Gesund hinter Gittern

In den amerikanischen Gefängnissen sitzen rund zweieinhalb Millionen Menschen ein. Fast die Hälfte davon sind Afro-Amerikaner, die in der Gesamtbevölkerung gerade mal einen Anteil von 13 Prozent ausmachen. Allein diese Zahl zeigt, dass etwas schief läuft in der amerikanischen Gesellschaft.

Nun hat auch noch eine Langzeitstudie herausgefunden, dass Schwarze im Gefängnis länger überleben, als wenn sie in Freiheit und auf der Straße wären. Der Anteil der Schwarzen, die im Gefängnis starben, war genauso hoch wie der der Weißen. Draußen ist das ganz anders. Afro-Amerikaner haben in der amerikanischen Gesellschaft in jeder Altersgruppe eine höhere Sterblichkeitsrate als Weiße. Das bedeutet, dass sogar das zweifellos fehlerhafte Gesundheitssystem hinter Mauern besser ist, als die mangelnde Gesundheitsversorgung vieler Afro-Amerikaner in Freiheit. Die Daten zeigen eindeutig, dass erkrankte Häftlinge eine bessere Überlebenschance hinter Gittern haben, als in ihrem normalen Umfeld in Freiheit.

Die Konsequenz sei, so die Wissenschaftler, dass die Situation draussen für Afro-Amerikaner verbessert werden müßte und, dass sie einen besseren und sichereren Zugang zu einer funktionierenden Gesundheitsvorsorge und -versorgung bekommen müßten. Wahrscheinlich jedoch wird diese Studie auch, wie schon viele andere vorher, zu den Akten gelegt werden. Im „Melting Pot“ USA passen solche Nachrichten so gar nicht in das nach aussen verkaufte friedliche Bild des „American Dreams“ mit seinen gleichen Chancen für jedermann.

Palin packt es nicht mehr

Sarah PalinSarah Palin ist für viele Republikaner und Konservative in den USA eine tolle Frau, eine Politikerin mit Sex Appeal und Charisma, wie einige Coverstories in konservativen Blättern belegen sollen. Einige reden von ihr bereits als die kommende Präsidentin. Palin wird umhätschelt und gelobt, wo es eigentlich gar keinen Grund gibt. Und auch die jüngsten Nachrichten aus dem Palin Umfeld werden stillschweigend übergangen. Ihre Abzocke bei den „Freebies“, den Geschenken an die Stars und Sternchen im Vorfeld der Oscar Verleihungen, oder nun auch ihr Eingeständnis, dass sich die Politikerin auch schon in Kanada ärztlich behandeln liess, werden unter den Tisch gekehrt.

Interessant ist beides, denn Palin kritisiert immer wieder Hollywood und die Dekadenz der Traumfabrik, macht aber auch die Taschen auf, wenn es um Geschenke geht. Und dann vor allem ihre Kritik an der Gesundheitsreform von Präsident Obama, der ja ein sozialistisches System einführen wolle, wie es die Europäer und die Kanadier hätten, so Palin. In den USA, so die frühere Gouverneurin von Alaska, hätte man doch das beste Gesundheitssystem der Welt. Von daher ist es eine besondere Meldung wert, nun auch mal zu verkünden, dass selbst Sarah Palin sich in Kanada medizinisch versorgen lässt. Im Land der Unbegrenzten Möglichkeiten gilt eben auch die Freiheit der Arztwahl…auch wenn der in Kanada ist.

Besuch beim Arzt

Am Freitag war ich mal wieder beim Hausarzt. Ein „Physical“ stand an, also ein totaler „Check up“…oder das dachte ich zumindest. Eine Sprechstundenhilfe im weissen Kittel wog mich (viel zu viel!), nahm den Puls und den Blutdruck und dann wartete ich auf Frau Doktor.

Sie kam, stellte ein paar Fragen, checkte nochmals meinen Blutdruck, hörte Lunge und Herz ab („Take a deep breath“) und schaute mir in die Ohren („You don’t have a lot of ear wax“). Und dann meinte sie, ich solle noch eine Blutuntersuchung machen lassen, die Ergebnisse könnte ich danach telefonisch abfragen. Sie drückte mir eine Überweisung zum Hautarzt in die Hand, meinte aber, ich solle noch zwei Wochen warten, um einen Termin auszumachen, denn erst einmal müsse meine Versicherung der Überweisung zustimmen. Das ist Amerika, das ist das amerikanische Gesundheitssystem. Ein Bürokrat am Schreibtisch muss jetzt darüber entscheiden, ob ich mein sich veränderndes Muttermal ärztlich von einem Spezialisten untersuchen lassen darf oder nicht.

Ach ja, mein nächstes „Physical“ hat Frau Doktor für Juni 2010 angesetzt.

Gemma moal zm Dogda

Ich habe mich noch nie so auf eine Arzttermin gefreut. Am 31. März in Nürnberg. Ja, ich weiss, ich lebe in den USA, dem Land, in dem es die besten Ärzte und die superdupermedizinische Forschung gibt. Aber mal ganz ehrlich, das ist so ein Humbug. Na ja, vielleicht stimmt das ja sogar, aber als normal Versicherter bekommt man davon nicht viel mit.

Ich könnte jetzt hier eine ganze Reihe von Beispielen aufführen, die mir persönlich widerfahren sind oder die ich bei engen Freunden miterleben musste. Aber ich konzentrier mich jetzt einfach mal auf einen Arzttermin, und der ist typisch für das, was einem in den USA passieren kann.

