Die Bedeutung von Weltmusik in „America First“ Zeiten

Der Ruf nach “America First” ist überlaut, eine “hohe, schöne Mauer” will Präsident Donald Trump an der Grenze zu Mexiko bauen lassen und Flüchtlinge aus Krisen- und Konfliktgegenden haben kaum noch eine Chance legal in die USA zu kommen. Das Einwanderungsland Amerika macht die Schotten dicht. Die eigene Bauchnabelschau steht im Wahljahr 2020 scheinbar an vorderster Stelle.

Da ist es erfrischend, dass das Plattenlabel Smithsonian Folkways mit Sitz in Washington DC einen ganz anderen Weg geht und in diesen aufgeheizten Zeiten die Vielfalt der Kulturen feiert. In einer neuen Wiederveröffentlichungsserie auf Vinyl wird nun Musik aus Gambia, Trinidad und den Gebieten der südlichen Sahara präsentiert.

Folkways Recordings ist eine musikalische Schatztruhe. Tausende von Aufnahmen aus aller Welt sind hier über die Jahrzehnte zusammengetragen worden, und das aus den verschiedensten und noch so entlegendsten Kulturen, in Sprachen, die es teilweise gar nicht mehr gibt. Oftmals ist es Musik, die alles andere als hitverdächtig ist. Aber Folkways, das bis in die 1940er Jahre zurückreicht, ist zu einem einmaligen Archiv der Weltmusik geworden. Das Label hat mit einer Wiederveröffentlichungsserie von alten Aufnahmen auf Vinyl begonnen, aktuell sind es – Calypso Travels, Gambian Griot Kora Duets und Tuareg Music of the Southern Sahara. Und das durchaus mit einem Hintergedanken, wie Huib Schippers, der Direktor von Folkways erklärt: „Wir leben in einer sehr polarisierten Welt. Wir als Label glauben, wir können das etwas abschwächen, in dem wir den Blick auf Menschen in anderen Teilen der Welt legen und zeigen, was sie antreibt.“

Huib Schippers erklärt auf die Frage, wie man denn bei solch einem gewaltigen Archiv mit tausenden von Aufnahmen eine Auswahl treffen könne, dass man als Team zusammenkomme, jeder bringe ein paar Vorschläge mit. Gemeinsam höre man sich die Aufnahmen an und entscheide dann gemeinsam darüber. Die drei aktuell veröffentlichten Platten verbinde musikalisch dabei wenig, sagt er, es sei einfach „unglaubliche Musik“.

Die Musik der Tuareg bringt den Hörer ganz nah dran, die Mikrofone haben dabei nicht nur die Musiker aufgenommen, sondern fingen auch die gesamte Atmosphäre im Freien ein. Die Kora Duette aus Gambia und Senegal hingegen stellen die feinfühligen und durchaus auch hypnotischen Klänge dieser westafrikanischen Harfe dar. Die Originalplatte erschien 1979. Calypso Travels von Lord Invader war dessen letzte Platte, die von Folkways Gründer Moses Asch 1960 in New York produziert wurde. Es ist zeitlose Musik, die auf diesen drei Veröffentlichungen präsentiert wird. Was sie verbindet ist der grenzenlose Blick auf diese universelle Sprache der Musik.

In diesen “America First” Zeiten wird genau diese Sprache zu einem wichtigen Gegenpart einer engstirnigen und beschränkten Politik. Folkways sieht sich dennoch nicht als politisches Label, man sei zwar Teils des Smithsonian Netzwerkes, aber finanziell nicht davon abhängig. Eine staatliche Kontrolle über die Veröffentlichungen und Themen des Labels gebe es also nicht, meint Huib Scheppers. „Wir glauben, die Menschen auf dieser Erde sollten in Frieden miteinander leben, versuchen, sich zu verstehen und Mitmenschlichkeit zu zeigen und zu feiern. Vieles, was wir veröffentlichen drückt das aus. Es geht darum, neugierig zu sein, was für mich einer der besten Wege ist Vorurteilen vorzubeugen.“

Huib Schippers beschreibt das, was Folkways tut als eine Art GPS, ein globales Navigationssystem. Und das ist es wahrlich. Die Welt hören kann Grenzen verschieben. Geplant sind schon jetzt etliche weitere Wiederveröffentlichungen auf Vinyl. All die Musik gibt es auch als CD on Demand und natürlich als Download.

