Die blauen Kraniche sind müde

Fluggastinformation am Lufthansa Schalter in San Francisco.

Fluggastinformation am Lufthansa Schalter in San Francisco.

Wow, ich darf fliegen, zumindest einen Teil der Strecke. Der Flieger von San Francisco nach Frankfurt erhebt sich heute in die Lüfte, doch morgen muß ich von Frankfurt nach Nürnberg anders weiterkommen. Aber ich sollte ja dankbar sein, dass ich überhaupt über den großen Teich komme. Andere hängen fest. Doch es ist nicht das erste mal, dass ich vom Streik deutscher Piloten betroffen bin. Diesmal zumindest kann ich es gelassener angehen. Keine Termine warten, auch ein Weiterflug in andere Regionen steht nicht an.

Allerdings ist die Informationspolitik der Lufthansa eine Katastrophe. Die Webseite funktionierte am Morgen ewig nicht, wegen „Wartungsarbeiten“ sollte man später wiederkommen. Entweder dummes „Timing“ oder aber ihnen fiel nichts anderes ein, was man den genervten Passagieren mitteilen sollte. Auch der Versuch telefonisch mit der LH Vertretung in den USA in Kontakt zu treten scheiterte. „All lines are busy, please call back later“.

Na denn, nun warte ich mal, was da noch passiert, hoffe, ich erwische morgen gleich einen Zug in Frankfurt und komme irgendwann im Frankenland an. Schöne Aussichten.

Hier schraubt der Pilot noch selbst

San Francisco – Kigali…lange Strecke, die man auch noch länger machen kann. Der Doppeldecker von Lufthansa kommt zu spät in SFO los, ein Gerenne dann in Frankfurt, um von einem Ende des Flughafens zum anderen zu kommen. Der Frankfurter Airport ist einfach eine Katastrophe. Aber ich kriege noch die Maschine nach Addis Abeba. Nur beim Buchen war mir nicht klar, dass wir auch noch in Khartum im Sudan zwischenlanden. Auch schön….und kaum unten in der sudanesischen Hauptstadt kam Habub, ein für den Sudan typischer rötlicher Sandsturm. Also saßen wir da auf der Landebahn und warteten und warteten und warteten, bis der Pilot wieder 250 Meter weit sehen konnte.

Weiter ging es nach Addis Abeba in Äthiopien. Aufgrund der Verspätung wieder durchs Flughafengebäude gerannt. Mit einem Bus sollte ich dann zur Maschine gebracht werden, doch der Fahrer wußte nicht so recht, wo das Flugzeug parkte. Also verfuhren wir uns gleich mehrmals auf dem Gelände. Auch schön…doch schließlich sass ich in einem abgeranzten und sichtlich abgeflogenen Flieger der Ethiopian Airlines Richtung Ruanda…und es ging nicht direkt nach Kigali, sondern erst einmal ins ugandische Entebbe. Auch das hatte ich bei der Buchung übersehen. Und dort wartete ich wieder eine Stunde im durchgesessenen Sitz.

Schließlich schmiss der Pilot die Propeller an und rollte Richtung Startbahn. Doch dann drehte er ab, fuhr ein bißchen durch die Nacht am Flughafen und hielt irgendwo und mittendrin an. Motoren aus. „Wir haben ein kleines technisches Problem“. Und um die Passagiere richtig zu beruhigen, kam der Pilot mit einem Schraubenzieher aus dem Cockpit und begann da vorne rumzuschrauben. Doch das half nichts, die blinkende Warnleuchte im Cockpit wollte einfach keine Ruhe geben. Also ging er nach hinten und holte von dort einen Laptop auf dem er – kein Witz – das „Fault Isolation Manual“ öffnete, also die Anleitung zur Problemlösung für diese Maschine. Motoren an, Motoren aus, Motoren an, Motoren aus, rumgefummele, der Schraubenzieher wurde auch wieder eingesetzt…und nach einer Stunde, mitten in der Nacht, ging es dann weiter Richtung Kigali. Sicher und ohne Störungen setzte der Flieger auf….alles klar, bis auf mein fehlendes Gepäck, doch nach rund 32 Stunden unterwegs, ist einem auch das in dem Moment völlig egal.

