Der positive Gangsterrap

Meine Oma hätte sicherlich gesagt: Dat sind doch alles Gangsta im Knast. Stimmt schon irgendwie, alle wurden zu langen Haftstrafen verurteilt. Doch dieser Gangsterrap ist anders. Positiv, mit einer Message, Therapie hinter den dicken Mauern.

Johnny Cash spielte schon dort, genauso wie Metallica, B.B. King und Carlos Santana. San Quentin, das älteste Staatsgefängnis in Kalifornien, hat aber nicht nur musikalische Besucher von draußen bekommen. Hinter den dicken Mauern des einst gefährlichsten Gefängnisses westlich des Mississippis waren auch immer wieder Musiker inhaftiert. Das reicht vom Komponisten Henry Cowell über Jazz Musiker wie Art Pepper, Frank Morgan und Dexter Gordon bis hin zum Country Musiker Merle Haggard. Seit über 25 Jahren beschäftigt ich mich und berichte über San Quentin, nun habe ich David Jassy kennengelernt, einen Musiker aus Schweden, der wegen Mordes zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt wurde, nach San Quentin kam und im Frühjahr begnadigt wurde. Jassy hat nun die “San Quentin Mixtapes” veröffentlicht.

David Jassy erreiche ich per What’s App in Stockholm. Seit März lebt er wieder in seiner Heimatstadt. Er war Mitglied des erfolgreichen schwedischen Hip Hop Duos “Navigators”, er produzierte in Deutschland Songs für die No Angels und Janet Biedermann und war im November 2008 in Los Angeles, um am Album von Britney Spears mitzuarbeiten. Dann passierte es, auf dem Nachhauseweg geriet er mit einem anderen Verkehrsteilnehmer in Streit, er schlug zu, der Mann verstarb an den Folgen. Jassy wurde für einen Mord angeklagt und 2010 zu 15 Jahren bis zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Nach dem LA County Jail kam er erst nach Solano und dann nach San Quentin: „Und ich komme in dieses Gebäude und es war wie aus einem Film. Es war der West Block. Es war verrückt. Leuten liefen durch die Gegend, es schien keine Struktur zu geben, sie liefen die Eisentreppen hoch und runter. Und ich hatte dieses panische Gefühl in mir, lebenslang. Ich dachte mir, wie um alles in der Welt soll ich das überleben. Aber ich hab’s überlebt.“

Der heute 46jährige überlebte es nicht nur, er half vielen anderen im Gefängnis. Er selbst ist schwarz, sein Vater stammt aus Gambia, seine jüdische Mutter floh aus Estland nach Stockholm, wo er geboren wurde. Seine Geschichte stieß auf Interesse, gerade auch, weil viele im kalifornischen Knast nicht wußten, dass es in Schweden auch Schwarze gibt. David Jassy hielt sich fern von den Gangs und den Drogen im Knast, organisierte sein Leben hinter Gittern, konzentrierte sich auf seine Musik und begeisterte damit auch andere um ihn herum. Er schaffte es, einen Synthesizer in seine Zelle geschickt zu bekommen, ein Musikprogramm hinter den dicken Mauern zu starten. In einem Anbau wurde sogar ein kleines Tonstudio eingerichtet.

„
Musik war meine Therapie. Als ich mit dem “San Quentin Mixtape” anfing, wollte ich ein Album mit den Youngsters machen, auf dem sie über ihr Leben und ihren Mühen sprechen, aber ohne obszöne und abfällige Sprache, und doch authentisch. Du kennst San Quentin, Du weißt wie das hier ist, da ist nichts zum Schönreden und es ist auch nicht cool im Gefängnis zu sein. Da aufzuwachen und es jeden Morgen zu bereuen, dass man jemanden umgebracht hat. Ich wollte, dass sie das mitteilen.“

Und genau das kann man in diesen 17 Songs hören, authentische Stimmen, die durch Musik und Rap einen Weg gefunden haben, sich mitzuteilen. Es war nicht leicht, dieses “Mixtape” Album zu realisieren und dann zu veröffentlichen. Als er schon die Zusage hatte, zog ein anderer Beamter die wieder zurück. Doch Jassy gab nicht auf, über bekannte Unterstützer, wie MC Hammer und Kim Kardashian, hörte Kaliforniens Gouverneur Gavin Newsom von dem Projekt und gab scließlich grünes Licht.

