Es ist gefährlich schwarz zu sein

Vor einem Jahr wurde in Ferguson, Missouri, Michael Brown erschossen. Von einem Polizisten, der ihn kontrollieren wollte. Was sich genau ereignete und was zu den tödlichen Schüssen führte, ist nicht bekannt. Nur, dass Michael Brown unbewaffnet war und Afro-Amerikaner ist. Der Vorfall hallte durchs ganze Land, überall kam es zu Protesten, von Philadelphia bis nach Oakland. Der Aufschrei war groß, etwas müsse sich ändern, meinte sogar Präsident Barack Obama, der sich einschaltete. Doch mal ehrlich, ein Jahr danach muß man sagen, nichts hat sich verbessert.

Foto: AFP

Foto: AFP

Bis zum heutigen Tag wurden in den USA 585 Menschen von Polizeikugeln tödlich getroffen. 585 in diesem Jahr. Viele Schüsse waren berechtigt, Täter griffen Polizisten an, bedrohten sie mit Schußwaffen und Messern. Beamte verteidigten sich oder andere. Doch von diesen 585 waren 24 unbewaffnete Afro-Amerikaner. Die Wahrscheinlichkeit für einen Schwarzen in den USA von einer Polizeikugel tödlich getroffen zu werden ist siebenmal höher als für einen Weißen. Wohlgemerkt ein Schwarzer, der keine Waffen jeglicher Art bei sich führt.

Ein Jahr nach den Vorfällen in Ferguson hat sich in der Statistik bislang nichts geändert. Lokale Politiker und Polizeieinheiten wollen etwas tun, stellen „Community Outreach“, die Präsenz in den Nachbarschaften in den Vordergrund, doch bislang hat das zu keinem erkennbaren Erfolg geführt. Sprich, weiterhin sterben nach unverfänglichen Situationen Afro-Amerikaner durch Polizeikugeln.

Die Frage ist warum? Einfach zu sagen, die Polizeieinheiten in den USA seien rassistisch, geht am eigentlichen Problem vorbei. Vielmehr gibt es in Amerika ein Ungleichgewicht, das in fast allen gesellschaftlichen und sozialen Ebenen zu finden ist. Das Schlimme ist bei allem, dass es keine Versuche und Ansätze gibt, all das anzugehen und zu lösen.

Der amerikanische DDR Moment

Als 1989 die Mauer fiel, wurden einige in der DDR nervös. Frühere RAF Mitglieder und Flüchtige aus verschiedenen Gründen hatten im Arbeiter- und Bauernstaat eine scheinbar sichere Zuflucht gefunden. Damit war es über Nacht vorbei. Die Geschichte holte so einige in der DDR mit aller Gewalt und Konsequenz ein.

Derzeit erleben die USA diesen Moment. Mit der Öffnung zu Kuba und dem Beginn diplomatischer Beziehungen zwischen dem Karbibikstaat und Washingtons werden rund 70 Bewohner Kubas von ihrer Vergangenheit eingeholt. Sie waren alle vor der Strafverfolgung in den USA auf die nur 140 Kilometer entfernte Insel geflohen. Doch damit scheint es nun vorbei zu sein. Die USA machen Druck.

Assata Shakur wird vom FBI gesucht.

Assata Shakur wird vom FBI gesucht.

Unter den Geflohenen ist auch die einzige Frau auf der FBI „Most Wanted“ Liste, die Patentante des legendären Hip Hop Künstlers Tupac Shakur, Joanne Chesimard, besser bekannt als Assata Shakur. Sie war 1973 für den Mord an dem New Jersey State Trooper Werner Foerster zu einer lebenslangen Haft verurteilt worden. 1979 brach sie mit Hilfe von Mitgliedern der „Black Liberation Army“ aus dem Gefängnis aus und lebte im Untergrund. 1984 erhielt sie von Fidel Castro politisches Asyl in Kuba, arbeitete zeitweise für den englischen Service des kubanischen Rundfunks. Washington und das FBI verlangten über die Jahre immer wieder die Auslieferung von Shakur, doch Kuba weigerte sich beständig. Assata Shakur war in den 70er und 80er Jahren ein Kultfigur des schwarzen Widerstandes in den USA. In New York, Los Angeles und Oakland klebten in afro-amerikanischen Nachbarschaften an Lichtmasten und an Privathäusern Flugblätter mit der Parole „Assata Shakur is welcome here“.

