Nürnberg IST mehr wert

Das stimmt. Nürnberg ist mehr wert, als ein Wahlspruch, der für die CSU eine „Katastrophe“ (Sebastian Brehm) brachte. Nürnberg ist eine sehr schöne, lebens- und besuchswerte Stadt. Ich bin dort aufgewachsen, zur Schule gegangen, habe dort studiert, Volontariat gemacht, viel über die Geschichte, die Menschen, das Leben dort gelernt. Und auch, wenn ich seit 1996 in Kalifornien wohne und arbeite, bin ich noch immer sehr mit Nürnberg verbunden. Familie, Freunde, tiefe Wurzeln. Dieses komische Wort „Heimat“ habe ich erst im Ausland so richtig verstanden.

Nun geht es zurück in meine zweite „Heimat“, Kalifornien. Nach Oakland, eine Stadt, in der ich bis heute nie richtig angekommen bin. Es ist eine schöne Stadt, eine einzigartige Region, doch nichts wiegt das auf, was Nürnberg zu bieten hat. Das Golden Gate ist nichts im Vergleich zum Königstor. Das ist kein platter Vergleich, zumindest nicht für mich. Das Golden Gate ist wunderschön, die Brücke ein Jahrhundertwerk. Und doch, am Königstor liegen Erinnerungen, die einem ein Leben lang bleiben.

Und nein, ich werde hier nicht melancholisch. Ganz im Gegenteil. Als jemand, der Nürnberg kennt und nun als Besucher immer wieder und immer wieder gerne zurück kommt, verstehe ich nicht, warum die Nürnberger Nürnberg schlecht reden. Alles ist irgendwie ein Prolbem. Von den Fahrradwegen bis zur VAG, vom Müll auf der Straße bis zur Sicherheit, von den Nachbarschaften bis zum Verkehr. All das erlebe ich auch als Besucher und ich frage mich jedesmal, wo ist das Problem. Nürnberg ist eine sichere Großstadt. Das belegen nicht nur die Statistiken, das empfinde ich auch. In keiner anderen Stadt fühle ich mich sicherer. Es gibt keinen Stadtteil, um den ich einen großen Bogen machen würde und ich gehe gerne nachts spazieren. In Oakland gibt es gleich mehrere, die ich meide und in denen ich zu bestimmten Tageszeiten sicherlich nicht zu Fuß unterwegs sein möchte. Wenn ich in der Vergangenheit als Journalist unterwegs war, in Los Angeles, in Ciudad Juarez oder in Goma, dann fragte ich immer zuerst dort Wohnende, was ich machen kann, was ich nicht machen sollte. Daran halte ich mich, das ist meine Faustregel auf allen Reisen. Sicherlich, das sind drei extreme Städte, doch es sind Städte, in denen Menschen leben und überleben. In Nürnberg brauche ich das nicht. Nürnberg ist sicher.

Die U-Bahn fährt pünktlich. Nürnberg ist ein Paradies für Fahrradfahrer. Nürnberg hat ein wunderschönes Umland, das einfach und direkt zu erreichen ist. Nürnberg pflegt sein Bratwurst- und Lebkuchenimage, und doch ist es eine Kulturstadt mit zahllosen Angeboten, Museen, Theatern, Konzerten, Ausstellungen, Filmfestivals. Man muß nur hinschauen. Und ja, Deppen gibt es überall, die ihren Müll auf die Strße schmeißen. Das hat nichts mit SÖR zu tun, sondern mit einer Einstellung zum öffentlichen Raum.

Vor ein paar Tagen war ich mit einer alten Bekannten aus Funkhauszeiten einen Kaffee trinken, sie arbeitet bei der Stadt Nürnberg und erzählte mir eine so typische Anekdote für Nürnberg. Täglich kommen Nürnbergerinnen und Nürnberger zu ihr ins Büro und fragen nach Programmen. Doch sie fragen nicht; „Könnte ich ein Programm bekommen?“. Nein, sie fragen; „Sie  haben sicherlich kein Programm mehr?“. In Nürnberg sieht man die Dinge in einer Schieflage. Alles ist schlimm, und wenn nicht, wird es schlimm geredet. Die Münchner kriegen eh mehr und haben es viel besser. Die haben Bayern München und feiern einen Sieg und einen Titel nach dem anderen, wir haben den 1. FC Nürnberg und erklärtes Saisonziel ist immer der Nichtabstieg. Aber mal ehrlich, will jemand Bayern München Fan sein?

