Ein Album der rauen Zärtlichkeit

Vor kurzem habe ich eine Kassette mit dem Mitschnitt meiner ersten Radio Goethe Sendung gefunden. Das war vor fast 24 Jahren an einem Samstagmorgen auf KUSF 90,3 fm San Francisco. Was ich damals spielte war so ganz anders als das, was ich heute in meiner Sendung präsentiere. Damals war ich Ende 20, heute bin ich Anfang 50. Die Zeit, ich weiß… Wenn ich diese Playlisten von 1996 mit denen von 2020 vergleiche, dann hat sich viel verändert, obwohl der Grundsatz von Radio Goethe der gleiche geblieben ist, Musik aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zu spielen. Doch irgendwie haben sich da Grenzen verschoben.

Das liegt vor allem an einigen Musikerinnen und Musikern, die mir durch ihre Musik ganz neue Klangwelten eröffnet, meine Hörgewohnheiten und Hörerfahrungen verändert, ja, verschoben haben. Dazu zähle ich die Amerikanerin und Wahl-Berlinerin Danielle de Picciotto genauso wie den Bassisten der Einstürzenden Neubauten, Alexander Hacke. Ihr jüngstes gemeinsames Album heißt “The Current”, das durchaus aktuelle Themen aufgreift, die uns alles betreffen – “All men are created equal” – eine Tatsache, die nur zu oft übersehen wird, die nicht beachtet, der Grund für Hass, Neid, Gewalt ist.

Es ist keine Platte im Vorbeigehen, nichts für nebenbei zu hören. “The Current” ist vielmehr ein Album zum Hinhören. Man braucht Zeit, um den beiden auf ihrer Exkursion in die Weite und die Tiefe zu folgen. Spoken Word neben langen, komplexen Soundlandschaften. Es entsteht ein reiches Klangbild, das so ganz anders, doch so vielschichtig und farbenfroh ist. Manchmal vertraut, manchmal nachdenklich, manchmal bedrohlich. Danielle de Picciotto und Alexander Hacke ergänzen sich mit ihren Erfahrungen, ihren Geschichten, ihren musikalischen Ideen nahezu perfekt. Das wird ganz deutlich, wenn man die beiden live erleben kann. Hier die zart wirkende und tief in sich versunkene de Picciotto, die auf Violine, Drehleier und Kastenzither unglaubliche Vorgaben gibt, die dann von dem eher rau wirkenden Hacke, der durchaus auch gerne mal die Sau rauslässt, aufgenommen, ergänzt und zurückgespielt werden. “The Current” ist so ein wunderbares Zusammenspiel der beiden geworden, voller Ecken, Kanten und Tiefen. Ein Album zum Genießen.

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Megalomaniac, Deutschland, Redukt….und dann noch Cheri Cheri Lady

2020 wird ein Konzertjahrt. Da freut man sich als langjähriger Moderator einer Radiosendung, in der nur Musik aus deutsch(sprachig)en Ländern gespielt wird. Die Schweiz kam ursprünglich wegen den Elektroklängen von Yello und Österreich wegen dem abstrusen Rocktheater von Drahdiwaberl mit dazu. In 24 Jahren konnte ich hier einige Bands aus meinen Playlisten live rleben.

Im Jahr 2020 geben sich gleich drei große Namen aus der deutschen Musikszene die sprichwörtliche Klinke in die Hand. Und das sind nicht irgendwelche Bands, das sind die Großen ihres Genres, die in den USA eine riesige Fangemeinschaft hinter sich haben. Im Juli werden KMFDM aufpielen, sie touren mit Ministry und Front Line Assembly einmal quer durchs Land. Wer die Band nicht kennt, hat etwas verpasst, denn KMFDM ballern seit 35 Jahren ihren ultimativen und kompromisslosen Beat unter die Fans. Live sind sie grandios. Sie gelten als Pioniere des harten Metal-Industrial Sounds. Ein absolutes Muss.