In den Texten werden Erfahrungen, Erlebnisse und Gefühle im Leben der Youngsters draußen und hinter Gittern beschrieben. Ein Song sticht für David Jassy ganz besonders heraus, der von Dinero G, einem 19jährigen Mexikaner, der in einer Gang war. Eigentlich, so David Jassy, wären sie im Gefängnisalltag nie zusammen gekommen, aber die Musik brachte sie zusammen. „
Eines Tages kam er ins Studio und er fing an diesen Song zu rappen. Und dabei sagte er “I’m in the same prison as my grandfather”, ich bin im gleichen Gefängnis wie mein Großvater. Und ich stoppte ihn und fragte, was war das. Und er, yeah, ich bin im selben Knast. Nicht nur, dass sein Opa auch in San Quentin war, er war im selben Zellenblock, auf der selben Ebene, nur ein paar Zellen weiter. Und ich, was für eine verrückte Geschichte. Er sprach von diesem Generationentrauma, seine Mutter war gerade 13 als sie mit ihm schwanger war, ihr Vater war in San Quentin und konnte nicht da sein für seine Tochter. Und jetzt ist er im selben Gefängnis und er kann selbst nicht für seine Tochter da sein.“

Nach zehn Jahren in San Quentin, einem der notorischen Gefängnisse in den USA, beginnt nun für David Jassy ein neues Leben, den Kontakt mit seinen “Mixtape” Mitstreitern will er halten und sie von außen unterstützen. Er sagt von sich, er sei ein neuer Mensch: „
Es hat mich in vielen Bereichen verändert. Es hat mich wohl dankbarer gemacht, am Leben zu sein. Ich schätze Dinge nun mehr wert, wieder hier in Stockholm zu sein, ich sehe Sachen in meiner Stadt, die mir nie aufgefallen sind. Ich sehe die Schönheit an Orten, die ich nie beachtet habe…ich bin dankbar zu leben.“

Die „San Quentin Mixtapes“ sind auf allen digitalen Plattformen, wie amazon, iTunes und Spotify zu finden.

Mit Worten und Bildern die Mauern öffnen

Die kalifornische Death Row in San Quentin.

Reno ist einer von vielen. Seit 1980 nennt er eine 1 Meter 40 mal 2 Meter 20 große Zelle sein “Haus”. Manchmal verlässt er sie für Wochen nicht und wenn doch, dann wird er in Handschellen, die an einer Bauchkette angebracht sind, aus seiner Zelle geführt. Reno ist einer von nahezu 750 Todeskandidaten im kalifornischen Staatsgefängnis von San Quentin. Mit 33 Jahren wurde er verhaftet, im Mai dieses Jahres wird er 75 Jahre alt.

Reno hatte lange Zeit einen Weg gefunden, um die brutale Wirklichkeit um ihn herum auszublenden. Er malte. Portraits, doch vor allem Landschaften. Farbenfrohe Bilder in einem grauen Alltag, Fenster in eine Welt, die er nie wieder selbst sehen wird. Seine Matratze legte er auf den Boden und nutzte das Bettgestell als Schreibtisch. So blendete er sich aus, so überlebte er die langen Jahre hinter Gittern. San Quentin liegt direkt an der San Francicso Bay, die Aussicht traumhaft schön. Gegenüber der “Correctional Facilty” liegt die Halbinsel Tiburon, eine Reichengegend, wo einst Steffi Graf und Andre Agassi lebten und wo sich Robin Williams in seinem Haus umbrachte. Dahinter Angel Island, einst ein Internierungslager, heute ein Nationalpark. In der Ferne kann man die Bay Bridge, Oakland und ein paar der Skyscraper von San Francisco sehen. Doch davon sehen die meisten Gefangenen nichts. Nur wenige von ihnen, meist zu lebenslanger Haft Verurteilte mit guter Führung, können außerhalb der Mauern, aber noch im Innenbereich des Gefängnisses arbeiten und einen Blick auf die Bay werfen.

Im Todestrakt, der Death Row, sind die Gefangenen alleine in ihren Zellen untergebracht. Im allgemeinen Strafvollzug, den es auch in San Quentin gibt, sind jeweils zwei Häftlinge auf diesen etwas mehr als drei Quadratmetern untergebracht. Im Todestrakt hofft man deshalb, dass nach dem verkündeten Hinrichtungsstopp von Gouverneur Gavin Newsom, keiner der zum Tode Verurteilten in Zukunft seine Zelle teilen muss. Er lebe seit 40 Jahren alleine, meint Reno. Er könne nicht mehr mit jemandem auf so engem Raum leben, erklärte er vor ein paar Tagen im Besuchsraum von San Quentin.

