Interview mit Afghanistan Korrespondent

Christoph ReuterChristoph Reuter ist Korrespondent für den Stern in Afghanistan. Als einziger deutscher Journalist lebt er in Kabul und berichtet von dort über die Entwicklungen in Afghanistan, die Sicherheitslage, den Wiederaufbau und die Probleme im Land.

Ich habe Christoph telefonisch in Kabul erreicht und ihn zum Wahltag und den Folgen befragt:

Christoph Reuter     

Interview mit dem Wehrbeauftragten

Reinhold Robbe ist seit 2005 der Wehrbeauftragte des Bundestages. Er ist der Fürsprecher der Soldaten, für die er immer ein offenes Ohr hat. Ihre Probleme, ihre Anliegen und ihre Situation in den Kasernen, aber vor allem in den Einsatzorten in Afghanistan, Bosnien und vor der Küste Somalias sind sein Tagesgeschäft.

Vor wenigen Tagen kam Reinhold Robbe von seinem jüngsten Besuch bei den Truppen im Norden Afghanistans zurück. Heute früh erreichte ich ihn per Telefon in seinem Berliner Büro:

Interview mit Reinhold Robbe     

Irak liegt in Südkalifornien

…na nicht ganz, aber Fort Irwin. Das ist das Ausbildungslager der amerikanischen Streitkräfte für den Irakkrieg. Hier wurde sogar ein Dorf nachgebaut, um die Truppen besser für den Einsatz ausbilden zu können. Und hierher hat das Pressebüro des State Departments ein paar „Foreign Correspondents“ eingeladen, um sich von der Ausbildung ein eigenes Bild machen zu können.

Natürlich dachte ich, dass das ganz interessant sein könnte und nahm die Einladung gerne an. Nach sieben Stunden Autofahrt, quer durchs Central Valley (öde), vorbei an Bakersfield (was für eine potthässliche Stadt) kommt man in die Mojave Wüste und die ist wunder-, wunderschön. Bei mir ging gerade die Sonne unter, der Himmel ganz rosa gefärbt, ein toller Anblick. Und schliesslich erreichte ich das Tor der Kaserne, irgendwo in der Mitte von nirgendwo. Und gleich dort zog mich erstmal die Militärpolizei raus und checkte meinen Wagen, kontrollierte die Papiere. Als ich da so im Auto sass spazierte in aller Ruhe ein Koyote vorbei, blieb stehen, und blickte ganz locker mal rüber.

Morgen geht es dann mit dem Training los. Ich bin gespannt und werde davon an dieser Stelle in Wort, Ton und Bild berichten. Heute Nacht bin ich in einem Hotel in der Kaserne untergebracht, morgen könnte Zelten anstehen, mal sehen, was das gibt…zumindest ist es hier nicht ganz so kalt draussen, wie es in Afghanistan war.

Der leere Blick von Kunduz

Hund auf dem Rollfeld in KunduzAfghanistan ist ein wunderschönes Land. Es wäre das Traumziel eines jeden Wanderers und Rucksacktouristen, wenn sich die Sicherheitslage nur ändern würde. Das, was ich aus dem sicheren gepanzerten Fahrzeug sehen konnte, beeindruckte mich zutiefst. Landstriche, die wie gemalt da lagen. Eine Kultur, die mir vollkommen unbekannt und fremd war, aber auch eine Armut, die kaum in Worte zu fassen ist.

Was mich jedoch am meisten berührte waren die Hunde am Flughafen von Kunduz. Ganz lethargisch lagen sie da, bewegten sich kaum, auch nicht, als die riesige und lautstarke Transall heranrollte. Einer humpelte davon, so, als ob ihm etwas in der Pfote steckte. Doch niemand kümmerte sich darum. Es war ein sehr, sehr trauriges Bild. Das Flughafengebäude, die zurück gelassenen und ausgeschlachteten sowjetischen Hubschrauber und Panzer. Eingestürzte Gebäude und dazwischen diese Vierbeiner, die nach etwas zum Fressen suchten oder zumindest darauf hofften. Als ich da so am Rande des Rollfeldes stand und auf mein Flugzeug wartete, das an diesem Montag nicht kommen sollte, dachte ich mir, warum wird den Hunden, den Tieren hier in dieser Region nicht geholfen. 100 Milliarden Dollar wurden bereits für den Wiederaufbau in den Norden Afghanistans gepumpt. Die Hälfte davon, so heisst es, versickerte irgendwo. Nach wie vor sind weit über eine Million Menschen in dieser Gegend von Nahrungsmittelhilfen abhängig. Korruption ist überall anzutreffen. So verdient ein Polizist schlappe 70 Dollar im Monat. Eupol zahlt der Grenzpolizei für 30 Matratzen, Decken und Kissen sage und schreibe 1050 Dollar. Wo ist da die Relation?

