Der Funke Hoffnung heißt „Das Ich“

Seit nahezu 30 Jahren existiert Das Ich, das Duo um Bruno Kramm und Stefan Ackermann. In den 90ern gehörten sie zu den führenden Bands im Gothic Bereich, tourten weltweit und wurden auch in den USA zu einem festen Bestandteil der schwarzen Szene. Nun waren Das Ich wieder auf einer größeren US Tournee von der Ost- zur Westküste. Am Rande ihres Konzertes in San Francisco sprach ich mit Bruno Kramm und Stefan Ackermann:

NZ: Ihr habt schon lange nicht mehr in den USA getourt. Nun sitzen wir hier in San Francisco, Präsident ist Donald Trump, warum seid Ihr ausgerechnet jetzt auf USA Tour?

Bruno Kramm: Es gab ja sogar mal einen Zeitpunkt, wo wir uns gesagt haben, so lange wie jemand wie Donald Trump an der Macht ist, kommen wir gar nicht mehr in die USA. Wir haben das Versprechen nicht lange gehalten, wir waren dann zwischendrin in Los Angeles auf einem Festival. Dass es so lange gedauert hat, lag natürlich an verschiedenen Dingen. Zum einen an Stefans Krankheit, den Schlaganfall, den Stefan hatte. Der sich ja auch regelrecht ins Leben zurück gekämpft hat. Dann zum anderen bei mir, ich war politisch sehr aktiv, war in der Piraten Partei engagiert, habe mir quasi 5 Jahre Sabbatical von der Musik gegönnt. Normalerweise ist es ja andersrum, Sabbatical macht man mal auf Band und kehrt dann wieder zur Politik zurück. Bei mir wars andersrum. Aber jetzt haben wir wieder diese Kraft geschöpft und sind auch dabei neue Songs zu schreiben, stellen fest, dass wir glücklicherweise auch gerade so reingerutscht sind in so ein 90s Revival. D.h. plötzlich wollen einen auch auf einmal alle großen Festivals, du bist überall dabei. Das macht es dann natürlich auch viel leichter, wir haben extrem viele internationale Konzertanfragen. Wir waren im November erst auf Südamerikatournee, wir haben viele Festivals, jetzt kommt bald wieder Russland, wir machen gerade das Album fertig. USA war für uns auch so ein Stück weit, ja, mal wieder zu kucken, wie hier die Basis in der Szene ausschaut, weil die sich natürlich…ja, man spricht ja immer so von vier Jahren Generationswechsel in der Szene, da ist natürlich hier auch viel passiert in der Zwischenzeit.

NZ: Ihr seid ja schon öfters durch die USA getourt, wie hat sich das für Euch hier verändert? Seht Ihr einen Unterschied, was hier vor zehn, fünfzehn Jahren war?

Stefan Ackermann: Um ganz ehrlich zu sein, nicht wirklich. Es ist immer noch das Kaugummimäßige, was hier so ist, also nichts wirklich greifbares und sehr fadenscheinig bleiben. Lieber auf Sicherheit machen und nicht wirklich mal Tacheles reden, das geht hier so gut wie gar nicht. Alle sagen schnell “hey friend”, aber es ist nicht so gemeint, das nervt ein bißchen, aber es ist ok. Das ist eben das Land, das ist die Mentalität, da kann man nichts machen. Wir sind keine Weltveränderer.

Bruno Kramm: Nice to meet you…gut, so eine Szene ist auch nie geschützt davor, die eigene regionale Mentalität inne zu haben. Das ist nun mal sehr, sehr amerikanisch.

