Almenblutrausch

bisesero1Zweieinhalb Stunden für 30 Kilometer. Von Kibuye am Lake Kivu geht es über eine Holperpiste in die hügelige Landschaft. Vorbei an Ansiedlungen, Feldern und spielenden Kindern. Im ersten, maximal im zweiten Gang geht es voran. Eigentlich ist das die Strasse, die Kibuye mit Cyangugu im Süden des Landes verbindet. Doch Landstrasse ist zu hoch gegriffen, eine steinige Staubpiste umschreibt es besser. Irgendwann geht es von der Hauptstrasse ab.

Hinweisschilder sind so gut wie keine zu finden. Doch es muss hier oben sein. Bisesero heisst das Dorf. Kurvenreich ist die Fahrt. Dann ist man oben, ein himmlischer Anblick. Reisende haben Ruanda einmal als die Schweiz Afrikas bezeichnet. An diesem Ort weiss man warum. Ein Blick wie in den Alpen. Berge und Täler, Felder und im Hintergrund der wunderschöne Lake Kivu. Und dahinter die Berge des Kongos.

Bisesero. Oberhalb dieses Dorfes liegt die nationale Gedenkstätte für den Widerstand gegen den Genozid. Für fast 100 Tage hatten sich im Frühjahr 1994 rund 60.000 Tutsis hier oben auf dem Berg verschanzt und gegen Angreifer verteidigt. Dem einzigen Ort, an dem es einen gezielten Widerstand gegen den Genozid gab. Mit Lanzen vertrieben sie die Hutu Milizen, die mit Macheten ein weiteres Blutbad anrichten wollten. Doch dann brach der Widerstand, als das ruandische Militär eingriff. Die Tutsis konnten sich mit ihren Speeren und ihrem Überlebenswillen nicht länger gegen Gewehre und Handgranaten wehren.

bisesero2Heute erinnert ein Massengrab an Zehntausende von Toten. Am Eingang des Mahnmals steht eine unscheinbare Lagerhalle, so wie sie auch auf jeder Alm stehen könnte. Man vermutet landwirtschaftliches Gerät oder Heuballen. Doch hier ist der Raum mit Schädeln und Knochen gefüllt. Man steht nur fassungslos da. Betroffen, irritiert, fehl am Platz. Man tritt hinaus und sieht diese friedliche Landschaft. Wie konnte das nur passieren?

Mit dem Bau der Gedenkstätte wurde vor zehn Jahren begonnen, doch sie wurde nie fertig gestellt. Der Regierung ging das Geld aus. So bröckelt mittlerweile der Putz ab, die Stufen und Mauern sind angeschlagen. Am Eingang erwartet den Besucher ein Wasserschaden. Besucher? Hierher kommt niemand. Delegationen ist der Weg zu beschwerlich, Kranzniederlegungen in dieser Gegend wären zu zeitaufwendig.

Die Tür ist verrammelt, erst nach wenigen Minuten kommt eine Frau angerannt, die das Auto durch das Dorf fahren sah. Im Gästebuch ist der letzte Besucher mit dem Datum September 2009 zu finden. Die heute 22jährige verdient sich mit den wenigen Führungen ein paar Ruandische Francs dazu. Mit sieben hat sie auf diesem Hügel ihre Eltern verloren. Im Dorf lebt man wieder zusammen, meint sie. Man schaue nicht zurück, man hat vergeben.