Der Abgesang des Undergrounds

1987 war ich zum ersten Mal in San Francisco und war begeistert. Seit 1992 habe ich vieles im Kunst-, Kultur- und Nachtleben am Golden Gate kennengelernt. Faszinierend war für mich als Nürnberger in der Weltstadt die vielen Clubs und Galerien, die Buchläden und Konzertorte, die so ganz anders waren, als das, was ich aus meiner Heimatstadt kannte. „Open Mic“ Abende mit Musikern, Schriftstellern, Künstlern, die immer anders endeten, als geplant. Konzerte und Lesungen an ungewöhnlichen Orten.

Muss Apartments weichen, der Elbo Room auf der Valencia Street.

Nun lebe ich schon lange in der San Francisco Bay Area und beobachte, wie mehr und mehr Clubs und Auftrittsorte dicht machen, verschwinden, vergessen werden. Angefangen hat es mit dem ersten dot.com Boom Ende der 90er Jahre und nun weht erneut ein eiskalter Wind durch die Kulturlandschaft der Region. Viele, der einst bedeutenden und wichtigen Bühnen sind nicht mehr. Vor kurzem machte Hemlock Tavern auf Polk Street dicht. Der Elbo Room wird zum Jahresanfang verschwinden. Und im Oktober 2019 der feine Musikclub Mezzanine zwischen Market und Mission Street. „Developers“ erleben derzeit den neuen Gold Rush am Golden Gate. Mit Apartment Buildings, Lofts und Bürogebäuden kann man viel, sehr viel Geld machen.

Kulturschaffende werden ab- und rausgedrängt. War Oakland lange Zeit eine Alternative für Musiker, Künstler und Kunstschaffende, so sind auch die Mietpreise „across the Bay“ nach oben geschnellt. Erst gestern las ich von einem Studioapartment für 2850 Dollar in Oakland. Wer kann sich das noch leisten?

San Francisco und die gesamte Region verlieren derzeit ein Stück von dem, was die Bay Area immer ausmachte. Kultur wird teuer, für die, die es anbieten und für die, die es genießen wollen. Wohin der Weg geht, wie gegengesteuert werden kann, das ist mehr als fraglich. Ein Problem sicherlich nicht nur für San Francisco und die Bay Area. Überall fehlt Wohnraum, überall machen Grundstücksbesitzer, Mieteigentümer und „Developer“ Gewinn, wenn sie neue, zahlkräftige Mieter ansprechen. Und ja, jetzt klinge ich wie der alte Mann, der den alten Zeiten nachhängt. So ist es aber nicht, ich wünschte mir einfach nur, dass kulturelle und künstlerische Freiräume geschützt werden, denn gerade das macht das Leben in Städten wie San Francisco und Oakland ja auch aus. Finde ich!

Das alte San Francisco verschwindet

Vor einem Jahr berichteten die lokalen Radio- und Fernsehstationen, die Zeitungen und Online-Portale in der San Francisco Bay Area ausführlich über einen drohenden Ausverkauf in Chinatown. Sogar die überregionale Medien, wie die New York Times und Al Jazeera griffen die Story auf. Eines der ältesten Viertel der Stadt war in Gefahr im jüngsten High Tech Boom zu verschwinden. Die Alarmglocken schrillten auf.

Chinatown ist das älteste chinesische Viertel in den USA und die größte chinesiche Community außerhalb Asiens. 1848, zu Zeiten des Gold Rush, wurde es an seiner jetzigen Stelle zwischen dem Financial District, North Beach und Nob Hill gegründet. Damals emigrierten Tausende von Chinesen in die USA, das Golden Gate war ihr Landepunkt in den Vereinigten Staaten von Amerika. Chinatown ist eine Stadt in der Stadt mit eigenem Krankenhaus, Schulen, Läden, Restaurants, Händlern und sozialen Clubs. In dem verheerenden Erdbeben von 1906 wurde das Viertel total zerstört. In einem anti-chinesischen Klima gab es danach Pläne, Chinatown innerhalb der Stadtgrenzen zu verlegen. Angedacht war, die Chinesen ins Hafenviertel nach Bayview Hunters Point abzuschieben. Doch obwohl bereits 1882 die amerikanische Regierung das sogenannte “Chinese Exclusion Act”, ein Anti-Immigrationsgesetz speziell für Chinesen verabschiedet hatte, wurden die Pläne am Ende doch nicht realisiert. Chinatown blieb da, wo es 50 Jahre zuvor gegründet wurde.