BW-Warnung vor HundenMan bräuchte nicht viel Geld, um etwas für die Tiere im Land zu tun. Halten Sie mich für verrückt, aber ich glaube daran, dass man hier einfach und direkt helfen könnte. Es kann nicht angehen, dass streunende Hunde die Reste von Selbstmordattentätern verspeisen, weil sie sonst nichts zu fressen haben. Es ist ein brutaler Alltag hier zu leben. Ja, ich habe selber einen Hund und ja, ich weiss, in Ländern wie Afghanistan werden Tiere ganz anders behandelt und gesehen, als in unseren Regionen. Aber ist das ein Grund wegzuschauen?

Ungleiche Gegner, ungleiche Mittel

Mazar-e Sharif ist eine pulsierende Stadt. Der Verkehr ist chaotisch, alles wuselt durcheinander, Autos und Tuck-Tucks – Motorräder mit einer Passagierkabine – knattern vorbei ohne jeglichen Ansatz von Ordnung. Wenn es auf der verschneiten Strasse nicht weiter geht, wird auch schon mal auf den Bürgersteig ausgewichen. Der Wintereinbruch scheint hier nicht viel auszumachen. Manche laufen noch in normalen Klamotten herum, nur die wenigsten sind dick vermummelt. Kinder spielen auf den Strassen, bekleidet mit leichten Schuhen, zumeist ohne Socken. Die Blaue Moschee liegt im Zentrum, ein stolzes Gotteshaus inmitten einer Parkanlage. An den Zugängen ist bewaffnete Polizei positioniert, die aber kaum die Vorbeieilenden ins Auge fassen. Ausblick
Gerne wäre ich noch etwas länger durch die Stadt gelaufen, doch zu mehr als einem kurzen Spaziergang in eine Einkaufsstrasse langte es nicht. Wir mussten vor Einbruch der Dunkelheit zurück ins Lager.
Die Pressebetreuer der Bundeswehr hatten für mich ein sehr enges und interessantes Programm zusammen gestellt, waren rund um die Uhr ansprechbar. Damit hatte ich nun gar nicht gerechnet und so etwas in all den Jahren meiner hauptberuflichen journalistischen Arbeit auch noch nicht erlebt. Ich hatte den Eindruck, dass man soweit wie möglich mit offenen Karten spielt. Neben Interviews mit Lagerkommandanten, Vertreter von Radio Andernach, dem BW-Krankenhaus, der Militärpolizei, dem zivilen Aufbauteam standen auch Soldaten Rede und Antwort. Mir ging es bei dieser Reise um einen Einblick in die Arbeit der Bundeswehr in Afghanistan, was die Deutschen dort am Hindukusch machen, und der wurde mir auf breiter Ebene gewährt.
Am Abend kam man in den Betreuungseinrichtungen ins Gespräch und natürlich wurden da auch kritische Stimmen lauter. Eines wurde immer wieder und von ganz verschiedener Seite erklärt. Der Einsatz in Afghanistan ist ein langfristiger. Deutschland wird noch lange Jahre im Land sein. Und, das wurde auch mehrmals unterstrichen, wenn man das Ziel des ISAF-Auftrags erreichen möchte, dann müsste man die Kräfte im Bereich der Bundeswehr und Polizei ausbauen. Was jetzt vor Ort sei, kann nur als Anfang gesehen werden. Doch ohne eine personelle Aufstockung würden die Sicherheits- und Aufbauziele, gerade bei der Polizei, Infrastruktur, Gesundheit und Bildung, nicht realisiert werden können. Diese Einschätzung kommt von jenen, die den Überblick haben, die täglich mit Afghanen im Kontakt sind, die sehen, was gebraucht und was geboten wird.
Flugfeld Mazer-e Sharif Werden diese Stimmen gehört, wird sich etwas ändern? Wohl eher nicht, darüber ist man sich auch bei den Truppen im klaren. Der Afghanistan Einsatz ist ein Einsatz, der nicht so einfach zu beschreiben ist. Der in Mazar-e Sharif anders ist als in Kunduz. Im deutschen Hauptlager geht es um eine Stabilisierung des Landes, um die Organisierung des ISAF Kontingents. 40 Prozent der Aufklärungsluftbilder über Afghanistan stammen von deutschen Tornados, die in Mazar-e Sharif stationiert sind. Rund den selben Anteil haben die Deutschen an den Transportflügen für das Gesamtkontingent der ISAF-Truppen am Hindukusch. In Kunduz hingegen herrscht Krieg. Alles andere ist Augenwischerei. Der Gegner ist klar, das Ziel der rund 130 Talibankämpfer in der Gegend auch. Sie greifen gezielt Bundeswehrangehörige und afghanische Polizei an. Mit Raketenbeschuss, Selbstmordanschlägen und ferngezündeten Sprengsätzen. Bislang machte man auch vor zivilen Opfern keinen Halt, doch mittlerweile hat sich die Strategie der Taliban-Terroristen geändert. Wie es heisst, wurden sogar Flugblätter verteilt, in denen Schwarz auf Weiss steht, man werde fortan nur noch die Deutschen und die afghanische Polizei zum Ziel haben. Das Problem bei all dem ist, dass man im Bundeswehrlager – Bundesnachrichtendienst, Militärische Aufklärung und Feldaufklärung sind vor Ort – genau weiss, wer der Gegner ist. Doch die internationalen Verträge lassen es nicht zu, dass man von Seiten der Bundeswehr direkt zugreift. Man ist auf die Unterstützung und Kooperation der afghanischen Armee und Polizei angewiesen. Und gerade letztere, die am Ende den Zugriff durchführt, gilt nach wie vor als äusserst korrupt. Ein Polizeibeamter verdient lediglich 70 Dollar im Monat, Hinweise auf bevorstehende Einsätze entlohnen die Taliban gut. Was das bedeutet ist klar, verdeckte Zugriffe sind nur schwer möglich. Die Bundeswehr steht also vor einem Problem. Man hat die Informationen aus der eigenen Aufklärung, darf aber nicht so handeln wie man wollte und auch sollte. Stattdessen ist man im Lager Kunduz ständig auf weitere Raketenangriffe und Anschläge gefasst. Ein Zustand, der so, gerade für die Soldaten im Einsatz, unhaltbar ist.