Und auch bei den jüngsten Protesten in Ferguson und Oakland gegen Polizeigewalt, konnte man Bilder mit dem Foto von Shakur darauf sehen. Shakur behauptete im Prozess, der State Trooper habe zuerst auf das Auto geschossen, in dem sie und zwei weitere BLA Mitglieder sassen. Sie hätten nur das Feuer erwidert, doch sie selbst, so Shakur, habe nicht gefeuert. Der Polizist und ein BLA Aktivist kamen bei dem Zwischenfall ums Leben.

Die friedlichen Zeiten für die einstige „Black Liberation Army“ Soldatin könnten nun bald vorbei sein. In den USA werden die Stimmen lauter, die eine Verbesserung der Beziehungen zu Kuba mit einer Auslieferung Shakurs verbinden wollen. Zwei Millionen Dollar sind für die Ergreifung der Frau ausgesetzt, das alleine könnte vielleicht ein ausschlaggebender Punkt für eine Festnahme sein. Jemand könnte damit schnell reich werden

Die Fronten werden härter

Ich frage mich zur Zeit öfters, wohin diese Entwicklung noch gehen wird. Ferguson und nun Baltimore, davor viele andere Orte in den USA, an denen unbewaffnete Afro-Amerikaner nach Polizeieinsätzen starben. Sind die USA wirklich so rassistisch, dass Schwarze hier zum Abschuß durch weiße Polizisten freigegeben worden sind? Narrenfreiheit für die Polizeieinheiten, die tun und lassen können, was sie wollen? Hat sich nichts seit der Bürgerrechtsbewegung vor 50 Jahren geändert?

Mit der App der ACLU gegen Polizeigewalt.

Mit der App der ACLU gegen Polizeigewalt.

Amerika hat ein ziemlich großes Problem. Ein Gewaltproblem. Die Kugeln weißer Polizisten sind der eine Teil. Ein anderer die Reaktion schwarzer Jugendlicher, wie in Ferguson und nun Baltimore. Das Zerschlagen und Zertrümmern von Läden in der eigenen Nachbarschaft. Bei den Protesten in Oakland im vergangenen November, nach dem Tod von Michael Brown, konnte ich selber mitansehen, wie sinnlos diese Gewalt war. Wahllos wurden unter dem Jubel Umherstehender Autoreifen von parkenden Wagen zerstochen. Keine Polizeiwagen wohlgemerkt, Autos, die in Nachbarschaften zur falschen Zeit am falschen Ort geparkt worden waren. Kein Mercedes, sondern ein alter Nissan. Häuserwände und Fensterfronten von kleinen Friseursalons, Cornerstores, Galerien wurden besprüht und zum Teil zerstört, Läden geplündert. Und als 46jähriger Reporter vor Ort, der ein Aufnahmegerät in der inneren Jackentasche hatte, kam ich selbst in eine brenzlige Situation, denn eine Gruppe vermummter junger Leute hielt mich für einen Zivilpolizisten und umkreiste mich drohend. Was das alles mit einem berechtigten Protest gegen Polizeigewalt und schnell schießende Beamten zu tun hat, muß mir einer Mal in aller Ruhe erklären. Ich verstehe es nicht.

Die Bilder aus Baltimore ähneln dem, was ich hier in Oakland erlebt habe. Und sie werden sich wieder und wieder wiederholen. Denn die Gräben werden tiefer, das Gewaltproblem in den USA steigt nur weiter an. Die Fronten sind nicht einfach so festzumachen. Es ist nicht so, dass hier die Polizei steht, dort die unbewaffneten Afro-Amerikaner. Wenn es so wäre, wäre es einfach zu erklären und auch zu lösen. Es scheint, Gewalt ist eine der Grundfesten der amerikanischen Gesellschaft. Wie sonst läßt es sich erklären, dass in diesem Jahr schon 27 Morde in Oakland passiert sind. Die Opfer vor allem Afro-Amerikaner. Die Täter ebenfalls. Kein Aufschrei, keine Proteste, Alltag eben.

Wer in den USA Polizist werden will muß sich einigen Tests unterziehen, gesundheitliche, psychologische, sportliche. Dazu kommen „Background Checks“, wer wegen Kiffen, zu schnellem Fahren oder anderen Kleinstdelikten auffällig geworden war, fällt durch. Und dann werden die angehenden Beamten in Kursen, die von 12 Wochen (!) bis zu einem Jahr (!) dauern können geschult. Das ist dann die Ausbildung für innerstädtische Kriegszonen, wo Kriminelle mit Maschinengewehren auf sie warten.

