Ein Grammy für Pete Seeger

Ich bin kein großer Fan der Grammys, irgendwie wird immer das gleiche und die gleichen ausgezeichnet. Interessant finde ich nur jene Awards, die auf den hinteren Rängen zu finden sind, wie „Best boxed or special limited-edition package“, „Best album notes“ und „Best historical album“. Da sind immer mal wieder außergewöhnliche Veröffentlichungen dabei, wie in diesem Jahr der Grammy für eine Pete Seeger Box.

Pete Seeger, die Stimme der amerikanischen Folk-Bewegung. Vor sechs Jahren, am 27. Januar 2014 verstarb er im Alter von 94 Jahren. Seeger wurde schon zu Lebzeiten als “American Treasure”, als lebender Kulturschatz Amerikas bezeichnet. Meist nur mit seinem Banjo in der Hand, begeisterte er seine Zuhörer, und das weltweit. Pete Seeger war Sänger, Rebell und die Stimme einer ganzen Nation. Er sang von einer besseren Welt und war der Meinung, diese könne nicht überleben, solange das Privateigentum „Gott aller Götter“ sei. Seine Lieder sollten Hoffnung geben. Zu Pete Seeger‘s 100. Geburtstag am 3. Mai 2019 hatte sein langjähriges Label “Smithsonian Folkways” eine umfangreiche 6 CD Box herausgebracht, darunter auch 20 bislang unveröffentlichte Songs. Dazu ein 200seitiges Buch. Und diese opulente Box wurde mit einem Grammy für „Best historical album“ ausgezeichnet.

An Pete Seeger kommt man in den USA nicht vorbei. Bob Dylan und Joan Baez und selbst Musiker von Rage Against the Machine sehen ihn als großen Einfluss auf ihre Musik. Seine Lieder wurden zu einem Soundtrack dieses Landes in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Seine bekannten Songs sind genauso auf „The Smithsonian Folkways Collection” zu finden, wie Lieder, die ihn einfach am besten beschreiben. Zusammengestellt wurde diese Werkschau von Jeff Place, Kurator und Leiter des Folkways Archivs. „Ich habe einfach versucht, die größte mögliche Retrospektive zusammenzustellen. Von seinen ersten Veröffentlichungen überhaupt bis hin zu den letzten in seinem Leben. Und dann wollte ich auch noch all die Orte aufnehmen, die Pete Seeger mit seiner Musik besuchte. Die Leute sprechen von ihm wie von Woody Guthrie, Woody’s Kinder sind auch Pete’s Kinder…Joan Baez erzählte mal, dass sie als 13jährige ein Konzert von Pete Seeger an ihrer Schule erlebte, und das veränderte ihr Leben.“

Jeff Place berichtet davon, dass Pete Seeger in den 50 Jahren aufgrund seiner früheren Mitgliedschaft in der kommunistischen Partei und seinem politischen Einsatz für soziale und gesellschaftliche Initiativen unter politischen Druck geriet. Seeger war auch ein Teil der legendären und sehr erfolgreichen „Weavers“, einem Folk Quartett aus Greenwich Village, das neben traditionellen Folk Songs auch Arbeiter- und Protestlieder sang. Damit machten sie sich in der politisch aufgeheizten McCarthy Ära verdächtig. Seeger und auch andere Mitglieder der „Weavers“ wurden „blacklisted“. Kein Club ließ ihn mehr auftreten, kein Radiosender spielte ihn mehr. Doch das hielt ihn nicht auf, so Jeff Place: „Er lebte also ein Leben im Untergrund, wo er einfach an Colleges und Universitäten auftauchte und ohne große Ankündigung spielte, so konnte man ihn nicht davon abhalten. Es wurde versucht, seine Ideen aufzuhalten, aber er fand einen Weg, um die jüngere Generation zu erreichen, in dem er an Schulen spielte und Platten aufnahm. Darunter auch Platten für Kinder. Er hat all diese Menschen in den Vereinigten Staaten beeinflusst, diese jungen Leute, diese Kinder, die schließlich Teil der großen Folk Bewegung in den späten 50er und 60er Jahren wurden, wie Peter, Paul & Mary und Dylan und all die anderen.“

