Die einstige „Boom-Town“ im Norden

Die Hauptstraße in Calumet, Michigan, läßt die Hochzeit der Stadt noch erahnen.

Die Hauptstraße in Calumet, Michigan, läßt die Hochzeit der Stadt noch erahnen.

Hoch oben, ganz im Norden der „Upper Peninsula“ von Michigan liegt Calumet, eine Kleinstadt mit gerade noch etwas über 700 Einwohnern. Das war mal anders. Anfang des 20. Jahrhunderts lebten hier noch fast 30.000 Menschen. Das war zu einer Zeit, als in der Region der Kupferbergbau der Motor der Wirtschaft war. Doch das ist lange her. Heute erinnern noch zahlreiche alte Gebäude an diese glorreiche Zeit. Calumet war einmal „Boom-Town“, wie es ein lokaler Historiker umschrieb. Damals sollte die Kleinstadt sogar zur Hauptstadt Michigans ernannt werde. Täglich kamen mehrere Züge aus Chicago, Detroit und Minneapolis an, die Fähren pendelten regelmäßig über den „Lake Superior“, das kulturelle und soziale Leben in der Kleinstadt brummte.

Doch das ist lange her, heute findet man in „Downtown“ Calumet viele zugenagelte Ladenfronten, Häuser verfallen, die Stadt ist nur noch ein armes Zeugnis von dem, was es einmal war. Und dann ist da in einer Parallelstraße zur 6th Street ein kleiner Park. Ein Torbogen, ein paar Gedenktafeln, ein historischer Ort der amerikanischen Arbeiterbewegung und der italienischen Einwanderer in den USA. Am Heiligabend 1913 starben hier 73 Menschen, davon 59 Kinder. Während einer Weihnachtsfeier streikender italienischer Minenarbeiter schrie jemand „Feuer“ in den überfüllten Raum im ersten Stock. Die Menge stürzte panisch die einzige Holztreppe hinunter, doch die Tür nach draußen ließ sich nicht öffnen. Bis heute ist unklar wer „Feuer“ brüllte und warum der Ausgang verschlossen war.

Eine Tafel der Gewerkschaft am Torbogen erinnert an den Kampf der streikenden Arbeiter.

Eine Tafel der Gewerkschaft AFL-CIO am Torbogen erinnert an den Kampf der streikenden Arbeiter.

Es gibt viele Theorien zum „1913 Massaker“. Eine, wohl die wahrscheinlichste davon vertonte der amerikanische Folksänger Woody Guthrie. Er singt von den streikenden Arbeitern und den Firmenbossen, die Leute anheuerten, um den Arbeitskampf zu beenden.

„The copper boss‘ thugs stuck their heads in the door,
One of them yelled and he screamed, „there’s a fire,“
A lady she hollered, „there’s no such a thing.
Keep on with your party, there’s no such thing.

A few people rushed and it was only a few,
„It’s just the thugs and the scabs fooling you,“
A man grabbed his daughter and carried her down,
But the thugs held the door and he could not get out.

And then others followed, a hundred or more,
But most everybody remained on the floor,
The gun thugs they laughed at their murderous joke,
While the children were smothered on the stairs by the door.“

Calumet war nach diesem Massaker nicht mehr die gleiche Stadt. Fast jede italienische Familie in der Region war betroffen. Kurze Zeit danach schlossen auch noch die ersten Minen in der „Keweenaw Peninsula“, wie dieser Teil Michigans genannt wird. Der Kupferabbau wurde zu teuer, obwohl in dieser Region der reinste Kupfer der Welt zu finden ist. Der Anfang des Abstiegs begann, die einst boomende Kleinstadt versank in der Bedeutungslosigkeit. Der kleine Park an der Ecke 7th and Elm Street erinnert heute an die „große“ Zeit Calumets und an die größte Katastrophe im Ort.

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Von Genossen und Gläubigen am Golden Gate

1911 – Dienstag der 14. November: “Genosse Schlender lud zu einer Gründungsveranstaltung des “Allgemeinen Arbeiterbildungvereins” in die Tiv Halle ein”.

Der Arbeiterbildungsverein von San Francisco.

Der Arbeiterbildungsverein von San Francisco.

