Darauf ein Glas Wein

Gestern war ich in Sonoma County, um meine „Futures“ bei meinem Lieblingsweingut abzuholen. Wein, den ich im letzten Jahr im Fass probiert und dann bestellt hatte. Nun abgefüllt, gelagert, „ready to drink“. Die „Tasting Rooms“ sind ja derzeit geschlossen, die Krise trifft die Region hart. Nach den gewaltigen Bränden im letzten Jahr, die damit verbundenen Schließungen ist nun erneut ein Nullpunkt erreicht.

In einem Lagerhaus in Windsor holte ich meine Kisten ab, mit Mundschutz und auf Distanz wurde alles in den VW Bus eingeladen. Wir standen dann noch zusammen und unterhielten uns. Es sieht nicht gut aus, für die kalifornische Weinindustrie. Einige „Tasting Rooms“ werden nicht mehr öffnen, hieß es, viele der Angestellten mußten entlassen werden, Weingüter sind bereits in finanzielle Schieflage geraten. Das Ende sieht nicht gut aus.

Das „Dry Creek Valley“ per Fahrrad erleben.

Der „County“, der Bezirk, hat nun angekündigt, nach Wochen der Schließung wieder langsam zu öffnen. Wie das aussehen soll, ist allen noch unklar. „Wine Tasting“ mit Maske, mit Distanz, mit Latexhandschuhen und Desinfektionsmitteln? „Well, I don’t have an answer?“, wurde mir gesagt. Abwarten, sehen, was passiert, hoffen, dass es nicht zu einer zweiten Infektionswelle und erneuten Totalschließungen kommen wird.

Vom Lagerhaus fuhr ich nach Downtown Healdsburg, der Kleinstadt im Zentrum des Weinanbaugebietes in Sonoma County. Am zentralen Platz, an dem riesige Redwoods aufragen, war alles leer. Nur wenige Geschäfte hatten geöffnet. Ich parkte meinen Wagen, holte mein Fahrrad raus und fuhr los Richtung „Dry Creek Valley“, von dort kommen „meine“ Weine, dort gibt es den besten Zinfandel. Eine 30 Kilometer Rundfahrt, entlang der Reben, vorbei an geschlossenen Weingütern, der Himmel war bewölkt. Wenig Verkehr, ein paar Arbeiter zwischen den Rebstöcken. Das Valley ist ganz besonders, eine schöne, ruhige Atmosphäre und ideal für den Weinanbau, denn es wird tagsüber oft heiß, doch nachts zieht eine Nebeldecke vom Pazifik kommend kühlend über die Landschaft.

An einigen Stellen kann man noch Schilder finden, auf denen den Einsatzkräften nach den Feuern gedankt wurde. Damals konnte durch den schnellen und kontrollierten Einsatz der Feuerwehren schlimmeres für das Valley verhindert werden. Doch wochenlang hing eine dicke Rauchglocke über der Region, der 101 war geschlossen, weite Teile des Counties evakuiert und natürlich war die Weinindustrie davon besonders betroffen. Gestern lag das Tal ganz friedlich vor mir. Ich radelte voran und dachte mir „strange times“. Später dann, ein Glas Wein auf die kalifornischen Winzer. Zumindest kann man sie so etwas in all dem Irrsinn unterstützen. Cheers!

Ohne Helm auf’m Drahtesel

Das musste ja kommen. Doch wie, das war nicht zu erahnen. Ich fahre eigentlich viel Fahrrad, schon immer. Als ich noch in Nürnberg wohnte, war ich nur mit dem Radl unterwegs. Selbst als ich eine zeitlang in Kornburg wohnte, trampelte ich Tag für Tag zur FH nach Nürnberg und sogar zum Handballtraining auf dem alten Sportgelände des TV Jahn. Ja, ich hatte stramme Wadeln.

Rennrad ohne Helm und Fahrer.

Rennrad ohne Helm und Fahrer.

Hier in der San Francisco Bay Area hat sich mein Fahrradfahren etwas verändert, nun ist es nicht mehr so sehr das tägliche Fortbewegungsmittel, sondern vorrangig die sportliche Betätigung für einen fast 47jährigen nach zwei Knieoperationen. Man muß ja was tun!

Und ja, ich fahre ohne Helm. Ich setze mich aufs Rennrad und los geht es, meistens so für eine Stunde. In meinem Leben hatte ich schon mehrere Crashs, wenn ich durch Nürnberg fahre, dann kann ich ein paar Stellen aufzählen, an denen ich auch schon auf dem Seitenstreifen, Fußgängerweg oder der Straße gelegen habe. Alles ohne Helm, irgendwie schwebte da immer ein Schutzengel neben mir her.

Doch nach wie vor fahre ich ohne Helm. Die Frage ist, für wie lange noch. Denn die demokratische Senatorin im kalifornischen Parlament, Carol Liu, hat nun eine Gesetzesinitiative eingebracht, in der nun auch alle Erwachsenen über 18 Jahre zum Tragen eines Helmes verpflichtet werden sollen. Wer ohne fährt, muß 25 Dollar Strafe zahlen. Was wie ein „Homerun“ aussah, wird jedoch so nicht verabschiedet werden, denn Liu stößt gerade bei Bike-Organisationen auf Widerstand. Die sagen, es gehe nicht darum die Latte zum Radeln höher zu legen, sondern mehr Menschen aufs Fahrrad zu bekommen, denn nur so steige das Verständnis fürs Zweirad im Straßenverkehr.