Besuch am Hindukusch – Reise in ein unbekanntes Land

Welcome to TermezEine für mich einmalige Reise! So kann ich zumindest den Versuch starten, das in Worte zu fassen, was ich in diesen paar Tagen erlebt habe. Mit einer Idee fing alles an, als im amerikanischen Wahlkampf immer wieder aufs Neue davon geredet wurde, die NATO Partner im Afghanistan Einsatz müssten mehr eingebunden werden. Amerika klotzt und die Verbündeten zögern, hiess es immer wieder. Klar wurde dabei, die amerikanische und auch kanadische Öffentlichkeit weiss so gut wie nichts davon, dass Deutschland in Afghanistan präsent ist, mit derzeit 3500 Soldaten und Soldatinnen, das drittstärkste Kontingent stellt und im Norden einen Weg geht, der durchaus empfehlens- und auch nachahmungswert ist – nämlich Partnerschaft und Kooperation.

Mit dieser Idee und meiner Möglichkeit durch Radio Goethe vor allem junge Hörer in Nordamerika zu erreichen, wollte ich mir den Einsatz der deutschen Soldaten mal selbst ansehen. Über das Auswärtige Amt kam ich mit dem Verteidigungsministerium in Verbindung und nach etwas hin und her stand der Termin. Eine Woche Afghanistan, zu den Einsatzorten Mazar-e Sharif und Kunduz. Und was ich in diesen paar Tagen sehen konnte, war vielfältig, war neu, war alles hoch interessant. Schon die Anreise über Termez in Usbekistan. Man kommt am Abend mit einem Airbus aus Köln auf einem Flugfeld an, bleibt dort über Nacht, untergebracht in Zelten, und fliegt am Tag darauf mit einer Transall weiter nach Mazar-e Sharif in Afghanistan. Zwanzig Minuten Flug, etwas steil geht es dann runter. Eine riesige Anlage haben sich die Deutschen da aufgebaut. Auch andere Truppen der ISAF sind im Lager zu sehen. Kroaten, Schweden, Norweger, Amerikaner, Engländer, Ungarn, Franzosen…

Für alles ist gesorgt, eine kleine Stadt neben der eigentlichen Stadt wurde aufgebaut, denn der Grossteil der Soldaten, darf im viermonatigen Einsatz, die Kaserne überhaupt nicht verlassen. Nur jene Kräfte, die dienstlich raus müssen, können raus. Die meisten der Deutschen werden von Afghanistan keine grossen Eindrücke mit nach Hause nehmen.

Am ersten Tag fuhr ich mit ein paar Journalisten Kollegen im Taxi in die Stadt Mazar-e Sharif, um die “Blaue Moschee” zu besuchen, DIE Sehenswürdigkeit in der Gegend. Das Glaubenshaus lag unter einer dicken Schneedecke. Noch kurz eine Einkaufsstrasse gesehen und schon ging es vor Einbruch der Dunkelheit zurück. Auf der verschneiten Strasse blockierten plötzlich mehrere Autos die Fahrbahn, sofort kamen einem alle Horrogeschichten hoch, die man in den letzten Wochen und Monaten gehört hatte. Doch es war nur ein liegengebliebenes Fahrzeug, nichts besonderes, etwas ganz normales bei den Strassenverhältnissen. Allerdings merkten wir, dass wir in Afghanistan angekommen waren, die innere Spannung hatte sich aufgebaut.

