Keine Panik, es kommt nur „etwas“ Strahlung

Am 11. März 2011 bebte vor Japan die Erde. Das Ergebnis ist bekannt, die Nuklerakatastrophe von Fukushima ist nach Tschernobyl die bislang größte. Nicht alleine das 9.0 Beben war ein Schocker, vor allem der anschließende Tsunami hob alles in seinem Weg aus den Angeln und setze das Atomkraftwerk und all seine Sicherheitsvorrichtungen unter Wasser. Das gesamte Ausmaß des Super GAUs ist noch lange nicht bekannt.

Vor einem Jahr trieben erste Boote, Holzlatten, Türen und allerlei Kram vor der amerikanischen Westküste. Schnell erkannte man, dass das nicht einfach Müll war, sondern dass diese Dinge vom Tsunami vor Japan ins Meer gerissen wurden. Ein Jahr trieben sie westwärts, um dann an Stränden in Kalifornien, Oregon und Washington State angespült zu werden.

Und nun heißt es, auch die Strahlung aus dem AKW Fukushima erreiche so langsam die Küste der USA. Aber man solle sich nicht aufregen oder sorgen, die Strahlung sei „niedrig“. Keine Gefahr für Mensch und Umwelt. Das zumindest sagen Wissenschaftler, die aber im nächsten Satz erwähnen, dass sie eigentlich kein Geld für Wassertests haben. Washington zumindest stellt keine Finanzen für zusätliche Untersuchungen in den verschiedenen Küstenregionen bereit. Ist ja alles nicht so schlimm, die Strahlung wird durch das Salzwasser und die große Entfernung bestimmt toootal verdünnt an „Baker Beach“, „Ocean Beach“, „Stinson Beach“ oder „Point Reyes“ ankommen. Keine Gefahr. Das sagten sie ja damals 1986 auch, als die Brennstäbe in Tschernobyl an zu dampfen fingen. Nur Pilze sollte man nicht essen. Und auch keine Waldbeeren. Frischmilch wäre gerade auch nicht so gut. Ach ja, die Kinder sollten auch nicht im Sandkasten spielen, bis der Sand ausgewechselt wird. Das bißchen Strahlung ist doch nicht so schlimm. Alles klar auf der Andrea Doria.

Montagmorgen in San Francisco

Und die Erde bebt. Um 5:33 Uhr gibt es zwei kräftige Rüttler. Ich sitze schon am Schreibtisch, der Jetlag treibt mich aus dem Bett. Von Nordwesten kam die Welle. Das Fundament des Hauses wird durchgeschüttelt, die Holzwände knarzen. Kurze Pause, dann der zweite Rüttler, etwas stärker. Man sitzt da und überlegt sich, ob noch was kommt. Ganz viel geht einem in so einem Moment durch den Kopf. Was ist zu tun, wenn es „The Big One“ ist?

War es aber nicht, nur 4.0, also keine Panik, ganz ruhig das weitermachen, was man vorher getan hat. Ein ganz normaler Montagmorgen in Nordkalifornien.

Es rappelt im Karton

In der San Francisco Bay Area wird man langsam nervös. Dass ein großes Erdbeben kommen wird, ist jedem klar, auch wenn das im Bewußtsein ganz weit nach hinten geschoben wurde. Wer hier lebt, lebt mit den „Earthquakes“. Erdstöße gibt es eigentlich  jeden Tag, nur die meisten spürt man nicht. Doch seit einer Woche wird man wieder verstärkt daran erinnert, wo man lebt. Gleich zwei Erdbeben gab es am letzten Donnerstag, 4,0 und 3,8 auf der Richterskala. Heute morgen um kurz nach halb sechs erneut ein heftiger Rappler mit der Stärke 3,6. Die Hayward Spalte, die unterhalb von Oakland und Berkeley liegt, knapp einen Kilometer von meinem Schreibtisch entfernt, ist in diesen Tagen mehr als aktiv. Mein Haus liegt auf Fels, was bedeutet, man merkt bei einem Erdstoß keine Welle ankommen, sondern erlebt einen kräftigen Rüttler. Da fliegen dann schon mal Bücher aus dem Regal und das gesamte Gebäude wird durchgeschüttelt. Man wartet kurz, ob noch was kommt und macht dann mit dem weiter, was man gerade gemacht hat. Heute morgen eben schlafen, umdrehen und nochmal eindösen. „The big one“ kommt, das ist klar, nur eben wann?