Pete Seeger wurde durch seine Schul- und Uniauftritte erneut bekannt, erreichte so eine neue, junge Generation. In den 60er Jahren setzten Lehrer in den Schulklassen seine Musik im Unterricht ein. Die Saat, die er mit seinen Konzerten säte, ging auf. Seeger veröffentlichte über 70 Platten auf Folkways Records, darunter “Spoken Word” Alben, Musik für Kinder, Protestlieder, Songs aus anderen Ländern und Kulturen. Überall wohin Pete Seeger reiste, brachte er nicht nur seine amerikanischen Lieder mit, sondern nahm auch Songs von dort mit zurück in die USA. Er war ein musikalischer Grenzgänger und Brückenbauer, der Menschen mit seinen Songs zusammenbrachte. Auf dieser Box ist auch eines der bedeutendsten antifaschistischen Protestlieder überhaupt enthalten, das 1933 im norddeutschen Konzentrationslager Börgermoor geschrieben und mit dem Spanischen Bürgerkrieg in alle Welt geweht wurde. Pete Seeger liebte dieses kraftvolle Lied und spielte es immer wieder auf seinen Konzerten.

Mit der großen Pete Seeger Werkschau schließt sich für Folkways Records auch der Kreis der wichtigen „Drei“ der amerikanischen Folk-Musik, denn zuvor schon hatte das Label Boxsets von Woody Guthrie und Lead Belly veröffentlicht. „Man muss auch erwähnen, dass Pete Seeger ein enger Freund von Woody Guthry und Lead Belly und einigen anderen war“, meint Jeff Place. „Und er war derjenige, der weitermachte…sie starben leider viel zu jung, doch Pete hielt ihre Musik und ihre Ideen über die Jahre am Leben. Er ist dafür verantwortlich, dass wir Woody Guthrie heute so kennen oder ihn so schätzen.“

„Pete Seeger – The Smithsonian Folkways Collection“ ist nicht nur eine bedeutende Werkschau einer der wohl wichtigsten Jahrhundertmusiker Amerikas, die nun mit einem Grammy geehrt wurde. Beim Durchhören all der Lieder spürt man vielmehr, dass Pete Seeger mit seinem Banjo und seiner warmen Stimme Kraft und Hoffnung in teils schwierigen Zeiten geben wollte und auch konnte. Amerika könnte heute mehr denn je wieder einen Pete Seeger gebrauchen.

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Der Blick nach unten lohnt sich

Heute wurden die Grammy Nominierungen verkündet. Ich muss auf der ellenlangen Liste ziemlich weit nach unten fahren, um die wirklich guten Platten zu finden, von denen ich finde, dass sie eine Auszeichnung verdient haben. Klar, es ist immer auch Geschmack dabei, aber seien wir doch ehrlich, bei diesen Grammys werden in den vielbejubelten Kategorien immer die gleichen Verdächtigen nominiert und ausgezeichnet.

Eine der wirklich großartigen Platten in diesem Jahr ist Mary Gauthiers „Rifles & Rosary Beads“, die als „Best Folk Album“ zur Wahl steht. Gauthier hat das Album gemeinsam mit Veteranen geschrieben. Songs, die in Musik-Workshops entstanden sind, Lieder als Hilfe, als Krücke, als Möglichkeit, Erfahrenes auszusprechen und zu verarbeiten. Eine wichtige Platte in diesen Zeiten, wo Zehntausendes von Soldaten aus den Einsätzen in Afghanistan und Irak zurückkommen und auf eine Gesellschaft stoßen, die nicht in der Lage ist, ihnen die Hilfen zu bieten, die sie benötigen, die sie verdienen. Jeden Tag nehmen sich 22 Veteranen das Leben. Das ist die offizielle Zahl, nicht beachtet dabei werden Suizidversuche, Gewalt gegen andere, Alkohol- und Drogenprobleme, der gesellschaftliche Absturz. Mary Gauthiers Album ist daher ein Spiegel und ein Aufrüttler zugleich. Alben wie diese sollten beachtet und ausgezeichnet werden:

