Die Front bröckelt

Ann Coulter ist sicherlich niemand, die im November Joe Biden wählen wird. Die erzkonservative Kommentatorin fand anfangs Trumps Ziele und Vorschläge gut, darunter auch den Bau einer Grenzmauer zu Mexiko. Doch diese Vorschusslorbeeren für den frischgewählten Präsidenten verblühten schnell. Coulter wurde zu einer mehr als kritischen Stimme im konservativen Lager, erinnerte Trump immer wieder daran, dass er nicht das einhalte, was er versprochen hatte.

Und Ann Coulter ist nicht die einzige, die sich mittlerweile offen gegen Trump wendet. Sie selbst hat rund 2,2 Millionen Followers auf Twitter. Zwar betont der Präsident alle paar Tage, dass er 96 Prozent Unterstützung in den eigenen republikanischen Reihen habe, aber das sind Zahlen, die an Diktaturen erinnern. Realistisch sind sie nicht. Innerhalb der GOP hat sich eine Widerstandsfront gebildet, darunter Alt-Republikaner, Kommentatoren, konservative Intellektuelle, die den eingeschlagenen Kurs ihrer Partei für untragbar und gefährlich halten. William Kristol, der den „Weekly Standard“ gründete, in zwei republikanischen Administrationen mitwirkte und nach wie vor seine konservative Stimme einbringt, erklärte in einem Interview mit der Washington Post: „We’re really going to pay a price for this terrible failure in leadership“.

In dem Gespräch warf er den Republikanern im Kongress eine totale Kapitulation vor. Lange habe es noch geheißen, was viele Republikaner öffentlich und privat sagten, sei ein Unterschied, so Kristol. Doch darauf könne man keinen Wert legen, wenn sie tatenlos zusehen, wie Trump nicht nur die Partei, sondern auch die Gesellschaft zutiefst verändert.

Es gibt in den Reihen der Konservativen durchaus kritische Stimmen, die sogar so weit gehen, eine Abwahl von Trump zu fordern. Dessen aggressiver, egozentrischer Stil, sein Ton, sein nicht gerade präsidiales Vorgehen, sein Heruntermachen von Gegnern, seine Schuldzuweisungen, all das läßt die Stimmen lauter werden. Doch noch kann sie Trump auf Abstand halten, sie als Teil des „Deep State“ darstellen, als Verräter bezeichnen, gerade auch, weil es noch zu wenige sind, die den Mut aufbringen aufzustehen. Als warnendes Beispielt gelten John McCain und Mitt Romney, die sich gegen Trump stellten und von ihm und seinem Lager regelmäßig angegangen wurden und werden. Die Worte Trumps, der sich selbst mit fadenscheinigen Gründen vor dem Militärdienst in Vietnam drückte, John McCain sei kein Held, denn er bevorzuge Helden, die nicht gefangen genommen werden, hallt noch nach. Als Trump das sagte, erklärten zwar einige in der Partei, das hätte er nicht sagen sollen, aber es gab keine Konsequenzen. Trump hatte allein mit dieser Aussage die Stimmung und seine Macht in der GOP ausgelotet. Nach diesen folgenlosen Worten war er der unumstrittene Führer in der Partei. Er regierte mit brutaler Härte, Gegner wurde angefeindet und abgedrängt und das eben mit Kopfnicken und Gehorsam der Parteisoldaten im Kongress.

Genau das kreiden Konservative wie Kristol an, die den Republikanern vorwerfen, kein Rückgrat zu zeigen. Wie Trump in den letzten vier Jahren die Partei verändert hat, wirft auch die Frage auf, was nach ihm kommt? Kann die GOP all das vergessen machen, zur Vor-Trump Zeit zurückkehren? Oder wird dieser Weg der innerparteilichen Tyrannei weiter gegangen. Die Republikaner stehen vor wichtigen Fragen, die am Ende sogar zu einer Spaltung führen könnten.

