Wahlkampf in San Quentin

Sonntagmorgen 8:30. Ich stehe in der Warteschlange vor dem Gefängnis von San Quentin. Um mich herum etwa drei Dutzend Frauen, zumeist Latinas und Afro-Amerikanerinnen, auch ein paar Weiße. Einige Kinder sind auch dabei, warten auf die Kontrolle hinter der ersten Sicherheitsschleuse. Ich besuche mal wieder Reno, den ich seit über 20 Jahren kenne und seitdem ich hier in der Gegend lebe regelmäßig im kalifornischen Todestrakt besuche.

Das Warten und der Gang entlang der San Francisco Bay zum Besucherraum des East-Block ist nichts mehr besonderes, diesen Weg bin ich in den letzten 20 Jahren oft genug gegangen. Heute muß ich zum „Overflow“ Bereich, das ist ein Backsteingebäude gleich neben der Hinrichtungskammer. Auch dort wurden Besuchsmöglichkeiten für Todeskandidaten geschaffen, heißt, Stahlkäfige im Boden verankert, in denen man mit dem Häftling eingesperrt wird.

Dort angekommen muß man zuerst durch eine weitere Schleuse, seinen Leuchtstempel auf dem Unterarm vorzeigen, seinen Ausweis abgeben, dann darf man sich ein paar überteuerte Getränke und Speisen aus den Automaten holen. Die Atmosphäre ist entspannt an diesem Morgen. Dieser Besuchsraum wird im hinteren Bereich auch für die „regular population“, also die „normalen“ Häftlinge mit langjährigen Haftstrafen genutzt. Ein paar Gefangene sprechen mich an, sind freundlich, zeigen mir, wo ich Papiertücher und Pappteller für die Mikrowelle finde. Man ist hier locker entspannt, auch wenn einige der in Jeans gekleideten Zeitgenossen in einer anderen Umgebung angsteinflössend wirken würden.

Wahlkampf in der Warteschlange von San Quentin.

Wahlkampf in der Warteschlange von San Quentin.

Zwei Stunden Besuch mit einem Todeskandidaten gehen schnell vorbei. Wir lachen, machen Witze, er isst seine Burger, trinkt seine Coca Cola, wir teilen uns Popcorn. Wir reden über die Politik, über die zwei Todesstrafen-Abstimmungen, die am Wahltag in Kalifornien auch entschieden werden. Ich erzähle von meinen Reisen, über meinen Hund Käthe, die gerne mal Rehen hinterherhastet und mich danach heiser werden lässt. Reno lacht nur darüber. Über seinen Fall sprechen wir kaum. Eine Umarmung am Schluß. Er wird nach einer Ganzkörperkontrolle wieder in seine kleine Zelle, sein „House“, gebracht, ich spaziere, nachdem es „Clear“ heißt, entlang der Bay zum Parkplatz zurück.

Draußen warten wieder Dutzende von Frauen auf Einlass. Dort liegt auch Karten der sozialistischen „Peace and Freedom Party“ aus. Ein etwas ungewöhnlicher Ort, um Wahlkampf zu führen. Präsidentschaftskandidatin Gloria La Riva und ihr Vize-Kandidat Dennis Banks gehen in der Besucherschlange von San Quentin mit ihrem Ruf nach einer sozialistischen Revolution in den USA auf Wählerfang. Anscheinend glaubt einer ihrer Unterstützer, dass Besucher von Todeskandidaten, Lebenslänglichen oder Langzeithäftlingen besonders offen für die antikapitalistische Losung sind. Viel beachtet wurden die Karten allerdings nicht. Hier hat man anderes im Sinn, als sich über eine (unrealistische) politische Alternative zu Donald Trump und Hillary Clinton Gedanken zu machen.