Und nein, das ist keine Entschuldigung für Polizisten, die Unbewaffnete in den Rücken schießen. Es ist nur ein Beispiel dafür, dass die USA ein Problem haben, das komplexer ist, als es auf dem ersten Blick erscheint. Klar gibt es hier Rassismus, aber das erklärt nicht alles. Der Wille auf breiter Flur etwas zu ändern ist nicht in Sicht.

Nun wird darüber diskutiert Polizisten mit sogenannten Uniformkameras auszurüsten, damit anschließend die Abläufe, die zu einer Verhaftung oder einem Zwischenfall führten, nachvollziehbar sind. Die „American Civil Liberties Union“ (ACLU), die wohl bedeutendste Bürgerrechtsbewegung in den USA hat nun reagiert und eine App für Smartphones online gestellt. Das ganze wurde nach den Unruhen in Ferguson entwickelt. Nun ziehen weitere lokale und regionale Untergruppen nach. Kostenlos kann man die App herunterladen. Damit soll jedem Bürger die Möglichkeit gegeben werden, Polizeiübergriffe und Polizeigewalt zu filmen und den Sound aufzunehmen. Wenn man die Stoptaste drückt, wird das Filmchen automatisch auf den Server der regionalen ACLU Gruppe geladen. Wie es von Seiten der ACLU heißt, wird das Video so vor Zugriffen der Polizei geschützt, auch wenn diese das Telefon beschlagnahmen oder zerstören sollte.

Es ist eine klare Kampfansage in einem nicht enden wollenden Krieg an der Heimatfront. Der einzige Ausweg aus allem ist klar. Die USA müssten nur einmal all das Geld daheim ausgeben, für Bildung, Schulung, Fortbildung, Infrastrukturmaßnahmen, und ja, auch die alltägliche Sicherheit, was seit dem 11. September 2001 international für den „War on Terror“ verpulvert wurde… Amerika wäre ein anderes Land.

„It Don’t Matter If You’re Black Or White“?

Amerika erlebt derzeit ein Erdbeben. Eigentlich grollt es schon lange im Untergrund, aber wenn man nicht so genau hinsieht, dann fällt es auch nicht auf. Irgendwie geht es schon immer weiter. Die Berichte aus Ferguson zum gezielten Vorgehen der dortigen Polizei gegen Schwarze. Die tödlichen Schüsse eines weißen Polizisten auf einen schwarzen 18jährigen in Madison, Wisconsin. Die Gesänge der Studentenverbindung „Sigma Alpha Epsilon“ an der Universität Oklahoma. Nur drei Nachrichten in der vergangenen Woche, die nationale Schlagzeilen wurden.

Studierende von "Sigma Alpha Epsilon" der University of Oklahoma singen von aufgeknöpften "Niggern" während einer Busfahrt.

Studierende von „Sigma Alpha Epsilon“ der University of Oklahoma singen von aufgeknöpften „Niggern“ während einer Busfahrt.

„Es wird nie einen Nigger bei SAE geben/Man kann ihn an einem Baum aufhängen, aber er wird nicht zu mir kommen/Es wird nie einen Nigger bei SAE geben.“ Das wurde im Bus von den Studierenden gesungen, einer im Bus filmte das ganze mit seinem Handy und stellte es online. Riesenaufschrei im ganzen Land, der Präsident der Uni hat nun die Verbindung geschlossen, einige Teilnehmer wurden von der Universität geschmissen. Zu Recht, doch ist das eine Lösung?

Amerika stellt sich gerne in Krisenzeiten als ein geeintes Land dar. Als „Melting Pot“ der Kulturen, der Sprachen, der Hautfarben. Doch immer deutlicher wird, dass hier einiges schief läuft. Was die Polizei lange Zeit in Ferguson getan hat, gezielt Afro-Amerikaner zu kontrollieren und härter zu bestrafen, ist sicherlich keine Ausnahme im Land. Man kann nur hoffen, dass diese Form des strukturellen und behördlichen Rassismusses ein Einzelfall ist. Doch wahrscheinlich ist das nicht.

