#FreePress

Irgendwas stimmt nicht im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, Donald Trump, nannte Rassisten, Antisemiten, Neo-Nazis, gewaltbereite Schläger nach den Ausschreitungen im August 2017 in Charlottesville „very fine people“. Und seit seinem Wahlkampf und erst recht seit seiner Wahl zum „Commander in Chief“ erklärt er die freie Presse in den USA als „enemy of the people“, als Volksfeind.

Trumps Handeln, seine fast tagtägliche Hetze gegen die Medien, einzelne Reporter, die unabhängige Berichterstattung erinnert an Despoten und Diktatoren aus der Geschichte und aus anderen Ländern in diesen stürmischen Zeiten. Der amerikanische Präsident verunglimpft, lügt, schafft „alternative Fakten“, schürt Zweifel gegen Journalisten und ihre Arbeit, die eine wichtige Instanz in einer funktionierenden Demokratie sind. Er tut kritische Berichte über ihn, seine Politik und seine Adminstration als „Fake News“ ab. Nur jene Medienvertreter, allen voran FoxNews, die ihn, seine Arbeit, seine Pläne und Ziele huldigen werden von Trump positiv gesehen.

Von Istanbul über Budapest nach Washington, die freie Presse ist unter Beschuss. Foto: Reuters.

Trump hat mit seiner Medienhetze tiefe, unüberwindbare Gräben im eigenen Land weiter ausgehoben, die Folgen sind dramatisch. Seine regelmäßigen Twitterattacken haben eine alternative Realität geschaffen, in der er und seine Anhänger leben. Der „Deep State“, die Verschwörung der Medien gegen ihn und das amerikanische Volk, die sozialistischen Demokraten, die Umkehrung von Tatsachen. Trump macht sich und seine Wählerschaft zu Opfern, in diesem Weltbild regiert und agiert er und wird dafür von seiner Basis stürmisch gefeiert. Endlich spricht einer mal aus, was sie schon lange denken und wissen. Kritische Journalisten sind für ihn Volksfeinde.

Das ist eine gefährliche Entwicklung nicht nur für die Medien, die Berichterstattung, die Arbeit von Journalisten in kleinen Gemeinden auf dem Land oder auf der nationalen Ebene in Washington DC gleichermaßen. Trump unterminiert ganz bewusst und voller Absicht eine der Grundfesten der amerikanischen Demokratie und wird damit zu einem Vorbild für andere, wie Erdogan, Orban oder die „Lügenpresse“ schreienden Pegida- und AfD-Funktionäre in Deutschland. Trump schafft sich sein eigenes Bild von der Realität, der Blick von außen auf ihn und die Folgen seiner Politik ist nicht erwünscht. Faire Berichterstattung ist für ihn Hofberichterstattung. Kritik, Nachfragen, investigative Beiträge werden als „Fake News“, als „parteiisch“, als „voreingenommen“ abgetan. Nur Trumps Wort und Sichtweise zählen. Er ist unfehlbar, mehrmals hat er betont, dass er sich nie für Fehler und Falschaussagen entschuldigen würde.

Die Medien sind nicht unschuldig am Aufstieg dieses Mannes, der die Welt in Atem hält. Schon als „Reality TV Star“ wurde er gefeiert. Als Präsidentschaftskandidat wurde über jede Provokation, jedes Tweet, jede noch so kontroverse Aussage breit berichtet. Trump bestimmte den Wahlkampf, machte Politik zum Schauspiel, langweilige Kandidatendebatten zum unterhaltsamen TV-Ereignis. Und die Medien berichteten oftmals zu unkritisch darüber, schufen das, was nun bittere Realität geworden ist. Nun ist der Geist aus der Flasche, Donald Trump sitzt im Weißen Haus, Kritiker reagieren nur noch auf ihn, denn er bestimmt die täglichen Debatten in den USA und weltweit.