Nürnberg war, ist und bleibt eine schöne Stadt und sicherlich gibt es Probleme. Keine Frage, die gibt es überall. Aber man sollte wirklich mal einen Blick von außen auf die Frankenmetropole werfen. Das lohnt sich. Ich weiß, wovon ich spreche.

Sein Leben lieben lernen

Besuch im Ostkongo     

© Johanniter

Im Osten des Kongos herrscht seit 15 Jahren Krieg. Mehrere Rebellengruppen kämpfen gegen die nationale Armee und untereinander. Das Ergebnis sind Millionen Tote, Hunderttausende Menschen auf der Flucht, die zum Teil in notdürftigen Flüchtlingslagern untergebracht sind. Die Bevölkerung versinkt im Elend, in Armut, in der Not. Hoffnung auf ein Ende der Gewaltspirale ist nicht in Sicht. Der Staat selbst ist unfähig und unwillig dem ganzen Chaos ein Ende zu setzen. Korruption, Vergewaltigung, Mord und Totschlag sind an der Tagesordnung. Im Ostkongo herrscht Anarchie.

Auf meiner kürzlichen Reise in die Region traf ich Arne Schaudinn von der Johanniter Unfallhilfe und die deutsche Journalistin Simone Schlindwein und konnte beide für ein paar Tage in ihrem Leben dort begleiten.

Lunch mit dem Rebellenpräsidenten

Vier Stunden lang ging es über die Holperpiste in Richtung Osten. Die Straße war mal vor etlichen Jahren gut ausgebaut, es war eine wichtige Verbindungsstraße zwischen Goma und Uganda. Heute ist nicht mehr viel davon übrig. Man wird gut durchgeschüttelt im M23 Gebiet, auch wenn die Rebellen versuchen, einige der Löcher notdürftig zu flicken. Kein Wunder also, dass unser Geländewagen nach einiger Zeit einen platten Reifen hat.

Es ist eine Schüttelpartie auf dem Weg nach Bunagana, dem Sitz des M23 Präsidenten, direkt an der Grenze zu Uganda. Er hat ein internationales Reiseverbot, darf noch nicht einmal an den Friedensverhandlungen im ugandischen Kampala teilnehmen. Daher freut er sich über jeden Besucher, besonders wenn es Journalisten sind. Denen steht er gerne Rede und Antwort. Kurz nach dem Flughafen Goma beginnt der Machtbereich der M23. Eine Holzschranke markiert den Beginn. Entlang der Straße patroullieren schwerbewaffnete Soldaten der Gruppe.

Unser Kommen ist bekannt, als wir da sind, wird noch einmal hin und her telefoniert, dann werden wir in einen Raum geführt, dort sitzt Bischof Jean-Marie Runiga Lugerero auf einer Couch, ein mittelgroßer Mann im Anzug. Vor der Tür schwerbewaffnete Soldaten mit Maschinengewehr und Raketenwerfer. Auf einem kleinen Fernseher drinnen läuft eine Game Show von RAI, dem italienischen Sender, hier per Satellit zu empfangen. Die heile Welt im Kriegsgebiet. Runiga Lugerero freut sich, schüttelt jedem die Hand und lädt uns erst einmal zum Mittagessen ein. Es gibt Fisch, Reis, Nfundi und Gemüse. Es wird etwas geplauscht, bevor es danach zum Interview geht.

Bischof Jean-Marie Runiga Lugerero will mit seiner M23 Bewegung den Kongo verändern. Er wettert gegen Korruption, die katastrophalen Verhältnisse im Land, erinnert an das Elend und die Not der Bevölkerung. Man habe in den Friedensverhandlungen in Kampala ernstzunehmende Vorschläge gemacht, doch die Antwort der Regierung in Kinshasa war fast immer gleich: M23 habe keine Berechtigung über gemeinsame Kommissionen, über Wahlen, über Untersuchungen, über Verträge zu verhandeln… Und M23 spreche nicht für die Bevölkerung. Runiga Lugerero hofft, dass die internationale Gemeinschaft endlich die Rebellenbewegung anders einschätze, denn die Sicherheit in diesem Teil des Landes sei wieder hergestellt. Man arbeite an der Infrastrukutur, und, so behauptet es der Präsident der M23, die Menschen in dieser Region stehen zu den neuen Machthabern.

