Wie überlebt man Isolation?

Nach 44 Jahren kam die Freiheit. Körperliche Freiheit, betont Albert Woodfox. Denn im Gefängnis sei sein Geist nie eingesperrt gewesen. Gestern sass ich mit dem 70jährigen auf seiner Veranda in seinem Haus in New Orleans. Wir unterhielten uns über sein Leben, das vor allem hinter Gittern in einer kleinen Zelle stattfand. Albert Woodfox war einer der „Angola Three“, drei Häftlinge, die Jahrzehnte im „Louisiana State Penitentiary“ in Einzelhaft verbracht haben für einen Mord, den sie nicht begangen haben.

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4 qm Leben

Sonntagmorgen 8 Uhr. Ich habe einen Besuchstermin für San Quentin. Seit nunmehr 21 Jahren besuche ich regelmäßig einen Gefangenen auf „Death Row“, dem kalifornischen Todestrakt im ältesten Gefängnis des Bundesstaates. Am Donnerstag noch ließ ich mir telefonisch den Termin geben, „Lock Down“ sei so gut wie vorbei, hieß es. „Lock Down“ heißt, das gesamte Gefängnis oder ein Teil davon ist unter Verschluß. Die Gefangenen bleiben in ihren vier qm Zellen und die werden eine nach der anderen total umgekrempelt auf der Suche nach verbotenen Gegenständen, wie Waffen, Drogen, nicht Erlaubtes.

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Weniger Henkersmahlzeiten in den USA

Es gibt auch noch gute Meldungen aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Vor kurzem verkündete zwar der Bundesstaat Arkansas, dass man innerhalb von 11 Tagen acht Exekutionen durchführen wolle, was international zu einem großem Aufschrei führte. Der Grund für die Fließbandhinrichtungen war ein Betäubungsmittel, dessen Haltbarkeitsdatum auslief. Arkansas setzte sich am Ende vor den Gerichten durch und ließ den Henker walten.

Im kalifornischen Staatsgefängnis von San Quentin ist die größte Death Row in den USA untergebracht. Foto: Sam Robinson.

Doch diese Nachricht widerspricht dem Trend in den USA. Wurden 1999 noch 98 Menschen in den USA hingerichtet, waren es 2016 „nur“ noch 20. So wenig, wie seit 25 Jahren nicht mehr. Und auch die Todesurteile verringerten sich dramatisch. Im vergangenen Jahr sprachen Geschworene im ganzen Land 30 Höchststrafen aus, 1996 waren es noch 315. Ist das ein Umdenken in der amerikanischen Bevölkerung? Ja, sagt das Pew Research Center, das im vergangenen Jahr in einer Umfrage heraus fand, dass zum ersten Mal in 50 Jahren weniger als 50 Prozent der Amerikaner für die Todesstrafe sind.

Die Death Rows in den Bundesstaaten leeren sich trotz der verringerten Hinrichtungszahlen stetig. Immer mal wieder müssen Häftlinge aus dem Gefängnis entlassen werden, weil die Urteile nachweislich falsch waren. Hinzu kommt, dass mehr und mehr Todeskandidaten dem Henker durch einen natürlichen Tod von der Schüppe springen. Auch die Selbstmordzahlen in den abgeschotteten Hochsicherheitstrakts bleibt hoch. Die Zahl der Death Row Inmates ist von 3500 im Jahr 2000 auf 2881 im Jahr 2015 gefallen.

Was allerdings zu denken gibt, ist die Zahl der „Lifers“, der zu lebenslanger Haft Verurteilten, ohne Aussicht auf Begnadigung. 161.000 Männer und Frauen haben diese Strafe erhalten. Hinzu kommen weitere 44.000 Personen, die durch lange Haftstrafen von zig Jahrzehnten quasi lebenslang hinter Gittern bleiben werden. Die Hälfte der über 200.000 inhaftierten „Lifers“ sind Afro-Amerikaner, auch das ist eine klare Aussage über die amerikanische Gesellschaft. Insgesamt ist die Gefängnisindustrie in den USA ein lukratives Geschäft. Nahezu zweieinhalb Millionen Menschen sitzen in amerikanischen Prisons, so viel, wie nirgends sonst auf der Welt. Das waren dann also die schlechten Nachrichten zum Schluß dieses Blogeintrags, Amerika ist einfach ein Land voller Widersprüche.