Kurz darauf dann sind Rammstein an der Reihe. Sie haben zum ersten Mal eine Stadiontour ausgerufen, die sie in acht US Städte, nach Montreal und Mexiko City bringen wird. Und zwischen den Terminen sind noch weitere offene Tage, die zu Folgekonzerten führen könnten. Der Hype online ist riesig für die „German Boygroup“, wie sie mir mal von einem weiblichen Fan beschrieben wurden. Und Rammstein live, ein wahres Freudenfest. Was sie auf ihrer Europatournee gezeigt haben, läßt Spannung auf dieser Seite des Atlantiks aufkommen.

Im Oktober dann treten die Einstürzenden Neubauten mit einer neuen Platte im Gepäck die Reise nach Übersee an. Sie haben „The Year Of The Cat“ ausgerufen und zehn Konzerte einmal quer durchs Land gebucht. Es beginnt in Los Angeles und endet in Philadelphia. Die Neubauten sind zweifellos eine der wichtigsten deutschen Bands, denn sie haben mit Klangexperimenten und Klangideen durchaus die Grenzen der Hörgewohnheiten verschoben.

Neben diesen drei kommen noch einige weitere deutsche Gruppen in die USA. Da ist vor allem die SXSW in Austin Texas, alljährlich fördert da die Initiative Musik Auftritte von deutschen Bands, Musikern und Musikerinnen. Das ganze ist als Einstieg in den US Markt gedacht. Etliche der Teilnehmer zieht es nach den Auftritten in Austin noch für weitere Konzerte in den Westen der USA.

Und dann gibt es da auch so seltsame Auftritte, die eigentlich kein Mensch braucht. Denke ich mir zumindest, aber ja, Geschmack ist immer so eine Sache. Ich glaube, wenn David Hasselhoff in Deutschland Erfolg haben kann, dann sollte das auch für Thomas Anders in den USA möglich sein. Zumindest kann ich von mir behaupten, dass in fast 24 Jahren mit Radio Goethe kein einziges Mal Modern Talking in meiner Sendung lief. Das ist doch schon mal was. Aber noch besser, ich bekam auch kein einziges Mal einen Hörerwunsch dahingehend. Da lobe ich mir meine Hörerinnen und Hörer. Na, Modern Talking kommen ja nicht ganz, nur Thomas Anders, der damals mit seiner riesigen Nora Kette um den Hals „Cheri Cheri Lady“ trällerte. Und als Unterstützung bringt er Sandra mit. Gleich sieben Konzerte sind geplant: San Jose, 2x Burbank, Chicago, Elizabeth, NJ, New York und Boston.

Ich hätte auch nie gedacht, dass ich mal in einen Beitrag KMFDM, Rammstein, Einstürzende Neubauten, Modern Talking und Sandra unterbringen kann. Wahrlich verrückte Zeiten. Es steht einiges an Konzerten in diesem Jahr an. Das nächste kommt schon in dieser Woche für mich. Laurie Anderson spielt mit Mike Patton (Faith No More) im SF Jazz Center. Und dieses Zusammenspiel kann ich mir einfach nicht entgehen lassen.

Die Einstürzenden Neubauten im Deutschlandjahr

Der Name ist kein Sinnbild für die deutsch-amerikanischen Beziehungen – Einstürzende Neubauten. Deutschland und die USA verbindet vielmehr sehr viel. Historisch, kulturell, politisch. Da kann kein Präsident etwas daran ändern. Und doch, manchmal ist es notwendig, auf die engen Beziehungen, die Verbindungen, die Partnerschaft hinzuweisen.

Genau das passiert zur Zeit in den USA. Davon bekommen die meisten Deutschen gar nichts mit. Das Auswärtige Amt hat das sogenannte „Deutschlandjahr“ in den Vereinigten Staaten ausgerufen. Unter dem Slogan „Wunderbar Together“ werden Projekte realisiert, die die Nähe und die tiefe Verbundenheit beider Länder darstellen sollen.

