Musik grenzenlos

Ich bin an meiner Serie zum Deutschlandjahr in den USA dran. Radiosendungen mit Musikthemen, die Deutschland und Amerika verbinden. Eine davon ist die Geschichte des Labels Bear Family Records aus dem kleinen Dorf Holste-Oldendorf. Im Frühjahr bin ich dorthin gefahren, um Detlev Hoegen zu treffen und mit ihm über den weltweiten Erfolg des ganz besonderen und einzigartigen Independent-Labels zu sprechen. Denn Bear Family hat mit seiner Archivarbeit und seinen umfangreichen Dokumentationen viel dazu beigetragen, dass zahlreiche Künstler gerade aus dem Folk, Country und Americana Bereich nicht vergessen wurden. Und als begeisterter Sammler von historischen Aufnahmen kommt man an diesem Label einfach nicht vorbei. Eine wahrlich deutsch-amerikanische Musikerfolgsgeschichte:

Wer oder was ist Bear Family Records?

Detlev Hoegen: Bear Family ist eine in Deutschland gegründete Firma, wir sind nach wie vor hier und nur hier aktiv. Aber was die Materialien, die Geschichte, die wir aufarbeiten angeht sind wir schon sehr, sehr stark mit den USA verbunden.

Was genau veröffentlicht Ihr auf Bear Family?

Detlev Hoegen: Grundsätzlich geht es in unserer Firmenpolitik darum Aufnahmen, die vor langer, langer Zeit mal veröffentlicht worden sind, von Künstlern, zum Teil, die heute völlig unbekannt sind, wieder zugänglich zu machen und zu archivieren und somit ein Stück Zeitgeschichte zu bewahren. Das hat mit unserem Firmengründer 1975 begonnen, wo er gemerkt hat, dass vieles von dem, was man mal in den 60er an Platten kaufen konnte, mittlerweile längst gestrichen war und, dass die große Industrie überhaupt kein Interesse daran hat, diese Sachen im Katalog zu behalten. Er hatte damals einen Versandhandel gegründet für Country Music, Rock’n Roll und Rockabilly also typisch, amerikanische Musikarten und hat dann gemerkt, dass das, was er zur Verfügung gestellt bekommen hat von den Händlern, viel zu klein war. Und ist dann hergegangen, hat sich erkundigt und schlau gemacht und damit begonnen, in Kooperation mit der Industrie, mit den großen Firmen, die die Kataloge verwalteten, Schallplatten neu zu veröffentlichen. Dann hat er gemerkt, dass das sehr spannend ist und, dass es unveröffentlichte Aufnahmen gibt und ist dann immer häufiger in die USA geflogen, hat in Archiven wirklich gewühlt, gut Zugang bekommen, viele Leute kennengelernt und hat so auch Schätze heben können, die bis dahin vollkommen unbekannt waren. Aber sein Ziel, und auch das Ziel von uns heute, nach über 40 Jahren Bear Family Geschichte, ist es immer noch, das zu bewahren, was irgendwann für die Entwicklung der Musik mal ganz, ganz wichtig war.

Wie entsteht denn bei Euch ein Thema, eine musikalische Projektidee?

Detlev Hoegen: Es gibt verschiedene Wege, die zu Bear Family führen. Das eine und im Grunde der häufigste Weg ist, dass uns Projekte angetragen werden. Es gibt Historiker, Ethonologen, Musikwissenschaftler, Sammler da draußen in der Welt, die ein Faible entwickelt haben für ein ganz bestimmtes Thema, jahrelang Materialien zusammen getragen haben, das archiviert haben und nun sichten und denken, ja, das ist doch so wichtig und so ein tolles Thema, das sollte man doch mal veröffentlichen. Und dann stellt sich ganz schnell die Frage, wer soll das denn veröffentlichen. Viele fragen dann bei der Industrie, also den großen Firmen an, die es noch gibt. Bei einigen kleinen, aber die meisten winken ab und sagen, das können wir gar nicht realisieren, davon kann man nicht genug verkaufen, das ist zu aufwendig, viel zu kompliziert und interessiert auch nur eine Minorität, das ist nichts für uns. Und viele von denen, die sich für ganz spezielle Randthemen interessieren, landen mehr oder weniger schnell bei Bear Family. Das ist ja heute nicht mehr so kompliziert, das heißt, wenn man irgendetwas sucht und man sucht vielleicht Gleichgesinnte im großen Netz, dann stösst man schon auf Bear Family. Viele Themen, die an uns heran getragen werden sind wirklich spannend, manche davon haben es schon selber realisiert zuvor oder in anderer Form veröffentlicht. Aber es gibt immer wieder größere Themen, die für uns auch Neuland bedeuten. Und wenn es sich dann um bestimmte Themen handelt, Ecken handelt in der Musikwelt, die wir überhaupt noch nicht abgedeckt haben, dann sind wir gerne bereit da auch mal genauer drauf zu schauen und daraus sind schon viele spannende Projekte entstanden.

Wie reagieren eigentlich die Künstler, denen Ihr eine umfangreiche Retrospektive widmet?

Detlev Hoegen: Da muss man natürlich etwas kucken, wer von den Country Musikern aus den 40er, 50er Jahren, also aus der ursprünglichen Zeit dieser Musik erlebt denn noch eine Bear Family Box, wenn die auf den Markt kommt. Es gibt sehr, sehr viele positive Reaktionen, nehmen wir mal ein populäres Beispiel, Johnny Cash z.b. hat seine Plattenfirma, ich glaube, es war Columbia, gefragt: sagt mal, warum macht ihr mit meinem Material nicht auch so tolle Boxen, wie Bear Family das kann? Das war für uns natürlich ein ganz großes Lob. Ich denke, bei den Musikern selbst kommt so eine Retrospektive, wie wir sie machen, in der Regel sehr gut an. Es gibt auch kritische Stimmen, das sollte man auch durchaus sagen, die Frage, ob man nun jede jemals aufgenommene Version von einem Song, dann nochmal später veröffentlichen sollte oder nicht, das ist schon eine Frage, die bei manchen Musikern eher zu Unmut geführt hat. Aber in der Regel ist die Resonanz auf das, was Bear Family tut auch bei den Musikern, die es noch erleben, sehr, sehr gut.

Kann ich mir Eure Arbeit so vorstellen, dass Ihr wirklich durch Archive forstet, auf der Suche nach dem verlorenen Tape?

