Die Grammys kündigen sich an

84 Kategorien gibt es, um die „besten der Besten“ im Musikbusiness und die bedeutendsten Veröffentlichungen des Jahres auszuzeichnen. Wie immer tummeln sich da die gleichen Verdächtigen, das gehört sich einfach so bei den Grammys. Und klar, der Trumpsche Wahlspruch „America First“ gilt auch hier. Nur selten blicken die Juroren über den amerikanischen Tellerrand. Und keiner soll mir sagen, Amerikaner hören nur US-Mucke. Das ist kurzhörig, denn Amerika ist voller College- und Community Sender, die alle ein Ohr für das haben, was rund um den Globus klingt. Da das allerdings nicht von der Grammy-Jury beachtet wird, hake ich diese Bauchbepinselungsveranstaltung zur besten Sendezeit einfach mal ab.

Unter den Nominierten findet man aber doch ein paar Veröffentlichungen, die man durchaus beachten sollte. Doch die liegen auf der langen Listen auf den hinteren, fast nicht beachteten Bereichen, die in der Glanz- und Glitter-Grammy-Show ganz bestimmt nicht erwähnt werden. Dieses Jahr wurden in der Kategorie 66 „Best Boxed Or Special Limited Edition Package„: Bobo Yeye: Belle Epoque In Upper Volta und in der Kategorie 68 „Best Historical Album“ gleich zwei beeindrucke „Releases“: Sweet As Broken Dates: Lost Somali Tapes From The Horn Of Africa und Washington Phillips And His Manzarene Dreams nominiert. Musik aus Obervolta (dem heutigen Burkina Faso), aus Somalia und aus dem tiefen amerikanischen Süden.

Musik, die begeistert und fasziniert, mit der man sich beschäftigen muss, die unglaublich reich an Geschichten ist. Umfassende Begleitbooklets laden in diesen kühleren Tagen richtiggehend zum Mitlesen und Mithören ein. Und es öffnet sich eine ganz neue und weite und endlose Klangwelt hinter dem eigenen Horizont – wenn man denn will. Obervolta gibt es nicht mehr und wurde 1984 in Burkina Faso umbenannt, das Somalia der 1970er Jahre mit seinem Kulturzentrum Mogadischu – vielbeachtet, energiegeladen und offen für viele Einflüsse –  ist zerbombt worden und der Gospelsänger Washington Phillips hat gerade mal 16 Songs für das Columbia Label zwischen 1928-29 aufgenommen. Diese wurden nun mit viel Liebe zum Detail von Dust to Digital neu aufbearbeitet und veröffentlicht. Alle drei Veröffentlichungen, so unterschiedlich sie musikalisch und auch inhaltlich sind, verdienen geehrt zu werden. Alle drei sind ein wahrer, tiefer, bewegender Hörgenuss!

Die Grammys sind für die Katz‘

Was bitteschön ist der Unterschied zwischen dem „Album of the year“ und der „Record of the year“? Ich kann es nicht beantworten, aber die Grammy Juroren haben in beiden Kategorien eine Auszeichnung vergeben. Wahrscheinlich steht das dafür, dass diese Veranstaltung sowas von überflüssig ist.

Ging leer aus: "Native North American".

Ging leer aus: „Native North American“.

Jedesmal an einem Abend im Februar reiben sich die Stars und Sternchen des Musikgeschäfts in Los Angeles aneinander, klopfen sich auf die Schultern, bauchpinseln sich ganz farbenfroh und singen gemeinsam im Chor: „We are the world“. Denn die Grammy Veranstaltung ist nicht nur ein Treffen der Major-Label-Stars, es ist vor allem auch ein Zusammenkommen der amerikanischen Industrie. Ausgezeichnet werden nicht neue Ideen, Trends, Mutiges, musikalische Experimente aus aller Welt. Nein, mit Preisen überschüttet werden jene Amerikaner und Amerikanerinnen (manchmal noch Bewohner aus Großbritannien) , die mit Millionen-Dollar-Produktionen im Studio den „richtigen“ Sound fanden. Wirklich? Ein Justin Bieber bekommt für einen hirnlosen Song mit dem Titel „Where Are Ü Now“ einen Grammy?

