Düsseldorf ist überall

Rüdiger Esch beschreibt in Electri_City die Düsseldorfer Musikszene.

Rüdiger Esch über die Düsseldorfer Musikszene.

Wer von der deutschen Musikszene spricht, denkt vor allem an Berlin. Klar, in der Hauptstadt ist viel passiert. Doch viel wichtiger für die internationale Musikszene war Düsseldorf. Was dort in den 70er und Anfang der 80er Jahre im Bereich der elektronischen Musik passierte war einmalig. Keine lokale Musikszene war so prägend, wie diese. Von Los Angeles bis Tokio verneigen sich die Musikfans und -kritiker vor dieser Stadt.

Als ich im Herbst 1996 zum ersten Mal zu KUSF San Francisco ging, um dort meine Sendung anzubieten, schaute ich mir auch in aller Ruhe das riesige Platten und CD Archiv des legendären Collegesenders durch. Und dort fand ich etliches aus Deutschland, hochgeschätzt von den DJs der Freeform Radiostation. Im Rückblick waren es vor allem Düsseldorfer Bands. Ich muß zugeben, damals war mir selbst die Bedeutung Düsseldorfs nicht bewußt. Klar, ich kannte Bands wie Kraftwerk, DAF und auch Die Krupps, aber das große Bild vermochte ich (noch) nicht zu sehen.

Das hat sich über die Jahre geändert. Nach vielen Interviews und Gesprächen mit Musikern, dem Verbinden der Punkte auf der Soundkarte, das Nachlesen, wer wo mit wem gespielt hat führte dazu, dass ich immer neugieriger wurde. Und nun liegt da „Electri_City“ vor mir, das Buch vom Krupps Bassisten Rüdiger Esch geschrieben. Für mich eine Antwort auf viele der noch offenen Fragen. Es ist eine Collage aus Interviews mit Zeitzeugen. Musiker aus der Region erinnern sich, Wegbegleiter berichten, dabei entsteht ein Bild, dass die ganze Dimension dieser elektronischen Musikstadt vor einem entfaltet wird.

Kraftwerk sind sicherlich die wichtigsten Vertreter, sie sind international am bekanntesten. Doch da gibt es so viel mehr zu entdecken, auch heute noch. DAF, Neu!, Klaus Dinger, Michael Rother, La Düsseldorf, Wolfgang Flür…und von all jenen Bands gehen weitere Klangpfade ab: Fehlfarben, Rheingold, Wolfgang Riechmann, Harmonia… Und da ist natürlich auch die unschätzbare Arbeit und Weitsicht von Produzent Conny Plank. Was er damals produzierte war ein Gütesiegel auf der internationalen Bühne. Bands wie Heaven 17, OMD, Depeche Mode, Visage, doch auch David Bowie, Brian Eno und Iggy Pop wurden vom Düsseldorfer Sound inspiriert und beeinflusst. Nur wenige der Düsseldorfer Bands erzielten mit ihrer elektronischen Pionierarbeit große Erfolge. Die hatten andere, gerade jene Bands aus England.

Der Soundtrack zum Buch ist auf Grönland Records erschienen.

Der Soundtrack ist auf Grönland Records erschienen.

Rüdiger Esch „connects the dots“ in „Electri_City“. Ein spannend zu lesendes Buch, das einfach Lust auf eine ausgiebige Plattensuche macht. Einiges habe ich schon hier, anderes konnte ich schon finden, wieder anderes steht auf meiner Liste. Begleitend zum Buch erschien die Compilation beim Herbert Grönemeyer Label „Grönland“. Nicht verwunderlich warum gerade dort, veröffentlicht Grönemeyer doch schon seit Jahren solche musikalischen Perlen von Neu! bis Conny Plank auf seinem Label.