Detlev Hoegen: So kann man sich das vorstellen, ich bin selber mit Richard in den frühen 80er Jahren in die USA geflogen und habe dann den ganzen Tag in einem fensterlosen Raum im 27. Stock, irgendwo an der 5th Avenue gestanden, wo CBS damals ein Headoffice hatte und habe Unterlagen von Aufnahmen kopiert. Stundenlang, bis mir von dem Kopierergeruch irgendwann schlecht wurde. Und diese Aufnahmen sind letztzlich dann auch der Pfad zu den Mastertapes. Man muss sich das so vorstellen, dass die amerikanische Industrie ganz, ganz viele Aufnahmen in den 50er und 60er Jahren gemacht hat, die nicht veröffentlicht worden sind, die archiviert worden sind, manchmal korrekt, oftmals aber auch falsch beschriftet und in irgendwelchen Archivräumen, Lagerräumen dann ein Dasein fristen. Es gab damals zumindest Verwalter in diesen Archiven, ähnlich wie bei Rundfunkarchiven auch in Deutschland, die dann auf Wunsch von Richard oder auch von anderen, die Originalbänder gesucht haben. Manchmal gefunden haben, manchmal auch nicht. Richard Weize konnte und kann sehr hartnäckig sein und irgendwann hat er dann bei den meisten offene Türen eingerannt und hat sich dann selber in den Archiven auf die Suche begeben können und wirklich auch einiges Unveröffentlichtes und Spannendes gefunden. Das natürlich ganz legal war und ist im Eigentum der Firma geblieben, aber zumindest gab es dann die Möglichkeit, das auf Bear Family zu veröffentlichen.

Eine Bear Family Box ist ja wie ein Ritterschlag für einen Musiker. Woran liegt das?

Detlev Hoegen: Das sind viele verschiedene Faktoren. Ich glaube es ist bei uns zum einen die Akribie und die Leidenschaft möglichst perfekt zu arbeiten. Das fängt damit an, dass wir die Themen sehr sorgfältig aussuchen. Und es geht dann in jedem weiteren folgenden Schritt seinen Weg. Die besten möglichen Quellen für die Aufnahmen müssen gesucht werden, oftmals sind die Originalbänder verschwunden, sind bei einem Feuer verbrannt oder gestohlen worden. Dann muss man sich auf gut erhaltene Kopien stützen, da gibt es Quellen, zum Beispiel in Studios oder bei ehemaligen Mitarbeitern. Also, man muss immer versuchen, die bestmögliche Quelle aufzutreiben, von der dann für die neue Veröffentlichung gemastert werden kann. Das setzt sich dann fort in einem ähnlichen Bereich, es geht auch immer darum, dass man die Illustration und die Texte möglichst optimal zusammenstellen kann. Das heißt, man muss sich auf die Suche machen nach Bildern, die zuvor noch nie jemand gesehen hat, vielleicht aus Privatarchiven, von Freunden, von ehemaligen Produzenten. Und dann geht es darum, dass man dieses ganze Konzept von einem Autor in Text kleiden lassen muss, der die Geschichte des Musikers oder des Labels oder einer Ära oder irgendeiner anderen Dokumentation nachvollzieht. Und da haben wir immer das Glück gehabt, dass wir mit sehr, sehr engagierten und versierten Autoren zusammen arbeiten konnten. Das war immer ein Teil des großen Bear Family Konzeptes.

Wie lange dauert es eigentlich, bis es zur Veröffentlichung so eines Projektes kommt?

Detlev Hoegen: Jahre, viele Jahre manchmal. Es gibt sicherlich Projekte, gerade wenn es um die Bear Family Boxen geht, das sind eigentlich die Projekte, für die unsere Firma am meisten bekannt ist. Wenn es darum geht, wirklich umfassend eine Musikerbiographie oder die Geschichte eines Labels zu dokumentieren, dann kann das schon Jahre, manchmal sogar mehr als zehn Jahre dauern, bis das dann von der eigentlichen Konzeption zur Veröffentlichung gereift ist.

Ihr seid ein einzigartiges Indie-Label, weltweit beachtet, das Erfolg hat. Gibt es für Dich Veröffentlichungen, die ganz besonders sind?

Detlev Hoegen: Das ist auch einzigartig. In der Zeit, in der Bear Family angefangen hat, Boxen zu veröffentlichen, Anfang der 80er Jahre, war das ein vollkommen neues Format. Die Industrie hat sich damit eigentlich nie beschäftigt, weil für die Industrie natürlich das Thema heute produziert, morgen auf den Markt und nach einem Jahr vergessen eigentlich die Prämisse war. Für uns ging es gerade ums Gegenteil. Die Sorgfalt, die hinter diesen Veröffentlichungen steckte, erforderte einfach immer sehr viel Zeit. Das war das eine. Das andere, was ich denke, was Bear Family international nochmal ins Rampenlicht geführt hat, war eine Box, die eigentlich mit dem amerikanischen Thema so gut wie nichts zu tun hatte. Das war eine Veröffentlichung, die nannte sich “Beyond Recall” über Musik des jüdischen Kulturbundes in Berlin unter der Zeit der Nazi-Herrschaft, also Aufnahmen von 1933 bis Ende der 30er Jahre. Eine Zeit, die glaube ich selbst in der jüdischen Biographie oftmals vergessen wurde und wo vielen gar nicht bewusst war, dass eben unter der Herrschaft der Nazis, der jüdische Kulturbund zum Teil noch produzieren und anfangs noch veröffentlichen konnte. Das war ein grosses Projekt mit einem ganz umfangreichen Begleitbuch, was u.a. in Frankreich für viel Furore gesorgt hat. Ich kann mich noch erinnern, dass damals in der Libération eine Doppelseite über dieses Projekt geschrieben wurde. Und sich Bear Family damit erstmals von dem amerikanischen Thema wegentwickelt hat und ein ganz großartiges und wichtiges, internationales Kulturthema aufgegriffen hat. Wichtige Veröffentlichungen darüberhinaus fand ich, und finde ich im Nachhinein immer noch, unsere Box rund um den Vietnamkrieg, wo es darum geht, die populäre Musik der damaligen Zeit zusammenzutragen. Das was damals im Radio gespielt wurde, was wir hier in Europa, was Studenten und junge Leute in Amerika gehörte haben, aber eben auch die Soldaten in Vietnam. Und das in Verbindung mit kritischen Songs über den Krieg in Vietnam, aber auch auf der anderen Seite die Befürworter, die sind genauso zu hören, werden natürlich kritisch begleitet im Begleitbuch. Und als Ausblick für das, was ein Krieg so mit sich bringt Aufnahmen von Vietnam Veteranen, die versucht haben, mit Musik, mit eigenen Songs, die Traumata des Krieges zu verarbeiten. Das fand ich eine sehr spannende Dokumentation. Wir haben jetzt vor kurzem noch eine Box herausgebracht über die Musik des Spanischen Bürgerkriegs. Und aktuell im letzten Jahr, Musik aus dem sogenannten “Forgotten War”, den Krieg in Korea. Das klingt vielleicht ein bißchen makaber, dass es um Kriegsthemen geht, aber ich denke, in Verbindung mit Krieg spielt Musik eine besondere Rolle. Und viele von denen, die in irgendeiner Form in Krieg involviert waren, natürlich die Soldaten selber in erster Linie, haben versucht dann auch über eigene Musik dieses Thema eigens zu verarbeiten. Und, der Höhepunkt, auch der Höhepunkt, was die Massivität angeht, war eine Veröffentlichung vor ein paar Jahren mit dem Titel “Black Europe”, wo es um schwarze Musik in Europa geht. Ich glaube, die älteste Aufnahme war von 1896 und die jüngste von 1926. Insgesamt über 1200 Aufnahmen, die die schwarze Musikgeschichte in Europa dokumentiert. Also, die Musik von afrikanischen Musikern, die damals z.B. in Paris, einer der Hochburgen der Musikproduktion, Aufnahmen gemacht haben, aber auch von afro-amerikanischen Musikern, die in Europa auf Tournee gegangen waren und ebenfalls vor allem in Frankreich Aufnahmen gemacht haben. Da haben sich einige Sammler jahrzehntelang mit beschäftigt und ersteinmal versucht überhaupt diese Aufnahmen, die ja mittlerweile fast 100 Jahre alt sind, zusammen zu tragen und Materialien zu sammeln, Informationen über die Musiker beizutragen, Fotos zu finden. Und das war ein einzigartiges Projekt mit insgesamt 24 CDs und zwei dicken, schweren Büchern. Und für dieses Projekt sind wir damals auch für einen Grammy nominiert worden. Das sind einige der Projekte, die,wie ich finde, aus der großen Menge von guten Veröffentlichungen herausragen.