 

„The Juice“ sitzt mitten in Nevada

Mitten in der Pampa von Nevada liegt die knapp 2000-Seelen Gemeinde Lovelock. Dort ist auch ein Gefängnis, der "Lovelock Correctional Center". Keine harten Jungs sind da untergebracht, eher Täter die mittelschwere Straftaten absitzen und keine Gefahr für andere darstellen. Unter ihnen auch der Gefangene mit der Nummer 1027820, O.J. Simpson. Er wurde im Jahr 2008 für Kidnapping, einen bewaffneten Überfall und allerhand weitere Straftaten zu 33 Jahren Haft verurteilt. Neun Jahre davon muss er mindestens absitzen, erst dann wird über eine Begnadigung entschieden.

Mitten in der brütend heißen Pampa von Nevada liegt die knapp 2000-Seelen Gemeinde Lovelock. Dort ist auch ein Gefängnis zu finden, der „Lovelock Correctional Center“. Keine harten Jungs sind da untergebracht, eher Täter die mittelschwere Straftaten absitzen und keine Gefahr für andere darstellen. Unter ihnen auch der Häftling mit der Nummer 1027820, bekannt als O.J. Simpson. Er wurde im Jahr 2008 für Kidnapping, einen bewaffneten Überfall und allerhand weitere Straftaten zu 33 Jahren Haft verurteilt. Neun Jahre davon muss er mindestens absitzen, erst dann wird über eine Begnadigung entschieden. Der einstige Superstar hat sich, so heißt es, gut in den Gefängnisalltag eingegliedert.

Eine seltsame Partnerschaft

Die Koch Brothers werden in den USA oftmals als die Drahtzieher im Hintergrund des konservativen Weltbildes beschrieben. Sie sind Königsmacher, die mit ihrem Milliardendollarvermögen Kandidaten zum Erfolg kaufen können. Derzeit is der Gouverneur von Wisconsin, Scott Walker, ihr Ziehkind, auf den sie im Präsidentschaftswahlkampf setzen.

Doch vor kurzem nannte Barack Obama in einer Rede die Koch Brothers und die NAACP in einem Atemzug. Beide, so Obama, setzten sich für eine grundlegende Reform des Strafvollzugs ein. Zwar aus verschiedenen Gründen, doch am Ende stehe das Ziel, dass die Gefängnispopulation drastisch reduziert werden müsse.

Foto: AFP

Foto: AFP

Einige Beobachter horchten erstaunt auf, als Obama diese Worte sagte. Die Koch Brothers haben bislang so gut wie alles boykottiert und angegriffen, was in den letzten Jahren aus dem Obama „White House“ kam. Von der Gesundheitsreform bis zu schärferen Umweltgesetzen. Vom Mindestlohn bis zur Neuausrichtung der Außenpolitik. Alles nur Quatsch. Doch nun kämpfen sie gemeinsam, versuchen jeder auf seine Art Mitglieder des Kongresses für sich und die Sache zu gewinnen.

Die Zahlen sprechen für sich. Derzeit sitzen in den amerikanischen Gefängnissen mehr als 2,3 Millionen Menschen Haftstrafen ab. 100 Millionen Amerikaner haben eine kriminelle Geschichte. 60 Prozent der Häftlinge sind Farbige, jeder dritte Schwarze wird nach der Statistik irgendwann im Knast landen. 80 Milliarden Dollar gibt die Bundesregierung in Washington Jahr für Jahr für den Strafvollzug aus. In den Bundesstaaten steigerten sich die Ausgaben für den Strafvollzug zwischen 1980 und 2009 um 400 Prozent. Allein mit diesen wenigen Daten wird klar, irgendwas läuft ziemlich falsch in den USA.

