Hitzewelle in Kigali

Bin gut in Ruanda, im Herzen Afrikas angekommen. Die erste Regenzeit des Jahres steht bevor, es ist drückend heiss. Aber es ist eine Wohltat nach den Regenstürmen in Kalifornien und dem Schnee in Deutschland.

Es ist beeindruckend durch diese Stadt zu laufen. Die politische Führung in Kigali will mit aller Macht das Land nach vorne bringen. „2020“ heisst die Devise, also in zehn Jahren will man ein Musterbeispiel für „New Commerce“, „IT“ und „Wirtschaftsboom“ in Afrika sein. Na, bis dahin können sie sich noch ganz schön am Riemen reissen, denn so einiges liegt im argen. Aber egal, es ist spannend, all das aus der Nähe zu sehen.

Einiges steht auf dieser Reise an, ein paar Interviews und auch ein Trip nach Goma, in die Nord-Kivu Region der DRC, der „Democratic Republic of Congo“. Ich bin sehr, sehr gespannt, was mich alles erwarten wird. Und wenn ich kann und es interessantes zu berichten gibt, werde ich mich an dieser Stelle melden.

Kleine Randnotiz, gestern hatte ich Lust zum Joggen, bin also bei Sonnenuntergang in der brütenden Hitze los gerannt und eine zeitlang auch auf einem Grünstreifen entlang einer Hauptstrasse gelaufen. Tja, bis mich ein Soldat mit Maschinengewehr angehalten hat…Ich hatte mich schon vorher gewundert, denn ein anderer Soldat hatte mir was unverständliches hinterher geschrien. Aber ich verstehe weder Kinyarwanda noch Französisch, und beim Laufen habe ich Tunnelblick. Doch als der mit seiner MG vor mir auftachte blieb ich doch lieber stehen. Er fragte mich mit ein paar Brocken Englisch nach meinem Name und was ich mache (!). Irgendwie konnte er mit mir nichts anfangen. Verschwitzt, unverständlicher Name und dazu in kurzen Hosen….“Go“. Es stellte sich später heraus, dass dort die Büroräume des Präsidenten liegen und daher die Sicherheitsvorkehrungen extrem sind. Aber wie soll ich das denn wissen, ein Warnschild habe ich nicht gesehen und der Grünstreifen lud einfach zum Joggen ein. Und so gefährlich sehe ich doch nicht aus, oder?

Als Jesus nicht zum Schlafen kam

milgithaIm September reiste ich nach Ruanda, in ein faszinierendes Land im Aufbruch und voller Hoffnung. Doch das kleine Land im Herzen von Afrika ist überschattet von den Ereignissen, die sich dort vor 15 Jahren ereigneten. Damals im April, Mai und Juni 1994 „herrschte der Teufel“ in Ruanda, wie es Schwester Milgitha beschreibt. Schwester Milgitha ist eine katholische Schwester des Clemensordens in Münster und kam vor 36 Jahren nach Ruanda. Voller Tatendrang bauten sie und ihre Mitschwester eine Krankenstation auf, die weit über die eigentlichen Grenzen des Bezirks hinaus bekannt wurde.

Doch dann kam der April ’94, in dem sich alles veränderte. In diesem Audio Beitrag beschreibt Schwester Milgitha Ihre Erlebnisse, ihre Erfahrungen, ihre Zweifel, das, was sie sah, was sie hörte und was sie durchmachte.

Schwester Milgitha     

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Post aus Ruanda

Ich bin in Ruanda, einem unbekannten Land zwischen Tränen und Aufbruch. Es ist das erste mal für mich in Afrika, einem Kontinent, der mir bislang nur durch negative Schlagzeilen bekannt war: Kriege, Krisen, Hungersnöte, Korruption. Viele Bilder, Videos und Tondokumente habe ich schon gesammelt, darunter auch ein Interview mit Eugénie Musayidire, die 2007 mit dem Nürnberger Menschrechtspreis ausgezeichnet wurde.

Ruanda ist ein wunderschönes Land, doch alles ist überschattet vom Genozid, der zwischen April und Juni 1994 rund eine Million Menschenleben gefordert hat. Die Geschichten und die Geschichte ist überall. Ruanda glich in diesen 100 Tagen einem Schlachthaus mit Leichen und Blut wohin man auch sah. Und das im ganzen Land.

ruanda1Heute war ich in einer Kirche, rund 30 km südlich von Kigali. Dort wurden 5000 Menschen brutalst abgeschlachtet. An der Rückwand in der kleinen Kirche ein breites rund 3 Meter hohes Regal, gefüllt mit Knochen und Schädeln, zum Teil eingeschlagen. Auch kleine Babyschädel darunter in Stücken.

An den Wänden und an der Decke der Kapelle Kleidung, vorne ein weiteres Regal mit Utensilien der Ermordeten. Ketten, Brillen, Töpfe, Tassen und auch das Mordwerkzeug der Henker, Macheten, Prügel, Knüppel. An der Wand dunkelrote Flecken, wo die Mörder kleine Babies gegen die Mauer schleuderten, immer und immer wieder, bis sie leblos waren…

In dieser Kapelle stand ich alleine. Es war ein ungeheuerliches Gefühl, eine riesige Last legte sich auf meine Schultern, auf mein Inneres. Mein Herz pochte, das Atmen fiel schwer und Tränen stiegen mir in die Augen. Kann, soll, darf man hier beten….an diesem Ort, der so bedrückend ist? Kann man hier Gott finden? Wo war Gott, als die Menschen hier zu ihm kamen, Schutz suchten, doch nur auf den Sadismus und den blinden Hass ihrer Peiniger stiessen? An solch einem Ort, in dieser kleinen Kapelle ist die Stille niederschmetternd. Draussen atmet man durch, ganz tief durch und fragt sich, wie so etwas passieren konnte…