Der Kartellkrieg beginnt erneut

Drogenkartellkrieg in Ciudad Juarez     
Ein erneuter Drogenkartellkrieg beginnt in Juarez. Foto: Reuters

Ein erneuter Drogenkartellkrieg beginnt in Juarez. Foto: Reuters

Es geht wieder los. 257 Morde in den ersten acht Monaten dieses Jahren, 47 davon allein im August, so viele in einem Monat, wie seit dem Dezember 2013 nicht mehr. Die mexikanische Grenzstadt Ciudad Juarez steht erneut vor einem Drogenkartellkrieg. Die Verhaftung von Joaquin ‚El Chapo‘ Guzmán, dem Boss des Sinaloa Kartells, hat zu einer Aufspaltung der eigenen Reihen und zu einem Erstarken verfeindeter Kartelle geführt. Nach dem brutalen Straßenkrieg vor ein paar Jahren (Audio-Feature oben) war die Nachbarstadt von El Paso fest in der Hand von Guzmáns Gruppe. Doch nun, nach dessen Festnahme, hat sich das Sinaloa Kartell gespalten, mehrere Fraktionen kämpfen um die Führungsrolle innerhalb des Drogenimperiums.

Und diese Bauchnabelschau nutzen andere Gruppen, um das Sinaloa Kartell herauszufordern. Allen voran das wiedererstarkte Juarez Kartell, das die wichtigen Wege in den größten Drogenmarkt der Welt, die USA, zurück gewinnen will. 47 Morde in einem Monat deuten auf den Beginn eines neuen Blutbades hin. Es geht um Macht, um Geld, um Einfluß. Und nichts wird die Gangs und Kartelle da aufhalten. Schwerbewaffnet suchen sie den Kampf mit ihren Kontrahenten und mit der Polizei. Die sieht sich derzeit einer Armee gegenüber, bestens ausgerüstet, bereit für einen erneuten Straßenkrieg. La Linea ist die Einsatztruppe des Juarez Kartells. Im April wurde eine Zelle der Bande ausgehoben, die Polizei fand zahlreiche Sturmgewehre und sogar eine Flugabwehrrakete. Seitdem sind die offiziellen Stellen in der Grenzstadt gewarnt.

Ciudad Juarez hatte sich langsam vom blutigen Straßenkrieg der Kartelle zwischen 2009 und 2011 erholt. Damals starben nahezu 10.000 Menschen im Kampf um die Drogenwege Richtung Norden. Die einstige Party-Stadt Juarez wurde in dieser Zeit zur gefährlichsten Stadt der Welt. Touristen und Besucher blieben weg, Restaurants, Kneipen wurden geschlossen, das öffentliche Leben fand nicht mehr statt. Nach Einbruch der Dunkelheit glich Juarez einer Geisterstadt. Nach dem blutigen Sieg des Sinaloa Kartells nahmen auch die Morde ab. In den letzten Jahren erholte sich Juarez, die Menschen genossen in vollen Zügen den „Mexian Way of Life“. Damit scheint nun wieder Schluß zu sein. Die nächste Welle der nicht endenwollenden Gewalt rollt heran. Ausgang und Länge noch ungewiss.

Alles beginnt und endet im Kentucky Club

Everything begins and ends at the Kentucky Club.

Nur die Santa Fe Bridge trennt El Paso in den USA von Ciudad Juarez in Mexiko. Früher war es ganz einfach und ganz normal über die Brücke zu gehen, um in der Nachbarstadt billiger einzukaufen, die Bars und Restaurants zu besuchen. Juarez war die Partymeile für die Amerikaner aus dem Norden. Dann begann 2008 ein blutiger Drogenkrieg zwischen dem Sinaloa und dem Juarez Kartell, Tausende von Menschen wurden umgebracht, es wurde zu gefährlich, um die paar Meter von El Paso nach Juarez zu gehen. Die Besucher, die Touristen, die Feiernden blieben weg. Juarez versank in einer Gewaltspirale, im Chaos. Dazu produzierte ich vor einigen Jahren das Feature „The perfect storm“.