Ein Grammy für Pete Seeger

Ich bin kein großer Fan der Grammys, irgendwie wird immer das gleiche und die gleichen ausgezeichnet. Interessant finde ich nur jene Awards, die auf den hinteren Rängen zu finden sind, wie „Best boxed or special limited-edition package“, „Best album notes“ und „Best historical album“. Da sind immer mal wieder außergewöhnliche Veröffentlichungen dabei, wie in diesem Jahr der Grammy für eine Pete Seeger Box.

Pete Seeger, die Stimme der amerikanischen Folk-Bewegung. Vor sechs Jahren, am 27. Januar 2014 verstarb er im Alter von 94 Jahren. Seeger wurde schon zu Lebzeiten als “American Treasure”, als lebender Kulturschatz Amerikas bezeichnet. Meist nur mit seinem Banjo in der Hand, begeisterte er seine Zuhörer, und das weltweit. Pete Seeger war Sänger, Rebell und die Stimme einer ganzen Nation. Er sang von einer besseren Welt und war der Meinung, diese könne nicht überleben, solange das Privateigentum „Gott aller Götter“ sei. Seine Lieder sollten Hoffnung geben. Zu Pete Seeger‘s 100. Geburtstag am 3. Mai 2019 hatte sein langjähriges Label “Smithsonian Folkways” eine umfangreiche 6 CD Box herausgebracht, darunter auch 20 bislang unveröffentlichte Songs. Dazu ein 200seitiges Buch. Und diese opulente Box wurde mit einem Grammy für „Best historical album“ ausgezeichnet.

An Pete Seeger kommt man in den USA nicht vorbei. Bob Dylan und Joan Baez und selbst Musiker von Rage Against the Machine sehen ihn als großen Einfluss auf ihre Musik. Seine Lieder wurden zu einem Soundtrack dieses Landes in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Seine bekannten Songs sind genauso auf „The Smithsonian Folkways Collection” zu finden, wie Lieder, die ihn einfach am besten beschreiben. Zusammengestellt wurde diese Werkschau von Jeff Place, Kurator und Leiter des Folkways Archivs. „Ich habe einfach versucht, die größte mögliche Retrospektive zusammenzustellen. Von seinen ersten Veröffentlichungen überhaupt bis hin zu den letzten in seinem Leben. Und dann wollte ich auch noch all die Orte aufnehmen, die Pete Seeger mit seiner Musik besuchte. Die Leute sprechen von ihm wie von Woody Guthrie, Woody’s Kinder sind auch Pete’s Kinder…Joan Baez erzählte mal, dass sie als 13jährige ein Konzert von Pete Seeger an ihrer Schule erlebte, und das veränderte ihr Leben.“

Jeff Place berichtet davon, dass Pete Seeger in den 50 Jahren aufgrund seiner früheren Mitgliedschaft in der kommunistischen Partei und seinem politischen Einsatz für soziale und gesellschaftliche Initiativen unter politischen Druck geriet. Seeger war auch ein Teil der legendären und sehr erfolgreichen „Weavers“, einem Folk Quartett aus Greenwich Village, das neben traditionellen Folk Songs auch Arbeiter- und Protestlieder sang. Damit machten sie sich in der politisch aufgeheizten McCarthy Ära verdächtig. Seeger und auch andere Mitglieder der „Weavers“ wurden „blacklisted“. Kein Club ließ ihn mehr auftreten, kein Radiosender spielte ihn mehr. Doch das hielt ihn nicht auf, so Jeff Place: „Er lebte also ein Leben im Untergrund, wo er einfach an Colleges und Universitäten auftauchte und ohne große Ankündigung spielte, so konnte man ihn nicht davon abhalten. Es wurde versucht, seine Ideen aufzuhalten, aber er fand einen Weg, um die jüngere Generation zu erreichen, in dem er an Schulen spielte und Platten aufnahm. Darunter auch Platten für Kinder. Er hat all diese Menschen in den Vereinigten Staaten beeinflusst, diese jungen Leute, diese Kinder, die schließlich Teil der großen Folk Bewegung in den späten 50er und 60er Jahren wurden, wie Peter, Paul & Mary und Dylan und all die anderen.“

