Let’s Make American Radio Great Again

Bear Family Records, das Independent Plattenlabel aus Holste-Oldendorf, hat es mal wieder geschafft. Ich sitze da und grinse wie ein Honigkuchenpferd vor mich hin. Beschwingliche Musik klingt aus dem CD Player, mein rechter Fuss wippt im Takt mit. „At the Louisiana Hayride tonight“ heißt diese 20 Cds umfassende Box, die nicht nur ein wunderbares Kapitel der amerikanischen Radiogeschichte dokumentiert, sondern auch fantastische Musik präsentiert.

Von 1948 bis in 1960er Jahre sendete KWKH aus Shreveport, Louisiana, eine wöchentliche Live-Radiosendung am Samstagabend. Es waren nicht die Topentertainer ihrer Zeit, wie sie die „Grand Old Opry“ in Nashville anzog. Der „Louisiana Hayride“ brachte vielmehr die kommenden Stars, darunter Johnny Cash, Hank Williams, The Stanley Brothers, Johnny Horton, Carl Perkins, Hank Snow, Jim Reeves, George Jones und nicht zu vergessen Elvis Presley und viele, viele mehr. Die Musik wurde als „Folk“ und „Hillbilly“ bezeichnet, das Genre „Country“ war noch nicht bekannt.

Die Aufnahmen auf diesen 20 Cds sind mitreißend, unterhaltsam, voller Energie. Sie stammen aus der Hochzeit des Live-Radios, als aus einem Auditorium in Shreveport die „United States of America“ via CBS beschallt wurden. Samstagabend für Samstagabend wurde der klassische amerikanische Sound vor einem Live-Publikum über den Äther geschickt. Moderationen, kleine Showeinlagen und Witze, kurze Interviews mit neuen Musikern (darunter auch Elvis Presley) beleben diese „Recordings“. Viele der Songs sind bekannt, manche werden wiederentdeckt, viele hört man zum ersten Mal.

Amerika präsentiert sich hier als heile Welt, Shreveport war damals eine boomende Metropole. Es ist auch eine weiße Welt. In dem umfangreichen Begleitbuch zur Geschichte des „Louisiana Hayride“ findet man kein schwarzes Gesicht. Nicht auf der Bühne und nicht im Publikum. Es waren andere Zeiten. Und doch klingt hier das weite Land Amerikas durch, der kulturelle „Melting Pot“, denn viele der musikalischen Einflüsse, gerade aus dem schwarzen Gospel und dem „Rhythm & Blues“, hielten Einzug in den Folk und Country und in die Musik von Elvis Presley.

Seit Stunden sitze ich nun hier und höre die Aufnahmen von „At the Louisiana Hayride tonight“. Ich kann nicht sagen, welcher Song, welcher Künstler mir am besten gefällt. Es ist das Gesamtbild, was hier wirkt. Musiker wie Johnny Cash und Elvis Presley neben für mich ganz unbekannten Künstlern. Das Live, ungefiltert, ungeschönt. Der Sound manchmal dünn und doch ist es so ein breites, klangvolles Hörereignis. Geschichte trifft auf Kultur, Old Time Country auf die Fragen von heute. Und beim Abspielen all dieser Cds denke ich mir, wie schade es ist, dass es diese Art des Live-Radios nicht mehr gibt. Diese Offenheit und Direktheit ging schon lange verloren. Viel zu viel ist heute streng formatiert, kommt aus der Konserve, ist geglättet und begradigt und mit Effekten überzogen worden. Bear Family Records hat hier erneut eine wunderbare Box vorgelegt, die einfach nur begeistert. Die deutlich macht, wie schön das Zuhören sein kann.

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Eine Folklegende sagt zum Abschied leise Servus

Glenn Yarbrough (rechts) mit den Limeliters.

Glenn Yarbrough (rechts) mit den Limeliters.

Glenn Yarbrough ist tot. Der Name wird nicht vielen in Deutschland etwas sagen. Doch Yarbrough ist sehr eng mit der amerikansichen Folkmusik-Bewegung der 60er Jahre verbunden. 1959 war er Mitbegründer der „Limeliters“, einer Gruppe in der Tradition des „Kingston Trios“. Die Limeliters wurden schnell zu Superstars, traten in Fernsehsendungen auf und repräsentierten den neuen Sound einer jungen Generation.