Den Republikanern in Washington stößt auf, dass Barack Obama die USA oft „schlecht redet“, wie sie sagen, auf Probleme hinweist, nicht 100prozentig zum eigenen Land steht. Wie kann er auch, wenn man genauer hinsieht? Die USA sind nicht einfach „God’s Country“, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, in dem jeder vom Tellerwäscher zum Millionär werden kann. Das ist eine Mär, die abgehakt werden sollte. Ein Blick auf die Statistiken genügt, um zu sehen, dass es dieses eine Land nicht gibt. Ganz im Gegenteil, die USA sind gespaltener denn je. Man muß nur einen Blick auf die Zahl der Schulabgänger ohne Abschluß, auf alleinerziehende Mütter, jugendliche Straftäter, die Gefängnispopulation, Minderheiten in Führungsetagen und…und…und…werfen, dann wird man schnell erkennen, dass es in den USA massive gesellschaftliche und strukturelle Probleme gibt. Die erschütternde Tatsache dabei ist, dass sich daran auch weiterhin nichts ändern wird. 50 Jahre nach den Protesten von Selma, muß man sich in Washington eingestehen, dass nicht ganz so viel aus der Bürgerrechtsbewegung der 60er Jahre geworden ist.

 

 

Das Land der schönen Worte und großen Gesten

Am Wochenende jährte sich zum 50. Mal der brutale Polizeieinsatz gegen schwarze Demonstranten in Selma, Alabama. In den Geschichtsbüchern wird dieser Sonntag als der „Bloody Sunday“ geführt. Damals wollten ein paar Hundert Afro-Amerikaner von Selma nach Montgomery marschieren, um für ihr Wahlrecht zu protestieren. Als sie von der „Edmund Pettus Bridge“ kamen, wurden sie von „State Troopers“ und Mitgliedern des Ku Klux Klans erwartet und brutalst zusammen geschlagen. Diese Brücke und dieser Protest spielt in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung ein ganz wichtige Rolle, denn die Bilder des blutigen Polizeieinsatzes wurden im ganzen Land gesehen. Tausende von Afro-Amerikanern und Weißen zog es daraufhin nach Selma, um die Forderung nach einem allgemeinen Wahlrecht durchzusetzen. Präsident Lyndon B. Johnson mußte handeln und handelte.

Am Wochenende wurde an den historischen Marsch von Selma, Alabama, gedacht.

Am Wochenende wurde an den historischen Marsch von Selma gedacht. Vor 50 Jahren wurden hier Hunderte von der Polizei niedergeknüppelt.

Nun am 50. Jahrestag des „Bloody Sunday“ kamen sie alle nach Selma. Zeitzeugen von damals, Bürgerrechtler, Politiker aus Washington. Sie marschierten erneut über die Brücke, Arm in Arm, die Präsidentenfamilie vorne weg. Ein Moment für die Kameras, ein weiteres Foto für die Geschichtsbücher. Auf dem Bild sieht das so aus, als ob Amerika seine Vergangenheit überwunden hat. Der erste afro-amerikanische Präsident vereint mit den Überlebenden der US Bürgerrechtsbewegung. Man läuft symbolisch auch über eine Geschichtsbrücke, wir sind weit gekommen, will das Bild suggerieren. Doch stimmt das?

Der Jahrestag fiel in die Woche, in der eine Untersuchung des Justizministeriums zu der Polizeiarbeit in Ferguson veröffentlicht wurde. Das Ergenbnis, 50 Jahre nach Selma gibt es in den USA noch immer einen systematischen und gezielten Rassismus. Ferguson ist eine Kleinstadt, die genauer betrachtet wurde. Und nur deshalb, weil hier ein weißer Polizist einen schwarzen Jugendlichen erschoss.

An diesem Wochenende gab es viele Reden, viele große Gesten. All das, was Amerikaner so sehr lieben, auf was sich die Medien stürzen. Immer, wenn ein Jahrestag ansteht, wenn eine Katastrophe passiert, wenn Amerikaner Opfer von Gewalt und Terror werden, dann wird an den amerikanischen Geist appelliert. „Wir sind eine Nation“, heißt es dann. Trotz aller Unterschiede, sei man geeint. Doch hinter den großen Worten und Gesten ist nicht viel zu erkennen. Die Wahlgesetze, für die sich Afro-Amerikaner vor 50 Jahren blutig schlagen ließen, werden ausgehöhlt, was gerade diejenigen betrifft, die damals auf die Straßen gingen. Den Latinos im Land geht es nicht viel besser. Polizisten und Sheriffs in den südlichen Bundesstaaten verdächtigen erst einmal jeden mit dunklen Haaren als illegalen Einwanderer, als potenzielles Gangmitglied, als Waffen- und Drogenschmuggler.