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Chinatown ist heute ein 30 Quadrat-Häuserblocks umfassender Stadtteil, in dem etwa 17.000 Menschen in zumeist sogenannten “Single Room Occupancy” Hotels leben. Das sind Wohnhäuser, in denen ganze Familien in einem einzigen Zimmer leben, Dusche und Bad auf dem Flur werden von mehreren Familien geteilt. Der Distrikt hat sich in seiner langen Zeit zu einer der beliebtesten Touristenattraktionen von San Francisco entwickelt. Und dabei dennoch seine eigene Identität bewahren können, bis heute, wie Cindy Wu vom “Chinatown Community Development Center” erklärt: „Chinatown existiert vor allem, weil es ein erster Anlaufpunkt für viele Männer war, die während des Goldrauschs kamen. Seitdem ist es ein Anlaufpunkt für Familien, Frauen, Männer, Eltern mit Kindern geworden. Ein erster Ort für chinesische Immigranten, die in die Vereinigten Staaten kommen. Für Chinatown spricht einiges. Der Zugang zur Sprache, es gibt lokale Zeitungen auf Chinesisch, die die Worte der Immigranten kennen. Es ist eine Nachbarschaft mit vielen Dienstleistungen im Bereich Gesundheit, Schulen für Kinder, Wohnraumhilfen. Dazu Ärzte, die die Sprache sprechen und die für die Immigranten da sind.“

Chinatown hat in all den Jahren für chinesische Einwanderer nichts an seiner Anziehungskraft verloren. Noch immer ist das Viertel der erste Anlaufpunkt für neue Immigranten. Das liegt zum einem am vertrauten kulturellen Umfeld, doch zum anderen auch daran, dass man hier noch immer relativ günstige Unterkünfte finden kann. In einer Stadt, in der die durchschnittlichen Mieten für Einzimmerapartments bei derzeit rund 3600 Dollar liegen ist das nicht verwunderlich. Das Chinatown überhaupt so lange existieren konnte, liegt auch an der Weitsicht einiger Stadtplaner von San Francisco, glaubt Cindy Wu: „Das Chinatown in San Francisco überlebt hat, hat zwei Gründe. Zuerst, der Bebauungsplan von 1906. Und dann zweitens die Mietpreisbremse. Der neue Bebauungsplan von 1986 kam darüberhinaus zustande, da man in Chinatown sah, dass der Financial District sich in die Nachbarschaft ausbreitete. Mehrere Banken und zahlreiche Bürogebäude sollten in Chinatown errichtet werden. Das veränderte die Nachbarschaft, weg von dem “Tor der Immigranten”. Chinatown versuchte also zu der Zeit, sich dreigleisig zu retten. Als regionales Zentrum, als Wohngebiet und als Ort, um einzukaufen, ins Café zu gehen, Freunde zu sehen. Auf diesen drei Säulen wurde der Bebauungsplan der Nachbarschaft ausgerichtet. Und solch einen Schutz hat kein anderes Chinatown im Land.“

Doch trotz der amtlichen Hand über dem Stadtteil seit dem “Rezoning” von1986, sind die Probleme für die Anwohner gewachsen, so Wu: „Der erste dot.com Boom um 2000 herum war eine weitere Welle, die Druck auf die Nachbarschaft ausübte. Aber dieser jüngste Tech Boom ist dagegen noch viel gewaltiger. Wir sehen diese “Single Room Occupancy”-Gebäude mit gemeinsam genutzten Zimmern, zweieinhalb mal drei Meter groß, gemeinsame Küchen, Badezimmer, also wirklich mehr wie ein Studentenwohnheim. Vor drei Jahren wurden die Zimmer für 600 bis 700 Dollar vermietet, was schon recht viel ist. Diese Räume bringen nun 1100, 1200, 1300 Dollar im Monat. Der Anstieg der Mieten ist also unglaublich.“

