„Dass es knallte, bekam man mit“

Eineinhalb Jahre lang habe ich an diesem Thema gearbeitet. Viele Interviews geführt, Unterlagen, Berichte, Protokolle einsehen können, die bislang irgendwo lagen, nicht beachtet, vergessen wurden. Es stellte sich heraus, Deutschland war sehr aktiv in Ruanda zwischen 1990 und dem Beginn des Genozids im April 1994. Man hat die Zeichen gesehen und auch erkannt. Doch man nicht gehandelt.

Neben der deutschen Botschaft engagierten sich der Deutsche Entwicklungsdienst (DED) und die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in etlichen Projekten im ganzen Land. Die Bundeswehr unterhielt bereits seit 1976 enge Kontakte. Ruanda war Empfängerland im Rahmen des Ausstattungshilfeprogramms der Bundesregierung für ausländische Streitkräfte. Eine Beratergruppe der Bundeswehr war darüberhinaus vor Ort und arbeitete eng mit dem ruandischen Militär zusammen. Das Bundesland Rheinland-Pfalz bezeichnete sich seit Mitte der 80er Jahre als enger Partner Ruandas. Ein Partnerschaftsbüro in der Hauptstadt Kigali koordinierte die vielfachen Projekte in Ruanda. Die Konrad-Adenauer-Stiftung schulte Parteipolitiker vor Ort, die Deutsche Welle, bildete ruandische Journalisten aus. Pikanterweise wurden viele von ihnen zu Tätern. Sie hetzten im Nationalrundfunk und im “Radio Télévision Libre des Mille Collines (RTLM)” gegen die Tutsi Minderheit und riefen zum Mord, zur Auslöschung der Tutsi auf.

Deutschland war gut vernetzt in Ruanda vor dem Genozid. Aus den Gesprächen und Unterlagen wird ersichtlich, dass zum einen ein unfähiger und unwilliger Botschafter seine Zeit im Land aussitzen wollte. Und das mit Kenntnis des Auswärtigen Amtes. Der deutsche Diplomat sollte Ende April 1994 in Pension gehen. Am 6. April 1994 brach in dem kleinen ostafrikanischen Land die Hölle aus. Das AA erhielt Berichte, wurde in Kenntnis gesetzt, genauso wie das Verteidigungsministerium (BMVg), das Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMwZ), das Innenministerium in Mainz und die GTZ Zentrale in Eschborn. Sie alle wußten von den Spannungen, von den Diskriminierungen, von den gewaltsamen Übergriffen, von den gezielten Morden. Einer der bedeutendsten Sätze in diesen Interviews kam von einem Mitarbeiter der GTZ, der erklärte: “Die einzigen, die politische Konsequenzen damals gezogen haben und das auch offen gesagt haben waren die Kanadier. Das haben wir ihnen auch immer hoch angerechnet, aber wir durften es nicht. Die haben gesagt, wir können diese Morde, diese gezielten Morde nicht mehr mittragen, wir ziehen hier ab. Das war, ich denke, Ende 1993, Anfang 1994.“ Die Frage ist also, wie lange darf man als Geberland zusehen, wegsehen, ein System unterstützen, das den gezielten Massenmord vorbereitet?

Das SWR2 Feature „Dass es knallte, bekam man mit“ kann man hier auch online hören und runterladen.

 

Jahrestag des Genozids

Ein Zeuge berichtet     

In den Abendstunden des 6. April 1994 wurde die Präsidentenmaschine im Anflug auf den Flughafen der ruandischen Hauptstadt Kigali abgeschossen. An Bord der ruandische Präsident Juvénal Habyarimana und sein burundischer Amtskollege Cyprien Ntaryamira. Das Attentat war der Auslöser für das 100tägige Abschlachten der Tutsi Minderheit und der gemäßigten Hutu Opposition im Land. Am Ende waren fast eine Million Menschen ermordet worden.

Die westlichen Nationen zeigten sich vom Ausmaß überrascht, weigerten sich lange Zeit, von einem Genozid zu sprechen. Erst nach langem Druck auf die UN und die westlichen Nationen, wurde das gezielte Morden nicht länger nur eine Stammesfehde genannt. Doch das Einschreiten kam zu spät, viel zu spät.

Der Audiobeitrag schildert die Erfahrungen der katholischen Ordensschwester Milgitha im ruandischen Kaduha im April 1994.