Als jemand, der sich seit 23 Jahren – vielleicht etwas eigenwillig – mit der kulturellen Arbeit im Ausland beschäftigt, beteilige ich mich natürlich auch und sehr gerne an diesem Jahr. Klar, bei mir geht es um Musik. Musikthemen, die Deutschland und die USA verbinden. Von Jahrhundertliedern wie „Lili Marleen“ und die „Moorsoldaten“, über Rammstein, Bear Family Records und AFN Radio bis hin zur Geschichte der Einstürzenden Neubauten, der neuesten Ausgabe in dieser Serie. Dafür habe ich ausführlich mit Alexander Hacke und Danielle de Picciotto gesprochen. Zwei weitere Sendungen kommen auf alle Fälle noch hinzu, Kraftwerk und die Musik der Einwanderer aus den deutschsprachigen Ländern und ihr Einfluss auf die amerikanische Musik.

Die Einstürzenden Neubauten haben die Musikgrenzen verschoben. Ihr Ansatz, Musik ganz neu zu definieren, machte sie schon früh in ihrer Karriere in den USA zu ganz besonderen Live-Gästen. Blixa Bargeld erzählte mir einmal, dass sie ihre Tourneen meist in San Francisco anfingen. Am Flughafen teilte sich die Band auf. Ein Teil übernahm die Koffer und das Einchecken im Hotel. Der andere Teil machte sich gleich auf den Weg, um auf einem Schrottplatz die passenden Schlagwerkzeuge für die schrill-schräg-schönen Konzerte der Band zu finden. Die Neubauten sind seit 40 Jahren unterwegs und mittlerweile in den Hochkulturtempeln, wie der neuen Philharmonie in Hamburg angekommen. Oftmals haben sie die Hörgewohnheiten ihres Publikums getestet, doch, wer sich auf die Band und ihre Soundideen einlässt, der wird, so finde ich, reich belohnt. Auch den musikalischen Weg versuche ich in dieser „Wunderbar Together“ Ausgabe über die Einstürzenden Neubauten nachzuzeichnen. Von den Anfangsjahren bis hin zur aktuellen Soundwelt. Einfach mal reinhören!

Die transatlantische Federzeichnung

Alexander Hacke sass im vergangenen Dezember in meiner Küche hier in Oakland und erzählte mir von seiner Zusammenarbeit mit David Eugene Edwards. Ich war von dieser Aussicht mehr als begeistert, denn Alexander Hacke ist nicht nur ein wichtiger Teil der Einstürzenden Neubauten, er hat darüberhinaus über die Jahrzehnte unglaubliche Klangkreationen als Solokünstler und gemeinsam mit seiner Frau Danielle de Picciotto entstehen lassen. Dazu hat er zahlreiche andere Bands und Musiker produziert und beeinflusst. Ich war gespannt wie der sprichwörtliche Flitzebogen auf diese deutsch-amerikanische Kollaboration.

Nun liegt das Ergebnis dieser ungewöhnlichen Musikerpartnerschaft mit David Eugene Edwards vor, einem Musiker, dem ich ebenfalls schon sehr lange musikalisch folge. Seine Americana-Veröffentlichungen mit 16 Horsepower, danach Wovenhand und mehrere Nebenprojekte ließen mich jedesmal aufhorchen. In den zehn Jahren, in denen ich die Country/Folk/Americana Sendung auf der Lufthansa produzieren und moderieren durfte, war David zig mal mit seiner Musik in meiner Playlist vertreten. Seine mystisch, philosophisch-religiösen Texte bereiteten meinem Redakteur in Berlin immer wieder Kopfschmerzen, denn er musste alles vor Abnahme durchhören, ob sich da nicht irgendeine geheime Botschaft versteckte, die einen Fluggast über den Wolken zum Ausrasten bringen könnte. 16 Horsepowers „American Wheeze“ ist noch immer für mich einer meiner Lieblingssongs.