Schon 1963 jedoch verließ Glenn Yarbrough die Band, um auf Solopfaden zu wandeln. Und das durchaus erfolgreich. Sein bekanntester Hit war „Baby the rain must fall“. Yarbrough setzte sich ein Leben lang für soziale Projekte ein, gründete mit seinen verdienten Millionen Dollar eine Schule für benachteiligte Kinder. Und es zog ihn immer wieder hinaus aufs Meer, Segeln wurde zu seiner Leidenschaft. Immer wieder wollte er den Bruch mit dem Musikbusiness, kehrte aber stets zurück.

2004 lernte ich den gealteten Glenn Yarbrough persönlich kennen. Bei einem privaten Überraschungskonzert im kalifornischen Ojai hatte ich die Gelegenheit mich lange mit ihm zu unterhalten, Fotos zu machen, das Konzert für gerade mal 15 Personen in voller Länge aufzuzeichnen. Er war ein beeindruckender Geschichtenerzähler und ein interessierter Zuhörer. Danach spielte ich seine Musik oftmals im Country und Folk Programm einer deutschen Airline, für die ich zehn Jahre lang das Inflight Radio produzierte und moderierte. Yarbrough hatte viele private und berufliche Rückschläge erlebt. Gleich mehrmals hatte er sein Geld in fragwürdige Projekte investiert, war von anderen ausgenutzt, von Plattenfirmen über den Tisch gezogen worden. Und dennoch, er gab nie auf. Die Musik begleitete ihn ein Leben lang. Als er da auf der Farm stand und seine Lieder sang, blitzte noch einmal die ganze Größe dieses Ausnahmesängers auf. Er hatte sie noch, die Stimme, die Millionen von Fans in den frühen 60ern faszinierte.

Ein paar Monate später traf ich ihn erneut bei einem Weihnachtskonzert. Sein weißer Rauschebart passte perfekt zur Weihnachtsgeschichte, die er vortrug und mit ein paar Liedern musikalisch umrahmte. Ein liebenswürdiger, lächelnder, vom Leben durchaus gezeichneter Mann. Glenn Yarbrough starb am 11. August im Alter von 86 Jahren in Nashville, Tennessee

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Eine Stimme wie aus dem Jenseits

Es muß so Ende der 90er Jahre gewesen sein, da hörte ich zum ersten Mal Ralph Stanley. Das war damals beim Collegesender KUSF, ich half bei einer Spätabendsendung aus, kam ins Sendestudio und der DJ vor mir war schon gegangen, hatte aber eine CD zum Durchlaufen eingelegt. Und das war ein Album von Ralph Stanley. Zu der Zeit kannte ich noch nicht viel im Bereich Country, Bluegrass, Gospel und Folk. KUSF war aber ein Sender, der offen für alle Genres war, der eine Playlist zusammenstellte, in der man diese Musik neben Indie-Rock, Noise, Industrial, Weltmusik und total abgefahrenen Sachen hören konnte. In vielerlei Hinsicht hat KUSF meinen musikalischen Horizont erweitert. Und mir eben auch den Zugang zu Ralph Stanley ermöglicht.

Ralph Stanley ist im Alter von 89 Jahren verstorben. Foto: AFP.

Ralph Stanley ist im Alter von 89 Jahren verstorben. Foto: AFP.

Ich saß an diesem Abend im Studio, eigentlich hätte ich die CD ausfaden und meine Musikauswahl spielen können, die da zwischen Einstürzende Neubauten und Rammstein lag. Doch ich ließ das Album von Ralph Stanley weiterlaufen. Was mich gleich beeindruckte war sein Banjo-Spiel, seine Stimme, die von der anderen Seite des Jordan zu kommen schien. Die Schwere seiner Lieder, das Tragische in seinem Gesang. An manchen Stellen, diese unglaubliche Tiefe und Traurigkeit in den Songs, die mich berührte. Und dann diese Hoffnung, diese Helligkeit, dieser tiefe Glaube. Ralph Stanley war ein Meister des emotionalen Spiels.

