A spin around the world

Vor ein paar Wochen habe ich an dieser Stelle über das neue Dirtmusic Album „Bu Bir Ruya“ geschrieben, davon geschwärmt, es in den höchsten Tönen gelobt. Ein wunderbare Platte, die von Musikern aus den USA, Australien und der Türkei am Bosporus aufgenommen wurde. Hugo Race ist einer von „Dirtmusic“, der umtriebig und kreativ immer wieder neue Kollaborationen in den verschiedensten Ländern sucht und findet.

Mehr duch Zufall habe ich nun sein Gastspiel auf dem „Space Fest“ 2016 in Danzig gefunden. Race war Teil des stets wechselnden „Pure Phase Ensembles„, das sich einmal im Jahr zusammenfindet, oder besser ausgedrükt, sich Jahr für Jahr für dieses Festival neu gründet. Karol Schwarz ist die treibende Kraft hinter diesem Projekt und dem Label Nasiono Records, auf dem MusikerInnen und Musik zu entdecken sind, die man so gar nicht kennt. Nasiono Records ist ein Zusammenschluss von Musikern, Poeten, Grafikern, Videokünstlern und Kulturmanagern, die die lokale und regionale Kunst-, Kultur- und Musikszene um Danzig stärken, fördern, präsentieren wollen. Ein mitreißendes Projekt, wenn man sich nur die verschiedenen Formationen des „Pure Phase Ensembles“ anhört. Eine ganz wunderbare, komplexe, tiefe, weite, gewaltige Klanglandschaft. Lyrics auf Englisch und Polnisch, all das untermalt von diesem entschleunigten, fessenlnden und hochdramatischen Sound.

Polen wird in diesen Zeiten von außen vor allem politisch und kritisch betrachtet. Die Nachrichten von einem Rechtsruck, von einer Beschneidung der Medienfreiheit und der Unabhängigkeit der Justiz machen ihre Runde. Aber dieses Label, diese Musik, die Geschichte dahinter erzählt viel mehr von dem östlichen Nachbarn, der für mich einen Kontinent, einen Ozean und nochmals einen halben Kontinent entfernt liegt. Der Blick hinter die Schlagzeilen auf eine lebendige und umtriebige Underground Szene lohnt sich. Musik verbindet, ist eine gemeinsame Sprache. Nach der Entdeckung dieses Labels bin ich neugierig geworden auf die polnische Musik-, Kunst- und Kulturszene, fernab des medialen Gewitters. Die nächste Musiklieferung aus „Gdansk“ ist bereits auf dem langen Weg nach Kalifornien.

 

Ganz großes Kino – die neue Platte von „Dirtmusic“

Als George W. Bush am 29. Januar 2002 in seiner „State of the Union“ Rede von der „Axis of Evil“ sprach, war die Welt entsetzt. Hier wurde ein neuer Ton in der amerikanischen Außenpolitik angeschlagen. Die Folgen dieser Neuausrichtung spüren wir noch heute. Ja, der derzeitige Amtsinhaber Donald Trump hat diesen vielbeachteten Satz von „W“ sogar noch verschlimmert. Die Achse der „bösen“ Länder wurde dramatisch erweitert. Einreiseverbote, Mauern, Aufkündigung internationaler Verträge und Abkommen, eine sehr beschränkte Sichtweise auf die Welt sind die Folgen dieser Politik.

Und dann liegt da dieses Album im Briefkasten. „Bu Bir Ruya“, die neue Platte von Dirtmusic. Für mich die beeindruckende, emotionale und passende Antwort auf die Engstirnigkeit so mancher Politiker hier in den USA, in Deutschland, der Türkei und an vielen anderen Orten. Chris Eckman und Hugo Race hatten fünf Jahre nach Bushs Rede „Dirtmusic“ gegründet, damals noch mit dem „Codeine“ Schlagzeuger Chris Brokaw. Anfangs war die Band auf den Spuren des weiten Americana Sounds unterwegs. Lange mentale Highways wurden da bereist. Mit den folgenden Alben gingen Eckman und Race jedoch neue Wege, sie arbeiteten in Bamako, Mali, mit malischen Musikern zusammen und schufen so einen weltoffenen Sound.

Nun liegt das fünfte Album von „Dirtmusic“ vor. Diesmal zog es Chris Eckman und Hugo Race nach Istanbul. Im Dezember 2016, nach dem Putsch in der Türkei und dem Wahlsieg Donald Trumps in den USA, kamen sie in der Stadt am Bosporus mit Murat Ertel von Baba Zula zusammen, die 2017 auf dem Nürnberger Bardentreffen zu hören waren.

Murat Ertel, Chris Eckman, Hugo Race. Foto: Glitterbeat.