Die Tageszeitung Boston Globe hatte als Antwort auf die gefährliche Propaganda dieses Präsidenten andere Tageszeitungen und „News Outlets“ im Land dazu aufgerufen, an diesem Donnerstag gemeinsam über den Wert einer freien Presse zu berichten. Mehr als 300 Zeitungen im ganzen Land sind der Aufforderung gefolgt. Liberale genauso wie konservative Blätter, denn sie alle verbindet die Freiheit der Medien, die nun unter einem Dauerangriff sind und um ihre Existenz und Glaubwürdigkeit kämpfen. Amerika im Trump-Zeitalter ist nicht mehr das Land, für was es einmal stand. Denn wenn ein Präsident sich die Macht herausnimmt zu bestimmen, was „amerikanisch“, was „patriotisch“ und demzufolge was „unamerikanisch“, was „unpatriotisch“ ist, wenn er Amerikaner zu „Volksfeinden“ abstempelt, wenn er Verschwörungstheorien ungehindert verbreitet, dann werden die Grenzen der Demokratie aufgeweicht. Bewußt und mit voller Absicht. Donald Trump ist zu einer großen Gefahr für das friedliche Zusammenleben in den Vereinigten Staaten von Amerika geworden. Die Aktion #FreePress ist daher eine wichtige Reaktion, ein Warnsignal in stürmischen Zeiten.

Die Knarre muss leider draußen bleiben

In der San Francisco Bay Area tut man sich schwer einen Laden zu finden, in dem man eine Knarre kaufen kann. Den einzigen, den ich kannte, „Bullseye“ in San Rafael, hat schon vor einiger Zeit dicht gemacht. Dort konnte man sich ausführlich beraten lassen und auch auf dem hauseigenen Schießstand auf Zielscheiben oder angedeutete Terroristenbilder ballern. Doch der Druck in der liberalen Gegend wurde zu groß, „Bullseye“ machte dicht und verlagerte alle Geschäfte in den benachbarten und waffenfreundlicheren Bundesstaat Nevada.

Bierausschank nur für knarrenlose Trinker.

Hier oben in Michigan sieht das ganz anders aus. Knarren gehören hier im Land der Bären, Wölfe und Hirsche dazu. Aufkleber mit einem Wolf Konterfei, darunter „Smoke a pack a day“ sind zu sehen, Schußwaffen können auch beim lokalen Walmart erworben werden, auf großflächigen Billboards werben lokale „Gun Stores“ für ihre Produkte. Und an Kneipen (!) wird darauf hingewiesen, dass man sein Schießeisen nicht mit hinein bringen darf. Alkohol und die Wumme im Holster passen dann wohl doch nicht so gut zusammen.

Auch das ist Amerika, leben mit Waffen. Es gehört in den USA einfach dazu, das wird einem an einem Ort wie der Upper Peninsula von Michigan ganz deutlich. Wer, wie ich, in Oakland und der San Francisco Bay Area lebt, lebt auf einer Insel, wo Waffenbesitz die Ausnahme oder zumindest nicht öffentlich ist. Doch auf diese Gegenden wie die UP mit ihren Menschen zielt Donald Trump mit seinen Tweets ab, wenn er sich derzeit in den Vorwahlkampf der Bundesstaaten einmischt und die verschiedensten republikanischen Kandidaten unterstützt. Immer wieder erklärt der Präsident die Demokraten wollten das „Second Amendment“, das vermeintliche Grundrecht eines jeden Amerikaners auf Waffenbesitz, abschaffen. Deshalb sollte man den Kandidaten oder die Kandidatin seines Vertrauens wählen, nur so werde auch weiterhin garantiert, dass Amerikaner bewaffnet sein dürfen.

