Kein Grund zum Feiern in Oakland

Samstagmorgen ist es wieder passiert. Ein weiterer Mord in Oakland. Ein 27jähriger wurde mit mehreren Schusswunden in den Oakland Hills gefunden. Erschossen wurde er woanders, der Körper wurde einfach in der Nähe einer Autobahnauffahrt abgelegt. Es ist der 76. Mord in diesem Jahr. Und das ist ein Erfolg, im vergangenen Jahr wurden noch 87 Morde in meiner kalifornischen Wahlheimatstadt verbucht.

Crime Scene

Polizei und „City Hall“ gehen seit mehreren Jahren gezielt gegen aktive Gangs in der San Francisco East Bay vor. Damit wurden deutliche Erfolge erzielt. Hinzu kommen Anti-Gewalt Programme wie „Ceasefire“, bei dem Sozialarbeiter, oftmals selbst frühere Gangmitglieder, umgehend nach Schießereien reagieren und Gegengewalt verhindern können.

Noch vor wenigen Jahren lag die Mordrate in Oakland Jahr für Jahr bei 100 und mehr. Als Erfolg wurde gewertet, wenn die Zahl unter 100 blieb. 76 im Jahr 2017 ist sicherlich kein Grund zum Feiern, aber es ist ein deutlicher Einschnitt und ein Erfolg der Bürgermeisterin Libby Schaaf, die 2014 angetreten war, die hohe Mordrate deutlich zu senken. Im kommenden Jahr muss sie sich wieder zur Wahl stellen. Zumindest diese Zahlen zeigen sie auf dem richtigen Weg.

„The most dangerous place in the world“

Ich war in der mexikanische Grenzstadt Ciuadad Juarez zu Fuß unterwegs, als dort im Jahr 3600 Menschen ermordet wurden.

Besuch in Ciudad Juarez     

Mit der Bundeswehr war ich zweimal in Afghanistan. Nach der Landung in Kunduz bekam ich gleich eine kugelsichere Weste und einen Stahlhelm verpasst, im gepanzerten Fahrzeug ging es die kurze Strecke vom Flughafen in die Kaserne der Deutschen. Ich reiste in den Ostkongo, um über die dortige Krise zu berichten, sprach im Rebellengebiet der M23 mit dem Präsidenten, während vor der Tür bewaffnete Soldaten mit Maschinengewehren und Raketenwerfern standen.

Besuch im Ostkongo     

Es ging in den Tschad. Im Süden des Landes herrschte eine Flüchtlingskrise, das Chaos aus der benachbarten Zentralafrikanischen Republik drohte in den Tschad überzuschwappen.

Besuch im Tschad     

Dann ging es nach Somalia, ans Horn von Afrika. Einen funktionierenden Staat gibt es dort nicht mehr, seit 25 Jahren ist das Land gespalten, Teile versinken im Chaos, werden von Terrorgruppen, wie der Al-Shabaab Miliz, tyrannisiert.

Besuch in Somalia     

Ach ja, und hier drüben war ich auch mal in Los Angeles unterwegs, um dort auf Spurensuche nach den Gangs zu gehen, denn LA gilt als die Hauptstadt der Banden und kriminellen Organisationen in den USA.

Besuch in Los Angeles     
Donald Trump redet mal wieder Unsinn. Foto: Reuters.

Donald Trump redet mal wieder Unsinn. Foto: Reuters.

Das sind nur ein paar der „Reiseziele“, die ich in den letzten Jahren angesteuert habe. Waffen, Gewalt, Not und Elend gab es auf all diesen Trips zu sehen. Doch anscheinend hätte ich für den „Nervenkitzel“ gar nicht so weit fahren müssen, denn der angehende republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump erklärte nun in seiner allumfassenden Kenntnis des amerikanischen Alltags in einem Interview mit der New York Times: „There are places in America that are among the most dangerous in the world. You go to places like Oakland, or Ferguson. The crime numbers are worse. Seriously.“ Oakland ist, laut Trump, also vergleichbar mit den Krisenherden dieser Welt.

Was stimmt, meine neue Heimatstadt in Kalifornien hat ein Gewaltproblem. Die FBI Statistik für 2014 belegt, dass es in dem Jahr 6900 Gewaltverbrechen in Oakland gab, darunter 80 Morde. Doch das ist nichts besonderes für die USA. Vergleichbare Städte, wie Miami oder New Orleans, liegen noch darüber. Oakland ist also nicht gefährlicher als andere US Städte.