Entwarnung an der Westküste

Erst Japan, dann Hawaii und dann rollte die gewaltige Welle Richtung amerikanischer Westküste. Mit Stunden Vorlauf bereitete man sich in den Küstenregionen von Oregon bis Kalifornien auf die Wasserflut vor. Der Great Highway in San Francisco, direkt am Strand gelegen, wurde vorsichtshalber gesperrt. Die Polizei arbeitete in der Nacht mit Obdachlosenorganisationen zusammen, um die „Homeless“ in der Gegend dazu aufzufordern, ihre Camps am Rande des Golden Gate Parks zu verlassen. Entlang der Küstenregionen von Central Kalifornien bis hoch nach Oregon wurden die Menschen dazu aufgefordert, ihre Häuser zu verlassen.

Die Welle kam, doch zum Glück genau zu der Zeit, als Ebbe am Golden Gate war. Keine größeren Schäden wurden bislang gemeldet.

UPDATE: Aus Crescent City in Nordkalifornien kommt die Meldung, dass rund 35 Boote und einige Landungsstege zerstört wurden. In Santa Cruz, einem beliebten Surfgebiet, waren Surfer sogar trotz Warnungen im Wasser als die Welle kam, um den Tsunami zu reiten. Auch im Hafen von Santa Cruz wurden einige Boote zerstört.

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„Boooooring!“

Das war eines der langweiligsten Live Fernsehereignisse, das ich je erlebt habe. Da sitzt man vor CNN und schaut auf die Wellen vor Hawaii. Und nicht, dass CNN Fernsehkameras vor Ort hat, oder zumindest mal die Kollegen auf der Insel gebeten hat, Live Bilder zu liefern. Nö, da steht einer mit seinem Laptop auf dem Balkon eines Hotels, hat Skype an und funkt diese Funzelbilder via CNN um die Welt. Ich glaube es nicht! Und da sitzt man und schaut sich die Wellen an diesem schönen Badetag an.

Das dachten sich wahrscheinlich auch so einige, die dort leben. Denn es waren etliche Surfer im Wasser. Nach dem Motto „let’s ride this sucker“. Na ja, ist ja gut, dass nichts passiert ist, aber so was im Fernsehen live zu verfolgen beansprucht schon die Nerven. Man könnte das vergleichen mit einer Live-Schaltung ins Nürnberger Einwohnermeldeamt. Spannung pur…

Tsunami Warnung

Chile ErdbebenNach dem verheerenden Erdbeben in Chile, bereitet sich der pazifische Raum auf einen riesigen Tsunami vor. Auf Hawaii laufen bereits Evakuierungen und die Notfallpläne wurden hervorgeholt. Die Menschen wurden aufgefordert niedrigere Regionen zu verlassen. In typischer Hawaii Mentalität ruhig und mit „Aloha“, wie es ein Radiosender verkündete.

Auf Hawaii rechnet man mit einer riesigen bis zu 1,70 Meter hohen Welle. Hier die offizielle Warnung der „National Oceanic and Atmospheric Administration„:

Tsunami Warnung     

In Kalifornien erwartet man eine kleinere Welle, die glücklicherweise genau dann die Küstenregionen treffen wird, wenn Ebbe ansteht.

Hass und Haiti

Pat RobertsonRush Limbaugh ist ein Döskopp und Pat Robertson eine absolute Pappnase. Diese zwei Quatschköpfe haben in dieser Woche wirklich den Vogel abgeschossen. Der verbohrte und extrem nervige Fernsehprediger Robertson hatte das Erdbeben in Haiti damit erklärt, dass die Menschen dort sich dem Voodoo Glauben zugewandt hatten und wer einen Pakt mit dem Teufel eingehe, der brauche sich über die Strafe Gottes nicht zu wundern. Auch eine Erklärung, die sicherlich sehr hilfreich in dieser Situation ist. Wenn Robertson so ein seniler, alter Prediger wäre, der nur nachts, wie so viele andere, die schlaflosen Amerikaner belabert, dann wäre das kein Ding. Doch Pat Robertson hat ein richtiges Fernsehimperium mit seinem „Christian Broadcasting Network“ und seinem „700 Club“ aufgebaut. Und als ehemaliger Präsidentschaftsanwärter hat er grossen Einfluss auf die religiöse Rechte und die Diskussion um Moralvorstellungen in den USA.

