Die Lage am Horn von Afrika ist mehr als angespannt

Zum Ende meiner Reise ans Horn von Afrika interviewte mich ein Netzwerk an Schweizer Lokalradios für einen Aktionstag am kommenden Dienstag. An diesem Tag soll auf die aktuelle Krise in Somalia, Somaliland und der Region hingewiesen und Spenden für die betroffene Bevölkerung gesammelt werden. Hier das Interview im Wortlaut:

Arndt Peltner, Sie sind ans Horn von Afrika gereist, nach Somaliland und Puntland in Somalia, wie ist Ihr Eindruck?

– In der unabhängigen Republik Somaliland und auch in Puntland, dem nordöstlichen Teil von Somalia, ist die Situation mehr als angespannt. Mitte März hätte bereits die aktuelle Regenzeit beginnen müssen, doch bislang ist kaum Regen gefallen. Das ist nun bereits die vierte ausbleibende Regenzeit in Folge, und das bedeutet, die Böden sind ausgetrocknet. Flüsse, Bäche, Seen existieren nicht mehr. Das sieht man gerade, wenn man über das Land fliegt, es gleicht einer kargen Mondlandschaft. Die Weideflächen sind nicht mehr existent, Zweidrittel des Viehs, also Ziegen, Kamele und Rinder sind bereits verendet. Wir reden hier von etwa 10 Millionen Stück Vieh. Überall wohin man hier fährt, sieht man tote Tiere am Straßenrand. Es ist ein Bild des Schreckens.

Die 45jährige Sahra Hawadle Diiriye hat fast ihre gesamte Herde von 500 Ziegen verloren.

Was können die Regierungen in Somaliland, in Puntland und Zentral-Somalia, was können Hilfsorganisationen tun?

– Sie versuchen ihr bestes. Die Regierungen hier haben kaum Eigenmittel, um die Krise in den Griff zu bekommen. Das Problem ist, dass die somalische Bevölkerung zum großen Teil nomadisch lebt, also mit ihren Tieren umher zieht. Derzeit wird versucht die Menschen zu erreichen, sie mit dem Nötigsten zu versorgen. Das heißt, Tanklaster mit Wasser fahren bis zu einhundert Kilometern weit, um Wasser in entlegene Gegenden und zu den Bedürftigen zu bringen. Dazu Lebensmittel, wie Mehl, Reis, Zucker. Das alles in einer Hitze von 35, 36, 37 Grad. Die Stammesältesten sprechen hier von der schlimmsten Dürre in über 50 Jahren. Die letzte Dürre in Somalia, 2011, forderte über 200.000 Tote. Doch diese Dürre und ihre Folgen war nur in einigen Regionen des Landes zu spüren. Die aktuelle Krise erfasst das ganze Land. Wir reden hier von der Hälfte der Bevölkerung, die betroffen ist, über sechs Millionen Menschen.

Somalia kennen wir nur aus den Schlagzeilen, ein gescheiterter Staat, der im Chaos und Terror versinkt. Ist das der Grund für die derzeitige Krise?

– Es ist auch ein Grund, in den vergangenen Jahren konnte wenig an der Infrastruktur gearbeitet werden, die präventiv wirken könnte. Und für mich als westlicher Besucher bedeutet das immer, mit bewaffnetem Begleitschutz unterwegs zu sein. Aber der Hauptgrund ist vor allem die anhaltende Dürre. Das Wetterphänomen El Niña hat weite Teile Ostafrikas fest im Griff, der Regen bleibt aus. Somalia und auch die umliegenden Länder sind betroffen, wie der Osten Äthiopiens und der Norden Kenias. Im großen und ganzen erreichen die Hilfsorganisationen die Bedürftigen, nur in einigen Teilen im Süden des Landes, in denen die Al Shabaab Milizen die Kontrolle haben, ist die Situation ganz dramatisch, denn dort erreicht die Hilfe die Menschen nicht. Es ist für die NGOs zu gefährlich dort im Einsatz zu sein.

Wie schlimm ist die Lage?