Der jüngste Tech-Boom in der Region hat große Auswirkungen auf San Francisco. In allen Stadtteilen ist die neue Goldgräberzeit zu spüren. Wer Grundstücke und Häuser besitzt kann sehr reich werden. Immobilien sind rar und wenn sie auf den Markt kommen bieten Käufer in der Regel 30 Prozent über dem Angebotspreis, der meist nicht unter einer Million Dollar liegt. Der Großteil der Tech-Angestellten arbeitet im Silicon Valley, in Mountain View, Palo Alto und anderen Kleinstädten südlich von San Francisco. Dort sind die Tech-Giganten wie google, Apple und facebook angesiedelt. Doch wohnen wollen die zumeist jungen Angestellten in der nordkalifornischen Metropole. Geld spielt für sie keine Rolle, die Grundstücks- und Mietpreise steigen dementsprechend. Für Cindy Wu sollte deshalb die Stadt San Francisco mehr mit den umliegenden Gemeinden zusammenarbeiten, um die Wohnungskrise in der gesamten Region zu lösen. Hinzu sind Mietportale wie AirBnB sehr beliebt. Mit dem Tagesmietpreis kann man in einer Touristenstadt wie San Francisco weitaus mehr Geld machen als mit einer Monatsmiete. „Aber all das ist nicht legal nach den Regeln der kurzzeitigen Vermietung, die es in San Francisco gibt. Man muss sich als Person registrieren, um die eigene Wohnung, in der man auch lebt, vermieten zu dürfen. Klar, wenn man in den Urlaub fährt, darf man seine Wohnung vermieten, aber wir sehen “Landlords”, die diese Gesetze umgehen und diese SRO-Wohneinheiten in Hotels umwandeln. Es gibt in der Region de facto eine Wohnraumkrise. Alle Gemeinden in der Gegend müssen mehr Wohnraum schaffen. Es ist nicht fair, dass Mountain View all die neuen Jobs bekommt, aber dort keine neuen Häuser gebaut werden. Der Druck auf den Wohnungsmarkt in San Francisco wächst damit. Das alles zusammen genommen, wird zu einer Herausforderung für Chinatown.“ 

Das Büro des “Chinatown Community Development Center” liegt in der Grant Street, auf der anderen Seite der Columbus Avenue in North Beach, dem “italienschen” Viertel, in dem sich auch die Beatniks breit machten. Von hier laufen Cindy Wu und ich die paar Blocks rüber nach Chinatown, auf dem Weg zeigt sie auf ein Gebäude am Broadway, zwischen Stockton und Grant. Ein weißer Neubau, an dem noch gearbeitet wird. Ein Restaurant soll hier einziehen, sagt sie, doch die Klientel, die man ansprechen will, seien eher junge Berufstätige mit mehr Geld als die traditionellen Bewohner von Chinatown in ihren siebeneinhalb Quadratmeter-Zimmern.

Was auffällt auf den Straßen in Chinatown, sind die vielen älteren Menschen. Das hat einen Grund, meint Cindy Wu: „Viele Alte wohnen in SROs, das ist eigentlich gut. Denn sie haben damit mehr Unabhängigkeit. Man lebt oben, direkt vor der Tür kann man Lebensmittel kaufen, sich mit Freunden treffen. Ich glaube, das hilft den Menschen auch länger zu leben. Das Problem dabei ist, dass keines dieser Gebäude einen Aufzug hat. Mit dem Alter wird es also schwieriger die Treppen täglich rauf und runter zu kommen. Was wichtig ist, diese SROs sind im Herzen von Chinatown, mit allen seinen Services und dem Sprachvorteil.“