Du hast schon einige der großen Veröffentlichungen genannt, aber was führt letztendlich zu einem Projekt?

Detlev Hoegen: Das ist eine Gratwanderung. Es gibt nicht die eine Entscheidung, die man bei einem Projekt gefunden hat und dann vielleicht auf das nächste überträgt. Sondern jedes Projekt muss wieder neu betrachtet werden. Natürlich müssen wir darauf achten, dass sich solche Projekte auch finanziell tragen. Das ist heute schwieriger als noch vor 10, 20 Jahren, aber die Antriebsfeder besteht eher in der Frage, ist das spannend, interessiert das jemanden, ist das dokumentationswürdig und passt das auf unser Label? Sind wir sozusagen die richtigen Partner, die so etwas veröffentlichen können. Nehmen wir mal ein Gegenbeispiel. Wenn mir jemand ein großes Projekt über die Geschichte des Jazz in den USA antragen würde, würde ich höchstwahrscheinlich ablehnen, weil wir im Jazz nun überhaupt nicht zu Hause sind. Das hat nichts mit einer Abneigung zu tun, sondern es hat einfach damit zu tun, dass die Geschichte von Bear Family eine andere ist. Und das diejenigen, die hier arbeiten und die Verantwortung tragen für Veröffentlichungen sich auf ganz bestimmte Themen konzentriert haben. Das hat also nichts mit Qualität zu tun, sondern da muss ich sagen, wir müssen irgendwo eine Grenze ziehen. Wir können nicht die vergessene Arbeit von Generationen leisten. Wir müssen uns auch schon auf bestimmte Dinge konzentrieren. Und ansonsten spielt, denke ich mal, einfach die Spannung eine ganz, ganz große Rolle. Das Thema muss wirklich spannend sein. Bleiben wir noch einmal bei dem Thema “Black Europe”, das war ein Thema, das ich nur ansatzweise kannte. Josephine Baker kannte ich auch, aber die meisten Künstler, die auf diesen Aufnahmen vertreten sind, habe ich noch nie gehört im Leben. Werde ich wahrscheinlich darüberhinaus niemals woanders erleben. Und so etwas zu veröffentlichen, auch wenn es nur in einer kleinen Auflage ist, das war schon eine extreme Herausforderung und da bin ich Richard Weize dankbar, dass er das wirklich damals aufgegriffen hatte. Das hatte ich ja auch schon kurz erwähnt. Ich glaube, aus rein finanziellen, betriebswirtschaftlichen Gründen hätte ich meine Finger davon gelassen. Aber, es ist wunderbar, dass ich mich da nicht durchsetzen konnte und, dass das Projekt wirklich veröffentlicht wurde.

Gibt es eigentlich auch Musiker, die nicht mit Euch zusammenarbeiten möchten?

Detlev Hoegen: Das gibt es auch, klar. Aber man muss sich ein bisschen in der Entwicklung der Musikindustrie auskennen, um zu beurteilen, was ist möglich und was nicht. Wir profitieren natürlich davon, dass in den 50er und 60er Jahren Musikerverträge geschlossen wurden, wo der Musiker selbst relativ wenig Einfluss auf das hat, was mit seinem aufgenommenen Material passiert. Gerade in den USA sind damals Verträge geschlossen worden, die dem Musiker quasi alle Rechte absprachen und alles wurde auf die Industrie übertragen. Davon profitiert die Industrie und wir natürlich gleichermaßen. Es gibt aber auch Themen von Musikern, wo es dann einfach schwierig wird, weil es komplizierteste Herangehensweisen über Rechtsanwalts-Konsortien erfordert und da müssen wir dann die Finger von lassen. Das wird immer komplizierter je neuer die Aufnahmen sind. Und das hat auch was damit zu tun, dass die Industrie selber sich verändert hat. Unser Hauptaugenmerk liegt einfach in der Phase der ursprünglichen Entwicklung von amerikanischer, populärer Musik, also 40er, 50er, 60er Jahre. Und was danach kommt, also alles was eigentlich in der Geschichte der Rockmusik passiert ist, so ab Mitte der 60er Jahre, das ist gar nicht mehr unser Aufgabengebiet.

Welche Projekte würdest Du noch gerne verwirklichen?

