Die Gläubigen mischen sich ein

      Franklin Graham in Berkeley

Vor ein paar Monaten berichtete ich über eine neue Bewegung in den religiösen Gemeinschaften. Christen, Muslime und Juden fanden hier in der Bay Area zusammen, um sich gemeinsam in die Politik einzumischen. 50 Jahre nach dem Attentat auf Martin Luther King und mit einem Präsidenten Donald Trump im Weißen Haus, der vor allem für ein weißes Amerika spricht, sahen sich viele zum Handeln gezwungen. Vor allem in den schwarzen Communities und Kirchen beginnt der Aufstand, wie man das gut im Wahlkampf um den Senatsposten in Alabama sehen konnte.

Doch auch die andere Seite des Glaubensspektrums macht mobil. Vor ein paar Tagen beendete der Prediger Franklin Graham, Sohn des verstorbenen Billy Graham, seine Kalifornientour, die ihn durch zehn Kleinstädte im Sonnenstaat führte. Viele davon in republikanischen Gegenden, doch Graham kam auch nach Berkeley, der wohl liberalsten Stadt in den USA (Audiobeitrag oben). Hier lag 2016 Donald Trump mit gerade mal drei Prozentpunkten weit abgeschlagen hinter der Grünen Kandidatin Jill Stein.

Franklin Graham kam mit seiner Bustour in einen Park an der Bay und etwa 1500 Gläubige wollten ihn sehen. Ganz offen sagte er, dass ihm viele davon abgeraten hätten in Berkeley einen Stop seiner „Decision America“ Tour einzulegen, doch er wollte hier sein. Zahlreiche seiner Anhänger, mit denen ich an dem Abend sprach, meinten, in Berkeley regiere der Teufel, gerade hier sei das Wort von Franklin Graham wichtiger denn je.

Es war eine friedliche Veranstaltung mit Blick auf den Sonnenuntergang hinter dem Golden Gate. Ständig wurde mir gedankt, dass ich gekommen bin, hier ein Lächeln, da freundliche Worte. So etwas erlebt man selten als Journalist in den USA. Zwei Bands spielten auf, es wurde gemeinsam gesungen und gebetet für das Land und seine politischen Führungspersonen, die amerikanische Flagge wehte: God bless America. Nein, es sei keine politische Veranstaltung wurde mir immer wieder vergewissert. Klar, Graham möchte, dass man für christliche Politiker stimme, aber das sei ja ganz normal, hieß es. Gefeiert wurde die Gemeinschaft, die hier in der San Francisco Bay Area nicht oft die Gelegenheit hat so offen und so vereint zusammen zu kommen. Franklin Graham selbst hielt sich mit politischen Aussagen zurück, lediglich meinte er, die Abtreibung sei ein wichtiges Thema bei diesen anstehenden Wahlen. Der Schutz des Lebens sollte verteidigt werden. Ungewohnte Worte in Berkeley, doch damit war dieser Besuch eines erzkonservativen Predigers und der Vertreters der „Christian Right“ in den USA auch schon wieder vorbei. Noch ein paar Lieder der Band und dann zog die Karawane weiter. Die religiösen Gemeinschaften in den USA mischen sich wieder mehr ein, das tief gespaltene Land erlebt einen Glaubenskrieg um die Auslegung der heiligen Schrift.

Amerika und die neue Protestbewegung

“Jemand rufe Halleluja”. “Halleluja”. “Jemand rufe Halleluja”. “Halleluja”. “Jemand rufe Halleluja”. “Halleluja”. Pastor Mike reibt sich mit einem kleinen Handtuch den Schweiß von der Stirn. Er hat sich in seiner fast 50minütigen Predigt verausgabt. Es ist Sonntagmorgen in Berkeley. Der “Christian Center The Way” liegt an der University Avenue, die die weltbekannte Universität mit der San Francisco Bay verbindet. Das Gebäude ist ein unscheinbarer Flachbau, doch wer an diesem Morgen hier vorbeiläuft kann trotz des Straßenlärms die lautstarke Band und den Gesang der Gläubigen hören. “Halleluja” heißt es immer wieder.