Mittlerweile malt er nicht mehr. Seine Gelenke, sagt er, Arthrose, die mangelnde Gesundheitsversorgung im Gefängnis, es würde im Winter nie richtig warm werden, im Sommer sei es brütend heiß in den alten Gemäuern von San Quentin. Der Trakt, in dem er untergebracht ist, stammt noch aus den Gründerjahren Mitte des 19. Jahrhunderts. In den “Visiting Room” mit seinen Besucherkäfigen wird er im Rollstuhl gefahren. An den Handgelenken trägt er Bandagen. Um die Handschellen an der Bauchkette gelöst zu bekommen, muss er aus seinem Rollstuhl mühsam aufstehen, durch eine kleine Öffnung im Gitter werden die Schlösser geöffnet, die Kette von einem Wärter herausgezogen.

Im kalifornischen Staatsgefängnis von San Quentin ist die größte Death Row in den USA untergebracht.

Eine kurze Umarmung, “good to see you”, danach gibt es ein Sandwich zu Coca Cola, Popcorn und einen Schokoriegel, die der Besucher vor dem Einschluß aus Automaten kaufen und in einer Mikrowelle aufwärmen kann. Auch diese Besuche sind ein Fenster nach draußen. Anderes Essen, ein anderes Gesicht, ein paar Erzählungen aus der Welt hinter den Mauern. Die meisten auf Death Row und im allgemeinen Strafvollzug von San Quentin erhalten kaum noch Besuch. Sie wurden über die Jahre einfach vergessen. Reno hat früher gerne über seine Bilder gesprochen. Zahlreiche seiner teils farbenfrohen, detailreichen Gemälde wurden sogar in Ausstellungen in den USA, Deutschland und Schweden ausgestellt. Das Malen war für ihn wie das Schaffen eines Fensters in der fensterlosen Zelle. Die fühlbare Enge wurde so einfach erweitert.

In San Quentin findet man hochbegabte und talentierte Gefangene. Das war schon immer so. 1936 wurde der amerikanische Komponist Henry Cowell aufgrund einer “moralischen” Straftat zu 15 Jahren Haft verurteilt. Vier Jahre lang saß er in San Quentin, bevor er eine Begnadigung bekam. Cowell komponierte weiter in San Quentin, die Musik dieser Zeit drückt die Schwere und die Eintönigkeit des Gefängnislebens aus. Er sagte einmal, die Musik habe ihn in San Quentin überleben lassen.

In San Quentin trafen sich in den 40er und 50er Jahren auch die Jazzgrößen Kaliforniens, Musiker wie Art Pepper, Frank Morgan, Dexter Gordon, Dupree Bolton, Earl Anderza, Jimmy Bunn und andere. Meist waren sie, wie auch der Jazzsänger Ed Reed, wegen Drogenkonsums hier gelandet und formten hinter Gittern eine der besten Jazz Combos ihrer Zeit, die gelegentlich bei Feiern und Anlässen des Direktors aufspielten. Sie nutzten diese Freiheit, um in den Klangweiten des Jazz im damals gefährlichsten Gefängnis westlich des Mississippi zu überleben. “Es waren immer großartige Musiker in der Band”, erinnert sich der heute 91jährige Reed. “Der Übungsraum war unter der Turnhalle in diesem alten Backsteingebäude ohne Fundament. Gefängnisdirektor Duffy hatte Instrumente gespendet bekommen und schaffte es, dass eine Instrumentenfirma sie pflegte.” Nur hier San Quentin existierte diese Superband, draußen, nach ihrer Entlassung kamen die Musiker nie wieder zusammen. Es sollen bislang unveröffentlichte Aufnahmen von dieser sagenhaften Band existieren. Tonbänder, die im alten Schulhaus auf dem Gelände von San Quentin in einer Kiste liegen sollen. Gefunden wurden sie bislang nicht, danach gesucht hat wohl bislang auch noch niemand.

Alfredo Santos‘ Wandbild in San Quentin

Im Speisesaal des Gefängnisses sieht man auch eines der beeindruckendsten, doch unbekanntesten Wandbilder der USA. 1953 begann der Häftling Alfredo Santos an seinem Monumentalwerk zu malen, nachdem er einen Wettbewerb hinter Mauern gewonnen hatte. Zwei Jahre lang arbeitete er Tag für Tag an der Geschichte Kaliforniens, detailreich versuchte er sie wiederzugeben, von Indianern bis zum Wirtschaftsboom in den Nachkriegsjahren der frühen 1950er. Auf sechs Wänden, jeweils 30 mal 4 Meter, schuf er ein einzigartiges Wandgemälde, dessen Stil an den mexikanischen Künstler Diego Rivera und die Plakatkunst der 30er und 40er Jahre erinnert. Ein Wandbild aus vielen kleinen Szenen, teils filmisch genau, teils expressionistisch, und alles ist in Brauntönen gehalten. Erst mehr als ein halbes Jahrhundert nach seiner Entlassung konnte Alfredo Santos sein Bild wiedersehen. 2003 durfte er als Besucher das Gefängnis und den normalerweise nicht zugänglichen Speisesaal betreten. In einem Nebensaal spielte auch Johnny Cash am 24. Februar 1969 sein berühmtes Konzert. “San Quentin, you’ve been living hell to me” sang er, und der Jubel der Häftlinge echote von den kahlen Wänden zurück.