Tondokumente Auschwitz

Ich höre viele CDs, zwangsläufig für meine verschiedenen Musiksendungen. Vor etlichen Jahren habe ich damit angefangen geschichtliche Aufnahmen zu sammeln. Reden, Interviews, Zeitdokumente. Nun bin ich erneut an eine Veröffentlichung gekommen, die außerordentlich ist, die man erwähnen sollte, gerade im Zeitalter der jetzt-und-gleich Medien.

Vom CD Cover schaut ein Mann, der vom Aussehen her auch bei Loriot hätte auftreten können. Er sieht aus wie ein Beamter, gründlich, genau, pünktlich. Doch der Mann auf dem Bild ist der Hörfunkjournalist Axel Eggebrecht, Schriftsteller, Drehbuchautor und in den 20er Jahren Mitarbeiter der „Weltbühne“. Er berichtete im Auftrag des NDR als einziger Radioreporter vom ersten Auschwitzprozess, der zwischen 1963 und 1965 in Frankfurt am Main stattfand. Eggebrecht sollte für die Hörer den Ablauf beschreiben und auch das kommentieren, was er beobachtete, hörte, miterlebte. Es war kein Gebelle, wie das heute üblich ist, kein ganz nah dran sein um jeden Preis, keine Offenlegung der intimsten Details. Ganz im Gegenteil, mit feinem Strich und einer ganz bewußten, sensiblen und verantwortungsvollen Wortwahl ließ Eggebrecht die Zuhörer am Radio an diesem Prozess teilnehmen. Noch nicht mal 20 Jahre nach Kriegsende versuchte dieser Journalist Auschwitz für die Deutschen zu beschreiben. Jenes Auschwitz, dass einfach verdrängt wurde, weggeschoben wurde, vergessen werden sollte. Ein schier unmögliches Unterfangen, doch Axel Eggebrecht hat mit seiner Berichterstattung etwas besonderes erreicht. Er hat mit „seiner Reise in die Vergangenheit“ nicht nur beeindruckend von diesem Prozeß berichtet, er hat auch eine Zustandsbeschreibung der noch jungen Republik geliefert. Für mich ist dies ein Meisterwerk des deutschen Journalismus.

Das deutsche Rundfunkarchiv hat Auszüge aus dieser Berichterstattung veröffentlicht. „Aufklärung statt Bewältigung“ wurde diese CD genannt, die gerade mal 7,50 Euro kostet. Fast 70 Minuten lang taucht man ein in die deutsche Geschichte, hört von Pflichtbewußtsein, Verdrängung, Verantwortung, Geschichtsaufarbeitung. Und am Schluß merkt man, diese Aufnahmen sind zeitlos, aktuell und sollten gehört werden.

Komm ich heim ins Frankenland

Seit fast 15 Jahren pendele ich hin und her. Von der amerikanischen Westküste ins Frankenland. Da läppern sich viele Flugmeilen, schlechtes Airline Essen, genervte und nervige Stewardessen (Pardon Flugbegleiterinnen), eingeschlafene Beine, angestoßene Knie, übervolle Toiletten, verschwundene Koffer und und und aneinander.

Reisen war mal schön, damals 1987, mein erster USA Trip mit meinem Bruder. PanAm gab uns einfach ein Upgrade in die Business Class. Kein Ding. Und heute läuft man bettelnd einer großen deutschen Airline hinterher, damit die endlich mal die angesammelten Meilen für Freiflug oder Upgrade anerkennen. Doch „Blackout Days“ und keine Plätze frei trotz A380 lassen das Konto anwachsen und damit auch den Frust.

