Die Grammys sind für die Katz‘

Was bitteschön ist der Unterschied zwischen dem „Album of the year“ und der „Record of the year“? Ich kann es nicht beantworten, aber die Grammy Juroren haben in beiden Kategorien eine Auszeichnung vergeben. Wahrscheinlich steht das dafür, dass diese Veranstaltung sowas von überflüssig ist.

Ging leer aus: "Native North American".

Ging leer aus: „Native North American“.

Jedesmal an einem Abend im Februar reiben sich die Stars und Sternchen des Musikgeschäfts in Los Angeles aneinander, klopfen sich auf die Schultern, bauchpinseln sich ganz farbenfroh und singen gemeinsam im Chor: „We are the world“. Denn die Grammy Veranstaltung ist nicht nur ein Treffen der Major-Label-Stars, es ist vor allem auch ein Zusammenkommen der amerikanischen Industrie. Ausgezeichnet werden nicht neue Ideen, Trends, Mutiges, musikalische Experimente aus aller Welt. Nein, mit Preisen überschüttet werden jene Amerikaner und Amerikanerinnen (manchmal noch Bewohner aus Großbritannien) , die mit Millionen-Dollar-Produktionen im Studio den „richtigen“ Sound fanden. Wirklich? Ein Justin Bieber bekommt für einen hirnlosen Song mit dem Titel „Where Are Ü Now“ einen Grammy?

Ging auch leer aus: "Folksongs for another America".

Ging auch leer aus: „Folksongs of another America“.

Aber was rege ich mich auf, das, was da auf der Bühne geschieht und was gehypt wird, interessiert mich eh nicht. Jedes Jahr nach der Bekanntgabe der Nominierungen schaue ich mir zuallererst die Veröffentlichungen im unteren Bereich an. In der Kategorie 66 „Best album notes“ kannte ich fast alle Alben: „Folksongs Of Another America: Field Recordings From The Upper Midwest, 1937-1946„, „Lead Belly: The Smithsonian Folkways Collection“, „Portrait Of An American Singer“ und „Songs Of The Night: Dance Recordings, 1916-1925“. Eigentlich alle, bis auf eines, und das gewann. Die Grammy-Jury blieb mit der Joni Mitchell-Box von Rhino Records auf sicheren Pfaden. Auch wenn die mehr als fünfjährige Recherchearbeit von Jim Leary für „Folksongs of another America“ diese Auszeichnung, sprich Anerkennung seiner historischen Arbeit mehr als verdient hätte. Gerade auch in einer Zeit, in der über Immigranten gesprochen wird. Folksongs ist und bleibt ein beeindruckendes Werk.

Nächste Kategorie, 67, „Best historical album“. Dort waren für mich zwei Veröffentlichungen herausragend: „Native North America (Vol. 1): Aboriginal Folk, Rock, And Country 1966–1985“ und „Parchman Farm: Photographs And Field Recordings, 1947–1959“. Und was wurde ausgezeichnet, Bob Dylan mit seiner elften Ausgabe von „The Basement Tapes Complete: The Bootleg Series“, die auf Columbia Records erschienen ist. Selbst in diesen eher mitlaufenden Kategorien, die jedoch für Sammler und Liebhaber historischer Aufnahmen wichtig sind, bleibt die Grammy-Jury in sicheren Fahrwassern, zeichnet Veröffentlichungen der Major-Labels aus. Die Grammys, das muß man leider sagen, ist eine reine Lobby-Veranstaltung der amerikanischen Musikindustrie. Nicht mehr und nicht weniger. Viel Geld für Quatsch…und nun stehen die Oscars an.

Bei den Grammys schnell nach unten

Für einen Grammy nominiert: Folksongs Of Another America: Field Recordings From The Upper Midwest, 1937-1946/

Für einen Grammy nominiert: Folksongs Of Another America: Field Recordings From The Upper Midwest.

Die Grammy Verleihung ist ja so eine Schmalspurveranstaltung der Musikindustrie. Es wird viel gelächelt, sich auf die Schultern geklopft, man feiert sich mit Pomp und Glanz und jedes Jahr werden die gleichen Verdächtigen ausgewählt. Nun kam die Liste der nominierten Musiker, Bands, Performer, Aufnahmen heraus. Für mich heißt das jedesmal, ich muß fast ganz nach unten scrollen, um das zu finden, nach dem ich suche. In der Kategorie 66 „Best Album Notes“ werde ich schließlich fündig. Dort gleich als erste Nominierung:

Folksongs Of Another America     

Zusammengestellt wurde diese beeindruckende Sammlung von Professor James Leary von der University of Wisconsin. An dieser „Collection“ arbeitete er mehrere Jahre, fand die Lieder in Archiven, ergänzte in dem Begleitbuch die Liner Notes der ursprünglichen Aufnahmen um wichtige Informationen und Fotos der Musiker und Gruppen. Ein Mammutwerk, das den Wert der Musik der Immigranten in den USA aufzeigt. Es ist eine Klangreise in längst vergangene Tage. Musik, die lange Zeit sogar von den Amerikanern selbst vergessen und übersehen wurde, in Archiven verstaubte.

