Ein hausgemachtes Problem des US Kapitalismus

Irgendwas stimmt nicht in den USA. Seit ein paar Jahren war es eigentlich das Thema schlechthin: Obamacare. Die Gesundheitsreform des Präsidenten ließ das Blut der Republikaner zum Kochen bringen. Das Thema vereinte sie, darauf schossen sie sich ein. Und manchmal hatte man das Gefühl, Obamacare ist an allen Mißständen im Land und in der Welt schuld. Vorher war ja alles so gut, doch dann kam der Sozialistenpräsident und verstaatlichte das Gesundheitswesen. Wenn man FOXNews, konservativen Kommentatoren und Bloggern folgte, dann hatte man das Gefühl, Amerika war vor Obama die gesündeste Nation der Welt. Patienten hatten die Wahl, von welchem Arzt sie sich behandeln lassen, in welchem Krankenhaus sie sich operieren lassen wollten. Auch die Prävention stand ganz oben auf dem Ausgabenplan der Versicherungen.

Das dem natürlich nicht so war und ist sollte klar sein. Eine Gesundheitsreform mußte kommen, was dann kam und als Obamacare bekannt wurde, war nicht ausgereift und wurde an allen Ecken und Enden von den Repbublikanern unterminiert. Es war ein Kompromiss auf niedrigstem Niveau. Natürlich haben sich die Republikaner auch geschworen, die Reform rückgängig zu machen, wenn sie wieder die Macht im Land in ihren Händen halten. Wie gesagt, unter George W. Bush war ja alles besser.

Immigranten auf dem Weg nach Norden. "La Bestia" wird der Zug, genannt.

Immigranten auf dem Weg nach Norden. „La Bestia“ wird der Zug, genannt.

Doch Obamacare ist aus den Schlagzeilen gekegelt worden. Nun haben die Konservativen ein paar neue Themen im Wahljahr 2014 gefunden. Die illegale Einwanderung ist das Hauptthema geworden. Amerika wird überrannt. Und wieder werden Ängste geschürt. Die Immigranten seien nur hier, um das Sozialsystem zu berauben, Amerikanern die Arbeit wegzunehmen, bla bla bla…diese Diskussion kennt man ja zu genüge aus Deutschland. Was in dieser Debatte gerne übersehen wird ist, dass amerikanische Firmen ihre Produktionsstätten aus den USA nach Mexiko und anderen mittelamerikanischen Ländern verlagert haben. Aus dem einfachen Grund, weil man dort billiger produzieren kann. In der texanischen Grenzstadt El Paso liegt der Mindeststundenlohn derzeit bei $ 7,25. Zu wenig zum Leben, aber das ist eine andere Debatte. Gleich auf der anderen Seite der Brücke im mexikanischen Ciudad Juarez liegt der Tagesverdienst eines Fabrikarbeiters in einem US Unternehmen bei 5-6 Dollar. Und das ist noch viel für Mexiko. Wenn man südlicher geht sinkt auch der Lohn.

Amerika hat sich also ein Problem im eigenen Vorgarten geschaffen. Die Aktionäre verlangen mehr Gewinn, die Unternehmen machen ihre Tore in den USA dicht, Hunderttausende verlieren hier ihre Arbeit, weil die Jobs südlich der Grenze angesiedelt werden. Und dort fahren die Firmen riesige Gewinne ein, weil sie die leidlichen Lohnkosten erheblich drücken können. Doch diese Löhne sind nicht genug zum Leben, das hatten wir ja schon oben. Profitgier hat also weitreichende Folgen, und die bekommt Amerika nun zu spüren. Die „Globalisierung“ der amerikanischen Wirtschaft ist sicherlich nicht der einzige Grund für die illegale Einwanderung in die USA, doch es ist ein Grund, ich denke, ein wichtiger Grund sogar.