Pete Seeger wurde durch seine Schul- und Uniauftritte erneut bekannt, erreichte so eine neue, junge Generation. In den 60er Jahren setzten Lehrer in den Schulklassen seine Musik im Unterricht ein. Die Saat, die er mit seinen Konzerten säte, ging auf. Seeger veröffentlichte über 70 Platten auf Folkways Records, darunter “Spoken Word” Alben, Musik für Kinder, Protestlieder, Songs aus anderen Ländern und Kulturen. Überall wohin Pete Seeger reiste, brachte er nicht nur seine amerikanischen Lieder mit, sondern nahm auch Songs von dort mit zurück in die USA. Er war ein musikalischer Grenzgänger und Brückenbauer, der Menschen mit seinen Songs zusammenbrachte. Auf dieser Box ist auch eines der bedeutendsten antifaschistischen Protestlieder überhaupt enthalten, das 1933 im norddeutschen Konzentrationslager Börgermoor geschrieben und mit dem Spanischen Bürgerkrieg in alle Welt geweht wurde. Pete Seeger liebte dieses kraftvolle Lied und spielte es immer wieder auf seinen Konzerten.

Mit der großen Pete Seeger Werkschau schließt sich für Folkways Records auch der Kreis der wichtigen „Drei“ der amerikanischen Folk-Musik, denn zuvor schon hatte das Label Boxsets von Woody Guthrie und Lead Belly veröffentlicht. „Man muss auch erwähnen, dass Pete Seeger ein enger Freund von Woody Guthry und Lead Belly und einigen anderen war“, meint Jeff Place. „Und er war derjenige, der weitermachte…sie starben leider viel zu jung, doch Pete hielt ihre Musik und ihre Ideen über die Jahre am Leben. Er ist dafür verantwortlich, dass wir Woody Guthrie heute so kennen oder ihn so schätzen.“

„Pete Seeger – The Smithsonian Folkways Collection“ ist nicht nur eine bedeutende Werkschau einer der wohl wichtigsten Jahrhundertmusiker Amerikas, die nun mit einem Grammy geehrt wurde. Beim Durchhören all der Lieder spürt man vielmehr, dass Pete Seeger mit seinem Banjo und seiner warmen Stimme Kraft und Hoffnung in teils schwierigen Zeiten geben wollte und auch konnte. Amerika könnte heute mehr denn je wieder einen Pete Seeger gebrauchen.

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Das Klangbild eines unbekannten Landes

Das Weltmusiklabel Smithsonian Folkways ist für teils ungewöhnliche Veröffentlichungen aus unterschiedlichsten Ländern und Kulturkreisen bekannt. Nun erscheint mit “Sound Portraits from Bulgaria” eine zwei CDs umfassende Box, die sich der bulgarischen Musik der 60er und 70er Jahre widmet. Begleitet wird sie von einem umfassenden Bildband, der Musiker und Aufnahmesituationen von damals portraitiert. Es ist wie ein tiefer Einblick in eine scheinbar längst verschwundene Zeit.

Am Anfang dieser Box steht die Melodie des Schäfers, einer gefühlvollen und durchaus nahegenden Musik- und Fotosammlung, die den Hörer behutsam in die Klangwelt Bulgariens führt. Aufgenommen und gesammelt wurde diese Musik in allen Teilen Bulgariens von dem Musikethnologen Martin Koenig, der in den 60er und 70er Jahren dorthin reiste, in einer Zeit, in der Bulgarien ein eher abgeschottetes, verarmtes Land im damaligen Ost-Block war. Koenig kam, um sich vor Ort über die Tänze zu informieren und, um die Musik aufzunehmen.