San Quentin wird auch die “Bastille by the Bay” genannt, ein Gebäude, dass wie eine alte Festung wirkt. Es ist das älteste Staatsgefängnis im Bundesstaat und dennoch, trotz der alten Gemäuer wollen die Gefangenen hier sein, denn San Quentin ist eines der wenigen Gefängnisse inmitten einer Metropolregion. Mehr als 700 Freiwillige unterhalten Sozial-, Freizeit-, Beschäftigungs- und Bildungsprogramme. Das reicht von einer Uni mit College Abschluss über ein Shakespeare Theater zu einer preisgekrönten Häftlingszeitung, einem Radioprogramm und Yoga Kursen. Insgesamt werden mehr als 70 solcher Programme angeboten, nur wenige allerdings für die “Condemned Inmates”, die zum Tode Verurteilten. Die nutzen das Malprogramm und eine Schreibwerkstatt, um das verarbeiten, was sie erlebt haben und erleben. Und sie nutzen Papier, Stift und Pinsel um den trostlosen Alltag, der sich täglich wiederholt, zu entfliehen. Kurt Michaels ist ebenfalls im “East-Block”, dem Todestrakt untergebracht. “Ich nenne diese Zelle hier lieber meine Betoneigentumswohnung, also mehr wie man sein Zuhause sieht und weniger wie eine Gefängniszelle. Im Laufe der Jahre lernt man, die Gitterstäbe nicht mehr zu sehen, man sieht einfach durch sie hindurch, wenn man nach draussen blickt.”

Der 53jährige ist seit 1990 in San Quentin. Er wirkt im Gespräch wie unter Strom, immer darauf wartend, dass etwas passieren könnte. Kurt Michaels begann in seiner Endstation San Quentin mit dem Schreiben. Gedichte und vor allem Briefe an Freunde, in denen er seine Welt und seine Gedanken anschaulich schildert. Er bittet seine Brieffreunde, ihre Welt genauestens darzustellen, denn diese Briefe werden für ihn zum Fenster in die Freiheit: “Ich korrespondiere mit einigen Leuten in aller Welt. Wenn ihre Briefe hier ankommen, von Australien und anderen Ländern, dann sortiere ich sie nach Gegenden, in die ich dann in diesem Moment reisen möchte. Manchmal sage ich meinen Zellennachbarn, stört mich jetzt nicht, laßt mich in Ruhe. Und dann nehme ich ihre Briefe, öffne sie, einen nach dem anderen, oftmals sind Fotos dabei und sie beschreiben verschiedene Dinge in ihrem Leben, damit ich daran Teil haben kann. Das ist meine mentale Flucht, das ist alles, was wir hier haben.”

94964 ist die Postleitzahl, der Zip Code, von San Quentin.

Ben Aronoff arbeitete über mehrere Jahre als “Corrections Officer”, als Justizbeamter, im Todestrakt von San Quentin. Er beobachtete und bewunderte fasziniert die Kreativität der Häftlinge. “Da erinnere mich an einen Häftling, der durfte aufgrund seines Verhaltens nicht am offiziellen Kunstprogramm teilnehmen. Das störte ihn nicht, er machte sich einen Pinsel aus seinen Haaren. Und er bekam den staatlich zuerkannten Tabak. Heute dürfen sie ja noch nicht mal mehr in ihren Zellen rauchen, aber damals bekamen sie noch Tabak. Und er mischte den Tabak mit Wasser, nutzte seine Haare als Pinsel und malte die wunderbarsten Bilder auf seine Zellenwand. Die waren einfach unvorstellbar schön. Und alle paar Wochen wurde er auf den Hof geschickt und die Gefängnisleitung ließ die Wand wieder weiß übertünchen. Aber das war ok für ihn, denn dann hatte er wieder Platz zum Malen.”

In San Quentin, dem ältesten kalifornischen Staatsgefängnis, sind derzeit fast 4000 Gefangene untergebracht. Wer hierher kommt arrangiert sich mit dem brutalen und tristen Alltag, mit Gangs, oftmals mit der Aussicht nie wieder nach draußen zu kommen. Doch viele finden auf kreative Weise einen Weg, zumindest ein Fenster nach draußen, in die weite Welt zu öffnen.