Biden der Brückenpräsident

Joe Biden wird kurz nach dem Wahltag 78. Ein stolzes Alter, vor allem auch dann, wenn man sich vorstellt, dass er in den kommenden Jahren einen mehr als stressigen Alltag haben wird. Und dann wäre da die Wiederwahl, Biden würde am Wahltag 2024 kurz vor seinem 82. Geburtstag stehen. Ein anstrengender Dauerwahlkampf und vielleicht Präsidentschaft bis zum 86.? Das ist eher unwahrscheinlich.

Wie es derzeit aussieht ist Joe Biden der Kandidat der Demokraten, der es schaffen kann, die Partei zu einen. All seine Gegner im Vorwahlkampf von Elizabeth Warren, Amy Klobuchar, Pete Buttigieg, Kamala Harris bis hin zu Bernie Sanders haben sich hinter ihm eingereiht. Sie alle wollen ihre Wählerinnen und Wähler auf Joe Biden einstimmen. Dazu kommen unzählige von früheren Ministern, Botschaftern, Offiziellen und auch Barack Obama und Al Gore, sie alle haben schon ihre Unterstützung für Kandidat Biden ausgesprochen. Das zeigt überdeutlich, dass die Demokraten das eine Ziel ganz fest vor Augen haben – die Abwahl von Donald Trump.

Joe Biden mit Weitsicht? Foto: AFP.

Doch wie sähe es aus mit Präsident Biden, könnte er das Pensum eines Präsidenten schaffen, vier, vielleicht auch acht Jahre im Amt bleiben? Ich glaube nicht. Was für mich wahrscheinlicher ist, Joe Biden wird sich eine starke Frau an seine Seite holen, mit der er in diesem Wahlkampf gegen Donald Trump ziehen wird. Das steht schon fest, nur auf wen die Wahl fallen wird, ist noch offen. Biden wird dann für zwei Jahre im Amt bleiben, seinen 80. Geburtstag feiern und dann abtreten. Man wird ihm glauben, dass er das aus gesundheitlichen Gründen tun wird. Doch damit würde er auch den Weg frei machen für seine Vize-Präsidentin, die so die Möglichkeit haben würde, sich zu etablieren, als Präsidentin in den nächsten Wahlkampf zu ziehen, auf eigene Erfolge hinzuweisen. Mit Präsidentbonus und voller Energie.

Joe Biden wäre damit ein Übergangskandidat, der sicherlich nicht die große Politik auf der Weltbühne verwirklichen könnte, der aber für seine Partei und vor allem für sein Land großes erreichen würde. Denn vier weitere Trump Jahre wären für die USA in vielerlei Hinsicht eine Katastrophe. Man denke nur an die Sozial-, Außen-, Arbeitsmarkt-, Sicherheits-, Gesundheits- und Umweltpolitik. Vor allem aber wäre es eine Gefahr für die amerikanische Demokratie, wenn Trump im Amt bliebe, denn dieser Präsident setzt alles daran, die Grundfesten der Vereinigten Staaten von Amerika zu untermininieren und aufzulösen. Biden könnte somit zum Retter Amerikas werden. Die Geschichte würde es ihm danken.

Trumpstilzchen tobt

Es ist schön verrückt. Da ist er Präsident, ein „historischer Präsident“, wie er selbst betont, hat die „beste Wirtschaft aller Zeiten“ aufgebaut, Amerika werde wieder in der Welt respektiert, die Amerikaner selbst lieben wieder ihr Land, die USA seien sicherer, besser, schöner, so toll, wie noch nie zuvor und überhaupt „America First“ und dennoch hat Barack Obama bessere Umfragezahlen als er.

Donald Trump wird wahrscheinlich regelmäßig wie Rumpelstilzchen durchs Weiße Haus toben. Die Haarpracht zerwühlt, das Gesicht vor Wut gerötet, seine Untergebenen anschreiend, dass sie endlich etwas machen sollen. So ginge das ja nicht weiter. Und dann kam ihm die Idee: Obamagate. Allein dieses Wort hat Trump seit Wochen mehrmals getweetet. Was das sein soll ist unklar und eigentlich egal. Es klingt nach Skandal und nach der Logik von Donald Trump zu urteilen, wenn man etwas oft genug vehement behauptet, dann glauben es andere auch.