NZ: Wir haben schon Trump erwähnt, merkt Ihr da einen Unterschied. Ihr seid ja eine Band, die schon sehr “outspoken” ist, Bruno, Du warst ja lange Zeit politisch sehr aktiv, Ihr bringt das ja auch in Eure Musik ein…

Bruno Kramm: Da merkst Du schon, dass es so einen kleinen Change gab, dahingehend, dass sich bestimmte rechte Strömungen jetzt viel offener nach vorne wagen, in der Vergangenheit doch eher so in Deckung blieben, weil es einfach zum liberalen, multikulturellen Amerika nicht gepasst hat und die jetzt ziemlich offen dazu stehen. Das merkst Du vor allem, wie es halt so üblich ist, im “Bible Belt”, in den Südstaaten. In Georgia war ich teilweise schon schockiert, wie die Leute ganz offen mit ihren “Trump 2020” Stickern rumrennen. Und auch diese Spaltung der Gesellschaft, die schon immer da war zwischen Arm und Reich und schwarzen Menschen und weißer Supremacy, die ja ganz stark ausgeprägt ist, das ist noch krasser geworden. Du merkst das natürlich nicht so in der Szene. Die ist prinzipiell viel liberaler, viel mehr auf Diversität, auf Toleranz aufgebaut, aber im normalen Leben definitiv. Und wenn ich mir dann auch die soziale Situation von vielen Freunden aus der Szene anschaue, die man auch schon seit Jahrzehnten kennt, die sich eher zum Schlechten gewendet hat. Und wenn man dann auch ein bisschen hinterfragt, wie so generell die Zukunftsperspektive ist, dann wird einem schon ein bisschen Angst.

NZ: Aber warum tourt Ihr jetzt gerade durch die USA? Die neue Platte kommt ja erst, was hat Euch hierher gezogen?

Stefan Ackermann: Wir haben einen neuen Song, den spielen wir heute schon. Und das ist auch für Amerika eine Besonderheit, weil die Amerikaner natürlich weltweit die ersten sind, America First…(beide lachen)…ein bisschen Ironie dabei. Aber wie wir jetzt darauf gekommen sind. Na ja, es wurde gefragt, der Bruno macht ja das ganze Booking, er ist ein supertoller Manager, geht nicht besser. Und er hat halt drei, vier, acht Termine gehabt, dann haben die anderen Veranstalter das mitbekommen und dann kam eine Show nach der anderen dazu. Am Ende sind es 16 geworden.

Bruno Kramm: Es war eigentlich auch nicht geplant, dass es so eine große Tournee wird. Ich wollte eigentlich drei, vier Konzerte machen, wir wollten ein, zwei neue Songs ausprobieren und mal schauen, wie die so funktionieren. Doch dann hat sich noch relativ viel dazu eingereiht und plötzlich war es dann doch eine Tour, die fast einen Monat lang geht. Aber es hat, denke ich, auch schon viel damit zu tun, dass dieses 90s Revival auch in den USA stattfindet, New Wave als solches, gerade der späten 80er, Anfang der 90er ist wieder extrem im Kommen. Dann dachten wir uns, jetzt sind wir eh schon da…also, ursprünglich hieß es eine Woche. Dann wurden plötzlich zwei Wochen draus, dann wurden plötzlich drei Wochen draus. Und dann hieß es, jetzt kommt noch Detroit dazu, dann noch Richmond und Providence, das wurde dann irgendwie so eingeflochten und dann war es auf einmal eine Riesentour. Jetzt sieht es so aus, wie eine Tournee, wir neues Album, große Tournee, aber so war das nicht gedacht, es hat sich einfach so ergeben. Im Nachhinein muss ich sagen, es wäre vielleicht besser gewesen, ein paar Shows weniger zu machen, weil es extrem anstrengend ist. Wir haben so ein straffes Programm, dass nach acht Tagen jeden Tag Konzert dann mal ein Off-Day ist. Und dann wieder acht Tage, dazu dann noch die Strecken, die teilweise riesengroß sind. An der Westküste fliegen wir alles, das is ok, aber an der Ostküste sind wir halt sehr viel gefahren. Das sind dann so Strecken, du spielst in Tampa, fährst dann am nächsten Morgen nach Atlanta, um da zu spielen, um dann am nächsten Morgen nach West-Palm Beach zu fahren, um da zu spielen…das ist schon arg und das hätten wir uns auch ein bißchen leichter machen können.