Das ist der erste Eintrag in die Protokollbücher des Arbeiterbildungsvereins San Francisco, dem einzigen überhaupt in den Vereinigten Staaten. Gegründet wurde er von Sozialdemokraten und Gewerkschaftlern, die Deutschland aus politischen Gründen verlassen, doch ihre politische Überzeugung nicht vergessen hatten. An der amerikanischen Westküste wollte man sich mit diesem Verein gegenseitig unterstützen, einen Raum für fachliche und politische Fort- und Weiterbildung schaffen, aber auch durch kulturelle Veranstaltungen den Kontakt zur “Alten Heimat” nicht verlieren. Man orientierte sich an den Arbeiterbildungsvereinen, die bereits seit den 1830er Jahren im Deutschen Reich entstanden waren.

Am Ende des 19. Jahrhunderts verschlimmerte sich die Situation für Mitglieder der sozialdemokratischen und sozialistischen Bewegung in Deutschland. Reichskanzler Bismarck nutzte 1878 zwei Attentate auf Kaiser Wilhelm für das sogenannte “Sozialistengesetz”. Damit wollte er einen “Vernichtungskrieg führen durch Gesetzesvorlagen, welche die sozialdemokratischen Vereine, Versammlungen, die Presse, die Freizügigkeit (durch die Möglichkeit der Ausweisung und Internierung) träfen.“( Zit. nach Ullrich: Bismarck, S. 106). Viele Sozialdemokraten und Gewerkschaftsmitglieder verließen in den Folgejahren Deutschland. Sie glaubten an eine bessere Zukunft in Übersee. Auch die Weigerung vieler, nicht in der kaiserlichen Armee dienen zu wollen, machte die Auswanderung unumgänglich.

Das weit entfernte San Francisco war für viele das Ziel. Um die Jahrhunderwende war die nordkalifornische Metropole eine boomende Stadt mit Arbeitsmöglichkeiten in der produzierenden Industrie. Hinzu kam das angenehme Klima und eine große deutsche Gemeinde mit vielfältigen kulturellen und sportlichen Angeboten, Gesangsvereinen und Hilfsorganisationen. Und es gab eine lebendige Kirchengemeinde. Die deutschsprechenden Protestanten feierten ihre Messen in der St. Mark’s, St. Paulus, St. Matthew’s, St. John’s, St. Andrew’s und in der Zion Lutheran Church. Die Katholiken zog es nach St. Boniface und St. Anthony’s. Es gab drei Methodisten und drei deutschsprachige evangelikale Kongregationen. Auch die deutschen Baptisten hatten ihre eigene Kirche. Hinzu kamen zwei Synagogen, Emanu-El und Ohabei Shalome, die Gottesdienste für die deutschen Einwanderer feierten. Durch das verheerende Erdbeben von 1906 wurden viele Gotteshäuser zerstört oder beschädigt. Am 15. Mai 1907 wurde daher der Grundstein für den Neubau der St. Matthew’s Church, gleich gegenüber der San Francisco Mission gelegt. Dort steht die Kirche noch immer und bietet den Deutschen am Golden Gate auch heute noch allwöchentlich einen deutschsprachigen Gottesdienst.

In den Protokollbüchern des Arbeiterbildungsvereins ist alle Aktivitäten der Anfangsjahre festgehalten worden.

In den Protokollbüchern des Arbeiterbildungsvereins sind alle Aktivitäten in den Anfangsjahren des Vereins festgehalten worden.

Die Sozialdemokraten fanden auch hier am Pazifik schnell aufgrund ihrer “roten Wurzeln” zusammen, sprachen sich mit “Genosse” an, was auch in den Protokollbüchern des frisch gegründeten Arbeiterbildungsvereins übernommen wurde. Die Mischung aus Kultur und Politik bescherte dem Verein viele Mitglieder. Eine 10.000 Bücher umfassende Bibliothek half der Weiterbildung, eine eigene Theatergruppe führte deutsche Schauspiele auf, der eigene Chor hatte allein rund 200 Mitglieder. Daneben wurden politische Schulungen und Sprachkurse angeboten.