Freiheit nach 36 Jahren

Andrew Stewart, Alfred Chestnut und Ransom Watkins wurden am Montagabend nach 36 Jahren im Gefängnis freigelassen. Nach 36 Jahren unschuldig hinter Gittern. Die drei waren 1983 für den Mord an dem 14jährigen DeWitt Duckett verhaftet und schließlich zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Schon damals lagen Beweise und Zeugenaussagen vor, dass ein anderer junger Mann der Täter war, doch die ermittelnden Beamten konzentrierten sich gleich auf Stewart, Chestnut und Watkins.

Alfred Chesnut, Andrew Stewart und Ransom Watkins (v.l.n.r.) nach ihrer Entlassung. Foto: AFP.

Der Druck von außen war groß, das Medieninteresse gewaltig, denn es war der erste Mord in einer Mittelschule in Baltimore. Die drei Jungs schwänzten an dem Tag die Schule und hielten sich in der „Middle School“ auf, um Freunde und Geschwister zu sehen. Sie schließlich von einem Wachmann rausgeschmissen, der anschließend die Tür verriegelte. Die Staatsanwaltschaft allerdings erklärte den Geschworenen im Prozess, dass sie sich anschließend wieder Zugang zur Schule verschafften und dort den 14jährigen DeWitt Duckett trafen, ihm seine Jacke abnahmen und ihn erschossen. Ihr Glück im Unglück war damals nur, dass sie noch zu jung waren, um die Todesstrafe zu erhalten.

Über Jahre hinweg beteuerten sie ihre Unschuld. Zwei von ihnen, Andrew Stewart  und Ransom Watkins, gaben schließlich ihren Kampf auf. Afred Chestnut hingegen kämpfte weiter und fand im vergangenen Jahr bis dahin unter Verschluss gehaltene Berichte, die eindeutig die drei Verurteilten entlasteten und den 18jährigen Michael Willis als Täter und Todesschützen ausmachten. In einem handgeschriebenen Brief wandte sich Chestnut an die Staatsanwältin von Baltimore, die die Abteilung „Conviction Integrity Unit“ aufgebaut hatte. Diese war mit dem Ziel aufgebaut worden, unschuldig Verurteilte aus der Haft zu entlassen. Staatsanwältin Marilyn Mosby und ihr Team sahen sich den Fall genauer an und erkannten sehr schnell, dass etwas an den Ermittlungen und dem Urteil nicht stimmte.

Am Montag kamen die drei nach 36 Jahren frei. Ein Richter entschuldigte sich im Namen des Staates. Maryland hat bislang keinen rechtlichen Rahmen, um die Unschuldigen zu entschädigen. Der damals ermittelnde Kommissar in dem Fall, Donald Kincaid, steht nach wie vor, trotz der erdrückenden Beweise, zu seinen Ermittlungen. Er erklärte, er kannte die drei Jungs gar nicht, warum also hätte er sie unschuldig vor Gericht ziehen sollen. Vielmehr versuche die Staatsanwältin nun jeden Officer als Lügner und Betrüger darzustellen. „That’s crazy“, meinte er.

In den USA sind solche Fälle keine Seltenheit. Es wird davon ausgegangen, dass rund ein Prozent der Verurteilten die Tat, für die sie verurteilt wurden, nicht begangen haben. In einem Land, in dem es nach wie vor die Todesstrafe gibt, heisst das, dass auch Hunderte von Personen zu unrecht und unschuldig auf ihre Hinrichtung warten. Persönlich kenne ich Fälle, in denen der Staat Männer hinrichtete, die unschuldig zum Tode verurteilt worden waren.

Good morning, San Quentin

Das Haupttor des San Quentin State Prison.

Samstagmorgen und ich bin mal wieder in San Quentin. Der normale Wahnsinn. Am Eingang meint ein Wärter zu mir, ich solle mir mein Shirt etwas zuknöpfen, anscheinend bringe ich Gefangene oder WärterInnen mit meinem Brusthaar in Wallung. „Rule is rule“, meint er. Auch schön. Nach dem kleinen Spaziergang entlang der Bay vom Haupttor zum Besuchsraum des East Blocks, dem Todestrakt, lass ich mich mit Reno in dem kleinen Käfig einsperren. Er muss sich vorher aus seinem Rollstuhl erheben, wird umständlich mit Handschellen und einer Bauchkette gefesselt, um so den Käfig verlassen zu können, damit ich hinein kann. Nur eine Tür darf jeweils geöffnet sein. Auf meinen Einwand, dass der mittlerweile 74jährige in dem Zustand sicherlich nicht mehr die Flucht ergreifen wird, meint die Gefängnisaufseherin auf meiner Seite des Käfigs nur „that’s the rule“.