Das haben neben dem Präsidenten und den Koch Brothers auch zahlreiche Organisationen und Politiker gemerkt. Nun versuchen sie gemeinsam das Problem anzugehen, um die Haftstrafen für Nicht-Gewalttäter zu reduzieren. Einer von ihnen wird von den Milliardärsbrüdern gerne als Beispiel für eine Strafrechtsreform herangezogen. Weldon Angelos verkaufte 2004 dreimal Marihuana im Gesamtwert von 1000 Dollar an einen Undercover Cop. Dreimal bedeutete „Three Strikes and you’re out“, eine verschärfte Haftstrafe von 55 Jahren, die Angelos in einem Gefängnis von Kalifornien absitzt. Sogar der verurteilende Richter entschuldigte sich bei der Strafverkündigung, ihm seien die Hände gebunden. Er appellierte damals an Präsident Bush eine Begnadigung auszusprechen. Ein Fall, der deutlich macht, wie unsinnig so manche Gesetze in den USA sind, die letztendlich auch nichts bringen.

Interessant wird sein, ob diese ungewöhnliche Koalition etwas bringt. Kritiker der Koch Brothers werfen den Brüdern vor, dass sie derzeit keine klaren Signale aussenden, denn hier verlangen sie eine Strafrechtsreform und dort unterstützen sie Kandidaten, wie Scott Walker, der in seinem Bundesstaat härtere und längere Gefängnisstrafen auch gegen einfache Drogenkonsumenten durchgesetzt hat.

 

37 Jahre unschuldig im Gefängnis

Joseph Sledge vor seiner Freilassung.

Joseph Sledge vor seiner Freilassung.

Was denkt man 37 lange Jahre lang in einer kleinen Zelle, wenn man weiß, man ist unschuldig? Joseph Sledge wurde 1976 für einen Doppelmord verhaftet und 1978 verurteilt, den er nicht begangen hat. Im September 1976 war die 74jährige Josephine Davis und ihre 57jährige Tochter Aileen erstochen aufgefunden worden. Aileen wurde vor ihrem Tod vergewaltigt. Der Army-Veteran Sledge, ein Afro-Amerikaner, wurde kurz darauf verhaftet. Er war einen Tag vor der Tat von einer Gefängnisfarm geflohen, auf der er eine Haftstrafe von vier Jahren absitzen sollte.

Joseph Sledge auf seinem Gefängnisfoto.

Joseph Sledge auf seinem Gefängnisfoto.

Nichts deutete auf die Schuld von Joseph Sledge. Doch aufgrund einer Aussage eines anderen Gefangen, die später zurück gezogen wurde, wurde Sledge schließlich verurteilt. Und das, obwohl es Beweise gab, die ihn entlastet hätten. An den Opfern wurden Haare gefunden. Doch der Umschlag mit diesen war lange Zeit nicht mehr auffindbar. 2004 übernahm die Anwältin Christine Mumma den Fall, doch kam einfach nicht weiter. 2012 wollte sie aufgeben, doch dann fanden Mitarbeiter der Polizei auf einem Regal den besagten Umschlag, der dort jahrzehntelang unbeachtet gelegen hatte. Tests der Haare ergaben, dass Joseph Sledge nicht der Mörder war. Ein Gericht in Whiteville, North Carolina, erklärte ihn nun für unschuldig und entließ den 70jährigen aus der Haft.

Von einem Ende der Geschichte kann allerdings nicht gesprochen werden. Mehr als die Hälfte seines Lebens saß Joseph Sledge unschuldig hinter Gittern. Darüberhinaus wurde ein Mörder nicht für seine Tat verurteilt. Joseph Sledge zeigte sich nach seiner Entlassung nur erleichtert. Er wolle nun ganz normale Dinge genießen, wie in einem richtigen Bett schlafen und in einem Swimming Pool schwimmen.