Pastor Mike bei seiner Predigt.

Pastor Mike, wie ihn hier alle nur nennen, ist kräftig gebaut, Afro-Amerikaner, Anfang 40. Er lacht viel, auch bei seiner Predigt, bei der er nicht einfach nur vorne steht und spricht, er bezieht seine Gemeinde mit ein. Er fordert ihre Reaktionen heraus, mal wohlwollend, mal entrüstet. Pastor Mike spricht über Gerechtigkeit, über Sieger und Zurückgelassene, über die aktuelle Situation im Land. Auf seine politische Predigt angesprochen, meint er anschließend: “Ich bin davon überzeugt, dass Kirche und Politik zusammen gehören. Ich glaube, immer wenn man über Systeme spricht, die mit dem Leben der Menschen zusammenhängen, dann muss man über einen moralischen Rahmen sprechen, den die Kirche und der Glauben bieten”.

Für Pastor Mike ist dieser moralische Rahmen nicht nur auf seine Gemeinde beschränkt, er engagiert sich in einem US weiten Netzwerk, zu dem sich in den letzten Jahren zahlreiche schwarze Gemeinden zusammen geschlossen haben. “Black Church PAC” – PAC steht für “Political Action Committee” – ist Teil der Initiative “New Nation Rising”. Es ist eine schnell wachsende Bewegung in den USA, die von dem neuen politischen Ton im Land befeuert wird. Zum einen soll damit mehr politischer Einfluss erlangt werden und zum anderen soll ein Gegenpart zur christlich-fundamentalistischen Rechten im Land geschaffen werden.

Dem stimmt Ben McBride zu, er ist der Co-Direktor von “Pico California” einem glaubenbasiertem Netzwerk in Kalifornien mit Sitz in Oakland. “Wir sind Christen, Muslime, Juden, Buddhisten und auch solche, die sich keiner organisierten Religion anschließen wollen, die aber für ethnische und soziale Gleichberechtigung eintreten.” Seit mehr als 20 Jahren wächst dieses Graswurzelnetzwerk von den Redwoods im Norden des Bundesstaates bis hinunter zur mexikanischen Grenze. “Wir sehen uns nicht unbedingt als eine Antwort auf jene, die Dr. King einmal “unsere kranken weißen Brüder in den Südstaaten und im Bibelgürtel” nannte . Jene, die die Vision einer Gemeinschaft für alle verloren haben”. McBride betont, dass er vielmehr die religiösen Fundamentalisten im Land als Gegenstück zu ihren Bemühungen einer sozial gerechten Gesellschaft sieht.

“Pico California”, “New Nation Rising” und andere Zusammenschlüsse religiöser Gruppen in den USA sind Beispiele für eine Neuausrichtung der außerparlamentarischen Opposition, die aus der Mitte der schwarzen Gemeinden kommt. Und das nicht ohne Grund. Ben McBride zitiert einen Satz von Martin Luther King Jr., den dieser 1967 in einem NBC Interview sagte: Ich befürchte, dass mein Traum zu einem Alptraum geworden ist. Für Ben McBride steht fest, dass die Afro-Amerikaner in den USA einen großen Fehler gemacht haben. “Wir verlangten nach Integration, stattdessen hätten wir zuerst unsere Gemeinschaft stärken sollen.”

Und darum geht es nun. Für McBride und auch für Pastor Mike von “The Way” in Berkeley waren die Ausschreitungen von Ferguson, Missouri, und die Gründung der “Black Lives Matter” Bewegung ein Wendepunkt, ja ein “Aufwachen” in den Glaubensgemeinschaften der USA. Mit der Wahl von Barack Obama als ersten farbigen Präsidenten des Landes, verbanden viele die Hoffnung auf bessere Zeiten. “Hope” und “Change”, die Rufe jener Tage sind jedoch verhallt, gerade auch weil unter Obama mehr illegale Einwanderer als je zuvor abgeschoben wurden, Mike Brown, Treyvon Martin und andere von Polizisten erschossen wurden.