Es gibt genügend Beispiele, die die Bildernation Amerika liefern kann. Da wäre auch das vielgelobte Militär. Eigentlich der Bereich, in dem sich Demokraten und Republikaner einig sind. „We support our troops“ ist ein parteiübergreifender Grundsatz, der besagt, Truppen, die in den Einsatz geschickt werden, werden auch unterstützt. Das stimmt, zumindest weitgehend. Auch hier gibt es schöne Bilder und Gesten, verwundete Soldaten werden zu Empfängen eingeladen. Doch kommen die Soldaten, teils schwer verwundet und traumatisiert aus ihren Einsätzen zurück, werden sie nicht aufgefangen. Die Wartelisten in den Krankenhäusern für Veteranen sind lang, die Behandlungszentren überbelegt. Mehr und mehr Veteranen enden auf der Straße, laufen Amok, gehen in den Freitod. Keine schönen Bilder.

Amerika ist Hollywood. Eine Nation des ganz großen Kinos,  immer richtig präsentiert. Das ist gekonnt, das muß gekonnt sein. Doch nach fast 19 Jahren in „God’s Country“, dem „best place on earth“ sehe ich die Dinge etwas anders. Ja, ich habe mir Reden und Sendungen am Wochenende angehört und angesehen. Der Blick zurück auf das, was da 1965 passierte ist beeindruckend, bewegend, nahegehend. Das war es dann aber auch, denn viel gelernt hat man hier aus den Ereignissen vor 50 Jahren nicht. Wie sonst muß man die Tatsache sehen, dass die Brücke von Selma, die nach General Pettus benannt wurde, noch immer so heißt. Eines der wichtigsten Ereignisse in der Geschichte der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung fand auf dieser Brücke statt, die nach einem führenden Mitglied des Ku Klux Klans benannt wurde..

Amerika im Krieg

Die Polizeimarken getöteter Polizisten in den USA.

Die Polizeimarken getöteter Polizisten in den USA.

Es war kein gutes Jahr für die amerikanischen Polizeieinheiten. Ferguson, New York, Oakland, überall im Land gab es massive Zwischenfälle, die zeigten, in den Polizeireihen stimmt etwas nicht. Einige wenige machtbesessene und rassistische Cops, falsche Ausbildung, Überbelastung, fehlende Zusammenarbeit und Kommunikation mit den Bürgern, man weiß gar nicht, wo man anfangen soll, um das Klima in den Städten und Gemeinden zu verbessern. Amerika hat ein Problem im Inneren. Länder wie Nordkorea, China und Iran zeigen mit Häme und ausgestreckten Fingern auf das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, das auch 50 Jahre nach der Bürgerrechtsbewegung scheinbar noch keine Gleichberechtigung kennt.

Und doch, da sind auch zwei Zahlen, die aufhorchen lassen, die verdeutlichen, dass all das nicht einfach nur ein Problem Polizei gegen Bürger ist. 126 Polizisten starben 2014 im Einsatz. 50 (!) davon wurden erschossen. Kaltblütig, eben weil sie Polizisten waren. Das ist eine Zahl, die viel aussagt über ein Land, in dem ein hohes Maß an Gewalt akzeptiert, toleriert, ja sogar unterstützt wird. Nach dem Amoklauf in der Sandy Hook Grundschule glaubten viele, jetzt würde sich was ändern, jetzt wäre Amerika bereit strengere Waffengesetze zu verabschieden, den Zugang zu Schußwaffen stärker zu reglementieren. Nichts geschah, nichts wird geschehen.

50 erschossene Polizisten im Jahr 2014 sind das Ergebnis einer stupiden Diskussion darüber, ob die Gründungsväter der amerikanischen Verfassung wirklich meinten, dass jeder Amerikaner ein Grundrecht auf Waffenbesitz hat. Was 1788 auf Papier ratifiziert wurde sah sicherlich nicht vor, dass mein Nachbar eine Wumme wie das Mitglied eines Spezialkommandos in Afghanistan im Schrank haben darf. Oder, dass es Stadtteile in den USA gibt, in denen herbeigerufene Polizisten schlichtweg „out powered“ sind, heißt, ihre Knarren sind nichts gegen die Maschinenpistolen und -gewehre in den Händen von skrupellosen Kriminellen.

