Eine ganz schwierige Reise

somaliaIn den USA herrscht der Wahlkampf und ich mach mich von dannen. Na ja, nicht ganz, also, es geht nicht an den Strand oder in den Urlaub. Ich sitze am Flughafen in Frankfurt und warte auf meinen Flieger, der mich nach Addis Abeba und von dort weiter nach Somaliland bringt. Eine weitere Reise ans Horn von Afrika steht bevor, diesmal geht es nicht um Flüchtlinge, sondern um ein Thema, das auf vielen verschiedenen Ebenen sehr schwierig werden wird – „Female Genital Mutilation“ oder weibliche Genitalverstümmelung. Dafür habe ich ein Reisestipendium der Stiftung Weltbevölkerung erhalten.

In die Region, in die es mich zieht, sind zwischen 92-98 Prozent der Frauen betroffen, es hängt davon ab, in welchen Landesteil man fährt. In Somaliland, meiner ersten Station, scheint es den Zahlen nach einige erfolreiche Projekte zu geben, die Zahlen konnten dort gesenkt werden. In Puntland ist die Situation ganz anders. Und in South Central Somalia noch einmal anders, sprich schlimmer für Frauen.

Vor Ort werde ich mit Frauen sprechen, Selbsthilfegruppen und Krankenhäuser besuchen, mit religiösen Führern und Regierungsvertretern zusammen treffen. Es soll ein umfangreiches Bild entstehen, das Thema möglichst von vielen Seiten beleuchtet werden. Geschichten sollen erzählt, erfolgreiche Ansätze und Erfahrungen beleuchtet werden Und ja, ich weiß, als Mann, als Mann aus einem westlichen Land, wird es nicht einfach werden. Aber ich werde vor Ort nicht alleine unterwegs sein. Wie auf meiner letzten Reise ans Horn von Afrika, kann ich mich auf lokale Mitarbeiter von CARE „stützen“, die mir über die sprachlichen und die kulturellen Hürden helfen, die mir viele Türen öffnen werden. Und mir vor allem beistehen, den „Gender“ Graben zu überwinden. Die Reise, die vor mir liegt, wird mit Sicherheit eine meiner schwersten sein. Das Thema gibt es vor. Ich bin gespannt und werde an dieser Stelle in den kommenden Tagen berichten.

Der Donald ist los

In der Grand Old Party, der Partei von Lincoln und Reagan, wird man sichtlich nervös. Vieles sieht danach aus, dass Donald Trump der offizielle Kandidat der Republikaner wird. Eigentlich sollte man sich in den Reihen der GOP freuen, Trump hält Wahlkampfauftritte vor tausenden begeisterter „Fans“ ab, bringt Unmengen an neuen Wählern in die Partei, zieht viele erklärte „Independent“ Wähler an, die Fernsehdebatten und -auftritte von Trump bringen Spitzeneinschaltquoten. Alles paletti, oder was?

Nichts ist gut in den Reihen der Republikaner. Hier die Aussicht, endlich und für alle Zeiten die verhasste Hillary Clinton los zu werden. Doch dann ist da der Kandidat Donald Trump, den man sich in den kühnsten Träumen nicht auf dem Chefsessel im Oval Office vorstellen möchte. Für viele Republikaner hat sich diese Wahl zu einem Alptraum entwickelt. All die Kandidaten, auf die man hoffte und setzte, sind aus dem Rennen ausgeschieden. Scott Walker, Rick Perry, Chris Christie, Jeb Bush. Weg. Geblieben sind Ted Cruz und Donald Trump, die Wahl zwischen Pest und Cholera, wie es ein konservativer Kommentator umschrieb.

Donald Trump twitterte dieses Bild an seinen Kontrahenten Ted Cruz.

Donald Trump twitterte dieses Bild an seinen Kontrahenten Ted Cruz.

