Flüchtlinge Willkommen

Einstudieren der Nationalhymne.

Einstudieren der Nationalhymne.

In der noch jungen Republik Somaliland gibt es IDP-Camps, Lager für „Internally Displaced People“, Inlandsflüchtlinge. Eines davon besuchten wir heute außerhalb von Burco, in dem rund 50.000 Menschen leben. CARE unterstützt dort eine Schule, hat bei deren Aufbau geholfen, finanziert die Aus- und Fortbildung der Lehrer und fördert besonders Angebote für Mädchen. Die Klassenzimmer sind nicht überfüllt, nur 35 Prozent der Kinder im Lager gehen zur Schule. Doch die, die hier sind, sind mit vollem Eifer dabei. In einer Klasse wird die Nationalhymne gelernt, ein kleiner Knirps schmettert immer wieder den Refrain „Samo ku waar“ lauthals mit. In der nächsten Klasse wird Englisch gelehrt, eine weitere Kinderschar wird in Mathematik geschult. Die Besucher mit Fotokamera und Aufnahmegerät werden mit großen Augen beobachtet.

Das IDP-Camp ist zu einer eigenen Kleinstadt geworden.

Nach der Grundschule müssten die Kinder eigentlich in die „Secondary School“, doch die liegt in Burco und verlangt Schulgeld. Deshalb marschieren nicht alle der Schülerinnen und Schüler eden Tag die 45 Minuten dorthin und wieder zurück. Die Eltern im Lager wünschen sich eine eigene fortführende Schule, doch dafür fehlt das Geld.

Das IDP-Camp hat sich zu einer eigenen kleinen Stadt am Rande der zweitgrößten Metropole Somalilands entwickelt. Läden, Moscheen und ein hoher Mobiltelefonmast deuten darauf hin, dass dies hier kein Durchgangslager ist. Eine Frau und Mutter, die auch im Schulrat ist, wuchs in der Gegend auf, wurde durch die Kriegshandlungen vertrieben und kam wieder hierher zurück. Sie gilt als ein Inlandsflüchtling und lebt im Lager. Sie will hier in ihrem Haus mit ihren Mann und den Kindern bleiben. Die Bevölkerung in der nahegelegenen Stadt unterstütze die Bewohner des Lagers, erst kürzlich, nach einem Unwetter, habe man gemeinsam etliche Hütten wieder aufgebaut.

Auch sie spricht von der Gefahr, dass ihr ältester Sohn offen mit dem Gedanken spielt wegzugehen. Er sei 18 Jahre alt und sehe keine Zukunft für sich in Somaliland. Sie versuche zwar ihn zu halten, verwöhne ihn, wo es nur geht, aber sie wisse, sie werde ihn nich halten können, wenn er sich für die lange Reise nach Europa entscheidet. Es ist dieser seltsame Widerspruch, auf den man in Somaliland immer wieder stößt. Hier Menschen, die voller Tatendrang am Aufbau des Landes helfen wollen. Viele von ihnen kamen aus dem Ausland zurück, um mit ihrem Wissen und mit ihrem Geld dabei sein zu können. Dort gerade viele junge Frauen und Männer, die Somaliland den Rücken zukehren, sich auf eine lange und gefährliche Reise Richtung Europa machen wollen. Nichts wird sie aufhalten, außer einer Zukunftsperspektive im eigenen Land.

Am Nachmittag fuhren wir im Autokonvoi von Burco nach Hargeisa zurück. Mit dabei auch wieder ein Wagen mit einem bewaffneten Polizisten. Das ist die Auflage der Regierung, wenn man die Hauptstadt als westlicher Besucher verläßt. Die Gefahr von Entführungen soll so vermieden werden. Der Vorteil dabei ist, an den vielen Straßenkontrollen wird man einfach nur durchgewunken. Hargeisa, so habe ich nun auch gelernt, kann man übrigens mit „I“ oder „Y“ schreiben, ganz wie man will. Und das sind nicht die einzigen Ortsnamen, die mal so, mal so geschrieben werden. Burco oder Burao geht auch, wer soll da noch durchblicken!? Anyway…die Autofahrt wieder hoch zum Meer und dann runter in die Hauptstadt war beeindruckend schön. Das Fenster runtergelassen, der Fahrtwind, die heiße Sonne, die wunderschöne Landschaft, die teils fremdartigen Eindrücke, die an einem vorbeiziehen…Somaliland ist eine Reise wert. Wohl noch nicht jetzt und für jeden, aber vielleicht und hoffentlich bald.