In diesem Jahr wird wieder gewählt in den USA. Die Kongresswahlen stehen an. Vor der Stimmenabgabe wird es keine Reform des Einwanderungsgesetzes geben, auch wenn die seit langem mehr als überfällig ist. Es wird ein Wahlkampf der Angst werden. Angst vor der Immigrantenflut. Angst vor Terrorangriffen. Angst vor dem übermächtigen Staat. Angst vor einem neuen Wirtschaftscrash. Kein Wunder, dass man sich hier bewaffnet, irgendein vermeintliches Gefühl der Sicherheit muß man ja im Leben haben.

„Bei 800 Toten hörte ich auf zu zählen“

Arturo Gallegos Castrellon wird wohl die Todesstrafe bekommen. Castrellon war einer der Bosse im Juarez Kartell. Er ist angeklagt, die Morde an der amerikanischen Konsulatsmitarbeiterin Lesley Enriquez, ihrem Ehemann Arthur Redfels und Jorge Alberto Salcido Ceniceros, Ehemann einer weiteren Konsulatsmitarbeiterin in Ciudad Juarez angeordnet zu haben. Und dabei war alles wohl bloß ein „Mißverständnis“. Am 13. März 2010 wurden die beiden Autos von Enriquez, Redfels und Ceniceros direkt an der Santa Fe Bridge und damit direkt gegenüber der amerikanischen Grenze gestoppt und mit Kugeln durchsiebt. Die Beschreibung eines der Wagen, ein weißer Honda Pilot, paßte auf das Auto einer verfeindeten Gang. Man fragte nicht viel, sondern schaffte gleich blutige Tatsachen.

Einer, der seinen früheren Boss und Weggefährten im Prozess in El Paso schwer belastet, ist Ernesto Chavez Castillo, Mitglied der berüchtigten Azteca Straßengang, die von einer US amerikanischen Gefängnisgang zu einer der blutigsten und brutalsten Gruppierungen im Drogenkartellkrieg Nordmexikos aufstieg. Die Aztecas arbeiteten für das Juarez Kartell im Kampf um die Drogenwege Richtung Norden. Ihre Feinde waren das Sinaloa Kartell und deren verbündete Gangs.

Castillo gab den Geschworenen im Prozess gegen Castrellon nun einen Einblick in den Lebensalltag des Straßenkrieges auf der anderen Seite der Brücke. Er habe bei 800 Morden aufgehört zu zählen, meinte er mit ruhiger Stimme. Oftmals habe er seine Opfer schwer mißhandelt, gefoltert, den Kopf und Extremitäten abgeschnitten, einfach, um Eindruck bei seinen Vorgesetzten zu schaffen. Er wußte, so Castillo, solch ein Mord bringe gute Schlagzeilen in den Medien. Auch eine Warnung an verfeindete Gruppen.

Wieviele Morde genau auf das Konto der Aztecas gehen, läßt sich nicht klären. Doch in den letzten fünf Jahren wurden in Juarez weit über 12.000 Menschen umgebracht. Die Aztecas operieren noch immer im Grenzgebiet, allerdings nicht mehr für das Juarez Kartell. Das hat den blutigen Krieg mit dem Sinaloa Kartell verloren. Die Mordrate ist daher auch von 3622 im Jahr 2010 auf 2086 im Jahr 2011 auf 751 im Jahr 2012 gefallen. Juarez ist auch heute keine sichere Stadt, doch so langsam kommt das Leben in der einstigen Mordmetropole der Welt zurück. Der Prozeß auf der anderen Seite der Brücke in El Paso zeigt die ganze Brutalität und Sinnlosigkeit dieses Drogenkrieges auf. An Einzelheiten wird dabei nicht gespart. Auch das ein Teil des Lebens im Grenzgebiet zwischen den USA und Mexiko.