Für einen Grammy nominiert: Parchman Farm: Photographs And Field Recordings, 1947–1959.

Für einen Grammy nominiert: Parchman Farm: Photographs And Field Recordings, 1947–1959.

Einer der Musikethnologen, die in den späten 30er und frühen 40er Jahren durch den oberen Mittleren Westen zogen, um dort mit ihren Bandgeräten Aufnahmen der Immigranten zu machen, war Alan Lomax. Eine weitere Veröffentlichung dieses weitsichtigen Musiksammlers findet man in der Kategorie 67 „Best Historical Album“. „Parchman Farm: Photographs And Field Recordings, 1947–1959“, ebenfalls veröffentlicht auf „Dust to Digital Recordings„. Lomax reiste zum Staatsgefängnis in Mississippi, um dort die Gefangenen, vor allem bei der Arbeit, aufzuzeichnen. Eine bewegende Sammlung von Liedern, die in dieser Veröffentlichung noch durch ein Fotobuch erweitert werden.

Erfreulich aus deutscher Sicht ist, dass wieder einmal eine Box von Bear Family Records unter den nominierten Alben ist. „Portrait of an American Singer“ ist eine 5-CD Sammlung, begleitet von einem 120-seitigem gebundenen Buch. Vorgestellt wird Tennessee Ernie Ford, einer der bedeutendsten Genre-übergreifenden Künstler in der Geschichte der  populären Musik der USA. Zu Bear Family Records brauche ich nichts mehr zu sagen, die Qualität und die Liebe zum Detail sprechen für sich. Ich bin absoluter Fan dieses Labels.

Alle drei hier genannten Veröffentlichungen kann ich nur wärmstens in der kalten Vorweihnachtszeit empfehlen. Sie lohnen sich unterm Weihnachtsbaum genauso wie für einen Abend auf der Couch. Wer es noch zu schätzen weiß, dass Musik mehr ist als nur ein dröge mp3 File. Wer Geschichten hinter der Musik liebt? Wer einfach ein Stück Musikgeschichte in der Hand halten will, der liegt hier auf alle Fälle richtig. Alle drei Veröffentlichungen sind tief bewegende Hörreisen.

Die Musik des anderen Amerika

Amerika ist das Land der Einwanderer. Und doch wurde lange Zeit bewusst und unbewusst übersehen, dass die Immigranten ihre eigene Kultur und Sprache mit in die Neue Welt brachten und diese auch pflegten. Seit einiger Zeit beginnt man in die USA auf den kulturellen und ethnischen Reichtum zu blicken, der durch die Einwanderer ins Land kam. Jüngst wurde eine umfassende CD Box mit dem Titel “Folksongs of another America” veröffentlicht, die sich auf die Region des Mittleren Westens konzentriert.

Sidney Robertson war eine von drei Musikethnologen, die in den späten 30er und Anfang der 40er Jahre versuchten, die reichhaltigen Musikwurzeln der Upper Midwest Region in den USA zu dokumentieren. Neben ihr reisten noch Alan Lomax („The man who recorded the world“) und Helene Stratman-Thomas durch Wisconsin, Minnesota und die UP, die Upper Peninsula, of Michigan.

Es sind Feldaufnahmen, die eine Region Amerikas präsentieren, wie sie so noch nie zu hören war. Zusammengefasst sind sie nun als “Folksongs of Another America” bei Dust to Digital Records erschienen. Professor James Leary von der University of Wisconin in Madison steckt hinter dieser Veröffentlichung, an dem er fast zehn Jahre lang arbeitete: „Das Projekt, an dem Alan Lomax, Stratman-Thomas und Sidney Robertson involviert waren, war, den Wert der Kulturvielfalt und des Pluralismus zu zeigen. Ich denke, sie haben auch erkannt, dass nach ein paar Generationen die Kinder und Enkel nicht mehr die Sprache sprechen. Es gibt also noch diesen kritischen Moment, wenn man in der Lage ist, dieses Material zu sammeln.“