Nur etwa 50 Meter hinter der Santa Fe Bridge, auf der rechten Seite liegt der Kentucky Club. Hier soll Elizabeth Taylor ihre Scheidung von Eddie Fisher mit Freidrinks gefeiert haben, hier trafen sich Musiker, Autoren, Künstler, Kulturschaffende, Trinker. Es ist eine einfache Kneipe. Eine lange Theke, weiter hinten eine kleine Küche, links Tische und Stühle. Seit der Gewalt auf den Straßen von Juarez kommen weitaus weniger Gringos hierher.

Benjamin Saenz lebt und arbeitet als Autor in El Paso. Er unterrichtet an der dortigen University of Texas. Er liebt den Kentucky Club: „Das ist wahrscheinlich die bekannteste Bar in Juarez. Sie ist legendär, denn sie repräsentiert irgendwie die Geschichte der Avenida Juarez und der Nachtclubszene, die es hier gab. Es zeigt noch etwas nostalgisch das, was Juarez einmal war, für was es stand und für was es noch immer steht.“

Alles beginnt und endet im Kentucky Club.

Sein jüngstes Buch heißt “Everything begins and ends at the Kentucky Club” und wurde mit dem PEN/Faulkner Award ausgezeichnet. Darin sieben Geschichten, die an irgendeinem Punkt im Kentucky Club ankommen. Die Shortstories drehen sich nicht um die Bar, nur die Handelnden kommen mal so ganz nebenbei vorbei, um einen Drink zu genießen. Man wartet beim Lesen richtig auf den Moment, an dem es passiert.

Saenz‘ Erzählungen in “Everything begins and ends at the Kentucky Club” sind traurige, teils düstere Lebensgeschichten. Es geht um Sucht und Liebe, um die Suche nach der Sinnfindung. Die Stories gehen nahe, sind teils brutal, emotional, schockierend. Und doch Saenz hat eine weiche, gefühlvolle Sprache gefunden, die den Leser erfasst. Seine Geschichten, so meint er selber, seien voller Tragik. Saenz macht aus der Gewalt in Juarez keine dramatischen Action Stories, es gibt keine Helden, keine Lösungsvorschläge. Der Autor beschreibt vielmehr das normale Leben der Menschen, diesseits und jenseits der Grenze, die gelernt haben, damit zu leben. Man wird als Leser zum Zuschauer, zum stillen Beobachter eines Alltags, der zwischen den Kulturen, zwischen den Sprachen so ganz anders ist, und doch eigentlich tagtäglich auch so in unserem Leben stattfindet. Wir wissen wenig über die Menschen, denen wir begegnen. Drogensucht, Kindesmißbrauch, Gefühlskälte, Gewalt, das findet man in Juarez, in El Paso, in Nürnberg.

Benjamin Saenz Sprache ist persönlich und überzeugend, auch, wenn er betont, dass nichts davon ihn beschreibt. Doch trotz aller Dunkelheit, Hoffnungslosigkeit, der tiefen menschlichen Abgründe, die Saenz in diesen Geschichten aufzeigt, es ist immer auch Hoffnung, Nähe und ja, auch Wärme zu spüren. “Everything begins and ends at the Kentucky Club” ist ein lesenswertes Buch, im Original bei “Cinco Puntos Press” in El Paso erschienen. Seit September auch in deutscher Übersetzung im Ripperger & Kremers Verlag erhältlich.

 

So schafft man Unruhen

Zehntausende kommen in diesen Tagen und Wochen über die Grenze in die USA. Minderjährige, Frauen, ganze Familien. Sie werden empfangen, in Notunterkünften untergebracht, verpflegt, gekleidet, beraten. Und dann meistens an Familienangehörige, die bereits in den USA leben, übergeben, bis zu einem Anhörungstermin. Die Grenzpolizei ist an manchen Stellen rund um die Uhr damit beschäftigt, illegale Grenzgänger aufzugreifen. Leere Gebäude in Grenznähe, wie Schulen, Lagerhallen, Kirchen, werden umgerüstet, eine Infrastruktur für die Versorgung der Neuankömmlinge muß eingerichtet werden. Präsident Barack Obama fordert zusätzliche 3,7 Milliarden Dollar vom Kongress, um mehr Richter und Anwälte anzuheuern, mehr Equipment für den Grenzschutz anzuschaffen.