Aber so eine Reise nach Deutschland beschert einem auch immer wieder einen schönen Blick von außen auf uns Deutsche. Und vieles stimmt leider, was es da an Vorurteilen gibt. Ernst und sachlich, genervt und weinerlich, übergenau und erstmal abweisend, kühl und…alles in allem sehr unterhaltsam. Gerade die Heulerei klingt einem gleich ins Ohr. Wenn man Deutschen so zuhört meint man immer gleich, die Welt ist schon lange zwischen Flensburg und Garmisch untergegangen. Ein Geheule ist das. Das Wehklagen erinnert manchmal an so ein windiges Holzhäuschen, der Wind pfeift durchs Gebälk, es zieht, aber irgendwie fühlt man sich doch wohlig und angenehm…heimelig eben.  Das Genöle gehört einfach zu Deutschland, eigentlich sollte man die Nationalhymne fortan in so einer weinerlichen Stimme vortragen, das wäre dann passend. Alles ist ja sowieso woanders immer besser.

Zum Beispiel die ältere Frau aus Köln. Die saß schon da, als ich in Frankfurt Airport Richtung Nürnberg Hauptbahnhof einstieg. Nennen wir sie mal Frau Konopka. Frau Konopka unterhielt sich mit einer 38jährigen Lesbe im Rollstuhl aus Wuppertal. Nein, das habe ich jetzt nicht erfunden, die Frau hat das tatsächlich so gesagt. Also, die beiden unterhalten sich über dies und das, sehr laut, der gesamte Wagen wird unterhalten und muß notgedrungen zuhören, wobei Frau Konopka eigentlich nur Monologe führte. Vom Kaffee, vom Bahnreisen, von dem Dingens aus dem Kölner Vorort (“Ach, den kennen Sie auch?”), von ihrem Sohn und Neffen, also bei ihr merkte man, woher der Spruch „Gott und die Welt“ herkam.

Irgendwann war ich auf einmal auch Teil des Gesprächs. Fragen, woher, wohin, weshalb….Ach ja, in Amerika ist alles besser, dort heben sogar alte Frauen im Park den Müll auf. Hat sie gesehen, die Frau Konopka. Sowas müßte es auch bei uns geben. Viel sauberer ist es da in den USA. Mein Einwand, dass das ja nun so auch nicht sei, wischt sie lapidar mit einer Handbewegung vom kleinen DB-Tischchen. Ich hätte ja keine Ahnung. Sie sei ja 1990 für zwei Wochen in New Jersey gewesen und habe das selbst gesehen. Auch mein erneutes Nachhaken, dass ich bereits seit 1987 die USA bereise, seit15 Jahren dort lebe und mittlerweile so 40 Bundesstaaten besucht habe, läßt sie nicht gelten. Vielleicht „da“ in San Francisco sei das so, rüffelt sie mich, aber in New Jersey…ja, da könnten sich die Deutschen noch was von abschneiden.

Zwei Stunden neben Frau Konopka sind denn auch genug, gerade nach einem Transatlantikflug mit neun Stunden Zeitverschiebung, da dreht sich dann alles. Aber, ich gebe es auch zu, es ist unterhaltsam. Nürnberg Hauptbahnhof kommt näher. Die Wuppertalerin macht sich dann noch mal auf zur Behindertentoilette und kommt ewig nicht zurück. Als sie dann doch schließlich wieder angerollt kommt, meint sie, jemand hätte im Klo auf die Brille gepieselt. Sie hatte sich beschweren wollen, doch der Obersepp der Bundesbahnzugbegleiter war beschäftigt. Genau in dem Moment kam der Herr wichtige Oberbahnbegleiter dann doch. Der fragte etwas wichtig nach, ob die Frau noch auf die Toilette müsse, wenn ja, dann müsste sie am nächsten Bahnhof Nürnberg aussteigen, dort dem Bedürfnis nachgehen und auf den nächsten Zug warten (!). Hallooooo!!!! Haben die keine Lappen an Bord oder können die nicht mal die Zentrale anrufen, dass da kurz mal am nächsten Halt eine Bundesbahnausgebildete Reinemachspezialkraft die Toilette  säubert. Toller Service!….Bahn + Frau Konopka und die vielen genervten Blicke der Reisenden heißen mich in der alten Heimat willkommen. Ein guter Start! Mit Sicherheit  kann es nur besser werden!

