaliland von Rest Somalia. Der bewaffnete Kampf der SNM endete 1988 in der Bombardierung der Städte Hargeisa und Burao durch die Regierungstruppen des Diktators Siad Barre. 40.000 Menschen starben, 400.000 wurden vertrieben. Als Barre 1991 entmachtet wurde, war vielen in Somaliland klar, die Chance für die Unabhängigkeit war gekommen. Die Republik Somaliland wurde ausgerufen.

Rest-Somalia versank im Chaos. Die Hauptstadt Mogadischu gibt es nur auf dem Papier. Seit 25 Jahren wird South-Central Somalia und Puntland nicht von einer Zentralregierung regiert. Puntland erklärte sich 1998 für autonom, ist aber offen für eine Wiedervereinigung. Somaliland hingegen lehnt das strikt ab. Und die Menschen in Somaliland zahlen dafür einen hohen Preis. Sie leben in Frieden, doch die wirtschafliche Situation verschlechtert sich, gerade auch, weil die Anforderungen an die Regierung wachsen. Dringend benötigte Entwicklungsgelder und Aufbauhilfen fehlen, die gehen nach Mogadischu, denn die Regierung in Hargeisa wird nicht anerkannt. Somaliland heute hängt am Tropf der somalischen Diaspora, die in Europa, den USA und Kanada lebt. Das kann jedoch keine langfristige Lösung bleiben. Nicht für Ali und die vielen anderen jungen Leute und nicht für das Horn von Afrika. Deutschland, Europa und die internationale Gemeinschaft müssen handeln, um endlich ein klares Zeichen für ein friedliches und friedliebendes Land zu setzen.

Die deutschen Trumpisten

Auch das noch, ich habe ja sonst nichts zu tun. In den letzten Wochen und Monaten mußte ich als Korrespondent in Radiobeiträgen, Artikeln und Gesprächen oft erklären, was hier in den USA vor sich geht. Ein historischer republikanischer Wahlzirkus, ein Egomane als Frontrunner, Verbaltiefschläge zwischen Penislänge und mexikanischen Vergewaltigern. Dazu ein undurchsichtiges Wahlsystem, das von außen betrachtet so undurchschaubar wie das Regelwerk eines Baseballspiels ist. Oftmals habe ich versucht, die Dinge in Relation zu stellen, auf die niedrige Wahlbeteiligung verwiesen, darauf, dass es ja „nur“ die Vorwahlen sind und sich am Ende ein Donald Trump sicherlich nicht durchsetzen wird.

Wie sich die Aussagen doch ähneln.

Wie sich die Aussagen doch ähneln.

Und da blicke ich heute nach Deutschland, lese, höre und schaue online die Nachrichten. Unfassbar, die AfD gewinnt bei drei Wahlen aus dem Stand den Einzug ins Parlament, wird sogar in Sachsen-Anhalt zweitstärkste Partei und das mit einem Spitzenkandidaten, der am rechten Rand (!) zu finden ist. Die Los Angeles Times titelt dann auch gleich umgehend: „Far-right party surges in German elections after anti-immigrant campaign„. Die AfD beschädigt einfach mal so aus der Hüfte raus das Ansehen Deutschlands. „Far-right“ und „German“ läßt im Ausland gleich aufhorchen.

Nun frage ich mich, warum in der deutschen Berichterstattung in der letzten Zeit kopfschüttelnd nach Amerika geblickt wurde. Unverständnis war in eigentlich allen Berichten über den Rechtsaußen-Wahlkampf eines Donald Trump zu spüren. Und vor der eigenen Haustür gewinnt eine Partei mit den gleichen platten, menschenverachtenden, ja, hirnrissigen Wahlsprüchen und Wahlversprechungen, wie hier drüben ein Kandidat mit Fönwelle. Die AfD ist nicht mehr als ein deutscher Trump-Fanclub. Es entsteht da ein transatlantischer Schulterschluss, auf den ich beim besten Willen gerne verzichten würde.

Deutschland Studienland

Es muß nicht immer Berkeley sein. US Studenten zieht es an deutsche Unis.

Es muß nicht immer Berkeley sein. Amerikanische Studenten zieht es mehr und mehr zum Studieren nach Deutschland.

Stanford, UC Berkeley, UCSF, UCLA, USC. Topuniversitäten in Kalifornien, die alle äußerst attraktiv für deutsche Studierende sind. Doch es gibt auch den Blick von hier über den Großen Teich. Etwa 10.000 US Amerikaner sind an Universitäten in Deutschland eingeschrieben. Ganz legal und ganz kostenfrei. Das liegt zum einen an der Tatsache, dass seit 1985 die Studiengebühren in den USA um mehr als 500 Prozent gestiegen sind. Absolventen sind nach ihrem Abschluß hoch verschuldet. Sogar der Präsidentschaftswahlkampf hat dieses Thema aufgegriffen. Die radikalste Forderung ist die des demokratischen Kandidaten, Bernie Sanders, der ein kostenloses Studium für alle an öffentlichen Unis und Colleges fordert. Sanders blickte für diese Forderung auch nach Deutschland.

Zum anderen liegen die gestiegenen Einschreibungszahlen amerikanischer Studierender an deutschen Unis auch an der Attraktivität der Bildungseinrichtungen selbst. Die Kurse für ausländische Studenten werden in Englisch angeboten, die Forschung ist attraktiv und gerade in den technischen Bereichen hat Deutschland weltweit einen hervorragenden Ruf. Und schließlich sind Städte wie Berlin, Hamburg, München und Heidelberg mehr als bekannt in den USA. Deutschland wird hier drüben durchaus als interessante Alternative zu einem Studium im eigenen Land gesehen.

Hinter den kostenlosen Angeboten für Studierende aus den USA, aber auch aus China und Großbritannien, steckt die Hoffnung der deutschen Wirtschaft, dass damit eine Lücke im Bereich der Fachkräfte geschlossen werden kann. Auch andere EU-Länder bieten gezielte Kurse für US-Studierende an, doch Deutschland ist mit das einzige Land, in dem Amerikaner umsonst die Bildungsmöglichkeiten nutzen können. Damit werden auch ganz besondere und nachhaltige kulturelle Brücken zwischen beiden Ländern aufgebaut.