Ging auch leer aus: "Folksongs for another America".

Ging auch leer aus: „Folksongs of another America“.

Aber was rege ich mich auf, das, was da auf der Bühne geschieht und was gehypt wird, interessiert mich eh nicht. Jedes Jahr nach der Bekanntgabe der Nominierungen schaue ich mir zuallererst die Veröffentlichungen im unteren Bereich an. In der Kategorie 66 „Best album notes“ kannte ich fast alle Alben: „Folksongs Of Another America: Field Recordings From The Upper Midwest, 1937-1946„, „Lead Belly: The Smithsonian Folkways Collection“, „Portrait Of An American Singer“ und „Songs Of The Night: Dance Recordings, 1916-1925“. Eigentlich alle, bis auf eines, und das gewann. Die Grammy-Jury blieb mit der Joni Mitchell-Box von Rhino Records auf sicheren Pfaden. Auch wenn die mehr als fünfjährige Recherchearbeit von Jim Leary für „Folksongs of another America“ diese Auszeichnung, sprich Anerkennung seiner historischen Arbeit mehr als verdient hätte. Gerade auch in einer Zeit, in der über Immigranten gesprochen wird. Folksongs ist und bleibt ein beeindruckendes Werk.

Nächste Kategorie, 67, „Best historical album“. Dort waren für mich zwei Veröffentlichungen herausragend: „Native North America (Vol. 1): Aboriginal Folk, Rock, And Country 1966–1985“ und „Parchman Farm: Photographs And Field Recordings, 1947–1959“. Und was wurde ausgezeichnet, Bob Dylan mit seiner elften Ausgabe von „The Basement Tapes Complete: The Bootleg Series“, die auf Columbia Records erschienen ist. Selbst in diesen eher mitlaufenden Kategorien, die jedoch für Sammler und Liebhaber historischer Aufnahmen wichtig sind, bleibt die Grammy-Jury in sicheren Fahrwassern, zeichnet Veröffentlichungen der Major-Labels aus. Die Grammys, das muß man leider sagen, ist eine reine Lobby-Veranstaltung der amerikanischen Musikindustrie. Nicht mehr und nicht weniger. Viel Geld für Quatsch…und nun stehen die Oscars an.

Bei den Grammys schnell nach unten

Für einen Grammy nominiert: Folksongs Of Another America: Field Recordings From The Upper Midwest, 1937-1946/

Für einen Grammy nominiert: Folksongs Of Another America: Field Recordings From The Upper Midwest.

Die Grammy Verleihung ist ja so eine Schmalspurveranstaltung der Musikindustrie. Es wird viel gelächelt, sich auf die Schultern geklopft, man feiert sich mit Pomp und Glanz und jedes Jahr werden die gleichen Verdächtigen ausgewählt. Nun kam die Liste der nominierten Musiker, Bands, Performer, Aufnahmen heraus. Für mich heißt das jedesmal, ich muß fast ganz nach unten scrollen, um das zu finden, nach dem ich suche. In der Kategorie 66 „Best Album Notes“ werde ich schließlich fündig. Dort gleich als erste Nominierung:

      Folksongs Of Another America

Zusammengestellt wurde diese beeindruckende Sammlung von Professor James Leary von der University of Wisconsin. An dieser „Collection“ arbeitete er mehrere Jahre, fand die Lieder in Archiven, ergänzte in dem Begleitbuch die Liner Notes der ursprünglichen Aufnahmen um wichtige Informationen und Fotos der Musiker und Gruppen. Ein Mammutwerk, das den Wert der Musik der Immigranten in den USA aufzeigt. Es ist eine Klangreise in längst vergangene Tage. Musik, die lange Zeit sogar von den Amerikanern selbst vergessen und übersehen wurde, in Archiven verstaubte.

Für einen Grammy nominiert: Parchman Farm: Photographs And Field Recordings, 1947–1959.