Im Lager ist man in Containerbarracken untergebracht. Nicht komfortabel, aber weitaus besser als in Zelten. Alle, bis auf die Ausnahme der Lagerleitung, aber auch höhere Dienstgrade, sind zu dritt auf den kleinen Zimmern untergebracht. Es besteht keine Privatsphäre, nicht beim Schlafen, nicht beim Duschen, nicht auf den Toiletten. Und auch die Büros sind gut besetzt. Gearbeitet wird sieben Tage die Woche, nur am Freitagmorgen hat man frei. Vier Monate lang ohne mal alleine zu sein zehrt. Klar, sagt jetzt der eine oder andere, die Soldaten haben gewusst, auf was sie sich da einlassen. Ich stimme Ihnen zu, allerdings sollte man die Diskussion über den Einsatz in Afghanistan nicht auf der Basis führen, ob ein finanzieller Zuschlag von derzeit 92 Euro pro Tag und Kopf gewährleistet sei und, ob zwei Dosen Bier für die Soldaten pro Tag gerechtfertigt ist. Ich habe in meiner Zeit dort keinen einzigen betrunkenen und/oder aggressiven Soldaten gesehen und habe vielmehr vollen Respekt davor bekommen, was die Angehörigen der Bundeswehr dort machen. Journalisten werden dort durchgeschleust, jeden Tag. Und dennoch waren alle freundlich, stets hilfsbereit und offen, von ihrer Arbeit und den Eindrücken zu berichten.

Am zweiten Tag in Mazar-e Sharif gingen wir auf eine Patrouille, die uns in ein kleines Dorf führen sollte. Mit drei “Dingos” ging es los, schwergewichtige und gepanzerte Fahrzeuge, die problemlos die Winterlandschaft durchquerten. Am Rande der kleinen Ansiedlung wurde angehalten, Splitterwesten angelegt und der Kommandoführer mit ein paar Soldaten (und drei Pressevertretern im Schlepptau) liefen auf eines der Häuser zu. Draussen positionierten sich mehrere Soldaten. Wir wurden ins Haus eingeladen, sassen auf dem Boden und hörten zu, was der “Malek”, der Bürgermeister des Dorfes, zu berichten hatte. Er sprach von Projekten, die bereits mit Hilfe der Deutschen angegangen wurden, was noch ansteht, aber auch, dass er nun ein “Hadschi” sei, ein Gläubiger, der gerade von seiner Reise nach Mekka zurück gekehrt war. Und auch meine Fragen beantworteten die Afghanen geduldig. Mich interessierte vor allem, wie sie es empfinden, dass die Deutschen hier im Raum mit Splitterwesten und zum Teil bewaffnet sitzen und gleichzeitig über Möglichkeiten der Winterhilfe sprechen, Kinderkleidung und Holz für das Dach der Moschee besorgen wollen. Ich weiss nicht, ob die Männer im Raum anders geantwortet hätten, wenn die Bundeswehrangehörigen nicht dabei gewesen wären, aber sie erklärten, dass Deutschland und Afghanistan schon sehr lange eine enge Beziehung verbinde. Und sie verständen gut, dass man sich in diesen Zeiten schützen müsse, also mache es ihnen nichts aus, dass bewaffnete Soldaten im Zimmer seien. Einer der Alten griff bei diesen Ausführungen des Bürgermeisters, die Splitterbrille des Truppführers und setzte sie auf. Alle mussten bei diesem Anblick lachen, eine sehr lockere und entspannte Atmosphäre herrschte im Zimmer. Tee und Brot, Plätzchen, Nüsse und Süsses wurde gereicht.

Nach einer halben Stunde ging es wieder los. Draussen warteten zahlreiche Kinder, die uns mit den Alten verabschiedeten. Die Kleinen trugen Jacken mit dem ISAF Logo, ein Zeichen dafür, dass einiges der Hilfe ankommt. Auch wenn mir im Laufe der Reise mehrere Gesprächspartner erklärten, dass in diese Region bereits mehr als 100 Milliarden Dollar geflossen seien, doch nach wie vor rund 1,2 Millionen Afghanen von direkter Nahrungsmittelhilfe abhängig sind. Der letzte kalte und schneereiche Winter hatte zu starken Ernteausfällen geführt, was zur Folge hat, dass in diesen Wochen die deutschen Patrouillen den Kontakt zu lokalen Bürgermeistern suchen, um herauszufinden, was gebraucht wird. Ganz direkt, ganz unkompliziert.