 

Ich bin nicht der einzige

Ich bin nicht der einzige     

Es gibt solche Momente, da ist man sprachlos. Was soll man auch sagen in solchen Augenblicken? Wenn man zum Beispiel in Kigali einem jungen Mann gegenüber sitzt, der einem erzählt, wie er als Kind vor dem Genozid in Ruanda fliehen mußte, Verwandte ihn im Busch von Tansania aussetzten, seine Eltern beim Abschlachten in Ruanda umkamen, er danach mit viel Wille, Ehrgeiz, Mut und Kraft in die Schule ging, lernen wollte. Er einem gesteht, es gab Augenblicke, an denen er sich umbringen wollte, er dennoch seinen Lebensweg weiter ging, Deutsch lernte, in Deutschland studierte und zurück in sein Land kam, um hier am Wiederaufbau mitzuhelfen. Wenn dieser junge Mann im Blick zurück erklärt, es sei nie leicht gewesen und gleichzeitig relativiert „ich bin nicht der einzige“….

Oder man sitzt in einem kleinen Büro in der ruandischen Hauptstadt und hört die Lebensgeschichte eines anderen, der beschreibt, wie seine Eltern sich ein paar Tage Überleben erkaufen konnten, bevor die Hutu Milizen mit Macheten und Knüppeln kamen. Er überlebte, weil er sich bei einem Freund versteckte, danach mit der Hilfe eines Bekannten flüchten konnte, vorbei an abgeschlachteten Männern, Frauen, Kindern. Er erlebte den ganzen Horror des ruandischen Genozids, als die Welt 100 Tage einfach wegschaute, so als ob da nichts passierte im Herzen von Afrika. Wenn dieser Mann heute die Genozid Gedenkstätte in Kigali leitet, aus dem Drang heraus, dass so etwas nie wieder passieren darf, er für sich einen Weg gefunden hat seine eigene Geschichte zu verarbeiten, auch dann sitzt man schweigend da.

Dieses Feature soll erinnern, nachdenklich machen, anregen, genauer hinzusehen, was da in der weiten Welt passiert.

In der Hölle und zurück

Unten wurde der polnische Ministerpräsident mit Militärehren, Fanfaren und Salut empfangen, im zweiten Stock saß ich General a.D. und Senator Romeo Dallaire gegenüber. Ottawa strahlte an diesem Montagmorgen unter einem blauen Himmel. Und auch der 65jährige lacht. Ganz stolz zeigt er mir die deutsche Ausgabe seines Buches „Handschlag mit dem Teufel„.

Romeo Dallaire ist durch die Hölle gegangen, ein Jahr lang war er in Ruanda stationiert. Hochmotiviert kam er im August ’93 in dieses kleine afrikanische Land, um die UN Truppen zu befehligen, die das dortige Friedensabkommen überwachen sollten. Doch alles kam anders. Im Rückblick war klar, radikale Kräfte in der Regierung und im Land arbeiteten auf die Endlösung hin, sie wollten die Tutsi Minderheit auslöschen. Man spielte mit ihm. Die verschiedensten radikalen Kräfte im Land und auch die Politdiplomaten daheim in New York.

Im Interview berichtet der Senator von damals, von seinen Einschätzungen, von den Versuchen, den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen endlich zum Handeln zu bringen. Aber auch davon, dass Länder wie Deutschland schlichtweg versagt haben, kaum mit ihm als UN Vertreter vor Ort zusammen gearbeitet haben oder zusammen arbeiten wollten. Deutschland war Teil einer Gruppe von Botschaftern, die sich regelmäßig in Kigali traf, um die Lage vor Ort zu besprechen.

Romeo Dallaire erzählt, man merkt ihm im Gespräch nicht an, dass er Zeuge eines der schlimmsten Verbrechen der Geschichte war. Im Jahr 2000 versuchte er sich umzubringen, die Diagnose posttraumatische Belastungsstörung. Die Geister von Ruanda lassen ihn nicht mehr los. Seine Erlebnisse, seine Erfahrungen in Ruanda und innerhalb des gewaltigen UN Apparats, die Enttäuschungen, die Hilflosigkeit, der Handschlag mit dem Teufel haben sein Leben verändert. Romeo Dallaire blickt nach vorne, sucht den Kontakt und das Gespräch mit vielen jungen Menschen. Man habe aus der Geschichte gelernt, sagt er. Und fügt hinzu, zumindest auf dem Papier.