Martin Koenig reiste damals mehrmals durch das Land, einem Land, das von den verschiedensten Einflüssen geprägt wurde. Gleich fünf Länder grenzen an Bulgarien, dazu noch das Schwarze Meer. Bulgarien sei wie eine Kreuzung, meint Koenig. „Jede Armee aus dem Osten kam durch Bulgarien, jede aus dem Westen auf dem Weg in den Nahen Osten kam durch das Land. Und jede Armee, jede Volksgruppe, die durchkam, denn es gab auch diesen konstanten Migrationsfluss, jeder brachte seine Musik mit, seine eigenen Klänge. Und das alles beeinflusste das, was schon da war.“

Die CD-Box “Sound Portraits from Bulgaria” gibt dem Hörer einen tiefgehenden Eindruck von der Vielfalt und der Ausdruckskraft der bulgarischen Kultur. Die vielen Bilder in dem 143 Seiten umfassenden Begleitbuch lassen die Musik auf diesen CDs lebendiger werden, denn man erfährt, wie sie aufgenommen wurde. Martin Koenig hat damals mit seinen tragbaren Aufnahmegeräten wahre Klangwunder erschaffen. „Als ich damals in diese bulgarischen Dörfer kam, gab es überall mehrere Leute, die diese Lieder singen konnten. Es ist, wie ein Fenster auf einen verschwundenen Lebensweg zu öffnen, der so reich an Darbietung und kulturellen Traditionen war, und den es nicht mehr gibt. In diesen 50 Jahren ist das alles verloren gegangen.“

Seit den 60er Jahren hat Bulgarien ein Drittel seiner Bevölkerung verloren. Mit ihr verschwand vieles von dem, was in dieser CD-Box zu sehen und zu hören ist. Der kulturelle Verlust ist immens, um so wertvoller ist diese Sammlung einzuordnen. Das konnte Martin Koenig auch erfahren, als er vom Label beauftragt wurde, vor einer Veröffentlichung noch einmal nach Bulgarien zu reisen, um die Rechte von den Musikern und ihren Nachfahren einzuholen, wenn sie überhaupt gefunden werden konnten. Bei den Besuchen in den verschiedensten Dörfern stieß er vor allem auf Dankbarkeit, dass die Musik und diese Fotos aus einer längst vergangenen Zeit bewahrt wurden.

Einen Klangeindruck von “Sound Portraits from Bulgaria” kann man hier bekommen.

„We shall overcome some day“

Samstagmorgen in Oakland. Pete Seeger wäre nun 100 Jahre alt. „We shall overcome“ ist der erste Song auf der neuen und umfangreichen Box von Smithsonian Folkways, dem langjährigen Label von Pete Seeger. Dort hatte er im Laufe der Jahrzehnte über 70 Schallplatten veröffentlicht. Folk Songs und Arbeiterlieder, Spoken Word genauso wie Platten für Kinder. Pete Seeger war ein Reisender, der mit seiner Musik um die Welt tingelte, Amerikas Folk Musik präsentierte und Lieder von überallher mit in die USA zurück brachte. Ein musikalischer Kulturbotschafter und Brückenbauer zugleich.

„We shall overcome“ ist wohl eines der wichtigsten amerikanischen Folk Songs. Es steht für die Bürgerrechtsbewegung in den USA, in einer Zeit, als Afro-Amerikaner nicht in die selbe Toilette pinkeln durften wie Weiße. Als Schwarze nach einer falschen Ausfahrt in den Südstaaten gelyncht wurden. Als weiße Jurys schwarze Angeklagte unschuldig hinter Gitter brachten. Und dennoch war da der Ruf „We shall overcome“. Trotz all der Gewalt, der Ungerechtigkeit, der Benachteiligung, der tief gespaltenen amerikanischen Gesellschaft.