– Ich kann es nicht deutlich genug sagen. Wenn es nicht innerhalb von wenigen Wochen regnet und vor allem gut regnet, werden sich hier am Horn von Afrika dramatische Szenen abspielen. Schon jetzt kann man die Zeichen deutlich sehen. Millionen von Ziegen, Kamelen und Rindern sind verendet, die Kadaver liegen an den Straßen. Damit breiten sich Krankheiten aus, Fälle von Cholera wurden schon vermeldet. Hinzu kommt die Unterversorgung vor allem der nomadischen Bevölkerung, der Hirten, die in dieser Krise alles verloren haben. Ich war vor ein paar Tagen in einer abgelegenen Siedlung von Hirten, irgendwo im Nirgendwo von Puntland. Alle Kinder dort sind unterernährt, werden derzeit mit Hilfe von Organisationen wie CARE aufgepäppelt. Noch spricht man von „Medium Acute Malnourishment“, also einer noch im Grenzbereich befindlichen Unterernährung. Aber die Lage spitzt sich zu. Wenn sich der Status von „Medium“ auf „Severe“, auf massiv oder schwer, verändert, muss innerhalb von 72 Stunden gehandelt werden. Und das ist eine Aufgabe, die in einem Land wie Somalia fast unlösbar erscheint. Auch wenn keiner offen darüber reden will, die Planungen für den schlimmsten Fall laufen bereits. Doch dafür braucht man jetzt die nötigen Mittel vor Ort.

Man muss sich schon fragen, warum es überhaupt so weit kam, hätte man sich besser auf die Krise vorbereiten können? Die Dürre kam ja nicht über Nacht?

– Das stimmt, die Dürre hat sich lange angekündigt. Derzeit bleibt bereits die vierte Regenzeit aus, und das in einem eher unwirtlichen Land. Fehlender Niederschlag wird hier gleich zu einer Katastrophe. Doch man hat aus der letzten Hungerkrise 2011 durchaus gelernt. Die Koordination zwischen den Regierungsstellen und den NGOs wurde verbessert. Die Warnzeichen wurden frühzeitig erkannt und auch weitergegeben, auch an die UN. Als ich im Herbst 2015 durch Somaliland und Puntland reiste, war die Lage bereits angespannt. Damals verendeten zwar noch keine Tiere, aber viele Ernten blieben aus. Die Regierungen und Hilfs-Organisationen waren gewarnt, aber Somalia, das seit 1991 in den internationalen Medien vor allem als Krisen- und Chaosstaat beschrieben wird, war nicht so auf dem Radarschirm, wie es hätte sein sollen. Syrien, die Flüchtlingskrise, Ebola, die Wahl in den USA und nun die Hungerkatastrophen in Nigeria, im Südsudan, im Jemen….Somalia spielte da nur eine untergeordnete Rolle in den Medien, aber auch bei den Spendern. Jetzt versucht man eben vor Ort den Fokus auf dieses geschundene Land zu legen. Und es muß schnell gehen.

Sie haben auf ihrer Reise durch Somaliland und Puntland mit vielen betroffenen Menschen gesprochen. Wie gehen sie damit um?

– Die Menschen kennen das Land und seine Bedingungen. Es ist trocken, Wüste, Dürren gehören hier dazu, immer mal wieder kommt es zu Hungerkatastrophe. Aber die Dimension ist diesmal eine andere. Das ganze Land ist betroffen. Und dennoch, ich war in Ansiedlungen von Flüchtlingen, die alles verloren haben, von der Hand in den Mund leben, die mir aber sagten, sie werden auch diese Krise überstehen. Sie hoffen auf Allah und auf die internationale Hilfe, die sie durch diese schwierige Zeit bringen und ihnen hoffentlich anschliessend einen Neustart als Viehzüchter ermöglichen werden. Die derzeitige Situation ist also nicht mit etwas Regen bewältigt. Die medizinische Versorgung für die Menschen und die Tiere muß mittelfristig gewährleistet werden, sie werden einen Neustart brauchen, die Mittel dafür müssen von außen kommen. Wenn man hier die Alten fragt, die ihr Leben lang Vieh gezüchtet haben, Somalia in und auswendig kenne, wenn man sie fragt, wird der Regen noch kommen, sagen sie, mit einem Lächeln und einem Schulterzucken: Insh’Allah….wenn Gott will.

Die braune Erde Somalia

Mit einem Flieger des „World Food Programs“ ging es zurück nach Hargeisa.