Handschlag mit dem Teufel

Ich sitze in Ottawa, drei Stunden Zeitverschiebung, für mich mitten in der Nacht. Ein langer Flug von San Francisco über Minneapolis bis nach Montreal. Von dort mit dem Auto weiter. Heute morgen steht das Interview mit General Romeo Dallaire an, der 1994 in Ruanda die UN Truppen befehligte und hilflos mitansehen mußte, wie das Abschlachten begann. Seine Hilferufe an die Zentrale der Vereinten Nationen in New York fielen auf taube Ohren. Stattdessen mußte Dallaire einen Eiertanz über das Wort „Genozid“ erleben. War das, was da in Ruanda stattfand ein Genozid oder nicht, denn erst dann würde man aufgrund der geschichtlichen Verantwortung eingreifen? Hauptverantwortliche: Bill Clinton, Madeleine Albright, Kofi Annan.

Nun also hier in Ottawa. Seit zwei Jahren habe ich versucht dieses Interview zu bekommen, immer kam irgendetwas dazwischen. Vorletzte Woche dann die Zusage, 14. Mai, 10:30 Uhr morgens. Flug buchen und hier bin ich und bin sehr gespannt auf diesen Mann, der eines der größten Verbrechen der Menschheit durchlebt und überlebt hat, der hilflos dabei stehen mußte…und die Weltbevölkerung schaute einfach weg.

Seine Erfahrungen als UN General in Ruanda hat Romeo Dallaire in seinem Buch „Handschlag mit dem Teufel“ verarbeitet. Ein sehr empfehlenswertes Buch.

Hier zwei kurze Audioberichte zu Ruanda.

Der geschichtliche Hintergrund:

Ruanda 1994     

Das Aufarbeiten des Unfassbaren:

Ruanda 2012     

Immun, wenn genehm

Am 6. April 1994 wurde im Landeanflug auf den Flughafen der ruandischen Hauptstadt Kigali eine Maschine abgeschossen. An Bord waren der ruandische Präsident Juvenal Habyarimana und der burundische Präsident Cyprien Ntaryamira. Beide Hutus. Dieses Attentat eskalierte die Situation in Ruanda, die radikalen Hutu Kräfte im Land nahmen den Abschuss zum Anlass, mit Macheten, Speeren und Knüppeln gegen die Tutsi Minderheit vorzugehen. Ruanda glich in den folgenden 100 Tagen einem Schlachthaus, in dem am Ende rund eine Million Menschen ermordet wurden. Die Weltgemeinschaft schaute weg, allen voran der amerikanische Präsident Bill Clinton.

Die Eskalation in Ruanda führte auch dazu, dass der Führer der RPF Armee, Paul Kagame, massiv vom Norden her kommend auf Kigali marschierte. Die Hutus schlachteten sich durchs Land, gefolgt von der „Befreiungsarmee“ der RPF, die auch nicht gerade zimperlich vorging.

Der Abschuss der Präsidentenmaschine wurde nie aufgeklärt. Die radikalen Hutus im Land sahen eine Verschwörung der belgischen Armee mit der RPF. Als Antwort ermordeten sie zehn belgische UN Soldaten, was zum Abzug der Belgier und zu einer weiteren Eskalation führte. Von Seiten Kagames wurden die Hutus in der Regierung beschuldigt, die mit ihrem Schlachtruf „Hutu Power“ das Attentat als Auslöser für ihr Bluthandwerk nutzten. Doch die genauen Hintergründe wurden nie geklärt.

Die Witwen der beiden Präsidenten hatten im April 2010 eine Klage gegen Paul Kagame an einem Gericht im US Bundesstaat Oklahoma eingereicht, als dieser für eine Veranstaltung dort war. Sie beschuldigten den heutigen ruandischen Präsidenten, das dieser den Abschuss des Flugzeugs angeordnet hätte. Sie beriefen sich dabei auch auf einen Beschluß des Verfassungsgerichts von 1997, in dem damals der Prozess Clinton gegen Jones weitergeführt werden konnte, obwohl Bill Clinton als Präsident noch im Amt war und Immunität genoß. Doch Richter Lee West hat nun die Argumentation des Weißen Hauses und des State Departments gelten lassen, die massiv auf die Immunität Paul Kagames als ruandischer Präsident verwiesen. Das Gericht habe keine Zuständigkeit, so Washington. Mit der Klage wurden auch die Hoffnungen vom Tisch gewischt, endlich heraus zu finden, wer hinter dem Attentat vom 6. April 1994 steckte….und vielleicht auch, wer schon lange mehr wußte, als er zu gibt.