Zumindest einige seiner republikanischen Parteigenossen und etliche im konservativen Mediendschungel sind sich nicht zu blöd dafür, diese neue Schauermär über #44, den ersten afro-amerikanischen Präsidenten weiter zu verbreiten. Natürlich, es ist Wahlkampf und Team Trump versucht Joe Biden mit Barack Obama in Verbindung zu bekommen, ihn für so einiges verantwortlich zu machen, was zwischen 2008 und 2016 passiert ist. Nun geht es vor allem um die geheimdienstliche Überwachung, das Verhör und die Verurteilung des ehemaligen Sicherheitsberaters von Kandidat Trump und dann Präsident Trump, Michael Flynn. „Obamagate“ soll heißen, Präsident Obama und seine Regierung haben Flynn in eine Falle gelockt, unerlaubterweise abgehört und damit auch den politischen Gegner beschattet. Ein Skandal!

Wohl mehr ein Rauschen im Wasserglas, denn was Trump und sein Chor nur selten von den Türmen singen ist, dass Michael Flynn gegen das Gesetz verstoßen hat und das gleich mehrmals. Nicht nur das, er hat auch in der Anhörung darüber gelogen und bei seinem „Background Check“ für die Aufgabe des nationalen Sicherheitsberaters in der Trump Administration Falschaussagen zu Papier gegeben und diese unterschrieben. Und Flynn hat sich selbst vor Gericht für schuldig erklärt. „Case closed“, nicht Obama hat Fehler begangen, sondern Trump. Denn der hat jemanden in sein Team geholt, der da nicht hätte sein dürfen. Und wir erinnern uns, Vize-Präsident Mike Pence hatte sich Anfang 2017 dafür ausgesprochen, Mike Flynn wieder gehen zu lassen, nachdem dieser ihn belogen hatte. Pence habe das Vertrauen in den General verloren, hieß es damals.

Aber das ist Donald Trump egal, er ist besessen von der Idee, Barack Obama aus den Geschichtsbüchern zu streichen. Eigentlich gehört es sich nicht für einen ehemaligen Präsidenten, seinen Nachfolger zu kritisieren. Eigentlich…das ist so ein ungeschriebenes Gesetz in den USA. Doch diese Zeiten sind anders, denn Trump hat nie aufgehört Wahlkampf zu führen und tweetet fast täglich gegen seinen Vorgänger, bezeichnet ihn als faul, als korrupt, als Versager, als jemand, der Amerika verkauft und verschachert habe. Man sollte auch nicht vergessen, dass Trump derjenige war, der behauptete, Obama sei nicht in den USA geboren. Davon hat sich Trump nie so richtig überzeugend distanziert vielmehr noch einen draufgelegt und Tweets weiter geteilt, in denen Obama in die Nähe von Terroristen gebracht wurde.

Barack Obama selbst hat lange geschwiegen, überraschend lang. Das ist nun vorbei. Er machte jüngst deutlich, dass er sich in den Wahlkampf von Joe Biden einbringen wird. Nicht nur mal so, sondern so richtig. Und genau das ist es, was Trump derzeit kochen lässt. Denn Barack Obama liegt in den Umfragen weit vor Donald Trump. Nicht nur das, Obama ist nach wie vor die Lichtgestalt in den demokratischen Reihen, kann Massen bewegen und ansprechen, Dinge einfach erklären, die Partei einen, vielleicht auf Kurs bringen, der da einzig und allein ist: „Beat Donald Trump“.

Trump weiß, Obama ist ein deutlich besserer Wahlkämpfer als Joe Biden, den er als „sleepy Joe“ abtut. #44 jedoch ist voller Energie, wirkt nach wie vor jugendlich, hat Charme und hat sicherlich in seinem Leben gelernt, wie er gegen Trumpsche „Bullys“ vorgehen muss. Trump scheint dagegen nur weitere Lügen stellen zu können. Mit seiner Chaos-Theorie will er seine Wiederwahl ermöglichen. Ein durchschaubarer Versuch, der am Ende (hoffentlich) erfolglos bleiben wird.