 

Man kann wieder leben in Juarez

1623. 2754. 3622. 2086. 797. 450. Diese Zahlen sind die Mordraten zwischen 2008 und 2013 in der nordmexikanischen Stadt Ciudad Juarez. 2010 war ich zum ersten mal in der Nachbarstadt von El Paso. Hier die sicherste Großstadt der USA, auf der anderen Seite der Brücke die gefährlichste Stadt der Welt. Die einstige Partystraße gleich hinter der Santa Fe Bridge war verwaist. Bars und Restaurants mit Brettern vernagelt. Schwer bewaffnete Bundespolizisten patroullierten die Straßen, von Touristen war weit und breit nichts mehr zu sehen. Ab 20 Uhr waren die Straßen wie leer gefegt. Damals 2010 erreichte der Kartellkrieg mit 3622 Morden einen Höhepunkt. Verfeindete Gangmitglieder wurden mit Maschinengewehren durchsiebt, ihre Köpfe abgetrennt und als Warnung irgendwo abgeladen. Juarez versank im Chaos.

Ein Jahr später hatte sich die Lage leicht verbessert, doch nach wie vor war man in der Stadt nicht sicher. Damals meinte jemand, es werde erst dann besser, wenn eines der beiden Kartelle den brutalen Drogenkrieg gewinnt. Das Sinaloa Kartell hat den blutigen Kampf um Macht, Einfluß und Drogenwegen Richtung Norden schließlich gewonnen. Das Juarez Kartell ist so gut wie zerschlagen.

Juarez ist auch heute sicherlich keine sichere Stadt. 450 Morde sprechen für sich. Raubüberfälle und Vergewaltigungen sind nach wie vor an der Tagesordnung. Es gibt noch immer Stadtteile, in die man besser nicht gehen sollte. Doch das Leben hat sich zum Positiven hin verändert. Die Menschen erleben wieder ihre Stadt, trauen sich auf die Straßen, genießen das Nachtleben in Restaurants, Bars und Nachtclubs. Die Kunst- und Kulturszene von Juarez, die einmaliges zu bieten hat, blüht wieder auf. Das Jellyfish Colectivo war immer dort und hat auch während der gefährlichsten Zeit das Stadtbild farbenfroh verändert. Eine Gruppe von jungen Künstlern, die ganz deutlich und überzeugt sagten: „Qiero a mi Ciudad – Ich liebe meine Stadt“. Es ist an der Zeit mal wieder nach Ciuadad Juarez zu reisen.

 

Die Frauen von Ciudad Juarez

Die Frauen von Ciudad Juarez     

Ciuadad Juarez liegt gleich neben El Paso, Texas. Ein paar Brücken über den Rio Grande verbinden die beiden Städte. So nah wie Nürnberg zu Fürth, und doch trennen die beiden Kommunen Welten. El Paso gilt als eine der sichersten nordamerikanischen Großstädte, Ciuadad Juarez erholt sich gerade von einem der blutigsten Drogenkartellkriege in der Geschichte Mexikos. Seit dem Ausbruch der Schießereien Anfang 2008 wurden weit über 10.000 Menschen in Juarez umgebracht. Es gab Tage, da lagen 25 und mehr Tote auf den Straßen, die Leichenhalle der Polizei platzte aus allen Nähten. Es gab Monate da wurden 300 und mehr Tote gezählt. Es gab Stadtteile, das traute sich die Polizei nicht mehr rein, aus Angst beschossen zu werden, wenn sie eine weitere Leiche abholen wollte. Die Armee patroullierte durch die Stadt, man wusste nie, was hinter der nächsten Ecke auf einen wartete. Das gesamte öffentliche Leben kam zum Stillstand. Ciuadad Juarez glich nach Ausbruch der Dunkelheit einer Geisterstadt.

Tausenden von Toten in einem der blutigsten Drogenkartellkriege, Anarchie auf den Straßen, da interessierte sich kaum noch jemand für die Sicherheit der Frauen von Juarez. Seit den frühen 90er Jahren verschwanden immer wieder, zumeist junge Frauen, spurlos. Manchmal wurden ihre schwer mißhandelten, entstellten und vergewaltigen Körper irgendwo gefunden. In der Wüste, auf einer Müllhalde, in einem Graben. Was genau geschah, wurde nie geklärt.