Wer von der amerikanischen Folk Music spricht, denkt vor allem an die englischsprachigen Lieder. Doch Amerika, das zeigt vor allem die Upper Midwest Region, hat viel mehr zu bieten. James Leary weiß, dass lange Zeit die fremdsprachigen Lieder der Einwanderer nicht beachtet wurden, auch wenn sie von den drei Musiksammlern für die Library of Congress schon früh aufgezeichnet wurden. Von Seiten der Regierung wurde jedoch ein “English only” ausgegeben, die Songs verschwanden im Archiv. 75 Jahre später wollte Leary jedoch zeigen, dass Amerika ein Land der kulturellen Sprachenvielfalt ist: „Für mich sind American Indians Amerikaner. Viele der frühen Siedler in den Vereinigten Staaten, bevor das Land überhaupt eine Nation wurde, sprachen eine andere Sprache als Englisch. Deutsch, Holländisch, Schwedisch, diese Sprachen sind genauso legitim. Und auch in meiner Heimatregion hörte man viele verschiedene Sprachen. Ich denke also, es ist sehr wichtig, diese Lieder als amerikanische Lieder zu präsentieren und sie denen vorzuhalten, die glauben, jeder sprach hier sofort Englisch und, dass nur das Englische das richtige ist.

Alan Lomax, Sidney Robertson und Helene Stratman-Thomas haben in mehreren Reisen in einem Zeitraum von acht Jahren mehr als 2000 Aufnahmen zusammen getragen. Leary hat auf “Folksongs of another America” 186 Lieder ausgewählt, die repräsentativ für die sprachliche und kulturelle Vielfalt der Gegend sind. Das reicht von finnischen bis serbischen Songs, von französichen bis litauischen, dänischen, walisischen, polnischen, luxemburgischen, schweizer und deutschen Liedern, wie eine Aufnahme von Herman Meyers, „Was war an diesem Baum?“, vom September 1938, aufgezeichnet von Alan Lomax.

James Leary arbeitete jahrelang an dieser Veröffentlichung. Er bereinigte digital die alten Aufnahmen und trug viele Informationen zusammen, die in den Original Notizen der drei Ethnologen nicht vorhanden waren. Er suchte nach Fotos für das Begleitbuch, kontaktierte Nachfahren der Musiker und übersetzte alle fremdsprachigen Lieder mit Hilfe von Kollegen anderer Fremdsprachenabteilungen der University of Wisconsin. Eine Ausnahmeleistung, die jedoch erst den ganzen Wert des Kulturmischmaschs des oberen Mittleren Westens für den Hörer zugänglich macht. Und obwohl man hier nur alte Aufnahmen hört, ist die eigentliche Botschaft dieser visionären Arbeit aus den 30er und 40er Jahren für James Leary klar: „Heute sorgt man sich in Amerika über die Einwanderung, was die Immigranten mitbringen und ob sie überhaupt ins Land gelassen werden sollen. Und genauso ist es ja auch in Europa. Ich finde, diese Lieder zeigen, dass Neuankömmlinge in einem Land, auch wenn sie Teile ihrer Sprache, ihrer Kultur und Tradition behalten, zur gleichen Zeit offen sind und etwas im positiven Sinne beisteuern. Wenn man sich das ansieht, wie es damals war, kann das eine gute Lektion für heute und morgen sein.“

Die 5CD und eine DVD umfassende Sammlung “Folksongs of another America” ist bei Dust to Digital Records und University of Wisconsin Press erschienen.

 

“Woi geh und steh, tut ma’s Herz so weh”

Zu Hunderttausenden kamen am Ende des 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts die Einwanderer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz in die USA. Die Deutschen und die Schweizer zog es in den Mittleren Westen, vor allem nach Wisconsin, oder “Swissconsin” wie der “deutscheste aller Bundesstaaten” auch genannt wurde. In Chicago dagegen gab es die größte Ansammlung von im Ausland lebenden Österreichern. Sie kamen auf der Suche nach einer neuen Heimat und brachten ihre Sprache, ihre Kultur und ihre Musik mit.

Eine Konzertankündigung für die "Scheidegger Seven" aus dem Jahr 1927. Quelle: Serge Schmidt

Eine Konzertankündigung für die „Scheidegger Seven“ von 1927. Quelle: Serge Schmidt

Im August 1927 stehen im “Rice Lake Dance Pavilion” in Wisconsin die “Scheidegger Seven” in Berner Tracht und vor einem großen Bild der Alpen auf der Bühne. Die Gruppe war zwei Jahre zuvor aus Huttwil in die USA übergesiedelt. Vater Fritz Scheidegger und seine Töchter hatten schon in der Schweiz als “Flühjodler vom Emmental” Erfahrungen sammeln können. In den USA touren sie in zwei Jahren durch 38 Bundesstaaten und spielen in New York und Chicago mehrere Schellack Platten ein.