F… Corona, es ist Wahlkampf!

Noch immer haben die USA ein massives Problem mit dem Corona Virus. Weit über 1,5 Millionen Menschen wurden in den Vereinigten Staaten bislang positiv getestet, rund 90.000 Amerikanerinnen und Amerikaner starben aufgrund ihrer Infektion. Es ist eine absolute Katastrophe, doch der Präsident macht Wahlkampf, quasi auf dem Rücken der allgemeinen Gesundheit.

Seine Söhne, Eric und Donald Jr., verbreiten über ihre Twitter Accounts Verschwörungstheorien. Da wird Joe Biden als Pädophiler gebrandmarkt, als dement hingestellt, als Teil einer korrupten Regierung unter Barack Obama. Und Corona wird mal einfach so als demokratische Erfindung abgetan, denn der von Demokraten unterwanderte und kontrollierte „Deep State“ wolle nur die Massenveranstaltungen von Donald Trum verhindern. Nach der Wahl, so die Söhne des Präsidenten, werde das Virus ganz plötzlich und unerwartet verschwinden. Corona sei also eine Wahlkampfstrategie der Demokraten, um Donald Trump zu schaden.

Präsident Trump selber läuft derzeit zur Hochform auf. Er teilt wie ein Besessener über Twitter Verschwörungstheorien, falsche Behauptungen, Anschuldigungen und Lügen. Und zwischendurch einfach mal ein „Obamagate“. Trump will ablenken, Unruhe stiften, wieder die Mär vom „Deep State“ verkaufen. Zumindest sollen die Wählerinnen und Wähler am Ende sagen, „na ja, vielleicht ist ja doch was dran“. So will Trump die Mehrheiten in den heiß umkämpften Swing States gewinnen.

Die Frage ist, wie von Seiten der Demokraten darauf reagiert werden kann und soll. Michelle Obama meinte auf dem Parteitag 2016 in ihrer vielbeachteten Rede für die Kandidatin Hillary Clinton: „If they go low, we go high“. In diesem Moment wünschten sich viele in den USA, dass sie die Kandidatin der Partei sei, um erfolgreich Donald Trump in die Knie zu zwingen. Das Ergebnis ist bekannt, aber Michelle Obamas Worte hallen noch immer nach. Doch können sie gegen einen Kandidaten wie Donald Trump noch gelten, der nachweislich in seiner Amtszeit fast 20.000 Lügen und Unwahrheiten verbreitet hat. Der den fiesen, hinterhältigen und unwahren Wahlkampf liebt. Für ihn zählt nur der Sieg, wie er das schafft, ist ihm gleich. Nachtreten, die Schwächen des anderen brutal ausnutzen, Verwirrung stiften, keine Fehler zugeben, ablenken, Schuld auf andere schieben, Tiefschläge sind willkommen. Trump spielt dieses Spiel königlich. Biden ist dem sicherlich so nicht gewachsen, die Frage ist, ob die Wählerinnen und Wähler das dummdreiste und hohle „Gschmarri“ von Trump glauben oder es durchschauen.

„If they go low, we go high“, ein edler Ansatz, gerade in der Politik. Die Obamas halten sich daran, nach wie vor. Von ihnen hört man nicht täglich, was Trump da macht, eigentlich bewerten sie gar nicht, wie Trump alles, was mit Obama zu tun hat, vergessen machen will. Während #45 an diesem Wochenende Dutzende von Tweets seiner rechtsaußen Basis „retweetet“, haben die Obamas all den High School Absolventen gratuliert und gedankt, die in diesem Jahr stillschweigend ihren Abschluß erhielten. Keine Abschlußfeier, kein Tanz, keine großer Zeremonie. „Prom Night“ ist ein großes Ding in den USA. Daran erinnerte Barack Obama. Das ist präsidial. Oder schauen wir einfach mal auf die beiden Fotos, die Trump und Obama oben auf ihren „Twitter Accounts“ stehen haben. Sie alleine sagen alles über diese beiden Männer und Präsidenten aus, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die Hoffnung stirbt zuletzt. In diesem Jahr ist das am 3. November.