Doch nicht nur das, Donald Trump verprellt wichtige Wählergruppen. Latinos, Muslime, Homosexuelle, Behinderte und nun auch wieder und verstärkt Frauen. In dieser Woche tauschten Cruz und Trump Seitenhiebe auf die Frauen der beiden Kandidaten aus. Der Höhepunkt war ein Tweet von Trump, in dem er die beiden „First Ladies“ präsentierte. Heidi Cruz kam da erwartungsgemäß nicht gut weg.

In den republikanischen Reihen schlägt man nur noch die Hände über den Kopf. Was hat der Donald nun wieder gemacht? Aber diesmal hat nicht Trump zuerst losgeschlagen, sondern eine politische Gruppe, die sich zum Ziel gesetzt hat, Trump noch im Schlußsprint zu stoppen. Diese SuperPAC hatte ein Bild von Melania Trump aus ihren Modellzeiten veröffentlicht, darauf die langbeinige Schönheit sehr leicht bekleidet und darunter: „Melania Trump. Ihre nächste First Lady. Oder Sie können am Dienstag Ted Cruz unterstützen.“

Trump reagierte, wie man es erwartete und holte zum Tiefschlag aus. Und der saß. Ted Cruz meinte, er habe mit dem getwitterten Bild von Melania Trump nichts zu tun. Glauben kann man das nicht, denn Cruz hat sicherlich in seinem Wahlkampf alle Zügel in der Hand. So eskaliert derzeit erneut die Debatte. Nutznießerin könnte am Ende Hillary Clinton sein, die erste Präsidentschaftskandidatin in den USA. Auch wenn sie nicht direkt von republikanischen Wählerinnen unterstützt werden wird, doch eine Stimmabgabe für Trump werden die Republikanerinnen auch nicht einfach so machen. Wie war das noch mit der Wahl zwischen Pest und Cholera?

Super Bully Sunday?

Heute ist Super Bowl Sunday. In Glendale, Arizona treffen die „New England Patriots“ auf die „Seattle Seahawks“. Es ist das Endspiel im American Football, ein Großereignis, das rund um die Welt übertragen wird. Doch die National Football League (NFL) hat ein Imageproblem. Zu viele ihrer Spieler gerieten in der jüngsten Zeit in die Schlagzeilen. Vergewaltigung, Mord, Schlägereien, Kindes- und Tiermisshandlung, Gewalt gegen Frauen, einige der muskelbepackten Footballspieler schreckten vor nichts zurück. Und die Liga fand meist keine passenden Antworten, zu viel Geld ist im Spiel.

Dieser Clip während des Super Bowls soll zum Nachdenken und Handeln anregen.

Dieser Clip während des Super Bowls soll zum Nachdenken und Handeln anregen.

Seit Jahren geht auch das Gerücht um, dass der „Super Bowl Sunday“ eigentlich der „Super Bully Sunday“ ist. Also, der Tag, an dem gerade Frauen von ihren Lebenspartnern und Ehemännern besonders oft und stark mißhandelt und mißbraucht werden. Die Männer schauen das aggressive Spiel, Adrenalin wird durch den Körper gepumpt, dazu Unmengen an Alkohol, eine fatale Mischung. Doch so ganz läßt sich dieses Gerücht nicht belegen. Tatsache ist, dass es an diesem Tag mehr Zwischenfälle daheim gibt, die Polizei öfters gerufen, die Notfallnummern für mißhandelte Frauen verstärkt gewählt werden. Aber es ist nicht ein so deutlicher Anstieg, wie der Name „Super Bully Sunday“ glauben mag.

Diese Klarstellung ist ganz und gar keine Verharmlosung des eigentlichen Problems. Dazu nur hier eine  Zahl, die alles ausdrückt. Zwischen 2001 und 2012 wurden 6488 amerikanische Soldaten in den Afghanistan und Irakkriegen getötet. Im gleichen Zeitraum wurden in den USA 11766 Frauen von ihrem Ehemann, Lebenspartner oder Ex umgebracht. Gewalt in den eigenen vier Wänden ist also nicht wegzureden, nicht übertrieben, eine Tatsache.