Nach rund zwei Stunden in Bunagana ist es Zeit zum Aufbruch, um noch vor Einbruch der Dunkelheit in einer sicheren Herberge anzukommen. Runiga Lugerero verabschiedet sich mit Handschlag und lädt mich ein, doch mal wieder vorbei zu kommen. „You are welcome any time“. Der Pressesprecher fährt uns in einem schweren Geländewagen Marke Lexus zu unserem Wagen, ausserhalb des abgesperrten Bereiches und meint: „Den haben wir von Kabila bekommen“ und lacht. Gemeint ist die Übernahme Gomas im November, als die M23 neben Waffen, Munition, Lebensmittel, Gerätschaften, Fahrzeuge auch die Privatvilla des kongolesischen Präsidenten Josep Kabila plünderten und nun mit dessen Privatlimousinen im Osten des Landes herumfahren. Man erlebt schon seltsames in diesem Land.

Geht nicht gibts nicht

Die Dinger heißen Chukudu und rollen überall durch Goma. Besser gesagt, sie werden durch die Straßen geschoben. Von einem, zwei oder auch drei zumeist jungen Leuten und Kindern. Damit wird eigentlich alles in der Stadt transportiert. Latten, Rohre, Mehl- und Zementsäcke, Autoreifen, Ersatzteile, Bierkästen im Dutzend, Schreibtische, Betten und Matratzen. Bis zu einer Tonne können die Chukudus tragen, die es in verschiedenen Größen gibt.

Es ist eine Knochenarbeit, die Dinger durch Goma zu schieben. Denn nicht nur das Gewicht als solches ist schon schwer genug, die Straßen sind alles andere als eben für diese Riesenroller. Aber die Chukudus sind aus dem Stadtbild gar nicht mehr wegzudenken, es ist der einfachste und praktischste Weg, Güter von A nach B zu transportieren. Am Rande des Stadtzentrums wurde sogar eine goldene Statue für die Chukudu Fahrer errichtet.

Heute war ich an einer anderen Universität, die zum Teil von der evangelischen Kirche in Deutschland finanziert wird. Dort traf ich einen deutschen Informatiker, der seit eineinhalb Jahren hier ist. Es sei eine Herausforderung, mit den Mitteln und den Möglichkeiten, die hier existieren, das zu verwirklichen, für was er hier sei. Die Universität zahle allein 1000 Dollar im Monat für den Internetzugang, habe damit aber nur eine Bandbreite, die einem Zehntel von dem entspreche, was in Deutschland einem normalen Haushalt zur Verfügung stehe.

Doch auch damit ließe sich leben, man versuche eben das beste mit dem zu machen, was man habe. Sowieso sind alle, die man hier trifft voller Energie, Motivation und Ausdauer. Der Job in der humanitären und der Entwicklungshilfe ist alles andere als leicht. Es ist kein 40 Stunden Job, die Abschaltmöglichkeiten nach Dienstschluß sind so gut wie nicht existent, die Sicherheitslage nach wie vor prekär. Schüsse haben hier schon alle gehört. Man sollte vorher wissen, auf was man sich in Goma und im Ost-Kongo einläßt. Und dennoch, all jene, die ich in den letzten Tagen getroffen und gesprochen habe, würden diesen Schritt hierher wieder gehen. Der Kongo hat eine tiefe und bewegende Faszination…und irgendwie läßt einen dieses Land nicht mehr los.

Ein Stück weit Normalität

Erst eine Pizza aus dem Holzofen, dazu ein Bierchen und danach geht es zum Fußballschauen. Borussia Dortmund spielt im Achtelfinale der Champions League gegen den ukrainischen Meister Shakhtar Donezk. In Goma werden an diesem Abend nicht viele dieses Spiel verfolgt haben, zeitgleich lief ja Real Madrid gegen Manchester United. Doch das Satellitenfernsehen macht es möglich, dass man auch am entferntesten Örtchen der Welt – und das ist Goma irgendwie – vertrauten Fußball sehen kann. Ein kleines Stück Normalität, die einem erst wieder nach dem Spiel auf dem Weg zurück ins Hotel bewußt wird.

