„We shall overcome some day“

Samstagmorgen in Oakland. Pete Seeger wäre nun 100 Jahre alt. „We shall overcome“ ist der erste Song auf der neuen und umfangreichen Box von Smithsonian Folkways, dem langjährigen Label von Pete Seeger. Dort hatte er im Laufe der Jahrzehnte über 70 Schallplatten veröffentlicht. Folk Songs und Arbeiterlieder, Spoken Word genauso wie Platten für Kinder. Pete Seeger war ein Reisender, der mit seiner Musik um die Welt tingelte, Amerikas Folk Musik präsentierte und Lieder von überallher mit in die USA zurück brachte. Ein musikalischer Kulturbotschafter und Brückenbauer zugleich.

„We shall overcome“ ist wohl eines der wichtigsten amerikanischen Folk Songs. Es steht für die Bürgerrechtsbewegung in den USA, in einer Zeit, als Afro-Amerikaner nicht in die selbe Toilette pinkeln durften wie Weiße. Als Schwarze nach einer falschen Ausfahrt in den Südstaaten gelyncht wurden. Als weiße Jurys schwarze Angeklagte unschuldig hinter Gitter brachten. Und dennoch war da der Ruf „We shall overcome“. Trotz all der Gewalt, der Ungerechtigkeit, der Benachteiligung, der tief gespaltenen amerikanischen Gesellschaft.

Und wo stehen wir heute? Der Graben in Amerika ist tief und wird tagtäglich noch weiter vertieft und verbreitet. Ich frage mich beim Durchhören dieser umfassenden Werkschau von Pete Seeger, wie die USA es damals geschafft haben, diese gesellschaftlichen Wunden zu heilen, „to overcome“ die Differenzen, irgendwie einen Neustart zu beginnen. Natürlich hat das nicht so geklappt, wie es eigentlich hätte sein sollen. Der tief verwurzelte Rassismus in einigen Teilen der USA existiert nach wie vor. Afro-Amerikaner und Farbige sind weiterhin benachteiligt. Da gibt es die langfristigen Folgen des „Red Lining, die nie ausgeglichen wurden, da gibt es Polizei Übergriffe, da gibt es noch immer Ungleichheit vor dem Gesetz. Man sollte sich nichts vormachen, das steht fest.

„We shall overcome“ war und ist ein kraftvolles Lied, dass Menschen vereinen, zusammen bringen konnte. Auf dieser Box sind viele der „Hits“ von Pete Seeger zu finden, die ihn zu dem machten, was er in seinem 94jährigen Leben geworden ist. Ein Mann mit Hoffnung, mit Mut, mit dem Glauben an das Gute in den Menschen. Ein Mann mit seinem Banjo, der viel mehr war als nur ein Musiker. Auf „Pete Seeger – The Smithsonian Folkways Collection“ wird eine der bedeutenden Stimmen Amerikas präsentiert, der neben seinen Freunden Woody Guthrie und Lead Belly zu den wichtigen Drei der Folk Musik zählt.

Pete Seeger beeinflusste Musiker von Joan Baez, über Bob Dylan bis hin zu Bruce Springsteen und Rage Against The Machine. Er war ein umtriebiger Rebell, der nicht ruhen und rasten wollte. Obwohl er in der McCarthy Ära „blacklisted“ wurde, quasi mit einem Auftritts- und Aufführverbot belegt wurde, schaffte es Pete Seeger zur Stimme einer Nation zu werden. Er ging in jenen Jahren ganz direkt an Schulen und Universitäten, ohne große Ankündigung, und spielte seine Lieder. Niemand konnte ihn stoppen. Joan Baez erlebte Pete Seeger damals an ihrer High School und meinte später, dass dieses Konzert eines der wichtigsten Momente in ihrer Karriere war. Seeger wurde der Vater des großen Folk-Revivals in den USA. „We shall overcome“, das hat er mit seiner Musik vorgelebt.

Auf dieser Werkschau zum 100jährigen Geburtstag von Pete Seeger ist auch eines der für mich bedeutendsten Songs des 20. Jahrhunderts zu finden. „Moorsoldaten“, geschrieben 1933 im Konzentrationslager Börgermoor und über den Spanischen Bürgerkrieg in alle Welt verbreitet. Dieses Lied drückt die Kraft des Widerstands und die Hoffnung der Unterdrückten aus. Ein Lied, das Pete Seeger immer wieder in seinen Konzerten spielte.