„San Quentin you’ve been living hell to me“

sanquentin

Das kalifornische Staatsgefängnis von San Quentin

Gestern war ich im Knast. Nein, ich hatte keinen Mist gebaut. Nach einem langen hin und her war es endlich soweit. Ich bekam für ein Feature eine ausgiebige Tour durch das Staatsgefängnis von San Quentin. Zuerst ging es ins kleine Museum, das man als San Francisco Reisender durchaus mal besuchen sollte. Es ist zwar auf dem Gelände des Gefängnisses, doch für die Öffentlichkeit geöffnet. Es lohnt sich, wenn man etwas über die Geschichte dieses ältesten kalifornischen Gefängnisses erfahren will. Zu sehen sind viele Bilder, viele Exponate, wie der Galgenstrick, an dem der letzte Gehängte in San Quentin baumelte, oder etliche selbstgefertigte Waffen von Infaftierten.

Von dort ging es in den eigentlichen Gefängnistrakt, eine weitere Schleuse, ein Stempel, ohne den kommt man nicht mehr raus. Gleich links der „Adjustment Center“ in dem die schlimmsten der kalifornischen Gewalttäter einsitzen. Sie werden nur in Hand- und meist auch Fußfesseln aus ihren Zellen gelassen. Bevor sie jedoch rausdürfen müssen sie sich in ihren Zellen nackt ausziehen, ihre Kleidung durch einen Schlitz reichen, die dann von zwei Strafvollzugsbeamten nach Waffen durchsucht wird. Anschließend dürfen sie sich anziehen, die Hände auf dem Rücken durch den Schlitz in der Tür reichen, um mit Handschellen gefesselt zu werden. Einige der Gefangenen müssen sich dann auch noch hinknien, Rücken zur Tür, bevor sie geöffnet wird. Ein Wärter legt dem Gefangenen dann noch Fußfesseln an. Wir reden hier nicht von einem Bankräuber, sondern von Mördern, die nicht mal mit der Wimper zucken würden, um einem anderen die Kehle durchzuschneiden. San Quentin, das merkt man hier, ist kein Spielplatz.

Der riesige Außenhof für die „main population“ teilt sich nach Hautfarbe auf. Da hinten die Schwarzen. Dort die Mexikaner, daneben die Weißen. Und weiter hinten die Asiaten und die „Native Americans“. Und all diese Gruppen sind nochmals aufgeteilt in Nord- und Südkalifornier. Wer hier zurecht finden, nein, wer hier überleben will, muß eine Anleitung bekommen, was er tun darf und was er lieber sein lassen sollte. Es gibt ungeschriebene Gesetze in San Quentin, an die sollte man sich halten.

In San Quentin werden die Möbel für staatliche Einrichtungen in Kalifornien gefertigt. Vom Sessel im Wartezimmer des Gouverneurs bis hin zum Bett im Studentenwohnheim der staatlichen Universitäten. Eine lockere Atmosphäre herrscht in den Werkstätten. Gleich daneben Ausbildungsorte für verschiedene Handwerke. Durch eine weitere Schleuse geht es in einen weiteren Hof, um den Massenunterkünfte mit jeweils rund 100 Betten angelegt sind. Neuere Bauten, aber alles offen. Toiletten, Duschen, Sitzgelegenheiten, auf beiden Seiten dann zehn Reihen mit Stockbetten. Privatsphäre gibt es hier nicht.

Wir laufen über den großen Außenhof. Ein paar Gänse und Möwen ruhen sich auf dem Baseballfeld aus. Gefangene laufen um den Platz. Viele treiben Sport. Liegestützen, Klappmesser, Basketball, Tennis und auch Fußball wird gespielt. Alles erscheint friedlich, doch alles ist irgendwie hier geregelt. Regeln, die ich als Besucher nicht durchschauen kann. Es geht in den Nordtrakt, der gleich neben der Death Row liegt. Dort kommt man nur mit besonderer Genehmigung von ganz oben rein. Der Nordtrakt ist ein vierstöckiges Gebäude. Zweimannzellen, die sehr klein sind. „4 x 9 Feet“ wird mir gesagt, 1,20 x 2,70 Meter. Ein Stockbett, ein Regal darüber. Am Kopfende eine kleine Toilette und ein kleines Waschbecken. Auch darüber ein Regal. Zwei Lampen, die aus der Vorzeit der Energiesparlampen kommen müssen, verbreiten ein Dämmerlicht in der Zelle. Meine Schultern berühren das Stockbett und die Wand, wenn ich mich dazwischen stelle. Hier sind „Lifers“, zu lebenslänglicher Haftstrafe verurteilte, untergebracht.