Der Drogenkartellkrieg in Juarez hat sich gelegt, die Seiten haben sich geklärt. Das Sinaloa Kartell hat den blutigen Krieg um die Drogenwege in den größten Drogenmarkt der Welt, die USA, gewonnen. Im Juli verzeichneten die Behörden „nur noch“ 48 Ermordete. 33 Erschossene, sieben Erschlagene, sechs Erwürgte, zwei Erstochene. Das ist eine gute Meldung in einer Stadt, die schon fast aufgegeben wurde.

Doch die Situation für die Frauen von Juarez hat sich nicht verbessert. Nach wie vor wird von Seiten der Behörden abgewehrt, verschleiert, kaum ermittelt. Der Audiobeitrag (siehe oben) beschreibt, wie man in Ciuadad Juarez seit fast 20 Jahren damit lebt, dass Frauen einfach immer wieder spurlos verschwinden.

3169 Kilometer Wahlkampf

Wahlkampf 2012     

Barack Obama gegen Mitt Romney, zwei Kandidaten, die eigentlich für alles unterschiedliche Lösungsvorschläge haben. In der Wahl am 6. November geht es auch um den zukünftigen Kurs der USA. Obama hofft, er kann in seiner zweiten Amtszeit mehr von seinen Ideen und politischen Vorstellungen umsetzen, als er das in den ersten vier Jahren tun konnte. Und Mitt Romney will gerade das verhindern, ihm schwebt ein ganz anderes Amerika vor, in dem sich der Staat weitestgehend aus der gesellschaftlichen Verantwortung zurück zieht.

Arbeits- und Wirtschaftspolitik, Sicherheits- und Außenpolitik, Gesundheits- und Sozialpolitik, Steuer- und Umweltpolitik, eigentlich gibt es zwischen dem Demokraten und dem Republikaner kaum Gemeinsamkeiten. Ach ja, und da ist auch noch die 3169 Kilometer lange Grenze zu Mexiko, die noch immer und schon wieder ein heißes Wahlkampfthema geworden ist. Dazu ein aktueller Audiobeitrag.

Keine Angst mehr vor der Angst

Eine Grenze, die einen Großraum zerreißt. Früher waren El Paso und Ciudad Juarez fast eins. Man ging hin und her, tauschte sich aus, wandelte zwischen den Welten. Das hat sich alles durch den Drogenkrieg in Mexiko und den Anti-Terror Einsatz der Amerikaner geändert. Eine schwer bewachte Grenze teilt nun die beiden Schwesterstädte. In manchen Bereichen wurden zusammengewachsene Nachbarschaften auseinander gerissen. Ein hoher schwarzer Zaun im Stadtgebiet, alle 500 Meter ein Border Patrol Agent in einem SUV, Kameras und Bewegungsmelder und sogar Dronen werden im Kampf an der Grenze eingesetzt.

Man läuft über die Santa Fe Bridge und kommt auf die Avenida Benito Juarez, der einstigen Partystraße von Juarez. Noch vor zehn Jahren waren die Restaurants, Bars, Läden mit amerikanischen Touristen gefüllt. Anfang 2008 änderte sich dann alles. Ein offen ausgetragener Drogenkartellkrieg, Korruption in den Reihen der Polizei, die Weltwirtschaftskrise, neue Passgesetze in den USA und ein Nachbar im Norden, der einfach wegsah bildeten einen „perfect storm“. Juarez versank im Chaos, in einem Blutbad, der seitdem weit über 10.000 Menschenleben kostete.

Viele der Läden, Restaurants und Bars sind noch immer geschlossen, mit Brettern vernagelt. Doch es tut sich was in der Stadt. Man sieht mehr Menschen auf den Straßen, mehr Kinder die spielen, neue Läden und Kneipen werden eröffnet. Es scheint, man hat hier genug Angst gehabt. Man will leben, man will frei atmen, man will sich nicht länger verstecken in der Hoffnung, nicht der nächste Name in der Opferliste zu sein. Nach wie vor  bekriegen sich zwar die Gangs in einem blutigen Straßenkrieg, Frauen verschwinden spurlos, die Arbeitslosigkeit ist hoch, die sozialen Probleme erdrückend. Doch genug ist genug.