Das Lied der Moorsoldaten     

6 CDs mit Songs voller Hoffnung, Wärme, Kraft und Mut. Amerika heute bräuchte einen Pete Seeger, eine Stimme der Vernunft, der den Amerikanern vor Augen führt „This land is your land“, ein Land, das nicht perfekt ist, das nicht „God’s Country“ ist, das seine Fehler erkennt, aber daran arbeitet. Die USA, „a work in process“. Ein Land, in dem der Fremde, der Andere, der Unterdrückte, der Benachteiligte, der Farbige, der an einen anderen Gott Glaubende, der sexuell anders Orientierte willkommen ist und seine Chance bekommt. Daran glaubte Pete Seeger. Das klingt nach Friede, Freude, Eierkuchen, und doch, gerade klingt es hier in Oakland ganz laut: „We shall overcome….some day….deep in my heart, I do believe. We shall overcome some day“

Ein unwillkommener Nationalschatz

Im Herbst 2016 erhielt Ramin Alhaj einen Brief von Präsident Obama. Darin wurde der Oud Spieler mit einem Preis der „National Endowment for the Arts“ ausgezeichnet. „Ich wurde in dem Brief als „living treasure“ beschrieben…zwei Monate später war ich hier nicht mehr willkommen“. Ramin Alhaj lachte im Gespräch darüber, als ich mit ihm im vergangenen Jahr über seine Platte „Letters from Iraq“ sprach. „Der erste Präsident sagt, danke Dir Rahim für Dein wunderbares Geschenk, Du bereicherst unser Land hier. Und zwei Monate später bin ich hier nicht mehr willkommen.“

„Good Times“ von Immigrant zu Immigrant. Ich musste den unwillkommenen lebenden Schatz Rahim Alhaj einfach in San Francisco treffen.

Rahim Alhaj stammt aus dem Irak und lebt schon seit vielen Jahren in New Mexcio. Er ist einer der besten Oud Spieler, jenes traditionelle Instrument aus dem vorderen Orient, auch bekannt als Kurzhalslaute. Alhaj ist ein Zauberer auf diesen Saiten, das hat er am Samstag in gleich zwei Konzerten im Jazz Center von San Francisco bewiesen. Lieder zwischen „Fun“ und „Tragedy“, wie er es beschrieb. Gefühlvoll, ergreifend, nahegehend. Rahim Alhaj öffnet mit seiner Oud eine ganz andere Klangwelt, lässt die Zeit stillstehen, lädt die Hörer auf eine Reise ein.

Seine Lieder drehen sich um das, was er gesehen, erlebt und berichtet bekommen hat. „Letters from Iraq“ ist das Album, auf dem er Briefe aus seiner alten Heimat vertonte, Lieder aus dem Leben in einem tief erschütterten Land. Zwischen Spass und Tragödie, Geschichten, die das Leben erzählt. Und Rahim Alhaj berichtet mit den Saiten seiner Oud, schafft Nähe und Zugang zu einer Kultur, die trotz all der Schlagzeilen der letzten 17 Jahre so unbekannt ist. Ein wundervolles, tragendes und dennoch unterhaltsames Konzert eines Ausnahmemusikers. Im Herbst wird Alhaj auch nach Deutschland und Europa kommen, man sollte ihn nicht verpassen. Es ist ein außergewöhnliches Ereignis, ihn auf der Bühne zu sehen, zu hören, zu erleben.

Es ist nicht alles Trump in den YOU-ESS-AI

Donald Trump hier, Donald Trump dort. Über die Sommermonate hatte ich für einen öffentlich-rechtlichen Sender die Korrespendentenstelle übernommen. Wochenlang hieß es nur Trump, Trump, Trump, Trump, Trump. Am Ende wusste ich schon gar nicht mehr, was ich noch über den 45. Präsidenten der USA sagen sollte. Ruhige Wochenenden gab es fast nie, denn im Weißen Haus hat man die Angewohnheit am Freitagnachmittag wichtige Personalentscheidungen zu treffen. weiter lesen

Die Welt hören

Die UNESCO Musiksammlung     

Ein Beitrag über die UNESCO Musiksammlung

Kurdische Musik ist Teil der UNESCO Sammlung.

Kurdische Musik ist Teil der UNESCO Sammlung.

Gestern lag mal wieder ein Paket vor meiner Tür. Darin eine weitere Lieferung der monumentalen Serie „UNESCO Collection of Traditional Music„, neu veröffentlicht vom Smithsonian Folkways Label. Eine grandiose Klangreise rund um den Globus. Diesmal geht es an über 40 Schauplätze. Wenn man diesen Schatz an Musik hebt, wenn man sich öffnet für teils sehr fremde Kulturen, Sprachen, Instrumente, Melodien, dann merkt man, dass uns alle eigentlich die Musik verbindet. Was hier in Liedern ausgedrückt wird ist einzigartig schön. Auch wenn ich keinen blassen Schimmer von dem habe, was die Musiker vom südpazifischen Inselstaat Vanuatu singen, oder um was es sich in den Aufnahmen der afghanischen Musik in der Zeit des Bürgerkrieges von 1979 – 2001 dreht, oder was die japanischen Trommler da schreien, oder was die kurdischen Tamburaspieler in ihrem Stück umschreiben möchten. Es ist einfach eine musikalische Weltreise voller Emotionen, Bildern, Klangkreationen.