Detlev Hoegen: Ich habe da schon ein paar Projekte im Kopf. Ich arbeite jetzt mit einem Autor aus San Francisco zusammen, an einem Projekt, das nennt sich “The history of Folk Rock”. Das ist schon ein Thema, das so ein bißchen für uns in die Neuzeit reinragt, auch, weil es so ein bißchen in die 70er Jahre reingeht. Das finde ich ein spannendes Thema, hat mich auch selber in den 60er und 70er Jahren beeinflusst. Dann wird im nächsten Jahr eine 20 CD Box kommen zum Thema Blues aus Memphis und da geht es einfach darum, die gesamte Musikgeschichte von der Zeit nach dem ersten Weltkrieg bis in die späten 60er hinein zu dokumentieren mit allen Aufnahmen, die in Memphis entstanden sind, bzw. von Memphis Musikern außerhalb von Memphis, abgesehen von dem Sun Katalog, den wir schon viel, viel tiefer ausgeschlachtet haben. Das sind dann auch schon wieder 550, 560 verschiedene Aufnahmen und da arbeiten wir jetzt dran zusammen mit einem Autor, einem Experten, einem Historiker aus England, der schon fleißig dabei ist, die einzelnen Musikerbiographien zu schreiben und die Songs zu bewerten. Das ist ein Projekt, was jetzt auch schon seit gut einem Jahr in der Mache ist. Also, da gibt es schon einige Projekte, ich würde gerne eine Gesamtretrospektive über den Musiker Steve Young machen. Ich finde, er ist einer der wundebarsten Sänger der amerikanischen Country Geschichte, toller Typ. Ist schwierig, weil es da eben auch rechtliche Hürden gibt. Andere Projekte, die mir noch vorschweben wäre vielleicht mal etwas über Dough Sahm zu machen, bekannt hier vor allem über das “Sir Douglas Quintet” und den alten Pophit “Mendocino”. Man kann so viele Themen aufgreifen und so viele Themen werden auch einfach in den USA ignoriert, dass ich denke, daran mangelt es nicht.

Ihr habt neben Country auch zahlreiche Schlager Boxen gemacht, dazu auch solche Sachen wie eine umfangreiche Martin Böttcher Box. Wie kam es dazu?

Detlev Hoegen: Ich glaube, diese älteren Projekte, die Du jetzt ansprichst, die wurden in der Regel in den 90er Jahren veröffentlich, die haben natürlich was mit Richards persönlichen Vorlieben zu tun. Und neben Country Musik war für Richard in der Zeit der 60er Jahre Schlager eben sehr prägend und es gab ja auch immer eine Verbindung zwischen Schlagermusik in Deutschland und Country Musik in den USA. Diese Verbindung hat er aufgezeigt und hat ja auch ganz, ganz viele Sachen dazu dokumentiert. Zwar weniger in aufwendigen Boxen, aber in vielen Einzel-Cds, als die deutsche Industrie eben auch daran überhaupt kein Interesse hatte. Ich denke mal, dass die Bandbreite ein wichtiger Faktor ist für die Überlebensgeschichte von Bear Family. Und Soundtracks ist ein ganz anderer Markt, als der Markt für Country Musik und die Geschichte von Bonanza und die Geschichte der Martin Böttcher Soundtracks und viele andere deutsche Filmkomponisten, ist durchaus ein Thema auch heute noch. Ich denke, dass das durchaus ins Bear Family Repertoire reinpasst.

In Zeiten, in denen immer weniger CDs verkauft werden, hat Bear Family noch eine Zukunft?

Detlev Hoegen: Ich denke schon, dass wir eine Zukunft haben. Vielleicht nicht für alle Ewigkeiten, keine Ahnung, ich bin kein Prophet. Aber wenn ich mir die Entwicklung der letzten 20 Jahre anschaue, seit es im digitalen Bereich extreme Veränderungen gegeben hat, da muss ich sagen, dass wir eigentlich besser dastehen, als vor 10 Jahren erwartet. Das hat sicherlich damit zu tun, dass der Markt, den wir bedienen, ein komplett anderer ist als der, der sich über Streaming und Downloads im digitalen Bereich bedient. Wir veröffentlichen eben keine aktuellen Aufnahmen. Wir sind nicht im Pop Bereich tätig. Sondern wir sind Archivare, wir sind Bewahrer in einer gewissen Weise. Und für uns und unsere Veröffentlichungen gilt, dass es stets um das Gesamtprojekt geht. Also auch das Gesamtprodukt in dem Fall. Ich denke, viele von den Aufnahmen, die wir heute veröffentlichen kann man, wenn man sich bemüht, auch im Netz finden. Entweder legal oder illegal, aber die Art und Weise, wie wir sie zusammen fassen mit Text und Bild und CDs mit 60seitigem Booklets veröffentlichen und Boxen mit mehreren hundertseitig dicken Büchern, das ist schon ein ganz anderes Thema, als das, was im Alltagsgeschäft digital heute läuft.

Wer sind eigentlich Eure Kunden, habt Ihr da Informationen?

Detlev Hoegen: Wir wissen schon was, das hat viel damit zu tun, dass wir ja an eine ganze Reihe von Kunden direkt verkaufen. Also Bear Family hat ja ein zweites Standbein, das ist der Mailorder, der seit einigen Jahren dann mehr oder weniger zum Online Shop weiterentwickelt wurde. Wo wir dank meines Partners, Michael Ohloff, sehr gut aufgestellt sind. Das ist eine Riesenaufgabe da mit unseren Veröffentlichungen und auch mit den anderen Produkten, die wir vertreiben, im google ranking, was ja heute ganz, ganz wichtig ist, möglichst weit oben zu stehen. Das ist eine der Strategien, die uns das Überleben erleichtert. Und das andere ist, dass wir einfach versuchen über das, was es noch an Handel gibt, überall präsent zu sein. Wir nutzen natürlich die Market Places von bestimmten großen Plattformen weltweit, wir haben auch noch ein Vertriebssystem in den USA. Wir vertreiben unsere Produkte in Deutschland jetzt wieder selbst. Wir sind über Exporteure auch in Läden in Skandinavien oder in England, eigentlich weltweit zu finden. Insgesamt gesehen wird der Markt natürlich kleiner werden. Und das Publikum, das wir bedienen wird immer älter. Das denke ich mal ist einfach der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung zu schulden, also der gesellschaftlichen und der technologischen Entwicklung. Und jemandem, der heute 20 ist, davon zu überzeugen, dass er ein physisches Produkt kaufen soll, wo eine CD drin liegt, das ist glaube ich nahezu unmöglich. Da können wir natürlich noch ein bißchen was reißen, in dem wir spannende Sachen auch auf Vinyl veröffentlichen, aber die CD Boxen, das spricht schon ein Publikum an, das in einem Altersbereich zwischen 50 und 80 liegt. Die meisten unserer Kunden sind wahrscheinlich zwischen 55 und 70 Jahre alt.