gauthier     

In der Kategorie „Best Album Notes“ wurde die hervorragende Doppel-CD Alpine Dreaming: The Helvetia Records Story, 1920-1924″ nominiert. In jahrelanger Kleinarbeit hat Professor James Leary von der University of Wisconsin in Madison alle Aufnahmen eines Labels zusammengetragen, das ein Schweizer Einwanderer 1920 gegründet hatte. Und nicht nur das, Leary erzählt in dem umfassenden Booklet die Geschichte des Labels und der Schweizer Community, angereichert mit vielen Bildern, Informationen und Details zu den einzelnen Musikerinnen und Musikern. Ein beeindruckendes Klangwerk, das neugierig macht auf mehr. Auf mehr, was all die Einwanderer in die USA mitgebracht haben, wie sie dieses Land zum Tönen brachten, wie sie es kulturell und musikalisch beeinflusst und bereichert haben.

helvetia     
Und dann sind auch noch zwei deutsche Produktionen in der Kategorie Best Historical Album nominert. Beide wurden auf dem einzigartigen (Kult-)Label Bear Family veröffentlicht: „At The Louisiana Hayride Tonight“ und „Battleground Korea: Songs And Sounds Of America’s Forgotten War“ . Zwei umfangreiche Boxen, die es in sich haben. Vor allem die Korea Box ist ein historisch einmaliges Klangerlebnis, die Geschichte zum Hören bringt. Beide sind in der bekannten Bear-Family Qualität mit viel Liebe zum Detail veröffentlicht worden.

Die Grammys kündigen sich an

84 Kategorien gibt es, um die „besten der Besten“ im Musikbusiness und die bedeutendsten Veröffentlichungen des Jahres auszuzeichnen. Wie immer tummeln sich da die gleichen Verdächtigen, das gehört sich einfach so bei den Grammys. Und klar, der Trumpsche Wahlspruch „America First“ gilt auch hier. Nur selten blicken die Juroren über den amerikanischen Tellerrand. Und keiner soll mir sagen, Amerikaner hören nur US-Mucke. Das ist kurzhörig, denn Amerika ist voller College- und Community Sender, die alle ein Ohr für das haben, was rund um den Globus klingt. Da das allerdings nicht von der Grammy-Jury beachtet wird, hake ich diese Bauchbepinselungsveranstaltung zur besten Sendezeit einfach mal ab.

Unter den Nominierten findet man aber doch ein paar Veröffentlichungen, die man durchaus beachten sollte. Doch die liegen auf der langen Listen auf den hinteren, fast nicht beachteten Bereichen, die in der Glanz- und Glitter-Grammy-Show ganz bestimmt nicht erwähnt werden. Dieses Jahr wurden in der Kategorie 66 „Best Boxed Or Special Limited Edition Package„: Bobo Yeye: Belle Epoque In Upper Volta und in der Kategorie 68 „Best Historical Album“ gleich zwei beeindrucke „Releases“: Sweet As Broken Dates: Lost Somali Tapes From The Horn Of Africa und Washington Phillips And His Manzarene Dreams nominiert. Musik aus Obervolta (dem heutigen Burkina Faso), aus Somalia und aus dem tiefen amerikanischen Süden.

Musik, die begeistert und fasziniert, mit der man sich beschäftigen muss, die unglaublich reich an Geschichten ist. Umfassende Begleitbooklets laden in diesen kühleren Tagen richtiggehend zum Mitlesen und Mithören ein. Und es öffnet sich eine ganz neue und weite und endlose Klangwelt hinter dem eigenen Horizont – wenn man denn will. Obervolta gibt es nicht mehr und wurde 1984 in Burkina Faso umbenannt, das Somalia der 1970er Jahre mit seinem Kulturzentrum Mogadischu – vielbeachtet, energiegeladen und offen für viele Einflüsse –  ist zerbombt worden und der Gospelsänger Washington Phillips hat gerade mal 16 Songs für das Columbia Label zwischen 1928-29 aufgenommen. Diese wurden nun mit viel Liebe zum Detail von Dust to Digital neu aufbearbeitet und veröffentlicht. Alle drei Veröffentlichungen, so unterschiedlich sie musikalisch und auch inhaltlich sind, verdienen geehrt zu werden. Alle drei sind ein wahrer, tiefer, bewegender Hörgenuss!