Die Reaktion in Oakland ließ nicht lange auf sich warten. Bürgermeisterin Libby Schaaf, geboren und aufgewachsen in Oakland und eine erklärte Hillary Clinton Unterstützerin, twitterte und postete diese Nachricht auf facebook: „Let me be clear, regarding @nytimes story, the most dangerous place in America is Donald Trump’s mouth.“ Dazu muß ich glaube ich nichts mehr hinzufügen!

„Another bloody murder, another senseless killing“

Chyemil Pierce, Mutter von drei Kindern, ist das 19. Mordopfer in Oakland.

Chyemil Pierce, Mutter von drei Kindern, ist bereits das 19. Mordopfer in Oakland in diesem Jahr.

Chyemil Pierce war 30 Jahre alt, Mutter von drei Kindern, 9, 7 und 1 Jahr alt. Am Montagnachmittag starb sie im 2800er Block der Chestnut Street in Oakland. Sie hatte nichts mit der Schießerei zu tun, die gerade dort zwischen zwei rivalisierenden Gruppen ausbrach. Als die ersten Kugeln flogen, schrie Chyemil Pierce ihren zwei älteren Kindern zu, sie sollten zum Haus rennen. Die Mutter hatte sie gerade von der Schule abgeholt, den Wagen geparkt. Die Kinder rannten los, um das Haus herum, versteckten sich. Chyemil Pierce wurde von einem Querschläger erwischt und tödlich getroffen. Ein Mann und ein Jugendlicher, die ebenfalls zur falschen Zeit am falschen Ort waren, erlitten Schußverletzungen.

Chyemil Pierce war kein Gang-Mitglied, kümmerte sich um ihre Kinder, schickte sie auf eine „Charter School“, damit sie von Anfang an eine gute Chance im Leben erhalten. Der Einjährige war tagsüber in einer Krippe untergebracht. Pierce arbeitete bei Kaiser Permanente, einem der größten „Health Care Provider“ (Versicherung und Versorgung) im Land.

Der Tatort in Oakland, eine ganz gewöhnliche Wohngegend.

Der Tatort in Oakland, eine ganz gewöhnliche Wohngegend.

Der Tatort ist in West-Oakland, einem jener Stadtviertel, in dem es immer wieder zu bewaffneten Gang Auseinandersetzungen kommt. In jüngster Zeit eskaliert die Gewalt. Waren zuvor noch gezielte Morde gegen andere Gangmitglieder zu beobachten, kommt es nun immer öfters zu offenen Schießereien rivalisierender Banden, bei denen unbeteiligte Dritte verletzt und getötet werden.

Die Schießerei in West-Oakland dauerte an, bis die ersten Sirenen der Polizei zu hören waren. Nur wenige Stunden später kam es vor dem Highland Hospital in Oakland zu einem Schußwechsel. Die Polizei geht davon aus, dass beide Auseinandersetzungen miteinander zusammen hängen und rechnet mit weiterer Gewalt.

Bürgermeisterin Libby Schaaf, die seit Januar im Amt ist, erklärte: „Jedes Leben, das durch sinnlose Waffengewalt genommen wird ist eine Tragödie. Ohne Zweifel leiden die betroffenen Familien, die jemanden verloren haben, unglaubliches Leid. Aber auch unsere Stadt leidet. Wir können nicht voran kommen, wenn unsere Stadt im Belagerungszustand ist. Wir müssen zusammen kommen, um die Gewalt zu beenden.“

Der Mord an Chyemil Pierce ist der 19. in Oakland in diesem Jahr.

 

Die gefährlichen Straßen von Oakland, California

Es ist Anfang März. In Oakland, meiner neuen Heimatstadt, zählt man bereits 18 Morde in diesen ersten paar Wochen des Jahres 2015. Es sieht fast so aus, als ob sich nicht viel zum Vorjahr geändert hat. Die Gewalt eskalierte erneut seit September, als sich zwei rivalisierende Gangs offen bekriegten, ohne Rücksicht auf eigene Verluste und unschuldige Dritte, die einfach zur falschen Zeit am falschen Ort waren.

Doch damit soll nun Schluß sein. In Einzelgesprächen drohte die Polizei Gangmitgliedern ganz offen, dass diese Gangfehde umgehend beendet werden muß, oder man werde hart durchgreifen. Die Gangs fühlten sich unantastbar und eskalierten sogar noch die Gewaltspirale. Gestern nun verhaftete OPD 17 Gangmitglieder in Oakland, Berkeley, San Leandro und Stockton. 20 weitere werden mit Haftbefehl gesucht. Mehrere Schußwaffen wurden sicher gestellt, darunter auch Maschinenpistolen.

