Amerika und der rechte Rand

Deutschland wundert sich, wie die rechte Terrorzelle NSU jahrelang im Schatten der Gesellschaft operieren konnte. In Amerika ist das ganz normal, hier gibt es rechte Subkulturen und nationale Freiräume, die existieren können, ja sogar existieren dürfen. Um das mit Zahlen auszudrücken braucht man nur auf den Zuwachs sogenannter „Hate Groups“ in den USA zu blicken. Seit dem Jahr 2000 hat sich die Anzahl nahezu auf 1018 verdoppelt. „The Patriot Movement“, ein Zusammenschluß radikaler Milizengruppen in den USA, ist in den letzten drei Jahren um 755 Prozent gestiegen. Von 149 auf über 1200 individuelle Gruppen.

Amerika erlebt am Rande der Gesellschaft eine Radikalisierung ohnegleichen. Angeheizt wird diese Entwicklung durch eine wachsende Besorgnis wirtschaftlicher Not, weitreichende demographische Veränderungen im Land und durch Verschwörungstheorien, die immer öfters als realistisch angesehen werden. Die Wahl von Barack Obama zum ersten schwarzen Präsidenten Amerikas hat noch einmal Wasser auf die Mühlen des rechten Randes gebracht. Seit der Amtseinführung bewaffnen und radikalisieren sich immer mehr Amerikaner im Schatten der Gesellschaft.

Als 2009 das Ministerium für Heimatschutz einen Bericht veröffentlichte, der genau auf die Gefahr dieser Zunahme an rechtsradikalen Gruppen hinwies, kritisierten die Republikaner die Untersuchung und drängten auf eine Rücknahme. In dem Bericht wurde darauf hingewiesen, dass die extreme Rechte die Wahl von Obama als Anlass nehme auf Mitgliederfang zu gehen. Das Ministerium stampfte schließlich das Papier sang- und klanglos ein.

Doch das ändert nichts an der Verschärfung der Situation. Das Attentat im Sikh Tempel von Oak Creek in Wisconsin hat nur noch einmal verdeutlicht, was sich unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit und des Grundrechts auf Waffenbesitz in den USA zusammenbraut. Erlaubt ist, was der Nachbar nicht sieht. Amerika ist ein Land, das wie geschaffen für die Ausbildung von militaristischen Milizen ist. In ländlichen Gegenden von Utah, Nevada, Montana, selbst in Nordkalifornien haben sich Milizen Ausbildungscamps eingerichtet, in denen sie sich für den „Ernstfall“ vorbereiten, für einen Krieg, den in ihren Augen, die verhasste Regierung in Washington gegen die eigene Bevölkerung durchführen wird.

Doch die amerikanische Rechte radikalisiert sich nicht nur im eigenen Land. Ganz gezielt werden rechtsradikale Gruppen im Ausland unterstützt. Vieles was als verbotenes Propagandamaterial in Deutschland im Umlauf ist, wurde in den USA entworfen und gedruckt. Hier kann man ganz legal in Deutschland verbotene Schriften und Materialien erwerben, zum Teil sogar über amazon.com. Amerikanische Hate Groups unterstützen online deutsche Skinhead und Rechtsrockgruppen, verbreiten deren unsägliche Songs und Botschaften. Mit Verlinkungen und Webhosting werden diverse Seiten im Netz gefördert. Und auch die DVU und NPD haben jahrelang immer wieder Finanzspritzen aus den USA erhalten. Die internationale Radikalrechte ist enger verwoben, als man lange annehmen wollte.

Die USA-Connection von NPD und DVU

Als ich vor ein paar Jahren für ein BR-Interview nach Florida flog, um dort etwas über den fränkischen Flugpionier Gustav Weisskopf zu erfahren, hatte ich auch eine sonderbare Begegnung. Im Haus jenes Mannes, den ich über Weisskopf befragte, sass auch der Nachbar, der mich mit den Worten begrüsste, wir seien ja Kollegen. Ich wunderte mich etwas, denn er war schon im betagten Alter und sah so aus, als ob er schon längere Zeit in Florida lebte. Er nahm meinen verdutzten Blick auf und meinte: Ja, er habe auch mal für den Deutschen Rundfunk gearbeitet. Vor etlichen Jahren. Sein Boss sei damals Joseph Goebbels gewesen, doch er „musste“ 1945 „ganz schnell“ aus Deutschland nach Argentinien ausreisen. Von dort ging es dann ein paar Jahre später weiter in die USA. Und dort traf er einige ehemalige Kameraden. Die USA und Florida wurden für viele Alt-Nazis zum neuen Lebensraum.

Auch in San Francisco traf ich ältere Deutsche, die bestimmte braune Gedanken vertraten und mit denen auch nicht hinter den Berg hielten. Einer erklärte mir unumwunden, dass er die Nationalzeitung des DVU-Mannes Frey abonniert habe und er die Partei und auch die NPD von hier aus unterstütze, denn sie verträten die Interessen Deutschlands. Auf Nachfrage fügte er hinzu, dass in den USA und auch hier in Kalifornien viele national gesinnte Deutsche seien, die die „Bewegung“ in Deutschland finanziell und auch organisatorisch förderten.

Damals machte ich mir keine weiteren Gedanken darüber, bis ich nun vor kurzem im Haus eines Bekannten Abzeichen, Bücher und Mitgliedsunterlagen des „Aktionskomitees Oder Neisse“ fand, einer DVU nahen Organisation, die 1962 von Gerhard Frey, Erwin Arlt und Bolko von Richthofen gegründet wurde und aus der die DVU hervorging. Hier in San Francisco gab es eine lokale Untergruppe, die jahrelang Gelder sammelte und sich zu Veranstaltungen traf. Sogar Weihnachtsfeiern wurden organisiert, an denen am Pazifik „Oh Tannenbaum“ und „Ihr Kinderlein kommet“ gesungen wurde.

Weitere Recherchen ergaben bislang wenig. Fest steht allerdings, dass die deutschen Neo-Nazi Gruppen und Rechtsparteien über Jahrzehnte nicht nur von erklärten Nazis, wie der NSDAP-AO aus Lincoln, Nebraska, gefördert wurden. Auch viele deutsche Auswanderer oder „Flüchtlinge“, wie der nette Nachbar aus Florida, haben aktiv und mit erheblichen Geldmitteln am braunen Kampf in der Bundesrepublik teilgenommen.

Einer offenen Frage gehe ich derzeit noch nach, inwieweit diese finanzielle und organisatorische Unterstützung für „braune“ Gruppen in Deutschland noch läuft.