Das ist natürlich totaler Humbug dieses Präsidenten, allerdings auch nicht neu von republikanischer Seite. So gut wie niemand bei den Demokraten fordert ein Totalverbot von Waffen in privater Hand. Es war, ist und wird politisch überhaupt nicht durchsetzbar sein. Das wissen die Demokraten, das wissen die Republikaner, das weiß auch Donald Trump. Aber er spielt mit der Angst davor, dass Polizisten in Nacht- und Nebelaktionen an den Häusern „ehrlicher Amerikaner“ klopfen, um ihre Schießeisen einzusammeln. Das wird in den USA nie passieren. Außerdem gibt es genügend Demokraten in Bundesstaaten wie Michigan, Wisconin, Minnesota, Oregon, Pennsylvania und anderen, die selbst Waffenbesitzer, Jäger, Hobbyschützen sind. Was manche auf der liberalen Insel SF Bay Area in Bezug auf Waffenbesitz denken und fordern, wird dahier nie „law of the land“ werden. Auch das ist eine Tatsache in Amerika.

Die Rechte marschiert wieder

„Unite the Right“ marschiert wieder, diesmal direkt vor dem Weißen Haus.

Vor einem Jahr kam es in Charlottesville zu einem Aufmarsch der alt.right Bewegung. Unter dem Schlachtruf „Unite the Right“ kam die Rechte in den USA zusammen, Online-Aktivisten, Blogger, aber eben auch Neo-Nazi Organisationen, der Ku Klux Klan, bewaffnete Milizen. Es sollte im Trump Jahr Eins ein deutliches Zeichen an politische Gegner, an Andersdenkende, an Juden, an Schwarze, an Immigranten sein. Doch die Veranstaltung endete im Chaos, in offenen Straßenschlachten, damit, dass ein Teilnehmer mit seinem Auto in eine Gruppe von Protestierenden raste, eine Frau tötete und mehrere Personen verletzte.

Ein Jahr später will die Rechte wieder marschieren, doch diesmal unter anderen Vorzeichen. „Unite the Right 2“ soll direkt gegenüber des Weißen Hauses abgehalten werden, da die Organisatoren keine zweite Genehmigung für Charlottesville erhielten. Doch fraglich ist, wie viele Teilnehmer überhaupt nach DC kommen werden, denn der Aufmarsch vor einem Jahr hat nicht zur Stärkung und Einigung der Bewegung geführt, sondern genau das Gegenteil erreicht. Die Rechte in den USA ist tief gespalten, erneut tief gespalten.

Sah es mit dem Wahlkampf und dem Wahlsieg von Donald Trump nach einer breiten Front am rechten Rand aus, hat sich der Auftritt vom August 2017 als Debakel für die Rechtsextremen und -radikalen herausgestellt. Nach Charlottesville wurde deutlich, von einer rechten Einheitsfront kann keine Rede sein. Doch das ist keine Entwarnung. Die Bewegung hat sich gespalten und radikalisiert, aber eben erneut hinter den Kulissen. Die Anschläge auf jüdische Einrichtungen und Personen und rassistisch motivierte Gewalt haben zugenommen. Doch vor allem die Sprache hat sich, wie in Deutschland auch, extrem verändert. Und dafür steht der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, der immer wieder offen und unter dem Jubel seiner Anhänger gegen Ausländer, Muslime, politische Gegner hetzt. Die Rechte in den USA hat zwar bislang nicht ihr Ziel einer breiten Bewegung erreicht, aber sie bestimmt weiter, wie auch in Deutschland, die öffentliche Diskussion.

Donald, die Russen sind da

Es vergeht seit zwei Jahren kein Tag, an dem nicht über den Einfluss Russlands auf die amerikanischen Wahlen berichtet wird. Belegt ist, dass der Kremel Einfluss auf den Ausgang der Präsidentenwahl 2016 genommen hat. Inwieweit dieser Einfluss das Wahlergebnis, sprich den Sieg Donald Trumps, bestimmt hat, ist nicht eindeutig und genau zu bestimmen. Denn es war ja nicht so, dass da russische Hacker aus einer 2 eine 5 machten, sondern es war die gezielte Verbreitung von Falschmeldungen, die vor allem Hillary Clinton schaden sollten. Ob diese „Fake News“ mit dem eigentlichen Ziel verbreitet wurden, Donald Trump zu helfen und dieser eventuell von dieser Hilfe aus Moskau wusste, das wird derzeit von einem Untersuchungsausschuss hinterfragt.

