Alle Jahre wieder

Wie jedes Jahr um diese Zeit Anfang Oktober gibt es starke, warme Winde in Nordkalifornien, die 100 Kilometer Windstärke und mehr erreichen können. Dann werden die sogenannten „Red Flag Alerts“ ausgerufen, die höchste Stufe der Feuerwarnung. Parks werden geschlossen, die Feuerwehr ist in Alarmbereitschaft.Denn nach einem heißen kalifornischen Sommer ist alles ausgetrocknet, ein Funken würde genügen, dazu die Winde, die wie ein Fön wirken, und alles stände in Flammen.

Mal eben schnell für ein paar Tage den Strom abschalten.

So wie im Oktober 2017 in Sonoma County, das Tubbs Fire fraß sich durch das Wine Country. Kurz darauf brannte es in Ojai, das Thomas Fire wütete um die Kleinstadt herum und wurde zum größten Feuer in der Geschichte Kaliforniens. Doch nicht für lang, 2018 wurde das folgenreichste und tödlichste Feuerjahr im Golden State. Milliarden Dollar Schäden wurden verbucht. Und immer wieder waren die Stromversorger PG&E und Edison mitverantwortlich. Stromleitungen rissen, Transformer explodierten, die gesamte Infrastruktur der „Utility Companies“ war veraltet. Beide Konzerne wurden mit Klagen überhäuft, PG&E erklärte den Bankrott, um gerichtlich geschützt überhaupt weiterarbeiten zu können.

Und all das hat Folgen. PG&E hat nun angekündigt kurzerhand den Strom für Hunderttausende von Haushalten abzuschalten. Nicht nur für ein paar Stunden, nein, bis zu fünf Tagen solle der Strom abgeschaltet werden, denn PG&E müsse vor einem erneuten Schalterklick jeden Zentimeter der Leitungen kontrollieren. Das grenzt an Schikane. Es kursiert eine interaktive Karte, in der man seine Adresse eingeben kann und dann erfährt, ob man betroffen ist. Und natürlich bin ich betroffen. Auch wenn PG&E kürzlich erst all die Bäume im Umkreis meines Hauses abgeholzt hat, da eigentlich nichts mehr passieren kann, den Stromfuzzis scheint das egal zu sein.

Die Stromversorger sind so ein Fall für sich. Warum, so fragt man sich, werden die Kabel eigentlich nicht unterirdisch verlegt, dann gäbe es das Problem mit der Feuergefahr gar nicht. Die Kosten können es nicht sein, denn die Klagen, die PG&E und auch Edison am Hals haben, sind in ihrer Dimension deutlich höher, als Stromkabel zu verbuddeln. Aber was weiß ich schon. Ich lade mal alles auf, kaufe Batterien, lege mir Kerzen, Taschenlampen und Streichhölzer zurecht, ist ja dann quasi nach Sonnenuntergang wie Campen im eigenen Haus. Ach ja, ich habe auch einen Elektroherd!

Es wird brenzlig in Oakland

Kein Platz für Raucher und Kiffer.

Kein Platz für Raucher und Kiffer.

Es fehlt nur noch die Lunte. Derzeit blasen wieder die Santa Ana Winde über Kalifornien. Der September und Oktober sind gerade hier in der San Francisco Bay Area die heißesten Monate im Jahr. Warme Luftströme aus dem Landesinneren, die wie ein Fön wirken. Da schwitzt man schon, wenn man noch nicht einmal einen Schritt gemacht hat. Kein gutes Wetter für meine stets gut sitzende Frisur, da hilft selbt das Dreiwettertaft nicht.

Dazu kommt, dass die Wälder wieder ausgetrocknet sind, das Unterholz dicht und dröge. Zwar hat es im Norden des Bundesstaates im letzten Winter heftigst geregnet, die Reservoirs und Seen waren gut gefüllt, doch der Regen traf nur Nordkalifornien. Im Süden herrscht gähnende Leere in den Reservoirs und hinter den Staudämmen. Wasserknappheit wird zur Normalität in Südkalifornien.