Also das war so…Ich ging zum Hausarzt und besorgte mir eine Überweisung zum Urologen. Da das ein Facharzt und man selber nur ein unbedeutender Patient ist, muss man fünf Monate Wartezeit in Kauf nehmen. In der Zwischenzeit hofft man einfach mal, dass der Grund, warum man zum Facharzt will, nicht grösser wird, platzt, explodiert oder was weiss ich, was man sich alles so in schlaflosen Nächten ausmalt.

Und dann ist man endlich beim Urologen und fühlt sich richtig privilegiert, dass man da auf einen Dr. Wiener (im Amerikanischen – und das ist jetzt kein Witz – auch noch ein Wort für das männliche Geschlechtsteil) wartet.

Der Doc kommt rein, fragt einen eine ellenlange Latte an Fragen ab und gibt dann bekannt, man solle die Hose runterziehen, sich bücken und mal kräftig husten. Doch dann unterlief mir ein Fehler und Doktor Wieners Gesicht leuchtete auf. Sofort griff er zum Rezepteblock und verschrieb mir eine Packung Viagra. Meinem fragenden Gesicht konnte er ablesen, dass ich nun etwas schockiert war, doch der Doc versuchte mich mit den Worten zu beruhigen; „Versuchen Sie das einfach mal, das hilft bestimmt.“ Und dann meinte er noch, um auch ganz sicher zu gehen, dass alles in Ordnung sei, solle ich mich doch noch einem Spermatest unterziehen. Allerdings würde meine Krankenkasse das nicht zahlen.

Na gut, also willigte ich weisserkittelhöriger Trottel ein und verliess mit einer Überweisung die Urologenpraxis, fuhr mit dem Aufzug zwei Stockwerke höher, um schliesslich vor einer Art Spermabank zu stehen. Am Empfang eine etwas beleibte russische Mama im weissen Kittel. Etwas gebrochen Englisch sprechend gab sie mir einen Termin, an dem ich nüchtern und für drei Tage enthaltsam lebend zurück kommen dürfe.

Der Tag kam und ich wunderte mich über mich selbst, dass ich sowas überhaupt mitmachte. Morgens um 8 stand ich wieder vor der russischen Mama im weissen Kittel und fragte mich, warum ich hier um 8 Uhr erscheinen musste, ohne Kaffee im Magen, denn Spermien schwimmen doch eigentlich den ganzen Tag über. Mütterchen Russland brachte mich in einen Raum, der wahrlich an sowjetische Zeiten erinnerte. Grelles Neonlicht empfing mich, an der Wand eine durchgesessene Kunstledercouch, ein Schülerschreibtisch für einen Meter sechzig grosse 15jährige und darauf ein paar zerfledderte Playboy und Hustler Magazine. Ivana, ich nenn sie jetzt einfach mal so, merkte noch an, dass auch ein paar DVDs zur Verfügung ständen. Sie übergab mir mit ernstem Gesicht einen Plastikbecher, verliess den Raum und liess mich und mein Schicksal alleine.

Hm, was nun, dachte ich mir. Die Kunstledercouch sah nicht gerade einladend aus. Wer da wohl schon alles mit herunter gelassener Hose draufgesessen hatte? Und die abgenutzten Playboyhefte traute ich mich gar nicht anzufassen. Also mal sehen, was der DVD Player hergibt. Ingrid Steeger sah in Klimbin erotischer aus, als diese Dame in der Duschkabine, die sich langsam und gelangweilt einseifte. Puh, was nun…

Nach knapp 15 Minuten klopfte es an die Tür. Ivana fragte, ob alles in Ordnung sei. „Yes, sure, just a minute“. Nein, war es nicht. Was mach ich hier nur. Himmel Herr Gott, lass einen Blitz herab fahren….Mit hochrotem Kopf und Schweissperlen auf der Stirn trat ich schliesslich vor Ivana, die ganz geschäftig hinter ihrem Schreibtisch sass, kurz mitleidig aufblickte, den Becher in Empfang nahm und einen Aufkleber darauf pappte.

Lange Rede, kurzer Sinn…das amerikanische Gesundheitssystem ist total im Eimer. Das war nur eine Episode von vielen…oder möchten Sie darüber lesen, wie ich mit einem Blinddarmdurchbruch im OP lag, doch der Anästhesist auch nach mehrmaligem Anpiepsen nicht erschien…oder wie wäre es mit meinem krummen linken Mittelfinger, der das Ergebnis eines Autounfalls ist. Der Arzt erklärte mir, „no problem, that’s a homerun“. Ja, nichts mit locker-flockig, krumm ist der Finger geblieben, auch nach einer 16000 Dollar Rechnung….Oder sollen wir doch lieber in die ernsteren Dinge eintauchen. Ein Freund, der nach einer Gehirnoperation, Tumorentfernung, nach zweieinhalb (!) Tagen aus dem Krankenhaus entlassen wurde, ohne dass ein Arzt auch nur danach fragte, ob er zu Hause versorgt würde. Als mich seine Frau um zwei Uhr Nachts aus dem Bett klingelte und fragte, ob ich kommen könne, da er seit fünf Stunden auf der Toilette sitze und sie ihn nicht hochheben könne, war das der Anfang meiner Zweifel am amerikanischen Gesundheitssystem. Und meine Schwiegermutter, der aufgrund von massivem Fehlverhalten durch Ärzte und Pflegepersonal das Leben sprichwörtlich versaut wurde….Na, ich höre hier auf…

Auf jeden Fall hätte ich mir nie denken können, dass ich mich mal auf einen Arztbesuch in Nürnberg freue….