Zum JahresausKLANG

Diese Jahresenden sind schon seltsam. Man friert oft, man mummelt sich ein, genießt die wenigen Sonnenstrahlen, die es gibt, beginnt über das nachzudenken, was im vergangenen Jahr war, passiert ist. Ein Gefühlsgemenge zwischen „high and low“. Manche freuen sich auf die kommenden Feiertage, für andere ist die stille Zeit nur ein Graus.

Und dann liegt da dieses Klangbuch vor mir. Touch Records, ein experimentelles Label mit Sitz in England und den USA, legt nun zum Jahresende „Touch Movements“ vor, ein Bilderbuch mit Soundtrack. Das klingt zu einfach. Es ist vielmehr ein audio-visuelles Erlebnis, das man in aller Ruhe und mit viel Zeit genießen sollte. Ein Eintauchen in Fotos, die ihre eigenen Geschichten erzählen und dazu einladen, weitergesponnen zu werden. Augenblicke, die das Leben um uns herum liefert. Blicke, die der Betrachter selbst kennt. Erinnerungen, die in einem wach werden.

Dazu „Musik“, die ganz anders ist. Die immer wieder die Frage aufwirft, was Musik eigentlich ist, sein kann, sein sollte. Ein Soundtrack des Alltags. Mal „Field Recordings“, mal Drone Music, mal Orgelmusik, mal Klanglandschaften, mal verspielte Sequencerfolgen. Mal direkt, mal ganz sanft, mal monumental, mal leicht vorbei gestrichen. Touch ist kein Label für die Popkultur. Das wird auf „Movements“ ganz deutlich. Es ist vielmehr ein Klangspiegel der Gesellschaft. Hier hört man hin, was man zu hören glaubt und daraus entsteht Musik. Der Alltag als Orchester, bearbeitet von Soundtüftlern, die hier künstlerisch vorgehen, dort unverfälscht die Welt erklingen lassen. Entstanden ist ein Soundtrack für dieses Fotobuch und viel mehr. Es ist nicht die „Music for the Masses“. Es ist vielmehr diese ganze persönliche Musikerfahrung. Voller Herausforderungen, voller Erinnerungen, voller Gedankengänge. Ein tief bewegendes Klangbild zwischen den Jahren.

SanFranciscoKassettenUnderground

Nice Ass RecordsSan Francisco ist eine Stadt mit vielen Subkulturen. Nicht viel größer als Nürnberg und dennoch hier steppt der Bär auf vielen Hochzeiten. Gestern war ich für ein Interview im Tenderloin Distrikt. Dort an der Ecke Turk und Leavenworth im fünften Stock leben Julia Mazawa und ihr Freund Daniel Hintz, aka Cactus. Beide sind DJs auf KUSF, dem wohl bekanntesten Collegesender westlich des Mississippi. Und beide lieben mehr den aussergewöhnlichen Sound. Cactus ist ganz begeistert von „Field Recordings“. Er hat ein kleines Kassettenaufnahmegerät und liebt es, die Aufnahmetaste zu drücken und das Gerät auf die Feuerleiter nach draußen zu stellen. Aufgenommen wird dann der Sound der Strasse. Verkehr, Sirenen, laut schwadronierende Passanten, streitende Crack Süchtige an der Ecke. Bei seinen „Recordings“ weiss man nie, was am Ende rauskommt. Cactus ging sogar mal so weit und produzierte eine Zweistunden Spotlight Sendung auf KUSF mit seinen „Field Recordings“. Das ganze klang dann wie, als ob man eben in der Tenderloin im fünften Stock sitzt und einfach das Fenster aufgemacht hat. Mit einem Lachen erzählt er, dass er damals so einige Hassanrufe im Studio erhielt, die ihn anschrien, er solle endlich Musik spielen.

Cactus ist bei KUSF als der Verfechter von Noise, Industrial und experimentelle Musik bekannt. Er kennt die Bands und die Macher und ist selbst sehr aktives Mitglied der lokalen Community. Die Bay Area gilt als eines der weltweiten Zentren dieser Musik. Nun hat er sein eigenes kleines Label ins Leben gerufen „Tenderloin Electric Tapes“, und ja, die Aufnahmen gibt es nur auf Kassette und „one of a kind“. Einzeln und speziell verpackt und es gibt nur eine Aufnahme. „Ich finde Kopien nicht gut, von daher, was man hört ist einzigartig“.

Seine Freundin Julia ist schon seit einiger Zeit mit einem Label am Start. „Nice Ass Records“ heisst es. Julia ist vor allem eine Verpackungskünstlerin und sieht das was tonlich geliefert wird als nicht ganz so wichtig an. Sie macht beides, Schallplatten und nun auch Kassetten. Doch ihre Platten sind nicht aus Vinyl, sie bastelt diese aus Plastiktellern, wie man sie auf Parties oder zum Picknick benutzt. Sie schneidet die flache Unterseite heraus und presst darauf die Tonrille. Das Ergebnis ist eine bunte, biegsame Platte. Der Sound nicht so irre klar, aber ein absolutes Unikat.  Und dazu eben wunderschön und künstlerisch eigenwillig verpackt.

In  San Francisco und dem benachbarten Oakland haben sich rund zwei Dutzend Kassetten Labels entwickelt. Die Tapes kommen in geringer Stückzahl heraus, werden weiter gegeben, billig verkauft oder in bekannten und beliebten Clubs und Szeneplattenläden ausgelegt. Es ist auf eine seltsame Weise ein Gegenstück zur nervigen und schnelllebigen mp3 Kultur…und doch, die Musik ist auch auf den Webseiten der Bands und Labels zu hören. Aber es gibt oftmals nur eine geringe Stückzahl der  „realen“ Veröffentlichung. Geld kann man damit nicht machen, es ist mehr der Kunstgedanke, der Ausdrucksversuch, das Community Gefühl einer musikalischen Randgruppe was zählt. Und das ist eben auch San Francisco.

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Von SF nach Ostafrika

SWP RecordsIch sitze mal wieder im Studio von KUSF San Francisco. Diesmal für eine Sendung über Rootsmusik aus Zentral- und Ostafrika. Etwas ungewöhnlich für jemanden, der sich eigentlich auf deutsche Musik spezialisiert hat. Aber das ganze kam so zustande: Als ich in Ruanda war, besuchte ich einen Buchladen und dort stand eine CD „At the Court of the Mwami Rwanda 1952“. Da ich solche alten Aufnahmen und „Field Recordings“ sammele griff ich zu. Später stellte sich dann heraus, dass diese CD nur eine in einer ganzen Serie war. Die Aufnahmen stammten von Hugh Tracey, ein Brite, der vor allem in den 50er Jahren durch Zentral- und Ostafrika reiste, um dort die Musik der Einheimischen aufzunehmen. Herausgekommen sind einmalige Aufnahmen, die in hervorragender Qualität vorliegen.

Michael Baird, in Sambia geboren, lebt heute in Holland. Er gründete SWP Records, ein kleines Label für seine Musik und die Musik aus der Region aus der er kommt. Nun stiess er durch Zufall auf die Aufnahmen von Hugh Tracey, die in einem Archiv in Südafrika vor sich hin rotteten. Baird hatte die Idee diesen Schatz zu heben und zu veröffentlichen.

Und darüber geht die heutige Sendung auf KUSF, das sogenannte „Spotlight“. Hier kann man die beiden Teile der Zweistundensendung hören.

SWP-Records 1     
SWP-Records 2