Wahlen in den USA. Foto: Reuters.

Trump sagt, er habe „fair and square“ gewonnen, also ohne Hilfe von außen habe er sich bei der Wahl durchgesetzt, auch mit zwei Millionen weniger Stimmen als Hillary Clinton. Er habe einfach gewusst, wie er das amerikanische Wahlsystem zu orchestrieren habe. Das stimmt, in einstigen blauen (demokratischen) Hochburgen, wurde Trumps „Make America Great Again“ Schlachtruf laut und deutlich gehört und angenommen. Doch der Vorsprung in Wisconsin, Michigan und Pennsylvania war nicht so überragend, gerade hier hätten gezielte Falschmeldungen und ein Anti-Hillary Wahlkampf durchaus Erfolg haben können. Vermutlich nie geklärt werden wird, warum sich die Wählerinnen und Wähler dort für Trump und gegen Clinton entschieden haben. War es wirklich nur der „MAGA“ Wahlkampf von Trump oder war es auch der Anti-Hillary Wahlkampf aus Moskau, der den Wahlausgang entschieden hat.

Donald Trump selbst ist von sich und seiner Aussage überzeugt. Niemand habe ihm geholfen, er habe gewonnen, die Wähler trauten ihm einfach mehr zu als „Crooked Hillary“. Immer wieder hat Trump in den letzten zwei Jahren seit seinem Wahlerfolg Zweifel gestreut, dass sich Russland überhaupt eingemischt habe oder wenn doch, dass das überhaupt nicht ausschlagebend war und ist. Seine Basis glaubt ihm dieses Märchen noch immer. Von daher muss man bezweifeln, dass das Weiße Haus die drohende Gefahr für die „Midterm Elections“ im November ernst nimmt, auch und gerade weil die eigenen Geheimdienste vor erneuten Versuchen der Einflussnahme Moskaus auf die Wahl warnen. Trump weiße alles besser, Trump schaltet auf Durchzug. Die Pressekonferenz seiner Sicherheitsberater am Donnerstag war daher vielmehr ein politisches Signal, man sorge sich, man kümmere sich. Konkrete Schritte gegen die Machenschaften Russlands wurden nicht dargelegt, Fragen von Reportern wurde ausgewichen, aber die Basis von Trump wurde mit dem Auftreten beruhigt. Der Präsident hat alles unter Kontrolle, selbst die Hackerangriffe aus Moskau.

Was Russland in den USA treibt ist eigentlich eine Frage der Nationalen Sicherheit, die höchste Priorität verdiente. Faire Wahlen sind das Fundament einer gesunden Demokratie. Doch nicht für Donald Trump. Er hat in den letzten Jahren, erst im Wahlkampf und dann in Amt und Würden, gezielt und bewußt gleich mehrere Grundfesten der Demokratie unterminiert, darunter die Medien, die Rolle von Richtern und des Parlaments und eben die Bedeutung von fairen Wahlen, bei denen jeder dieselbe, gleiche Stimme hat. Amerika rollt auf eine schwere Krise zu.

Stürmische Zeiten für die GOP

Es dauerte nur ein paar Tage, dann tweetete Donald Trump erneut gegen die eigenen Parteiinteressen. Viele in der Grand Old Party (GOP) hatten gehofft, dass sich der Präsident mit provokanten Aussagen etwas zurückhalten würde, gerade im Hinblick auf die bevorstehenden „midterm elections“, die Kongresswahlen in der Mitte einer präsidialen Amtszeit. Denn dabei geht es um wichtige Mehrheiten im Abgeordnetenhaus und im Senat.