Die Grammys sind für die Katz‘

Was bitteschön ist der Unterschied zwischen dem „Album of the year“ und der „Record of the year“? Ich kann es nicht beantworten, aber die Grammy Juroren haben in beiden Kategorien eine Auszeichnung vergeben. Wahrscheinlich steht das dafür, dass diese Veranstaltung sowas von überflüssig ist.

Ging leer aus: "Native North American".

Ging leer aus: „Native North American“.

Jedesmal an einem Abend im Februar reiben sich die Stars und Sternchen des Musikgeschäfts in Los Angeles aneinander, klopfen sich auf die Schultern, bauchpinseln sich ganz farbenfroh und singen gemeinsam im Chor: „We are the world“. Denn die Grammy Veranstaltung ist nicht nur ein Treffen der Major-Label-Stars, es ist vor allem auch ein Zusammenkommen der amerikanischen Industrie. Ausgezeichnet werden nicht neue Ideen, Trends, Mutiges, musikalische Experimente aus aller Welt. Nein, mit Preisen überschüttet werden jene Amerikaner und Amerikanerinnen (manchmal noch Bewohner aus Großbritannien) , die mit Millionen-Dollar-Produktionen im Studio den „richtigen“ Sound fanden. Wirklich? Ein Justin Bieber bekommt für einen hirnlosen Song mit dem Titel „Where Are Ü Now“ einen Grammy?

Ging auch leer aus: "Folksongs for another America".

Ging auch leer aus: „Folksongs of another America“.

Aber was rege ich mich auf, das, was da auf der Bühne geschieht und was gehypt wird, interessiert mich eh nicht. Jedes Jahr nach der Bekanntgabe der Nominierungen schaue ich mir zuallererst die Veröffentlichungen im unteren Bereich an. In der Kategorie 66 „Best album notes“ kannte ich fast alle Alben: „Folksongs Of Another America: Field Recordings From The Upper Midwest, 1937-1946„, „Lead Belly: The Smithsonian Folkways Collection“, „Portrait Of An American Singer“ und „Songs Of The Night: Dance Recordings, 1916-1925“. Eigentlich alle, bis auf eines, und das gewann. Die Grammy-Jury blieb mit der Joni Mitchell-Box von Rhino Records auf sicheren Pfaden. Auch wenn die mehr als fünfjährige Recherchearbeit von Jim Leary für „Folksongs of another America“ diese Auszeichnung, sprich Anerkennung seiner historischen Arbeit mehr als verdient hätte. Gerade auch in einer Zeit, in der über Immigranten gesprochen wird. Folksongs ist und bleibt ein beeindruckendes Werk.

Nächste Kategorie, 67, „Best historical album“. Dort waren für mich zwei Veröffentlichungen herausragend: „Native North America (Vol. 1): Aboriginal Folk, Rock, And Country 1966–1985“ und „Parchman Farm: Photographs And Field Recordings, 1947–1959“. Und was wurde ausgezeichnet, Bob Dylan mit seiner elften Ausgabe von „The Basement Tapes Complete: The Bootleg Series“, die auf Columbia Records erschienen ist. Selbst in diesen eher mitlaufenden Kategorien, die jedoch für Sammler und Liebhaber historischer Aufnahmen wichtig sind, bleibt die Grammy-Jury in sicheren Fahrwassern, zeichnet Veröffentlichungen der Major-Labels aus. Die Grammys, das muß man leider sagen, ist eine reine Lobby-Veranstaltung der amerikanischen Musikindustrie. Nicht mehr und nicht weniger. Viel Geld für Quatsch…und nun stehen die Oscars an.

Bei den Grammys schnell nach unten

Für einen Grammy nominiert: Folksongs Of Another America: Field Recordings From The Upper Midwest, 1937-1946/

Für einen Grammy nominiert: Folksongs Of Another America: Field Recordings From The Upper Midwest.