Alfredo Santos' Wandbild in San Quentin

Alfredo Santos‘ Wandbild in San Quentin

Der Nordtrakt ist friedlich, die Zellen sind offen, die Gefangenen laufen herum. Am Kopfende des Zellentrakts die Duschen, alles offen, auch hier keine Privatsphäre. Wir laufen an duschenden Männern vorbei. An einer Zelle sprechen wir mit einigen Gefangenen, die mir alles zeigen, was sie haben dürfen. Es ist vollgepackt, man muss sich arrangieren. Auch hier ungeschriebene Regeln.

Es geht weiter in einen der Speisesäle. Hier an diesem Ort spielte Johnny Cash sein berühmtes San Quentin Konzert. Ein riesiger Raum, kahl, gefließt, Sitzbänke mit Tischen aus Stahl im Boden eingelassen. Hier wurde Musikgeschichte geschrieben, doch nichts deutet darauf hin. Im nächsten Speisesaal das beeindruckende Wandbild von Alfredo Santos. Ein Meisterwerk hinter Gittern. Santos malte als Gefangener in den frühen 50er Jahren dieses Monumentalwerk, in dem die Geschichte Kaliforniens nacherzählt wird. Wir gehen zum nächsten Block, dort sind die Frischankömmlinge untergebracht, die noch nicht eingestuft wurden. Sie tragen Orange. Es ist laut, ein Geschrei. Gespräche, die über mehrere Zellen hinweg geführt werden. Hier werde ich demnächst wohl eine Schicht mitbegleiten dürfen.

San Quentin ist ein Ort des Schreckens und der Kreativität. Fast 70 Programme werden angeboten, einzigartig im Strafvollzug. Das reicht von Ausbildungen bis zu Baseball, Yoga, Shakespeare Theater, einer eigenen Zeitung. Hier sind die Todeszellen, hier gibt es noch eine funktionierende Gaskammer, in der zum Tode Verurteilte hingerichtet werden, wenn sie sich für diese Todesart entscheiden.

Nach dieser langen Tour trete ich durch das Tor, vor mir die San Francisco Bay. Die Sonne scheint, ein leichter Wind weht. Und ganz unbewußt atmet man tief durch.

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Jazz Tunes hinter dicken Mauern

Zur Zeit arbeite ich an einer „Langen Nacht“ für den Deutschlandfunk. Thema ist das älteste kalifornische Gefängnis in San Quentin. Geschichte und Geschichten, und die gibt es zuhauf. 1852 wurde das Gefängnis an der San Francisco Bay, gleich  hinter Angel Island, eröffnet. Dort ist auch die kalifornische „Death Row“ untergebracht, dort hat Johnny Cash wohl eines der bekanntesten Live-Konzerte überhaupt gespielt.

San Quentin BandDoch es gibt noch viel mehr über San Quentin zu berichten. Seit Monaten recherchiere ich und bin u.a. auf zahlreiche Musiker gestoßen, die dort inhaftiert waren. Henry Cowell war ein amerikanischer Komponist, der in den 30er Jahren ein paar Jahre in San Quentin einsass und dort Musik schrieb. Tief bewegende Kompositionen, die er in seiner kleinen Zelle zu Papier brachte.

Anfang der 40er Jahre formierte der damalige Gefängnisdirektor, Clinton Duffy, eine Big Band, die sogar eine wöchentliche Show auf einem Lokalsender in San Francisco hatte. Viele bedeutende West Coast Jazz Musiker, wie Art Pepper, Frank Morgan, Dexter Gordon und andere waren für ein paar Jahre in San Quentin, verurteilt zumeist für Drogenkonsum. Die Heroinabhängigkeit war in den 40er und 50er Jahren weit verbreitet in Musikerkreisen. Und diese bekannten Namen spielten in den 50er und 60er Jahren hinter Gittern zusammen.