Oakland ist eine richtig schöne Stadt.

Oakland ist eine richtig schöne Stadt.

Damit sind zwei berüchtigte Straßenbanden in Oakland erst einmal deutlich geschwächt worden. Die Mitglieder waren nicht nur für Morde verantwortlich, sondern auch für bewaffnete Überfälle, Einbrüche und Autodiebstähle. Bürgermeisterin Libby Schaaf erklärte auf der Pressekonferenz: „Es bereitet uns keine Freude, junge Menschen ins Gefängnis zu schicken. Aber es ist ein notwendiger Teil unserer absoluten Entschlossenheit der bewaffneten Gewalt in Oakland ein Ende zu setzzen.“

Die gestrige Aktion war nur ein erster Teilerfolg der neuen Administration im Rathaus. Ein umfassendes Gewaltpräventionsprogramm ist in Arbeit und soll umgesetzt werden. Und das ist auch bitter nötig. Oakland ist zu einer beliebten Stadt in der San Francisco Bay Area geworden. Die Mieten sind deutlich niedriger als in San Francisco, das Wetter ist deutlich besser als in der Nebelstadt auf der anderen Seite der Bay, und überhaupt Oakland hat sich in den jüngsten Jahren zur Boomtown der Region mit neuen Restaurants, Galerien, Kneipen und den verschiedensten Projekten entwickelt. Die hohe Mord- und Kriminalitätsrate war da und ist noch immer der dicke Klotz am Bein. Es kann also nur besser werden.

 

 

Operation „Project Southbound“

Amerika hat ein Gangproblem. Eigentlich nicht nur eines, denn zahlreiche Kommunen und Regionen in den USA werden von Gangs kontrolliert. Nun gehen die Behörden immer gezielter und geeinter gegen gewaltsame Gruppierungen vor, vor allem jene, die internationale Verbindungen haben. Geleitet werden diese Aktionen von ganz oben, vom Homeland Security Ministerium. Der jüngste Schlag kam im März/April. 638 Gangmitglieder in 179 Städten wurden verhaftet. Seit 2005 sollen bereits 33.000 Gangmitglieder in Haft genommen worden sein.

Die jüngste Aktion, „Project Southbound“, richtete sich gegen die „Surenos“, eine Dachorganisation von Gangs, die enge Verbindungen zu Lateinamerika unterhalten. Allen voran „Mara Salvatrucha“, besser bekannt als“ MS-13″, die rund 10.000 Mitglieder stark sein und eine starke Präsenz im Großraum Los Angeles und der San Francisco Bay Area haben soll. MS-13 wurde in den 80er Jahren in Südkalifornien von Einwanderern aus El Salvador gegründet, die ihre Gang als Schutztruppe für Immigranten aus El Salvador ansahen. Die Kampferfahrungen aus dem dortigen Bürgerkrieg brachten den Mitgliedern jedoch schnell einen Ruf auf den Straßen rund um Los Angeles ein. Mord, Drogen- und Waffenhandel, Zwangsprostitution und Menschenhandel. MS-13 schreckte und schreckt vor nichts zurück. Opfer wurden schon mal mit Macheten zerteilt.

Homeland Security hat seit Jahren die Führung im Kampf gegen die Gangs unternommen, da viele Banden im engen Kontakt mit den mexikansichen Syndikaten stehen und den Drogenkartellkrieg südlich der Grenze in Städte und Gemeinden in den USA verlagern. Der Gangkrieg zwischen Los Angeles und Washington DC ist mittlerweile zur Chefsache geworden, was auch die jüngsten Verhaftungszahlen belegen.

Mordhauptstadt Kaliforniens

[audio:http://blog.nz-online.de/peltner/wp-content/blogs.dir/7/files/2013/03/oakland.mp3|titles=Mordhauptstadt Oakland]

Oakland ist eigentlich eine schöne Stadt. Es gibt mehr Sonne und mehr Grün als in San Francisco, es ist wärmer und nicht so beengt. Und auch kulturell spielt sich hier einiges ab, eine tolle Musikszene, vor allem Jazz, HipHop, Industrial und Experimentell existiert, eine lebendige und vielseitige  Theaterszene hat sich entwickelt, unzählige von Künstlern und Autoren haben in Oakland eine Heimat gefunden.