NZ: Wie einfach war es für Euch hier zu touren, denn in der jüngsten Vergangenheit habe ich mehrmals mitbekommen, dass Bands Touren im letzten Moment absagen mussten, weil sie keine Visa oder erst verspätet bekommen haben?

Bruno Kramm: Also, niemals mit Visa machen, das ist eigentlich der wichtigste Punkt. Ich kann das jeder Band nur so empfehlen, ich empfehle es auch jeder Band im Moment so, eigentlich machen das auch alle so. Ich habe es zuletzt gesehen bei einer deutschen Band, Lord of the Lost, die wollten eine komplette Tour machen, die haben ein Dreivierteljahr vorher offiziell Visa beantragt, den ganzen Prozess mit diversen Agenturen durchgegangen. Sind knapp 5000 Euro losgeworden dabei, mit dem Resultat, dass es dann doch nicht geklappt hat. Das Risiko ist mir zu groß, letzten Endes machen wir es so, wie wir es immer gemacht haben, als Touristen einreisen und dann unsere Konzerte spielen. Ist vielleicht nicht ganz legal, aber die meisten Bands machen es so und anders lässt es sich nicht machen. Wenn du es versuchst regulär zu machen ist das Risiko nicht nur für dich selber, sondern auch für die örtlichen Veranstalter so groß, wenn das ganze “failed”, dass du das nicht eingehen kannst. Ich glaube, das hat auch viel mit dem aktuellen Klima zu tun, dieses sich abschotten in den USA, dass es eigentlich gar nicht mehr so angesagt ist…Man hat ja selber so viel zu bieten, dass man das vielleicht ein Stück weit von außen beeinflusst, was ja eigentlich immer ganz wichtig für die USA war, dass das gar nicht mehr so stattfindet, was sehr schade ist.

NZ: Jetzt würde ich gerne was zur neuen Platte wissen, wie sie zustande gekommen ist, der Prozess, was man vielleicht auch hören wird?

Stefan Ackermann: Schwierig da was zu erzählen, weil das alles ja erst im Entstehen ist. Ein Song ist fertig, den wir heute auch präsentieren, also, einfach anhören und selber entscheiden.

Bruno Kramm: Also, wir sind gerade mitten im Prozess. Ich habe ganz viele neue Songs auf der Festplatte, an denen gerade gearbeitet wird. Wir sind natürlich auch am überlegen, was für ein Format wollen wir überhaupt fahren. Macht es überhaupt noch Sinn in der heutigen Zeit eine feste CD zu veröffentlichen, da machst du eine Mörder Promo, die läuft dann genau einen Monat und danach ist wieder alles vorbei. Oder teilst du es nicht lieber in einzelne Happen auf und versuchst eine Story draus zu entwickeln. Das sind so Geschichten, wo wir noch immer dabei sind, aber kommen wird sie auf alle Fälle. Die Songs sind schon alle sehr, sehr weit, aber wie wir das ganze dann veröffentlichen. Ich will da auch noch nicht zu viel zu sagen, weil es alles noch in der Planung ist, aber neue Songs ausprobieren war natürlich hier schon so ein Fokus.

NZ: Und wann soll die Platte kommen?

Bruno Kramm: Nächstes Jahr auf alle Fälle..

