Unterwegs in der Stadt der Engel

Wandmalerei in Downtown LASeit nunmehr 18 Jahren lebe ich in Kalifornien. Um Los Angeles habe ich eigentlich immer einen Bogen gemacht. Manchmal bin ich von LAX nach NUE geflogen und klar, hin und wieder war ich auch zu Interviewterminen in der Stadt, es ging um Gangs, Ausstellungen, Musiker, Geschichte. Doch nach den Terminen bin ich meistens schnell wieder raus aus LA gefahren. Irgendwie hielt mich hier nicht viel. Der Verkehr, die Unübersichtlichkeit der Stadt, mit Los Angeles verband ich bisweilen nur im Stau auf dem 405er zu stehen.

Doch an diesem Wochenende habe ich mal einen Freund besucht, der in Downtown LA wohnt. Fast direkt am „Staples Center“. Und mit ihm war ich im Herzen der Stadt zu Fuß unterwegs. Früher machte jeder um Downtown einen großen Bogen, so herunter gekommen war das Zentrum. Es war dreckig, gefährlich und ständig wurde man von irgendwelchen Gestalten angequatscht.

Kunstobjekt aus alten Stahl- und Metallresten in LA.

Kunstobjekt aus alten Stahl- und Metallresten in LA.

Doch das ändert sich nun langsam. Wir liefen in der Schwüle durch die Gegend, strahlend blauer Himmel, die kalifornische Sonne zeigte ihr schönstes Gesicht. Dazu Cafes, Imbissbuden, Galerien, Buchläden, lokale Modedesigner, die hier ihre Produkte anbieten. Downtown Los Angeles ist im Wandel. Neben den Glasfronten der Hochhäuser, leerstehende Gebäude, die auf neue Mieter warten. Was hier derzeit passiert, sollte beachtet werden. Für Besucher lohnt sich der Weg durch die Häuserschluchten, fernab der Studios, des Getty Museums und Santa Monica. Kunst, Kultur, Vielfältigkeit. Das Zentrum von Los Angeles wird sich in den kommenden Jahren im Sauseschritt verändern. Geld ist genug da, Lofts und sündhaft teure Einkaufstempel werden entstehen. Bis dahin wird hier jedoch viel geboten. Ich bin begeistert und werde Los Angeles bald mal wieder entdecken.

Die Kunst als Opfer

Es ist mal wieder soweit. San Francisco, die Stadt am Golden Gate wird vergoldet. Ende der 90er Jahre erlebten wir hier schon einmal das Ausbluten der Kunst- und Kulturszene. Der High Tech Boom brachte viel Geld, neue Jobs und vor allem astronomische Mieten mit sich. Künstler, Musiker und Kulturschaffende aller Art wurden immer mehr verdrängt. Erst in die Stadtteile am Rande der Metropole, dann über die Bay nach Oakland. Etliche von ihnen zogen sogar ganz weg aus der Region. Viele tauchten wieder in Berlin auf.

Und nun wiederholt sich das ganze. In Downtown San Francisco erlebt man derzeit ein Galeriesterben. Eine nach der anderen Galerie macht dicht. Das liegt nicht am mangelnden Interesse an Kunst. Ganz im Gegenteil, San Francisco ist eine Kunstmetropole. Vielmehr breiten sich die Dot.com Firmen erneut aus, es ist wieder viel Geld im Umlauf, eine neue Blase wird heran gezüchtet. Die Vermieter merken das, denn Büroflächen werden rar in der Stadt. Es ist mittlerweile normal geworden, dass Mieten Jahr für Jahr um bis zu 180 Prozent steigen. Neue Goldgräberzeiten sind angebrochen, da verdienen so einige Hauseigentümer einen erheblichen Rentenzuschlag fürs Nichtstun. Die Internetfirmen können sich die steigenden Mieten leisten, sie vergrößern sich derzeit sogar noch. Für Galerien und Kultureinrichtungen in Downtown ist damit jedoch das Ende angebrochen. Sie können sich solch einen Mietwucher nicht länger leisten und ziehen sich zurück, suchen neue Möglichkeiten, Flächen, Ladenräume.

Doch auch in Stadtteilen, wie dem Mission Distrikt oder Portreo Hill sind die Mieten in der jüngsten Zeit in astronomische Höhen gestiegen. San Francisco verliert erneut im aktuellen Boom ein Stück von dem, was das Leben in dieser beeindruckenden Metropole ausmacht – die kulturelle Vielfalt, ein lebendiges Gemisch aus Hoch- und Subkultur.

Tsunami in der San Francisco Bay

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Das Video zeigt den heutigen Tsunami in der San Francisco Bay. Gefilmt wurde von einem Bürogebäude in Emmeryville, direkt gegenüber vom Golden Gate. Man sieht links oben den Hafen von Oakland, davor die Bay Bridge. Rechts oben Treasure Island und dahinter liegt Downtown San Francisco. Was man auf diesem Video auch schön sehen kann ist links unten der niedrige Wasserstand. Dank Ebbe waren die Schäden an der amerikanischen Westküste gering, als der Tsunami auf das Festland traf.