Eine Flut von schlecht ausgebildeten Arbeitern trifft auf ein Land, in dem die produzierende Industrie schon lange verschwunden ist. Amerikanische Unternehmen haben bereits vor Jahren ihre Produktionen ausgelagert, zum Teil einfach um ein paar Kilometer verschoben, vom amerikanischen Süden in den mexikanischen Norden. Wie z.B. von El Paso über die Brücke nach Ciudad Juarez. Einen Steinwurf entfernt. Die amerikanischen Firmen sparten so „hohe“ Arbeitskosten in den USA und hinterließen eine Arbeitnehmerschaft, die ohne Jobs und ohne Zukunft zurück blieb. Gerade die Afro-Amerikaner wurden davon hart getroffen. Die Arbeitslosenquote bei den Schwarzen in den USA liegt bei über 11 Prozent, weit über der allgemeinen Arbeitslosenzahl. Mit großem Interesse blicken afro-amerikanische Organisationen auf das, was da an der Grenze passiert. Gelder werden für illegale Einwanderer bereitgestellt und ausgegeben, während „inner city schools“ und schwarze Stadtteile sich selbst überlassen werden, wie East-Oakland. Dort beherrschen Gangs den Alltag. Kriminalität, Prostitution, Drogensucht, Arbeitslosigkeit, die Schwarzen Amerikas fühlen sich benachteiligt und wenn man die harten Zahlen genauer ansieht, aus gutem Grund.

Nun verbinden die ersten Kommentatoren diese beiden Ereignisse. Hier die Afro-Amerikaner, dort die illegalen Latinos. Der konservative Autor und Anwalt A. J. Delgado geht in seinem Beitrag für nationalreview.com „Black Americans: The True Casualties of Amnesty – Democrats throw black voters under the bus“ einen Schritt weiter. Delgado meint, die Demokraten wenden sich bewußt und kalkuliert von den Schwarzen ab, die eigentlich zu ihrer Stammwählerschaft gehören. Der Anteil der Afro-Amerikaner an der Gesamtbevölkerung sinkt, während der der Latinos konstant ansteigt. Die demokratische Partei gehe davon aus, dass sich hier eine neue und weitaus wichtigere Wählerschaft entwickelt, so Delgado. Er schließt seinen Artikel mit dem Satz: „The message to black voters is: “Yes, your ancestors endured unimaginable hardships and helped build this country, and we said we’d help you out. But now we have a new trophy wife.” FOXNews und einige FOX Lokalsender nehmen solche, durchaus berechtigten, doch gefährlichen Überlegungen und Aussagen gerne auf, um die „Scheinheiligkeit“ der Demokraten „bloß zu stellen“. So werden Nachrichten auch gemacht. Amerika stehen heiße Zeiten bevor.

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Ein hausgemachtes Problem des US Kapitalismus

Irgendwas stimmt nicht in den USA. Seit ein paar Jahren war es eigentlich das Thema schlechthin: Obamacare. Die Gesundheitsreform des Präsidenten ließ das Blut der Republikaner zum Kochen bringen. Das Thema vereinte sie, darauf schossen sie sich ein. Und manchmal hatte man das Gefühl, Obamacare ist an allen Mißständen im Land und in der Welt schuld. Vorher war ja alles so gut, doch dann kam der Sozialistenpräsident und verstaatlichte das Gesundheitswesen. Wenn man FOXNews, konservativen Kommentatoren und Bloggern folgte, dann hatte man das Gefühl, Amerika war vor Obama die gesündeste Nation der Welt. Patienten hatten die Wahl, von welchem Arzt sie sich behandeln lassen, in welchem Krankenhaus sie sich operieren lassen wollten. Auch die Prävention stand ganz oben auf dem Ausgabenplan der Versicherungen.

Das dem natürlich nicht so war und ist sollte klar sein. Eine Gesundheitsreform mußte kommen, was dann kam und als Obamacare bekannt wurde, war nicht ausgereift und wurde an allen Ecken und Enden von den Repbublikanern unterminiert. Es war ein Kompromiss auf niedrigstem Niveau. Natürlich haben sich die Republikaner auch geschworen, die Reform rückgängig zu machen, wenn sie wieder die Macht im Land in ihren Händen halten. Wie gesagt, unter George W. Bush war ja alles besser.

Immigranten auf dem Weg nach Norden. "La Bestia" wird der Zug, genannt.

Immigranten auf dem Weg nach Norden. „La Bestia“ wird der Zug, genannt.