 

„Goodnight Democracy“

Impeachment. Fake News. Verdrehung der Tatsachen. Und nun noch der aufgeheizte Wahlkampf. Donald Trump sieht sich genau in der Woche als politischer Sieger, in der er vom Abgeordnetenhaus seines Amtes enthoben werden soll. In diesen Tagen wurden noch Handelsverträge verkündet, mehr Geld für das Militär ausgegeben und der Mutterschutz verbessert. All das mit überparteilicher Zustimmung. Doch Donald Trump münzt das alles auf sich.

Unterdessen beginnen die Grabenkämpfe für den Wahlkampf. Trump und seine Republikaner machen mobil, versuchen die Reihen ihrer Basis zu schließen. Gleichzeitig geht es um die Mobilisierung neuer Gruppen, wie Evangelikale, die noch nicht registriert sind. Und Trump versucht, die Demokraten zu spalten, ihre Wählerbasis zu untergraben. Ganz gezielt wendet er sich an Gewerkschaftsmitglieder, traditionell Wähler der Demokraten, und fragt, “was haben die “Unions” für Euch getan?”

Was zählt eine Wählerstimme? Foto: AFP.

Genauso versuchen die Republikaner afro-amerikanische Gemeinden zu erreichen, in dem sie eine neue Front des “Kulturkrieges” eröffnen. Bewusst wird erklärt, diese Wahl ginge auch um “Family Values”, Familienwerte. Um die Erhaltung der traditionellen Ehe, die Ablehnung der gleichgeschlechtlichen Partnerschaften und Rechte. Etwas, was auch in den “schwarzen” Kirchen gefordert wird. Und auch hier fragt Trump die Afro-Amerikaner “what have the Democrats done for you?”

Nun geht es aber auch noch an das Eingemachte der Demokratie. Vor Gericht kämpfen die Republikaner dafür, die Wählerlisten zu lichten. In Wisconsin hat nun ein Richter entschieden, dass 234.000 Namen von Bürgerinnen und Bürger aus dem Wahlregister gestrichen werden sollen, da sie eventuell verzogen sind. Eventuell, denn belegt wurden diese Zahlen nicht. Vielmehr wird nun den Betroffenen aufgebürdet, sich erneut registrieren zu müssen. Die Republikaner hatten geklagt. Das in einem “Swing State”, den Donald Trump 2016 gerade mal mit 23.000 Stimmen mehr gewonnen hatte, der ihm den Wahlsieg bescherte.

Auch in anderen republikanisch geführten Bundesstaaten, wie Ohio, Texas und Georgia werden die Wahllisten durchforstet und Wahlgesetze verändert, um traditionelle demokratische Wählergruppen zu behindern. Auch wurden in der Vergangenheit die Wahlbezirksgrenzen oftmals so verändert, dass sie republikanischen Kandidaten helfen würden. Das amerikanische Wahlsystem, in dem ein Kandidat gewinnen kann, obwohl er nicht die meisten Stimmen im Land auf sich vereinen konnte, wird in diesen Zeiten noch weiter dahingehend verändert, dass Ergebnisse noch besser vorausgesagt werden können. Mit Demokratie hat das schon lange nichts mehr zu tun. “One man, one vote”, für jeden und jede eine Stimme, erscheint da als blanker Hohn.

Wohin, mein Amerika?

Adventszeit in Amerika. Von Friede, Freude, Eierkuchen keine Spur. Die amerikanische Gesellschaft ist tief gespalten, keine Aussicht auf Verbesserung. Ganz im Gegenteil. Die USA gehen 2020 in ein Wahljahr, dass die tiefen Gräben noch weiter verbreitern wird.