Heute ging es von Garowe über Boosaaso am Golf von Aden zurück nach Hargeisa. Ein Flug über Puntland hinweg im Nordosten Somalias, direkt am Horn von Afrika und dann Richtung Osten und nach Somaliland. Wie Narben ziehen sich die Flussbette durch die Landschaft. Kein Wald, kein See, kein Fluss ist von oben zu sehen. Alles ist braun, erscheint unwirtlich, fast wie eine Mondlandschaft. Wären da nicht immer wieder ein paar Dörfer.

Die letzten Tage haben mir gezeigt, wie hart das Leben in diesem Teil Afrikas ist. Besuche in den Dörfern, in den Ansiedlungen von Inlandsflüchtlingen führten mir das ganze Ausmaß der Krise vor Augen. Die Menschen haben nichts außer der Hoffnung auf bessere Zeiten. Die letzten drei Regenperioden sind bereits ausgefallen, seit Mitte März sollte es eigentlich wieder regnen. Sollte! Der fehlende Niederschlag bringt das Land an den Rand einer Katastrophe.

Vor meinem Abflug aus Garowe sprach ich noch mit dem CARE Länderdirektor für Somalia, Raheel Chaudhary.

Das ganze Ausmaß der Dürre kann man von oben sehen.

Er arbeitet seit über 20 Jahren für Hilfsorganisationen, hat in Ländern wie Afghanistan, Jemen, Südsudan und eben Somalia Erfahrungen sammeln können. Auch für ihn ist diese Dürre etwas ganz Neues. Bislang, so Chaudhary, gab es Hungerkrisen in Teilen Somalias, zuletzt 2011. Doch diese hier erfasst das ganze Land, sogar darüber hinaus. Der Norden Kenias, Äthiopien, Südsudan, Jemen sind betroffen. Die Krise hat eine bislang nicht dagewesene Dimension erreicht.

Hat er Hoffnung? Raheel Chaudhary überlegt kurz und beschreibt dann das Gespräch vom Vortag, als wir in diese Nomadenansiedlung mitten im Nichts kamen und eine Frau über ihren Alltag berichtete. Sie erzählte von den Schwierigkeiten, von ihren sieben Kindern, aber auch davon, dass ihnen geholfen werde. Mit Wasser, Nahrung und Bargeld, und wenn Gott es will, werde es auch bald wieder regnen. Und dann, so die Frau, werden sie und ihre Nachbarn wieder losziehen, mit neuen Tieren fruchtbare Weidegebiete finden, Insh’allah. Insh’allah meinte Raheel Chaudhary mit einem Lächeln. Diese Frau, sagte Chaudhary zu mir heute Morgen, habe Hoffnung und das gebe auch ihm Hoffnung. Die Hilfe, die sie als Organisation geben, auch wenn sie noch so klein ist, kommt an. Auch das zeige ihm dieses Gespräch mit der Mutter. Sie gibt nicht auf, wie könnte dann er aufgeben.

Eine Dürre wie seit 50 Jahren nicht mehr

„Wir haben die Stammesältesten in Puntland gefragt, und keiner konnte sich an so eine Dürre erinnern“, meinte Dr. Abdullahi Abdirahman Ahmed, General Manager der „Humanitarian Affairs and Disaster Management Agency“ (HADMA) in Puntland. „Wir reden hier nicht von ein, zwei, drei Regionen. Das ganze Land ist betroffen.“ Abdullahi zeichnet ein katastrophales Bild im NZ-Interview von der Situation in Puntland. Die Regierung und die Hilfsorganisationen im Land ständen vor einer fast unlösbaren Aufgabe, sagt er.

Über eine Piste geht es ins Dorf Uskure.

CARE ist seit 25 Jahren in Somalia. „Sie tun was sie können“, meint der Chef von HADMA. Aber er sehe die Spendenmüdigkeit, die die Arbeit von NGOs erst ermöglicht. „Uns rennt die Zeit davon. Seit Mitte März ist die Regenzeit angebrochen, doch es gab so gut wie keinen Niederschlag. Wenn bis Ende April, Anfang Mai kein Regen fällt, werden viele, viele Menschen sterben.“ Ihre Tiere haben viele Farmer und Viehzüchter bereits aufgegeben. Einige, die es sich leisten können, kaufen Mais und füttern damit das Vieh. Doch das hat zur Konsequenz, dass die Maispreise im Land drastisch gestiegen sind, somit wird auch der „türkische Weizen“ fast unerschwinglich für jene, die sich kein Reis und keine Nudeln leisten können.