Während der Erste Weltkrieg in Europa tobte und die Anti-Deutsche Haltung in den USA zunahm, rückte man im Verein enger zusammen. Doch auch der Druck von außen verlangsamte den Mitgliederzuwachs nicht. In den 20er Jahren erreichte der Arbeiterbildungsverein San Francisco mit über 1000 Mitgliedern seinen Höhepunkt. Auch weiterhin half man Neuankömmlingen mit Weiterbildungsmöglichkeiten und in den Tagen der großen Depression organisierte der Verein sogar eine Küche für verarmte Mitglieder. Auch die deutschen Kirchen halfen, wo immer es ihnen möglich war. All das unterstützte auf breiter Flur die Verwurzelung der Deutschen in der San Francisco Bay Area. Unzählige Ladeninhaber kamen als arme Immigranten an die amerikanische Westküste und arbeiteten sich nach oben. Und man vergaß nie die Herkunft. Spendensammlungen wurden organisiert, u.a. für streikende Arbeiter in der alten Heimat und für “die kommunistischen Kinder in Deutschland und Österreich”. Aus Deutschland reisten sogar Reichstagsabgeordnete an, um in der vereinseigenen Tiv Halle vor vollem Haus Reden über die sozialistische und sozialdemokratische Bewegung zu geben. Politisch war der Arbeiterbildungsverein offen für Sozialisten, Sozialdemokraten und Kommunisten. Als 1924 Lenin verstarb, wurde im Protokollbuch festgehalten, dass es eine Abstimmung darüber gab, ob man in der Tiv Halle ein Portrait des sowjetischen Führers aufhängen sollte. Der Antrag wurde angenommen.

Verwurzelt in der proletarischen Tradition und mit einer starken Mitgliederzahl im Rücken war der Arbeiterbildungsverein San Francisco auch tatkräftig am Aufbau der Gewerkschaftsbewegung vor Ort beteiligt. Man organisierte die Arbeiter in den zahlreichen Fabriken, den Produktionsstätten und im Hafenbereich.

Die Wende für den Arbeiterbildungsverein San Francisco kam mit der Machtübernahme Hitlers 1933. In der eigenen Tiv Halle kam es immer wieder zu heftigen Diskussionen. Einige wenige Mitglieder applaudierten dem starken Führer und betonten, Deutschland brauche genau so einen Mann in dieser schwierigen Zeit. Doch der Großteil der Vereinsmitglieder stand zu seinen “roten Wurzeln” und verwies in den Diskussionen auch darauf, was in Deutschland mit Sozialdemokraten, Sozialisten, Kommunisten und organisierten Arbeitervertretern passierte. Ein ideologischer Bruch ging durch die eigenen Reihen.

Die evangelische St. Matthews Lutheran Church in San Francisco ist auch berühmt für ihre Kirchenfenster.

Die evangelische St. Matthews Lutheran Church in San Francisco ist auch berühmt für ihre farbenfrohen Kirchenfenster aus dem 19. Jahrhundert.

Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde es für die Deutschen in San Francisco schwieriger offen aufzutreten. Nach dem japanischen Überfall auf Pearl Harbor und dem Kriegseintritt der USA wuchs die ablehnende Haltung gegenüber allem Deutschen. Die Bewegungs- und Versammlungsfreiheit wurde für die deutschen Vereine und Organisationen drastisch beschnitten. Ganz anders für die deutsche Gemeinde von St. Matthew’s. Die Kirche wurde weder geschlossen noch beschädigt, auch durften weiterhin Messen in deutscher Sprache geführt werden. Pastor Hermann Lucas setzte sich sogar für die rund 5000 deutschen Kriegsgefangenen ein, die auf Angel Island, Treasure Island und im Presidio von San Francisco interniert waren. Mit dem Ende des Krieges in Europa mobilisierten die Gemeinden von St. Matthew’s und St. Boniface eine breite Hilfswelle für die deutschsprachigen Länder. St. Matthew’s wurde zum Zentrum der Aktion. 18 Monate lang wurden Tag für Tag Pakete gepackt, geschnürt und nach Übersee verschickt. Hinzu kamen rund 100.000 Dollar an Geldspenden für die Glaubensbrüder und –schwestern in der alten Heimat, die an das Evangelische Hilfswerk überwiesen wurden.

Der innere Unfrieden und der erneute Druck von außen, brachten den Arbeiterbildungsverein hingegen fast an seine Grenzen. Die Mitliederzahl sank erheblich und man konzentrierte sich von nunan mehr auf ein gemütliches Beisammensein, als auf die ursprüngliche politische Ausrichtung.