Und nun kommen Alexander und David für „Risha“ (Arabisch für Feder) zusammen und es ist alles andere als ein federleichtes Unterfangen. Hier treffen musikalische Welten und Biographien aufeinander, die sich dennoch auf wundersame Weise vereinen. Hier die geschwungene Klangwelt zwischen Industrial und Ambient von Hacke, die auf diesen tiefdüsteren, teils kratzigen Gothic-Americana Sound von Edwards trifft. Und dazu jene Texte, für die der Mann aus Colorado bekannt ist. Seine besondere Mikrofonarbeit ergänzt sich perfekt mit dem Droneteppich des Berliner Tonkünstlers.

Die Zusammenarbeit erfolgte, so erzählte es mir Alexander Hacke, nicht einfach so an einem Ort, in einem Studio, zu einem Zeitpunkt. Seit langem sind die beiden befreundet und tauschten sich immer wieder aus. So auch diesmal, Files wurden hin und her geschickt. Alexander, der mit seiner privaten und künstlerischen Lebenspartnerin Danielle de Picciotto die Welt bereist – beide verstehen sich als „Gypsies“ – arbeitete von unterwegs. Bei David Eugene Edwards, der in Colorado lebt, aber in Europa mehr erfolgreich ist, war es nicht viel anders. „Risha“ ist ein Album unterwegs, „on the road“ geworden, irgendwie hört man das auch. Offen für Eindrücke, Erfahrungen, Einflüsse. Es ist diese Bewegung, dieser Fluss, dieses niemals Ankommen, der Weg ist das Ziel, was hier durchschlägt. In den zehn Songs überschreiten die beiden Musiker problemlos unzählige Genres, lassen sich nicht einengen, bieten den Hörern vielmehr eine grenzenlos-klangvolle Weltsicht.

„Risha“ ist genau das, was ich im Dezember in meiner Küche erhofft hatte. Eine wunderbare Zusammenarbeit und Ergänzung von zwei von mir sehr geschätzten Musikern, die mich immer wieder überraschen und tief berühren. „Risha“ ist auf Glitterhouse Records als Vinyl, CD und Download erschienen.

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„Geniale Dilletanten“ in Oakland

Es ist nicht so oft, dass es in Oakland eine Ausstellung mit deutschem Bezug gibt. Doch gestern wurde in der Pro Arts Gallery, gleich gegenüber vom Rathaus am Frank-Ogawa-Plaza, „Geniale Dilletanten“ eröffnet, eine reisende Ausstellung des Goethe-Instituts. Und ja, der Schreibfehler ist Programm. Gezeigt wird ein Einblick in die frühen 1980er Jahre, als Bands wie die Einstürzenden Neubauten, Die tödliche Doris, Der Plan, Palais Schaumburg, Ornament & Verbrechen („die bekannteste unbekannte Band der DDR“), F.S.K., DAF und andere die etwas langweilige und eingefahrene Musikwelt aufmischten.

Nach dem Progressive Rock und der Disco Mucke der 70er, wurde da der anarchische Punkansatz in ganz neue Weiten vorangetrieben. Es war ein Abschütteln der Zwänge, eine Offenheit für alles, Provokation als Programm, Dada neu entdeckt. Zwischen Berlin, Düsseldorf, Hamburg und der Provinz tat sich so einiges. Musikalisch wurde ausprobiert, experimentiert, neue Ufer ausgekundschaftet. Was vom Mainstream als schräg, schrill und unhörbar abgetan wurde, muss im Rückblick als musikalische Weitsicht und Erschaffung eines neuen Fundaments der deutschen Musikszene gesehen werden. Die Protagonisten von damals, wurden zu Wegbereitern einer ganzen Generation.