Juarez und El Paso, die Grenzregion in diesem westlichen Teil von Texas, ist eine wunderschöne Gegend. Hier treffen sich Autoren und Maler, Musiker und Kulturschaffende aller Art. Die Kreativität in der Region hat nie aufgehört, trotz Mord, Totschlag, Entführung, Vergewaltigung. Sie hat sich nur verändert, vielleicht ist sie sogar dadurch nur noch intensiver und vielfältiger geworden.

 

Frühlingserwachen in Juarez

Ich bin ich wieder in Juarez unterwegs. Diesmal geht es nicht um Mord und Totschlag, Vergewaltigung und Gewalt. Bei meinen vorherigen Besuchen fiel mir immer wieder auf, dass die Menschen diesseits und jenseits der Grenze diese Stadt und diese Region lieben. Sie alle reden von der Energie, der Kreativität, der Schönheit von Juarez, El Paso, der Wüste und der Grenze. Das ist schwer zu sehen, wenn man gleichzeitig über tausende von Toten im Jahr berichtet, über 10.000 Morde seit Anfang 2008, über verschwundene, vergewaltigte, verstümmelte und ermordete Frauen.

Für ein längeres Feature will ich jedoch genau dieser Frage nachgehen. Was passiert hier, warum bleiben Menschen hier, woher nehmen sie die Kraft, die Energie, den kreativen Willen? Und es hat sich viel verändert in der Stadt. Zwar lag die Mordrate auch 2011 mit rund 1600 Toten äußerst hoch, doch hat sie sich im Vergleich zum Vorjahr fast halbiert. Und auch das Gefühl auf den Straßen, zumindest in Downtown Juarez, ist positiver, freundlicher, fast wie ein Frühlingserwachen. Die Federales, die schwerbewaffnete Bundespolizei, ist nicht mehr zu sehen. Nur ein paar Soldaten stehen auf der mexikanischen Seite der Santa Fe Bridge, ganz normal, wie an jeder Grenze überall auf der Welt Sicherlich, man spürt auch weiterhin die schwierige Situation in Juarez. Geschlossene und verbretterte Laden- und Restaurantfronten, baufällige Straßen….doch irgendwas ist anders.

Die ersten Gesprächspartner bestätigen dies, es tut sich was in Juarez. Man blickt optimistisch nach vorne. Es scheint, als wenn man sich lange genug versteckt und geduckt hat. Und die Gesprächspartner freuen sich, dass man hier ist und über ihre Stadt in einem positiven Licht berichten will nach all den Schlagzeilen der Gewalt, dem Leichenzählen.

Gestern waren wir bei einem beeindruckenden Jugendorchester, einem Projekt, das Hoffnung und Zukunft ausdrückt. Kinder und Jugendliche, die sich verpflichtet haben täglich drei Stunden zu üben. Dafür erhalten sie eine erstklassige musikalische Ausbildung.

Der Tod kommt vom Norden

Mehr als 10.000 Menschen sind seit Anfang 2008 auf den Straßen der nordmexikanischen Grenzstadt Ciuadad Juarez ermordet worden. Ein brutaler Drogenkartellkrieg wird in der Nachbarstadt zu El Paso ausgetragen. Es geht um die lukrativen Routen in den größten Drogenmarkt der Welt – die USA.

Die Waffen für die Kartelle und die Gangs, die den Straßenkrieg befeuern kommen aus den USA. Es gibt in Mexiko keinen freien Zugang zu Knarren, der einzige legale Waffenladen ist in Mexiko City und nur zugänglich für Angehörige der Polizei und der Armee. Nördlich der Grenze, entlang der „Border Region“, haben Hunderte von Waffenläden aufgemacht. Gezielt werden alle Kaliber über die Grenze geschmuggelt. Alleine seit Dezember 2006 wurden von den mexikanischen Sicherheitsbehörden 140.000 Waffen im ganzen Land beschlagnahmt.

