Am Schlagbaum geht nichts

In UNHCR Zelten sind zehn Familien untergebracht.

In UNHCR Zelten sind zehn Familien untergebracht.

Ein Zelt für zehn Familien. Planen als Zwischenwände, so verbringen viele der Flüchtlinge aus der Zentralafrikanischen Republik ihre ersten Monate im Lager Dosseye. Gleich daneben bauen sie Erdnüsse, Gemüse und etwas Getreide an. Der Brunnen ist auch nicht weit. Fatimé lebt hier mit ihrer Tochter und drei Enkelinnen. Sie verdient sich etwas mit Näharbeiten dazu. In der Zentralafrikanischen Republik hatte sie einen Laden, abends fuhr sie ein Taxi durch Bangui.

Wir sitzen auf dem Boden ihres Zeltbereichs. Da eine der Familien ausgezogen ist, haben sie die Zwischenwand entfernt, nun haben sie ungefähr sechs mal sechs Meter zum Leben. Den Schlafbereich haben sie etwas mit Erde erhöht, um sich so vor Schlangen und Skorpionen zu schützen. Neben dem Kopfende stehen zwei Koffer, daneben zwei Taschen. Ein paar Töpfe, ein paar Schuhe. Kleidungsstücke hängen über die Trennplane zum Nebenbereich.

Ein paar Fotos konnte sie auf ihrer Flucht mitnehmen.

Ein paar Fotos konnte sie auf ihrer Flucht mitnehmen.

Fatimé zeigt uns ein paar Bilder von früher, von ihrem Laden, ihrer Familie, von Freunden. Die hatte sie bei sich in ihrer Handtasche, sonst hat sie kaum etwas auf der Flucht mitnehmen können. Alles ging so schnell, Hauptsache das Leben blieb. Zwei ihrer Töchter flohen nach Kamerun und sind dort in Flüchtlingslagern untergebracht. Als sie hierher kam, wurden ihr ein paar Decken und Kochgeschirr ausgehändigt. Zurück gehen würde sie nur, wenn alles wieder friedlich ist. Erstmal ist sie hier, will nun im Lager versuchen klar zu kommen. Sie erzählt, blickt ganz ernst dabei. Manchmal lacht sie. Ein schönes Lachen das ansteckt.

Im vorderen Teil des Lagers sind Zelte für die Neuankömmlinge errichtet worden. Keine Trennwände, keine Fenster, es ist dunkel. Weil es derzeit öfters draußen regnet wird im Zelt an offenen Feuerstellen gekocht. Dicker Qualm, der in den Augen brennt. Auf einer Matte sitzt eine Frau, neben ihr die alte Mutter, vor ihr drei ihrer fünf Kinder. Schon seit Wochen ist sie hier in diesem Zelt, weil noch kein Platz in den anderen Unterkünften ist. Ein Zustand der schockiert. Doch sie meint, sie wurden herzlich aufgenommen, haben zu essen bekommen und eine sichere Schlafmöglichkeit. Sicherheit, das sagen alle, haben sie hier wieder gefunden.

Am Nachmittag fahren wir zur Grenze. Ein kleines, ärmliches Dorf liegt gleich daneben. Der Grenzverkehr existierte nicht mehr. Aus dem Süden kommen hier kaum noch Flüchtlinge vorbei. Soldaten bewachen die leere Straße zur Zentralafrikanischen Republik. Ein Schlagbaum, davor sitzt ein Tee trinkender Soldat mit Maschinengewehr. 20 Meter weiter ein Strohdach, darunter sitzen und liegen fünf weitere Uniformierte des Tschad. Junge Burschen, die vielleicht gerade mal 18, 19 Jahre alt sind. Mehrere Maschinengewehre liegen herum. Was wir hier wollen, fragen sie? Die Grenze sehen, ein paar Bilder und Audio-Aufnahmen machen. Dafür brauchen wir eine schriftliche Erlaubnis, sagt einer. Der Präfekt hat es uns erlaubt, sagt unser Übersetzer. Der eine greift zum Telefon und ruft seinen Vorgesetzten an, reicht das Telefon weiter. Schnell ist klar, ohne eine Erlaubnis des Militärs geht hier nichts. Kein Foto darf von der leeren Straße mit Schlagbaum gemacht werden. Thank you and Goodbye. Wir laufen zurück zum Auto, zwei Soldaten folgen uns, passen auf, dass wir nicht doch noch ein Bild schießen. Die Grenze ist gesichert, nur für Flüchtlinge ist sie noch von einer Seite aus offen. Wie das alles hier weitergehen soll, das weiß derzeit niemand zu beantworten.