„Bu Bir Ruya“ ist keine politische Platte und doch hochpolitisch. Gerade weil sie Grenzen öffnet und überschreitet. Für mich klingt die Platte wie die musikalische Antwort auf die politische Engstirnigkeit und den dümmlichen Nationalismus unserer Tage. Hier und da. Auf „Bu Bir Ruya“ kommen Musiker aus verschiedenen Welten zusammen. Der Amerikaner Chris Eckman, Gründungsmitglied der Folk-Rock Band „The Walkabouts“, der heute im slowenischen Ljubljana lebt. Der Australier Hugo Race, der ein musikalischer Weltenbummler sondergleichen ist, der schon in London, Berlin und Prag lebte und jüngst hervorragende Kollaborationen mit der Belgierin Catherine Graindorge und dem Italiener Michelangelo Russo vorlegte. Und da ist Murat Ertel, der Kopf der Gruppe „Baba Zula“, die seit 1996 den Klang des Orients mit Rockmusik verbinden und international gefeiert werden. Hinzu wurden noch einige Gastmusiker eingeladen.

Es ist ganz großes Kino, was auf dieser Platte entstanden ist. Americana trifft auf den Orient, die San Francisco Bay zu Gast am Bosporus. Hier kommt die Welt zusammen. Auch wenn „Bu Bir Ruya“ nicht als politische Platte gedacht war, sie ist ein leuchtendes Beispiel dafür, was in Gefahr ist verloren zu gehen, wenn sich nationalistische Tendenzen durchsetzen, wenn in der Welt neue physische und mentale Mauern gebaut werden, wenn kleinkarierte Politiker ohne Weltsicht und Sachverstand die Oberhand bekommen. Musik ist eine universelle Sprache. Eckman, Race und Ertel lassen daran auf dieser neuesten „Dirtmusic“ Platte keinen Zweifel aufkommen.

Erschienen ist „Bu Bir Ruya“ auf dem Weltmusiklabel Glitterbeat. Auf der Bandcamp Seite von „Dirtmusic“ kann man einige der Songs hören

24 Hours to Nowhere – die (Nicht)Memoiren des Hugo Race

Ein Interview mit Hugo Race:

      Interview mit Hugo Race

Jeder Musiker, der etwas auf sich hält, schreibt an einem Punkt seines Lebens seine Memoiren…oder läßt sie schreiben. Das wilde Leben des Rock’n Roll. Dass es auch anders geht, zeigt ein australischer Musiker, dessen Name vielleicht nicht vielen ein Begriff ist, der jedoch seit Jahrzehnten Platten veröffentlicht und um die Welt tourt. Hugo Race heißt er und hat nun sein erstes Buch veröffentlicht. “Road Series” ist die Geschichte eines Musikers, der mehr zu erzählen hat, als “Sex, Drugs and Rock’n Roll”.

Hugo Race, ein Musiker zwischen australischer Weite, dem Wilden Westen Amerikas und dem Großstadtdschungel Berlins. Foto: H. Race.

Hugo Race, 1963 in Melbourne geboren, ist ein Musiker, der seit Anfang der 80er Jahre sehr umtriebig ist. Er war Gründungsmitglied der Bad Seeds, Nick Caves Band, doch schon nach zwei Platten machte Race sich auf, fortan auf Solopfaden zu wandeln. “The True Spirit” and “Fatalists” hießen seine Begleitbands, dazu gab es noch Kooperationen mit anderen Musikern, darunter Chris Eckman von „The Walkabouts“ für das Projekt “Dirtmusic”:

Hugo Race hat kürzlich auch sein erstes Buch veröffentlicht. “Road Series” heisst es. Die Reise des Musikers durch die Jahrzehnte. „Das Buch kam nicht aus dem Nichts. Aber ich hatte nie den Plan so etwas wie meine Memoiren zu schreiben. Eigentlich schreibe ich schon sehr lange. Für ein paar Jahre sah ich mich als Autor und Journalist, aber dann kam für mich die Musik und diesem musikalischen Pfad folge ich seit nunmehr 35 Jahren. In der Zeit schrieb ich zwei Romane, die ich aber nicht veröffentlichen wollte. Die Wahrheit ist, ich habe sie nicht fertig geschrieben. Es waren Bücher, die ich irgendwann nicht mehr mochte und nicht mehr zu Ende bringen konnte. Also legte ich sie zur Seite.“