Gestern interviewte ich Ed Reed, einen Jazz Sänger, mittlerweile 85 Jahre alt. Auch er war Teil der vielgelobten San Quentin Jazz Band, die regelmäßig innerhalb der Mauern für Gäste und Besucher auftrat. Nun bin ich auf der Suche nach alten Aufnahmen, Mitschnitten der KFRC Sendungen aus den frühen 40er Jahren und von den Auftritten der Jazz Band um Frank Morgan und Art Pepper. Bislang vergebens. Mal sehen, ob und was sich noch finden läßt.

Heute fahre ich für eine ganz offizielle Tour und ein paar Interviews rüber nach San Quentin. Es wird eine umfangreiche Sendung, eine wahrliche „Lange Nacht“, die viele Seiten des weltbekannten Gefängnisses ausleuchten wird. Geschichte und Geschichten…wo fange ich da nur an?

Die andere Bevölkerung

Amerika hat eine Milliardendollar schwere Industrie. Eine Gefängnisindustrie, die wächst und wächst. Rund 2,3 Millionen Amerikaner sind hinter Gittern, in Bundes-, Staats- und Countygefängnissen. Dazu kommen noch etwa fünf Millionen Männer und Frauen, die auf Bewährung im Freien sind, aber dennoch im industriellen Gefängniskomplex verwaltet werden. Die Gefängnisse platzen aus allen Nähten. Regelmäßig lehnen die Wähler überteuerte Gefängnisneubauten ab, das heizt nur noch weiter die Emotionen hinter den Mauern an.

Alleine innerhalb eines Jahrzehnts ist die Insassenanzahl in den Federal Prisons um 27 Prozent gestiegen. Der Haushalt dieses von Washington geleiteten Gefängssystems ist auf weit über sieben Milliarden Dollar gestiegen.

Hier in unmittelbarer Nähe liegt San Quentin, ein Mitte des 19. Jahrhunderts gebautes Gebäude. Es ist beengt, überfüllt, es zieht aus allen Ecken und Löchern und ist wahrlich kein Standard mehr fürs 21. Jahrhundert. Hier ist auch die mit über 700 Gefangenen vollgepfropfte Death Row von Kalifornien untergebracht. Seitdem ich in Kalifornien lebe, berichte ich über San Quentin.

Die Straßenkreuzer Uni hat mich vor ein paar Monaten zu einem Vortrag über die Gefängnissituation in den USA eingeladen. Schwerpunkt dabei wird die Todesstrafe und das „Innocence Projekt“ sein. Ich werde dabei verstärkt auf die Situation in Kalifornien und besonders in San Quentin eingehen. Das ganze wird nun am Donnerstag den 12. Dezember um 16 Uhr in der Notschlafstelle in der Pirckheimerstraße 12 stattfinden.

Eine Nacht auf Alcatraz

Heute vor 40 Jahren wurde Alcatraz Island für Besuche eröffnet. Ein weiterer Nationalpark mit einer bewegenden, teils brutalen Geschichte. Das einstige Gefängnis wurde zum Touristentreffpunkt. Ein Besuch in San Francsico ist fast immer mit einer Überfahrt auf die Insel verbunden. In den letzten Wochen und Monaten wurde viel über Alcatraz geschrieben und gesprochen. Jüngst als die Insel im Zuge des „Shut Down“ in Washington geschlossen werden mußte.

Den beeindruckendsten Beitrag habe ich auf National Public Radio, NPR, gehört. Die Journalistin Laura Sullivan begleitete den 80jährigen Bill Baker nach Alcatraz. Baker hatte von der Nationalparksaufsicht die Erlaubnis erhalten, noch einmal eine Nacht in seiner früheren Zelle zu verbringen. Eine bewegende Geschichte, die man hier hören kann: [audio:http://blog.nz-online.de/peltner/wp-content/blogs.dir/7/files/2013/10/Visit-to-Alcatraz-NPR.mp3|titles=Visit to Alcatraz – NPR]