Die Grammy Verleihung ist ja so eine Schmalspurveranstaltung der Musikindustrie. Es wird viel gelächelt, sich auf die Schultern geklopft, man feiert sich mit Pomp und Glanz und jedes Jahr werden die gleichen Verdächtigen ausgewählt. Nun kam die Liste der nominierten Musiker, Bands, Performer, Aufnahmen heraus. Für mich heißt das jedesmal, ich muß fast ganz nach unten scrollen, um das zu finden, nach dem ich suche. In der Kategorie 66 „Best Album Notes“ werde ich schließlich fündig. Dort gleich als erste Nominierung:

Folksongs Of Another America     

Zusammengestellt wurde diese beeindruckende Sammlung von Professor James Leary von der University of Wisconsin. An dieser „Collection“ arbeitete er mehrere Jahre, fand die Lieder in Archiven, ergänzte in dem Begleitbuch die Liner Notes der ursprünglichen Aufnahmen um wichtige Informationen und Fotos der Musiker und Gruppen. Ein Mammutwerk, das den Wert der Musik der Immigranten in den USA aufzeigt. Es ist eine Klangreise in längst vergangene Tage. Musik, die lange Zeit sogar von den Amerikanern selbst vergessen und übersehen wurde, in Archiven verstaubte.

Für einen Grammy nominiert: Parchman Farm: Photographs And Field Recordings, 1947–1959.

Für einen Grammy nominiert: Parchman Farm: Photographs And Field Recordings, 1947–1959.

Einer der Musikethnologen, die in den späten 30er und frühen 40er Jahren durch den oberen Mittleren Westen zogen, um dort mit ihren Bandgeräten Aufnahmen der Immigranten zu machen, war Alan Lomax. Eine weitere Veröffentlichung dieses weitsichtigen Musiksammlers findet man in der Kategorie 67 „Best Historical Album“. „Parchman Farm: Photographs And Field Recordings, 1947–1959“, ebenfalls veröffentlicht auf „Dust to Digital Recordings„. Lomax reiste zum Staatsgefängnis in Mississippi, um dort die Gefangenen, vor allem bei der Arbeit, aufzuzeichnen. Eine bewegende Sammlung von Liedern, die in dieser Veröffentlichung noch durch ein Fotobuch erweitert werden.

Erfreulich aus deutscher Sicht ist, dass wieder einmal eine Box von Bear Family Records unter den nominierten Alben ist. „Portrait of an American Singer“ ist eine 5-CD Sammlung, begleitet von einem 120-seitigem gebundenen Buch. Vorgestellt wird Tennessee Ernie Ford, einer der bedeutendsten Genre-übergreifenden Künstler in der Geschichte der  populären Musik der USA. Zu Bear Family Records brauche ich nichts mehr zu sagen, die Qualität und die Liebe zum Detail sprechen für sich. Ich bin absoluter Fan dieses Labels.

Alle drei hier genannten Veröffentlichungen kann ich nur wärmstens in der kalten Vorweihnachtszeit empfehlen. Sie lohnen sich unterm Weihnachtsbaum genauso wie für einen Abend auf der Couch. Wer es noch zu schätzen weiß, dass Musik mehr ist als nur ein dröge mp3 File. Wer Geschichten hinter der Musik liebt? Wer einfach ein Stück Musikgeschichte in der Hand halten will, der liegt hier auf alle Fälle richtig. Alle drei Veröffentlichungen sind tief bewegende Hörreisen.

Die Grammys sind wirklich für die Tonne

Zehn Dollar kostet die CD neu bei amazon.com, die nun in der Kategorie „Best Historical Album“ ausgezeichnet wurde: Hank Williams „The Garden Spot Programs, 1950“. Nichts gegen Hank Williams, nichts gegen den Preis von 10 Dollar, nichts gegen diese 65 Jahre alten Country Aufnahmen. Die Wahl der Grammy Mitglieder zeigt vielmehr, dass sie entweder keine Ahnung von dem haben, was sie da treiben oder die ganze Wahl ein abgekartetes Spiel ist. Einfach unglaublich!

"Black Europe" fiel bei den Grammys durch.

„Black Europe“ fiel bei den Grammys durch.