Doch Trump hat nur sich und seine Basis im Blickwinkel und diese Sichtweise ist nicht unbedingt einvernehmlich mit der seiner Partei. Hatten Republikaner wie Mitch McConnell und Paul Ryan noch vor wenigen Tagen nach einem Gespräch mit Trump verlauten lassen, dass man sich nun auf die wichtigen Fragen konzentrieren wolle, haute Trump am Sonntagmorgen erneut ein Tweet raus, in dem er droht, die Regierungsgeschäfte zum Stillstand bringen zu lassen, falls in den Haushaltsberatungen keine finanziellen Mittel für seinen Mauerbau eingeplant werden würden.

Und gerade das wollten die Republikaner vermeiden, denn die Mauer an der Grenze zu Mexiko war zwar Trumps Schlachtruf im Wahlkampf, „Build the Wall“, aber sie ist nach wie vor mehr als umstritten bei einem Großteil der Amerikaner. Trump regiert nur für seine Basis, die noch immer an sein Märchen von der langen, hohen und „beautiful“ Mauer glaubt, die von Mexiko bezahlt wird. Er sieht vielmehr, dass er mit seiner Anhängerschaft schon einmal eine Wahl gewonnen hat, also macht er da weiter, wo er am Wahlabend 2016 aufhörte, um sich zum zweiten Mal wählen zu lassen. Davon ist Trump überzeugt, darauf deuten all die Tweets hin, in denen er sich immer wieder selbst beweihräuchert, als größten, erfolgreichsten, beliebtesten Präsidenten in der Geschichte der USA preist. Trump lebt in seiner eigenen Welt, seiner selbst geschaffenen „alternativen Realität“. Man kann nur hoffen, dass dieses Weltbild bei den Novemberwahlen krachend in sich zusammenbrechen wird. Aber dann sind wieder andere Schuld, denn ein Donald Trump wird nie die Fehler bei sich suchen.

Amerika zwischen den Küsten

In Oakland und der Bay Area zu leben heißt, man lebt auf einer politischen Insel. Donald Trump erreichte bei den Wahlen 2016 in den meisten Distrikten meiner Wahlheimat einstellige Ergebnisse und lag oftmals noch hinter der Kandidatin der Grünen Partei, Jill Stein. Wer mutig ist und auffallen will in Oakland, Berkeley oder San Francisco läuft mit einer „MAGA“ Mütze durch die Straße. In meiner Nachbarschaft hat ein älterer Herr einen NRA-Aufkleber auf seinem Auto, schon allein das ist Gesprächsstoff unter Nachbarn.

Wellenlos mit Johnny Cash über den See.

Doch San Francisco/Oakland und selbst Kalifornien sind nicht die USA. Wer Amerika verstehen will, muss von den Küsten weg fahren, rein ins Land, dorthin, wo über Jahrzehnte das Mittelwellenradio mit Sendungen von Rush Limbaugh, Farm Talk oder Gun Talk die Tagesgespräche bestimmte. Auf einer jüngst in der New York Times veröffentlichten Landkarte mit den genauen Wahlergebnissen der Präsidentenwahl von 2016 kann man sehen, dass das Land weitgehendst rot ist, also republikanisch. Demokratische Blautöne gibt es vor allem in den Küstenmetropolen und in Universitätsstädten wie Butte, Montana, Madison, Wisconsin, oder auch hier oben in Houghton, Michigan. Und damit will ich nicht sagen, dass unstudierte Amerikaner vor allem Donald Trump gewählt haben. Vielmehr, dass Universitätsstädte vielleicht auch mehr für ein kritisches Denken und Weltoffenheit stehen.

Gestern Abend beim Kayaken über den kleinen See, an dem ich gerade bin, dachte ich genau darüber nach. Johnny Cash spielte ein paar Songs, der perfekte Soundtrack für diesen Versuch des Amerikaverstehens. Und hier in der Einöde, der Wildnis, der Abgeschiedenheit ist Washington, der Handelskrieg, Iran und Nordkorea, „Pussy Grabbin'“ und selbst die Mauer an der mexikanischen Grenze ganz weit, weit weg. Hier gibt es andere Probleme, die nicht von Washington und nicht von Präsident Trump gelöst werden können, auch wenn hier vereinzelt Schilder am Rand des Highways stehen „Support the UP – Logging & Mining“. Die regionale Wirtschaft wird man durch mehr Baumfällen und Bergbau nicht ankurbeln können. Wie die San Francisco Bay Area eine politische Insel fernab von Amerika ist, ist auch diese Region eine Insel im amerikanischen Kosmos. Weit weg von der Scheinrealität, die uns über CNN, FOXNews und andere vorgegaukelt wird.