Bear Family Records

„We shall overcome some day“

Samstagmorgen in Oakland. Pete Seeger wäre nun 100 Jahre alt. „We shall overcome“ ist der erste Song auf der neuen und umfangreichen Box von Smithsonian Folkways, dem langjährigen Label von Pete Seeger. Dort hatte er im Laufe der Jahrzehnte über 70 Schallplatten veröffentlicht. Folk Songs und Arbeiterlieder, Spoken Word genauso wie Platten für Kinder. Pete Seeger war ein Reisender, der mit seiner Musik um die Welt tingelte, Amerikas Folk Musik präsentierte und Lieder von überallher mit in die USA zurück brachte. Ein musikalischer Kulturbotschafter und Brückenbauer zugleich.

„We shall overcome“ ist wohl eines der wichtigsten amerikanischen Folk Songs. Es steht für die Bürgerrechtsbewegung in den USA, in einer Zeit, als Afro-Amerikaner nicht in die selbe Toilette pinkeln durften wie Weiße. Als Schwarze nach einer falschen Ausfahrt in den Südstaaten gelyncht wurden. Als weiße Jurys schwarze Angeklagte unschuldig hinter Gitter brachten. Und dennoch war da der Ruf „We shall overcome“. Trotz all der Gewalt, der Ungerechtigkeit, der Benachteiligung, der tief gespaltenen amerikanischen Gesellschaft.

Und wo stehen wir heute? Der Graben in Amerika ist tief und wird tagtäglich noch weiter vertieft und verbreitet. Ich frage mich beim Durchhören dieser umfassenden Werkschau von Pete Seeger, wie die USA es damals geschafft haben, diese gesellschaftlichen Wunden zu heilen, „to overcome“ die Differenzen, irgendwie einen Neustart zu beginnen. Natürlich hat das nicht so geklappt, wie es eigentlich hätte sein sollen. Der tief verwurzelte Rassismus in einigen Teilen der USA existiert nach wie vor. Afro-Amerikaner und Farbige sind weiterhin benachteiligt. Da gibt es die langfristigen Folgen des „Red Lining, die nie ausgeglichen wurden, da gibt es Polizei Übergriffe, da gibt es noch immer Ungleichheit vor dem Gesetz. Man sollte sich nichts vormachen, das steht fest.

„We shall overcome“ war und ist ein kraftvolles Lied, dass Menschen vereinen, zusammen bringen konnte. Auf dieser Box sind viele der „Hits“ von Pete Seeger zu finden, die ihn zu dem machten, was er in seinem 94jährigen Leben geworden ist. Ein Mann mit Hoffnung, mit Mut, mit dem Glauben an das Gute in den Menschen. Ein Mann mit seinem Banjo, der viel mehr war als nur ein Musiker. Auf „Pete Seeger – The Smithsonian Folkways Collection“ wird eine der bedeutenden Stimmen Amerikas präsentiert, der neben seinen Freunden Woody Guthrie und Lead Belly zu den wichtigen Drei der Folk Musik zählt.

Pete Seeger beeinflusste Musiker von Joan Baez, über Bob Dylan bis hin zu Bruce Springsteen und Rage Against The Machine. Er war ein umtriebiger Rebell, der nicht ruhen und rasten wollte. Obwohl er in der McCarthy Ära „blacklisted“ wurde, quasi mit einem Auftritts- und Aufführverbot belegt wurde, schaffte es Pete Seeger zur Stimme einer Nation zu werden. Er ging in jenen Jahren ganz direkt an Schulen und Universitäten, ohne große Ankündigung, und spielte seine Lieder. Niemand konnte ihn stoppen. Joan Baez erlebte Pete Seeger damals an ihrer High School und meinte später, dass dieses Konzert eines der wichtigsten Momente in ihrer Karriere war. Seeger wurde der Vater des großen Folk-Revivals in den USA. „We shall overcome“, das hat er mit seiner Musik vorgelebt.

Auf dieser Werkschau zum 100jährigen Geburtstag von Pete Seeger ist auch eines der für mich bedeutendsten Songs des 20. Jahrhunderts zu finden. „Moorsoldaten“, geschrieben 1933 im Konzentrationslager Börgermoor und über den Spanischen Bürgerkrieg in alle Welt verbreitet. Dieses Lied drückt die Kraft des Widerstands und die Hoffnung der Unterdrückten aus. Ein Lied, das Pete Seeger immer wieder in seinen Konzerten spielte.

Das Lied der Moorsoldaten     

6 CDs mit Songs voller Hoffnung, Wärme, Kraft und Mut. Amerika heute bräuchte einen Pete Seeger, eine Stimme der Vernunft, der den Amerikanern vor Augen führt „This land is your land“, ein Land, das nicht perfekt ist, das nicht „God’s Country“ ist, das seine Fehler erkennt, aber daran arbeitet. Die USA, „a work in process“. Ein Land, in dem der Fremde, der Andere, der Unterdrückte, der Benachteiligte, der Farbige, der an einen anderen Gott Glaubende, der sexuell anders Orientierte willkommen ist und seine Chance bekommt. Daran glaubte Pete Seeger. Das klingt nach Friede, Freude, Eierkuchen, und doch, gerade klingt es hier in Oakland ganz laut: „We shall overcome….some day….deep in my heart, I do believe. We shall overcome some day“

DBUK is OMG OK

Schon mal von der Band „The Denver Broncos UK“ gehört, kurz DBUK? Nein, dann haben Sie etwas verpasst. Hinter diesem Namen stecken Munly Munly, Lord Dwight Pentacost, Rebecca Vera und Slim Cessna von „Slim Cessna’s Auto Club“ aus Denver, Colorado. Während der „Auto Club“ treibend und voller Energie ist, werden bei DBUK ganz andere, viel gemäßigtere Klangpfade verfolgt.

„Songs One Through Sixteen“ heißt die neue Platte und sie verbindet Country, Folk, Americana mit einer gehörigen Prise dunklem Gothic Sound. Ein beeindruckendes Album, das einem „Road Movie“ gleichkommt. Schon vor etlichen Jahren, als ich noch für eine deutsche Airline deren Country/Folk Inflight Radioprogramm zusammenstellte, war ich Fan des Denver Sounds. Von dort kamen und kommen unglaublich gute Bands, wie 16 Horsepower, Wovenhand, Denver Gentlemen, DeVotchKa und die vielen musikalischen Projekte, die im Umfeld und durch das Eingreifen von Slim Cessna entstanden.