Auch hat Carol Liu nicht nur vorgeschlagen, dass nun jeder und jede einen Helm tragen muß. Nein, sie will auch, dass Fahrradfahrer dazu „genötigt“ werden, eine Signalweste in Leuchtfarbe zu tragen. Ich glaub‘, es hackt! Bei allem Verständnis dafür, dass man Kopfverletzungen im Straßenverkehr reduzieren will, warum bitte soll ich in Grellfarbe durch die Gegend radeln? Höchstwahrscheinlich wird irgendwann die verpflichtende Helmvorschrift kommen, doch in der jetzigen Form ist die Gesetzesnovelle ein Witz. Denn nicht nur der Wilde-Westen-Zusatz ist dämlich, sondern auch die Tatsache, dass es keine Regularien für Helme gibt. Helme schützen nur dann, wenn sie geprüft und vor allem regelmäßig erneuert werden. Und beides steht nicht zur Debatte.

Carol Lius Neffe, Alan Liu, starb 2004. Ein betrunkener Autofahrer hatte ihn auf seinem Fahrrad übersehen. Alan Liu trug einen Helm.

Außerparlamentarische Fahrradopposition

Es gibt sie noch, die kritische Masse. Und das wurde am Freitagabend in San Francisco ganz deutlich. An jedem letzten Freitag im Monat treffen sich Fahrradfahrer am Justin-Herman-Plaza, direkt am Ferry Building, um dann irgendwann und ohne genauen Plan Downtown San Francisco lahmzulegen.

1992 begann diese Form des Protestes, eine Aktion, die gestern ihren 20. Jahrestag erlebte. Normalweise sind ein paar Hundert „Cyclists“ unterwegs, dieses mal kamen erneut Tausende von Fahrradfahrern, und nichts ging mehr in Downtown. Es ist eine lose Zusammenkunft. Es existiert kein Routenplan, es gibt keine Organisatoren, keine Sprecher von „Critical Mass“ drängen sich in den Vordergund. Es geht einfach darum, das Fahrradfahren als Bewegungsmittel in den Vordergrund zu stellen, gleichzeitig für bessere Fahrradwege und Verständnis auf den Straßen zu werben. „Critical Mass“ war in der Vergangenheit nicht unumstritten, es kam teilweise zu heftigen Auseinandersetzungen mit Autofahrern und Polizei, doch das ist Vergangenheit. Zum 20. Jahrestag radelten Polizisten am Rande mit, PKW- und Taxifahrer hupten unterstützend, als der kilometerlange Tross vorbei kam.

„Critical Mass“ wird 20 und zeigt nicht nur, dass Fahrradfahren eine Alternative in einer Großstadt wie San Francisco geworden ist, sondern auch, dass sich politisch und vor allem außerparlamentarisch und außerhalb der Parteien so einiges tut. Zum nächsten Freitagstreffen werde ich mal wieder dabei sein, der letzte Freitag vor Halloween und das letzte Radeltreffen vor den Novemberwahlen…..es könnte lustig werden.

Back in the U-S-AIH

Da ist man mal ein paar Wochen weg und schon geht es hier rund wie bei Hempels unterm Sofa. Der Wahlkampf ist mehr als erhitzt, ein Thema ist das geplante Islamzentrum in der Nähe von „Ground Zero“ in New York. Die einen sehen es als Symbol für ein offenes Amerika, die anderen als Provokation auf heiligem Grund. Der frühere Sprecher des US Kongresses Newt Gingrich verstieg sich gar in die Aussage, der Bau einer Moschee in der Nähe von Ground Zero käme Nazi Plakaten vor dem Holocaust Museum in Washington DC gleich. Noch Fragen!? Und Obama? Na, der ist sowieso ein verkappter Muslim, der Amerika den Terroristen ausliefern will, so die weit verbreitete Meinung in diesen Tagen. Was soll man da noch sagen? Die sogenannten „Tea Party“ Kandidaten im konservativen und rechten Lager der Republikaner werden immer erfolgreicher und machen es der Partei und den erfahrenen Politikern auch nicht leichter. Da stehen uns noch ein paar sehr schöne, unterhaltsame und äußerst schmutzige Wahlkampfwochen bevor.

In San Francisco kamen gleich zwei deutsche Touristen innerhalb einer Woche ums Leben. Doch vor allem der Tod des 21jährigen Radfahrers Nils Linke schlägt hier hohe Wellen. Der Täter, ein 37jähriger, stieg nach dem Zusammenprall aus dem Auto, räumte Teile des Fahrrads zur Seite, tauschte den Fahrersitz mit seiner Freundin und floh. Der deutsche Tourist lag unterdessen sterbend auf der Straße. Nur kurze Zeit später wurde der Fahrer gestellt und aufgrund von Zeugenaussagen auch verhaftet. Vor Gericht kam nur das lapidare „Not guilty“.

Oben ohne in SFAber auch die ganz seltsamen, typisch amerikanischen Stories dürfen in diesen Tagen nicht fehlen. Gestern gab es den dritten „Go Topless Day“ in den USA. Also nackte Brust zeigen. Eine Handvoll zumeist männlicher Aktivisten stellte sich dafür in Downtown San Francisco oben ohne hin und verlangte auch für Frauen das Recht in der Öffentlichkeit obenrum nackig sein zu dürfen. Das sei nur eine Form der Gleichberechtigung, meinten die männlichen Protestierer. Denn in den USA dürfen Frauen nirgendwo „topless“ sein. Der Haken an dieser Geschichte ist, dass hinter dieser Aktivistengruppe eine eher skurile Organisation steckt, die „Raelian Movement“. Das ist so eine Art freie Sex Scientology Kommune, die wie die Jünger von L. Ron Hubbard glaubt, dass vor langer Zeit Außerirdische mit Ufos kamen und die Menschen geformt haben. Was das nun mit nackigen Brüsten zu tun hat, weiß ich auch nicht, aber egal….Ich bin zurück in den USA, welcome back!