Stefan Ackermann: Jedes Mal, wenn wir was gesagt haben, haben wir uns um Jahre verschätzt…

Bruno Kramm: Es ist wirklich so das wesentliche, dass du dich als Band fragen musst, willst du eigentlich klassisch, ein normales Album veröffentlichen. Da gibt es zwei Überlegungen. Einmal, hat das Album-Format in einer Zeit wie heute überhaupt noch eine Daseinsberechtigung, wie kannst du das vermarkten, wie kannst du mit Social Media arbeiten. Und auf der anderen Seite sehe ich mir viele Kollegen an, die da auch ein bisschen an ihrem Anachronismus hängen geblieben sind, ganz stur sagen, “ja, ich will genau so das Album, das ist meine Kunstform.” Für uns war es auch immer wichtig die Gegenwart zu reflektieren. Eine Reflexion der Gegenwart, finde ich, kann mit einem klassischen Albumkonzept alleine nicht so funktionieren. Deswegen sind wir da ein bisschen am Grübeln, wie man das alles zu so einem Fluss verbinden können. Vielleicht eben dann regelmäßig was veröffentlichen mit viel Coverage, die dann auf Social Media Kanälen stattfindet. Ist halt erst recht viel zu planen, weil man dann nicht nur eine Albumproduktion hat, sondern eben auch noch den „surrounding content“.

NZ: Ihr seid nun mit Das Ich seit über 30 Jahren im Geschäft. Was reizt Euch noch immer als Das Ich aufzutreten, Musik zu machen, live zu spielen?

Stefan Ackermann: Jeder einzelne Gast der kommt, die Welt bereisen, das Tourleben an sich, das ist wundervoll. Ich meine, andere Menschen müssen dafür bezahlen mal an die Copacabana zu kommen oder nach Südamerika. Die müssen richtig viel Geld zahlen, und wir werden eingeladen und kriegen auch noch Geld dafür. Das ist doch schön, einen besseren Job gibt es nicht. Das wird auch jeder Musiker bestätigen. Und der, der sagt es ist nicht so, der lügt.

Bruno Kramm: Was uns gerade auch reizt, gerade in solchen Ländern, wie den USA, ist, unsere Sichtweise auch ein bisschen so rüberbringen, die Menschen zu unterstützen, gerade auch von der Szene, die so ein bisschen aus der normalen, angepassten Gesellschaft, rausfallen. Die aber für eine Vielfalt stehen, die heute gar nicht mehr so erwünscht ist. Ein Stückchen weit ist es auch so, wenn du an die Geschichte denkst, wie, gerade in der dunkelsten Zeit Deutschlands, die USA gekommen ist, in Europa und in Deutschland eine Kultur von Vielfalt, von Demokratie verankert und neu aufgebaut hat, ist es für uns jetzt eben wichtig, auch ein Stück weit zu kommen und zu sagen, hey, es gibt immer noch diesen Funken von Hoffnung. Also, Hoffnung ist eine ganz, ganz wichtige Geschichte und gerade in der Szene, das eben zu verbreiten und zu zeigen, ja, wir müssen für diese Werte kämpfen jeden Tag. Vielfalt feiern ist eine Sache, die aber zu leben und anderen Menschen zu vermitteln, gerade in einer Zeit, die geprägt von Hass und Ausgrenzung ist, ist, finde ich, so wahnsinnig wichtig. Gerade das können Menschen in der Szene mit diesem visuellen Aspekt, der ja so nach außen trägt, sehr viel besser in der Gesellschaft auch verkörpern. Ich glaube, das ist auch so ein Aspekt, in dem wie wir sind, wie wir uns darstellen, wofür wir stehen, was unsere Inhalte musikalisch sind, dass wir versuchen können, da ein kleines Fünkchen zu sein. Weißt Du, ich sehe Hoffnung immer ein bisschen so…in Kalifornien ist es ja meistens so extrem heiß, dass fast alles anfängt von selbst zu brennen und da reicht oft ein kleiner Funke. Und wir sind auch nur ein ganz kleiner Funke, aber in der Hoffnung hier ein Feuer wieder zu entfachen für die Werte, die Amerika irgendwann einmal groß gemacht haben. Für Vielfalt zu stehen, für Toleranz zu stehen, für Offenheit zu stehen. Gerade in einem Land, das so sehr davon gelebt hat, dass es all die aufgenommen hat, die in anderen Teilen der Welt nicht leben konnten, aus welchen Gründen auch immer. Und gemeinsam hier eine Gesellschaft, die fundiert ist auf Toleranz und Mitgefühl und Miteinander aufzubauen und dafür eben zu werben, ihre eigenen Ideale eben wieder anzustacheln. Sie haben eben nunmal eine geile Constitution, in der das auch so drin steht. Ganz ehrlich, wenn wir in Russland auf Tournee gehen, wenn du in der Szene bist, da bist du ja erst recht so ein ausgrenzten Wesen, aber wie wichtig ist es für diese Werte zu stehen, diese Fahne hochzuhalten. Das ist eben nicht nur, ich feiere mich in meinem Outfit, sondern eben auch für was Inneres zu stehen, für die Toleranz, für die Vielfalt. Das ist ganz wichtig. Und ich glaube, diesen Wert brauchen wir heute umso mehr, als je zuvor in den letzten Jahrzehnten und dafür stehen wir als Das Ich.