Nun also diese neue Platte von DBUK, die in den USA „Songs Nine Through Sixteen“ heisst und in Deutschland bei Glitterhouse gleich noch die bereits 2015 erschienene „Songs One Through Eight“ beinhaltet. Es sind Songs, die so ganz anders sind, musikalisch als Gothic-Americana umschrieben werden können und textlich manchmal einem blutigen Horrortrip gleichen. Und das alles ganz harmlos und weich vorgetragen. Lieder, die sich um Tod, Selbstmord, Erschießen drehen und mittendrin der Hörer, der die zärtlichen Melodien genießt. „Songs One Through Sixteen“ ist eine Platte, die man sich genauer anhören, die wahnhaften Texte mitlesen sollte. Und erneut komme ich an den Punkt, an dem ich merke, genau dieses Album belegt, warum ich Amerika mag. Es ist so skuril schön, so tief abgründig, so seltsam anders als das, was man Tag für Tag im Irrsinn der Newswelt erfährt. Hier zeigen sich die USA von ihrer wunderbarsten und faszinierendsten Seite. Ein Soundtrack des wahren „American Life“.

Der Sound des Westens

Der Sänger kommt ursprünglich aus Augsburg, vor dem Watt in Emmelsbüll-Horsbüll wurde aufgenommen, veröffentlicht wird auf dem Dresdner Indie-Label KF-Records. „Heated Land“ schaffen es erneut, den Klang des amerikanischen Westens, die Stimmung zwischen den Jahren, die Schwere dieser Zeit in ihrer Musik einzufangen.

„In a wider tone“ heißt die neue Platte, die Anfang Februar erscheinen wird. Es ist die zweite von „Heated Land“ und ein großer musikalischer Schritt. Die Band schafft es darauf problemlos zwischen durchaus hörbaren Anlehnungen an bedeutende Musiker wie Bob Dylan und Townes van Zandt ihren eigenen Weg zu gehen. Hier spielt eine Band, die ganz tief in die wunderbare Welt der amerikanischen Folk Musik vorgedrungen ist, die Wurzeln erkennt und sie für sich ganz neu und ganz eigen entdeckt.

Selten hört man ein so komplettes Album. „Heated Land“ haben sich zwischen den beiden Veröffentlichungen ihrer Alben fast sechs Jahre lang Zeit gelassen. Da wurde nichts hastig aufgenommen, nichts übereilt auf den Markt geworfen, alles klingt so, wie es klingen soll, wie es klingen muss. Für solch eine Platte braucht man Zeit. Sie muss wachsen, sich langsam entwickeln, Ton für Ton, Zeile für Zeile, Song für Song. „In a wider tone“ ist für mich ein absolutes Highlight in diesem noch sehr jungen Jahr und ich bin mir sicher, dass „Heated Land“ mit diesem Album am Ende des Jahres in meinen Top Ten für 2019 zu finden sein werden. Es ist einfach richtig gute Musik. Bewegend, handgemacht, mit Tiefe und Zärtlichkeit. Perfekt für diese verrückte Zeit, in der man solche Klanginseln zum Verweilen, zum Ausruhen, zum Nachdenken schlichtweg braucht.

Heated Land, In a wider tone, KF Records.

So klingt Amerika

Zehn Jahre lang produzierte und moderierte ich die Country, Folk und Americana Sendung auf allen Langstreckenflügen einer großen deutschen Airline. Diese Zweistundenshow war ein offener Raum, in dem ich frei entscheiden konnte, was ich in die Playlisten aufnahm. Dabei sollte ich mich nicht an den Country Charts orientieren, sondern vielmehr die Alternative Country Szene vorstellen. Ein paar wenige Auflagen gab es, keine Schimpfwörter und keine Songs, die bei Menschen mit Flugangst Panik auslösen könnten.

Aber sonst hatte ich alle Freiheiten, die dazu führten, dass ich von den Shiny Gnomes und ihr „Lazing at Desert Inn“, von den Berliner Infamis und ihrem Metropolen Country Sound, bis hin zu 16 Horsepower und ihrem für mich grandiosen Song „American Wheeze“ alles einsetzen konnte. Manchmal sah ich Bands in kleinen Clubs spielen, war begeistert und fragte nach dem Konzert einfach, ob sie mir eine CD geben könnten, ich würde sie gerne in meiner Show über den Wolken spielen. Das war wirklich handgemachtes Radio mit einem Fokus auf Independent Künstler.

Und eine der Bands, die ich über das Programm kennenlernte waren die Crooked Jades aus San Francisco. Eine Gruppe, die sich selbst als „old-time string band closer in spirit to Tom Waits and Nick Cave“ beschreibt. Doch das trifft es ganz gut. Die Wurzeln des Americana Sounds und dazu das Düstere von Nick Cave und das Verschrobene von Tom Waits, angereichert mit musikalischen Einflüssen aus Afrika und Europa. Beeindruckend, faszinierend, mitreissend.

Nun melden sich die Crooked Jades mit einem neuen Album zurück. „Empathy Moves The Water“ heißt es und ist erneut eine tolle Songsammlung, eine Mischung aus neu arrangierten „Traditionals“ und eigenen Liedern. Hinter den Crooked Jades steckt Jeff Kazor, der diese Vision eines musikalischen Brückenschlags zwischen Alt und Neu, zwischen Americana und der weiten Klangwelt da draußen verwirklicht. Einfach brillant.

„Empathy Moves The Water“ klingt nach Amerika, nach dem, was mich hier immer wieder anspricht, fasziniert, bewegt. Musik, die die Schönheit des Landes, die Offenheit dieser Gesellschaft, die Möglichkeit des Lebens hier in den USA beschreibt. Das klingt nach viel, aber in diesen Zeiten des Geplärres und der lauten Töne, sollte man nicht vergessen, was Amerika auch ausmacht, was das Schöne an diesem Land ist. Und die Crooked Jades schaffen es – bewußt oder unbewußt – all das einzufangen. Ein tolles Album zum Jahresende, sehr empfehlenswert für alle, die den wahren Americana Sound entdecken wollen.

Der Geist von Woody

Amerika braucht in diesen Tagen eine Folk-Musikerin und -Sängerin wie Mary Gauthier. Am gestrigen Mittwoch war Gauthier zu Gast in Berkeley, im legendären „Freight & Salvage Coffeehouse“. Es war ein Heimspiel für die „linke Lesbe“, wie sie sich selbst bezeichnete. Mary Gauthier präsentierte vor allem ihre neue Platte „Rifles & Rosary Beads„, ein Album, das sie gemeinsam mit US Veteranen und ihren Angehörigen geschrieben hat.