Rush LimbaughAber so richtig genervt hat in dieser Woche vor allem Rush Limbaugh, der bekannteste und erfolgreichste Radio Moderator, der Tag für Tag auf rund 500 Stationen die Amerikaner gegen Barack Obama aufpeitscht. Limbaugh ist ein Hassprediger, der in seiner Sendung behauptete, Präsident Obama würde die Katastrophe in Haiti nur für die eigenen politischen Ziele nutzen. Er wolle sich mit seiner schnellen und massiven Hilfe für die Erdbebenopfer nur bei den „leicht farbigen und dunkelhäutigen“ Amerikanern einschmeicheln. Auch wendete er sich gegen jegliche Spenden, denn man „zahle ja über die Einkommenssteuer“ für die Hilfsmassnahmen. Limbaugh ist ein Quasselkaspar, der seinen Hass auf diesen Präsidenten überhaupt nicht versteckt. Das Problem ist, dass dieser selbstverliebte Verbalschläger grossen Einfluss auf die republikanische Partei hat und als Gradmesser der Konservativen im Land gesehen werden muss. Rush Limbaugh kann fast eigenhändig einen Kandidaten ins Amt heben oder ihn total zerstören. An ihm kommt Amerika derzeit nicht vorbei.

„San Francisco is gone“

„Nichts bleibt als die Erinnerung“, das schrieb Jack London nach dem verheerenden Erdbeben vom 18. April 1906. Von der damals „schönsten Stadt der Welt“, wie es viele Reisende beschrieben, blieb kaum was übrig. Drei Tage lang herrschte das totale Chaos, die Erde bebte, eine unvorstellbare Feuersbrunst frass sich durch das Stadtgebiet. Eine unbekannte Zahl von Menschen starb, 250.000 Bewohner der Stadt verloren ihr Zuhause. Alles lag in Schutt und Asche.

San Francisco war im Jahr 1906 die grösste und wichtigste Stadt an der amerikanischen Westküste, das Finanz- und Handelszentrum des Westens. Hier war alles möglich. Gerade mal 60 Jahre alt, entwickelte sich San Francisco im Zuge der Goldgräberära zu einer Stadt der Möglichkeiten. Mehr als 400.000 Menschen lebten in der boomenden Metropole. Das frisch eingeweihte „Ferry Building“ war eines der geschäftigsten Hafengebäude der Welt.

San Francisco verglich sich damals nicht mit New York, sondern wollte das Paris Amerikas werden, wie es Herbert Ashbury in seinem Buch „The Barbary Coast“ beschrieb. Es war eine internationale Stadt mit etlichen Tageszeitungen und vielen fremdsprachigen Publikationen, darunter auch die deutsche „California Staatszeitung“.

Und alles kam in den frühen Morgenstunden des 18. Aprils zu einem jähen Ende. Noch heute erinnert man sich an „the big one“. Im Gedenken, ja. Aber auch daran, dass San Francisco wieder aufgebaut wurde und zu seiner einstigen Pracht zurück fand. Hier ist man stolz auf diesen Pioniergeist, der nichts unmöglich erscheinen lässt. Selbst ein Erdbeben der Superlative, wie es das am 18. April 1906 war und wie es hier erneut erwartet wird, vertreibt niemanden aus dieser „schönsten Stadt der Welt“.

Ein Stück Geschichte ist zu Ende

Herbert Hamrol ist tot. Im Alter von 106 Jahren verstarb er am Mittwoch in einem Krankenhaus südlich von San Francisco. Hamrol war der letzte Überlebende des 1906er Erdbebens, das San Francisco dem Erdboden gleich machte. Er konnte sich noch daran erinnern, wie seine Mutter ihn an diesem Schicksalstag in Sicherheit brachte.

Bis ins hohe Alter rauchte er Zigarren und erklärte jedem, der es hören wollte, sein Geheimnis für ein langes Leben seien „wilde Frauen und guter Alkohol“. Nachdem er 1967 (da war ich noch nicht mal geboren) in Rente ging, nahm er einen neuen Job in einer Supermarktkette an und füllte dort bis letzen Monat zweimal die Woche die Regale auf.

Am jüngsten Jahrestag des Erdbebens, dem 18. April, war er der letzte Überlebende, der in den frühen Morgenstunden in Downtown San Francisco an der jährlichen Gedenkveranstaltung teilnahm. Seine Freunde kannten ihn als jemanden, der keiner Party aus dem Weg ging. Von daher wunderte es niemanden, als er waehrend der Zeremonie erklärte: „Man bekommt nicht jeden Tag ein Erdbeben. Also feiern wir das, was wir hatten. Es war ein wunderschönes Beben, wenn man das mal anders betrachtet“.