Warum ich mich so aufrege? Ganz einfach, denn zur Wahl stand auch die wahrscheinlich bedeutendste historische Veröffentlichung, die es je gab, gibt und wohl geben wird. „Black Europe: The Sounds And Images Of Black People In Europe Pre-1927„, veröffentlicht auf dem deutschen Label Bear Family Records. Rainer Lotz, Jeffrey Green und Howard Rye haben an diesem einmaligen Monumentalwerk Jahre gearbeitet, in Archiven und Sammlungen in aller Herren Länder nach Aufnahmen gesucht. Die Produzenten und Musikhistoriker haben auf 44 (!) Cds 1244 Aufnahmen zusammen getragen, das ganze mit reichlich Bild- und Hintergrundmaterial zu jedem Song in zwei gebundenen Büchern ergänzt. Hinzu kam ein Label, das sich überzeugen ließ, solch ein aufwendiges Projekt zu unterstützen und zu finanzieren. Mit „Black Europe“ wurden in vielerlei Hinsicht neue Maßstäbe gesetzt, an denen sich zukünftige Boxsets messen lassen müssen.

Black Europe     

Was die Grammy Juroren, die höchstwahrscheinlich gesäßfreundlich im Sessel lieber Justin Timberlake und Jay Z hören als knisternde Recordings aus den Anfangszeiten der Aufnahmetechnik, mit so einer Entscheidung sagen ist ganz klar: Egal was, der Aufwand lohnt sich nicht. Wenn historische Aufnahmen, bei aller Wertschätzung für Hank Williams, bei einer Radioperformanceserie aus den 1950er Jahren aufhören, dann haben da einigen Leutchen in der Jury ihren Job verfehlt.

In den Pop, Rock, HipHop, R&B, eben den verkaufsstarken Genres, gewinnen immer die üblich Verdächtigen. Von daher waren die Grammys in diesen Bereichen immer so absolut unbedeutend für jemanden, der auch nur ein bisschen Ahnung und Interesse an der Musik und ihrer Entwicklung hat. Aber die Entscheidung in diesem Jahr in der Kategorie „historisches Album“…. Ich hätte gerne geschrieben, sie macht mich sprachlos. Aber dem ist nicht so, wie man hier sieht. Ich kann nur hoffen, dass Musiksammler und -historiker, wie Rainer Lotz, und Labels, wie Bear Family, sich von solch einer Klamaukveranstaltung in Los Angeles nicht entmutigen lassen. „Black Europe“ ist und bleibt eine einzigartige Klang-, Sprach- und Musiksammlung, deren Wert man überhaupt nicht in Worte fassen kann.

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Grammy Nominierung für deutsche Produktion

Die Grammys sind eigentlich für die Tonne. Eine Auszeichnung, die immer an die gleichen Verdächtigen aus dem Pop und Rock Geschäft ausgegeben wird. Damit feiert sich die Musikindustrie jedes Jahr aufs Neue selbst. Nach dem Motto, wer viel verkauft, muss auch gut sein, dafür gibt es dann auch noch einen Grammy. Es geht nicht um Innovation, um musikalische Impulse, um die Bedeutung eines Albums oder einer Band, nein, es geht vielmehr um die perfekte Anpassung ans glitzernde Showgeschäft.

Das einzigartige Monumentalwerk "Black Europe" ist für einen Grammy nominiert worden.

Das einzigartige Monumentalwerk „Black Europe“, veröffentlicht auf Bear Family Records, ist für einen Grammy nominiert worden.

Umso verwunderlicher ist es, dass in einigen Unterkategorien wirklich gute Veröffentlichungen nominiert werden. Ich kann es mir nur so erklären, dass da andere Leute auswählen und entscheiden. Musikliebhaber, Sammler, Kenner. In der Kategorie „Historical Album“ wurde nun auch die sagenhafte und einzigartige Box „Black Europe“ nominiert, die auf dem deutschen Label „Bear Family Records“ veröffentlicht wurde und an der auch Rainer Lotz, einer der wohl bedeutendsten deutschen Musikhistoriker maßgeblich mitgearbeitet hat. Ein Monumentalwerk der Extraklasse, an dem jahrelang gearbeitet wurde. Archive und Sammlungen in aller Herren Länder und auf allen Kontinenten wurden durchstöbert auf der Suche nach Aufnahmen schwarzer Künstler im Europa vor 1927.