NZ: Bruno, Du warst politisch aktiv bei den Grünen und auch bei der Piraten Partei. Siehst Du Dich auch als Künstler eher politisch und, ja, in der Verantwortung Dinge auf der Bühne und in Deiner Musik anzusprechen, anzugehen?

Bruno Kramm: Weißt Du, ich bin eh der Meinung, Musik ist per se politisch, auch im Sinne von Adorno. Und wenn Musik nicht politisch sein will, wie eine Helene Fischer, dann ist sie ja auch politisch, weil sie letztendlich einen Status Quo zementiert und damit politisch einen ganz wichtigen Aspekt des Mainstreams wahrnimmt. Also insofern ist Kultur, Musik per se immer politisch. Musik und Kultur ist so eigentlich das einzig gute, was friedlich eine Revolution bringen und gestalterisch eine Gesellschaft verändern kann. Denn sie trägt die Inhalte und kann über diese Metaebene der Musik der Emotion viel mehr erreichen. Für mich war das so, dass ich in den Jahren, in denen ich Politik gemacht habe eigentlich erst recht wieder kapiert habe, warum ich eigentlich immer Underground Musik gemacht habe. Weil, wir kamen nun mal aus dieser New Wave Punk Szene, die durch und durch politisch war, die emanzipatorisch war. Deswegen bin ich dann auch bei emanzipatorischen Parteien gelandet, aber ich habe dann auch festgestellt beim Politik machen, dass ich doch immer sehr emotional geredet habe und gemerkt, das kommt wahrscheinlich von meinem musikalischen Background. Um dann irgendwann über die Jahre festzustellen, was die Glaubwürdigkeit betrifft kannst du als Musiker politisch viel mehr erreichen, als als Politiker, der eben per se immer mit der Glaubwürdigkeit zu kämpfen hat. Und ich muss auch sagen, egal wie idealistisch du an die Politik herangehst, irgendwann wirst du immer in diese Systematik, in dieses seltsame Kompromisse und Deals schließen reingezogen. Das habe ich sogar in meinen fünf Jahren gemerkt, um dann irgendwann festzustellen, würdest du es länger machen, würdest du auch so ein Politiker werden, der alle möglichen Kompromisse eingeht und irgendwann plötzlich nicht mehr merkt, dass er sich selbst verloren hat. Und deswegen war für mich dieser Sprung zurück in die Musik und auch festzustellen, wir sind politisch in dem was wir tun, ein ganz wichtiger und dadurch ein ganzheitlicher, wo du auch noch merkst im Rückblick, alles ist ein Weg irgendwie für dich selber.