„I’ll visit you in Germany“

Burco ist die zweitgrößte Stadt in Somaliland, hier leben rund 400.000 Menschen. Das Gebäude von CARE ist in einer Wohngegend, am Tor kein Schild der Hilfsorganisation. Aus Sicherheitsgründen, wie es heißt. Von hier ging es in die sprichwörtliche Pampa. Erst auf einer langen Schotterpiste immer geradeaus, dann kam die Sandstraße, die sich um Büsche schlängelte und ins Nichts zu führen schien. Der Fahrer heizte dahin, als gäbe es kein Morgen.

Die Landschaft war beeindruckend, sandig und dennoch wunderschön. Ein weiter Blick, immer mal wieder Ziegen rechts und links der Straße, Nomaden, die sie hüteten und gelegentlich trabte ein Kamel über die Straße. Blau markierte Steine im Sand zeigten, wo Landminen geräumt worden waren. Die Spuren des Krieges sind in Somaliland noch immer zu sehen.

Unser erstes Ziel war das Dorf Harasheik. CARE hat dort eines dieser Brunnenprojekte aufgebaut, von dem ich gestern berichtet hatte. In Harasheik wartete man auf uns, die Dorfältesten berichteten von ihren Erfahrungen und Wünschen mit dem Brunnen und der Solarkraft. Danach noch ein paar Interviews, Fotos, Klangaufnahmen, ein kleiner Spaziergang alleine durchs Dorf. Dann ging es mit den Geländewagen nach Xaaxi, einem weiteren Projektdorf.

Ein Treffen im Schatten unterm großen Baum. Fotos: A. Peltner.

Ein Treffen im Schatten unterm großen Baum. Fotos: A. Peltner.

Auch in Xaaxi gab es ein herzliches Willkommen, diesmal suchte ich jedoch mehr das Gespräch mit Jugendlichen. Wir saßen unter einem Baum und sie erzählten davon, dass sie weg wollen. Von den etwa 15 jungen Männern hoben 12 die Hand. In Somaliland gebe es keine Jobs, keine Zukunft. Und andere, die gegangen sind und es geschafft haben, hätten Fotos von sich auf facebook gepostet. Bilder, die zeigen, dass sie erfolgreich angekommen, erfolgreich einen Job gefunden, erfolgreich ein neues Leben begonnen haben. Auf meinen Einwand, dass sie nicht alles glauben sollten, was sie auf facebook sehen und lesen, dass in Europa keine Jobs auf sie warten, ließen sie nicht gelten. Nun planen die jungen Kerle vor mir über Äthiopien und den Sudan nach Libyen zu gelangen, um von dort über das Mittelmeer Europa zu erreichen. Bereitwillig wollen sie sich in die Hände von Schleppern begeben, die bekannt dafür sind, irgendwo auf der Strecke mehr Geld zu fordern, die Eltern daheim anzurufen und sie die Schmerzensschreie ihrer Kinder hören zu lassen, bis sie zusichern, mehr Geld zu schicken. Eine lange und gefährliche Reise liegt vor den Jugendlichen. All das ist ihnen egal, meint einer. „I’ll visit you in Germany“, lacht ein anderer. Sie alle sind sich sicher, sie werden es schaffen. Inshallah!

Pegida-da-da

Ich erlebe noch Sachen. Da koche ich mir am Abend eine Suppe, löffele dann so vor mich hin und schalte durch die 528 Kabelkanäle. Und was kommt in den „CBS Evening News“, ein Beitrag aus Dresden. Da berichtet doch tatsächlich ein Korrespondent für den Sender von den Pegida Märschen. Und nicht nur das, er interviewt auch noch einen Dresdner Professor, dem er die Wörter in den Mund legen mußte („I think you meant that…“) und einen „publisher of a rightwing magazine“, der mit eng gelegtem Schal um den Hals gerade mal drei Worte sagen durfte. Immerhin Pro und Contra. Das, meine Damen und Herren von der deutschen „Lügenpresse“, ist eine ausgewogene Berichterstattung. Jawohl!