Und sie haben mehr gefunden als sie erwarten konnten. Auf 48 CDs ist ein umfassendes und beeindruckendes Klangbild des frühen 20. Jahrhunderts entstanden. Neben den Vorläufern der Popmusik kann man hier Aufnahmen von schwarzen Kriegsgefangenen des ersten Weltkrieges hören. „Black Europe“ ist eine einzigartige Geschichtsbox, angereichert mit zwei umfangreichen Büchern, die die Zeit, die Musik, die Umstände erklären, in denen diese Aufnahmen entstanden. Es ist kein Werk, das man einfach so mal nebenbei anhört. Es erfordert Mühe, Zeit und vor allem Interesse des Hörers, sich durch diesen unglaublichen Berg an Aufnahmen und Informationen zu graben. Es ist eine besondere Schatzsuche. Hier kann man auf musikalischer Wurzelsuche gehen.

„Black Europe“ ist ein Liebhaberwerk, das dem Plattenlabel und den daran arbeitenden Musikhistorikern wenig finanziell einbringen wird, denn die Auflage ist gering, der Preis für diese Riesenbox sehr hoch. Und doch, sie mußte erscheinen, genau so, wie sie da steht. „Black Europe“ setzt neue Maßstäbe für geschichtliche Veröffentlichungen. Diese Box hat einen Grammy mehr als verdient. Es wäre auf der internationalen Bühne eine Anerkennung für ein Lebenswerk.

This land is your land

Er hat die USA bereist, durchreist, besungen. Pete Seeger hat den Soundtrack für ein Land geschrieben, das nicht einfach in Worte zu fassen ist. Pete Seeger war neben Woody Guthrie der wohl wichtigste Folk Sänger Amerikas. Gestern verstarb er im Alter von 94 Jahren.

Vor einigen Jahren fing ich mit meiner Country, Folk und Americana Sendung für die Lufthansa an. Von Pete Seeger hatte ich gehört, auf irgendeiner Compilation war auch ein Lied von ihm. Doch mit dem Beginn der Show setzte ich mich mehr und mehr mit der amerikanischen Folkmusik auseinander. Und an Pete Seeger kommt man einfach nicht vorbei. Seine weiche und angenehme Stimme, seine tiefe Überzeugung bei dem, was er singt, sein begleitendes, leichtes Banjo Spiel. Pete Seeger beschrieb in seinen Liedern ein Amerika, ganz anders als das, was man aus den Medien kannte. Ein Liedermacher, ein Beobachter, ein Hoffnungsträger. Wie er „We shall overcome“ sang oder auch „Die Moorsoldaten“ interpretierte war einzigartig.

Gerade läuft hier in meinem Büro eine von seinen vielen Alben, die auf Smithsonian Folkways Recordings erschienen sind. „Songs of Struggle & Protest: 1930 -1950“. Eine CD, die Pete Seeger in all seiner Größe darstellt. Er singt von den harten Zeiten, von der Arbeiterbewegung, von Unterdrückung, Leid und Elend. Doch da ist auch Hoffnung, da ist der Mut, der Blick nach vorne. Seeger schaffte es einfach, den richtigen Ton zu finden. Seine Lieder lassen einen Lächeln, tief Durchatmen. Mit seiner Musik hat er Generationen von Musikern beeinflusst und einem Land, das heute mehr gespalten als geeint ist, einen Soundtrack hinterlassen, der immer wieder aufs neue gehört werden muss.

Nur einen Tag nach der pompösen, künstlichen und selbst beweihräuchernden Glitzerveranstaltung, der Grammy Verleihung, starb einer der Musikgiganten des 20. Jahrhunderts. Vielleicht hat er das noch abgewartet, was da in Los Angeles vor sich ging, um ja nicht erwähnt zu werden. An Pete Seeger sollte man sich erinnern, aber eben anders als in einer Schweigeminute zwischen den Auftritten von Katy Perry und dem Kaugummi kauenden Pharrell Williams. Seine Lieder, seine Musik und sein Sinn für Gerechtigkeit werden unvergessen bleiben.