Es fehlt also nicht viel, um eine weitere Katastrophe zu entfachen. In den Wäldern gleich hinter meinem Haus herrscht deshalb striktes Rauchverbot. Die Feuergefahr ist einfach zu groß, eine weggeworfene Kippe, dazu die Santa Ana Winde, und das war’s für viele Anwohner. In den Sommermonaten fressen sich zwar Schaf- und Ziegenherden durch das Unterholz und das hochgewachsene Trockengras, doch das ist bloß eine kurze Schneise am Beginn des „East Bay Regional Parks“. Betroffen wären auch die gewaltigen Redwood Bäume, die hier gleich in der Nachbarschaft wachsen. Die Feuergefahr nimmt man in den East Bay Hills von Oakland und Berkeley sehr ernst. Genau vor 25 Jahren brannte das sogenannte „Tunnel Fire“ über dem Caldecott Tunnel, der die beiden Städte voneinander trennt. Am Ende waren 2900 Häuser zerstört, 25 Menschen starben, ein Schaden von über einer Milliarde Dollar war entstanden.

Es wird heiß in Kalifornien

Das Thermometer steigt. Die Sonne strahlt am blauen kalifornischen Himmel, in der San Francisco Bay Area soll es Mitte der Woche 30 Grad heiß werden. Kalifornienreisende wird es freuen, so stellt man sich den Sonnenstaat am Pazifik vor. Doch wenn man hier lebt, gerade etwas außerhalb der Städte, denkt man bei der Hitze an etwas ganz anderes: Feuergefahr.

Schon jetzt werden doppelt so viele Brände in staatlichen Waldgebieten verbucht, wie im letzten Jahr, berichten die kalifornischen Feuerwehren. Auch in den kalifornischen Nationalparks, die von eigenen „Federal Fire Crews“ betreut werden, liegen die Zahlen deutlich über normal. Die sommerliche Feuersaison hat hier bereits Anfang des Jahres begonnen. Feuerwehren im ganzen Staat bereiten sich auf ein langes Jahr vor.

In ganz Kalifornien sind Feuerwehrleute in den Nachbarschaften unterwegs. Wenn sie mal eine Einsatzpause haben, dann reden sie mit Nachbarn, kontrollieren Gärten und Baumwuchs, leiten Teams an, die in Parks und auf offenen Grün- und Waldflächen das ausgetrocknete Unterholz beseitigen. Wer seinen Garten und sein Grundstück nicht in Ordnung bringt, dem droht eine hohe Geldstrafe.

Der Mangel an Niederschlag in Kalifornien hat die Böden ausgetrocknet. Es herrscht Wassernotstand im Bundesstaat. Viele Seen, Flüsse und Reservoirs sind fast ausgetrocknet oder auf einem absoluten Tiefstand. Die Rede ist von einer Jahrhundertdürre, jedes Jahr wird es schlimmer. Die Schneedecke in den Bergen ist so dünn wie noch nie zuvor. Doch bislang kam der Notstand bei den meisten Bürgern Kaliforniens noch nicht an. Nach wie vor wird mit dem Wasser hausiert, als ob das Trink-, Dusch- und Spülwasser aus dem Pazifik kommt. Und auch im Parlament in Sacramento hat man noch nicht die gesetzliche Bremse gezogen, obwohl seit Jahren klar ist, dass unbequeme Entscheidungen getroffen werden müssen. Stärkere Gesetze, die das Leben der Bürger einschränken, sind unbeliebt. Dann wird vom „Nanny State“ gesprochen, dem Bevormundungsstaat. Was in Deutschland „Freie Fahrt für freie Bürger“ ist, bedeutet in den USA „Keep the government out of my personal life“. Und da fällt eben alles mit drunter, auch, dass man nach dem Pinkeln sechs Liter Wasser beim Abziehen verschwendet. Ein umweltpolitisches Umdenken ist in Amerika noch lange nicht in Sicht.