Auch Musik aus Vanuatu findet man in der Sammlung.

Auch Musik aus Vanuatu findet man in der Sammlung.

Hier spielen hervorragende Musiker, die einen tief in ihren Kulturkreis ziehen neben Laien, die einfach nur ihre traditionellen Lieder aufzeichnen wollten. Da wird falsch geatmet, da wird manchmal der Ton nicht richtig getroffen, da stimmt die Mikrofonierung nicht, und doch, es sind geschichtliche Dokumente, die man in dieser Sammlung zu hören bekommt. Diese Lieder waren nie in den Charts, werden auch nicht in den Superstarfernsehprogrammen nachgesungen, im Radio werden sie wahrscheinlich auch nicht gespielt werden.

Doch was die UNESCO hier in Jahrzehnten an Musik gesammelt hat und nun neu auf Folkways Recordings veröffentlicht wurde, ist weitaus mehr als nur eine beeindruckende Sammlung fürs Archiv. Hier hört man die Welt in einer Sprache, die wir alle verstehen sollten, die uns verbindet; Musik. Als Hörer dieser Klangsammlung ist man gefordert hinzuhören, denn es ist oftmals nicht eingängig, es ist sperrig, fremdartig in vielerlei Hinsicht. Doch ich finde, der Aufwand lohnt sich, sich die Zeit zu nehmen, sich auf das einzulassen, was man hier hört und erfährt. Ich weiß, ich wiederhole mich und muß es dennoch erneut ganz deutlich sagen, die „UNESCO Collection of Traditional Music“ ist eine einzigartige Musiksammlung, die man hören sollte.

 

„Shortcut to Europe“

Das war wieder der Titel der diesjährigen „Tag der offenen Tür“-Veranstaltung in Washington DC. Alle Botschaften der EU Länder waren dabei, präsentierten sich…wie? Das kann ich nicht genau sagen, denn ich war ja nur auf dem Gelände der deutschen Botschaft und habe dort fast sieben Stunden aufgelegt. Eine bunte Mischung „Music made in Germany“. Und das reichte von Hans Albers bis Rammstein…und ja, das waren Wünsche. Aber auch Bushido, Peter Fox und etliche Independent Bands wie Luxuslärm oder Kira waren angesagt. Zeitweise wurde es etwas windig, doch das Wetter hielt und tausende von Menschen strömten auf das Botschaftsgelände. Eine gelungene Veranstaltung, die Deutschland sicherlich gut darstellte.

Deutsche Platte bei FolkwaysAm Tag zuvor war ich noch auf der Suche nach deutschen Spuren im riesigen Musik- und Tonarchiv des gemeinnützigen Plattenlabels „Smithsonian Folkways“. Ein wahrer Schatz von Aufnahmen steht da dem Hörer und Interessierten zur Verfügung, und alles ist nach wie vor erhältlich. Folkways ist bekannt für seine Roots-Musik Veröffentlichungen. Woody Guthrie, Pete Seeger, aber auch Protest- undKampfsongs aus Angola, Irland, Südafrika. Und man findet zum Teil sehr skurile Alben mit deutschen Hintergrund. So z.B. die Befragung von Bertold Brecht vor dem US Kongress in der McCarthy Ära, als Kommunisten im Land und vor allem in Hollywood gejagt wurden. Eine faszinierende ethnomusikalische Platte aus dem ethnologischen Museum in Berlin. Biermann Aufnahmen sind dort genauso zu finden wie Bierhallenlieder und Märsche. Im Archiv von Folkways ist die Zeit stehen geblieben, ein wahrer Schatz für Hörer.

Washington DC ist eine beeindruckende Stadt, die ich an den Abenden noch zu Fuss erkundet habe. Vorbei am Verfassungsgericht, zum Kongress, das Vietnam Memorial, die Mall, das Lincoln Memorial, das Weisse Haus, Dupont Circle nach Georgetown und vorbei an den Dutzenden von Botschaften aus aller Welt. Man läuft sich hier die Füsse platt, aber das auf eine sehr interessante Art. DC ist auf alle Fälle eine Reise wert.