Hugo Race ist ein Beobachter, der in seinen Songs Nahaufnahmen beschreibt. Bilder von Liebe, dem zwischenmenschlichen Zusammensein, dem Leben auf dem “long Highway”. Race ist verankert im Country und Folk, hier dem eher düsteren Part des Genres. Das “Yippie-Yeah”, ein patriotischer Unterton liegt ihm fern. Er ist ein musikalischer Weltenbummler, das zeigt er nun auch in seinem Buch “Road Series”. „In den späten 2000ern, als ich mit “Dirtmusic” in Afrika arbeitete, gab es diese außergewöhnlichen Momente für uns und für mich. Die einfach passierten, ohne Belege und ohne Zeugen. Das führte dazu, dass ich über “Dirtmusic” in Afrika schrieb. Als ich von diesen Reisen zurück kam, traf ich mehrmals auf Leute, die mich nach meinen Erfahrungen in Mali fragten und danach, was wir dort gemacht haben. Und diese Fragen zu beantworten half mir, in meinem Kopf das Konzept einer Erzählung zu beginnen. Ich schrieb sie auf und schickte sie an das Overland Literature Journal in Australien, die sie veröffentlichte. Und das wurde auch das erste Kapitel von “Road Series”.“

Das Kapitel über “Dirtmusic” im malischen Bamako ist das elfte im Buch geworden. Bis dahin beschreibt Race das Leben “on the road”. Vom Weggang aus Melbourne, der Ankunft in England. Er selbst hat zwischen 1989 und 2011 in Europa gelebt, davon lange Zeit auch in Berlin. Hugo Race genoss das Leben in der wiedervereinigten Stadt, ihren Puls, ihre Kreativität in diesen umwälzenden Jahren, in der alles möglich war. „Ich wurde damals für ein paar Solokonzerte nach Berlin eingeladen. Ich war schon vorher, Mitte der 80er, mit den Bad Seeds in Berlin und wollte immer mal wieder zurück. Es war also im Sommer 1989, eine unglaubliche Stadt. Tagsüber gingen wir in den Seen schwimmen und nachts zogen wir durch die Bars. Es war anarchisch, es war intensiv.“

Hugo Race beschreibt in seinem Buch diese Tage in der geteilten Stadt. Und dann den Mauerfall, der für ihn ein Glücksfall wurde, wie er selbst sagt. Er war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Auf einmal spielte er in Prag, in Warschau, in Budapest. Die Geschichten entstanden von selbst, so scheint es in “Road Series”. „Ich wußte, ich hatte viele Geschichten zu erzählen. Über Leute und Orte, die auf einem existentiellen Level nachgehallt haben. Und all das waren zeitliche Schnappschüsse von Orten, die es heute so nicht mehr gibt. Die ersten Kapitel von “Road Series” waren die letzten, die ich geschrieben habe. Es war schwer 30 Jahre zurück zu gehen und sich an Dinge zu erinnern und diese in eine Erzählung zu bringen. Dazu kam noch, dass die 80er Jahre für mich und viele meiner Freunde und Bekannten wild und frei waren. Auch wegen größeren Mengen an bewußtseinserweiternden Substanzen. Aber als ich anfing Wörter auf eine Seite zu schreiben, kamen auch die Erinnerungen zurück. Ich fand so viel in meinen Erinnerungen aus den frühen 80ern, die unter all den Erfahrungen späterer Jahre verborgen waren. Ich mußte mich stark konzentrieren, ich mußte meditativ vorgehen. Manchmal wie in Trance, wo ich mir den Raum vorstellte, in dem ich 1981 in der Wellington Street lebte. Und als ich das erreichte, erinnerte ich mich an Leute und an bestimmte Ereignisse.“

Und diese Details machen “Road Series” aus, ob sie nun stimmen oder vom Autoren selbst ausgeschmückt wurden. Keiner weiß das genau, wohl auch nicht Hugo Race selbst. In der Erinnerung erscheint vieles bunter. Race führt den Leser durch sein Leben, seine Erfahrungen, seine Erlebnisse, wie er sie im Rückblick glaubt durchlebt zu haben. Es ist nicht dramatisch, nicht das Glitzerleben eines großen Rock’n Roll Stars. Hier schreibt ein Musiker, der nicht im täglichen Rampenlicht steht, den viele von Ihnen wahrscheinlich gar nicht kennen. Kneipen, Bars, kleine Konzertorte, Underground Auftrittsmöglichkeiten sind sein Zuhause. Und diese Welt öffnet Hugo Race in “Road Series”. Er lebt von seiner Musik, und glücklicherweise kann er davon leben. Es ist ein Leben “on the road”, rastlos und immer in Bewegung. Für dieses Buch blickte er zurück und schrieb ein beeindruckendes Dokument über die wilden Jahre der Independent Musikszene und über das, was danach kam. Hugo Race hat immer seinen Platz gefunden, offen für Einflüsse, Kulturen, Menschen. “Road Series” ist ein äusserst lesenswertes Buch und das nicht nur für Menschen, denen Musik außerhalb der Charts am Herzen liegt.