Aus dieser ersten, sehr ungewöhnlichen Hörefahrung wurde eine große Verehrung für den Musiker aus Virginia. Immer mal wieder baute ich Lieder von Ralph Stanley in meine Country & Folk Sendung auf einer großen deutschen Airline ein. Und einige Rückmeldungen bestätigten mich in meiner Auswahl. Am Donnerstag nun ist Ralph Stanley, einer der größten Bluegrassmusiker aller Zeiten im Alter von 89 Jahren verstorben. Er hinterlässt einen reichen Schatz an Musik, Lieder, die zum kulturellen Erbe der USA geworden sind.

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Ein Lied gegen Hitler

Als in Deutschland das Horst-Wessel-Lied gesungen wurde, erlebten die USA eine Hochzeit der Folk- und Protestsongs. Die 20er und 30er Jahre waren in den Vereinigten Staaten ein tumulthafte Zeit. Massenarbeitslosigkeit, Migration, Armut und Elend führten auch zu einer Musikergeneration, die zum Sprachrohr der Benachteiligten wurde. Die 30er und 40er Jahre brachten eine engagierte und kritische, eine anti-faschistische und auch patriotische Gruppe an Musikern hervor. Woody Guthrie, Pete Seeger, Joe Hill, Lead Belly und viele andere sangen Songs, in denen sie sich mit den Themen der Zeit auseinandersetzten.

Auf “That’s why we’re marching”, veröffentlicht auf Smithsonian Folkways, werden Lieder präsentiert, die einen Eindruck der amerikanischen Folkmusik-Bewegung während des Zweiten Weltkriegs geben. Titel wie “Move into Germany”, “When the Yanks go marching in”, “Mr. Hitler”, “The Fuhrer” oder auch “Round and round Hitler’s grave” zeigen, was neben den klassichen Themen der US-Troubadours zum Thema wurde. Die Musiker sangen gegen den Krieg, gegen den Faschismus, gegen die Gewaltherrschaft der Nazis, und alles mit einem patriotischen Unterton.

In der Krise rückte die amerikanische Nation zusammen. Kritik an der Lage daheim bedeutete damals (noch) nicht, dass man gegen den Einsatz für Frieden, Freiheit und Demokratie in Übersee war. Der Spanische Bürgerkrieg ein paar Jahre zuvor hatte schon früh die amerikanische Linke organisiert, und damit auch viele Folk-Musiker beeinflusst. Der Kampf gegen den Faschismus wurde ein zentrales Thema für Guthrie, Seeger und die vielen anderen. Nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor richteten die Musiker erneut ihren Blick auf Europa. Hitler und seine Schergen wurden in den Liedern lächerlich gemacht, der Nazi-Diktatur frühzeitig ein Ende gesetzt.

Smithsonian Folkways greift mit diesem Album tief in den Archivschatz, der da in den klimatisierten Räumen in Washington DC schlummert. “That’s why we’re marching” belegt, welche Kraft Musik haben kann, welche Bedeutung sie hat und vor allem, wie zeitlos sie ist. Eine beeindruckende Song-Sammlung, die von einem umfangreichen Booklet begleitet wird.

This is Country Music

Mary Gauthier

Eine Musikerin, die man hören sollte: Mary Gauthier

Mehr durch Zufall stieß ich vor einigen Jahren auf Mary Gauthier (Go-Schee). In einem Plattenladen fand ich in einer Ramschkiste eine ihrer CDs und da ich jemanden kenne, der „Gauthier“ hieß, dachte ich, ich nehme das Album mal mit. Gefunden habe ich eine Sängerin und Musikerin, die sehr persönliche Lieder schreibt, die ihr turbulentes Leben musikalisch verarbeitet, die auf der Suche nach Sinn, Inhalt, ja, Halt ist.

Als Mary Gauthiers Album „Mercy Now“ erschien, war ich zutiefst beeindruckt. Eine Platte der Extraklasse. Der Titelsong und „Falling out of love“ sind wunderschöne Lieder, die man einfach hören, genießen, wirken lassen muß.