Mit dem Ende des Krieges stand auch eine Neuausrichtung und ein Neuanfang für den Verein an. Die Mitglieder sehnten sich nach Informationen von drüben. Redner wurden eingeladen, um über die Situation im zerbombten Deutschland zu sprechen. Im Oktober 1947 kam der Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei, Kurt Schumacher, für ein Treffen der “American Federation of Labor (A.F.L.)” nach San Francisco. Er besuchte dabei auch die Genossen des Arbeiterbildungsvereins in ihrer Tiv Halle, um über die schwierige Lage im Nachkriegsdeutschland zu berichten. Das Publikum, so ein Eintrag ins Protokollbuch, war begeistert davon, einen so hochrangigen Gastredner gewinnen zu können. Als Dank für den Besuch übergaben sie Schumacher einen Scheck für die notleidende Bevölkerung in Deutschland. Das war auch als eine symbolische Geste gedacht, um zu zeigen, wie sehr man noch mit der alten Heimat verbunden blieb.

Mit den 50er Jahren erlebte San Francisco eine neue Welle deutscher Immigranten. Viele von ihnen waren froh darüber, hier am Pazifik auf eine florierende deutsche Gemeinde, mit Geschäften und Vereinen zu stoßen. Doch aufgrund der eigenen Erfahrungen in Nazi- und dem Nachkriegsdeutschland wollten sie sich nicht auf eine politische Organisation einlassen. Gefragt waren mehr kulturelle Veranstaltungen, Tanzabende und Konversationsgruppen. Die neue Führung des Arbeiterbildungsvereins war die erste, die nicht aus der starken Arbeiterbewegung der 20er Jahre kam. Sie luden Redner ein, die eher über deutsche Schriftsteller wie Heinrich Heine als über den Sinn und Zweck der politischen Bildung sprachen. Der langjährige Präsident des Arbeiterbildungsvereins, Karl Hartmann, der selbst 1953 von Hannover nach San Francisco kam, faßte es vor versammelter Mitgliedschaft so zusammen: “Das Grundübel ist über Politik und Religion zu diskutieren. Jeder kann seine Meinung und seine Überzeugung haben, aber im Verein reden wir nicht mehr darüber.”

Die meisten Mitglieder folgten damals seinem Appell, der Verein erstarkte wieder. Man konzentrierte sich fortan auch auf die Bewahrung der deutschen Kultur und Sprache in der San Francisco Bay Area. So unterstützte man die Samstagsschulen, in denen Kinder von deutschen Immigranten ihre Muttersprache lernen sollten. Auf dem jährlichen Gala Dinner vergab der Arbeiterbildungsverein Stipendien für Deutschlernende an den Samstagsschulen und Universitäten der San Francisco Bay Area.

2011 feierte der Arbeiterbildungsverein seinen 100. Geburtstag, das letzte große Fest. Die meisten Mitglieder waren zu diesem Zeitpunkt 75 Jahre und älter. Auf einer Mitgliederliste aus den frühen 90er Jahren sind bereits mit Handschrift viele Kreuze neben den Namen gesetzt worden. Die jungen Deutschen, die in den letzten Jahren hierher kamen, um an den Universitäten zu studieren, in den High Tech Schmieden des Silicon Valleys zu arbeiten, die noch heute dem vielversprechenden Ruf an die amerikanische Westküste folgen, zeigten kein Interesse an organisierten Vereinen. Man trifft sich stattdessen online, organisiert Freizeitveranstaltungen über facebook. Auch die eigenen Kinder der Mitglieder wollten die Traditionen der Eltern niciht mehr weitertragen. Sie haben Deutsch gelernt, ja, doch sich hier Partner aus dem “Melting Pot” Amerika gesucht. Selbst die Tochter des langjährigen Präsidenten Karl Hartmann hat einen Amerikaner mit chinesischen Wurzeln geheiratet, erzählt er im Gespräch. Lachend, doch auch etwas nachdenklich.