Und wo stehen wir heute? Der Graben in Amerika ist tief und wird tagtäglich noch weiter vertieft und verbreitet. Ich frage mich beim Durchhören dieser umfassenden Werkschau von Pete Seeger, wie die USA es damals geschafft haben, diese gesellschaftlichen Wunden zu heilen, „to overcome“ die Differenzen, irgendwie einen Neustart zu beginnen. Natürlich hat das nicht so geklappt, wie es eigentlich hätte sein sollen. Der tief verwurzelte Rassismus in einigen Teilen der USA existiert nach wie vor. Afro-Amerikaner und Farbige sind weiterhin benachteiligt. Da gibt es die langfristigen Folgen des „Red Lining, die nie ausgeglichen wurden, da gibt es Polizei Übergriffe, da gibt es noch immer Ungleichheit vor dem Gesetz. Man sollte sich nichts vormachen, das steht fest.

„We shall overcome“ war und ist ein kraftvolles Lied, dass Menschen vereinen, zusammen bringen konnte. Auf dieser Box sind viele der „Hits“ von Pete Seeger zu finden, die ihn zu dem machten, was er in seinem 94jährigen Leben geworden ist. Ein Mann mit Hoffnung, mit Mut, mit dem Glauben an das Gute in den Menschen. Ein Mann mit seinem Banjo, der viel mehr war als nur ein Musiker. Auf „Pete Seeger – The Smithsonian Folkways Collection“ wird eine der bedeutenden Stimmen Amerikas präsentiert, der neben seinen Freunden Woody Guthrie und Lead Belly zu den wichtigen Drei der Folk Musik zählt.

Pete Seeger beeinflusste Musiker von Joan Baez, über Bob Dylan bis hin zu Bruce Springsteen und Rage Against The Machine. Er war ein umtriebiger Rebell, der nicht ruhen und rasten wollte. Obwohl er in der McCarthy Ära „blacklisted“ wurde, quasi mit einem Auftritts- und Aufführverbot belegt wurde, schaffte es Pete Seeger zur Stimme einer Nation zu werden. Er ging in jenen Jahren ganz direkt an Schulen und Universitäten, ohne große Ankündigung, und spielte seine Lieder. Niemand konnte ihn stoppen. Joan Baez erlebte Pete Seeger damals an ihrer High School und meinte später, dass dieses Konzert eines der wichtigsten Momente in ihrer Karriere war. Seeger wurde der Vater des großen Folk-Revivals in den USA. „We shall overcome“, das hat er mit seiner Musik vorgelebt.

Auf dieser Werkschau zum 100jährigen Geburtstag von Pete Seeger ist auch eines der für mich bedeutendsten Songs des 20. Jahrhunderts zu finden. „Moorsoldaten“, geschrieben 1933 im Konzentrationslager Börgermoor und über den Spanischen Bürgerkrieg in alle Welt verbreitet. Dieses Lied drückt die Kraft des Widerstands und die Hoffnung der Unterdrückten aus. Ein Lied, das Pete Seeger immer wieder in seinen Konzerten spielte.

Das Lied der Moorsoldaten     

6 CDs mit Songs voller Hoffnung, Wärme, Kraft und Mut. Amerika heute bräuchte einen Pete Seeger, eine Stimme der Vernunft, der den Amerikanern vor Augen führt „This land is your land“, ein Land, das nicht perfekt ist, das nicht „God’s Country“ ist, das seine Fehler erkennt, aber daran arbeitet. Die USA, „a work in process“. Ein Land, in dem der Fremde, der Andere, der Unterdrückte, der Benachteiligte, der Farbige, der an einen anderen Gott Glaubende, der sexuell anders Orientierte willkommen ist und seine Chance bekommt. Daran glaubte Pete Seeger. Das klingt nach Friede, Freude, Eierkuchen, und doch, gerade klingt es hier in Oakland ganz laut: „We shall overcome….some day….deep in my heart, I do believe. We shall overcome some day“

Ein unwillkommener Nationalschatz

Im Herbst 2016 erhielt Ramin Alhaj einen Brief von Präsident Obama. Darin wurde der Oud Spieler mit einem Preis der „National Endowment for the Arts“ ausgezeichnet. „Ich wurde in dem Brief als „living treasure“ beschrieben…zwei Monate später war ich hier nicht mehr willkommen“. Ramin Alhaj lachte im Gespräch darüber, als ich mit ihm im vergangenen Jahr über seine Platte „Letters from Iraq“ sprach. „Der erste Präsident sagt, danke Dir Rahim für Dein wunderbares Geschenk, Du bereicherst unser Land hier. Und zwei Monate später bin ich hier nicht mehr willkommen.“

„Good Times“ von Immigrant zu Immigrant. Ich musste den unwillkommenen lebenden Schatz Rahim Alhaj einfach in San Francisco treffen.