„Dieses Land braucht immer einen „Nigger““, meint Ben McBride.

Der Ernüchterung unter Obama folgte der Schock mit der Wahl von Donald Trump. Viele Communities im Land verfielen in eine Starre, denn da war auf einmal ein Präsident im Amt, der das weiße Amerika längst vergangener Tage umwarb und Afro-Amerikaner gegen Latinos aufhetzte. Trump betonte erst kürzlich wieder, dass unter ihm die Arbeitslosigkeit von Schwarzen verringert wurde, auch weil mehr und mehr illegale Einwanderer aus dem Süden abgeschoben wurden. “Für uns gibt es da nichts zu feiern”, erklärt Ben McBride. “Am Ende des Tages glauben wir Farbige, die 400 Jahre lang unter dem amerikanischen Imperium gelitten haben, dass es heißen muss, alle oder keiner. Man macht den schwarzen Nachbarschaften keine Versprechen und bezieht unsere muslimischen, unsere Latino Nachbarn und Brüder, auch südlich der Grenze nicht mit ein. Wir sind hier lange genug, um zu wissen, dass dieses Land immer einen “Nigger” braucht. Sei es mit schwarzer Hautfarbe, roter oder brauner, diese Gesellschaft funktioniert nicht ohne.”

Deutliche Worte eines “Community Leaders”, der mit am Tisch von Barack Obama sass und der nun von Donald Trump und seiner Administration gemieden wird. Pastor Mike sieht das, für was Donald Trump steht und was dieser sagt als “Geschenk” an. “Ich bin davon überzeugt, dass wir den “Trumpismus” besiegen werden”.

Organisiert wird auf der lokalen Ebene, Netzwerke gebildet, die nicht mehr übersehen werden können. Die ersten Erfolge sind sichtbar und haben das Weiße Haus und viele Republikaner im Kongress alarmiert. Bei der Wahl um den freigewordenen Senatsposten in Alabama im vergangenen Dezember konnte mit einem massiven Kräfteeinsatz die Wahl des republikanischen Rechtsaußenkandidaten Roy Moore verhindert werden. Pastor Mike war einer von mehreren Glaubensführern aus der San Francisco Bay Area, die sich im Wahlkampf engagierten. “Ich war für mehrere Wochen vor Ort. Wir haben Kirchen und Gemeinden organisiert, wir haben an Hunderten von Türen geklopft und mit Tausenden Menschen gesprochen und das alles in weniger als einem Monat.” Wähler wurden registriert und informiert. Das Ergebnis war der Wahlsieg des demokratischen Kandidaten Doug Jones in einem traditionell republikanischen Bundesstaat. Der Erfolg gezielter Basisarbeit. Ein Model für die kommenden Wahlkämpfe in diesem Jahr und 2020.

Cayman Amiri ist der Vorsitzende des “Islamischen Kultur Center in Nordkalifornien” (ICCNC). Ein altes Freimaurer Gebäude beherbergt seit über 20 Jahren die stetig wachsende islamische Gemeinde in Oakland. Amiri sieht seine Aufgabe in diesen Tagen nicht nur darin für die muslimische Gemeinde der Region da zu sein, sondern das Center öffnet seine Türen auch für einen interreligiösen Austausch. Zum ersten Mal überhaupt in den USA hat im vergangenen Dezember die Bürgermeisterin einer Metropole ihre “State of the City” Rede im islamischen Kulturzentrum gehalten. Libby Schaaf, Bürgermeisterin von Oakland, wollte damit ein deutliches Signal in stürmischen politischen Zeiten setzen. Die musikalische Untermalung lieferte eine Gruppe, die schon seit längerem im Center probt. Mitglieder von Aswat sind Menschen aus jenen Ländern, die unter Donald Trump mit einem Einreiseverbot belegt wurden.