Beim Versuch dieses riesige Land auf dem kleinen See zu verstehen wurde mir einfach klar, dass Amerika nicht zu verstehen ist. Es gibt nämlich nicht nur dieses eine Amerika. Es ist ein Land der Immigranten, die oftmals ihre Herkunft, die Sprache und die Kultur ihrer Eltern pflegen. Es ist ein Land der verschiedenen Interessen, die hier problemlos ausgelebt werden können. Es ist ein Land der vielen kleinen Inseln in einem stürmischen Meer. Nichts und niemand wird die Staaten von Amerika vereinen können. Was das Ziel vielleicht sein könnte ist, dass die gesellschaftlichen Gräben in diesem Land nicht tiefer werden. Und das allein wäre schon ein riesiger Erfolg.

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Karl der Käfer wurde (bei dieser Wahl) nicht gefragt

Donald Trump hat nicht nur internationale Verträge wie das Pariser Klimaabkommen mit dem Argumentaufgekündigt, die USA würden dabei finanziell benachteiligt werden. Auch im eigenen Land kämpft der Präsident gegen Umweltschutzmaßnahmen und hebelt dabei gezielt Bestimmungen und Gesetze seiner Vorgänger aus.

Auch der Weißkopfadler sieht sich unter Trump bedroht. Foto: Reuters.

Die Trump Administration macht weiter ernst mit dem Rückbau von Naturschutzmaßnahmen, die von Vorgängerregierungen eingeleitet wurden und zum Teil 45 Jahre zurückreichen. Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass die Administration das “Endangered Species Act” von 1973, das Artenschutzgesetz in den USA, nicht länger in der aktuellen Form beibehalten will. Die neue Version sieht vor, dass nur noch von Fall zu Fall entschieden wird und nicht mehr aufgrund allgemeiner Umweltzusammenhänge. Betroffen sind davon vom Weißkopfadler bis hin zum Grizzleybären unzählige von gefährdeten Arten in den USA.

Inzwischen wurde auch klar, dass das Innenministerium unbeabsichtigt Dokumente an Journalisten verschickt hat, die belegen, dass Innenminister Ryan Zinke plant, Nationalparks in den USA verkleinern zu lassen, wenn dies der Holzindustrie oder dem Abbau von Rohstoffen zugute kommen könnte. Gewinne für den regionalen Tourismus und der Schutz von archäologischen Orten seien dabei bedenkenlos vernachlässigbar.

In den nun versehentlich veröffentlichen Unterlagen heißt es, dass Mitarbeiter von Zinke Argumente und Belege zum weiteren Schutz der Nationalparks und Nationalwälder bewusst nicht beachtet haben. Zuvor schon hatte Präsident Donald Trump seinen Innenminister beauftragt, bei 27 Nationalparks prüfen zu lassen, ob seine Vorgänger zu weit gegangen sind und zu viel Land unter den Schutz der Nationalparks gestellt haben. Trump hat bereits zwei Schutzgebiete in Utah deutlich verkleinern lassen, die Barack Obama am Ende seiner zweiten Amtszeit erheblich ausweiten ließ. Umweltschutzgruppen kritisieren, Trump und sein Innenminister drehten damit die Uhren für den Naturschutz in den USA um Jahrzehnte zurück.

Von Gott gesandt

      Christliche Fundamentalisten und Trump

Ein ruhiger Sonntagmorgen. Ich stehe in der Küche, mache Kaffee, schaue nach draußen, der Morgennebel verzieht sich so langsam. Mein Nachbar, ein älterer Mann, tritt im Anzug und Krawatte vor die Tür, steigt wie jeden Sonntagmorgen in seinen in die Jahre gekommenden Plymouth, klappt seine Brille nach oben und fährt zur nahegelegenen Kirche.