Doch Obamacare ist aus den Schlagzeilen gekegelt worden. Nun haben die Konservativen ein paar neue Themen im Wahljahr 2014 gefunden. Die illegale Einwanderung ist das Hauptthema geworden. Amerika wird überrannt. Und wieder werden Ängste geschürt. Die Immigranten seien nur hier, um das Sozialsystem zu berauben, Amerikanern die Arbeit wegzunehmen, bla bla bla…diese Diskussion kennt man ja zu genüge aus Deutschland. Was in dieser Debatte gerne übersehen wird ist, dass amerikanische Firmen ihre Produktionsstätten aus den USA nach Mexiko und anderen mittelamerikanischen Ländern verlagert haben. Aus dem einfachen Grund, weil man dort billiger produzieren kann. In der texanischen Grenzstadt El Paso liegt der Mindeststundenlohn derzeit bei $ 7,25. Zu wenig zum Leben, aber das ist eine andere Debatte. Gleich auf der anderen Seite der Brücke im mexikanischen Ciudad Juarez liegt der Tagesverdienst eines Fabrikarbeiters in einem US Unternehmen bei 5-6 Dollar. Und das ist noch viel für Mexiko. Wenn man südlicher geht sinkt auch der Lohn.

Amerika hat sich also ein Problem im eigenen Vorgarten geschaffen. Die Aktionäre verlangen mehr Gewinn, die Unternehmen machen ihre Tore in den USA dicht, Hunderttausende verlieren hier ihre Arbeit, weil die Jobs südlich der Grenze angesiedelt werden. Und dort fahren die Firmen riesige Gewinne ein, weil sie die leidlichen Lohnkosten erheblich drücken können. Doch diese Löhne sind nicht genug zum Leben, das hatten wir ja schon oben. Profitgier hat also weitreichende Folgen, und die bekommt Amerika nun zu spüren. Die „Globalisierung“ der amerikanischen Wirtschaft ist sicherlich nicht der einzige Grund für die illegale Einwanderung in die USA, doch es ist ein Grund, ich denke, ein wichtiger Grund sogar.

In diesem Jahr wird wieder gewählt in den USA. Die Kongresswahlen stehen an. Vor der Stimmenabgabe wird es keine Reform des Einwanderungsgesetzes geben, auch wenn die seit langem mehr als überfällig ist. Es wird ein Wahlkampf der Angst werden. Angst vor der Immigrantenflut. Angst vor Terrorangriffen. Angst vor dem übermächtigen Staat. Angst vor einem neuen Wirtschaftscrash. Kein Wunder, dass man sich hier bewaffnet, irgendein vermeintliches Gefühl der Sicherheit muß man ja im Leben haben.

„Bei 800 Toten hörte ich auf zu zählen“

Arturo Gallegos Castrellon wird wohl die Todesstrafe bekommen. Castrellon war einer der Bosse im Juarez Kartell. Er ist angeklagt, die Morde an der amerikanischen Konsulatsmitarbeiterin Lesley Enriquez, ihrem Ehemann Arthur Redfels und Jorge Alberto Salcido Ceniceros, Ehemann einer weiteren Konsulatsmitarbeiterin in Ciudad Juarez angeordnet zu haben. Und dabei war alles wohl bloß ein „Mißverständnis“. Am 13. März 2010 wurden die beiden Autos von Enriquez, Redfels und Ceniceros direkt an der Santa Fe Bridge und damit direkt gegenüber der amerikanischen Grenze gestoppt und mit Kugeln durchsiebt. Die Beschreibung eines der Wagen, ein weißer Honda Pilot, paßte auf das Auto einer verfeindeten Gang. Man fragte nicht viel, sondern schaffte gleich blutige Tatsachen.

Einer, der seinen früheren Boss und Weggefährten im Prozess in El Paso schwer belastet, ist Ernesto Chavez Castillo, Mitglied der berüchtigten Azteca Straßengang, die von einer US amerikanischen Gefängnisgang zu einer der blutigsten und brutalsten Gruppierungen im Drogenkartellkrieg Nordmexikos aufstieg. Die Aztecas arbeiteten für das Juarez Kartell im Kampf um die Drogenwege Richtung Norden. Ihre Feinde waren das Sinaloa Kartell und deren verbündete Gangs.