Hier ein Präsident, der von seinen Unterstützern blind verteidigt wird. Der deutlich macht, dass er nicht der Präsident aller Amerikaner ist, sondern nur für jene, die ihn politisch unterstützen und ihm huldigen. Dort die Demokraten, die alles aus dem Weißen Haus ablehnen, die Schwierigkeiten haben, mit einem Donald Trump und seinem Politikstil umzugehen. Einen “Middle Ground”, eine Kompromissbereitschaft, ein aufeinander Zugehen gibt es nicht und wird es auch nicht mehr geben. Die Atmosphäre ist auf Dauer vergiftet.

Die Demokraten streiten sich derzeit darum, wie man in dieses Wahljahr gehen soll, welcher Kandidat, welche Kandidatin sich durchsetzen wird, wie man am besten auf den Erfolg von Donald Trump reagieren soll. Und Trump macht Wahlkampf da, wo er gewinnen kann und muss, in den Swing States und bei seiner Wählerbasis. Er umwirbt das Militär, Farmer und Arbeiter, erzählt die Mär von der historischen Größe Amerikas, vom internationalen Respekt für die USA, von “Win, Win, Win” und spaltet damit die Nation nur weiter. Und nun versucht er erneut den Schulterschluss mit der Christlichen Rechte, den Fundamentalisten, die mit Trump all ihre christlichen Überzeugungen über den Haufen geworfen haben. Sie erkennen in ihm den Retter der Nation, der aus Amerika “God’s Country” machen wird, den von Gott Gesandten, wie es führende Evangelikale behaupten.

Die USA sind auf einem Weg, der 2020 eine fatale Entwicklung machen wird. Ich weiß, ich wiederhole mich mit dem, was ich hier schreibe, vor was ich warne. Aber auf Amerika kommen schwierige Zeiten zu, egal wie die Wahl am 3. November ausgehen wird. Wird Trump wiedergewählt, dann wird das wohl auch eine Mehrheit der Republikaner im Kongress bedeuten. Der Präsident könnte losgelöst mit seiner Partei vier weitere Jahre ungehindert schalten und walten. Die Folgen für die Umwelt, den Klimaschutz und den amerikanischen Sozialstaat wären tiefgreifend und folgenschwer. Die internationale Gemeinschaft würde auf vielen Ebenen getestet werden. Falls Trump nicht wiedergewählt werden würde, dann ist die große Frage, ob er einfach und geordnet abtreten würde, was nicht wahrscheinlich ist. Wie man Trump in diesen letzten vier Jahren kennenlernen konnte, wird er wohl eine Verschwörung wittern, vom “Deep State” sprechen und seine Basis wird das nur zu gerne glauben und annehmen. Und das ist gefährlich in einem schwergewaffneten Land, in dem Extremisten mittlerweile aus der Mitte der Gesellschaft zuschlagen.

In was für einem Land leben wir?

Eigentlich ist es nicht überraschend, wenn man sich Tag für Tag anhört und liest, was der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, Donald Trump, von sich gibt. Er beschimpft Andersdenkende, Medienvertreter, politische Gegner, Flüchtlinge, afrikanische Länder, langjährige Partner, Richter, Diplomaten, Verwaltungsangestellte. Die Liste ist lang und wahrscheinlich noch länger.

Der Ton ist rauer geworden in der amerikanischen Politik. Da wundert es nicht mehr, dass republikanische Kongressabgeordnete in Rundbriefen deutliche Worte gegen Demokraten aussprechen. So geschehen letzte Woche in einem Schreiben des Republikaners George Buck, der sich in einer Mail an Unterstützer wandte. Darin erklärte er, die demokratische Abgeordnete mit somalischen Wurzeln, Ilhan Omar, habe enge Kontakte zu anderen Nationen und damit zu terroristischen Organisationen. Und weiter schreibt Buck: „We should hang these traitors where they stand“, also man solle diese Verräter aufknüpfen, wo sie gerade sind. Das ist der Aufruf zur Lynchjustiz und der kommt von einem gewählten Repräsentanten der Republikaner.

