Zum Schluss ein Prost und „Apple Pie“

John Christgau kennen wahrscheinlich nur wenige meiner Leser. Die, die mit dem Namen etwas anfangen können, wissen, dass er der erste war, der über die Internierung deutscher Staatsbürger in den USA ein Buch geschrieben hatte. „Enemies“ heisst es und erzählt die Geschichte eines amerikanischen Kapitels, das noch nicht geschlossen ist. Denn eine Verhaftungs- und Internierungswelle wäre wieder in den USA möglich. Genau so, wie es sie nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor gegen Hundertausende Japaner, Deutsche, Italiener und Amerikaner mit japanischer Herkunft gegeben hat.

Gestern war der „Memorial Service“, die Gedenkveranstaltung, für John Christgau im „Community Center“ Belmont, südlich von San Francisco. John war vor ein paar Monaten gestorben. Weit über 200 Frauen und Männer kamen. Familie, Freunde, Nachbarn, Wegbegleiter, ehemaliger Schüler. John war bis zu seiner Pensionierung ein High School Lehrer, der, wie es etliche Redner erklärten, ihr Leben verändert hat. Denn er war jemand, der sich einsetzte, der zuhörte, der Geschichten erzählen konnte, der ehrlich, offen und voller Humor war.

Ich traf ihn mehrmals für Interviews zum Thema der Internierung der Deutschen, brachte ihn mit dem deutschen Generalkonsulat zusammen, denn die Geschichte, die er in seinem Buch erzählte, war und ist den meisten unbekannt. Wir blieben bis zu seinem Tod in Kontakt. Und er war ein besonderer Mensch, der einem immer das Gefühl gab, etwas besonderes zu tun und zu machen. Er fragte nach, zeigte Interesse, bestärkte mich darin, diese Geschichte zu erzählen, gab mir bereitwillig seine Kontakte. Damals reiste ich für ein Feature nach Seattle, nach New Hampshire und nach Arizona, um vor Ort teils sehr emotionale Interviews mit ehemaligen Internierten zu führen. Denn sie sprachen oftmals zum ersten Mal ganz ausführlich über ihre Erlebnisse, die sie vergessen wollten, doch nie vergessen haben. Daraus entwickelten sich Freundschaften, die noch immer anhalten. Auch dafür sei John Christgau gedankt.

Als Journalist trifft man über die Jahre viele Menschen an vielen Orten in vielen Situationen. Wenn ich an die Gespräche mit John denke, dann muss ich lächeln. Er war besonders, allein durch seine Art, seine Offenheit, sein Engagement. Daran dachte ich, als ich gestern seinen ehemaligen Schülerinnen und Schülern, seinen ehemaligen Kolleginnen und Kollegen, seinen Töchtern zuhörte. Zum Abschied gestern gab es Apfelstrudel, auf Wunsch von John. Fast 20 verschiedene Kuchen standen da, gebacken von seinen Freunden….seine Tochter sagte es am Schluss mit seinen Worten: „Let’s have some piiiieeeee“.

Deutsche Internierte im Zweiten Weltkrieg     

Deutsche Internierung im 2. Weltkrieg

Deutsche Internierte im Zweiten Weltkrieg     

John Christgau wurde nach seinen Recherchen zur deutschen Internierung auch nach Washington DC eingeladen.

Als ich 1996 von Nürnberg nach San Francisco zog, um hier für ein paar Jahre als freier Korrespondent zu arbeiten, musste ich meine Themenlücke finden. Damals begann es im Silicon Valley und in San Francisco zu brodeln, das Internetzeitalter begann. Als jemand, der sich kaum für Computer und Technologie interessierte hielt ich mich von diesen Themen bewusst fern. Hinzu kam, dass damals rund drei Dutzend deutsche Korrespondenten in der Gegend lebten und arbeiteten, die sich fast alle auf die High Tech Industrie stürzten.

Für mich waren andere Themen interessanter und spannender, darunter die deutsche Geschichte in den USA, in Kalifornien und der San Francisco Bay Area. Und mehr durch Zufall stieß ich auf das fast völlig unbekannte deutsch-amerikanische Kapitel der Internierung deutscher Staatsbürger im Zweiten Weltkrieg, vor allem nach dem japanischen Angrif auf die Navy Base Pearl Harbor auf Hawaii. Es handelte sich dabei nicht um Kriegsgefangene und nicht um Nazi Sympathisanten. Vielmehr waren es deutsche Immigranten, die in den USA mit einem deutschen Pass lebten. Viele der 12000 Betroffenen hatten Familien, deren Kinder in den USA geboren wurden, damit amerikanische Staatsbürger waren. Doch auch sie wurden in Familienlager, wie Crystal City in Texas, interniert. Im Zuge meiner Recherchen lernte ich John Christgau kennen, der eines der wenigen Bücher über dieses Thema geschrieben hatte. „Enemies“ ist ein ganz wichtiges Geschichtsbuch, denn es beschreibt, wie die Amerikaner nach Pearl Harbor zu einem Rundumschlag gegen Japaner, Italiener und eben auch Deutsche im Land ausholten. Es herrschte Panikstimmung in den USA. Und nicht nur das, die Agenten des FBI schwärmten aus, um deutsche und japanische Staatsangehörige in Mittel- und Südamerika zu verhaften und in Internierungslager in den USA zu bringen.

John Christgau erzählte diese spannende deutsch-amerikanische Geschichte, die die meisten Amerikaner und Deutsche gar nicht kennen. Er selbst hörte auch durch Zufall davon, als er bei einem Nachbarn war. John lud mich zu sich nach Belmont ein, wir trafen uns gleich mehrmals für dieses Feature, das man oben im Audioplayer hören kann. Er vermittelte mir weitere Ansprechpartner, ich flog für Interviews mit ehemaligen Internierten nach Seattle, nach Arizona und nach New Hampshire. Diese Geschichte war so aufregend und beeindruckend, dass ich John mit dem deutschen Generalkonsulat in Verbindung brachte. Auch dort hatte man von der deutschen Internierung kaum etwas gehört. Nach dieser Recherche blieben wir in Kontakt. John lud mich immer mal wieder zu Lesungen ein. Er war ein rastloser Schreiber, der Geschichten aufsog und erzählte und ein gutes Dutzend Bücher veröffentlichte. Ein Meister des Wortes, der ein hervorragender Interviewpartner war, denn er dachte genau darüber nach, was er sagen wollte und konnte.

Der 84jährige John Christgau verstarb nun unerwartet. Noch vor kurzem hatte er mich zu einem Theaterstück eingeladen. Natürlich zu einem von ihm selbst geschrieben. Im kommenden Frühjahr soll es eine Gedenkveranstaltung für ihn geben, passend in der städtischen Bibliothek von Belmont.