Auch das ein politisches Signal und dennoch Cayman Amiri gibt sich bescheiden. “Wir feiern den Islam durch Kunst und Kultur, und die Musik ist Teil dieser Kunst. Es kann durchaus sein, dass es einen politischen Unterton hat, aber unsere Aufgabe liegt nicht darin, politisch aktiv, für oder gegen eine bestimmte Politik zu sein. Wir sind vielmehr für Gerechtigkeit. Das heisst, nur weil ein paar Terroristen aus bestimmten Ländern kommen, heisst das nicht, dass jeder von dort ein Terrorist ist, dass eine ganze Religion terroristisch ist. Wir bieten den Menschen an, sich zu bilden über die Kultur, die Religion, unsere Herkunft. Das sollte eigentlich jede Organisation machen.” Dieser Ansatz wird im breiten Angebot des islamischen Kulturzentrums deutlich. Eng arbeitet Payman mit der “Kehilla Synagoge” und der “Montclair Presbytarian Church” zusammen. Es geht um Armenspeisung, um Hilfen für Obdachlose, um Schutz für Flüchtlinge, aber auch um gemeinsame Kunst- und Kulturveranstaltungen. “Wir machen auch immer wieder deutlich, wie wichtig es für Muslime ist zu wählen. Es ist die Verantwortung von jedem sich zu registrieren und wählen zu gehen.” Politik von unten, darauf bauen mehr und mehr religiöse Gruppen.

Am “American Baptist Seminary of the West”, einer Bildungseinrichtung direkt am “People’s Park” in Berkeley gelegen, werden die Fragen von sozialer Gerechtigkeit und Gleichheit groß geschrieben. Seit diesem Jahr wird auf Drängen der Studierenden und auch einiger Dozenten die Kursreihe “Public Theological Program” angeboten. “Der Kernpunkt dabei ist, dass wir die Teilnehmer dahingehend ausbilden, ihren Glauben auf die Straße zu bringen, weg von nur einem Pastor und der Kanzel”, umschreibt es LeAnn Flesher, die Dekanin des “American Baptist Seminary of the West”. “Es geht auch darum, wie wir diese Botschaft verpacken können, um sie in der Öffentlichkeit erfolgreich anbieten zu können.” Schon länger habe man über solch ein Angebot nachgedacht, meint Flesher. Der Wahlkampf von Donald Trump und seine Wahl zum Präsidenten der Vereinigten Staaten habe jedoch “das Feuer gehörig angefacht”.

In den Gemeinden der USA wird mehr und mehr von “social justice” und “equality”, von sozialer Gerechtigkeit und Gleichheit gesprochen. Pastoren, Imame, Rabbiner rufen die Gläubigen dazu auf, aktiv am demokratischen Prozess teilzunehmen, sich einzumischen, nicht mehr wegzusehen, sich als Wähler registrieren zu lassen und schließlich zur Wahl zu gehen. Vor 50 Jahren, am 4. April 1968, wurde Martin Luther King Jr. ermordet. Dieser Tag scheint im Rückblick wie das Ende der Bürgerrechtsbewegung zu sein. LeAnn Flesher vergleicht die heutige Bewegung in den Kirchen mit der damaligen um den charismatischen Baptistenpastor und Bürgerrechtler. “Einer der großen Unterschiede ist für mich, dass sie nicht um eine Person wie Martin Luther King Jr. aufgebaut ist. Wir sehen heute viele Führungspersonen und unzählige von Gruppen, die im ganzen Land entstehen, die sich für dieses Ziel der sozialen Gerechtigkeit einsetzen”. Und die sich vernetzen, wie das Ben McBride mit “Pico California” versucht. “Für mich ist das keine schnelle Sache. Ich bin jetzt 40 Jahre alt, ich weiss nicht, ob ich das je erleben werde. Aber ich weiss, dass ich und andere es tun müssen, damit hoffentlich meine Enkel zu Lebzeiten ein Amerika erleben werden, in dem es zu einer wirklichen Versöhnung kommen kann.”