Cindy Wu führt mich einen Block weiter zu einem Eckhaus. Hier entzündete sich im vergangenen Jahr der Streit um die Gentrifizierung in Chinatown: „Dieses Gebäude ist 2 Emery Lane. Im letzten Jahr wurde den Mietern mit einer Räumungsklage gedroht. Und das, weil sie nur die Wäsche raushingen und etwas Dekoration zum chinesischen Neujahr in den Flur gehängt hatten. Das war das erste mal, dass wir so eine Kündigung ohne guten Grund im Herzen von Chinatown gesehen haben. Hier den Berg hoch ist Nob Hill, da ist sowas schon öfters passiert. Das haben wir auch verfolgt, auch mit Censusdaten, und dabei fanden wir heraus, dass in den letzten zehn Jahren die chinesische Bevölkerung hier Richtung Nob Hill, also am Rande von Chinatown, sich um zehn Prozent verringerte. Als wir das nun hier bei 2 Emery Lane mitbekamen, war das das rote Tuch “es kommt näher”. Es kommt auf Chinatown zu.“

Ein paar Straßen weiter treffe ich “Charlie”, so will der 63jährige genannt werden. Er lebt seit 18 Jahren in einem Zimmer in Chinatown. Unter der Bedingung, dass ich weder seinen Namen nenne, noch seine Antworten aufnehme führt er mich in seine kleine Behausung in einer Seitenstraße der Stockton Street. Er will keinen Ärger mit seinem Vermieter bekommen, sagt Charlie. Die Einwände, dass der Radiobericht in Deutschland laufen würde, übergeht er einfach. Ich folge ihm über eine steile Treppe nach oben, der Teppich ist durchgelaufen, die Farben an den Wänden blättern ab. Im ersten Stock nach hinten raus ist sein Zimmer, dass er sich mit einem Freund, wie er sagt, teilt. Ein dunkler Raum, in dem ein Stockbett, ein kleiner Schrank, ein Regal zu sehen sind. Nicht viel Platz zum Drehen bleibt. 850 Dollar kostet dieses karge, düstere Zimmer im Monat. Unglaublich, doch immer noch weit unter dem normalen Mietpreis von San Francisco. Charly arbeitet in der Nachbarschaft in einem Supermarkt, fühlt sich wohl in dieser Umgebung. Woanders hin will er nicht, das hier sei sein Zuhause. Er komme kaum aus Chinatown heraus, und das sei gut so, meint der hagere Mann.

Eine Viertelstunde später sitze ich am “Portsmouth Square Plaza” an der Kearny Street. Hier stößt Chinatown an den Financial District, die Neubauten aus Glas und Beton werfen einen gewaltigen Schatten auf die ein- und zweistöckigen Gebäude des Viertels. Auf dem Platz viele ältere Männer und Frauen, die zusammen sitzen und Karten spielen. Charlys Geschichte geht mir nicht aus dem Kopf. Nicht die Wohnungen oder besser Wohnumstände sind hier wichtig, es ist die Nachbarschaft, das Zusammengehörigkeitsgefühl, die vertraute kulturelle und sprachliche Umgebung, die hier in Chinatown zählt. Das Leben spielt sich mehr auf der Straße ab, nicht so sehr in den eigenen vier Wänden. Und das würde mit einem weiteren Wohnraumverlust in Chinatown auch verloren gehen.