Pegida Demonstration in Dresden.

Pegida Demonstration in Dresden.

Wobei, so ausgewogen war es dann doch nicht. Der Reporter berichtete zwar, dass in Dresden etwa 25.000 „patriotische Europäer“ auf der Straße waren, um gegen die „Islamisierung Deutschlands“ und gegen Angela Merkels Satz „Der Islam gehört zu Deutschland“ zu protestieren. Doch dann fügte der amerikanische „Schmierenjournalist“ hinzu, dass an dem Abend in Deutschland weitaus mehr Menschen für Flüchtlinge, Asylsuchende und gegen Pegida demonstriert hätten.

Aber, das ist mal was Neues für eine amerikanische Berichterstattung. Denn bislang wurden solche Gegendemonstrationen immer gerne unter den Tisch gekehrt, nicht beachtet oder schlichtweg totgeschwiegen. Deutschland, so hieß es bislang immer, habe ein Nazi Problem. Fakt, Punkt, Aus. Gerade im wildem Osten müßte man sich als Ausländer hüten, nicht unter die Sprigerstiefel einer tobenden Glatzenherde zu geraten, hieß es da immer. Kein Witz, sogar die in Deutschland stationierte US Army gab lange Zeit Warnhinweise für Militärangehörige und ihre Familien heraus, möglichst nicht in das Gebiet des einstigen Arbeiter- und Bauernstaates zu fahren.

Die Zeiten scheinen sich geändert zu haben. Sowohl bei den Reisewarnungen als auch in der amerikanischen Berichterstattung über Deutschland. Das ist doch mal was Schönes. Pegida wird also aus dem Ausland nicht als ein „deutsches“ Problem gesehen, sondern vielmehr als ein lokaler Protest am Rande der Republik, irgendwo da hinten im Erzgebirge.

Nur der Blick nach vorn

Heute morgen ging es noch einmal in ein Lager, ein Camp für Rückkehrer. Fast direkt neben Gore gelegen, über einen Sandweg gelangt man dorthin. Wir treffen die 17jährige Awa aus Bangui. Sie hat ihre Eltern, ihren Bruder, ihren Ehemann verloren. Nach der Flucht gebahr sie hier ein totes Baby. Awa ist alleine im Camp. Sie engagiert sich beim Kinderhaus, kocht für die Kleinen und auch für die unbegleiteten Jugendlichen, die in einem Unicef Zelt untergebracht sind.

Awa in der Unterkunft der Jugendlichen.

Awa in der Unterkunft der Jugendlichen.

Sie blickt zurück, erzählt ein wenig von damals, als sie in die Schule in Bangui ging. Ihr sei es gut gegangen, der Vater habe eine gute Stelle beim Präsidenten gehabt, jeden Tag wurde sie zur Schule gefahren, die Familie habe Hausangestellte gehabt. Nun sei sie eben hier, man müsse sich arrangieren. Morgens nach dem Aufstehen fege sie mit ein paar Zweigen den Bereich vor ihrem Zelt, wasche ihre Kleidung und beginnt den Tag. Sie wolle wieder in die Schule gehen, einen Abschluß machen und dann vielleicht Krankenschwester werden. Aber ersteinmal ist sie hier und kümmert sich um die Kinder und Jugendlichen.
Awa ist eine von vielen, die irgendwo und irgendwie einen Strich gezogen haben. Sie blicken auf das was jetzt ist, auf das, was kommt und kommen soll. Was war ist geschehen, daran kann man nichts mehr ändern. Es wird schon alles. Irgendwie.
Heute Nachmittag geht es Richtung Norden, von Gore nach Moundou, ein paar Stunden über die Staubstraße. Morgen dann der Rest der Strecke zurück nach N’Djamena. Eine interessante, intensive, sehr nahe- und tiefgehende Reise geht ihrem Ende zu. Die Eindrücke sind so vielfach, dass sie ganz langsam sacken, und auch ganz langsam sacken müssen, um sie überhaupt zu verstehen.