Castillo gab den Geschworenen im Prozess gegen Castrellon nun einen Einblick in den Lebensalltag des Straßenkrieges auf der anderen Seite der Brücke. Er habe bei 800 Morden aufgehört zu zählen, meinte er mit ruhiger Stimme. Oftmals habe er seine Opfer schwer mißhandelt, gefoltert, den Kopf und Extremitäten abgeschnitten, einfach, um Eindruck bei seinen Vorgesetzten zu schaffen. Er wußte, so Castillo, solch ein Mord bringe gute Schlagzeilen in den Medien. Auch eine Warnung an verfeindete Gruppen.

Wieviele Morde genau auf das Konto der Aztecas gehen, läßt sich nicht klären. Doch in den letzten fünf Jahren wurden in Juarez weit über 12.000 Menschen umgebracht. Die Aztecas operieren noch immer im Grenzgebiet, allerdings nicht mehr für das Juarez Kartell. Das hat den blutigen Krieg mit dem Sinaloa Kartell verloren. Die Mordrate ist daher auch von 3622 im Jahr 2010 auf 2086 im Jahr 2011 auf 751 im Jahr 2012 gefallen. Juarez ist auch heute keine sichere Stadt, doch so langsam kommt das Leben in der einstigen Mordmetropole der Welt zurück. Der Prozeß auf der anderen Seite der Brücke in El Paso zeigt die ganze Brutalität und Sinnlosigkeit dieses Drogenkrieges auf. An Einzelheiten wird dabei nicht gespart. Auch das ein Teil des Lebens im Grenzgebiet zwischen den USA und Mexiko.

 

Man kann wieder leben in Juarez

1623. 2754. 3622. 2086. 797. 450. Diese Zahlen sind die Mordraten zwischen 2008 und 2013 in der nordmexikanischen Stadt Ciudad Juarez. 2010 war ich zum ersten mal in der Nachbarstadt von El Paso. Hier die sicherste Großstadt der USA, auf der anderen Seite der Brücke die gefährlichste Stadt der Welt. Die einstige Partystraße gleich hinter der Santa Fe Bridge war verwaist. Bars und Restaurants mit Brettern vernagelt. Schwer bewaffnete Bundespolizisten patroullierten die Straßen, von Touristen war weit und breit nichts mehr zu sehen. Ab 20 Uhr waren die Straßen wie leer gefegt. Damals 2010 erreichte der Kartellkrieg mit 3622 Morden einen Höhepunkt. Verfeindete Gangmitglieder wurden mit Maschinengewehren durchsiebt, ihre Köpfe abgetrennt und als Warnung irgendwo abgeladen. Juarez versank im Chaos.

Ein Jahr später hatte sich die Lage leicht verbessert, doch nach wie vor war man in der Stadt nicht sicher. Damals meinte jemand, es werde erst dann besser, wenn eines der beiden Kartelle den brutalen Drogenkrieg gewinnt. Das Sinaloa Kartell hat den blutigen Kampf um Macht, Einfluß und Drogenwegen Richtung Norden schließlich gewonnen. Das Juarez Kartell ist so gut wie zerschlagen.

Juarez ist auch heute sicherlich keine sichere Stadt. 450 Morde sprechen für sich. Raubüberfälle und Vergewaltigungen sind nach wie vor an der Tagesordnung. Es gibt noch immer Stadtteile, in die man besser nicht gehen sollte. Doch das Leben hat sich zum Positiven hin verändert. Die Menschen erleben wieder ihre Stadt, trauen sich auf die Straßen, genießen das Nachtleben in Restaurants, Bars und Nachtclubs. Die Kunst- und Kulturszene von Juarez, die einmaliges zu bieten hat, blüht wieder auf. Das Jellyfish Colectivo war immer dort und hat auch während der gefährlichsten Zeit das Stadtbild farbenfroh verändert. Eine Gruppe von jungen Künstlern, die ganz deutlich und überzeugt sagten: „Qiero a mi Ciudad – Ich liebe meine Stadt“. Es ist an der Zeit mal wieder nach Ciuadad Juarez zu reisen.