Ein ungewöhnlicher Ort der Trauer

Im Nordosten von Nevada, rund 120 Kilometer von Reno entfernt liegt Gerlach, eine 200 Seelengemeinde. Von dort sind es nochmal 15 Kilometer, dann fährt man vom Highway rechts ab auf die “Playa”, wie das riesige ausgetrocknete Seebett genannt wird. Hier findet alljährlich das Burning Man Festival statt. In diesem Jahr zum 30mal. “Welcome Home – this is Burning Man”

In diesem Jahr hat es rund 70.000 Menschen in die Wüste gezogen. Es ist heiß, es ist staubig, der Wind wirbelt den feinen Sand immer wieder auf, die sogenannten “White Outs” sind dann so intensiv, dass man bei ausgestrecktem Arm die eigene Hand nicht mehr sieht. Doch all das schreckt die “Burner” nicht ab, ganz im Gegenteil, Jahr für Jahr kommen die meisten wieder zurück, um hier zu feiern, unglaublich kreative Kunstprojekte zu erleben, ihre Batterien aufzuladen, eine Stadt für eine Woche aus dem Nichts entstehen zu lassen. Lange Zeit fehlte jedoch etwas, wie sich der Künstler David Best erinnert: „Wir haben hier eine Stadt entwickelt, wir hatten die Infrastruktur mit einer Polizeistation, einem Krankenhaus, Cafes, Toiletten, aber wir hatten keinen Tempel. Es war ein Ort des Feierns, aber es gab keinen Ort der Trauer. Und mit dem Bau des Tempels haben wir diese Lücke gefüllt.“

Im Jahr 2000 war David Best zum ersten Mal mit einem Tempel bei Burning Man. Nach einem tödlichen Verkehrsunfall eines seiner Mitstreiter, entschied sich seine Gruppe in der Wüste bei Burning Man einen Gedenkort zu schaffen. Die Resonanz war so positiv, dass die Burning Man Organisatoren Best baten, im kommenden Jahr erneut einen Tempel zu bauen, weit draußen auf der riesigen Playa. „Ich baue ein Gebäude. Es ist leer, ich mache es zu einem schönen Gebäude und dann kommen sie und bringen das dorthin, an was sie glauben. Den Verlust ihres Hundes, den Verlust ihrer Tochter nach einem Autounfall, den Verlust eines Freundes, der Selbstmord begangen hat, eine gestorbene Mutter oder Vater. Einige glauben an ein Leben danach, andere nicht. Sie nutzen den Ort alle anders und ganz für sich.“

An einem Nachmittag vor dem Tempel. Zahlreiche „Black Rock Rangers“ und Vertreter von eingesetzten Polizeieinheiten beim Burning Man Festival stehen still in einem Kreis, hören zu, wie Ranger Paragon die Namen von getöteten Polizisten im ganzen Land vorliest: “Died in the line of the duty”. Eine Zeremonie, die man so hier auf dem Festival nicht erwartet hätte. Einige weinen, darunter auch Ranger Paragon, ein großer, kräftiger Kerl. Er wollte diese Gedenkveranstaltung organisieren, nachdem ein enger Freund von ihm getötet wurde. Der Burning Man Ranger schrieb 130 Polizeipräsidenten im ganzen Land an, die ihm Bilder und Infos von ermordeten Polizisten schickten. „Das Wunderbare an Burning Man ist, besonders am Tempel, dass es nicht darum geht, welche Reaktion man bekommt. Jedes Leben ist individuell, die Gefühle jedes einzelnen sind unabhängig von anderen. Jeder zieht also etwas anderes aus dieser Gedenkveranstaltung. Einige sind verärgert, andere traurig, andere fröhlich, einige bauen Brücken, um bessere Menschen zu werden. Es ist für jeden anders. Ich habe keinen Hintergedanken, ich wollte nur die ehren, die gestorben sind.“