Das Schlimme an allem war, dass viele der Bands, die experimentierfreudig ins neue Jahrzehnt voran schritten nur kurz darauf in den NDW-Topf geschmissen wurden und auf einmal neben Nena, Hubert Kah und Markus wieder auftauchten. Deutsche Plattenfirmen brauchten ein Label, um den Sound „Made in Germany“ zu vermarkten und NDW wurde geschaffen. Wer auf Deutsch sang war da NDW. Doch mit all dem Plastikpop und dem Spassgesinge vom Sternenhimmel, vom Maserati, der 210 fährt, von der Seenot im Tretboot, von den Sommersprossen am Wannseestrande hatten die Neubauten, Der Plan, Malaria und DAF so gar nichts gemeinsam. Von daher muss man diese Ausstellung als das sehen, was sie ist, eine Neuschreibung der musikalischen Geschichte. Und das geht Hand in Hand mit der Wiederentdeckung dieser Bands und Aufnahmen. Bureau-B Records bringt schon seit einiger Zeit Platten aus jenen Tagen neu heraus. Bands wie DAF oder Der Plan haben neue Alben veröffentlicht, die Einstürzenden Neubauten werden im vielgepriesenen Kulturtempel, der Hamburger Elbphilharmonie, gefeiert. Die „Dilletanten“ von einst haben die musikalische Geschichte der Bundesrepublik mitgeprägt.

Interessant bei allem ist, dass all diese Bands, die in der Ausstellung „Geniale Dilletanten“ vorgestellt werden, im Ausland schon lange und auch zu ihrer Zeit als das erkannt wurden, was sie waren und sind. In Japan, in England, in Frankreich und vor allem in den USA und Kanada. Als ich 1996 mit meiner Sendung auf KUSF in San Francisco begann und anfangs noch etwas klamm mit Platten und CDs aus deutschen Landen war, durchstöberte ich das umfangreiche Vinyl Archiv des Collegesenders. Und was kam zum Vorschein? Genau, all diese Bands mit ihren Originalplatten, die 21 Jahre später in der „Pro Arts Gallery“ in Oakland ausgestellt werden: Einstürzende Neubauten, Deutsch Amerikanische Freundschaft, Der Plan, Palais Schaumburg, Malaria, Z.S.K., Ornament & Verbrechen, Fehlfarben…

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Ein bisschen Deutsch auf NPR

Vor zwei Wochen kam die Mail aus dem Redaktionsraum von „Here and Now“, einer Sendung auf National Public Radio (NPR). Sie hätten Radio Goethe im Internet gefunden, mehrmals reingehört, für gut befunden und würden mich deshalb gerne für ihre DJ-Serie interviewen. Gerne doch, schrieb ich zurück. Letzte Woche fuhr ich rüber zum lokalen Sender KQED, vom dem eine Schaltung nach Boston gelegt wurde. Vorab hatte ich einige Songs an den Produzenten der Sendung überspielt, darunter auch ein Lied von den Nürnbergern Shiny Gnomes. „Heartmoon“, zwar schon etwas älter von der Platte „MC Creatrix“, aber für mich nach wie vor ein unglaublich gutes Stück, eines meiner Lieblingslieder.

Es entwickelte sich ein sehr angenehmes Gespräch mit Moderator Jeremy Hobson über die ausgewählten Lieder und über die deutsche Musikszene. Heute wurde der Beitrag, etwas gekürzt, aber mit den Einspielungen der Titel auf „Here and Now“ über NPR und NPR Berlin ausgestrahlt. Zu hören ist das ganze auch hier auf der Webseite von „Here and Now„.

Radio mittendrin und zwischen den Welten

In diesen Tagen der kritischen Medienbeschauung tut es gut, wenn man mal in einem Sendestudio sitzt, das so ganz anders ist. KKUP 91.5 fm in Cupertino ist eine Community Station, die seit fast 45 Jahren ohne Werbung und ohne Sponsoren auskommt. Nur die Hörer unterstützen diesen einzigartigen Sender im Herzen des Silicon Valleys. Und das spricht für die Qualität und die vielen Sendungen auf dieser Station. Nicht umsonst nennt sich KKUP auch „People’s Radio“.