Burger, Sandwich, Popcorn, Schokolade und zwei Dosen Coca Cola, damit verbringt Reno die nächsten Stunden. Wir unterhalten uns über dies und das. Er meint, morgen sei der Jahrestag seiner Verhaftung. Vor 41 Jahren wurde er in Polizeigewahrsam genommen. Anfang 1980 kam er dann nach dem Todesurteil nach San Quentin in den East Block.

Ich kenne ihn nun seit 25 Jahren, seit mehr als 23 Jahren besuche ich ihn mehr oder weniger regelmäßig im ältesten Staatsgefängnis von Kalifornien. Neben mir kommt hin und wieder noch sein Anwalt vorbei. Mehr Besucher hat er nicht. Und das sind noch viele im Vergleich zu so manch anderem auf „Death Row“. Reno ist alt geworden, kann sich nur noch unter Schmerzen bewegen, die Gesundheitsversorgung hinter den dicken Mauern ist nicht die beste. Und heute meinte er, er wisse gar nicht, ob er jemals noch mal nach draussen wolle, denn seine Medikamente könne er sicherlich nicht bezahlen. Hier bekommt er die umsonst, eine Neuerung, zuvor mussten Häftlinge für alles zahlen. Jeden Doktorbesuch, jede Aspirin, den Rollstuhl, Zahnarzt, Brillen. Wer das Geld nicht aufbringen konnte, Pech gehabt.

Wir sitzen uns gegenüber und reden über das Gefängnis, was ihn aufregt, über Sport, das Feuer in der Nord Bay und auch über Politik und Trump. Irgendwie kann man dem nicht mehr entkommen, selbst im Todestrakt von San Quentin. Nach guten zwei Stunden ist der Besuch vorbei. Ich verspreche bald wieder vorbei zu kommen. Eine kurze Umarmung, er lässt wieder die Prozedur mit den Handschellen und der Bauchkette über sich ergehen und wird dann in den hinteren Teil des Besucherbereiches geschoben. Für mich öffnet sich die Stahlschleuse, ich bekomme meinen Ausweis zurück und kann draussen wieder tief durchatmen. Die Sonne scheint, der Rauch vom Kincade Fire liegt in der Luft. Ein Morgen in San Quentin.

Wie überlebt man Isolation?

Nach 44 Jahren kam die Freiheit. Körperliche Freiheit, betont Albert Woodfox. Denn im Gefängnis sei sein Geist nie eingesperrt gewesen. Gestern sass ich mit dem 70jährigen auf seiner Veranda in seinem Haus in New Orleans. Wir unterhielten uns über sein Leben, das vor allem hinter Gittern in einer kleinen Zelle stattfand. Albert Woodfox war einer der „Angola Three“, drei Häftlinge, die Jahrzehnte im „Louisiana State Penitentiary“ in Einzelhaft verbracht haben für einen Mord, den sie nicht begangen haben.

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4 qm Leben

Sonntagmorgen 8 Uhr. Ich habe einen Besuchstermin für San Quentin. Seit nunmehr 21 Jahren besuche ich regelmäßig einen Gefangenen auf „Death Row“, dem kalifornischen Todestrakt im ältesten Gefängnis des Bundesstaates. Am Donnerstag noch ließ ich mir telefonisch den Termin geben, „Lock Down“ sei so gut wie vorbei, hieß es. „Lock Down“ heißt, das gesamte Gefängnis oder ein Teil davon ist unter Verschluß. Die Gefangenen bleiben in ihren vier qm Zellen und die werden eine nach der anderen total umgekrempelt auf der Suche nach verbotenen Gegenständen, wie Waffen, Drogen, nicht Erlaubtes.

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Weniger Henkersmahlzeiten in den USA

Es gibt auch noch gute Meldungen aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Vor kurzem verkündete zwar der Bundesstaat Arkansas, dass man innerhalb von 11 Tagen acht Exekutionen durchführen wolle, was international zu einem großem Aufschrei führte. Der Grund für die Fließbandhinrichtungen war ein Betäubungsmittel, dessen Haltbarkeitsdatum auslief. Arkansas setzte sich am Ende vor den Gerichten durch und ließ den Henker walten.

Im kalifornischen Staatsgefängnis von San Quentin ist die größte Death Row in den USA untergebracht. Foto: Sam Robinson.

Doch diese Nachricht widerspricht dem Trend in den USA. Wurden 1999 noch 98 Menschen in den USA hingerichtet, waren es 2016 „nur“ noch 20. So wenig, wie seit 25 Jahren nicht mehr. Und auch die Todesurteile verringerten sich dramatisch. Im vergangenen Jahr sprachen Geschworene im ganzen Land 30 Höchststrafen aus, 1996 waren es noch 315. Ist das ein Umdenken in der amerikanischen Bevölkerung? Ja, sagt das Pew Research Center, das im vergangenen Jahr in einer Umfrage heraus fand, dass zum ersten Mal in 50 Jahren weniger als 50 Prozent der Amerikaner für die Todesstrafe sind.