In der San Francisco Bay Area kann man davon ausgehen, dass in den Gottesdiensten über Nächstenliebe, den Schutz von Flüchtenden, die Hilfe für Notleidende gesprochen und für sie gebetet wird. In anderen Teilen der USA klingt das wahrscheinlich ganz anders, denn noch immer sind 3/4 der Southern Baptist Gläubigen davon überzeugt, dass Donald Trump „von Gott gesandt wurde“, dass der 45. Präsident auf der „rechten Seite Gottes“ steht. Die christlichen Fundamentalisten im Land waren für den Wahlerfolg Donald Trumps ausschlaggebend. Keine Skandale, keine Lügen, keine Beschimpfungen konnten sie davon abbringen für ihn zu stimmen. Und noch immer halten sie zu ihrem Präsidenten, dessen Fehler sie zwar sehen, aber der für sie dennoch einen höheren Auftrag hat, als nur der amerikanischer Präsident zu sein.

Mit der Bibel in der Hand zur Wahlurne. Foto: Reuters.

Nächstenliebe heißt für viele der Southern Baptist Gläubigen, liebe Deinen amerikanischen Nachbarn. Dem Fremden auf der Durchreise Schutz bieten, ja, aber nur dann, wenn er legal im Land ist. Den Armen in der Gesellschaft helfen, auch das, doch er soll Amerikaner sein. „God and Country“, Gott und Nation, das ist für die christlichen Fundamentalisten eng miteinander verbunden. Der Patriotismus in Glaubensfragen äußert sich auch durch die amerikanische Fahne im Gotteshaus. Da ist kein Platz für Menschen aus anderen Ländern. Das Bekenntnis zu Gott ist ein Bekenntnis zu Amerika, zu „God’s Country“, dem auserwählten Land.

Donald Trump steht für all das. Er sagte im Wahlkampf, das Christentum sei in Gefahr, dass die Bibel sein Lieblingsbuch sei und das er als Präsident nur Richter für das Verfassungsgericht auswählen werde, die sich gegen die Abtreibung aussprechen. Das kam gut an, Trump war ihr Mann, hier sprach einer, der zwar mit Sünden beladen war, aber dennoch von Gott gesandt war, um dieses Land, ihr gelobtes Land zu retten. Obama, so meinen noch immer viele, sei ein Muslim, der einen Koran in der Jackentasche mit sich führt. Und Hillary Clinton ist sowieso die Ausgeburt des Teufels.

Mehr als Zweidrittel der christlichen Fundamentalisten stehen nach wie vor zu Donald Trump. Nichts konnte bislang an ihrer Unterstützung für diesen Präsidenten ändern. Sie sehen ihn und das Land auf dem richtigen Weg, in dem Gott und Amerika wieder an vorderster Stelle stehen. Was die liberale Lügenpresse, die „Fake News“ über Donald Trump, seine Administration und seine Politik berichten, kommt im „Bible Belt“ der USA nicht an. Trump hat seine eigenen Kommunikationskanäle geschaffen – Twitter und die Kanzeln in den unzähligen fundamentalistischen Kirchengemeinden der USA. Der nächste Wahlausgang ist hier bereits entschieden.

Volksfeind #1

„…the real enemy of the people, the Fake News Media“. Donald Trump kann es einfach nicht lassen. Er überrascht mit seinen Aussagen zwar nicht mehr, aber es trifft mich dennoch, wenn ich am Morgen auf Twitter lese, dass er Journalistinnen und Journalisten, die ihm nicht nach dem Mund schreiben, erneut als „Volksfeinde“ bezeichnet. Das ist harter Tobak und sollte nicht so einfach hingenommen werden. Wo ist der Aufschrei der Republikaner im Kongress, die diesen Mann endlich in seine Schranken verweisen.