Don hatte mich in seine Sendung „No Pigeonholes“ eingeladen („The longest running program of home tapes and small studio productions in the world. Send us your home recordings for airplay!“). Don ist vor allem auf KOWS Radio in Sonoma County aktiv, doch noch immer sendet er auf seiner alten Station. Dafür fährt er alle zwei Wochen zwei Stunden hin und zwei Stunden zurück, quer durch den Alptraumverkehr der Bay Area. Auf KOWS wird auch allwöchentlich Radio Goethe ausgestrahlt.

Diese Art Community Radio ist eines der wichtigen Elemene der amerikanischen Medienlandschaft. Hier hört man Stimmen, Musik und Sichtweisen, die es sonst nirgends im streng formatierten Rundfunk (mehr) gibt. Es ist Handarbeit. Don kam mit einer Kiste CDs und Platten und Kassetten. Er spielt wahrlich Musik, die es sonst nirgends zu hören gibt. Musik aus Heimstudios, keine Coversachen, sondern eigene Songs. Und heute durfte ich das, mit einigen Sachen von mir anreichern, das reichte von Kraftwerk und den Einstürzenden Neubauten, über Faust und meine „Lieblinge“ Infamis bis hin zu Studio Shap Shap aus dem Niger. Wir ergänzten uns ganz gut und sowieso macht Live-Radio viel mehr Spaß, als eine vorproduzierte Sendung. Vor allem Live-Radio, bei dem man Zeit zum Atmen hat und die Musik selbst bestimmen kann, Geschichten dazu erzählt, Musik nicht nur als Gedudel im Hintergrund laufen läßt. Wetter, Verkehr und Pollenflug interessieren weder im Studio noch die Hörer vor dem Radio. KKUP hat eine starke Frenquenz in der South-Bay und kann auch übers Internet gehört. Einschalten lohnt sich garantiert!

Das Ding mit der Musik

Ich höre viel Musik. Das liegt daran, dass ich nunmehr seit 20 Jahren Radio Goethe produziere, zehn Jahre lang noch eine Country/Folk und Americana Sendung zusammenstellte und sowieso seit über 35 Jahren Platten und Cds sammele. Da hat sich was angehäuft in all der Zeit.

Albumcover der Berliner Band Infamis.

Albumcover der Berliner Band Infamis.

Und nein, ich behaupte nicht, dass ich nun den besten Geschmack habe und alles über Musik weiß. Musik ist etwas sehr persönliches. Was man hört, wie man es hört und vor allem, was die Musik mit einem macht. Jeder kennt diese Songs, die einen mitreißen, die einen traurig machen, die einem diesen nötigen Schwung Kraft und Energie geben, die man in stillen Momenten hört, die einen emotional irgendwie ansprechen. Das ist gut, genau so soll es auch sein. Für mich gibt es da viele Lieder, die ganz unterschiedlich sind. Das reicht von Rainbow „Stargazer“ zu den Einstürzenden Neubauten „The Garden“, von Claire M. Singer „The Molendiar“ zu Woody Guthries „This land is your land“, von 16 Horsepower „American Wheeze“ zu Infamis „Hofgang“, von Mary Gauthier „Falling out of love“ zu KMFDM „Hau Ruck“. Und da ist dann auch noch Johnny Cashs Version von „Hurt“, ein Song, der mich jedesmal im Mark trifft. Und zwischen all diesen Eckpunkten gibt es einen Musikreichtum zu entdecken.