Die Death Rows in den Bundesstaaten leeren sich trotz der verringerten Hinrichtungszahlen stetig. Immer mal wieder müssen Häftlinge aus dem Gefängnis entlassen werden, weil die Urteile nachweislich falsch waren. Hinzu kommt, dass mehr und mehr Todeskandidaten dem Henker durch einen natürlichen Tod von der Schüppe springen. Auch die Selbstmordzahlen in den abgeschotteten Hochsicherheitstrakts bleibt hoch. Die Zahl der Death Row Inmates ist von 3500 im Jahr 2000 auf 2881 im Jahr 2015 gefallen.

Was allerdings zu denken gibt, ist die Zahl der „Lifers“, der zu lebenslanger Haft Verurteilten, ohne Aussicht auf Begnadigung. 161.000 Männer und Frauen haben diese Strafe erhalten. Hinzu kommen weitere 44.000 Personen, die durch lange Haftstrafen von zig Jahrzehnten quasi lebenslang hinter Gittern bleiben werden. Die Hälfte der über 200.000 inhaftierten „Lifers“ sind Afro-Amerikaner, auch das ist eine klare Aussage über die amerikanische Gesellschaft. Insgesamt ist die Gefängnisindustrie in den USA ein lukratives Geschäft. Nahezu zweieinhalb Millionen Menschen sitzen in amerikanischen Prisons, so viel, wie nirgends sonst auf der Welt. Das waren dann also die schlechten Nachrichten zum Schluß dieses Blogeintrags, Amerika ist einfach ein Land voller Widersprüche.

 

„The Juice“ sitzt mitten in Nevada

Mitten in der Pampa von Nevada liegt die knapp 2000-Seelen Gemeinde Lovelock. Dort ist auch ein Gefängnis, der "Lovelock Correctional Center". Keine harten Jungs sind da untergebracht, eher Täter die mittelschwere Straftaten absitzen und keine Gefahr für andere darstellen. Unter ihnen auch der Gefangene mit der Nummer 1027820, O.J. Simpson. Er wurde im Jahr 2008 für Kidnapping, einen bewaffneten Überfall und allerhand weitere Straftaten zu 33 Jahren Haft verurteilt. Neun Jahre davon muss er mindestens absitzen, erst dann wird über eine Begnadigung entschieden.

Mitten in der brütend heißen Pampa von Nevada liegt die knapp 2000-Seelen Gemeinde Lovelock. Dort ist auch ein Gefängnis zu finden, der „Lovelock Correctional Center“. Keine harten Jungs sind da untergebracht, eher Täter die mittelschwere Straftaten absitzen und keine Gefahr für andere darstellen. Unter ihnen auch der Häftling mit der Nummer 1027820, bekannt als O.J. Simpson. Er wurde im Jahr 2008 für Kidnapping, einen bewaffneten Überfall und allerhand weitere Straftaten zu 33 Jahren Haft verurteilt. Neun Jahre davon muss er mindestens absitzen, erst dann wird über eine Begnadigung entschieden. Der einstige Superstar hat sich, so heißt es, gut in den Gefängnisalltag eingegliedert.

Eine seltsame Partnerschaft

Die Koch Brothers werden in den USA oftmals als die Drahtzieher im Hintergrund des konservativen Weltbildes beschrieben. Sie sind Königsmacher, die mit ihrem Milliardendollarvermögen Kandidaten zum Erfolg kaufen können. Derzeit is der Gouverneur von Wisconsin, Scott Walker, ihr Ziehkind, auf den sie im Präsidentschaftswahlkampf setzen.

Doch vor kurzem nannte Barack Obama in einer Rede die Koch Brothers und die NAACP in einem Atemzug. Beide, so Obama, setzten sich für eine grundlegende Reform des Strafvollzugs ein. Zwar aus verschiedenen Gründen, doch am Ende stehe das Ziel, dass die Gefängnispopulation drastisch reduziert werden müsse.

Foto: AFP

Foto: AFP

Einige Beobachter horchten erstaunt auf, als Obama diese Worte sagte. Die Koch Brothers haben bislang so gut wie alles boykottiert und angegriffen, was in den letzten Jahren aus dem Obama „White House“ kam. Von der Gesundheitsreform bis zu schärferen Umweltgesetzen. Vom Mindestlohn bis zur Neuausrichtung der Außenpolitik. Alles nur Quatsch. Doch nun kämpfen sie gemeinsam, versuchen jeder auf seine Art Mitglieder des Kongresses für sich und die Sache zu gewinnen.