IMG_2122Der Tempel beim Burning Man Festival ist ein spiritueller Ort. In diesem Jahr erinnert er sehr an ein nepalesisches Bauwerk. Überall stehen Namen von Verstorbenen, hängen Fotos – kleine, große – alte und junge Menchen darauf, Haustiere. Es ist ein sehr beklemmendes und sehr nahegehendes Gefühl all diese Blicke von Verstorbenen zu sehen, die kurzen und auch langen Botschaften der Hinterbliebenen zu lesen. Menschen laufen still an den Bildern vorbei, einige beten, meditieren, gehen hier in sich, wie es Ranger Paragon beschreibt: „Für mich ist der Tempel ein heiliger Ort in meinem Zuhause. Mein Zuhause ist die Burning Man Gemeinschaft. Hierher komme ich zum Reflektieren, zum Loslassen…und hierher habe ich auch die Asche meiner Mutter mitgebracht. Es ist ein Ort, an dem man mit sich ins Reine kommt, seinen Verstorbenen nahe ist, die Dinge beim Namen nennt, die man in seinem Leben ändern will. Es ist für jeden etwas anderes. Für mich ist es ein heiliger Ort.“

Manchmal spielt jemand leise auf einem Instrument, aber der Tempel ist vor allem ein Ort der Stille. Der Wind peitscht immer mal wieder den Sand um das Gebäude. Nachts hört man die donnernden Bässe der Clubs im Camp und der fahrenden “Art Cars”…doch auch das verändert hier nichts. Das Gebäude nimmt, so seltsam das auch klingen mag, einen ganz auf, man wird selbst als Besucher ganz still. Einige weinen, trauern um Verstorbene. Fremde legen ihnen eine Hand auf die Schulter, umarmen sie. Einfach so, für einen langen, innigen Moment. Genau das wollte der Künstler und Erbauer des Tempels, David Best, auch erreichen: „Wir sehnen uns so sehr danach, gemeinsam zu trauern. Hier, in diesem Tempel, lesen 40.000 Menschen den Brief einer jungen Frau, die vergewaltigt wurde. Sie sehen das und schließen ihre Arme darum. Das Bild eines kleinen Babies….Leute kommen auf mich zu und sagen, “mir ist nichts passiert, mein Leben ist wunderbar”. Und ich sage ihnen, dann gehe auf jemanden zu und teile das mit jemanden, dessen Leben eine Tragödie ist.

David Best baut nicht nur Tempel bei Burning Man. Er ist international tätig, hat schon in Irland gebaut, wird nach Burning Man nach Paris gehen, um dort einen Tempel zu errichten. Burning Man ist für ihn dennoch immer eine Herausforderung. Er sagt, der Tempel muß so gestaltet werden, dass jeder der ihn besucht, sich darin aufgehoben fühlt. Dazu kommt, dass er im finanziellen Rahmen bleiben muß, dieses Jahr kostete er etwas über 100.000 Dollar und, dass der Tempel innerhalb von zwei Wochen unter zum Teil widrigen Bedingungen errichtet werden kann. „Was ich zu Architekten und jungen, vergewaltigten Frauen gleichermaßen sage. das Gebäude an sich muß feinfühlig genug sein, damit eine Person, die Gewalt erlebt hat, hineingehen kann. Und es muß stark genug sein, diese Verletzung zu nehmen.“

Am Ende der Woche wird der Tempel verbrannt, mit allem, was in den Tagen zuvor dorthin gebracht und dort aufgeschrieben wurde. „Das ist ganz wichtig“, meint David Best. „Das Feuer läßt uns Vergessen, läßt uns Vergeben, läßt uns Sichern. Mit dem Feuer, wird alles wie in einen Safe gegeben.“

Ein Mormone ist unwählbar!

Gleich zwei republikanische Mormonen wollen ins Weiße Haus. Jon Huntsman hat keine Chance, obwohl er ein erfahrener Politiker und Diplomat, ehemaliger Gouverneur und Botschafter, ist, kreucht er da am Ende der Kandidatenliste vor sich hin. Nach den ersten beiden Vorwahlen in Iowa und New Hamsphire wird er mit Sicherheit das Handtuch werfen.