Jedes Jahr sterben in den USA weit über 30.000 Menschen durch Schußwunden. Die Hälfte davon sind Morde, die andere Hälfte Selbstmorde. 50 erschossene Polizisten sind auf diesem Leichenberg nur eine geringe Zahl. Eine kleine Meldung in den Nachrichten. Doch man sollte diese Zahl vielleicht anders betrachten. Zwischen 2002 und 2014 sind beim Militäreinsatz in Afghanistan 54 deutsche Bundeswehrsoldaten ums Leben gekommen. In einem Kriegsgebiet mit Selbstmordattentätern, Sprengsätzen, Raketenangriffen, Hinterhälten. Man erwartet in einem Kampfeinsatz der Bundeswehr, dass Soldaten sterben werden. 54 Bundeswehrangehörige in 12 Jahren ist eine traurige Bilanz. 50 erschossene Polizisten in einem Jahr ist Krieg im eigenen Land. Wer das nicht sehen will betreibt Augenwischerei.

Schwarz gegen Weiß

Es brennt auf der Telegraph Avenue in Oakland.

Es brennt auf der Telegraph Avenue in Oakland.

In amerikanischen Städten gehen die Proteste unvermindert weiter. In New York, Ferguson, Oakland, Berkeley, San Francisco wird gegen Polizeigewalt demonstriert. Und während der Großteil der Teilnehmer friedlich und lautstark auf die Straßen geht, vereinnahmt ein gewaltbereiter Haufen die Medienberichterstattung. Gewaltbereite, vor allem weiße Jugendliche und junge Männer legen es auf Provokation, auf eine Auseinandersetzung mit der Polizei an. Dabei schlagen sie Scheiben ein, beschmieren Gebäude, zünden Müllcontainer an und zerstörende parkende Autos. Und gerade das wird der Protestbewegung nun vorgeworfen.

Schwarze Bürgerrechtler, „Community Leaders“, Pfarrer und Aktivisten werfen den Steinewerfern und Sprayern vor, eine breite Bewegung in Beschlag zu nehmen, lediglich ihren Spaß bei den Konfrontationen mit der Polizei haben zu wollen, den Grundansatz der Bewegung für ihre Ziele zu mißbrauchen. In Oakland griffen Schwarze in den Nachbarschaften selbst ein, stellten sich schützend vor kleine Läden, um die Vandalen abzuhalten. Viele der afro-amerikanischen Teilnehmer an den Demonstrationen sehen sich mittlerweile auch als Friedensstifter auf den Protestzügen.

Auf den Veranstaltungen sprechen darüberhinaus vor allem weiße Redner, auch das stößt den „African-Americans“ auf. In Berkeley wurde ein weißer Stadtrat ausgebuht, als er gegen die Polizeigewalt sprach. “Let a black person talk”, schrie jemand, “We’ve heard enough from Caucasian men”, ein anderer. Sowieso besteht der Großteil der Protestierenden aus weißen Amerikanern. Schwarze und Farbige sind in der Minderheit. Bürgerrechtler erklären, dass dies daran liege, dass viele Schwarze Angst hätten mitzumarschieren. Sie würden sich bei einer gewaltbereiten Demonstration unnötig in Gefahr begeben. Es gehe gegen Polizeigewalt, die Lage eskaliert, die Polizei greift mit allen Mitteln ein, Afro-Amerikaner werden so erneut und unnötig zum Ziel auf einer Demonstration genau gegen diese Polizeigewalt. Ein sinnloser Kreislauf.

Ein vorbildlicher Polizist?

Richmond ist eine Kleinstadt in der San Francisco Bay Area. Eine Raffinerie des Öl Giganten Chevron bestimmt das Stadtbild. Richmond war in den letzten Jahren vor allem wegen der hohen Mord- und Kriminalitätsrate in den Schlagzeilen. Es gab  mehr Morde pro Einwohner als irgendwo sonst in Kalifornien. Auch US weit war Richmond in der Mordstatistik ganz vorne mit dabei.

Polizeichef Chris Magnus während einer Protestveranstaltung in Richmond.

Polizeichef Chris Magnus während einer Protestveranstaltung in Richmond.