Ja, das ist mein Geschmack. Vieles was ich höre, finden andere katastrophal. Gerade die mehr experimentierfreudigen Töne, die abgefahren Soundlandschaften, die grenzenlosen Klangbäder. Aber egal, das ist eben ein Teil von mir. Was ich aber nicht verstehe ist, wie Musik seinen Wert verloren hat. Das reicht von Bands, Promofirmen und Labels, die ihre Lieder als minderwertige mp3 Files verbreiten und bewerben. Da sind „Musikfans“, die nur noch Streaming-Dienste wie Spotify und Pandora hören und damit den Musikschaffenden den Todesstoss verpassen. Und man muß ganz ehrlich sagen, dass es auch viel veröffentlichte Musik gibt, auf die man ohne weiteres hätte verzichten können. Schlecht produziert, idiotische Texte, Musiker, die ihr Handwerk nicht verstehen und dann zu allem Überfluss auch noch ein riesiges Ego haben und einem dann erzählen, man hätte keine Ahnung von Musik, weil ich eben nicht alles in meiner Sendung spiele. Da ist diese Band, die mir ihr „sagenhaftes“ neues Album ankündigt, es schickt, ich höre rein und es klingt wie eine Freizeitcombo in der Garage, die den Kassettenrekorder mitlaufen lässt. Sie wollen (m)eine ehrliche Einschätzung, die gebe ich ihnen und dann kommt die Antwort. „Das ist der Garage-Sound, den wir haben wollten. Du hast doch keine Ahnung mit Deiner Scheiss-Sendung“. Auch eine Antwort. Für solche CDs, habe ich eine Extrakiste in meinem Büro stehen.

Seit einiger Zeit kaufe ich wieder Vinyl, einfach des Klanges wegen. Viel zu viele Cds tönen platt, ganz zu Schweigen von der mp3 Schwemme, die hier jeden Tag ankommt. Da versuchen Promofirmen mit 128er, 160er und 192er mp3s ihre Künstler an den Radiomann zu bringen. Geht gar nicht! Ab irgendeinem Klangbrei sage ich einfach, es ist Schluß. Gerade auch, weil es so viele wunderbare Platten da draußen gibt, produziert von tollen, engagierten, kreativen Musikerinnen und Musikern. Ok, es ist Sonntagmorgen, ich höre „The White Birch“ und mußte einfach all das mal rauslassen. Musik ist wie ein Genußmittel. Man sollte es wie ein gutes Glas Rotwein genießen und sich nicht mit billigen Tequila Shots die Birne damit wegballern.

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7 Lieder zur Beharrlichkeit

Danielle de Picciotto & Alexander Hacke     
Danielle de Picciotto und Alexander Hacke melden sich gemeinsam mit "Perseverantia" zurück.

Danielle de Picciotto und Alexander Hacke melden sich gemeinsam mit „Perseverantia“ zurück.

Die Einstürzenden Neubauten sind weltbekannt. Ihre eigenwillige, offene und grenzenverschiebende Auslegung was Musik ist, kann und sein sollte, hat sie zu bedeutenden Kulturbotschaftern Deutschlands gemacht. Hier in den USA können nur wenige den Bandnamen aussprechen, DJs kündigen sie manchmal als die „Crashing New Buildings“ an. Einer der Neubautenmitglieder ist Alexander Hacke, ein ruheloser, umtriebiger Klangbastler. Und der ist seit einigen Jahren fest mit der in Berlin lebenden Amerikanerin Danielle de Picciotto liiert, selbst eine kreative und vielseitige Multimediakünstlerin, die schreibt, malt, filmt, zeichnet und eben auch Musik macht.

Danielle de Picciotto und Alexander Hacke sind vielbeschäftigt, mal hier, mal dort, mal in Übersee. Eigene Projekte und Auftragsarbeiten wechseln sich ab. Nun haben sich die beiden wieder für ein gemeinsames Album zusammen getan. „Perseverantia“ heißt es und untermalt tönend die Beharrlichkeit dieses Künstlerduos, das sich auf dieser Veröffentlichung wahrlich gefunden und ergänzt hat. Es ist kein Hitalbum, ganz im Gegenteil. „Perseverantia“ ist wie ein vielschichtiger Soundtrack voller Klangebenen, auf die man sich als Hörer einlassen muß. Man wird gefordert, nicht berieselt. Man braucht Zeit, um dieses Werk zu erfassen, zu erhören.

Im Interview (Audioplayer oben) mit Danielle de Picciotto und Alexander Hacke sprechen die beiden über das neue Album, die Kunst, ihr Leben. Die Fragen schickte ich von hier nach dort, die Antworten kamen aus Berlin zurück nach Oakland.