Wegschauen und abhaken geht nicht

„Dass es knallte, bekam man mit“, erzählte mir der evangelische Pfarrer Jörg Zimmermann. Mit diesen Worten beschrieb er die allgemeine Situation in Ruanda vor dem Ausbruch des Genozids am 6. April 1994. So hieß auch das Feature, dass am 3. Juli 2013 auf SWR2 ausgestrahlt wurde.

Dass es knallte     
Schädel von Opfern des Genozids in Ruanda.

Schädel von Opfern des Genozids in Ruanda.

Das Thema, die Rolle Deutschlands vor und während des Genozids in Ruanda, ist so ein Thema, dass mich nicht mehr losgelassen hat. Nach zahlreichen Reisen in das kleine Land im Herzen Afrikas fragte ich mich, was eigentlich die deutschen Vertreter vor und während des Genozids mitbekommen und gewußt haben. Denn es waren viele Deutsche vor Ort: Hilfsorganisationen, kirchliche Vertreter, die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit, die Deutsche Welle, der Deutsche Entwicklungsdienst, die Konrad-Adenauer-Stiftung, das Rheinland-Pfalz Büro, Beamte des Auswärtigen Amtes, des Verteidigungsministeriums und des Ministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Sie alle arbeiteten eng mit ruandischen Partnern zusammen, und das überall im Land.

„Dass es knallte, bekam man mit“, dieser Satz von Pfarrer Zimmermann tauchte in meinen Recherchen öfters auf und bestätigte sich immer und immer wieder; in Interviews, Unterlagen, Dokumente, Erlebnisberichte, die ich zum großen Teil nur über komplizierte Umwege erhalten hatte. Anfragen bei Ministerien und halbstaatlichen Organisationen wurden abgeblockt. Im Auswärtigen Amt wurde mir gesagt, es gebe eine 30jährige Sperrfrist für Unterlagen. Ein Interview mit einer Zeitzeugin, die damals in Kigali in der Botschaft arbeitete, wurde vom AA nicht genehmigt. Nur ein schriftliches Interview mit der Zentrale wurde erlaubt. Darin hieß es: Das Auswärtige Amt bildet seine Mitarbeiter für Krisensituationen aus und permanent fort. In akuten Krisensituationen werden die Mitarbeiter intensiv u.a. von den Personalreferaten begleitet und beraten. Besonders wird auf die Belastbarkeit und Sozialkompetenz sowie auf die Flexibilität und praktischen Fähigkeiten der Mitarbeiter geachtet sowie deren physische und psychische Belastung bewertet. Für den Einsatz in permanenten Belastungs- und Krisengebieten werden nur Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen ausgewählt, die alle Qualifikationen für einen solchen Einsatz mitbringen. In Krisensituationen stehen Zentrale und Auslandsvertretung in permanentem Kontakt.“

Aus dem Verteidigungsministerium wurde mir erklärt: „Die erbetenen Informationen aus 1994 sind auch nach erneuter Prüfung nicht mehr verfügbar. Über den Verbleib liegen keine Informationen vor.“ Und das, obwohl Soldaten der Bundeswehr seit den 70er Jahren in Ruanda präsent waren und das ruandische Militär schulten.

Von der GIZ, dem Zusammenschluss aus GTZ und DED, erhielt ich folgende Email: „Was wir leider nicht leisten können ist die „Archivrecherche“, um die Sie bitten: Das sprengt schlicht unsere Kapazitäten. Immerhin fragen Sie nach 19 Jahre zurückliegenden Unterlagen aus analoger Zeit.“

Die Nürnberger SPD Abgeordnete Gabriela Heinrich in der Bundestagsdebatte zur Aufarbeitung der Rolle Deutschlands in Ruanda.

Die Nürnberger SPD Abgeordnete Gabriela Heinrich in der Bundestagsdebatte zur Aufarbeitung der Rolle Deutschlands in Ruanda.