Cindy Wu sieht durchau den Wandel der Zeit. San Francisco ist eine teure Stadt mit kaum noch bezahlbarem Mietraum geworden. Weite Teile San Franciscos sind schon Opfer der Gentrifizierung geworden, wie die Tenderloin, South of Market, der Haight-Ashbury Distrikt, Castro und die Mission Gegend. Selbst auf der anderen Seite der Bay in Oakland, ziehen die Miet- und Grundstückspreise an. Oakland liegt derzeit unter den Top-Drei Städten im ganzen Land bei den Mietpreiserhöhungen. Von daher weiß Cindy Wu, dass diese Entwicklung nicht Halt machen wird vor Chinatown, und dennoch hat sie Hoffnung für diesen alten Distrikt San Franciscos. „Ich bin ganz ehrlich, ich glaube wir können eigentlich die Nachbarschaft nur stabilisieren. Stützen, bis sich dieser aufgeheizte Immobilienmarkt wieder abkühlt. Wir sehen gerade total überzogene Preise. Der Markt ist, was er ist. Wir versuchen auch nicht den Markt zu verändern, nur, dass all die Regeln eingehalten werden und der Wohnraum so genutzt wird, wie er soll. Wie ich Chinatown in zehn Jahren sehe? Ich glaube, dass hier wird ein starkes Chinatown bleiben. Der Bebauungsplan ist beispiellos und zeigt, was zum Schutz von Chinatown getan werden kann. Wir werden sicherlich einen demographischen Wandel sehen, aber ich habe die Hoffnung und bin optimistisch, dass es auch weiterhin ein Ort sein wird, an dem einkommensschwache Menschen leben können.“

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All you need is….money

Reich ist nicht gleich reich in San Francisco.

Reich ist nicht gleich reich in San Francisco.

Die San Francisco Bay Area ist teuer, sündhaft teuer. Wer hierher ziehen will, sollte tiefe Taschen voller Geld haben. In San Francisco liegt die Monatsmiete für eine Einzimmerwohnung bei derzeit rund 3600 Dollar. Gleich gegenüber der Bay, nur eine Brücke entfernt in Oakland ist es nicht viel anders. Die Mietpreise steigen in astronomische Höhen. Oakland ist derzeit einer der „hottest rental markets in the country“. Den Wandel dieser alten Arbeiterstadt kann man sich nun bildlich vorstellen. Und auch Gründstückspreise haben jede Bodenhaftung verloren. Wer sich hier in der Region ein Haus kaufen will, darf für eine Million Dollar nicht viel erwarten.

Nun haben die Investmentbanker von Charles Schwab eine Untersuchung in Auftrag gegeben, um der Frage nachzugehen, ab wann man in der Bay Area als „wohlhabend“ eingestuft werden kann? Das Ergebnis ist eindeutig. Mit einer Million Dollar als Polster sehen sich hier viele nur in einer „komfortablen“ Situation. Das ändert auch nichts, wenn man zwei, drei, vier oder fünf Millionen Dollar als Rückhalt hat. Erst mit einem Reichtum von sechs Millionen Dollar gilt man in der San Francisco Bay Area als „wohlhabend“. Geld ist hier genug im Umlauf, Geld spielt keine Rolle in der google-apple-facebook Welt.

Wer San Francisco, Oakland und Berkeley, Sonoma, San Jose und die East-Bay in den 80er und frühen 90er Jahren kennengelernt hat, der wird all diese Orte heute nicht mehr erkennen. Die kulturelle Vielfalt, die Sukulturen, der lebendige Underground dieser Region sind heute kaum noch zu finden. Geld regiert die Welt, das ist hier und heute besonders zu spüren und zu erleben.

Eine Frau mit Vision

Gestern hatte ich für ein längeres Feature ein Interview mit der Bürgermeisterin von Oakland, Libby Schaaf. Sie ist ein Kind der Stadt, wurde hier geboren, wuchs hier auf, engagierte sich schon früh für ihre Heimatstadt. Nach verschiedenen administrativen Aufgaben wurde sie „Council Member“, eine Art Stadtrat. Und dann kandidierte sie im vergangenen Jahr für das Amt der Bürgermeisterin. „Made in Oakland“ war ihr Wahlkampfslogan, der nicht nur ausdrückte, dass sie hier geboren wurde, sondern auch ihren Stolz eine Oakländerin zu sein. Sie wurde für viele überraschend im ersten Wahlgang gewählt.

Oaklands Bürgermeisterin Libby Schaaf.

Oaklands Bürgermeisterin Libby Schaaf.