Die National Football League hat an diesem Super Bowl Sunday einen besonders markanten und nahegehenden Werbespot unterstützt und Sendezeit eingeräumt. Das ist beachtlich, wenn man bedenkt, dass Unternehmen für solch eine Sendezeit mehr als vier Millionen Dollar pro 30 Sekunden zahlen. Die NFL weiß, sie muß Zeichen setzen und das tut sie mit diesem Spot, der schon im Vorfeld vielfach beachtet wurde. Man kann nur hoffen, dass es nicht nur bei diesem einminütigen Clip bleibt. Doch die Aussage geht uns alle an „Wenn es schwierig ist zu reden, dann liegt es an uns hinzuhören“

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Die Frauen von Ciudad Juarez

      Die Frauen von Ciudad Juarez

Ciuadad Juarez liegt gleich neben El Paso, Texas. Ein paar Brücken über den Rio Grande verbinden die beiden Städte. So nah wie Nürnberg zu Fürth, und doch trennen die beiden Kommunen Welten. El Paso gilt als eine der sichersten nordamerikanischen Großstädte, Ciuadad Juarez erholt sich gerade von einem der blutigsten Drogenkartellkriege in der Geschichte Mexikos. Seit dem Ausbruch der Schießereien Anfang 2008 wurden weit über 10.000 Menschen in Juarez umgebracht. Es gab Tage, da lagen 25 und mehr Tote auf den Straßen, die Leichenhalle der Polizei platzte aus allen Nähten. Es gab Monate da wurden 300 und mehr Tote gezählt. Es gab Stadtteile, das traute sich die Polizei nicht mehr rein, aus Angst beschossen zu werden, wenn sie eine weitere Leiche abholen wollte. Die Armee patroullierte durch die Stadt, man wusste nie, was hinter der nächsten Ecke auf einen wartete. Das gesamte öffentliche Leben kam zum Stillstand. Ciuadad Juarez glich nach Ausbruch der Dunkelheit einer Geisterstadt.

Tausenden von Toten in einem der blutigsten Drogenkartellkriege, Anarchie auf den Straßen, da interessierte sich kaum noch jemand für die Sicherheit der Frauen von Juarez. Seit den frühen 90er Jahren verschwanden immer wieder, zumeist junge Frauen, spurlos. Manchmal wurden ihre schwer mißhandelten, entstellten und vergewaltigen Körper irgendwo gefunden. In der Wüste, auf einer Müllhalde, in einem Graben. Was genau geschah, wurde nie geklärt.

Der Drogenkartellkrieg in Juarez hat sich gelegt, die Seiten haben sich geklärt. Das Sinaloa Kartell hat den blutigen Krieg um die Drogenwege in den größten Drogenmarkt der Welt, die USA, gewonnen. Im Juli verzeichneten die Behörden „nur noch“ 48 Ermordete. 33 Erschossene, sieben Erschlagene, sechs Erwürgte, zwei Erstochene. Das ist eine gute Meldung in einer Stadt, die schon fast aufgegeben wurde.

Doch die Situation für die Frauen von Juarez hat sich nicht verbessert. Nach wie vor wird von Seiten der Behörden abgewehrt, verschleiert, kaum ermittelt. Der Audiobeitrag (siehe oben) beschreibt, wie man in Ciuadad Juarez seit fast 20 Jahren damit lebt, dass Frauen einfach immer wieder spurlos verschwinden.

Gangland Los Angeles (5)

      Frauen in den Gangs von Los Angeles

Wer an die Gangs in Los Angeles denkt, hat vor allem ein Bild von schwer tätowierten und muskulösen Latinos und Afro-Amerikanern vor sich. Doch die Gangkultur in der kalifornischen Megametropole ist nicht nur männlich geprägt. Es wird geschätzt, dass bis zu 30 Prozent der Gangmitglieder Mädchen und Frauen sind, die zum Teil wichtige Aufgaben in den Strukturen der Banden übernehmen.

Die Präventions- und Interventionsprogramme, die Hilfsangebote für aussteigewillige Gang Mitglieder haben sich auf diese Zusammensetzung ihrer Klientel noch gar nicht eingestellt. Erst langsam geht man daran, die Frauen im Gangland Los Angeles besser zu erreichen. Dazu der fünfte Audiobeitrag in dieser Serie.

„Mommy War“

„Mommy War“. Nein, das ist nicht der neueste Horrorstreifen, in dem sich ägyptische Mumien bekriegen und auch nicht ein Film über wild umeinander prügelnde Hausfrauen auf dem Spielplatz ihrer Kleinen. „Mommy War“ ist amerikanische Politik, das Herzstück des Wahlkampfs. Es geht um die Mütter, um die Frauen, darum, ob der smarte Amtsinhaber mit seinen erneuten Versprechungen mehr auf seine Seite bringen kann, oder ob es der gegelte Herausforderer und frühere Gouverneur schafft, eine sicher geglaubte Wählerbasis der Demokraten anzuzapfen.

Barack Obama organisiert eine Frauenkonferenz und macht den anwesenden Damen dort klar, dass nur er Gleichberechtigung am Arbeitsplatz und in der Bezahlung schaffen kann. Wenn denn der Teufel von der anderen Partei gewählt werden würden, dann, ja dann würden die Frauen wieder zurück an Heim und Herd geschickt werden. KKK, Kirche – Küche – Kinder…. Das ist jetzt übertrieben, aber wenn man den Demokraten so zuhört, dann meint man wirklich, es gehe in diesem Wahlkampf um Fortschritt oder Reaktion. Hier die selbstbewußte und lachende Frau, die gekonnt Karriere und Familie jonglieren kann. Dort das traurige Trutchen mit Kittel und Kopftuch, das artig den Haushalt führt und abends mit den Pantoffeln auf ihren Brotverdiener wartet; „Wie war Dein Tag, Schatz?“.

Aber die Demokraten sind auch bekloppt. Die demokratische Beraterin Hilary Rosen hat sich in einem CNN Interview weit aus dem Fenster gelehnt und auf Angriff geschaltet. Dabei hat sie nicht richtig nachgedacht und mit ihrem Statement eine politische Lawine losgetreten. Eigentlich hat sie ja recht, wenn sie sagt, Ann Romney, die Frau des GOP-Kandidaten, sei sicherlich kein Musterbeispiel für eine Frau, die jeden Tag kämpfen muß. Ann Romney habe nie gearbeitet und konnte problemlos als Mutter daheim bleiben. Ihr Mann ist Supermillionär und mal ganz ehrlich, Ann Romney wird nicht fünf Jungs alleine groß gezogen und den Haushalt im Villenviertel geschmissen haben. Was Rosen sagen wollte, Ann Romney ist privilegiert und sie muß sich neben der Aufgabe als Mutter sicherlich nicht um Rechnungen sorgen machen, darum, dass die Kinder satt werden, zur Schule gehen, eine Zukunft haben, wie es heute viele alleinerziehende amerikanische Mütter tun müssen.

Rosens Kommentar klang allerdings so, und wurde auch so vom politischen Gegner ausgelegt, als ob sie die Aufgabe einer Mutter als banal abtut. Und der Sturm folgte umgehend. Hillary Rosen spreche für die Demokraten, meinten die Republikaner. Hier eine Frauenkonferenz, dort die Rolle der Mutter zu belächeln. Ein Unding sei das, typisch scheinheilige Demokraten. Schnell waren Obamas Leute auf Schadensbegrenzung aus und distanzierten sich von Rosen, die spreche nicht für Barack Obamas Partei. Sogar Michelle Obama twitterte durch die Gegend. Der „Mommy War“ war geboren, der Kampf um die wählende „Soccer Mum“. Die Frauen entscheiden, welcher Mann als nächstes im Weißen Haus sitzen wird.

Politik in Amerika ist schon seltsam. Doch dieser aufgekochte Konflikt zeigt nur, dass die kommenden Monate heftig werden. Der Wahlkampf wird dreckig und brutal, fies und unter der Gürtellinie geführt.

 

Die Frauen von Juarez

Im Frühjahr war ich mit meiner Kollegin Anja Bühling in Ciudad Juarez, um mehr zu erfahren über die Situation von Frauen in dieser nordmexikanischen Grenzstadt. Seit Anfang der 90er Jahre verschwanden Hunderte von Frauen. Dutzende wurden ermordet, vergewaltigt und verstümmelt in der Wüste gefunden, der Großteil der zumeist jungen Frauen blieb jedoch spurlos verschwunden. Keiner weiß, was wirklich geschah und noch immer geschieht. Etliche Theorien kursieren, von Massenmördern über religiöse Sekten bis hin zu Menschenhandel ist die Rede. Die Behörden gehen jedoch nur selten einem Fall nach.

Unser Feature erzählt die Geschichte der verschwundenen Frauen von Juarez und beschreibt die aktuelle Situation. Das Feature wurde auf SWR2 ausgestrahlt:

      Die Frauen von Juarez

Alles sonnig in Juarez

“Woher kommen Sie?”

“Aus Nürnberg”.

“Lieben Sie Ihre Stadt?”

“Ja.”

“Würden Sie sie verteidigen?”

“Ja”

“Genau das mache ich.”

Héctor Murguía ist der neue Bürgermeister von Ciuadad Juarez. Na, nicht ganz. Der 57jährige war schon einmal “Presidente Municipal” von 2004 bis 2007. Danach kam José Reyes Ferriz, dessen Administration als die blutigste in die Annalen der Stadt einging. Kurz nach Ferriz’ Amtsübernahme brach ein blutiger Drogenkartellkrieg aus, der bislang weit über 7000 Menschenleben forderte. Allein im vergangenen Jahr 3111. Und in dieser Zeit wurde der alte zum neuen Bürgermeister gewählt.

Doch für Héctor Murguía ist die Welt in Ordnung. Die schlimmen Meldungen über Juarez? Alles nur Propaganda. Die anderen, so der Bürgermeister, seien nur neidisch auf die vielen neuen Jobs in der Stadt. Deshalb redeten sie Juarez schlecht, um die ansässigen Firmen abzuwerben. Und was ist mit der hohen Mordrate? Morde gibt es überall, sie seien hier nicht mehr als in Mexiko City. Ach ja, und was ist mit den vielen ermordeten, vergewaltigten und entführten Frauen? In Juarez wird sehr viel für Frauen getan. Nirgends sonst würde es so viele Jobs für Frauen geben, wie eben in Juarez. Also, sorgen Sie sich nicht um Ihre Mitarbeiterinnen hier im Rathaus, wenn sie spätabends nach Hause gehen? Nein, wieso denn, die Stadt ist sicher, hier geht man abends aus.

Bei diesem Interview staunte ich nur. Noch vor einem Jahr saß ich in dem gleichen Büro dem Vorgänger José Reyes Ferriz gegenüber, der die Situation ernsthaft, doch nicht übertrieben darstellte und schon gar nicht untertrieb. Er gestand Fehler ein, beschrieb die Probleme und zeigte auch Lösungen auf.

Und nun der Nachfolger, der breitbeinig und mit etwas Überheblichkeit vor rund zwei Dutzend (!) Selbstportraits sitzt und vom schönsten Ort der Welt redet. Nach solch einem Gespräch läuft man durch die Straßen der Stadt, vorbei an den verfallenden Häusern, den vernagelten Ladenfronten, denkt noch mal an die Interviews vor einem Jahr, an die vielen Artikel und Bücher, die man in der Zwischenzeit gelesen hat und fragt sich, auf welchem Planeten dieser Héctor Murguía lebt…jedenfalls nicht in Juarez.