Gebt den Kindern das Kommando

Wenn man durch Goma fährt, wenn man durch eines der Flüchtlingslager läuft, dann fallen einem sofort die vielen Kinder auf. Sie sitzen im Dreck, kauen auf Zuckerrohr, beobachten Vorbeikommende, spielen mit selbstgebautem Spielzeug. Ein kleiner Junge hatte aus einer Plastikflasche ein Fahrzeug gebaut, die Verschlüsse dienten als Räder. Oder dieser Junge hier, der einen aufgeschnittenen Kanister als Bollerwagen hinter sich herzog.

In einem Gesundheitszentrum der Johanniter kommen monatlich rund 50 Säuglinge zur Welt. Familien mit zehn Kindern sind keine Ausnahme, auch wenn der Vater von vornherein weiß, leisten kann er sich das eigentlich nicht. Als Besucher taucht unweigerlich die Frage auf, welche Zukunft diese Kleinen haben werden?

Heute hatte ich ein sehr interessantes Gespräch mit einer deutschen Journalistin, die seit eineinhalb Jahren für die Hilfsorganisation ‚Heal Africa‘ arbeitet. Auf die Frage, ob sie Hoffnung für die Stadt, die Region, das Land habe, antwortete sie mit ja. Durch ihre Arbeit komme sie mit vielen jungen Leuten zusammen, die ihr Hoffnung geben. Die Fragen stellen, die sehen, was hier schief läuft. Es ist schwer im heutigen Kongo kritisch zu denken, schon der kleinste Protest wird unterdrückt und zerschlagen. Doch die Jugendlichen von heute wissen, was woanders passiert, wie das Leben auch gelebt werden könnte. Sie fragen, warum man hier so sehr von den Hilfsorganisationen abhängig sei, obwohl die Region reich ist, mit Bodenschätzen aller Art gesegnet ist, eine unfassbar schöne Umgebung hat, die eigentlich ein Touristenziel sein müßte. Hoffnung sei da, meinte die Deutsche, aber es werde wohl noch Generationen dauern, bis die Gesellschaft hier funktionieren kann und wird. Die Zukunft liege in der Hand der jungen Leute.

Holzlatrinen mit Symbolkraft

Ein weiterer Tag in Goma, ein weiterer Besuch in einem Flüchtlingslager. Fast eine Stunde dauert die 15 Kilometer lange Fahrt von der Innenstadt an die Stadtgrenze. Die Straßenbedingungen sind unsäglich, man wird im Toyota Geländewagen so richtig durchgeschüttelt. Meist nur im ersten Gang geht die Fahrt voran.

Dieses Lager hat über 50.000 Bewohner. Alles kongolesische Flüchtlinge, die vor dem ständigen Bürgerkrieg in die vermeintliche Sicherheit nach Goma geflüchtet sind. Die internationale Gemeinschaft hilft, wo sie kann in diesem Flüchtlingslager, das anfangs nur für eine kurze Zeit angelegt wurde. Doch die Situation verbessert sich nicht in den Heimatregionen der Menschen.

Ich bin mit den Johannitern unterwegs, die hier etliche Latrinen und Duschbereiche aus Holz gebaut, die Apotheken eingerichet und Gesundheitszentren aufgebaut haben. Finanziert wird der Einsatz der Johanniter durch das Auswärtige Amt. Das Geld kommt an, man arbeitet eng mit dem AA zusammen und hebt sich durch den qualitativen Ansatz auch von anderen Hilfsorganisationen ab. Qualitativ heißt, die Latrinen und Duschbereiche der Johanniter sind aus Holz gezimmert, erhöht und nach internationalem Standard gebaut. Im Vergleich dazu die nur mit Planen errichteten Toiletten anderer NGOs. Sogar an Behindertentoiletten wurde von den deutschen Johannitern gedacht. Die Menschen hier wissen den Unterschied zu schätzen.

