„I see dead people“

An der Ecke Franklin und Clay Street in San Francisco, unweit des Deutschen Generalkonsulats gelegen, steht ein Haus, das da so gar nicht mehr hinpasst. 1895 für Margaret Crocker erbaut, fällt dieses Herrenhaus umgeben von Wohnsilos selbst beim Vorbeifahren auf der vielbefahrenen Franklin Street auf.

Golden Gate Spiritualist Church.

In diesem für San Francisco alten Gebäude ist seit 1924 die “Golden Gate Spiritualist Church” untergebracht. Am vergangenen Mittwochabend besuchte ich erneut die Kirche. Beim Eintreten hat man gleich das Gefühl in eine andere Zeitepoche, wenn nicht sogar in eine andere Dimension zu schreiten. Die Welt da draußen ist weit weg, nur ganz entfernt kann man den Lärm des Alltags wahrnehmen. An den Wänden selbstgemalte Bilder, die ihre eigene Geschichte haben, wie mir später Reverend Delaney Lauderback und auch die Pianistin Carla Gee erklären. Die Gemälde wurden nämlich nicht in dieser Welt gemalt. Sie hängen an den Wänden, die noch zum Teil die Originaltapete aus den Gründungsjahren aufweist.

Im Erdgeschoss befindet sich der Versammlungsraum der Kirche, ein kleines Nebenzimmer dient als “Chapel”, als Kapelle. Das Licht gedämpft, alte Stühle an einer Wand, in mehreren Vitrinen sind etwa 800 Elefantenfiguren aufgereiht. Ein religiöses Symbol für die Spiritualisten. In dieser Kapelle finden die “Healing Sessions” vor dem eigentlichen “Church Service” statt, wie der Pastor der 95 Mitglieder starken Gemeinde, der 81jährige Reverend Delaney Lauderback, erklärt: „Wir praktizieren hier Heilung durch Handauflegen, nichts Spektakuläres. Einige von uns haben das Glück diese heilende Kraft zu kanalisieren. Wir lassen die Personen in der Geisterwelt, die diese Heilkraft haben, sie durch uns an Menschen weitergeben, die sie brauchen.“

Die Mitglieder der “Spiritualist Church” glauben an einen Austausch zwischen dieser und der Welt der Verstorbenen. Etwa 180.000 Mitglieder zählt diese Glaubensgemeinschaft in den USA. „Es ist anders und doch ist es eine Kirche, die auf Gott basiert“, so der Pastor. „Der erste Grundsatz des Spiritualismus lautet, dass wir an die endlose Intelligenz glauben, dass Gott keine Person irgendwo auf einem Thron ist. Er ist endlos gegenwärtig, endlos bewußt, endlos überall und wir alle sind ein Teil darin. Wir haben eine Seele, die ein Funken in dieser Gotteskraft ist.“

Nach dem Heilen, dem Handauflegen, für einige der Gekommenen findet im größeren Versammlungsraum der “Service”, die Messe, statt. Nach einigen Liedern und Gemeindehinweisen treten nacheinander zwei Männer an das Rednerpult, die beide Medium sind. Sie deuten scheinbar wahllos auf Männer und Frauen in den Sitzreihen und fragen, ob sie zu ihnen kommen dürfen. Dann berichten sie von “Spirits”, von Geistern, die sie neben den Personen sehen, beschreiben, was diese ihnen erzählen und versuchen das mit Fragen zu deuten. Aufzeichnen darf ich den Service mit einem Aufnahmegerät nicht. Nicht die Geister haben damit ein Problem, sondern es sind eher weltliche Gründe, wie Pastor Lauderback mit einem Lachen meint: „Das ist keine gute Idee. Ich glaube es gibt Gründe der Vertraulichkeit für die Leute, die hier sind. Ich meine ganz legale.“

Eine die regelmäßig hier ist, ist Marilyn Lander. Seit fast einem Jahr kommt sie Woche für Woche zur Kirche. Meist schon vor dem eigentlichen Beginn des Service, um noch etwas in den spirituellen Büchern in den Wandschränken zu schmökern. „Ich war schon immer vom Austausch mit Geistern fasziniert. Als beide meiner Eltern starben, entschied ich mich, ich schau mal, was es damit auf sich hat. Und seit dem ersten Mal, seitdem ich hierher kam, fühlte ich mich willkommen. Plus, ich bekam Beweise, die mir zeigten, dass meine Eltern und andere die verstarben in der Geisterwelt sind. Es ist unglaublich und die Gemeinschaft hier ist sehr nett.“

Carla Gee sitzt jeden Mittwoch und Sonntag am Flügel gleich neben der kleinen Bühne und begleitet die Lieder. „Ich glaube an die Philosophie der Kirche. Ich mag sie, sie ist wunderschön. Sie besagt, dass wir nicht sterben, wenn der physische Körper stirbt, die Seele besteht weiter. Das ist der Grund unserer Kirche, daran glauben wir und versuchen Leute das verständlich zu machen.“

Auf der anderen Seite der San Francisco Bay findet man das American Baptist Seminary of the West. LeAnn Flesher ist die Dekanin und Professorin für das Alte Testament. Sie sieht die “Spiritualist Church” kritisch, und dennoch weiß sie, dass dieser Glaube auch im Christentum zu finden ist. „Als erstes fällt mir etwas aus dem Alten Testament ein, als King Saul Samuel von den Toten beschwören will. Er geht zu einem Medium und fragt Samuel, ob er eine bestimmte Schlacht gewinnen wird. Und Samuel bestraft ihn hart dafür, dass er ihn von den Toten beschworen hat. In diesem bestimmten Text sieht man ein deutlich negatives Beispiel, das nicht gebilligt wird. Aber das es überhaupt da ist legt nahe, dass es praktiziert wurde.“

In der San Francisco Bay Area gibt es viele verschiedene Religionen, Glaubensgemeinschaften, die hier friedlich nebeneinader existieren können. LeAnn Flesher, Expertin des Alten Testaments, sieht deshalb auch die “Golden Gate Spiritual Church” gelassen. Sie versteht sogar, zumindest ein bisschen, woher die Faszination für diesen Glauben kommt. „Ich denke, dass Wissenschaft und Religion uns davon zurückhält, all das zu erfahren, was es zu erfahren gibt. Es gibt da Dinge im Universum, in unserer Welt, in bestimmten Bereichen, die wir nicht kennen oder nicht hunderprozentig erklären können. Und wir glauben, durch die Wissenschaft alles verstehen zu können. Und wenn es nicht konkret und nachweisbar ist, dann existiert es nicht. Das hält uns zurück. Und gleichzeitig sind da bestimmte Leute,  die den Glauben an einen bestimmten Punkt bringen wollen, an dem die Wissenschaft überflüssig ist. Und auch das hält uns zurück, denn sie gehen in eine ganz andere Richtung. Die Frage ist also, wenn da nun Leute zu mir kommen und mir sagen, sie sehen Geister um mich rum, die da einiges veranstalten, glaube ich daran, dass das so ist? Nein, ganz sicher nicht.“

Nach dem Service am Mittwochabend kommt einer der Männer von der Bühne auf mich zu. Ich hatte bemerkt, dass er mich, während der andere sprach, ständig anblickte. Er lächelt mich an, gibt mir die Hand und sagt: „Da war eine junge Frau neben Dir, die Dich die ganze Zeit umarmt hat. So wie eine Schwester.“