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Die Lieder auf dieser Platte sind nahegehend, denn sie beschreiben ein Kapitel der amerikanischen Gesellschaft, das nur zu gerne übersehen wird. Soldatinnen und Soldaten, die nach Kriegen heimkommen, ihren Platz finden müssen, das aufarbeiten, was sie erlebt haben. Es geht in den Songs um Leere, um Schuld und auch um sexuellen Missbrauch von Soldatinnen im Einsatz. „Wir warten noch immer auf die #metoo Kampagne von Soldatinnen“, meinte Mary Gauthier in Berkeley. Was diese Lieder auf „Rifles & Rosary Beads“ so beeindruckend, gefühlvoll, zärtlich und bewegend macht sind die einfachen Worte und Beschreibungen. Das Album ist nicht politisch und doch so direkt. Es ist eine Anklage, einfach durch die Ereignisse, die Erinnerungen, die Denkanstösse, die hier beschrieben werden. Da sind Frauen von zurückkehrenden Soldaten, die ihre eigenen vier Wände als „Minenfeld“ beschreiben. Ihnen wird nicht gedankt, sie erhalten keine Orden, doch auch sie sind von den Kriegen ihrer, zumeist, Männer tief verwundet.

Mary Gauthier ist eine außergewöhnliche Folkmusikerin, die sich in der Tradition von Woody Guthrie sieht. Sie erzählt Geschichten, sie findet den richtigen Ton. Zum Schluß des Konzertes das Lied Guthries, das mehr ist als nur eine inoffizielle amerikanische Hymne: This land is your land, this land is my land. Mary Gauthier muss nicht von der Bühne und auf ihren Platten agitieren, sie hält den Amerikanern einfach einen Spiegel vor. Das ist mutig, das ist wichtig, genau das braucht Amerika in diesen Zeiten mehr denn je.

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This land is your land, this land is my land

Dieses Land braucht wieder Musiker wie Woody Guthrie. Musiker, die durch dieses Land tingeln, die Menschen dort sehen, wo sie leben, darüber Lieder schreiben, vom Leben da draußen berichten und irgendwie der Nation und der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten. Das wird mir ganz klar, wenn ich mir die neueste Box von Bear Family Records anhöre: Woody Guthrie – The Tribute Concerts.

Nach langer, schwerer Krankheit verstarb Woody Guthrie am 3. Oktober 1967. Nach seinem Tod wurden zwei Konzerte organisiert, die an das Leben dieses Ausnahmemusikers des 20. Jahrhunderts erinnerten. Eins fand am 20. Januar 1968 in der New Yorker Carnegie Hall statt, ein zweites am 12. September 1970 in der Hollywood Bowl in Los Angeles. Und hier kamen sie alle zusammen, die von seiner Musik, seinen Songs, seinen Geschichten beeinflusst, bewegt, motiviert worden waren: Judy Collins, Bob Dylan, Jack Elliott, Arlo Guthrie, Richie Havens, Odetta, Tom Paxton, Pete Seeger, Country Joe McDonald, Richie Havens, Earl Robinson und Mitglieder von The Band. Gespielt wurden Woody Guthries Songs, die zeitlos waren und noch immer sind.

Diese ungekürzten Konzertaufnahmen wurden nun bei Bear Family Records neu veröffentlicht, dazu gibt es zwei umfangreiche Begleitbücher, in denen die Geschichte dieser Konzerte erzählt wird. Es ist mehr als eine Hommage der verschiedensten Folk Musiker am Ende der stürmischen und hochpolitischen 1960er Jahre. Vielmehr ist diese Box ein beeindruckendes, klangliches Zeitdokument, das auch nach fast 50 Jahren noch mitreißend, lebendig, aufbauend, bewegend ist. Musik die einfach erscheint, doch so viel über die USA aussagt. Über die Hoffnung, den „American Dream“, das Leben fernab der Glanz und Glitter Metropolen. Über Immigranten, Land- und Fabrikarbeiter. Über den täglichen Kampf der vielen, vielen Amerikaner, die nicht auf der Sonnenseite stehen.

Woody Guthrie war ein politischer Sänger, einer, der nicht beschönigte, der vielmehr an das Gemeinwesen, an die Kraft des Organisierens, an Gewerkschaften glaubte. Nur mit seiner Gitarre „bewaffnet“ schuf er wahre Hymnen, mobilisierte mit seinen Liedern die Menschen im ganzen Land. „This Machine kills fascists“ stand auf seiner Klampfe. Es war mehr als nur eine provokante Zeile. Es war seine Grundhaltung, die immer wieder in seinen Songs durchkam. Und er schuf mit „This land is your land“ eine wahrhaftige alternative Nationalhyme, die eigentlich so viel besser zu den USA passt als „The Star-Spangled Banner“, gerade weil sie so inklusiv ist. Hier, bei diesen „Tribute Concerts“ wird das noch einmal ganz deutlich gemacht, Amerika, ein Land der offenen Grenzen. Eine wunderbare, aktuelle und wichtige Veröffentlichung aus dem Haus Bear Family Records.

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Let’s Make American Radio Great Again

Bear Family Records, das Independent Plattenlabel aus Holste-Oldendorf, hat es mal wieder geschafft. Ich sitze da und grinse wie ein Honigkuchenpferd vor mich hin. Beschwingliche Musik klingt aus dem CD Player, mein rechter Fuss wippt im Takt mit. „At the Louisiana Hayride tonight“ heißt diese 20 Cds umfassende Box, die nicht nur ein wunderbares Kapitel der amerikanischen Radiogeschichte dokumentiert, sondern auch fantastische Musik präsentiert.

Von 1948 bis in 1960er Jahre sendete KWKH aus Shreveport, Louisiana, eine wöchentliche Live-Radiosendung am Samstagabend. Es waren nicht die Topentertainer ihrer Zeit, wie sie die „Grand Old Opry“ in Nashville anzog. Der „Louisiana Hayride“ brachte vielmehr die kommenden Stars, darunter Johnny Cash, Hank Williams, The Stanley Brothers, Johnny Horton, Carl Perkins, Hank Snow, Jim Reeves, George Jones und nicht zu vergessen Elvis Presley und viele, viele mehr. Die Musik wurde als „Folk“ und „Hillbilly“ bezeichnet, das Genre „Country“ war noch nicht bekannt.

Die Aufnahmen auf diesen 20 Cds sind mitreißend, unterhaltsam, voller Energie. Sie stammen aus der Hochzeit des Live-Radios, als aus einem Auditorium in Shreveport die „United States of America“ via CBS beschallt wurden. Samstagabend für Samstagabend wurde der klassische amerikanische Sound vor einem Live-Publikum über den Äther geschickt. Moderationen, kleine Showeinlagen und Witze, kurze Interviews mit neuen Musikern (darunter auch Elvis Presley) beleben diese „Recordings“. Viele der Songs sind bekannt, manche werden wiederentdeckt, viele hört man zum ersten Mal.