Und nun legt Mary Gauthier ihr neuestes Album vor; „Trouble & Love“. Es ist erneut eine sehr persönliche Platte, ganz schlicht, leise, behutsam. Mary Gauthier singt mit ihrem Akzent des amerikanischen Südens. Sie öffnet ihr Herz, läßt den Hörer teilhaben an ihrem Lebensweg. Es ist Country, es ist Folk, es ist zärtliche Musik. Gauthier bekennt sich zu ihren musikalischen Wurzeln, gesteht immer wieder ein, dass Musik für sie ein Weg der Verarbeitung ist. Hier geht sie auf, es ist ein Akt der Offenbarung. Sie macht sich angreifbar, zeigt ihre Verletzlichkeiten, ihre Narben. Und dennoch hat man als Hörer das Gefühl, dass hier eine starke Frau singt. Ehrlich, kraftvoll, überzeugt.

Mary Gauthiers Album "Trouble & Love"

Mary Gauthiers Album „Trouble & Love“

„Trouble & Love“ ist ein wunderschönes Country Album fernab der meist belanglos, langweiligen Charts. Country hat in Deutschland einen schlechten Ruf. Man denkt da an fahenschwingende Patrioten in Pick up Cars, Wrangler Jeans und Cowboyhut. Doch Country drückt einen Teil der USA aus, wie es kein anderes Genre schafft. Es erzählt von den Weiten des Landes, den Hoffnungen, den Träumen. Doch auch von Verlusten, dem Scheitern, dem Abgesang auf den American Dream. Country Musik ist oftmals politisch und das nicht nur, wie fälschlicherweise gedacht wird, im pro-amerikanischen Sinne.

All das zeigt Mary Gauthier in ihrer Musik. Sie singt von ihren Problemen als Alkoholikerin, von ihrer langjährigen Suche als Findelkind nach Liebe und Nähe, von den Schmerzen persönlicher Erfahrungen und Verluste, sie fordert ein bißchen „Mercy Now“ für Amerika.

Zehn Jahre lang habe ich viel Country und Folk Musik für das Inflight Radio Programm der Lufthansa durchgehört. Mary Gauthier ist eine dieser Musikerinnen, die mich irgendwie erwischt hat, die mir Country nahe gebracht, die mich zu einem Country Fan gemacht hat. Und nein, ich höre noch immer kein Truck Stop und auch keine Country Charts. Es ist vielmehr genau diese Musik, die Gauthier auf ihrer Platte „Trouble & Love“ präsentiert. Musik, die handgemacht ist, die Lebensgeschichten erzählt, die sich zu den reichen Wurzeln des Country bekennt. Die eine verletzliche Musikerin zeigt, die genau dadurch auch mich als Hörer anspricht, zum Nachdenken bringt, mich emotional erreicht. „Trouble & Love“ ist ein amerikanisches Album, eine Platte, die man 2014 unbedingt hören sollte, um Amerika in diesen stürmischen Zeiten auch mal anders zu erleben.

„Another Train“ ist aus Mary Gauthiers neuem Album „Trouble & Love“:

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„Falling out of love“ ist eines meiner Lieblingslieder, und das nicht nur von Mary Gauthier:

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Inflight Radio wird geradliniger

Als freier Journalist baut man sich im Laufe der Jahre einen Bauchladen auf. Das war und ist bei mir nicht anders. Ich arbeite für verschiedene Radiosender und ein paar Zeitungen, allen voran die Nürnberger Zeitung. Und daneben gab es noch andere Projekte, mit denen ich meinen Unterhalt verdiente. Eines davon war seit Anfang 2005 die Country, Folk und Americana Sendung im Inflight Radio der Lufthansa. Eine Zweistundensendung, zweisprachig moderiert, die weltweit auf allen Langstreckenflügen der Kranich Airline zu hören war. Das Schöne daran war, dass ich die Freiheit hatte, die Playlisten selber zu bestimmen. Ein paar verständliche Auflagen gab es, wie keine „F-Bombe“ zu spielen oder Songs zu bringen, in denen es um Katastrophen, Flugzeugabstürze oder Massenunfälle ging. Ansonsten hatte ich alle Freiheiten dieser Welt.