Und hier kommt der Nächste

Immer mal wieder versuchen es deutsche Musiker und Bands in den USA groß rauszukommen. Doch bislang haben es nur ganz wenige geschafft. Klar, da sind die Scorpions, da ist Kraftwerk, da ist Rammstein, die man hier drüben als Superstars feiert. Interessant bei Rammstein ist, dass sie es mit deutschen Texten geschafft haben. Sie haben sich nicht verbogen und verdreht, um es im Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu packen. Sie blieben sich und ihrer Musik treu.

Andere Bands und Musiker touren viel durch die USA, sind veröffentlicht und haben auch ihre Fangemeinde. Ich denke an Blind Guardian, an Accept, an Kreator, an die Einstürzenden Neubauten, an Faust und auch an KMFDM, an zahlreiche deutsche Krautrock und Elektro Acts. Viele deutsche Independent Bands sind ebenfalls veröffentlicht und auf Tour. Sie alle haben ihre Nische gefunden und sind damit zufrieden.

Doch es gibt Großangriffe, die nicht funktionieren (können). Tokio Hotel wurden von ihrer Plattenfirma gehypt. Namhafte Konzerthallen, wie das Fillmore in San Francisco, gebucht, Tickets billig verkauft, um die Hallen zu füllen, und jedem Konzertbesucher ein Poster überreicht, darauf, wie hier, „Tokio Hotel in San Francisco“. Der angepeilte Erfolg blieb aus. Im Konzert riefen viele junge Mädchen „sing German“, doch die netten Jungs von Tokio Hotel spulten ihr Programm vor allem auf Englisch runter.

Herbert Grönemeyer spielte live in San Francisco im legendären Bimbo's Club in North Beach.

Herbert Grönemeyer spielte live in San Francisco im legendären Bimbo’s Club in North Beach.

Ähnlich verlief es mit Herbert Grönemeyer. In Deutschland kann er tun und lassen, was er will. In den USA fiel er kaum auf. Seine englischsprachige Platte „I walk“ wurde groß angekündigt, Interviews liefen sogar auf National Public Radio mit ihm, denn Grönemeyer brachte den Superstarnamen aus Deutschland mit, war bekannt durch den Klassiker „Das Boot“ und sein Duett mit Bono auf der Debut Platte schadete seinem Ansehen auch nicht. Herbert Grönemeyer erklärte mir im Interview, dass er den Versuch in den USA gelassen sieht. Und tatsächlich, er verwirklichte sich wohl eher einen Traum. Auch in seinen Konzerten waren vor allem Deutsche, die ihn einmal in Clubatmosphäre und nicht im großen Stadion oder auf einer Anti-Pegida Demo sehen wollten. Auch sie riefen „Herbert, sing Deutsch“, doch auch Grönemeyer blieb fast nur beim Englischen.

Und jetzt kommt der Rapper Cro über den großen Teich. Seine Single „Traum“ wird nun neu und englischsprachig veröffentlicht, ein US Magazin riet seinen Lesern auf eine Reihe internationaler Rap Musiker zu achten, dabei kam Cro sogar auf Platz zwei. Und er selbst zeigt sich durchaus angetan, erklärte er in einem Interview, dass er nun die Chance hat, im Geburtsland des Hip Hop mal einen abzurappen. Die Erfolgsaussichten sind allerdings auch bei Cro gering.

Deutsche Musiker und Bands haben meiner Meinung und Einschätzung nach nur dann in den USA eine wirkliche Chance, wenn sie etwas ganz anderes liefern, als der größte Musikmarkt schon selber hat. Jene Gruppen, die es hier irgendwie geschafft haben einen Fuß in die Tür zu bekommen, sind das beste Beispiel dafür. Die Liste ist lang und vielseitig. Doch Tokio Hotel, Herbert Grönemeyer und auch Cro sind bei dem, was sie machen gut, aber sie können in den USA auch nicht annähernd den gleichen Erfolg feiern, den sie daheim haben.

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