Umuganda in Ruanda

In Afrika blickt man auf Amerika und Europa. Junge Leute laufen in Hip Hop Kluft durch die Gegend, die westliche Kultur, vor allem die Pop-Kultur, ist hier überall anzutreffen. Doch kann man auch von Afrika lernen? Von einem Kontinent, der in den westlichen Medien nur als ein Sammelsurium von Ländern mit Kriegen, Katastrophen und Krankheiten dargestellt wird?

Einmal im Monat ist in Ruanda „Umuganda“, was als „Beitrag“ übersetzt werden kann. Am vierten Samstag im Monat von 8-12 Uhr müssen alle Bürger einen öffentlichen und für die Allgemeinheit wichtigen Beitrag leisten. Vom Strasse fegen bis zu Baumaßnahmen. Wer nicht daran teilnimmt und nicht nachweisen kann, dass er beruflich anderweitig eingespannt ist, zahlt eine Strafe. „Umuganda“ wurde von der Regierung nach dem Genozid von 1994 eingeführt, um die Gesellschaft wieder zusammen zu führen. Nachbarn sollten gemeinsam helfen, das Land und die Gesellschaft erneut aufzubauen.

Heute ist wieder „Umuganda“, in Kigali steht alles still. Die Läden sind bis Mittag geschlossen, es fahren kaum Autos, alles ist ungewöhnlich ruhig für eine Hauptstadt. Vier Stunden lang wird im öffentlichen Interesse gearbeitet. Die Grundidee hinter „Umuganda“ ist gar nicht mal so schlecht. Wäre das vielleicht etwas, was man auch in Deutschland einführen könnte? Einmal im Monat an einem Samstagmorgen trifft sich die Hausgemeinschaft oder die Nachbarn, um Dinge in ihrem eigenen kleinen Umfeld anzugehen? Parks und Grünflächen und Spielplätze zu säubern, Graffiti von den Wänden zu schrubben, kleinere Ausbesserungsarbeiten zu erledigen, hilfsbedürftigen Nachbarn zu helfen… Die Liste der Möglichkeiten ist lang. Wäre das nicht etwas, um eine soziale Gemeinschaft zu fördern und zu stärken? Geschimpft, genölt, beschwert wird gerne in Deutschland, „Umuganda“ wäre eine Idee, das ganze dann in etwas Produktives umzusetzen.

Ich bin mir durchaus bewußt, dass dieser „Beitragsgedanke“ in der deutschen Gesellschaft nie umgesetzt werden wird. Leider. Und dennoch finde ich dieses Gedankenspiel interessant. Ich habe es für mich in Nürnberg umgesetzt, am Wöhrder See, im Burggraben, auf dem Spielplatz in St. Leonhard, gegenüber von St. Bonifaz. Man hilft, man unterstützt, man nimmt Anteil am öffentlichen Leben. Daran ist nichts falsch. Eine regelmäßige und fest angesetzte Nachbarschaftshilfe sehe ich als etwas positives. Und man würde endlich mal all jene kennenlernen, die man tagtäglich auf dem Weg zur Arbeit, im Supermarkt oder beim Spaziergang sieht. Gewinner wären wir dabei alle.

Der Club ist überall

Im Nordwesten von Ruanda. Die Vulkane im Dreiländereck Ruanda/Uganda/DRC. Dort findet man auch die Gorillas, zu denen man in geführten Gruppen marschieren kann. Als Tourist zahlt man schlappe 500 Dollar. Eine wunderschöne Landschaft, viel Grün, aber eben auch rauh aufgrund der noch aktiven Vulkane. Und hier oben sehe ich einen Ruander, der mit einem Trikot des 1.FCN rumläuft. Klar will ich ein Bild machen, doch der will nicht. Ziert und zickt da rum, als wollte ich es ihm vom Leib reißen. Auch das Argument, ich komme immerhin aus der Stadt und wolle nur ein Photo machen, nutzt nichts. Er macht auf blöd. Und einfach so mal schnell knipsen geht auch nicht, zu viele stehen schon um den jungen Mann herum und diskutieren und Knips und weg könnte Probleme mit sich bringen. Die Ruander lassen sich nicht gerne photographieren. Keine Ahnung warum, aber es ist schade, denn man sieht hier so viel wunderschöne AugenBlicke, z.B. was hier alles auf dem Kopf getragen wird. Alleine mit so einer Bildserie könnte man ganze Bücher füllen.