Das hieß für mich, dass ich neben vielen, vielen Independent Musikern und Bands aus den USA, Kanada, England, Schweden auch deutsche Gruppen und Musiker bringen konnte. Ich mußte nicht auf die Hitparaden und Billboard Charts blicken, ganz im Gegenteil, die Lufthansa wollte ein Country Klangbild fernab des Herkömmlichen haben. Ich konnte so immer vorab über das Nürnberger Bardentreffen berichten, lokale Bands mit ihren aktuellen Veröffentlichungen, wie Smokestack Lightnin‘ und Ski’s Country Trash, und selbst „Lazing at Desert Inn“ von den Shiny Gnomes spielen, persönliche Favoriten, wie Infamis, bringen und vor allem auf die vielseitige, interessante und spannende Country, Folk und Americana Szene in Deutschland verweisen. In jeder Sendung kamen etliche deutsche „Acts“ zum Zuge.

Ich schreibe in der Vergangenheit, denn damit ist nun Schluß. Nach über neun Jahren hat sich das Lufthansa Management dazu entschlossen, eine neue Produktionsfirma zu beauftragen. Kosteneinsparungen werden angeführt, die allerdings im mimimalsten Promillebereich anzusiedeln sind. Und die neuen Macher erfinden das Rad neu. Die Sendungen werden wohl nicht mehr moderiert werden, einfacherweise sollen nur noch CDs abgespielt werden. Wahrscheinlich wird es so laufen, wie bei anderen Airlines auch, die großen Plattenfirmen werden sich ihre Sendeplätze erkaufen. Damit geht ein kleines, aber bedeutendes musikalisches Inselreich verloren. Rückmeldungen, die ich über die Jahre erhielt, kamen aus aller Welt. Es wird geradliniger, Ecken und Kanten sind im „Radio“ nicht mehr gewollt. Fazit ist, über den Wolken war die Freiheit für einen Programmmacher mal grenzenlos.

 

This land is your land

Er hat die USA bereist, durchreist, besungen. Pete Seeger hat den Soundtrack für ein Land geschrieben, das nicht einfach in Worte zu fassen ist. Pete Seeger war neben Woody Guthrie der wohl wichtigste Folk Sänger Amerikas. Gestern verstarb er im Alter von 94 Jahren.

Vor einigen Jahren fing ich mit meiner Country, Folk und Americana Sendung für die Lufthansa an. Von Pete Seeger hatte ich gehört, auf irgendeiner Compilation war auch ein Lied von ihm. Doch mit dem Beginn der Show setzte ich mich mehr und mehr mit der amerikanischen Folkmusik auseinander. Und an Pete Seeger kommt man einfach nicht vorbei. Seine weiche und angenehme Stimme, seine tiefe Überzeugung bei dem, was er singt, sein begleitendes, leichtes Banjo Spiel. Pete Seeger beschrieb in seinen Liedern ein Amerika, ganz anders als das, was man aus den Medien kannte. Ein Liedermacher, ein Beobachter, ein Hoffnungsträger. Wie er „We shall overcome“ sang oder auch „Die Moorsoldaten“ interpretierte war einzigartig.

Gerade läuft hier in meinem Büro eine von seinen vielen Alben, die auf Smithsonian Folkways Recordings erschienen sind. „Songs of Struggle & Protest: 1930 -1950“. Eine CD, die Pete Seeger in all seiner Größe darstellt. Er singt von den harten Zeiten, von der Arbeiterbewegung, von Unterdrückung, Leid und Elend. Doch da ist auch Hoffnung, da ist der Mut, der Blick nach vorne. Seeger schaffte es einfach, den richtigen Ton zu finden. Seine Lieder lassen einen Lächeln, tief Durchatmen. Mit seiner Musik hat er Generationen von Musikern beeinflusst und einem Land, das heute mehr gespalten als geeint ist, einen Soundtrack hinterlassen, der immer wieder aufs neue gehört werden muss.