 

Die Frauen von Ciudad Juarez

Die Frauen von Ciudad Juarez     

Ciuadad Juarez liegt gleich neben El Paso, Texas. Ein paar Brücken über den Rio Grande verbinden die beiden Städte. So nah wie Nürnberg zu Fürth, und doch trennen die beiden Kommunen Welten. El Paso gilt als eine der sichersten nordamerikanischen Großstädte, Ciuadad Juarez erholt sich gerade von einem der blutigsten Drogenkartellkriege in der Geschichte Mexikos. Seit dem Ausbruch der Schießereien Anfang 2008 wurden weit über 10.000 Menschen in Juarez umgebracht. Es gab Tage, da lagen 25 und mehr Tote auf den Straßen, die Leichenhalle der Polizei platzte aus allen Nähten. Es gab Monate da wurden 300 und mehr Tote gezählt. Es gab Stadtteile, das traute sich die Polizei nicht mehr rein, aus Angst beschossen zu werden, wenn sie eine weitere Leiche abholen wollte. Die Armee patroullierte durch die Stadt, man wusste nie, was hinter der nächsten Ecke auf einen wartete. Das gesamte öffentliche Leben kam zum Stillstand. Ciuadad Juarez glich nach Ausbruch der Dunkelheit einer Geisterstadt.

Tausenden von Toten in einem der blutigsten Drogenkartellkriege, Anarchie auf den Straßen, da interessierte sich kaum noch jemand für die Sicherheit der Frauen von Juarez. Seit den frühen 90er Jahren verschwanden immer wieder, zumeist junge Frauen, spurlos. Manchmal wurden ihre schwer mißhandelten, entstellten und vergewaltigen Körper irgendwo gefunden. In der Wüste, auf einer Müllhalde, in einem Graben. Was genau geschah, wurde nie geklärt.

Der Drogenkartellkrieg in Juarez hat sich gelegt, die Seiten haben sich geklärt. Das Sinaloa Kartell hat den blutigen Krieg um die Drogenwege in den größten Drogenmarkt der Welt, die USA, gewonnen. Im Juli verzeichneten die Behörden „nur noch“ 48 Ermordete. 33 Erschossene, sieben Erschlagene, sechs Erwürgte, zwei Erstochene. Das ist eine gute Meldung in einer Stadt, die schon fast aufgegeben wurde.

Doch die Situation für die Frauen von Juarez hat sich nicht verbessert. Nach wie vor wird von Seiten der Behörden abgewehrt, verschleiert, kaum ermittelt. Der Audiobeitrag (siehe oben) beschreibt, wie man in Ciuadad Juarez seit fast 20 Jahren damit lebt, dass Frauen einfach immer wieder spurlos verschwinden.

3169 Kilometer Wahlkampf

Wahlkampf 2012     

Barack Obama gegen Mitt Romney, zwei Kandidaten, die eigentlich für alles unterschiedliche Lösungsvorschläge haben. In der Wahl am 6. November geht es auch um den zukünftigen Kurs der USA. Obama hofft, er kann in seiner zweiten Amtszeit mehr von seinen Ideen und politischen Vorstellungen umsetzen, als er das in den ersten vier Jahren tun konnte. Und Mitt Romney will gerade das verhindern, ihm schwebt ein ganz anderes Amerika vor, in dem sich der Staat weitestgehend aus der gesellschaftlichen Verantwortung zurück zieht.

Arbeits- und Wirtschaftspolitik, Sicherheits- und Außenpolitik, Gesundheits- und Sozialpolitik, Steuer- und Umweltpolitik, eigentlich gibt es zwischen dem Demokraten und dem Republikaner kaum Gemeinsamkeiten. Ach ja, und da ist auch noch die 3169 Kilometer lange Grenze zu Mexiko, die noch immer und schon wieder ein heißes Wahlkampfthema geworden ist. Dazu ein aktueller Audiobeitrag.

Keine Angst mehr vor der Angst

Eine Grenze, die einen Großraum zerreißt. Früher waren El Paso und Ciudad Juarez fast eins. Man ging hin und her, tauschte sich aus, wandelte zwischen den Welten. Das hat sich alles durch den Drogenkrieg in Mexiko und den Anti-Terror Einsatz der Amerikaner geändert. Eine schwer bewachte Grenze teilt nun die beiden Schwesterstädte. In manchen Bereichen wurden zusammengewachsene Nachbarschaften auseinander gerissen. Ein hoher schwarzer Zaun im Stadtgebiet, alle 500 Meter ein Border Patrol Agent in einem SUV, Kameras und Bewegungsmelder und sogar Dronen werden im Kampf an der Grenze eingesetzt.