Na gut, soll nicht sein, steht dem Ruander eh nicht, das FCN Trikot…der Heini!!!

Über eine Huppelpiste geht es von Gisenyi, direkt an der Grenze zum Kongo, runter nach Kibuye. Fast parallel entlang des Lake Kivu Ufers, hinauf in die Bergkette. Ein wunderschöner Blick fast hinter jeder Kurve. Mal die gewaltigen Vulkane, mal ein Blick auf Goma hinter der Grenze, mal auf den wunderschönen See, da kann der Bodensee dagegen auslaufen. Die Fahrt geht vorbei an riesigen Teefeldern und anderen Anbauprodukten. Und auch einige Kühe weiden hier oben, erinnert sehr an dieses Plattencover von Pink Floyd’s “Atom Heart Mother”.

Für 75 Kilometer benötigt man fast dreieinhalb Stunden. Erster, manchmal zweiter und so gut wie nie dritter Gang. Kurvenreich und steinig ist die Straße. Doch Ruanda ist ein Land auf dem Vormarsch, auch hier in der Pampa merkt man das. Es ist organisiert und kontrolliert, auch wenn auf dem Land die Armut sichtbarer ist, die Infrastruktur weitgehend fehlt. Aber auch hier wurden schon Fiberglaskabel verlegt, Ruanda ist startbereit für die Zukunft, oder zumindest will man das sein. Aber hier oben im Nordwesten des Landes wird auch deutlich, dass all die Bemühungen der Regierung in Kigali an Entwicklungen in der Region geknöpft sind. Hier findet man noch Flüchtlingslager der UN, Wiedereingliederungslager für ehemalige Milizenkämpfer, die zum Teil mit deutschen Geldern finanziert werden. Und der Blick über die Grenze macht klar, wie nah die Gefahr lauert. Selbst Kongolesen, die man in Gisenyi trifft, erklären einem, Goma als solches sei sicher, doch man könne das Stadtgebiet nicht verlassen. Sicher sei nur die Reise über die Grenze ins benachbarte Gisenyi. Und tatsächlich trifft man am Seeufer in Gisenyi viele junge und wohlhabende Kongolesen, die Party machen. Unterdessen geht der Krieg der Milizen unvermindert weiter in Nord- und Süd Kivu. Die Gefahr wächst, dass die Gewalt auch wieder über die Grenze nach Ruanda schwappen könnte oder dass die Kagame Regierung in Kigali entscheidet, die Situation jenseits der Grenze sei eine Gefahr für die innere Sicherheit. Die ruandische Armee ist eine der bestausgebildetsten in Afrika und marschbereit in Richtung Kongo.

Und hier am Lake Kivu sitzt man, blickt auf diese traumhaft schöne Landschaft. Vögel zwitschern und krächzen, singen und feiern Vogelhochzeit. Ein paar Fischer in ihren langen Einbäumen paddeln singend vorbei. Das Grün ist vielschichtig und für mich als Grünschwächelnder gar nicht so richtig zu erkunden. Der Nachthimmel ein einziges klares Sternenglitzern. Hier im Herzen von Afrika scheint die Welt noch in Ordnung zu sein. Kein Flugzeug am Himmel, kaum Autos unterwegs, alles wirkt friedlich. Es ist gar nicht so leicht, einfach mal eins, zwei, drei, vier, fünf und sechs gerade sein zu lassen. Hier steht die Zeit….die Frage ist, für wie lange noch.

Der Glaube bringt Frieden

Vor fast zwei Jahren traf ich zum ersten mal Schwester Milgitha in Kaduha, Ruanda. Nach einer mehrstündigen und holprigen Autofahrt von Kigali kommend saß ich ihr in einem Wohnzimmerbereich des „Maision Euthymia“ gegenüber. Die Clemensschwester berichtete von ihrem Leben und ihrer Arbeit in Ruanda. Anfang der 70er Jahre war sie ins Land gekommen, um hier eine Gesundheitsstation aufzubauen.

Und das gelang ihr und ihrer Mitschwester auch. Der Ruf des Zentrums war weit über die eigentlichen Grenzen des Einzugsbereichs bekannt. Schwester Milgitha half und war dort angekommen, wo sie immer sein wollte, bei den Armen Afrikas.