Nur einen Tag nach der pompösen, künstlichen und selbst beweihräuchernden Glitzerveranstaltung, der Grammy Verleihung, starb einer der Musikgiganten des 20. Jahrhunderts. Vielleicht hat er das noch abgewartet, was da in Los Angeles vor sich ging, um ja nicht erwähnt zu werden. An Pete Seeger sollte man sich erinnern, aber eben anders als in einer Schweigeminute zwischen den Auftritten von Katy Perry und dem Kaugummi kauenden Pharrell Williams. Seine Lieder, seine Musik und sein Sinn für Gerechtigkeit werden unvergessen bleiben.

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Das Ende einer Karriere

Wann war das nochmal? Das muß so 1989 gewesen sein, als ich Michelle Shocked live gesehen habe. War das Konzert in Nürnberg oder in München? Ich weiß es nicht mehr genau, aber es war klasse. Das war die Tour zu ihrem grandiosen Album „Short Sharp Shocked“. Darauf auch ihr größter Hit „Anchorage“. Michelle Shocked war die Folk-Punk-Anarchistin. Politisch und sozial aktiv und engagiert, offen und „outspoken“. Sie brachte den Aktivismus zurück in das etwas verstaubte Folk Genre.

Michelle Shocked produzierte weiter Musik, veröffentlichte Platten, tingelte durch die Weltgeschichte. Ihre Fans liebten sie. Doch es wurde stiller um sie. Vor fünf Jahren wurde sie „born again“, eine „Wiedergeborene Christin“. Sie schrieb weiter Songs, sie wurde allerdings ruhiger, nachdenklicher, verlor dabei jedoch nicht die Intensität in ihrer Stimme. Und dennoch irgendwas war anders. Michelle Shocked schien nicht mehr die gleiche zu sein.

Vor ein paar Tagen nun wetterte sie in einem Konzert ausgerechnet  in der Schwulen- und Lesbenhochburg San Francisco gegen die gleichgeschlechtliche Ehe. Es sei „der Niedergang der Zivilisation“. Wörtlich erklärte sie dem mehr als erstaunten Publikum: „Ich habe Angst davor, dass die Welt zerstört werden wird, wenn Homosexuelle heiraten dürfen“. Und weiter: „Ihr könnt ruhig auf Twitter gehen und sagen, „Michelle Shocked sagt Gott hasst Homos“.

Mit diesen Aussagen war dann wohl ihre Karriere vorbei. Der Großteil des Publikums verließ daraufhin das Konzert, twitterte und postete, youtube Videos erschienen und es dauerte nicht lange, bis ein Konzertveranstalter nach dem anderen die ausstehenden Konzerte auf der US Tournee absagte. Und es gibt nun sogar eine Online Petition, damit auch noch die europäischen Auftritte gestrichen werden. Michelle Shocked gab sich geschockt, versuchte gegen zu rudern, erklärte, alles sei nur ein Mißverständnis gewesen, doch das nahm und nimmt ihr keiner ab. Radiostationen quer durch die USA weigern sich seitdem Songs der einstmals beliebten Musikerin zu spielen. Das wars dann wohl mit dieser Folk-Stimme. Also, nichts mehr mit Michelle Shocked…und dennoch „Anchorage“ ist und bleibt ein toller Song.

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Der Bär ist los

Es kommt ja nicht so oft vor, dass Deutsche für einen Grammy nominiert werden. Und dann auch gleich noch für zwei, also das ist schon einen Blogeintrag wert. Bear Family Records hat seine Zentrale in einem kleinen Dorf nördlich von Bremen. Und von dort aus wurde in den letzten 36 Jahren die amerikanische Country und Folk Musik quasi eigenhändig gerettet. Als viele US Plattenfirmen vor allem auf neue Künstler setzten, fing Oberbär Richard Weize damit an, die Archive der amerikanischen Labels zu durchstöbern, um an die Originalbänder von Musiker und Gruppen zu gelangen, die in den 30er, 40er, 50er und 60er Jahren ihre Musik aufnahmen. Mit Liebe zum Detail wurden dann diese „Recordings“ neu veröffentlicht.