 

Auch schön!

Nun wird das Fliegen ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten noch schöner und angenehmer und nicht zu vergessen noch bequemer. Weil ein sprichwörtlicher Knaller mit dem Feuer spielt flippen nun alle aus. Sicherheit hin oder her, es macht für mich keinen Sinn, dass man nun als Passagier eine Stunde vor Landung nicht mehr aus seinem Sitz aufstehen, sich nichts mehr aus seiner mitgeführten Tasche nehmen und nichts im Schoss liegen haben darf. Also jemand mit Blasenschwäche oder mit einem schwachen Magen oder jemand, der sich noch kurz vor Landung die Zähne putzen und die Haare kämmen möchte wird von nun an als Cousin dritten Grades von Osama bin Laden angesehen. Mal ganz abgesehen von den strengeren Kontrollen an den Flughäfen…das wird eine Fummelei geben.

Ich habe so das dumme Gefühl, dass irgendwelche bärtigen Terrornetzwerkkommandanten keine Ahnung mehr haben, wie sie westlichen Nationen eins auswischen können. Von daher schicken sie einfach solche Haubentaucher, dumm wie Brot, wie den Schuhbomber Richard Reid oder nun Umar Farouk Abdulmutallab ins Feld, um mit Minimaleinsatz extremen Schaden anzurichten. Und das haben sie erreicht. Die Ticketpreise werden aufgrund der erhöhten Sicherheitsbestimmungen steigen, die Leute mehr angenervt sein und das Misstrauen gegenüber seinem Sitznachbarn wird nur verstärkt. Fliegen macht keinen Spass mehr…wo sind die Zeiten geblieben, als Peter Sellers noch für TWA warb…ach ja, Peter Sellers ist schon fast 30 Jahre tot und auch TWA fliegt seit 2001 nicht mehr am amerikanischen Himmel herum.

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Die Koffer sind gepackt

Heute geht es los. Um 14.30 mit der LH-Frankfurt Maschine von San Francisco aus. Von dort dann mit dem Auto weiter nach Nürnberg, ein paar Tage bei meiner Familie und dann am Dienstagmorgen ab Köln Richtung Usbekistan und weiter nach Afghanistan. Ich bin schon sehr gespannt.

Gestern kam von der Einsatzführung in Potsdam die Flugbestätigung mit einigen Sicherheits- und Gepäckhinweisen. Im grossen und ganzen habe ich alles eingepackt. Einziges Problem wird sein, dass ich mir die Kniekehlen abfrieren werde, denn nach 12 Jahren Kalifornien hat sich mein Körper doch etwas umgestellt. In Nürnberg war ich eingefleischter Fahrradfahrer und bei Wind und Wetter unterwegs. Die Krönung war mal, als ich im Tiefwinter morgens um 4 zum Dienst ins Funkhaus trampelte. Ich wohnte damals am Jakobsplatz, auf dem Rücken mein Rucksack mit Thermoskanne…und am Stadtpark kam ich auf Glatteis, rutschte weg, landete auf dem Rücken und die Kanne brach. Total mit Kaffee bekleckert, fluchend und nass kam ich im Funkhaus in der Senefelderstrasse an. Mein Kollege Rainer Knape, bekannt für seinen trockenen Humor, meinte nur, „wo kommst du denn her?“ Egal…was ich eigentlich sagen wollte, ich werde frieren 🙂 Bei bis zu Minus 30 Grad auch kein Wunder.

Wenn es geht, werde ich mich mal hier aus Afghanistan einloggen und von meinen Eindrücken schreiben. Und falls wir das nicht gehen sollte, dann wünsche ich schon mal allen Leserinnen und Lesern ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest…