Oakland und sein „Black Panther“

Das „Grand Lake Theatre“ in Oakland ist das älteste Kino de Stadt. 1929 wurde es eröffnet und ist zu einem Wahrzeichen der Stadt in der East Bay geworden. Schon von weitem kann man den gewaltigen Namenszug auf dem Dach des Filmtheaters sehen.

Der 31jährige Filmemacher Ryan Coogler, wählte das „Grand Lake Theatre“ für die Premiere seines neuesten Streifens „Black Panther“. Zuvor schon hatte er seinen Film „Fruitvale Station“ über den Tod von Oscar Grant hier erfolgreich gezeigt. Coogler ist eng mit Oakland verbunden, wuchs hier und in der East Bay auf, ging zur Schule, machte hier seine ersten Schritte im Filmbusiness. Schon früh wurde sein Talent entdeckt.

Und nun der Mega Millionen Blockbuster „Black Panther“. Allein am Eröffnungswochenende spielte der Film über 242 Millionen Dollar in den USA ein. Schon im Vorfeld wurde der Streifen als ein Meilenstein im amerikanischen Kino gehypt. Und das nicht ohne Grund, schwarze Superhelden, eine siegreiche, führende schwarze Gesellschaft, ein Film, der die afro-amerikanische Community einte. In den letzten Wochen war ich mehrmals für ein Feature zu Gast in einer afro-amerikanischen Kirche in Berkeley. Und auch hier wurde der Film als wichtiges Zeichen gesehen, angekündigt, dass gleich mehrere Gemeinden das gesamte „Grand Lake Theatre“ für eine Sondervorstellung von „Black Panther“ reserviert hätten. „Einzige Bedingung, kommt in afrikanischer Kleidung, feiert Eure Wurzeln“, meinte Pastor Mike unter dem Jubel der Gemeinde.

Gestern nun habe ich mir den Film angesehen, natürlich im „Grand Lake Theatre“. Der alte Kinosaal mit Stuck an der Decke war vollgepackt. Ein gemischtes Publikum, was für eine Stadt wie Oakland nichts ungewöhnliches ist. Und „Black Panther“ wurde gefeiert, denn der Film beginnt mit einer Szene in Oakland und endet hoffnungsvoll in Oakland. Auch wenn ich kein Fan von Marvel-Comics und Superhelden bin, „Black Panther“ ist ein beeindruckender Film, der zur richtigen Zeit für viele im Land kommt. Und nicht nur für die Schwarzen und Farbigen in den USA.

Gewalt ohne Ende

Gerade lief in Deutschland der Film „Nächster Halt: Fruitvale Station“, der die Geschichte von Oscar Grant erzählt. Grant war in der Neujahrsnacht 2009 auf dem Nachhauseweg in der BART Station Fruitvale von einem BART Polizisten erschossen worden. Dem tödlichen Schuß folgten Ausschreitungen in Oakland und der quasi Freispruch für den Schützen Johannes Mehserle, dem keine Mordabsichten nachgewiesen werden konnten.

Lanedria Grant

Lanedria Grant wurde in Oakland erschossen.

Die Grant Familie kommt allerdings nicht aus den Schlagzeilen. Nun ist die Tante von Oscar Grant vor ihrem Haus in East-Oakland erschossen worden. Die 43jährige Lanedria Grant stand vor dem Haus, als sie von einer Kugel getroffen wurde und noch am Tatort verstarb. Ein 31jähriger Mann, der neben ihr stand, wurde mit schweren Schußverletztungen ins Krankenhaus gebracht. 2012 war Tony Jones, ein Cousin von Oscar Grant, von der Polizei nach einem Raubüberfall angeschossen worden. Er verbüßt derzeit eine Haftstrafe.

Die Gewalt in Oakland ist zum heißen Wahlkampfthema geworden. Im November wird der Bürgermeisterposten neu besetzt. Amtsinhaberin Jean Quan kandidiert erneut und ruht sich auf einier leicht gefallenen Mordrate aus. Tatsache ist jedoch, dass Oakland gefährlicher denn je geworden ist. Anfang der Woche wurde ein Bekannter von mir auf offener Straße und in einer „sicheren“ Gegend von drei jungen Männern mit vorgehaltener Pistole überfallen. Gestern Nacht wurden zwei 20jährige in ihrem Auto von einm bislang Unbekannten angeschossen. Ganz normale Nachrichten in dieser nordkalifornischen Stadt.

„Fruitvale Station“ im deutschen Kino

Ja, was ist das denn? Mit grossem Interesse habe ich die Filmkritik einer „lokalen“ Zeitung zum Spielfilm „Fruitvale Station“ gelesen. Gleich am Anfang kommt der Klopper; Oakland wird lapidar als Vorstadt von San Francisco abgetan. Auch eine Sicht der Dinge. 400.000 Menschen leben in Oakland, in San Francisco sind es 750.000, die Städte grenzen auch nicht aneinander, die Bay Bridge verbindet sie. Oakland als Vorstadt zu bezeichnen ist ungefähr so, als ob man in Artikeln über Fürth nur von der Nürnberger Vorstadt sprechen würde. Aber wenn man in diesem Artikel kein einziges mal Oakland beim Namen nennt, das setzt dem Klopper noch einen Oberklopper drauf. Da schüttelt es mich.

Also, es geht um „Fruitvale Station“, einen Film, der in der Silvesternacht 2008 spielt. Damals wurde der 23jährige, unbewaffnete Oscar Grant auf dem Boden liegend von einem Polizisten der Regionalbahn BART erschossen. Eben in der Haltestelle „Fruitvale“ in Oakland, eine Station vor dem Oakland Coliseum, in dem die Golden State Warriors, die A’s und die Oakland Raiders spielen. Ich war anfangs durchaus skeptisch, ob man einen Film über die tödlichen Schüsse in der Neujahrsnacht 2009 machen kann und machen sollte. Der Regisseur hat sich damit auf sehr dünnes Eis begeben, das wußte er auch. Doch irgendwie hat er diesen Gang gut gemeistert. Das Ergebnis war durchaus überzeugend, gerade weil er Oscar Grant nicht als Helden oder Bürgerrechtler   dargestellt hat. Grant war zur falschen Zeit am falschen Ort. Und er war schwarz, was manchmal noch immer ein „Problem“ in den USA ist.

„Fruitvale Station“ ist eine Independent Produktion, die dennoch viel Unterstützung bekommen hat, gerade weil die Geschichte so wichtig für Oakland und für Schwarze allgemein ist. Oakland ist eine „schwarze“ Stadt. Hier gab es nach den tödlichen Schüssen auf Oscar Grant mehrmals massive Ausschreitungen. Nach dem quasi Freispruch des Bart Polizisten kam es zu Strassenschlachten. Und man rechnete damit, dass dieser Film erneut gewaltsame Proteste nach sich ziehen würde. Doch genau das Gegenteil passierte. Es blieb ruhig. Die Kinosäle waren voll und danach redete man vor den Theatern. Für Oakland und für viele andere afro-amerikanische „Communities“ in den USA war dieser Film der Ausgangspunkt vieler Diskussionen.

Man kann sicherlich diesen Film kritisieren, einiges wirkt platt, anderes ein bißchen weit hergeholt. Allerdings zu schreiben, dass die Preise, die „Fruitvale Station“ bekommen hat lediglich „Solidaritätsbekundungen“ seien, ist ein gewagtes Urteil. Das deutet für mich eher darauf hin, dass man sich nicht so sehr, mit der eigentlichen Geschichte und den Zusammenhängen, die hier ganz offen angesprochen werden, beschäftigt hat. Vielleicht steht es auch nicht so in der Pressemappe des Filmverleihs.