Jahr für Jahr verschwinden in den USA deutsche Vereine, Chöre, Organisationen, die so viel aus der alten Heimat mit in die USA brachten. Sie halfen mit ihren deutschen Wurzeln ihre neue Heimat aufzubauen, zu gestalten, zu formen. “Da sich unsere Mitgliederschaft in den letzten Jahren vermindert hat, mussten wir leider die Organisation in 2013 schliessen und den Verein am 31.12. 2013 aufloesen.” Dieser Satz besiegelte das Ende des Arbeiterbildungsvereins. Doch wenn sich hier an der amerikanischen Westküste einmal ein Historiker mit der Arbeiterbewegung der 20er Jahre beschäftigen wird, dann wird er am sozialdemokratischen Arbeiterbildungsverein und seinem Einfluß nicht vorbei kommen. Der Verein verschwindet, seine beeindruckende Geschichte wird jedoch bleiben. Die St. Matthew’s Church an der Ecke 16th Street und Dolores Street ist nun eines der letzten Zeugnisse einer langen deutschen und deutschsprachigen Geschichte in Nordkalifornien. Man ist Teil einer vielsprachigen Gemeinde in der “City by the Bay” geworden und hält dabei nach wie vor an den eigenen kulturellen Wurzeln fest.

 

 

 

Kein Platz für den Friedensnobelpreisträger

Die noch "Lech Walesa Street" in San Francisco.

Die noch „Lech Walesa Street“ in San Francisco.

Vom einfachen Elektriker zum Friedensnobelpreisträger und Staatspräsidenten. Der langjähirge Vorsitzende der polnischen Gewerkschaft „Solidarität“ wurde weltweit für seinen unermüdlichen Einsatz geehrt. So auch in San Francisco, wo eine Straße nach ihm benannt wurde.

Man muß sie suchen, aber sie ist da, die „Lech Walesa Street“. Doch nicht mehr lange. Der Stadtrat von San Francisco hat nun beschlossen, die „Lech Walesa Street“ in „Dr. Tom Waddell Place“ umzubenennen. Der Antrag auf Namensänderung kam von Jane Kim, die in ihrer Begründung erklärte, die jüngsten Aussagen von Lech Walesa, in denen er ein Verbot von politischen Ämtern für Homosexuelle fordere, sei nicht länger für San Francsico tragbar. „Seine Äußerungen“, so Kim, „sind nicht repräsentativ für meine Stadt und ihren Grundwert der Zusammengehörigkeit.“ Die Entscheidung sei nicht gegen die historische Person Lech Walesa und seine Erfolge gegen die kommunistischen Machthaber gerichtet, betonte der Stadtrat.

Nun also werden neue Straßenschilder geschraubt, ganz klein untendrunter und für einen Übergangszeitraum von fünf Jahren steht auch noch der Name des polnischen Gewerkschaftsführers. Tom Waddell war der Begründer der „Gay Olympics“, die heute „Gay Games“ heißen. Lange Zeit arbeitete er in einem Gesundheitszentrum in der noch „Lech Walesa Street“. 1987 verstarb Waddell im Alter von 49 Jahren an AIDS.

 

 

Amerika und der 1. Mai

Schon komisch, überall feiert man den 1. Mai als „Tag der Arbeit“, nur in den USA nicht. Und das, obwohl er eigentlich von hier kommt. Erinnert wird an das „Haymarket Massaker“ vom 4. Mai 1886. Vorausgegangen waren Demonstrationen und Proteste, zu denen Gewerkschafter, Anarchisten und Sozialisten aufgerufen hatten. Seit Ende April kamen Zehntausende von Menschen in Chicago zusammen und forderten lautstark den Achtstunden Arbeitstag. Am 1. Mai streikten dann 35.000 Arbeiter in Chicago. Auf einer weiteren Protestveranstaltung wurden Demonstranten von der Polizei erschossen. Die Situation schaukelte sich hoch. Für den 4. Mai wurde deshalb zu einer weiteren, noch größeren Zusammenkunft auf den Haymarket in Chicago gerufen.

Doch dann zündete jemand eine Bombe an diesem denkwürdigen Tag, mehrere Polizisten und Demonstranten starben, sofort wurden mehrere Anarchisten für die Tat verhaftet und ohne großes Gerichtsverfahren umgehend gehängt. Ein späterer Gouverneur von Illinois nannte diese Maßnahme eine der schlimmsten Rechtsvergehen in der Geschichte Amerikas.