Und doch, Oakland ist nicht wegen seiner Lebensqualität bekannt, vielmehr macht die Stadt vor allem mit ihrer hohen Kriminalitätsrate Schlagzeilen. Gründe dafür gibt es genug. Der wohl wesentlichste, seit Jahren schon ist die lokale Politik ein Totalausfall.
Zur Situation in Oakland ein aktueller Audiobericht.

Gangland Los Angeles (5)

Frauen in den Gangs von Los Angeles     

Wer an die Gangs in Los Angeles denkt, hat vor allem ein Bild von schwer tätowierten und muskulösen Latinos und Afro-Amerikanern vor sich. Doch die Gangkultur in der kalifornischen Megametropole ist nicht nur männlich geprägt. Es wird geschätzt, dass bis zu 30 Prozent der Gangmitglieder Mädchen und Frauen sind, die zum Teil wichtige Aufgaben in den Strukturen der Banden übernehmen.

Die Präventions- und Interventionsprogramme, die Hilfsangebote für aussteigewillige Gang Mitglieder haben sich auf diese Zusammensetzung ihrer Klientel noch gar nicht eingestellt. Erst langsam geht man daran, die Frauen im Gangland Los Angeles besser zu erreichen. Dazu der fünfte Audiobeitrag in dieser Serie.

Gangland Los Angeles (3)

Gangland Los Angeles     

Jahrzehntelang setzte man in Los Angeles im Kampf gegen die Gangs nur auf die Polizei. Nach den Riots, den Unruhen in Los Angeles im Jahr 1992, stand man jedoch vor einem Scherbenhaufen. Irgendwie ging gar nichts voran. Die Communities mißtrauten der Polizei, die Gangs wuchsen weiter auf mehr als 50.000 Mitglieder, organisiert in Hunderten von Banden. Ganze Stadteile wurden von ihnen kontrolliert.

Mit der Wahl des Bürgermeistern Antonio Villaraigosa änderte sich der Ansatz im Umgang mit den Gangs. Zum ersten mal wurde eine globale Strategie angegangen, die nicht nur auf die Polizeiarbeit setzte. Prävention und Intervention wurden großgeschrieben, wie bei anderen „Public Health“ Ansätzen im Gesundheitswesen. Dazu ein weiterer Audiobeitrag.

Gangland Los Angeles (2)

Besuch bei Homeboy Industries     

Anfang der 90er Jahre glich Los Angeles einer Kriegszone, zumindest in einigen Stadtteilen wurde scharf geschossen. Junge Menschen starben links und rechts, die Mordrate lag bei nahezu 1500 Opfern. Ein Zustand, der Politik, Sozialverbände und Kirchen auf den Plan rief, gemeinsam das Problem der Gang Kriminalität und Gewalt anzugehen.

Father Gregory Boyle, oder Father G. wie er überall in Los Angeles bekannt ist, war damals schon in seiner Gegend aktiv. Er suchte die Nähe zu Gangmitgliedern, zeigte ihnen Respekt, Hoffnung und einen Weg in die Zukunft. Aus anfänglichen Versuchen wuchs „Homeboy Industries„, eine Einrichtung, die neben der Beratung und direkten Hilfe, auch Jobtraining und Tätowierungsentfernung anbietet. Dazu ein Audiobericht, Besuch bei Homeboy Industries.

Gangland Los Angeles (1)

Polizeifahrt in South Central LA     

Los Angeles ist mit 40.000 Gang Mitgliedern „Gang Capital of the world“. Zumindest darauf bildet sich in LA niemand etwas ein, aber Tatsache ist, man hat sich damit abgefunden. Lange Zeit dachte man, man könnte hart durchgreifen, Polizeipräsenz zeigen und die bösen Buben von der Straße weg verhaften und hinter Gitter stecken. Doch das klappte nicht so richtig. Die Gewalt- und Kriminalitätsrate blieben unverändert hoch.

Nun versucht man ganz neue Wege zu gehen, mit Intervention und Prävention…und vor allem dem Eingeständnis, dass man dem Gangproblem nicht Herr werden kann. Gangs gehören zu Los Angeles wie das Hollywood Zeichen hoch droben am Berg. Es geht jetzt vielmehr darum, die Dinge in einem überschaubaren und kontrollierbaren Rahmen zu halten.

Hier der erste Audiobeitrag in einer Serie über die Gangs in Los Angeles.