Um ein Zeichen gegen die unkontrollierte Waffenflut von Nord nach Süd zu setzen, hat nun der mexikanische Präsident Felipe Calderon ein mehrere Tonnen schweres „Billboard“ (Werbetafel) in Grenznähe enthüllt. Aus zertrümmerten Pistolen und Gewehren wurden die Worte „No More Weapons“ geformt. Zuvor nahm er an der  Zerstörung von 7500 beschlagnahmten Waffen teil.

Mexiko braucht im Kampf gegen die Drogenkartelle die Unterstützung der Vereinigten Staaten. Doch gerade bei der Waffenkontrolle sind Präsident Obama die Hände gebunden. Konservative Kräfte und die überstarke Waffenlobby in den USA wehren sich gegen jeglichen Eingriff in ihr vermeintliches Grundrecht auf Waffenbesitz und schärfere Waffengesetze. Die Probleme südlich der Grenze seien ein rein mexikanisches, heißt es. Ein Irrglauben, wenn man sich nur die harten Zahlen der geschmuggelten Drogen Richtung Norden und des illegalen Waffentransfers Richtung Süden ansieht.

Juarez und die gute Meldung

Zu Anfang die gute Nachricht. Die Mordrate in Juarez ist in diesem Jahr drastisch gefallen. Bislang sind „nur“ rund 2000 Morde zu verzeichnen. 2010 kamen insgesamt 3111 Menschen in der mexikanischen Grenzstadt durch Gewaltverbrechen zu Tode. Doch so richtig feiern will in Juarez niemand. Nach wie vor ist die Nachbarstadt El Pasos im Griff der Drogenkartelle und brutalen Gangs, die sich seit vier Jahren einen Straßenkrieg liefern, bei dem die Polizei, das Militär und die Behörden zumeist nur reagieren können.

Immer mehr Menschen wandern ab, Fabriken werden geschlossen, die lokale Wirtschaft leidet und nun ist eine weitere Branche hart getroffen worden. Die Bestattungsunternehmer beklagen das schlechte Geschäft in den letzten Monaten. Kein Witz! Sie spürten die niedrigere Mordrate in der eigenen Kasse, so die Totengräber, die vor den Büros der Ermittlungsbehörden auf betroffene Familien warten. „Es gab Tage, da hatten wir 12-15 Bestattungen pro Tag“, meint einer der Leidtragenden. „Nun haben wir nur noch eine bis zwei pro Woche“. Er und seine Kollegen erkennen zwar, dass die Gewalt ein Problem für Ciudad Juarez ist, doch am Ende zählt für sie nur das monatliche Einkommen. Er müsse schließlich eine Familie ernähren, betont ein anderer.

Obwohl die Mordrate zum Vorjahr gesunken ist, sie liegt noch immer höher als 2008, dem Jahr, in dem die Drogenkartelle am Rad drehten und Juarez zum Schlachtfeld erklärten.

 

 

Die Frauen von Juarez

Im Frühjahr war ich mit meiner Kollegin Anja Bühling in Ciudad Juarez, um mehr zu erfahren über die Situation von Frauen in dieser nordmexikanischen Grenzstadt. Seit Anfang der 90er Jahre verschwanden Hunderte von Frauen. Dutzende wurden ermordet, vergewaltigt und verstümmelt in der Wüste gefunden, der Großteil der zumeist jungen Frauen blieb jedoch spurlos verschwunden. Keiner weiß, was wirklich geschah und noch immer geschieht. Etliche Theorien kursieren, von Massenmördern über religiöse Sekten bis hin zu Menschenhandel ist die Rede. Die Behörden gehen jedoch nur selten einem Fall nach.

Unser Feature erzählt die Geschichte der verschwundenen Frauen von Juarez und beschreibt die aktuelle Situation. Das Feature wurde auf SWR2 ausgestrahlt:

Die Frauen von Juarez