Rahim Alhaj stammt aus dem Irak und lebt schon seit vielen Jahren in New Mexcio. Er ist einer der besten Oud Spieler, jenes traditionelle Instrument aus dem vorderen Orient, auch bekannt als Kurzhalslaute. Alhaj ist ein Zauberer auf diesen Saiten, das hat er am Samstag in gleich zwei Konzerten im Jazz Center von San Francisco bewiesen. Lieder zwischen „Fun“ und „Tragedy“, wie er es beschrieb. Gefühlvoll, ergreifend, nahegehend. Rahim Alhaj öffnet mit seiner Oud eine ganz andere Klangwelt, lässt die Zeit stillstehen, lädt die Hörer auf eine Reise ein.

Seine Lieder drehen sich um das, was er gesehen, erlebt und berichtet bekommen hat. „Letters from Iraq“ ist das Album, auf dem er Briefe aus seiner alten Heimat vertonte, Lieder aus dem Leben in einem tief erschütterten Land. Zwischen Spass und Tragödie, Geschichten, die das Leben erzählt. Und Rahim Alhaj berichtet mit den Saiten seiner Oud, schafft Nähe und Zugang zu einer Kultur, die trotz all der Schlagzeilen der letzten 17 Jahre so unbekannt ist. Ein wundervolles, tragendes und dennoch unterhaltsames Konzert eines Ausnahmemusikers. Im Herbst wird Alhaj auch nach Deutschland und Europa kommen, man sollte ihn nicht verpassen. Es ist ein außergewöhnliches Ereignis, ihn auf der Bühne zu sehen, zu hören, zu erleben.

Es ist nicht alles Trump in den YOU-ESS-AI

Donald Trump hier, Donald Trump dort. Über die Sommermonate hatte ich für einen öffentlich-rechtlichen Sender die Korrespendentenstelle übernommen. Wochenlang hieß es nur Trump, Trump, Trump, Trump, Trump. Am Ende wusste ich schon gar nicht mehr, was ich noch über den 45. Präsidenten der USA sagen sollte. Ruhige Wochenenden gab es fast nie, denn im Weißen Haus hat man die Angewohnheit am Freitagnachmittag wichtige Personalentscheidungen zu treffen. weiter lesen

Die Welt hören

Die UNESCO Musiksammlung     

Ein Beitrag über die UNESCO Musiksammlung

Kurdische Musik ist Teil der UNESCO Sammlung.

Kurdische Musik ist Teil der UNESCO Sammlung.

Gestern lag mal wieder ein Paket vor meiner Tür. Darin eine weitere Lieferung der monumentalen Serie „UNESCO Collection of Traditional Music„, neu veröffentlicht vom Smithsonian Folkways Label. Eine grandiose Klangreise rund um den Globus. Diesmal geht es an über 40 Schauplätze. Wenn man diesen Schatz an Musik hebt, wenn man sich öffnet für teils sehr fremde Kulturen, Sprachen, Instrumente, Melodien, dann merkt man, dass uns alle eigentlich die Musik verbindet. Was hier in Liedern ausgedrückt wird ist einzigartig schön. Auch wenn ich keinen blassen Schimmer von dem habe, was die Musiker vom südpazifischen Inselstaat Vanuatu singen, oder um was es sich in den Aufnahmen der afghanischen Musik in der Zeit des Bürgerkrieges von 1979 – 2001 dreht, oder was die japanischen Trommler da schreien, oder was die kurdischen Tamburaspieler in ihrem Stück umschreiben möchten. Es ist einfach eine musikalische Weltreise voller Emotionen, Bildern, Klangkreationen.