Libby Schaaf betont im Gespräch immer wieder, was für eine schöne Stadt Oakland ist. Eine Stadt, die sich nicht verstecken muß, schon gar nicht hinter der nordkalifornischen Metropole San Francisco. Oakland ist eine der ethnisch interessantesten Städte Amerikas. Es ist keine Megacity with LA oder New York, und doch trifft man hier Menschen aus aller Herren Länder mit den verschiedensten kulturellen Wurzeln. Die Kunst- und Kulturszene boomt, neue Restaurants werden fast wöchentlich eröffnet, Oakland verändert sich im Sauseschritt. Dazu kommt, wie Libby Schaaf gerne betont, die Schönheit der Stadt. 20 Meilen Ufer, ein See mitten in Downtown, Redwood Bäume in den Hills, das bessere Wetter als die Stadt hinter der Bay Bridge und dazu noch fantastische Ausblicke auf das Golden Gate.

In dem Interview ging es um die Gentrifizierung in San Francisco. Viele ziehen von der einen Seite der Brücke auf die andere Seite nach Oakland. Gerade Künstler und Kulturschaffende kommen, die in der East-Bay noch bezahlbaren Wohnraum und Studios finden, zum Teil in den alten leerstehenden Industrieanlagen. Hinzu kommen Restaurants, die in San Francisco ihre Türen schlossen, um in Oakland etwas neues zu eröffnen.

Libby Schaaf sieht die Chance, die sich durch diese Bereicherung bietet, durchaus realistisch. Denn auch in Oakland steigen dadurch die Miet- und Grundstückspreise. Doch es gibt Ansätze und Maßnahmen, um die Gentrifizierung in Oakland unter Kontrolle zu bekommen. Die 49jährige Schaaf ist dennoch eine Visionärin, die mitreißen kann. Sie glaubt an die Stadt, an die kreative Energie, die hier existiert, an die Zukunft Oaklands. Die 100 Tage Schonzeit als Bürgermeisterin hat sie schon hinter sich. Auch wenn sie keine Wunderheilerin für die tiefen Wunden und zahlreichen Narben der Stadt ist, die Stimmung ist nach wie vor positiv in Oakland. Ihre offene, ehrliche und angenehme Art hat ein ganz neues Klima geschaffen. Es ist ein lokales „Yes, we can“ Gefühl, das sich breit macht und das Oakland richtig gut tut.

Der Ausverkauf von San Francisco

Seit 1987 kenne ich San Francisco. Anfangs für ein paar Jahre als regelmäßiger Tourist, dann als Jahrespraktikant in einer Einrichtung für mißhandelte und sexuell mißbrauchte Kinder am Alamo Square. Danach kam ein dreimonatiges Praktikum bei einer deutschsprachigen Zeitung und schließlich zog ich im Sommer 1996 ganz in die „City by the Bay“. In all den Jahren habe ich viele Stadtteile kennen und lieben gelernt, erlebt und durchlebt. Haight/Ashbury, die Mission, Outer Richmond, Sunset, Castro, Tenderloin, South of Market.

Anfang der 90er Jahre tauchte ich voll ins Bar und Clubleben der Mission ein. Das waren die Zeiten der irrwitzigen „Open Mic Poetry Readings“, als Mike Boner nur in Nylonstrumpfhose auf der kleinen Bühne der „Chameleon Lounge“ auf der Valencia stand und seltsame Sachen vortrug. Danach einer, der im Alkoholsuff ein Gedicht schrieb, doch dann seine eigene krakelige Handschrift nicht mehr lesen konnte. San Francisco war wild. Überall passierte etwas. Dann kam der DotCom Boom und viele Künstler, Musiker, Autoren zogen weg. Teils nach Oakland, teils in andere Teile der USA, teils sogar nach Berlin. Damals gab es eine enge Verbindung zwischen der nordkalifornischen Metropole und der deutschen Hauptstadt.

Das Lucky 13 auf der Market Street soll schon bald nicht mehr sein.

Das Lucky 13 auf der Market Street soll schon bald nicht mehr sein.