Doch dann kam das Frühjahr 1994, in dem in einhundert Tagen rund eine Million Menschen abgeschlachtet wurden. Tausende wurden brutalst auf dem Kirchengelände von Kaduha, unter den hilflosen Blicken der Clemensschwestern mit Macheten, Knüppeln, Speeren, Gewehrkolben, Granaten ermordet. Auch in diesen Tagen schaffte es Schwester Milgitha Hunderten von Menschen zu helfen, viele zu retten. Erst vor ein paar Wochen traf sie Dutzende der Kinder von damals, die sie vor dem sicheren Tod bewahrte und sie nach Burundi bringen konnte.

Die fast 75jährige lebt heute in einem kleinen Häuschen in Kigali. Sie ist keine Clemensschwester mehr, der Orden hat sie entlassen. Die Kirche, an die sie glaubte, für die sie ihr Leben gegeben hätte, für die sie unermüdlich im Einsatz war, diese Kirche hat sie fallenlassen. Man wirft ihr Ungehorsam vor, eine Sünde im katholischen Orden. Egal, wie sehr man sich auch für die Menschen in Not eingesetzt hat. Egal, was man selbst in den schlimmsten Zeiten im Einsatz für die Kirche erlebt, durchgemacht, mitgemacht und gesehen hat.

Nun sitze ich dieser 75jährigen Frau im Hotel “Des Mille Collines”, dem “Hotel Rwanda” gegenüber. Sie erzählt, berichtet, und ja, sie ist enttäuscht von ihrer Kirche. Doch noch immer schöpft sie Kraft und Energie, Trost und Hoffnung aus ihrem Glauben an Gott. Man habe ihr nach den Wochen und Monaten des Genozids vorgeschlagen, psychologische Betreuung anzunehmen. Doch sie lehnte ab. Sie setze sich stattdessen lieber in eine Kapelle. Spreche dabei noch nicht einmal mit Gott. Sie schließe die Augen, hört einfach nur, was er ihr mitteilen will. Sie findet so den Frieden, den Frieden vor den Bildern, die sie nie mehr vergessen wird.

Hier noch einmal der Radiobeitrag über Schwester Milgitha, über die 100 Tage, an denen Gott nicht zum Ruhen nach Ruanda kam:

Schwester Milgitha in Kaduha     

Umuganda in Ruanda

Umuganda in Ruanda könnte auch eine Textzeile aus dem United Balls Song Pogo in Togo, Coca Cola in Angola, Samba in Uganda sein…Ist es aber nicht. Aber heute ist Umuganda in Ruanda. Immer am letzten Samstag im Monat von 7 Uhr morgens bis 12 Uhr mittags ist Gemeinschaftstag im Land der tausend Hügel. Geschäfte, Märkte, Restaurants sind geschlossen, auf den Straßen fahren kaum Autos, und wenn, dann werden sie gestoppt, falls sie keine Sondererlaubnis oder Diplomatenkennzeichen haben.

An diesem Samstagmorgen arbeiten alle über 18 Jahre „ehrenamtlich“ im Dienst der Allgemeinheit. Der Blockwart paßt darauf auf, dass auch jeder völlig freiweillig dabei ist. Es wird gefegt und geputzt, gebaut und gezimmert, Müll eingesammelt und öffentliche Grünflächen gesäubert. Alles, um das Land zusammen zu bringen. Umuganda bedeutet in etwa “Beitrag”, und jeder kann und soll seinen Beitrag für die Allgemeinheit geben.

Vor dem Hintergrund des Genozids 1994, als in rund 100 Tagen nahezu eine Million Menschen abgeschlachtet wurden, wird mit diesem symbolischen Tag versucht, die Menschen zusammen zu bringen, “Nation Building” zu ermöglichen. Offiziell gibt es keine Hutus und Tutsis mehr, doch die dunkle Geschichte Ruandas überschattet alles im Land. Die Älteren wissen noch genau, wer welcher Gruppe angehört. Die jüngeren hingegen sehen sich als Ruander. Das zumindest wird einem in Gesprächen erklärt. Man hofft einfach, dass das auch so ist, falls es erneut zu Spannungen in der Region der großen Seen kommen sollte.

Umuganda ist da vielleicht mehr als nur ein symbolischer Schritt auf einem langen Weg, eine gespaltene Nation und ein traumatisiertes Volk zu einen.

Die Ruander sind von diesem Konzept überzeugt. Die als Blauhelme eingesetzten Mitglieder der ruandischen Armee RDF in Darfur und in Haiti haben auch dort Umuganda am letzten Samstag im Monat eingeführt.