Schon kurz darauf wurden die Rufe in den USA und in Europa immer lauter, den 1. Mai als internatinalen Tag der Arbeit festzulegen. Beim Gründungstreffen der Zweiten Internationale 1889 in Paris rief Raymond Lavigne für das Folgejahr zu internationalen Demonstrationen am Jahrestag der Proteste von Chicago auf. 1891 wurde der 1. Mai ganz offiziell von der Zweiten Internationale als Festtag bestimmt.

Nur in den USA gingen die Uhren anders. Präsident Grover Cleveland fürchtete, dass mit dem Feiertag am 1. Mai die Erinnerung an das Massaker von Chicago erhalten werde. Das wollte er verhindern und willigte deshalb ein, einen Feiertag für Arbeiter im September einzurichten. Noch heute gibt es den Labor Day, der alljährlich am ersten Montag im September begangen wird. Mit der Revolution in Russland, der Gründung der Sowjetunion und der Kommunistenjagd in den USA war der 1. Mai im Land der unbegrenzten Möglichkeiten sowieso als „Kommunistentag“ verschrien. Da half auch nichts, dass sogar die katholische Kirche 1955 den 1. Mai zum Festtag erklärte. An diesem Tag wird an „Josef den Arbeiter“ gedacht, der Schutzpatron der Arbeiter, vor allem der Handwerker.

Ronald McDonald ist gar nicht „happy“

Der Clown schaut ein bisschen traurig aus der Wäsche. Da wurden Milliarden von Hamburgern verkauft, Kinder lieben ihre „Happy Meals“, ja, McDonald’s hat die Esskultur der westlichen Welt ganz neu ausgerichtet. Mehr als genügend Gründe, um Luftsprünge zu machen. Und was passiert, die Mitarbeiter mucken auf. Nicht nur beim Burger-Riesen, auch bei anderen Fast Food Ketten in den USA murren die Beschäftigten. Natürlich wegen zu wenig Lohn, da haben sie einen Job und sind auch noch undankbar. Billigburger und wenig Personalausgaben, irgendwoher müssen die Aktionäre doch ihre Gewinne bekommen. McDonald’s ist eine der sicheren Anlagen im Markt.

Der Mindestlohn in den USA beträgt derzeit $ 7,25, der wird meist in solchen Schnellimbissen „made in  USA“ pro Stunde bezahlt. Selten mehr, meist langt das nicht zum Leben. Gerade nicht in den Großstädten. Deshalb wurde nun für den kommenden Donnerstag ein Generalstreik in 100 US Städten ausgerufen. Die Forderung ist ein Stundenlohn von $15. Bereits im August streikten in 50 Städten die Beschäftigten an den Herden, nun wird das ganze noch ausgeweitet. Unterstützung erhalten die Angestellten von der „Service Employees International Union“, kirchlichen Gruppen und Studentenorganisationen. Die Arbeitgebervertretung „National Restaurant Association“ warnte vor der, in ihren Augen, übertriebenen Forderung von $15 Dollar Studenlohn. Damit würden nur Jobs wegfallen und die Automatisierung in den Fast Food Restaurants ausgeweitet werden. Oh weh, die Roboterfritten kommen.

 

Der ganz normale Wahnsinn geht weiter

Man kann sich freuen. Die Regierungsgeschäfte laufen wieder, die 401 amerikanischen Nationalparks können besucht werden, staatliche Behörden haben ihre Türen für Anfragen der Bürger, für Serviceleistungen und Hilfen für Bedürftige wieder geöffnet. Und auch die Webseite des Weißen Hauses ist wieder online und aktualisiert. In Washington geht die Diskussion allerdings weiter, wie man in naher Zukunft die Probleme sachlich und ohne solche drastischen Konsequenzen wie in den letzten Wochen lösen kann. Unterdessen schieben die einen den anderen die Schuld an allem zu. Klar ist allerdings, die Tea Party Fraktion der Republikaner, und da sind sich mal alle einig, haben sehr deutlich gemacht, dass man ohne sie in Washington nicht mehr regieren kann. Dann wird auch noch gerechnet, was die zweiwöchige Auszeit eigentlich an Geld und Ansehen gekostet hat. Der politische Machtkampf war nicht gerade billig.