Amerika präsentiert sich hier als heile Welt, Shreveport war damals eine boomende Metropole. Es ist auch eine weiße Welt. In dem umfangreichen Begleitbuch zur Geschichte des „Louisiana Hayride“ findet man kein schwarzes Gesicht. Nicht auf der Bühne und nicht im Publikum. Es waren andere Zeiten. Und doch klingt hier das weite Land Amerikas durch, der kulturelle „Melting Pot“, denn viele der musikalischen Einflüsse, gerade aus dem schwarzen Gospel und dem „Rhythm & Blues“, hielten Einzug in den Folk und Country und in die Musik von Elvis Presley.

Seit Stunden sitze ich nun hier und höre die Aufnahmen von „At the Louisiana Hayride tonight“. Ich kann nicht sagen, welcher Song, welcher Künstler mir am besten gefällt. Es ist das Gesamtbild, was hier wirkt. Musiker wie Johnny Cash und Elvis Presley neben für mich ganz unbekannten Künstlern. Das Live, ungefiltert, ungeschönt. Der Sound manchmal dünn und doch ist es so ein breites, klangvolles Hörereignis. Geschichte trifft auf Kultur, Old Time Country auf die Fragen von heute. Und beim Abspielen all dieser Cds denke ich mir, wie schade es ist, dass es diese Art des Live-Radios nicht mehr gibt. Diese Offenheit und Direktheit ging schon lange verloren. Viel zu viel ist heute streng formatiert, kommt aus der Konserve, ist geglättet und begradigt und mit Effekten überzogen worden. Bear Family Records hat hier erneut eine wunderbare Box vorgelegt, die einfach nur begeistert. Die deutlich macht, wie schön das Zuhören sein kann.

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Eine Folklegende sagt zum Abschied leise Servus

Glenn Yarbrough (rechts) mit den Limeliters.

Glenn Yarbrough (rechts) mit den Limeliters.

Glenn Yarbrough ist tot. Der Name wird nicht vielen in Deutschland etwas sagen. Doch Yarbrough ist sehr eng mit der amerikansichen Folkmusik-Bewegung der 60er Jahre verbunden. 1959 war er Mitbegründer der „Limeliters“, einer Gruppe in der Tradition des „Kingston Trios“. Die Limeliters wurden schnell zu Superstars, traten in Fernsehsendungen auf und repräsentierten den neuen Sound einer jungen Generation.

Schon 1963 jedoch verließ Glenn Yarbrough die Band, um auf Solopfaden zu wandeln. Und das durchaus erfolgreich. Sein bekanntester Hit war „Baby the rain must fall“. Yarbrough setzte sich ein Leben lang für soziale Projekte ein, gründete mit seinen verdienten Millionen Dollar eine Schule für benachteiligte Kinder. Und es zog ihn immer wieder hinaus aufs Meer, Segeln wurde zu seiner Leidenschaft. Immer wieder wollte er den Bruch mit dem Musikbusiness, kehrte aber stets zurück.

2004 lernte ich den gealteten Glenn Yarbrough persönlich kennen. Bei einem privaten Überraschungskonzert im kalifornischen Ojai hatte ich die Gelegenheit mich lange mit ihm zu unterhalten, Fotos zu machen, das Konzert für gerade mal 15 Personen in voller Länge aufzuzeichnen. Er war ein beeindruckender Geschichtenerzähler und ein interessierter Zuhörer. Danach spielte ich seine Musik oftmals im Country und Folk Programm einer deutschen Airline, für die ich zehn Jahre lang das Inflight Radio produzierte und moderierte. Yarbrough hatte viele private und berufliche Rückschläge erlebt. Gleich mehrmals hatte er sein Geld in fragwürdige Projekte investiert, war von anderen ausgenutzt, von Plattenfirmen über den Tisch gezogen worden. Und dennoch, er gab nie auf. Die Musik begleitete ihn ein Leben lang. Als er da auf der Farm stand und seine Lieder sang, blitzte noch einmal die ganze Größe dieses Ausnahmesängers auf. Er hatte sie noch, die Stimme, die Millionen von Fans in den frühen 60ern faszinierte.

Ein paar Monate später traf ich ihn erneut bei einem Weihnachtskonzert. Sein weißer Rauschebart passte perfekt zur Weihnachtsgeschichte, die er vortrug und mit ein paar Liedern musikalisch umrahmte. Ein liebenswürdiger, lächelnder, vom Leben durchaus gezeichneter Mann. Glenn Yarbrough starb am 11. August im Alter von 86 Jahren in Nashville, Tennessee

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Eine Stimme wie aus dem Jenseits

Es muß so Ende der 90er Jahre gewesen sein, da hörte ich zum ersten Mal Ralph Stanley. Das war damals beim Collegesender KUSF, ich half bei einer Spätabendsendung aus, kam ins Sendestudio und der DJ vor mir war schon gegangen, hatte aber eine CD zum Durchlaufen eingelegt. Und das war ein Album von Ralph Stanley. Zu der Zeit kannte ich noch nicht viel im Bereich Country, Bluegrass, Gospel und Folk. KUSF war aber ein Sender, der offen für alle Genres war, der eine Playlist zusammenstellte, in der man diese Musik neben Indie-Rock, Noise, Industrial, Weltmusik und total abgefahrenen Sachen hören konnte. In vielerlei Hinsicht hat KUSF meinen musikalischen Horizont erweitert. Und mir eben auch den Zugang zu Ralph Stanley ermöglicht.

Ralph Stanley ist im Alter von 89 Jahren verstorben. Foto: AFP.

Ralph Stanley ist im Alter von 89 Jahren verstorben. Foto: AFP.

Ich saß an diesem Abend im Studio, eigentlich hätte ich die CD ausfaden und meine Musikauswahl spielen können, die da zwischen Einstürzende Neubauten und Rammstein lag. Doch ich ließ das Album von Ralph Stanley weiterlaufen. Was mich gleich beeindruckte war sein Banjo-Spiel, seine Stimme, die von der anderen Seite des Jordan zu kommen schien. Die Schwere seiner Lieder, das Tragische in seinem Gesang. An manchen Stellen, diese unglaubliche Tiefe und Traurigkeit in den Songs, die mich berührte. Und dann diese Hoffnung, diese Helligkeit, dieser tiefe Glaube. Ralph Stanley war ein Meister des emotionalen Spiels.

Aus dieser ersten, sehr ungewöhnlichen Hörefahrung wurde eine große Verehrung für den Musiker aus Virginia. Immer mal wieder baute ich Lieder von Ralph Stanley in meine Country & Folk Sendung auf einer großen deutschen Airline ein. Und einige Rückmeldungen bestätigten mich in meiner Auswahl. Am Donnerstag nun ist Ralph Stanley, einer der größten Bluegrassmusiker aller Zeiten im Alter von 89 Jahren verstorben. Er hinterlässt einen reichen Schatz an Musik, Lieder, die zum kulturellen Erbe der USA geworden sind.

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