Man läuft über die Santa Fe Bridge und kommt auf die Avenida Benito Juarez, der einstigen Partystraße von Juarez. Noch vor zehn Jahren waren die Restaurants, Bars, Läden mit amerikanischen Touristen gefüllt. Anfang 2008 änderte sich dann alles. Ein offen ausgetragener Drogenkartellkrieg, Korruption in den Reihen der Polizei, die Weltwirtschaftskrise, neue Passgesetze in den USA und ein Nachbar im Norden, der einfach wegsah bildeten einen „perfect storm“. Juarez versank im Chaos, in einem Blutbad, der seitdem weit über 10.000 Menschenleben kostete.

Viele der Läden, Restaurants und Bars sind noch immer geschlossen, mit Brettern vernagelt. Doch es tut sich was in der Stadt. Man sieht mehr Menschen auf den Straßen, mehr Kinder die spielen, neue Läden und Kneipen werden eröffnet. Es scheint, man hat hier genug Angst gehabt. Man will leben, man will frei atmen, man will sich nicht länger verstecken in der Hoffnung, nicht der nächste Name in der Opferliste zu sein. Nach wie vor  bekriegen sich zwar die Gangs in einem blutigen Straßenkrieg, Frauen verschwinden spurlos, die Arbeitslosigkeit ist hoch, die sozialen Probleme erdrückend. Doch genug ist genug.

Juarez und El Paso, die Grenzregion in diesem westlichen Teil von Texas, ist eine wunderschöne Gegend. Hier treffen sich Autoren und Maler, Musiker und Kulturschaffende aller Art. Die Kreativität in der Region hat nie aufgehört, trotz Mord, Totschlag, Entführung, Vergewaltigung. Sie hat sich nur verändert, vielleicht ist sie sogar dadurch nur noch intensiver und vielfältiger geworden.

 

Frühlingserwachen in Juarez

Ich bin ich wieder in Juarez unterwegs. Diesmal geht es nicht um Mord und Totschlag, Vergewaltigung und Gewalt. Bei meinen vorherigen Besuchen fiel mir immer wieder auf, dass die Menschen diesseits und jenseits der Grenze diese Stadt und diese Region lieben. Sie alle reden von der Energie, der Kreativität, der Schönheit von Juarez, El Paso, der Wüste und der Grenze. Das ist schwer zu sehen, wenn man gleichzeitig über tausende von Toten im Jahr berichtet, über 10.000 Morde seit Anfang 2008, über verschwundene, vergewaltigte, verstümmelte und ermordete Frauen.

Für ein längeres Feature will ich jedoch genau dieser Frage nachgehen. Was passiert hier, warum bleiben Menschen hier, woher nehmen sie die Kraft, die Energie, den kreativen Willen? Und es hat sich viel verändert in der Stadt. Zwar lag die Mordrate auch 2011 mit rund 1600 Toten äußerst hoch, doch hat sie sich im Vergleich zum Vorjahr fast halbiert. Und auch das Gefühl auf den Straßen, zumindest in Downtown Juarez, ist positiver, freundlicher, fast wie ein Frühlingserwachen. Die Federales, die schwerbewaffnete Bundespolizei, ist nicht mehr zu sehen. Nur ein paar Soldaten stehen auf der mexikanischen Seite der Santa Fe Bridge, ganz normal, wie an jeder Grenze überall auf der Welt Sicherlich, man spürt auch weiterhin die schwierige Situation in Juarez. Geschlossene und verbretterte Laden- und Restaurantfronten, baufällige Straßen….doch irgendwas ist anders.

Die ersten Gesprächspartner bestätigen dies, es tut sich was in Juarez. Man blickt optimistisch nach vorne. Es scheint, als wenn man sich lange genug versteckt und geduckt hat. Und die Gesprächspartner freuen sich, dass man hier ist und über ihre Stadt in einem positiven Licht berichten will nach all den Schlagzeilen der Gewalt, dem Leichenzählen.

Gestern waren wir bei einem beeindruckenden Jugendorchester, einem Projekt, das Hoffnung und Zukunft ausdrückt. Kinder und Jugendliche, die sich verpflichtet haben täglich drei Stunden zu üben. Dafür erhalten sie eine erstklassige musikalische Ausbildung.