Für einen Grammy nominiert: Parchman Farm: Photographs And Field Recordings, 1947–1959.

Einer der Musikethnologen, die in den späten 30er und frühen 40er Jahren durch den oberen Mittleren Westen zogen, um dort mit ihren Bandgeräten Aufnahmen der Immigranten zu machen, war Alan Lomax. Eine weitere Veröffentlichung dieses weitsichtigen Musiksammlers findet man in der Kategorie 67 „Best Historical Album“. „Parchman Farm: Photographs And Field Recordings, 1947–1959“, ebenfalls veröffentlicht auf „Dust to Digital Recordings„. Lomax reiste zum Staatsgefängnis in Mississippi, um dort die Gefangenen, vor allem bei der Arbeit, aufzuzeichnen. Eine bewegende Sammlung von Liedern, die in dieser Veröffentlichung noch durch ein Fotobuch erweitert werden.

Erfreulich aus deutscher Sicht ist, dass wieder einmal eine Box von Bear Family Records unter den nominierten Alben ist. „Portrait of an American Singer“ ist eine 5-CD Sammlung, begleitet von einem 120-seitigem gebundenen Buch. Vorgestellt wird Tennessee Ernie Ford, einer der bedeutendsten Genre-übergreifenden Künstler in der Geschichte der  populären Musik der USA. Zu Bear Family Records brauche ich nichts mehr zu sagen, die Qualität und die Liebe zum Detail sprechen für sich. Ich bin absoluter Fan dieses Labels.

Alle drei hier genannten Veröffentlichungen kann ich nur wärmstens in der kalten Vorweihnachtszeit empfehlen. Sie lohnen sich unterm Weihnachtsbaum genauso wie für einen Abend auf der Couch. Wer es noch zu schätzen weiß, dass Musik mehr ist als nur ein dröge mp3 File. Wer Geschichten hinter der Musik liebt? Wer einfach ein Stück Musikgeschichte in der Hand halten will, der liegt hier auf alle Fälle richtig. Alle drei Veröffentlichungen sind tief bewegende Hörreisen.

Die Grammys sind wirklich für die Tonne

Zehn Dollar kostet die CD neu bei amazon.com, die nun in der Kategorie „Best Historical Album“ ausgezeichnet wurde: Hank Williams „The Garden Spot Programs, 1950“. Nichts gegen Hank Williams, nichts gegen den Preis von 10 Dollar, nichts gegen diese 65 Jahre alten Country Aufnahmen. Die Wahl der Grammy Mitglieder zeigt vielmehr, dass sie entweder keine Ahnung von dem haben, was sie da treiben oder die ganze Wahl ein abgekartetes Spiel ist. Einfach unglaublich!

"Black Europe" fiel bei den Grammys durch.

„Black Europe“ fiel bei den Grammys durch.

Warum ich mich so aufrege? Ganz einfach, denn zur Wahl stand auch die wahrscheinlich bedeutendste historische Veröffentlichung, die es je gab, gibt und wohl geben wird. „Black Europe: The Sounds And Images Of Black People In Europe Pre-1927„, veröffentlicht auf dem deutschen Label Bear Family Records. Rainer Lotz, Jeffrey Green und Howard Rye haben an diesem einmaligen Monumentalwerk Jahre gearbeitet, in Archiven und Sammlungen in aller Herren Länder nach Aufnahmen gesucht. Die Produzenten und Musikhistoriker haben auf 44 (!) Cds 1244 Aufnahmen zusammen getragen, das ganze mit reichlich Bild- und Hintergrundmaterial zu jedem Song in zwei gebundenen Büchern ergänzt. Hinzu kam ein Label, das sich überzeugen ließ, solch ein aufwendiges Projekt zu unterstützen und zu finanzieren. Mit „Black Europe“ wurden in vielerlei Hinsicht neue Maßstäbe gesetzt, an denen sich zukünftige Boxsets messen lassen müssen.