Der Weg durchs Lager ist erschütternd. Tausende von Menschen, viele Kleinkinder wuseln um einen herum. Spärlich bekleidet, die Latschen durchgelaufen, Rotznasen in welches Gesicht man auch schaut und zum Teil dicke Bäuche, die die schlimme Situation der Kinder noch einmal unterstreicht. Immer wieder der Ruf nach den Wazungu, den Weißen, die hier durch die Gegend laufen.

Das Gesundheitszentrum ist ein aus Planen errichtetes Gebäude, das in wenigen Wochen einem aus Holz erbauten weichen wird. Man hat erkannt, dass hier von einer kurzfristigen Hilfsoperation in eine mittelfristige übergegangen werden muß. Die Menschen sind hier und werden erst einmal hier bleiben. Trotz aller Einfach- und Schlichtheit ist dieses Gesundheitszentrum vorbildlich. Man darf keine deutschen Standards anwenden, es geht um den Aufbau von Gesundheitshilfe in einem korrupten Land ohne Infrastruktur, das sich in einem Krieg befindet.

Nach diesem „Ausflug“ machte ich mich noch einmal auf mit dem Mopedtaxi durch die Stadt. Mein Ziel war die Universität. Ein heruntergekommenes Gebäude, die Scheiben zerschlagen oder zerschossen, in engen, dunklen Zimmern drängen sich Dutzende von Studenten auf Holzbänken.

Ein langer Spaziergang durch die Stadt zurück zum Hotel. Man fällt auf als einziger Weißer. Normalerweise fahren die nur in ihren Geländewagen durch die Gegend. Ein Sprung in den See zum Abkühlen, danach ein kühles „Mützig“ Bier….die Erfahrungen in Goma erden einen. Jedes meiner Probleme ist dagegen nichtig.

Ein „Muzungu“ auf dem Moped

Am Tag als der Papst seinen Rücktritt erklärt, stehe ich vor einer Wandmalerei im Gefängnis von Goma. In diesem Raum waren rund 150 Häftlinge untergebracht. Ab und an wurde hier auch ein Gottesdienst gefeiert. Unchristlicher könnte kein Ort sein. Verdreckt, elendig, zerstört. Wer hier hauste, hier untergebracht war, der war vergessen. Im November wurden die Gefängnistore geöffnet, von wem ist unklar, den Regierungssoldaten oder den M23 Rebellen.

Heute ging es am Morgen zuerst mit dem Mopedtaxi in einen Randbezirk von Goma, dort werden ehemalige Kämpfer und Opfer von zumeist sexueller Gewalt geschult. Es ist wie eine Berufsschule, es gibt eine Schreinerei, eine Autowerkstatt, Näherei, Maurerei. Finanziert wird das ganze von norwegischen und finnischen Hilfsorganisationen. Hier arbeiten, und zum Teil leben, Täter und Opfer nahe beieinander. Ein einmaliger Versuch, der jedoch zu funktionieren scheint.

Wieder zurück in die Stadt, mit dem Moped Taxi. Der schwarze Lavastaub setzt sich in allen Poren fest, nach jeder Fahrt hat man ein schwarzes Gesicht, man sieht deutlich die Ränder der Sonnenbrille um die Augen. Wie die Mopedfahrer den Parcours auf Gomas Straßen bewältigen ist einzigartig. Geschickt wird um steinige Hügel aus Lavagestein auf den Strassen und tiefe Schlaglöcher herum manövriert. Und immer sind andere Mopeds um einen rum. Ein „Muzungu“, ein Weißer auf einem Mopedtaxi kommt nicht so oft vor. Da bleiben schon mal einige stehen, wie gestern, als meinem Fahrer der Sprit ausging. Er rief einen anderen herbei und versuchte mir auf Französisch klar zu machen, was ich zu zahlen habe. Und ich antwortete auf Englisch, dass das viel zu viel sei…währenddessen wurde die Gruppe um uns herum immer größer. Einige lachten über den Muzungu, andere hörten dem sicherlich bizarren hin und her einfach interessiert zu. Schließlich einigten wir uns, ein paar Scheine wechselten die Hand und weiter ging es.