In der San Francisco Bay Area kann man wieder Alcatraz und die „Golden Gate National Seashore“ besuchen, wenn man denn hin kommt. Denn seit Freitagmorgen streiken die Mitarbeiter von BART, der U-Bahngesellschaft im Großraum. Und das hat ein immenses Verkehrschaos nach sich gezogen. Die Brücken über die Bay sind überlastet, dazu noch lange Schlagen vor den Fähren und an den Bushaltestellen. Noch ist nicht klar, wie lange der Streik andauern wird. Die öffentliche Seele kocht allerdings schon hoch und verlangt eine Privatisierung der staatlichen U-Bahn. Die Gewerkschaften fordern mehr Geld und keine längeren Arbeitszeiten. Das Management von BART bietet mehr Geld, fordert aber Abbau der Überstunden, längere Arbeitszeit, Eigenbeteiligung an Renteneinzahlungen und der Krankenversicherung. Derzeit, so sieht es aus, kann man die Differenzen nicht überwinden, die Züge stehen still.

Und dann wurde mal wieder ein zweijähriger Junge lebensgefährlich in Oakland angeschossen. Am hellichten Tag, gegen 13 Uhr begann ein Schußwechsel zwischen zwei Gangs auf offener Straße in East Oakland. Der Junge spielte vor der Haustür, als die Knallerei losging. Alltag in Oakland. Die Bürgermeisterin Jean Quan zeigte sich – wie immer – tief betroffen. Der Bleikurs in diesem Jahr ist stabil, Oakland wird auch 2013 wieder mehr als 100 Morde und über 500 Schießereien im Stadtgebiet haben. Die jüngste Kriminalitätsstatistik belegt auch, dass Oakland die meisten Raubüberfälle in Kalifornien und die meisten Einbrüche in den USA hat. Man kann nur hoffen, dass im kommenden Jahr ein politischer Wechsel im Rathaus stattfinden wird.

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Höchster Mindestlohn in Kalifornien

25 Prozent mehr Lohn. Was nach viel klingt ist jedoch nur die Anhebung des Mindeststundenlohns in Kalifornien von derzeit 8 Dollar auf dann 10 Dollar. Das wurde nun vom kalifornischen Parlament in Sacramento abgesegnet und Gouverneur Jerry Brown hat bereits angkündigt, diesen Gesetzentwurf zu unterschreiben.

Stufenweise soll das Mindestgehalt nun angehoben werden. Bis Juli 2014 auf 9 Dollar und dann im Januar 2016 schließlich bei 10 Dollar stehen. Damit wird Kalifornien den höchsten Stundenmindestlohn in den USA haben. Die Demokraten priesen diesen Entscheid als wichtigen Schritt für hart arbeitende Arbeitnehmer in unteren Einkommensschichten, die Republikaner schimpften, das neue Gesetz sei ein „Job Killer“ für Kalifornien. Arbeitnehmerverbände priesen diese Entscheidung, Arbeitgebervertreter warnten vor einem Verlust von Jobs. Die Anhebung des Mindestlohnes kommt vor allem Angestellten in der Gastronomie und Arbeitern in der Landwirtschaft zugute.

Die Diskussion an der amerikanischen Westküste ist also nicht viel anders als die in Deutschland. Ich frage mich sowieso, wie man mit einem Mindestlohn von derzeit 8 Dollar die Stunde, also mit rund 1300 Dollar im Monat, in San Francisco eine Wohnung mieten kann. Die durchschnittliche Miete für ein Studioapartment liegt bei 1500 Dollar. Und das in keiner guten und sicheren Gegend.

 

San Francisco vor 50 Jahren

13. Mai 1960Der 13. Mai ist ein besonderer Tag in San Francisco und auch für Amerika. An diesem Tag 1960, dem „Black Friday“, begann die sogenannte „Free Speech Movement“ in den USA.. Der „Unter-Ausschuss für unamerikanische Aktivitäten“ des Kongresses versuchte an diesem Freitag erneut eine Sitzung im Rathaus abzuhalten. Am Tag zuvor wurde sie von Protesten unterbrochen. Mit diesen Anhörungen im ganzen Land wollte man mögliche Verbindungen von Gewerkschaften, Professoren und Filmschaffenden mit der kommunistischen Partei offenlegen.