      Black Europe

Was die Grammy Juroren, die höchstwahrscheinlich gesäßfreundlich im Sessel lieber Justin Timberlake und Jay Z hören als knisternde Recordings aus den Anfangszeiten der Aufnahmetechnik, mit so einer Entscheidung sagen ist ganz klar: Egal was, der Aufwand lohnt sich nicht. Wenn historische Aufnahmen, bei aller Wertschätzung für Hank Williams, bei einer Radioperformanceserie aus den 1950er Jahren aufhören, dann haben da einigen Leutchen in der Jury ihren Job verfehlt.

In den Pop, Rock, HipHop, R&B, eben den verkaufsstarken Genres, gewinnen immer die üblich Verdächtigen. Von daher waren die Grammys in diesen Bereichen immer so absolut unbedeutend für jemanden, der auch nur ein bisschen Ahnung und Interesse an der Musik und ihrer Entwicklung hat. Aber die Entscheidung in diesem Jahr in der Kategorie „historisches Album“…. Ich hätte gerne geschrieben, sie macht mich sprachlos. Aber dem ist nicht so, wie man hier sieht. Ich kann nur hoffen, dass Musiksammler und -historiker, wie Rainer Lotz, und Labels, wie Bear Family, sich von solch einer Klamaukveranstaltung in Los Angeles nicht entmutigen lassen. „Black Europe“ ist und bleibt eine einzigartige Klang-, Sprach- und Musiksammlung, deren Wert man überhaupt nicht in Worte fassen kann.

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Grammy Nominierung für deutsche Produktion

Die Grammys sind eigentlich für die Tonne. Eine Auszeichnung, die immer an die gleichen Verdächtigen aus dem Pop und Rock Geschäft ausgegeben wird. Damit feiert sich die Musikindustrie jedes Jahr aufs Neue selbst. Nach dem Motto, wer viel verkauft, muss auch gut sein, dafür gibt es dann auch noch einen Grammy. Es geht nicht um Innovation, um musikalische Impulse, um die Bedeutung eines Albums oder einer Band, nein, es geht vielmehr um die perfekte Anpassung ans glitzernde Showgeschäft.

Das einzigartige Monumentalwerk "Black Europe" ist für einen Grammy nominiert worden.

Das einzigartige Monumentalwerk „Black Europe“, veröffentlicht auf Bear Family Records, ist für einen Grammy nominiert worden.

Umso verwunderlicher ist es, dass in einigen Unterkategorien wirklich gute Veröffentlichungen nominiert werden. Ich kann es mir nur so erklären, dass da andere Leute auswählen und entscheiden. Musikliebhaber, Sammler, Kenner. In der Kategorie „Historical Album“ wurde nun auch die sagenhafte und einzigartige Box „Black Europe“ nominiert, die auf dem deutschen Label „Bear Family Records“ veröffentlicht wurde und an der auch Rainer Lotz, einer der wohl bedeutendsten deutschen Musikhistoriker maßgeblich mitgearbeitet hat. Ein Monumentalwerk der Extraklasse, an dem jahrelang gearbeitet wurde. Archive und Sammlungen in aller Herren Länder und auf allen Kontinenten wurden durchstöbert auf der Suche nach Aufnahmen schwarzer Künstler im Europa vor 1927.

Und sie haben mehr gefunden als sie erwarten konnten. Auf 48 CDs ist ein umfassendes und beeindruckendes Klangbild des frühen 20. Jahrhunderts entstanden. Neben den Vorläufern der Popmusik kann man hier Aufnahmen von schwarzen Kriegsgefangenen des ersten Weltkrieges hören. „Black Europe“ ist eine einzigartige Geschichtsbox, angereichert mit zwei umfangreichen Büchern, die die Zeit, die Musik, die Umstände erklären, in denen diese Aufnahmen entstanden. Es ist kein Werk, das man einfach so mal nebenbei anhört. Es erfordert Mühe, Zeit und vor allem Interesse des Hörers, sich durch diesen unglaublichen Berg an Aufnahmen und Informationen zu graben. Es ist eine besondere Schatzsuche. Hier kann man auf musikalischer Wurzelsuche gehen.