Die “Scheidegger Seven” sind nur ein Beispiel einer lebendigen deutschsprachigen Musikszene in den USA zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Neben zahlreichen Immigranten Musikern, tourten auch Künstler aus der alten Heimat in Übersee, wie die „Moser Brothers“ aus der Schweiz, die mit ihren Herzschmerz und Heimweh Liedern zu Superstars in der Neuen Welt wurden. Und auch wenn die Konzerte meist nur in den deutschen und schweizer Clubs stattfanden, so war die deutschsprachige Musik doch ein wichtiger Teil des frühen amerikanischen Musikgeschäfts. Die Deutschen, so werden in den USA alle Deutschsprechenden genannt spielten ihre Musik auf Festen, Hochzeiten, Veranstaltungen. Es war bekannt, dass es auf ihren Feiern immer zünftig zu und her geht. Viel Bier, Tanz und Musik. Als die Aufnahmetechnik kommerziell nutzbar wurde, merkten die Plattenfirmen schnell, dass die Einwanderer durchaus eine große Zielgruppe waren und damit eine zahlkräftige Kundschaft. Die Columbia Phonograph Company reagierte bereits 1909 und schrieb ihren Handelsvertretern:

“Denken Sie daran, dass es in allen Großstädten und in den meisten größeren Städten Stadtteile gibt, wo Leute einer Nationalität zusammenleben. Die meisten von ihnen behalten ihre Gewohnheiten bei und bevorzugen es, sich in der Sprache ihres Heimatlandes zu verständigen. Auf diese Leuten üben Schallplatten in ihrer eigenen Sprache eine unwiderstehliche Attraktion aus und sie werden sie bereitwillig kaufen.”

Auch die Zahlen der veröffentlichten Schallplatten in den USA sprechen eine deutliche Sprache. Im Zeitraum von 1908 bis 1923 bringt Columbia rund 5000 Platten in der A-Serie heraus, A für Amerika,. In der E-Serie, E für Europa, veröffentlicht die Schallplattenfirma im gleichen Zeitraum 6000 Schellack Platten.

Eine umfassende CD Box über die Musik der Immigranten im oberen Mittleren Westen der USA.

Eine umfassende CD Box von James Leary über die Musik der Immigranten im oberen Mittleren Westen der USA.

Doch die “Deutschen” in den USA waren nicht nur Konsumenten, sie prägten mit ihren Jodlern und auch mit ihren Instrumenten gerade die “Roots” Musik Amerikas. Das Jodeln aus der Alpenregion hat seine Spuren in der amerikanischen Musikszene hinterlassen und beeinflusste gerade die frühe Hillbilly und Country Musik. Die Konzertina, eine kleine Ziehharmonika gebaut in Chemnitz, wurde zum Hit in Übersee und ist noch heute in der amerikanischen Polka Szene zu finden. Auch das deutsche Akkordeon der Firma Monarch hat sich in der US-amerikanischen Musik gehalten – besonders in der Cajun-Musik, die francophone Einwanderer in die USA gebracht haben. Und die Mundharmonika aus dem Hause Hohner wurde zu einem Exportschlager in die USA.

Die Spuren der deutschsprachigen Einwanderer in der amerikanischen Musik sind heute nicht mehr allzu offensichtlich. Im Melting Pot USA sind die zahlreichen musikalischen und instrumentalen Einflüsse von so vielen Kulturen einfach aufgegangen. Doch man kann sie finden, wenn man nur will.

Zu dem Thema “Die Musik der deutschsprachigen Immigranten in Amerika” habe ich ein längeres Feature für den Schweizer Rundfunk produziert, das man hier hören kann:

Deutschsprachige Musik     

Weitere Informationen zum Thema der schweizer Musik in Übersee kann man auf der umfangreichen und mit viel Liebe gestalteten Webseite von Serge Schmidt finden.

Zu Fragen der deutschsprachigen Musik empfehle ich die Seite von Christoph Wagner, der schon einige CDs über die Musik der Immigranten für das Münchner Label Trikont veröffentlicht hat. Und dann ist da noch die einzigartige CD Box „Folksongs of another America„, zusammengestellt von Professor James Leary von der University of Wisconsin, die auf dem „Dust to Digital“ Label erscheinen wird.