Heute morgen ein ähnliches Schauspiel. Diesmal fuhr mein Mopedtaxi nach ein paar Hundert Metern mit plattem Hinterreifen. Der Fahrer hielt also an, rief einen anderen Fahrer herbei. Schaulustige machten sich über den etwas größeren und sicherlich auch schwergewichtigeren Muzungu im Vergleich zu den schmalen Kongolesen lustig. Der sei wohl schuld am platten Reifen, machten sie mir mit Gesten klar. Ich zeigte auf einen bäuchigen Kongolesen auf einem anderen Moped, also an mir konnte es wohl nicht gelegen haben. Einmal herzhaft gelacht und weiter ging es.

Goma ist eine seltsame Stadt. Am Ufer große Villen und Hotels, Motorboote der Reichen düsen vorbei, dahinter junge Frauen auf Wasserski. Und dann ist da der Rest von Goma, eine Stadt, die eigentlich nicht existent ist, also zumindest nicht so, wie wir uns eine Stadt vorstellen. Die Stromversorgung mangelhaft, kaum fliessend Wasser in den Häusern, Straßen nicht existent. Armut, Elend, Not. Und das hier, wo Goma der Umschlagplatz für Gold, Diamanten, Coltan, Wolfram und viele andere Erze ist. Jeden Tag werden hier Bodenschätze im zig stelligen Millionenbereich vertickt und über die Grenze geschafft. Einige leben sehr gut davon, die Rebellengruppen finanzieren ihre Kämpfe damit, doch in der Bevölkerung kommt vom Reichtum der Region und des Kongos nichts an.

Ich sitze hier auf dem Balkon meines Hotelzimmers, schaue auf den Kivu See, in der Ferne die Berge, der mächtige Vulkan Nyiragongo. Eine Traumlandschaft….gerade startet wieder lautstark ein UN Flugzeug vom Flughafen Goma. Eine Erinnerung daran, dass dies hier keine normale Stadt am beschaulichen Seeufer ist.

Modern Talking im Kongo

Ja, muß das denn wirklich auch noch sein? Modern Talking plärrte auf der nächtlichen Taxifahrt durch Goma aus dem Radio. Von einem Ende der Stadt ans andere. Die Millionenstadt war wie ausgestorben, kaum eine Menschenseele auf den Straßen. Überall war es dunkel. Der Taxifahrer hielt an einer Ecke. Kein Sprit mehr, meinte er, doch hier war keine Tankstelle. Er stieg aus, lief zu einem jungen Kongolesen hinüber. Der schüttete erstmal aus einem gelben Kanister Benzin in zwei Plastikwasserflaschen und leerte diese anschließend in den Tank. Weiter ging die nächtliche Fahrt über das holprige Lavagestein, hier auch Straße genannt. Und dazu „Cherie, Cherie Lady“….und danach „You’re my heart, you’re my soul“. Modern Talking im Doppelpack geht gar nicht, erst recht nicht in einem nächtlichen Goma, das für jeden Horrorstreifen als Kulisse herhalten könnte. Mir gruselte es!

Zwei Ecken weiter zieht ein Bewaffneter eine Holzlatte mit Nägeln über die Fahrbahn. Straßenkontrolle. Aussteigen, Rucksack öffnen. Das Auto wird durchsucht. Nichts zu finden. Ein weiterer Soldat kommt von hinten und meint „Muzungu, give me money“. Ich bin schon eingestiegen, weiter geht die Fahrt zum Gästehaus der Caritas, direkt am Lake Kivu.

Der Tag hatte schon früh begonnen. Die Nacht in Gisenyi auf ruandischer Seite verbracht, dann morgens zu Fuß über die Grenze, kurz einchecken im Hotel und weiter zu CARE International. Die Hilfsorganisation hatte angeboten mich in einige Flüchtlingslager mitzunehmen, mir ihre Projekte zu zeigen. Quer durch die Stadt ging es, eine einzige Holperpiste aus Lavagestein und tiefen Schlaglöchern. Links und rechts Barracken, Wohnhütten, kleine Geschäfte und überall Kleinkinder. Im ersten Lager sassen wir mehrere Stunden in einem Bretterschuppen, der das Büro des Lagerpräsidenten war. In der Nebenhütte surrte eine Nähmaschine, immer mal wieder wehte der Geruch der nahen Behelfstoiletten herüber. Der Präsident berichtete von den täglichen Schwierigkeiten, den Übergriffen, dem Versagen der kongolesischen Regierung. Danach saßen an dem kleinen Tisch zwei junge Frauen, die von sexueller Gewalt sprachen. Vergewaltigungen und sexuelle Übergriffe gehören zum Alltag der Frauen im Kongo.