Ruanda im Aufbruch

KigaliAuch Fußgänger müssen langsamer laufen. Ruanda wird in diesen Tagen umgebaut, ausgebaut, voran getrieben. Quer durchs Land werden Kabel verlegt, Straßen neu geteert, Hotels, Bürogebäude und Kongresszentren aus dem Boden gestampft. Ruanda will nicht nur den Anschluß schaffen, Ruanda will eine führende Nation, eine Wirtschaftsmacht auf dem afrikanischen Kontinent werden. Die Wiederwahl von Paul Kagame bedeutet, Ruanda wird diesen Weg weitere sieben Jahre verfolgen (wollen).

Granatenangriff im Freudentaumel

Nur Stunden nach der offiziellen Bekanntmachung der Wahlergebnisse explodierte in Kigali eine Granate. Um kurz nach 19 Uhr im Berufsverkehr wurde der Sprengsatz gezündet. Eine Granate wurde mitten in wartende Berufspendler an der Hauptbushaltestelle in Downtown Kigali gerollt. Sieben Menschen, darunter zwei Kinder, wurden zum Teil schwer verletzt.

Wer hinter dem Anschlag steht ist unklar und auch das Motiv selbst ist fraglich. Bereits im März und Mai gab es ähnliche Granatenanschläge in Kigali. Die Attentate sind keine gezielten Angriffe gegen die Regierung oder Regierungseinrichtungen, vielmehr richten sie sich wahllos gegen die Bevölkerung. Das einzige Ziel, was man vermuten kann ist, dass Angst und Unsicherheit in der Bevölkerung geschürt werden soll. Allerdings führen solche Explosionen nur dazu, dass die Menschen in Ruanda ein härteres Durchgreifen von Präsident Paul Kagame fordern und unterstützen.

Am Morgen nach dem Anschlag ist alles wieder ruhig in Downtown Kigali. Der Verkehr fließt, die Menschen hasten zur Arbeit. Nur ein paar mit Soldaten beladene Militärlaster deuten auf die erhöhte Sicherheitsstufe in der ruandischen Hauptstadt hin.

Gefangen im Jetzt

Ruanda ist ein faszinierendes Land, aber begreifen tut man hier nichts. Zumindest geht es mir so. Die Bundesrepublik hat vor wenigen Tagen einen ziemlich grossen Scheck an die ruandische Regierung übergeben, was mit dem Geld geschieht, das entscheiden die Ruander selbst. Da will man sich nicht reinreden lassen. Deutschland tritt „beratend“ auf. Und dann hört man, dass derzeit im Zentralkrankenhaus in Kigali, dem größten des Landes, keine Operationen durchgeführt werden können. Der Grund, das Gerät zur Aufbereitung des Sterilgutes ist defekt. Also geht gar nichts mehr und Gelder zur Reparatur oder zur Neuanschaffung liegen nicht vor.

Ruanda sieht sich auf dem Weg in die Zukunft. „2020“ heisst das Losungswort, dann soll die neue Zeitrechnung im Herzen Afrikas beginnen. Downtown Kigali gleicht auf den futuristischen Plänen einem Metropolis mit einer Skyline amerikanischer Bauart und sogar eine Schwebebahn ist eingeplant. Ein irres Bild, wenn man sich heute die Innenstadt ansieht. Man redet hier vom Technologiezentrum, vom Singapur Afrikas. Doch die Kinder in der Schule lernen noch nicht mal am Computer, lediglich den Lehrern stehen die wenigen Rechner zur Verfügung. Man übt an Pappmodellen, macht Computerkurse, doch nach der Abschlussprüfung kennen die Schüler noch nicht einmal den Unterschied zwischen Hardware und Software. Soviel zu „2020“.

gisenyiRuanda steht vor riesigen Problemen. Vor ein paar Tagen stand in der „New Times“, der führenden Tageszeitung des Landes, ein Artikel über ein Treffen von Präsident Paul Kagame mit lokalen Bürgermeistern und Politikern. Er kritisierte, dass nach den letzten Treffen nichts von dem umgesetzt wurde, was besprochen und verabschiedet wurde. Zwischen den Zeilen konnte man lesen, dass die Korruption und die Vetternwirtschaft noch immer ein riesiges Problem für Ruanda sind. Ideen und Pläne existieren für die Zukunft, aber man ist Welten von der Umsetzung entfernt. Und kritisch und öffentlich wird darüber nicht gesprochen. Es gibt in Ruanda keine Pressefreiheit, Demonstrationen und Proteste sind nicht erlaubt, und wenn sie stattfinden, dann sind sie staatlich organisiert. Die Polizei, Militär und Geheimpolizei sind omnipräsent. Jeder Häuserblock hat seinen Blockwart. Von einer funktionierenden Demokratie ist man noch weit entfernt, aber Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel hat den Ruandern beim Besuch vor wenigen Wochen wohlwollend auf die Schultern geklopft: „Weiter so“.

Ruanda ist ein Land im Umbruch. Vor dem Hintergrund einer furchtbaren Geschichte erwächst das hehre Ziel einer führenden Nation, die ganz Afrika mitreissen will. Die Menschen sind fast 16 Jahre nach dem Genozid und zehn Jahre vor dem ausgerufenen Zeitmarker in der Realität gefangen. Wohin der Weg wirklich gehen wird….das vermag hier wohl keiner so genau zu sagen.