Heute nun fand im Bundestag eine Anhörung statt. Die Opposition aus Bündnis90/Die Grünen und Die Linke hatten eine unabhängige historische Aufarbeitung der Rolle Deutschlands in Ruanda gefordert. Und der ersten Rednerin der Grünen, Kordula Schulz-Asche, liegt dieses Thema besonders am Herzen, sie lebte und arbeitete damals in Ruanda.

Doch der Ausgang der Debatte im kleinen Kreis war enttäuschend. Vertreter der CDU erklärten, eine Aufarbeitung gebe es bereits und verwiesen dabei genau auf zwei Berichte des BMwZ, die allerdings nie veröffentlicht wurden, mir jedoch vorliegen. Als Rednerin trat auch die Nürnberger SPD Abgeordnete Gabriela Heinrich auf. Leider sprach auch sie sich gegen den vorliegenden Antrag auf eine unabhängige historische Aufarbeitung zum jetzigen Zeitpunkt aus.

Gabriela Heinrich im Bundestag     

Ich kann nur hoffen, dass diese ablehnende Haltung von Seiten der Großen Koalition für eine umfassende Aufarbeitung der Rolle Deutschlands vor und während des Genozids in Ruanda ein politisches Parteiengeplänkel war und ist. Das was da 1994 in Ruanda passierte, verdient eine umfassende historische Betrachtung. Und auch ein Schuldeingeständnis. Denn das Wegschauen, das Nichteinmischen, das Verstecken hinter einer groß propagierten, doch nie eingeforderten „europäischen Linie“ schafft zumindest eine moralische Schuld und Verantwortung.

 

 

 

 

Die Grünen kommen

Als ich die Mail bekam, dachte ich erstmal, boah, die Grünen haben echt den totalen Mitgliederschwund, wenn sie jetzt schon in den USA einen Ortsverband aufmachen wollen. Vor ein paar Tagen war es dann so weit. In Washington DC wurde der erste OV der deutschen Grünen gegründet.

Und eigentlich macht das sogar Sinn, denn hier drüben leben viele Deutsche, die nur für ein paar Jahre da sind, aber weiterhin ein grosses Interesse an der deutschen Politik haben. Und sie sind Wähler, was nicht zu unterschätzen ist.

Unter Bundeskanzler Helmut Kohl wurde das Wahlgesetz für im Ausland lebende Deutsche geändert. Das Wahlrecht von damals sieben Jahre nach Ausreise auf 20 Jahre erhöht. Doch auch das war eine zeitliche Beschränkung, die nun im Dezember vom Bundestag ganz gekippt wurde. Deutsche im Ausland können nun ohne Beschränkung an Bundestagswahlen teilnehmen, sie müssen sich lediglich als Briefwähler bei den Konsulaten registrieren lassen und dürfen dann bei ihren letzten Gemeinden in Deutschland mitwählen.

Für die Grünen könnte das ein wichtiger Punkt gewesen sein. Gerade viele junge Deutsche zieht es in die USA, um hier ein paar Jahre zu leben und zu arbeiten. Und sie zeigen nach wie vor Interesse daran, was „drüben“ passiert und das aus einer ganz neuen Perspektive. Arne Jungjohann, der für die Heinrich-Böll-Stiftung in Washington DC und Gründungsmitglied des OV ist, sieht mit diesem Zusammenschluss auch die Möglichkeit, etwas gegen den Anti-Amerikanismus zu tun, der sich immer mal wieder in deutschen Parteien, vor allem denen im linken Spektrum, breit macht. Über Parteitagsanträge will man in die Bundespartei hinein wirken. Der OV DC sieht sich als einen ersten Versuch in den USA. Positive Rückmeldungen, so Jungjohann, seien bereits aus dem ganzen Land gekommen. Vielleicht gibt es ja demnächst auch einen Kreisverband South Dakota und Wahlveranstaltungen in Boise, Idaho. Möglich ist alles.

Das Interview mit Arne Jungjohann kann

hier     
in der aktuellen Sendung von Radio Goethe Magazine gehört werden.