Auf dem Weg zum Auto begleiteten uns Dutzende von Kindern. Einige waren mutig und kamen ganz nahe, um dem Muzungu über die Haare an den Armen zu streichen. Sie lachten dabei. In dem Moment konnte man sogar das ganze Elend um einen herum vergessen.

Das amerikanische Jahr

Eigentlich ist jedes Jahr ein amerikanisches Jahr. Zumindest, wenn man sich die Nachrichtenlage ansieht. Als Korrespondent in Amerika kann man über alles berichten, alles ist berichtenswert, alles ist wichtig und interessant für Leser und Hörer. In diesem Jahr stand der Wahlkampf im Vordergrund. Erst die Vorwahlen der Republikaner, dann das Aufeinandertreffen von Präsident Barack Obama und seinem Herausforderer Mitt Romney.

Daneben berichtete ich über Gangs in Los Angeles, den Drogenkrieg gleich an der Grenze zu Nordmexiko, über Fahrraddemonstrationen und Nackte in San Francisco, über die Todesstrafe in Kalifornien und natürlich den Monstersturm Sandy. Und, und, und…..Das Interesse an dem, was in den USA passiert ist riesig. Und auch, wenn ich damit meinen Lebensunterhalt verdiene, frage ich mich oft, woher dieses Interesse an all dem kommt, was in Amerika vor sich geht, passiert, wichtig und unwichtig ist. Gerade wenn man einmal auf andere Regionen in der Welt blickt.

Nehmen wir doch mal den Ostkongo. Seit 1998 sind dort geschätzte 5,4 Millionen Menschen umgebracht worden, der tödlichste Konflikt seit dem Zweiten Weltkrieg. Hunderttausende sind auf der Flucht, von einem Lager in das nächste. Es gibt Massenvergewaltigungen, Kinder werden als Soldaten rekrutiert, die Menschen hungern in einem Land, das eigentlich eines der reichsten Länder der Welt sein könnte. Und was passiert? Nichts. Selbst Korrespondenten, die vor Ort sind, ihr eigenes Leben riskieren, erklären, es gibt kein Interesse an diesem Krieg gegen die kongolesische Bevölkerung. Die Vereinten Nationen sind seit Jahrzehnten mit Truppen vor Ort, doch viel geschieht nicht, ausser, dass pro Monat rund eine Milliarde Dollar an Geldern verbraten werden.

Heute lese ich vom Konflikt in der Zentralafrikanischen Republik. Auch dort sind Rebellengruppen aktiv. Die Hauptstadt Bangui wird wohl demnächst in einem blutigen Kampf in die Hände der Aufständischen fallen. Die Zivilbevölkerung leidet, die UN ruft dazu auf, die Zivilisten zu verschonen. Das ist alles. Die USA und Frankreich haben sich bereits zurück gezogen. Was in diesem Teil Afrikas passiert, soll, wie mir jüngst eine Mitarbeiterin von Ärzte ohne Grenzen erklärte, noch schlimmer sein, als das was im Osten der Demokratischen Republik Kongo abgeht. Sie meinte, nach Goma und in die Kivu-Region der DRC würden immer mal wieder Journalisten mitreisen. Doch was in der Zentralafrikanischen Republik passiert, wird völlig vergessen, übersehen, ignoriert.

Am Jahresende frage ich mich, was macht eine Nachricht aus, was macht sie lesenwert, wann hört man hin? Wie kann es sein, dass die westliche Welt – durchaus zurecht – trauert, wenn in einem Amoklauf in Newtown 20 Schulkinder ermordet werden, doch gleichzeitig das Leid, das Elend, das Morden im Herzen Afrikas und in anderen Teilen der Welt vergessen wird? Was interessiert die Deutschen daran, ob Barack Obama in der ersten Fernsehdebatte unkonzentriert wirkt? Warum blicken sie weg, wenn Zehntausende auf der Flucht sind, ohne Ziel, ohne Hoffnung, ohne ein Ende in Sicht?

Nachrichten sind mein Geschäft, doch ich verstehe die Zusammenhänge nicht.