George Buck erklärte anschließend, er habe das nicht geschrieben, lediglich seine Unterschrift darunter gesetzt. Allerdings schob er dieser Rundmail nur kurz Zeit darauf eine weitere Mail nach, in der er den Paragraphen für Hochverrat zitierte und anmerkte, darauf stände die Todesstrafe oder Gefängnisstrafe nicht unter fünf Jahren und ein Bussgeld von 10.000 Dollar.

Es ist nicht das erste Mal, dass Ilhan Omar mit dem Tod bedroht wird. In ihrem Distrikt in Minnesota tritt die Republikanerin Danielle Stella gegen sie an. Und auch sie tweetete, Ilhan Omar sollte für Hochverrat angeklagt und gehängt werden („tried for #treason and hanged“). Twitter reagierte und sperrte den Account. Der Ton macht die Musik. In den USA haben diese direkten, persönlichen und nicht begründeten Angriffe die Schwelle zur Gewalt deutlich verringert. Und nicht verwunderlich ist, dass Präsident Trump bislang keinem seiner republikanischen Kollegen über den Mund gefahren ist. Eine richtiggehende Lachnummer ist dagegen, dass sich die First Lady, Melania Trump, mit ihrer „Be Best“ Kampagne gegen das „Bullying“ einsetzt. Das muss man sich erst einmal geben!

 

 

 

Jede Stimme zählt

2016 gaben sechs Millionen Menschen in Pennsylvania ihre Stimme in der Präsidentschaftswahl ab. Am Ende lag Donald Trump mit 45.000 Stimmen vorne und bekam die 20 Wahlmänner für das „Electoral College“. Pennsylvania ist einer dieser wichtigen Swing-Staaten, auf die es auch 2020 wieder ankommen wird. Der Wahlausgang wird nicht im bevölkerungsreichsten Bundesstaat Kalifornien entschieden, sondern in ein paar Staaten, die mal so und mal so wählen, darunter Pennsylvania, Ohio, Michigan, Florida und North Carolina.

Die Republikaner hoffen, dass möglichst viele Amisch mit der Pferdekutsche zum Wahllokal fahren. Foto: Reuters.

45.000 Stimmen sind nicht viel. Donald Trump muss auch in der kommenden Wahl wieder Staaten wie Pennsylvania gewinnen, um seine Wiederwahl zu garantieren. Obwohl die Arbeitslosenquoten bei Latinos, Afro-Amerikanern und auch Frauen deutlich gesunken sind, diese Wahlgruppen springen nicht so richtig auf den Trump-Train auf. Deshalb geht man in der republikanischen Partei ganz neue Wege. Ganz offen wird überlegt, welche Wählerinnen und Wähler bislang von den Parteien nicht beachtet wurden, welche man für sich gewinnen kann.

Eine Gruppe von Republikanern hat deshalb nun AmishPAC gegründet, ein „Political Action Committee“ mit dem Ziel die Amisch in Pennsylvania zur Stimmabgabe für Donald Trump zu gewinnen. Eigentlich wären die Amisch, eine religiöse Sekte der Mennoniten, ideale GOP Wähler, sie sind konservativ christlich eingestellt, lehnen Abtreibung und Homosexualität ab. Doch diese technikablehnende Volksgruppe lebt auch strikt nach dem Vorsatz sich aus der Politik herauszuhalten. Die AmishPAC Gruppe will es dennoch versuchen, zumindest einige der 75.000 wahlberechtigten Männer und Frauen zur Stimmabgabe zu bewegen.

Bei den Demokraten sieht es nicht viel anders aus. Auch sie versuchen neue Ziel- und Wählergruppen für sich zu öffnen. Allen voran steht da der Versuch die „Native Americans“ für demokratische Kandidaten zu gewinnen, denn die Politik von Donald Trump und seiner Administration geht weitgehend gegen die Interessen der indianischen Völker in den USA. Der Wahlkampf 2020 wird also ein Kampf um jede Stimme werden, gerade in den Swing-States, in denen die Wahl am Ende entschieden und gewonnen wird.