Somalia steht am Rande des Abgrunds. Das wird auch deutlich, als es nach dem Interview im HADMA Büro in Garowe raus ins Dorf Uskure im Distrikt Dangorayo geht. Bis Dangorayo geht es auf einer geteerten Landstrasse, danach über eine Schotterpiste fast querfeldein. Links und rechts der Strasse und Piste liegen immer mal wieder tote Tiere, Kamele und Ziegen.

300 nomadische Familien haben sich neben dem Dorf Uskure niedergelassen. Ihre Tiere sind verendet.

Nach über einer Stunde Rumgeruckel erreichen wir das abgelegene Dorf, daneben haben sich 300 nomadische Familien in ihren Zelten niedergelassen. Sie sind hier, weil sie Hilfe brauchen. Normalerweise ziehen sie mit ihren Herden durchs Land, doch die gibt es nicht mehr. Hier am Rande von Uskure leben sie von der Hand in den Mund, einmal im Monat wird Wasser und Nahrung gebracht. Sie hoffen auf mehr von der Regierung von Hilfsorganisationen. Im Schatten eines der wenigen Bäume führe ich das Interview mit Dorfchef. Um uns herum etliche Männer, die mal nicken, mal vor sich murmeln. Die zahlreichen Kinder drängeln sich dazwischen, beobachten das ungewöhnliche Interview.

Doch die Menschen in Uskure sind nicht die einzigen in diesem geschundenen Land. Die Dürre ist gewaltig, die kalifornische Trockenperiode, die ich erlebt habe, war dagegen nichts. Die Tierkadaver, die man überall am Horn von Afrika sieht, sind ein bedrückendes Zeugnis dieser Krise. Und die Zeit tickt, wenn der Regen nicht bald kommt, werden hier viele Menschen sterben. Schon jetzt deuten sich die Zeichen der Hungerkatastrophe an. Kinder werden krank, manche sterben sogar, weil sie Wasser aus verunreinigten Tümpeln und Pfützen getrunken haben. Krankheiten breiten sich aus. Die Angst vor einer nicht mehr zu kontrollierenden Katastrophe ist überall zu spüren. Es geht jetzt um eine flächendeckende Nothilfe. Darauf bauen, darauf hoffen die Menschen in Puntland.

Gelandet und doch nicht angekommen

Im Landeanflug auf den Flughafen von Hargeisa, Somaliland. Die Landschaft weit, leer und sehr trocken.

Ich bin da und doch ist noch alles so weit weg. Der Anflug auf Hargeisa zeigte ein Land, das schon immer mit der Trockenheit zu kämpfen hatte. Viel Wasser gab es hier noch nie, doch die Menschen haben sich angepasst. Die aktuelle Situation bedeutet jedoch eine Krise, die nur sehr schwer zu fassen ist.

Gleich in vier Ländern haben die Vereinten Nationen einen „Famine“, eine Hungerkatastrophe ausgerufen. Betroffen sind geschätzte 20 Millionen Menschen. Das hat eine Dimension erreicht, die kaum noch zu kontrollieren ist. Allein diese Zahl sagt aus, dass viele Menschen sterben werden. Denn die koordinierten Hilfsmaßnahmen, die umgehend anlaufen müssten, bleiben aus. Die USA als wichtigster „Donor“ der UN ziehen sich zurück. In Europa, so scheint es, blickt man mehr auf die eigenen Probleme, die Flüchtlingskrise, der Brexit, anstehende Wahlen. Bereits im Februar hatten führende Politiker am Horn von Afrika auf die drohende Katastrophe hingewiesen und einen Appell an die internationale Gemeinschaft gerichtet. Viel ist nicht passiert. Bis Ende Juli müssten vier Milliarden Euro zusammen kommen, bislang sind es gerade mal zehn Prozent davon. Die Türkei, als eines der wenigen Länder, startete eine direkte Soforthilfe. Doch das langt einfach nicht aus. Die drohende Hungerkatastrophe in gleich mehreren afrikanischen Ländern und im Jemen darf nicht ausgesessen werden.