Mitt Romney gilt nach wie vor als heißer Anwärter auf die Kandidatur seiner Partei. Doch auch er ist Mormone und das könnte zu einem größeren Problem beim lustigen Stimmenfang werden. Derzeit debattiert die christlich-fundamentalistische Basis der GOP heftigst über die Qualitäten und Überzeugungen Romneys. Und immer wieder kommt dabei auch seine Religionszugehörigkeit auf. Er sei zwar als Politiker erfahren, aber ein Mormone. Er sei ein Washington „Outsider“, aber  ein Mormone. Er sei erfolgreicher Geschäftsmann gewesen, aber ein Mormone. Mormone klingt in diesen Erklärungen immer so, als ob im 100 Meter Endlauf ein absolut durchtrainierter Spitzenathlet an den Start ginge und der Sitznachbar auf der Tribüne abwinkt und sagt: „Dat wird nix, der hat ’nen Klumpfuß“.

In den verschiedensten christlichen Online Foren ist Mitt Romney das Thema schlechthin. Die einen meinen, seine Religionszughörigkeit ist Nebensache und gehe niemanden etwas an. Ein Nutzer schreibt: „Die Mormonen glauben an Jesus als ihren Retter. Ganz einfach. Romney wäre ein viel besserer Präsident als Obama oder Gingrich.“ Darauf der Kommentar eines anderen: „Sie (die Mormonen) glauben Jesus sei der Bruder Lucifers. Sie glauben, dass Gott Sex hatte, um Jesus zu zeugen. Das ist kein Christentum! Jesus ist Gott und nur das. Lucifer wurde erschaffen. Es war kein Ergebnis eines sexuellen Aktes“. Deutliche Worte, doch kein Einzelfall. Eine weitere Forenteilnehmerin schreibt: „Ich bin davon überzeugt, dass der Glauben eines Kandidaten wichtig ist. Man muß nur unseren jetzigen Präsidenten betrachten und man sieht, wie jemand mit muslimischem Glauben unser Land regiert. Ich persönlich empfinde Mormonismus als Kult und glaube nicht, dass jemand der einer Lüge folgt, mit Integrität führen kann.“

Obama ein Muslim, Romney ein Kultanhänger….diese Auffassungen sind weit verbreitet im christlich-fundamentalistischen Basiscamp der Grand Old Party. In einer Umfrage des „American Family Networks“ haben fast 40 Prozent der Befragten angegeben, dass Romney aufgrund seiner Zugehörigkeit zur mormonischen Kirche nicht wählbar sei. Und genau das könnte ein Problem für den Kandidaten Romney werden, erst in der Vorwahl und falls er sich dabei doch wider Erwarten durchsetzen sollte, im Hauptkampf gegen Amtsinhaber Obama.

 

 

 

 

Als Jesus nicht zum Schlafen kam

milgithaIm September reiste ich nach Ruanda, in ein faszinierendes Land im Aufbruch und voller Hoffnung. Doch das kleine Land im Herzen von Afrika ist überschattet von den Ereignissen, die sich dort vor 15 Jahren ereigneten. Damals im April, Mai und Juni 1994 „herrschte der Teufel“ in Ruanda, wie es Schwester Milgitha beschreibt. Schwester Milgitha ist eine katholische Schwester des Clemensordens in Münster und kam vor 36 Jahren nach Ruanda. Voller Tatendrang bauten sie und ihre Mitschwester eine Krankenstation auf, die weit über die eigentlichen Grenzen des Bezirks hinaus bekannt wurde.

Doch dann kam der April ’94, in dem sich alles veränderte. In diesem Audio Beitrag beschreibt Schwester Milgitha Ihre Erlebnisse, ihre Erfahrungen, ihre Zweifel, das, was sie sah, was sie hörte und was sie durchmachte.

      Schwester Milgitha

ruanda1