Die Zahlen sprechen für sich. Derzeit sitzen in den amerikanischen Gefängnissen mehr als 2,3 Millionen Menschen Haftstrafen ab. 100 Millionen Amerikaner haben eine kriminelle Geschichte. 60 Prozent der Häftlinge sind Farbige, jeder dritte Schwarze wird nach der Statistik irgendwann im Knast landen. 80 Milliarden Dollar gibt die Bundesregierung in Washington Jahr für Jahr für den Strafvollzug aus. In den Bundesstaaten steigerten sich die Ausgaben für den Strafvollzug zwischen 1980 und 2009 um 400 Prozent. Allein mit diesen wenigen Daten wird klar, irgendwas läuft ziemlich falsch in den USA.

Das haben neben dem Präsidenten und den Koch Brothers auch zahlreiche Organisationen und Politiker gemerkt. Nun versuchen sie gemeinsam das Problem anzugehen, um die Haftstrafen für Nicht-Gewalttäter zu reduzieren. Einer von ihnen wird von den Milliardärsbrüdern gerne als Beispiel für eine Strafrechtsreform herangezogen. Weldon Angelos verkaufte 2004 dreimal Marihuana im Gesamtwert von 1000 Dollar an einen Undercover Cop. Dreimal bedeutete „Three Strikes and you’re out“, eine verschärfte Haftstrafe von 55 Jahren, die Angelos in einem Gefängnis von Kalifornien absitzt. Sogar der verurteilende Richter entschuldigte sich bei der Strafverkündigung, ihm seien die Hände gebunden. Er appellierte damals an Präsident Bush eine Begnadigung auszusprechen. Ein Fall, der deutlich macht, wie unsinnig so manche Gesetze in den USA sind, die letztendlich auch nichts bringen.

Interessant wird sein, ob diese ungewöhnliche Koalition etwas bringt. Kritiker der Koch Brothers werfen den Brüdern vor, dass sie derzeit keine klaren Signale aussenden, denn hier verlangen sie eine Strafrechtsreform und dort unterstützen sie Kandidaten, wie Scott Walker, der in seinem Bundesstaat härtere und längere Gefängnisstrafen auch gegen einfache Drogenkonsumenten durchgesetzt hat.

 

37 Jahre unschuldig im Gefängnis

Joseph Sledge vor seiner Freilassung.

Joseph Sledge vor seiner Freilassung.

Was denkt man 37 lange Jahre lang in einer kleinen Zelle, wenn man weiß, man ist unschuldig? Joseph Sledge wurde 1976 für einen Doppelmord verhaftet und 1978 verurteilt, den er nicht begangen hat. Im September 1976 war die 74jährige Josephine Davis und ihre 57jährige Tochter Aileen erstochen aufgefunden worden. Aileen wurde vor ihrem Tod vergewaltigt. Der Army-Veteran Sledge, ein Afro-Amerikaner, wurde kurz darauf verhaftet. Er war einen Tag vor der Tat von einer Gefängnisfarm geflohen, auf der er eine Haftstrafe von vier Jahren absitzen sollte.

Joseph Sledge auf seinem Gefängnisfoto.

Joseph Sledge auf seinem Gefängnisfoto.

Nichts deutete auf die Schuld von Joseph Sledge. Doch aufgrund einer Aussage eines anderen Gefangen, die später zurück gezogen wurde, wurde Sledge schließlich verurteilt. Und das, obwohl es Beweise gab, die ihn entlastet hätten. An den Opfern wurden Haare gefunden. Doch der Umschlag mit diesen war lange Zeit nicht mehr auffindbar. 2004 übernahm die Anwältin Christine Mumma den Fall, doch kam einfach nicht weiter. 2012 wollte sie aufgeben, doch dann fanden Mitarbeiter der Polizei auf einem Regal den besagten Umschlag, der dort jahrzehntelang unbeachtet gelegen hatte. Tests der Haare ergaben, dass Joseph Sledge nicht der Mörder war. Ein Gericht in Whiteville, North Carolina, erklärte ihn nun für unschuldig und entließ den 70jährigen aus der Haft.

Von einem Ende der Geschichte kann allerdings nicht gesprochen werden. Mehr als die Hälfte seines Lebens saß Joseph Sledge unschuldig hinter Gittern. Darüberhinaus wurde ein Mörder nicht für seine Tat verurteilt. Joseph Sledge zeigte sich nach seiner Entlassung nur erleichtert. Er wolle nun ganz normale Dinge genießen, wie in einem richtigen Bett schlafen und in einem Swimming Pool schwimmen.