Doch die Zeiten haben sich geändert. Politik, Polizei und Nachbarschaften ziehen nun an einem Strang und versuchen das Problem unter Kontrolle zu bringen. Ganz neue Töne hört man aus Richmond, die Polizei ist hier Teil der „Community“. In September wurde ein Schwarzer von einem Polizisten in einem Laden in Richmond erschossen. Der Polizeipräsident Chris Magnus wandte sich über facebook an die Nachbarschaft, intervenierte mit seinem Stellvertreter, war offen für Gespräche. Magnus und sein Vize Allwyn Brown wurden daraufhin zur Beerdigung des 24jährigen  Richard Perez eingeladen und nahmen auch daran teil.

Nun ist Chris Magnus erneut in den lokalen Schlagzeilen. Nach den Freisprüchen für Polizisten in Ferguson und New York nahm der „Police Chief“ von Richmond an einer Protestveranstaltung vor einem Gemeinschaftshaus in Richmond teil. Dabei hielt er ein Plakat hoch auf dem stand; „Black Lives Matter“. Magnus wird dafür nun von der Polizeigewerkschaft angefeindet, die erklärt, dass kein Offizieller in Kalifornien in Uniform an einer politischen Veranstaltung teilnehmen dürfe. Chris Magnus widerspricht dem und fragte, seit wann es politisch sein soll, wenn man erklärt, dass schwarzes Leben genausoviel wert ist wie das von weißen Amerikanern und die durchaus berechtigten Sorgen der „Community ernst nimmt. Er sei Teil dieser „Community“, von daher mache er sich berechtigte Sorgen

Es wird nicht langweilig

Diesmal Berkeley. Dort, wo vor 50 Jahren die „Free Speech Movement“ begann, versammelten sich Hunderte von Protestierenden, um erneut durch die kalifornische Kleinstadt zu ziehen. Samstagnacht war es bereits zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen einem Teil der Demonstranten und der Polizei gekommen. Ladenfronten wurden zerstört, Geschäfte geplündert, Polizeiwagen beschädigt. Schließlich feuerte die Polizei Tränengas ab, genau zu dem Zeitpunkt, als aus der Zellerbach Hall feingekleidete Konzertbesucher nach draussen kamen.

Polizeieinsatz während der Proteste in Berkeley.

Polizeieinsatz während der Proteste in Berkeley.

Was spät in der Nacht zum Sonntag endete, wurde am Abend fortgesetzt. Mehrere Hundert Demonstranten versammelten sich an der Universität, um wieder durch Berkeley zu marschieren. Man wolle sich von der Polizeitaktik und der Polizeigewalt nicht einschüchtern lassen, hieß es. Der große Teil der Protestierenden war gekommen, um friedlich gegen die jüngsten Entscheidungen von Grand Jurys zu demonstrieren. Zweimal waren unbewaffnete Schwarze durch den Einsatz weißer Polizisten umgekommen. In Ferguson wurde Michael Brown erschossen, in Staten Island, New York starb Eric Garner nachdem er in den Würgegriff genommen worden war.

Proteste entflammten im ganzen Land. Oakland, San Francisco und Berkeley wurden zu einem „Hotspot“. Friedliche Demonstrationen arteten in Provokation und Gewaltexzesse aus. Die Konfrontation mit der Polizei wurde von einem Teil der Teilnehmer gesucht, kleine lokale Läden beschmiert, beschädigt, geplündert. Die Reifen von parkenden Autos in Nachbarschaften wahllos aufgeschlitzt. Der Ansatz des zivilen Ungehorsams, eine Kommune lahmzulegen, wurde damit zunichte gemacht. Die Medien zeigten nur die Bilder der Gewalt, die brennenden Mülltonnen, die Reaktion der Polzei auf die Ausschreitungen. Vor laufenden Fernsehkameras wurden nur schreiende Protestierende gezeigt, gemäßigte und nachdenkliche Stimmen waren nicht zu erkennen.

Demonstrationen sind wichtig, sie zeigen, dass etwas in diesem Land nicht stimmt. Sie können die Diskussion unterstützen, die an anderer Stelle geführt werden muß. Doch der gewaltbereite und vermummte Block bei diesen Protesten schadet nur dieser Forderung nach Gleichheit vor dem Gesetz. Bei den Demonstrationen erklärten mir Teilnehmer, nur mit Gewalt sei in diesem Land etwas zu ändern, sprachen von Revolution und einer Massenbewegung. Wie bei „Occupy“ wird auch diese Protestwelle bald verebben. Und ändern wird sich am Ende auch nichts.