Vor dem Gebäude hatten sich erneut Demonstranten eingefunden, die dann auch in das Gebäude gelangten und die gewaltige Treppe nach oben drängten. Gemeinsam sangen sie „We Shall Not Be Moved“, ein Lied der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Friedlich und laut, aber keineswegs aggressiv. Doch dann eskalierite die Situation. Die Polizei drehte Feuerwehrschläuche auf die zumeist teilnehmenden Studenten, um anschliessend Schlagstöcke einzusetzen. Dutzende von Demonstranten wurden verhaftet. Die Bilder des Protests waren am kommende Tag auf den Titelseiten aller Zeitungen. FBI Direktor J. Edgar Hoover erklärte, die Studenten seien von der kommunistischen Partei zu dieser Aktion angestiftet worden. Mit den Filmaufnahmen, die während des Protests gedreht wurden, wurde sogar ein Propagandafilm der Regierung zusammengestellt, der anschliessend in Schulen, Universitäten und in Kasernen aufgeführt wurde. Doch der Film ging nach hinten los und zeigte vielmehr, dass die Demonstranten brutal von der Polizei angegangen wurden.

„Black Friday“1960 ist ein geschichtsträchtiger Tag. Er zog einen Schlussstrich unter die 50er Jahre, war der Auftakt für eine massive Studentenbewegung und die „Free Speech Movement“, die sich von San Francisco und Berkeley im ganzen Land ausbreitete. Und die Bilder dieses Tages manifestierten im Bewußtsein der Amerikaner die Idee der „Left Coast“. Damit wird immer wieder beschrieben, dass die Menschen an der Westküste, der linken Küste Amerikas, politisch anders denken, als im Rest des Landes.

Gegen Mittag am heutigen 13. Mai werden sich eine Handvoll grauhaariger Männer und Frauen genau dort treffen, wo vor 50 Jahren Geschichte geschrieben wurde.

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„Ich schmeiss alle raus“

San FranciscoDie „City by the Bay“ hat Riesenprobleme. Schlappe 522 Millionen Dollar ist das Haushaltsloch gross. Da hilft eigentlich so gut wie gar nichts. Man kann zwar Gebühren für allerlei Bürgerserviceleistungen und Preise für Fahrscheine des öffentlichen Nahverkehrs anheben, man kann auch mal Angebote reduzieren oder Öffnungszeiten für Museen verkürzen, aber irgendwie kommt man da am Ende auch nicht auf diese magische Zahl 522 Millionen Dollar. Das ist doch alles nur ein Geschiebe von Pennies.

Nun greift Bürgermeister Gavin Newsom zu radikalen Hilfsmassnahmen. Er hat 15.000 seiner 26.000 städtischen Angestellten gekündigt. Ratzfatz haben diese 15.000 am Freitag ein Entlassungsschreiben bekommen.  Und das ging quer durch die Bank. Vom Müllmann bis zum Lehrer, vom Sachbearbeiter bis zum Ingenieur. Das Geheule war gross, auch wenn Newsom erklärte, er werde die meisten wieder einstellen, denn die Idee hinter dieser Kündigungswelle ist, dass er die städtisch Bediensteten zu anderen Konditionen wieder an ihren Job holt. Newsom hatte im Vorfeld versucht einen breiten Einschnitt bei den Gehältern durchzusetzen. Doch das ist ihm nicht gelungen. Die Gewerkschaften zogen nicht mit. Also schmeisst er nun fast alle raus, die 40 Stunden in ihrem Vertrag haben, stellt sie dann wieder mit Verträgen für 37,5 Stundenwochen ein, zahlt ihnen 6,25 Prozent weniger Gehalt und spart damit einen riesigen Batzen Geld.

Das ist doch auch mal ein Weg, um das Haushaltsloch zu flicken. Allerdings wäre es ja zu leicht, wenn das alles ohne Probleme über die Bühne gehen würde. Schon jetzt haben etliche Arbeitnehmerorganisationen heftigen Widerstand gegen diese Vorgehensweise angekündigt. Gavin Newsom kann sich also auf was gefasst machen. Doch ihm kann es egal sein, denn er steht nicht mehr zur Wiederwahl an. Als er vor drei Jahren noch im Wahlkampf war, „erkaufte“ er sich die Stimmen der mächtigen Polizei- und Feuerwehrgewerkschaften mit einem Gehaltszuschlag von 23 Prozent über vier Jahre. Politik ist schon ein seltsames Geschäft.