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Ein Kraftwerk(er) kommt nach Nürnberg

Karl Bartos im Radio Goethe Interview     

Am 29. Januar spielt Karl Bartos, zweiter von links in der legendären Kraftwerk Formation, live in Nürnberg. Im Festsaal des K4 wird der Musikpionier altes von Kraftwerk und neues von seiner zweiten Soloplatte „Off The Record“ gekonnt vermischen. Viele der Kraftwerk Klassiker, wie „Die Roboter“ oder „Tour de France“, wurden von ihm mitgeschrieben. Dabei wird deutlich, dass Bartos nie bloß Gastmusiker oder Platzhalter auf den hindrapierten Fotos der Band war. Für „Off The Record“ hat er sein umfangreiches Archiv durchstöbert und alte Klangideen aus seiner Düsseldorfer Kraftwerk Zeit neu verarbeitet.

Die Tour von Bartos könnte zu keinem besseren Zeitpunkt beginnen. Am 25. Januar, wenn Karl Bartos in Köln seine erste Solotour seit acht Jahren startet, erhalten Kraftwerk in Los Angeles einen Grammy für ihr Lebenswerk.

Seit Jahren werden die Düsseldorfer Elektrotüftler bei der Aufnahme zur „Rock’n Roll Hall of Fame“ kläglich übergangen, doch nun wird endlich auf internationaler Bühne die maßgebliche Vorarbeit von Kraftwerk ausgezeichnet. Gerade was die Band in den 70er Jahren leistete, ist Grundlagenarbeit für viele Genres gewesen, die sich später erst entwickelten. Ob im Rock, im Pop, im HipHop, die heutige elektronische Musikwelt wäre ärmer ohne den Weitblick von Krafwerk.

Einen Eindruck dieser klanglichen Welten kann man nun am 29. Januar im K4 live erleben. Karl Bartos kommt in die Frankenmetropole. Für meine Sendung Radio Goethe hatte ich vor einiger Zeit mit Karl Bartos geskypt, das Interview kann man oben hören.

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Grammy für die Tonne

Eigentlich ist die Grammy Veranstaltung so überflüssig wie eine neue U2 Platte. Und doch, die würde wahrscheinlich auch wieder mit einem Grammy ausgezeichnet werden. Wer da in der Jury dieser hohen amerikanischen Musikauszeichnung sitzt, hat entweder nicht viel Ahnung von Musik oder läßt sich von Verkaufszahlen, Werbung, Radio Charts und sündhaft teuren Videoproduktionen blenden. Krasses Urteil, aber so sehe ich das. Denn in der Regel werden immer wieder die gleichen Verdächtigen geehrt, die entweder schon lange nichts mehr mit Innovation und Einfluß auf die Musikszene zu tun haben oder einfach eine geklonte Version eines anderen „Stars“ sind.

Einzige Ausnahme waren bislang so Randkategorien wie „historisches“ Album. Da wurden hervorragende Platten und CDs ausgezeichnet, deren geschichtlichen Wert man erkannte. In diesem Jahr war eine CD Box des deutschen Labels „Bear Family Records“ nominiert, die für mich als der sichere Sieger ins Rennen ging: The Bristol Sessions, 1927-1928: The Big Bang Of Country Music (die NZ berichtete). Ein einmaliges, mit viel Aufwand und Herzblut zusammengestelltes Meisterwerk, dass den Ursprung der Country Musik dokumentierte. Johnny Cash bezeichnete einst diese Sessions als „wichtigsten Moment in der Geschichte der Country Music“. Und dieses Album zeigt nicht nur die Wurzeln der Country Musik, sondern eigentlich den gesamten Beginn der populären Musik. Ohne die Pionierarbeit von Musikern wie der Carter Family oder Jimmy Rodgers wäre wohl vieles anders verlaufen.

Bear Family Records hatte im letzten Jahr nach jahrelanger Archivarbeit mit einigen Partnern in den USA diese „Bristol Sessions“ veröffentlicht, die als Urknall der Country Musik gelten. Eine wichtige Dokumentation, eine einzigartige Box, eine Sammlung zeitlos guter Musik. Und die fiel durch. Stattdessen wurde Paul McCartney mit der Neuauflage und der Deluxe Version von „Band On The Run“ ausgezeichnet. Klar, auch das ein tolles Album, aber….

Na ja, Paul McCartney war ja auch in LA zur Verleihung und spielte live auf, da mußte er ja auch einen Grammy bekommen. Abgekartetes Spielchen, anders kann man das doch nicht sehen. Ist doch wahr!!!