Was Esch hier hervorragend leistet, ist den roten Faden zu finden ohne zu kommentieren. Er läßt einfach die Zeitzeugen sprechen und es so stehen. Einige von ihnen, wie Chrislo Haas, Conny Plank oder auch Klaus Dinger sind schon verstorben. Man wundert sich anfangs, warum die Kraftwerk Gründer Ralf Hütter und Florian Schneider nicht zu Wort kommen. Doch deren Geheimniskrämerei ist Verpflichtung, auch heute noch. Viele aus ihrem Umfeld reden und zeichnen so ein Bild der genialen Protagonisten und Soundtüftler, die doch auf ihrem Weg teils skrupellos vorangingen.

Die Stadt an der Düssel ist der Ursprung der elektronischen Musik. Was heute in New York, San Francisco, London, Tokio produziert wird, geht auf seltsame Weise auf die Klangtüfteleien einiger experimentierfreudiger Musiker in Düsseldorf zurück. „Electri_City“ ist ein Buch für Musikfans und Musikhistoriker. Für all jene, die mehr wissen, die Zusammenhänge erkennen und Musik auch ein stückweit verstehen wollen. Absolut empfehlenswert.

Electri_City – Elektronische Musik aus Düsseldorf

YouTube Preview Image

Collegeradio ist ein Kraftwerk

KraftwerkIch habe hier ja schon viel über Collegeradio in den USA geschwärmt. Die Uniradios sind viel mehr als nur Studentenradio. Sie übernehmen oftmals die Aufgabe des „Community“ Radios, geben Minderheiten und anderen Themen ein Forum. Und sie sind Trendsetter. Viele Bands, die heute legendär sind, wie Nirvana, R.E.M., Metallica uva. haben auf Collegeradio begonnnen.

Ein DJ von KUSF hat mir nun eine Audiofile zugeschickt, die das erneut untermauert. Ende der 70er Jahre interviewte WKSU, der Sender von Kent State University, Ralf Hütter von Kraftwerk. Die Macher von Collegeradio erkannten schon früh, dass Kraftwerk bahnbrechende musikalische Ideen haben. Und die Band hat mit der Kurzversion von „Autobahn“ einen genialen Schachzug gemacht, denn damit war es möglich diesen Song in der normalen Rotation von Radiostationen unterzubringen. Da die Mitglieder der Düsseldorfer Formation sehr selten Rede und Antwort standen und stehen hier das WKSU Interview zum Nachhören.

Kraftwerk auf WKSU     

Das „f…in“ Wort „F…“

„F…“ ist ein Wort, das überhaupt nicht geht. Jedenfalls nicht, wenn man eine Radiosendung in den USA produziert. Da kennen die Amerikaner keinen Spass. Mit „F…“ kann man sich seine Karriere zugrunde richten und dabei auch noch arm werden. Als DJ auf KUSF, dem Collegesender in San Francisco, muss man schon sehr aufpassen. Denn zum einen sendet der Sender im Vergleich zu den kommerziellen Stationen wirklich live und nicht mit 10 Sekunden Verzögerung. Zum anderen unterschreibt man, dass man für eventuelle Bussgelder selbst aufkommt. Und die können bei rund 30.000 Dollar (!) pro Vergehen liegen.

Das ist auch ein Grund, warum ich jede CD, bevor ich sie on-air spiele, genauestens durchhöre. Seltsamerweise finden gerade viele deutsche Bands das „F…“ Wort besonders cool und nutzen es bis zum Abwinken. Deutscher HipHop geht gar nicht, denn die „F…“-Bombe, wie „F…“ hier drüben auch genannt wird, ist da quasi Markenzeichen und isssss jaaaaa soooooo cooooool! Das schlimmste allerdings, was mir je zugeschickt wurde, war eine Compilation von Düsseldorfer Punk Bands. Ich konnte keinen einzigen Song daraus spielen, soviele „F…“s und „S…“s gab es darauf. Ja, „S…“ ist auch ein Bannwort im puritanischen amerikanischen Medienmarkt.

Aber nun zur Bedeutung und Nutzung von „F…“. Hierzu ein kleines Video, es sei allerdings darauf hingewiesen, dass das im amerikanischen Sinne nicht jugendfrei ist. Also „Explicit Adult Language“:

YouTube Preview Image