Ich wohnte Ende der 90er Jahre schon in Oakland, aber war wöchentlich mit Freunden unterwegs. Wir zogen durch die Dive Bars, die noch da waren. Ich weiß gar nicht, wie der Club in Chinatown hieß, doch dort spielte der „Extreme Elvis“ ein denkwürdiges Konzert. Oben eine chinesische Bar, hinten ging dann eine enge Treppe in den Keller runter. Die Decke war niedrig, von Brandschutz hatte hier noch niemand gehört. Und dann kam er, der „Extreme Elvis“. Ein sehr beleibter Elvis Imitator, der schon nach wenigen Minuten nackt auf der kleinen Bühne stand und dann seinen schwitzigen Körper durch die Menge schob, vor allem auf kreischende Frauen zu.

Ich fühle mich schon fast dazu hingerissen zu schreiben „waren das noch Zeiten“. Aber damit klingt man so altklug, und das will ich mit fast 47 ja nun wirklich noch nicht sein. Doch San Francisco hat sich verändert, erneut verändert. Mit dem Wirtschaftscrash vor ein paar Jahren erholte sich die Lage leicht, doch damit ist nun Schluß. Die Mieten und Grundstückspreise steigen ins Unvorstellbare. Für eine Einzimmerwohnung zahlt man mittlerweile 3600 Dollar Monatsmiete, so viel wie nirgends sonst in den USA. Für leere Grundstücke in einigermaßen guten Gegenden legen Investoren auch schon mal 1,3 Millionen Dollar auf den Tisch, um darauf sündhaft teure Luxus Condos zu bauen.

Der Wohnraum ist knapp in San Francisco, das Geld liegt auf der Straße, noch nie lebten hier so viele Millionäre wie heute. Es ist eine neue Goldgräberzeit angebrochen. Einige machen richtig fett Kohle mit Vermietungen, Hauskäufen, Renovierungen und Neubauten. Klar, dass da nach jeder Möglichkeit gesucht wird. Wer hier und heute seine Wohnung verliert, findet in San Francisco keine Bleibe mehr. Eine Bekannte von mir muß nach 25 Jahren in San Francisco wegziehen, da ihr Vermieter Eigennutzung angemeldet hat. Sie hat keine Chance eine neue Wohnung zu finden.

Der Trend macht auch vor alteingesessenen Kneipen nicht halt. In der Mission mussten vor kurzem gleich zwei Bars dichtmachen, der „Lexington Club“ und „Esta Noche“. Der Besitzer des Hauses, in dem der „Elbo Room“ an der Valencia Street untergebracht ist, hat beantragt, das Haus abreißen zu dürfen, um Luxuswohnungen bauen. Und nun die Nachricht, dass auch das „Lucky 13“ verschwinden soll. Der Grundstücksbesitzer will das Haus aus dem Jahr 1906 platt machen lassen, um hier neu zu bauen. Das „Lucky 13“ fällt jedem deutschsprachigen Touristen gleich auf, der mit einer der historischen Straßenbahnen die Market hoch zum Castro Viertel fährt. Draußen am Haus hängt das gelbe Umleitungsschild aus Deutschland.

Der „Elbo Room“ auf der Valencia ist ein bekannter Musikclub, unten eine Bar, oben Konzerte. Und „Lucky 13“ ist so eine Dive Bar, wie man sie sich vorstellt. Die Jukebox hat nur Punkplatten, eine lange Theke, gutes Bier, alles wirkt etwas schmudellig, aber so passend für San Francisco. Hier legten auch immer die KUSF DJs ihre schräge Mischung auf. Ob das „Lucky 13“ nun weichen wird ist noch nicht ganz klar, das Haus könnte unter Denkmalschutz stehen. Doch die Richtung ist klar, alles wird erneuert, anders gemacht, um möglichst viel Profit zu erzielen. San Francisco verliert sich derzeit im Geldsegen. Am Ende wird eine begradigte und beschönigte Glanz- und Glittermetropole bleiben, in der die wenigsten nur noch leben können, die diese Stadt ausmachte und noch ausmacht. Man wird wehmütig, wenn man an die vielen Geschichten aus längst vergangen Tagen denkt. Oh weh!