Zahlreiche internationale Hilfsorganisationen sind hier in Somaliland, Puntland und South-Central Somalia vor Ort, darunter auch CARE, die schon lange am Horn von Afrika aktiv und über lokale Organisationen sehr gut vernetzt sind. Das zahlt sich nun aus. In den kommenden Monaten sollen „1,6 Millionen Menschen mit Wasser, Lebensmitteln und Hygieneartikeln in den am stärksten betroffenen Regionen“ versorgt werden. Doch auch dafür wird viel Geld gebraucht. Ich wurde in den letzten Wochen und Tagen mehrfach gefragt, wohin man Geld spenden sollte, wenn man helfen möchte. Meine Antwort war und ist immer die gleiche, gerade weil ich seit ein paar Jahren mehrfach mit CARE unterwegs war, im Kongo, im Tschad, im Niger und eben mehrmals am Horn von Afrika, und so direkt die Arbeit dieser Hilfsorganisation vor Ort und ihre Projekte sehen konnte. Von daher hier der Link zu CARE Deutschland.

Dieses Ziel von CARE, 1,6 Millionen Menschen zu erreichen, zeigt allerdings auch, dass es nicht nur der Hunger ist, der hier tödlich zuschlägt. Die Wasserknappheit, die Dürre führt im vierten Jahr erneut zum Ausfall der Ernte. Doch auch das Vieh stirbt, aus Mangel an Nahrung und Wasser. Damit wird die Zukunft Hunderttausender Somalier mittel- und langfristig vernichtet. Hinzu kommt, dass die Menschen in den ländlichen Gegenden Wasser aus verseuchten Pfützen nutzen, Krankheiten breiten sich rasend schnell aus. CARE spricht von einem Kampf an mehreren Fronten und das in einem Land, dass in weiten Teilen im Chaos und im Terror versinkt.

Zu helfen ist schwer und dann auch wieder nicht. Zumindest müssen die, die hier vor Ort helfen wollen und können, die finanziellen Möglichkeiten haben, um die Sofort- und Nothilfe umzusetzen. Eine Diskussion über den Sinn und Zweck von Entwicklungshilfe loszutreten, wie mir dies ein Vertreter der sogenannten AfD aufs Auge drücken wollte, halte ich an diesem Punkt für mehr als zynisch. Es gibt Möglichkeiten zu helfen, nutzen wir sie.

Reise in die Katastrophe

Auf dem Weg zum Flughafen. Mit der Bahn nach Frankfurt, von dort weiter über Addis Abeba nach Hargeisa in Somaliland. Irgendwann morgen früh werde ich da sein, in der Republik, die es nicht geben darf. Somaliland wird nach wie vor international als Teil von Somalia gesehen, obwohl sich das einstige Britisch-Somaliland schon 1991, nach dem Sturz des Diktators Siad Barre von Rest-Somalia abgespalten und losgelöst hat. Doch niemand erkennt diesen friedlichen und boommenden Teil am Horn von Afrika an. Man wolle eine „Balkanisierung“ der Region verhindern, so das deutsche Außenministerium auf Anfrage.

Doch diese harte „diplomatische“ Haltung und die angespannte Sicherheitslage in Rest-Somalia machen es schwer in der aktuellen Situation. Am Horn von Afrika droht ein Hungerkatastrophe gewaltigen Ausmaßes. Sechs Millionen Menschen, so die Schätzungen der Vereinten Nationen, könnten alleine hier von der Dürre und der bevorstehenden Notsituation betroffen sein. Hunderttausende sind bereits auf der Flucht, um in anderen Teilen des Landes Hilfe, Nahrung und Wasser zu finden. Millionen Rinder, Kamele und Ziegen sind bereits verendet. Die Lage spitzt sich zu.

Doch Somalia und Somaliland sind nicht die einzigen Hungerkatastrophen. In Nord Nigeria, im Südsudan und im Jemen hungern die Menschen. Im Norden Kenias breitet sich die Dürre aus, in Äthiopien und Eritrea sieht es nicht besser aus. Die UN und Hilfsorganisationen sprechen bereits von der schlimmsten Hungerkrise in nahezu 70 Jahren. Insgesamt sind mehr als 20 Millionen Menschen betroffen. Und das zu einer Zeit, in der sich die USA unter Präsident Donald Trump aus ihrer internationalen Verantwortung zurückziehen. Trump kürzt die Budgets für das State Department und wichtige Hilfsprojekte und -programme in Übersee. Die Katastrophe gerät damit außer Kontrolle.