Auch Musik aus Vanuatu findet man in der Sammlung.

Auch Musik aus Vanuatu findet man in der Sammlung.

Hier spielen hervorragende Musiker, die einen tief in ihren Kulturkreis ziehen neben Laien, die einfach nur ihre traditionellen Lieder aufzeichnen wollten. Da wird falsch geatmet, da wird manchmal der Ton nicht richtig getroffen, da stimmt die Mikrofonierung nicht, und doch, es sind geschichtliche Dokumente, die man in dieser Sammlung zu hören bekommt. Diese Lieder waren nie in den Charts, werden auch nicht in den Superstarfernsehprogrammen nachgesungen, im Radio werden sie wahrscheinlich auch nicht gespielt werden.

Doch was die UNESCO hier in Jahrzehnten an Musik gesammelt hat und nun neu auf Folkways Recordings veröffentlicht wurde, ist weitaus mehr als nur eine beeindruckende Sammlung fürs Archiv. Hier hört man die Welt in einer Sprache, die wir alle verstehen sollten, die uns verbindet; Musik. Als Hörer dieser Klangsammlung ist man gefordert hinzuhören, denn es ist oftmals nicht eingängig, es ist sperrig, fremdartig in vielerlei Hinsicht. Doch ich finde, der Aufwand lohnt sich, sich die Zeit zu nehmen, sich auf das einzulassen, was man hier hört und erfährt. Ich weiß, ich wiederhole mich und muß es dennoch erneut ganz deutlich sagen, die „UNESCO Collection of Traditional Music“ ist eine einzigartige Musiksammlung, die man hören sollte.

 

„Shortcut to Europe“

Das war wieder der Titel der diesjährigen „Tag der offenen Tür“-Veranstaltung in Washington DC. Alle Botschaften der EU Länder waren dabei, präsentierten sich…wie? Das kann ich nicht genau sagen, denn ich war ja nur auf dem Gelände der deutschen Botschaft und habe dort fast sieben Stunden aufgelegt. Eine bunte Mischung „Music made in Germany“. Und das reichte von Hans Albers bis Rammstein…und ja, das waren Wünsche. Aber auch Bushido, Peter Fox und etliche Independent Bands wie Luxuslärm oder Kira waren angesagt. Zeitweise wurde es etwas windig, doch das Wetter hielt und tausende von Menschen strömten auf das Botschaftsgelände. Eine gelungene Veranstaltung, die Deutschland sicherlich gut darstellte.

Deutsche Platte bei FolkwaysAm Tag zuvor war ich noch auf der Suche nach deutschen Spuren im riesigen Musik- und Tonarchiv des gemeinnützigen Plattenlabels „Smithsonian Folkways“. Ein wahrer Schatz von Aufnahmen steht da dem Hörer und Interessierten zur Verfügung, und alles ist nach wie vor erhältlich. Folkways ist bekannt für seine Roots-Musik Veröffentlichungen. Woody Guthrie, Pete Seeger, aber auch Protest- undKampfsongs aus Angola, Irland, Südafrika. Und man findet zum Teil sehr skurile Alben mit deutschen Hintergrund. So z.B. die Befragung von Bertold Brecht vor dem US Kongress in der McCarthy Ära, als Kommunisten im Land und vor allem in Hollywood gejagt wurden. Eine faszinierende ethnomusikalische Platte aus dem ethnologischen Museum in Berlin. Biermann Aufnahmen sind dort genauso zu finden wie Bierhallenlieder und Märsche. Im Archiv von Folkways ist die Zeit stehen geblieben, ein wahrer Schatz für Hörer.

Washington DC ist eine beeindruckende Stadt, die ich an den Abenden noch zu Fuss erkundet habe. Vorbei am Verfassungsgericht, zum Kongress, das Vietnam Memorial, die Mall, das Lincoln Memorial, das Weisse Haus, Dupont Circle nach Georgetown und vorbei an den Dutzenden von Botschaften aus aller Welt. Man läuft sich hier die Füsse platt, aber das auf eine sehr interessante Art. DC ist auf alle Fälle eine Reise wert.