Heute zählt Bear-Family Records zu den wichtigsten Plattenfirmen weltweit, die sich auf Wiederveröffentlichungen spezialisiert  haben. Und nicht nur das, die Musiker selbst sehen es als Auszeichnung an, im Bear Family Katalog zu erscheinen. Die riesigen Vinyl- und CD Boxen des Labels findet man in guten Sammlerplattenläden zwischen Los Angeles und Tokio…Hier in San Francisco gehe ich bei Amoeba Records immer mit einem Lächeln am Country/Folk Regal vorbei: „Die habe ich auch“.

Im Mai hatten wir in der NZ eine der außergewöhnlichen Bear-Family CD Boxen vorgestellt: „The Bristol Sessions – The Big Bang of Country Music“. Eine Songsammlung, die den Urknall der amerikanischen Country Musik mit Künstlern wie der Carter Family oder Jimmy Rodgers beschreibt. Die Aufnahmen stammen aus dem Jahr 1927, liegen hier aber in bester Qualität vor. Ein beeindruckendes historisches Musikdokument, begleitet von einem umfangreichen Buch.

Und genau diese Box wurde nun gleich für zwei Grammys nominiert. Einmal in der Kategore „Bestes Historisches Album“ und einmal für „Beste Liner Notes“. Eigentlich halte ich nicht viel von der Grammy Verleihung, denn immer wieder werden in den Hauptkategorien nur die selben Verdächtigen mit ihrem Bla-Bla-Bla Geschunkele ausgezeichnet. Allerdings hat die „Recording Industry“, die die Grammys verleiht, in der Vergangenheit immer wieder in diesen von der Masse weniger beachteten Nebenkategorien das richtige Ohr bewiesen. Die Nominierungen für „The Bristol Sessions“ ist dafür ein weiteres Beispiel. Gratulation nach Holste-Oldendorf und ich werde am 12. Februar die Daumen drücken. Die Verleihung findet im Staples Center von Los Angeles statt.

Und hier kann man den Sound von Bear Family hören, im eigenen „Bear-Family Radio„.

Bear Family Radio – ein Hörgenuß

Im ganzen Sumpf der Online Radios findet man selten einen Sender, der einen mitreißt. Zuviele Radiomacher sind Selbstdarsteller und denken, mit einem Mikro und ein paar CDs kann man locker eine Radiosendung bestücken. Leider nein! Radiomachen muß auch gelernt sein und ist Arbeit. Das ist einfach so. Es geht um das Gefühl für die Musik, um einen Fluss in der Anreihung der Songs, um Struktur und auch um eine gute Vorbereitung. Leider zu oft hört man Endlosmonologe eines Möchtegern-Moderators, der erst überlegt, was er sagen will, wenn er den Regler für das Mikrofon nach oben zieht: „Aeh….das war jetzt ein… geiler Song…aehm, von wem war der noch mal?“. Die Naturtalente vor dem Mikro sind genauso selten wie die kleinen Beckenbauers in der C-Jugend, die einfach das Gefühl für den Ball haben und bei denen man schon früh weiß, dass sie das Zeug für eine große Karriere mit bringen.

Doch nun startet ein neues Online Radio, das man sich einfach anhören muß und nebenbei laufen lassen kann, ohne genervt das Weite zu suchen. Das legendäre Plattenlabel Bear Family Records mit seinen unendlichen Schätzen an Aufnahmen aus Country, Folk, Rockabilly, R&B, Doo Wop, Rock’n Roll und deutschem Schlager tritt an, um mitreißende Musik zu präsentieren. Bear Family Records hat viel dafür getan, dass unzählige von Musikern und Bands nicht einfach verschwanden, vergessen wurden, ihre Songs umsonst aufnahmen. Das Label aus einem kleinen Dorf nördlich von Bremen ist eines der bedeutendsten Labels für die Bewahrung des Oldtime Countrys. Die CDs und Boxsets des Labels sind weltweit gefragt, denn anders als der Trend, setzt man hier auf Qualität, auf Originalbänder für Kopien und Hintergrundinformationen in den Booklets und beigelegten Büchern.

Nun also das eigene Online Radio. Bear Family Radio ist ein Hörgenuß. Empfehlenswert, einzigartig, wunderbar!!!