Amerika ist rassistisch

Jetzt ist es eben Eric Garner. Die Namen lassen sich austauschen. Ein weiterer unbewaffneter Schwarzer, der nach einem Polizeieinsatz verstarb. Auch wenn der republikanische Kongressabgeordnete für New York, Peter King, erklärt, die NYPD schütze eigentlich junge Afro-Amerikaner und der Fall Eric Garner sei kein rassistischer Vor-, sondern ein tragischer Zwischenfall. „Wenn er kein Asthma und kein Herzproblem und nicht übergewichtig gewesen wäre, dann wäre er höchstwahrscheinlich nicht davon gestorben“, meinte King. Das heißt, wenn ich das richtig verstehe, Schwarze mit Asthma, Herzproblemen und Übergewicht sollten in Zukunft noch mehr aufpassen und sich vor allem auf keine Konfrontationen mit der Polizei einlassen. Das ist auch eine Sicht der Dinge.

Präsident Barack Obama betonte erneut, Amerika habe ein Polizeiproblem. Viele Communities trauten den Beamten in Uniform nicht. Das sei zu lösen. Der Bundesjustizminister Eric Holder will sich den Fall Garner genauer ansehen und prüfen lassen, ob da Bürgerrechte verletzt wurden.

Ein Einzelfall? Ganz sicher nicht. Wir sind 50 Jahre nach der Bürgerrechtsbewegung in den USA. 2015 jähren sich die Unruhen im Stadtteil Watts von Los Angeles, die Gründung der Black Panther Partei in Oakland, Massenproteste gegen offenen und versteckten Rassismus in den USA. Jahrzehntelang tat man in den USA so, als ob alles paletti sei. Eine Klassengesellschaft, aufgeteilt nach Hautfarbe, das gibt es doch nicht. Nicht in den USA. Man verwies auf Gesetze, die Gleichbehandlung und Förderung von Minderheiten versprechen. Die tumultigen 60er Jahre liegen lange hinter uns, wurde immer wieder betont, so, als ob man sich selbst davon überzeugen wollte.

Tatsache ist jedoch, Amerika ist ein gespaltenes Land. Nicht nur in Demokraten und Republikaner. Nicht nur in reich und arm. Sondern eben auch in weiß und schwarz. Erst gestern Abend erzählte mir ein Bekannter, ein 63jähriger Architekt und eben  Afro-Amerikaner, dass er oft und ohne Grund von der Polizei kontrolliert wurde und wird. Ein Professor in San Francisco kann das nur bestätigen (die NZ berichtete). Selbst in seinem Büro und vor seinem eigenen Haus wurde er schon von Polizisten mit diesem gewissen Unterton befragt und kontrolliert. Auch Todesstrafengegner verweisen immer auf die Tatsache, dass man in den USA zum Tode verurteilt wird, wenn man arm und/oder farbig ist.

Amerika hat ein Problem. Ein ziemlich großes sogar. Die Polizei geht massiver gegen Afro-Amerikaner vor. Das belegen Aussagen von Schwarzen, von Weißen. Das belegen Statistiken, die zeigen, dass Afro-Amerikaner für geringe Delikte verhaftet und verurteilt werden, für die Weiße einen „Slap on the wrist“ oder einen „Pass“ bekommen. Was in der derzeitigen Diskussion nach den Todesfällen in Ferguson und New York fehlt, ist der Ansatz einer grundlegenden Debatte in den USA. Die Polizei muß derzeit ihren Kopf für die Versäumnisse einer ganzen Gesellschaft hinhalten, obwohl die Polizeieinheiten nur ein Spiegelbild der Gesellschaft sind. Dass es Fehlverhalten der Polizei gibt, ist unbestritten. Dass manche Polizisten ihre Uniform für unnötige Machtdemonstrationen nutzen, steht außer Zweifel. Doch die Beamten haben auch einen schweren Job, tagtäglich fahren sie in schußsicherer Weste in den Einsatz, wissen nie, ob da nicht ein Bekloppter mit einem Sturmgewehr auf sie wartet. Sie nun alleine für die mangelnde Gleichheit in den USA verantwortlich zu machen ist, wie ein Pflaster auf die Schnittwunde eines Krebspatienten zu kleben.

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