Back to Juarez

Am Dienstag geht es wieder nach Ciudad Juarez, der mexikanischen Grenzstadt zu El Paso. Hunderte von Frauen wurden dort seit den 90er Jahren entführt, ermordet, verschwanden einfach spurlos von der Bildfläche. Ein Thema, das aufgrund des andauernden Drogenkrieges mit alleine 3111 Morden im vergangenen Jahr nahezu in den Hintergrund geraten ist, doch nicht vergessen werden sollte. An dieser Stelle und in der Printausgabe der NZ werden Sie schon bald mehr darüber lesen können.

      Besuch in Ciudad Juarez

Alltag in Juarez

Wenn man von El Paso über die Brücke nach Juarez läuft, kommt man auf eine Strasse, die noch bis vor kurzem eine Partymeile war. Restaurants, Bars, Souvenirläden liegen nebeneinander. Doch heute stehen rund 60 Prozent davon leer. Vom einst boomenden Juarez ist nicht mehr viel zu spüren und zu sehen. Amerikaner kommen schon lange nicht mehr. Die Schreckensmeldungen von tieffliegenden Kugeln, von um sich schiessenden Gang Mitgliedern und Kidnappings hat alle abgeschreckt. Als fast einziger  „Weisser“ laufe ich an diesem Morgen die Strasse runter Richtung Kathedrale. Immer mal wieder wird man angequatscht, ob man ein Taxi brauche oder nicht irgendwas kaufen möchte, aber keiner geht einen direkt an.

juarez3An diesem sonnigen Morgen fallen mir vor allem die Poster auf, die überall hängen. Darauf zumeist junge Frauen, die spurlos verschwunden sind. Schon seit Jahren ist das so. Mädchen und Frauen sind einfach weg. Hunderte. Und keiner weiss, was aus ihnen geschehen ist. Einige nehmen an, dahinter stecken ein paar Busfahrer, die die letzten Fahrgäste, wenn sie nur noch alleine im Bus sitzen, hinaus in die Wüste fahren. Niemand kommt von dort zurück. Andere vermuten reiche Familien, die junge Mädchen zu ihrem Spass entführen lassen. Auch die Polizei und das Militär stehen im Verruf. Doch was genau mit den Frauen geschah und noch immer geschieht, weiss bis heute niemand. Und das Problem ist nur noch ein Randproblem in einer Stadt, die mit einer Mordwelle zu kämpfen hat. Rund 100 sind es schon in diesem Jahr. Das ist die offizielle Zahl. Einige tausend sind es in den vergangenen zwei Jahren geworden.

juarez2Die Tageszeitung „PM“ in Juarez berichtet Tag für Tag über die Horrormeldungen des Vortages. Und das mit den brutalsten Bildern, die man schiessen kann. Die Photographen der Zeitung halten drauf, um so blutiger um so besser. Von jeder Titelseite tropft fast das Blut eines Opfers. Juarez ist in einer Spirale der Gewalt gefangen. Man lebt hier mit der Gewalt. Irgendwie hat man sich damit abgefunden. Gewalt ist, wie im Fall von „PM“, ein stückweit die tägliche Droge geworden. Nicht genug, dass es passiert, man muss es auch sehen, man will am Gemetzel teilhaben.

Im Zentrum ist irgendwie die heile Welt. Die Einkaufsstrasse ist gut besucht. Laute Musik, so laute Musik wie auf einem Jahrmarkt plärrt einem aus jedem Geschäft entgegen. Und dann, als ich mich zu einem längeren Fussmarsch Richtung Diözese aufmachte, weg von Downtown, da wurde mir doch ein bisschen mulmig. Auf einmal war ich ganz alleine in einer Seitenstrasse unterwegs. Keiner mehr weit und breit zu sehen. Etwas erleichtert bog ich dann doch wieder auf die Hauptstrasse ein. Man macht sich wirklich selbst verrückt an so einem Ort.

Morgen früh geht es mit der amerikanischen „Border Patrol“ auf eine Streife. Danach wieder rüber nach Juarez. Am Abend soll mich die dortige Polizei mitnehmen. Ich bin gespannt, was ich zu sehen bekomme.