Denn Donald Trump ist der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, einem schwerbewaffneten Land, in dem es genügend Menschen gibt, die seine Aushöhlung der Demokratie, der demokratischen Grundprinzipien, als Einladung zur Gewalt gegen jene nehmen, die sich gegen die Trump’sche Weltordnung stellen. Wer Medienvertreter als „Volksfeinde“ bezeichnet, und das immer und immer wieder, der schürt ganz bewußt Gewalt. Die ersten Auswüchse kann man auf Trump Veranstaltungen sehen, auf denen Reporter übelst beleidigt und angegangen werden. Der Schritt von Wutausbrüchen zu gezielten Anschlägen ist da nicht mehr weit.

Natürlich stimmt nicht alles, über was Medien berichten. Es passieren überall Fehler, meist unbeabsichtigt, oftmals in der Hektik und unter Druck die neuesten News sofort und gleich zu veröffentlichen. Es gibt natürlich auch Medienvertreter, die ganz bewußt Falschmeldungen streuen, um so Aufmerksamkeit zu bekommen oder gezielt Politik zu beeinflussen. Aber von denen spricht Donald Trump nicht, wenn er Journalistinnen und Journalisten als Volksfeinde bezeichnet. Er geht vor allem all jene an, die ihm nicht nach dem Mund schreiben, die ihn und seine Politik hinterfragen, ihn kritisieren. Trump liebt Diktatoren und Despoten wie Putin, Kim, Erdogan und andere, gerade auch deshalb, weil sie von ihren Medien gehuldigt werden. Sowas will Donald Trump auch, daraus macht er keinen Hehl, wenn er die Berichterstattung der New York Times und der Washington Post kritisiert und gleichzeitig die Speichelleckerei von FoxNews bejubelt. Der Schaden, den Donald Trump der amerikanischen Demokratie zufügt, wird nie wieder rückgängig zu machen sein.

America the beautiful

3500 Kilometer liegen hinter mir. Fast einmal quer durchs Land. Durch Nordkalifornien nach Nevada, den Bundesstaat von West nach Ost durchfahren, dann Richtung Norden durch Idaho, rüber nach Montana, entlang des Yellowstone National Parks. Montana durchkreuzt, den langen Freeway in North Dakota abgefahren, bei Fargo dann auf den Highway Richtung Minnesota eingeschwenkt. Bei Duluth nach Wisconsin rein, von dort noch weiter nördlich bis zur Upper Penninsula von Michigan. Das alles nur mit ein paar „Power Naps“ geschafft.

Eine Endlosfahrt durch Amerika.

Eine lange, endlos erscheinende Autofahrt durch ein Land, das mir auch noch nach 22 Jahren fremd und gleichzeitig neu ist und dennoch faszinierend bleibt. Amerika ist ein wunderschönes Land, in das es sich lohnt zu reisen. Nicht nur nach New York, Florida, Las Vegas und Kalifornien. Wer die USA verstehen lernen möchte, der muss ins Landesinnere fahren. Nach Elko, Bozeman, Bismarck, Duluth, Houghton und viele andere Kleinstädte auf dem Weg von West nach Ost.

Auf dieser Fahrt durch die unvereinigten Staaten von Amerika hörte ich B5 Aktuell, Deutschlandfunk, NPR, Al Jazeera, BBC, das Smartphone macht es möglich. Und alle berichteten von Donald Trump und seinem Treffen mit Vladimir Putin in Helsinki. Berichte, Analysen, Reaktionen. Donald Trump der seltsame, selbstverliebte, unkonventionelle, rüpelhafte Präsident der USA. Und dann diese Bilder von diesem weiten, offenen, wunderschönen Land. Menschen, an allen Tank- und „Dog Business“ Stopps, die freundlich, interessiert, humorvoll waren. Ich war überrascht, dass ich im Landesinneren nicht auf Unmegen an Trump Aufkleber und MAGA-Hüten stieß. Diese Fahrt durch Amerika führte mir auch wieder mal vor Augen, warum ich dieses Land auch nach 22 Jahren noch liebe.