Meine Reise beginnt und endet in Hargeisa, der Hauptstadt Somalilands. Von dort wird es in ländliche Gegenden gehen, die besonders von der Dürre betroffen sind. Auch in der semi-autonomen Region Puntland, direkt am Horn von Afrika gelegen, werde ich unterwegs sein. Gespräche mit Betroffenen führen, Besuche bei Bauern, in Flüchtlingslagern, in Krankenhäusern. Interviews, das Tönesammeln und eine Unmenge an Eindrücken warten auf mich, die ich dann irgendwie zu Artikeln, Beiträgen und Features aufarbeiten muss. Eine Reise, die für mich Grenzen neu setzen wird.

AMERICA FIRST….who cares about Africa

Südsudan, Nigeria, Jemen und Somalia. Vier Länder, in denen eine gewaltige Hungerkatastrophe droht. Betroffen wären etwa 20 Millionen Menschen. In drei der Länder sind für den Hunger vor allem Krieg und Terror verantwortlich. Am Horn von Afrika, in Somalia, hier vor allem in der unabhängigen Republik Somaliland und der semi-unabhängigen Republik Puntland, regnete es schon seit zwei Jahren nicht mehr. Die Felder verdorren, Ziegen und selbst Kamele verenden elendlich. Sie finden kaum noch Nahrung und kein Wasser mehr.

„America First“. Während die Welt gebannt nach Washington blickt und jedes Tweet von Präsident Donald Trump ausführlich debattiert, sterben in den drei afrikanischen Ländern und Jemen die Menschen. Der neue Generalsekretär der Vereinten Nationen, António Guterres, hat für diese Länder ganz offiziell eine Hungersnot ausgerufen. Es müsse umgehend gehandelt werden, so Guterres. Bis Ende März brauche die UN für Hilfsprogramme 5,6 Milliarden Dollar. Bislang stehen gerade mal zwei Prozent davon zur Verfügung. Der Leiter des „World Food Programs“, Arif Husain, erklärte: „Wenn man eine Hungersnot ausruft, dann sind schon schlimme Dinge passiert. Menschen sind schon gestorben.“

Bilder, die wir sehen sollten: Foto: Reuters.

Ein „Famine“, eine Hungersnot, wird nicht einfach so erklärt. Drei Fakten müssen zusammen kommen: wenn einer von fünf Haushalten in einer spezifischen Region unter extremer Nahrungsknappheit leidet. Wenn mehr als 30 Prozent der Bevölkerung unter akuter Unterernährung leiden. Wenn mindestens zwei Menschen von 10.000 pro Tag an den Folgen von Unterernährung sterben.

Und die USA unter Präsident Trump äußert sich bislang dazu nicht. Amerika ist der größte Geldgeber der Vereinten Nationen, doch Trump machte im Wahlkampf mehrmals deutlich, dass sich das ändern werde, wenn er ersteinmal im Weißen Haus sitzt. Bei der Übergabe im Außenministerium erklärten denn auch die Trump-Leute, dass nun ein neuer Wind auf der internationalen Bühne wehen wird. Fragen zu Afrika kamen, doch es waren Fragen wie, was bestimmte Einsätze, wie die Anti-Terror Aktionen gegen die Al-Shabaab Milizen in Somalia und die Jagd auf Joseph Kony in Uganda und Kongo mit den USA zu tun hätten. Alle amerikanischen Ausgaben, darunter auch die Finanzierung wichtiger Hilfsprojekte in Afrika, werden ab sofort auf den Prüfstand gestellt. „America First“. Was auch von den Leuten im „State Department“ gefragt wurde, gibt den Ton der Trump-Regierung weltweit vor: „Wie konkurrieren U.S. Unternehmen mit anderen Nationen in Afrika? Verlieren wir gegen die Chinesen?“

Es geht um Business, um Gewinne, um Absatzmärkte. Gelder für Hilfs- und Notprogramme bringen keinem Amerikaner etwas. Wichtig sind Jobs im eigenen Land, damit gewinnt man Wahlen. Verhungernde Menschen in Ländern, die sowieso kein Amerikaner besucht, interessieren da wenig. Sogar Gesundheitskrisen, wie der Ebola Ausbruch in Guinea, Sierra Leone und Liberia, werden unter Trump neu bewertet. Nicht die Frage wurde gestellt, was vor Ort zu tun sei, um so eine Katastrophe mit 10.000 Toten in Zukunft zu verhindern, sondern: „Wie können wir verhindern, dass der nächste Ebolaausbruch nicht die U.S. trifft? „America First“…doch das ist nicht mein Amerika!