Es kann immer noch schlimmer kommen

Ein weiterer Tag in Camps. Schon frühmorgens war es heiß, wieder 30 Kilometer über die Piste. Am Anfang eine kleine Diskussionsrunde über sexuelle Gewalt im Lager. Vor allem ging es um die Definition, was ist eigentlich sexuelle Gewalt. Danach ein Gespräch in der Hütte, dem Haus einer 48jährigen Frau. Ein dunkler Raum aus Lehmziegeln, Strohmatten, Planen von Hilfsorganisationen. Ein paar Decken und Matten auf dem Boden, in einer Ecke Töpfe, in einer anderen ein paar kleine Habseligkeiten. Sie war aus der Zentralafrikanischen Republik geflohen. Ihre drei Kinder waren bei einem Pastor untergebracht, der ebenfalls floh, von ihren Kindern fehlt jede Spur. Im Lager Dosseye eröffnete sie einen kleinen Laden, gleich im vorderen Bereich ihrer Hütte. Eines Nachts kamen drei Männer in ihre Hütte, stopften ihr einen Knebel in den Mund und bedrohten sie. Sie solle das Geld rausgeben, als Händlerin habe sie doch etwas. Einer der Männer vergewaltigte sie, während ein zweiter draußen aufpasste. Schließlich gab die Frau ihnen auch noch die paar Francs, die sie verdient hatte. Stundenlang lag sie wach, erst am Morgen vertraute sie sich einer Mitarbeiterin im Camp an, die von Care bezahlt wird. Die Behörden wurden eingeschaltet, doch da keine „Beweise“ vorlagen, wurde auch nicht groß ermittelt. Sexuelle Gewalt in den Flüchtlingscamps passiert tagtäglich.

Straße im Flüchtlingslager Dosseye.

Straße im Flüchtlingslager Dosseye.

Anschließend fuhren wir in ein Lager für „Rückkehrer“, also ehemalige Bürger des Tschad, ihre Kinder und Kindeskinder. Viele von ihnen hatten eine gesicherte Existenz in CAR. Nun wohnen sie im Lager. Noch schlimmer geht es den Menschen in den Gemeinden drumherum. Das Camp wurde einfach auf ihre Felder gesetzt, ohne einen Ausgleich dafür von der Regierung zu erhalten. Sie seien ihre Verwandten, hieß es, man müsse ihnen helfen. Die Hilfsorganisationen sind im Lager aktiv, bauen Brunnen, helfen, soweit es geht. Die Dorfbewohner außenrum gehen zumeist leer aus. Nicht nur das, ihre Ernten sind kleiner geworden, viele hungern. Care versucht auch hier zu helfen. Mit dem, was möglich ist.

Ich habe Post bekommen, ich solle den Tschad nicht so wichtig nehmen, es gebe schließlich noch andere Krisen auf der Welt. Das stimmt, doch gerade deshalb bin ich hier. Der Tschad ist ein vergessenes Land mit vergessenen Krisen. Als ich hierher fahren wollte, fragten mich viele, wo ist der Tschad überhaupt. Nur weil eine Krise nicht akut ist, bleibt sie dennoch eine Krise. Lebensgeschichten, wie die von der 48jährigen Frau oder die von dem 17jährigen Mädchen, von dem ich gestern berichtete, müssen erzählt werden. Viele Journalisten kommen hier nicht vorbei. Und ich wäre wohl auch nicht hierher gekommen, wenn ich nicht ganz direkt von einer Care Mitarbeiterin gefragt worden wäre. Der Tschad ist kein Reiseland, der Trip hierher war und ist beschwerlich. Doch als ich da auf dem Boden der Hütte saß und zuhörte, wie die Frau den Mut und die Kraft fand sich Fremden zu öffnen, da war mir wieder klar, warum ich hierher kam.

Als Jesus nicht zum Schlafen kam

milgithaIm September reiste ich nach Ruanda, in ein faszinierendes Land im Aufbruch und voller Hoffnung. Doch das kleine Land im Herzen von Afrika ist überschattet von den Ereignissen, die sich dort vor 15 Jahren ereigneten. Damals im April, Mai und Juni 1994 „herrschte der Teufel“ in Ruanda, wie es Schwester Milgitha beschreibt. Schwester Milgitha ist eine katholische Schwester des Clemensordens in Münster und kam vor 36 Jahren nach Ruanda. Voller Tatendrang bauten sie und ihre Mitschwester eine Krankenstation auf, die weit über die eigentlichen Grenzen des Bezirks hinaus bekannt wurde.

Doch dann kam der April ’94, in dem sich alles veränderte. In diesem Audio Beitrag beschreibt Schwester Milgitha Ihre Erlebnisse, ihre Erfahrungen, ihre Zweifel, das, was sie sah, was sie hörte und was sie durchmachte.

Schwester Milgitha     

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