„Black Europe“ ist ein Liebhaberwerk, das dem Plattenlabel und den daran arbeitenden Musikhistorikern wenig finanziell einbringen wird, denn die Auflage ist gering, der Preis für diese Riesenbox sehr hoch. Und doch, sie mußte erscheinen, genau so, wie sie da steht. „Black Europe“ setzt neue Maßstäbe für geschichtliche Veröffentlichungen. Diese Box hat einen Grammy mehr als verdient. Es wäre auf der internationalen Bühne eine Anerkennung für ein Lebenswerk.

This land is your land

Er hat die USA bereist, durchreist, besungen. Pete Seeger hat den Soundtrack für ein Land geschrieben, das nicht einfach in Worte zu fassen ist. Pete Seeger war neben Woody Guthrie der wohl wichtigste Folk Sänger Amerikas. Gestern verstarb er im Alter von 94 Jahren.

Vor einigen Jahren fing ich mit meiner Country, Folk und Americana Sendung für die Lufthansa an. Von Pete Seeger hatte ich gehört, auf irgendeiner Compilation war auch ein Lied von ihm. Doch mit dem Beginn der Show setzte ich mich mehr und mehr mit der amerikanischen Folkmusik auseinander. Und an Pete Seeger kommt man einfach nicht vorbei. Seine weiche und angenehme Stimme, seine tiefe Überzeugung bei dem, was er singt, sein begleitendes, leichtes Banjo Spiel. Pete Seeger beschrieb in seinen Liedern ein Amerika, ganz anders als das, was man aus den Medien kannte. Ein Liedermacher, ein Beobachter, ein Hoffnungsträger. Wie er „We shall overcome“ sang oder auch „Die Moorsoldaten“ interpretierte war einzigartig.

Gerade läuft hier in meinem Büro eine von seinen vielen Alben, die auf Smithsonian Folkways Recordings erschienen sind. „Songs of Struggle & Protest: 1930 -1950“. Eine CD, die Pete Seeger in all seiner Größe darstellt. Er singt von den harten Zeiten, von der Arbeiterbewegung, von Unterdrückung, Leid und Elend. Doch da ist auch Hoffnung, da ist der Mut, der Blick nach vorne. Seeger schaffte es einfach, den richtigen Ton zu finden. Seine Lieder lassen einen Lächeln, tief Durchatmen. Mit seiner Musik hat er Generationen von Musikern beeinflusst und einem Land, das heute mehr gespalten als geeint ist, einen Soundtrack hinterlassen, der immer wieder aufs neue gehört werden muss.

Nur einen Tag nach der pompösen, künstlichen und selbst beweihräuchernden Glitzerveranstaltung, der Grammy Verleihung, starb einer der Musikgiganten des 20. Jahrhunderts. Vielleicht hat er das noch abgewartet, was da in Los Angeles vor sich ging, um ja nicht erwähnt zu werden. An Pete Seeger sollte man sich erinnern, aber eben anders als in einer Schweigeminute zwischen den Auftritten von Katy Perry und dem Kaugummi kauenden Pharrell Williams. Seine Lieder, seine Musik und sein Sinn für Gerechtigkeit werden unvergessen bleiben.

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Ein Kraftwerk(er) kommt nach Nürnberg

      Karl Bartos im Radio Goethe Interview

Am 29. Januar spielt Karl Bartos, zweiter von links in der legendären Kraftwerk Formation, live in Nürnberg. Im Festsaal des K4 wird der Musikpionier altes von Kraftwerk und neues von seiner zweiten Soloplatte „Off The Record“ gekonnt vermischen. Viele der Kraftwerk Klassiker, wie „Die Roboter“ oder „Tour de France“, wurden von ihm mitgeschrieben. Dabei wird deutlich, dass Bartos nie bloß Gastmusiker oder Platzhalter auf den hindrapierten Fotos der Band war. Für „Off The Record“ hat er sein umfangreiches Archiv durchstöbert und alte Klangideen aus seiner Düsseldorfer Kraftwerk Zeit neu verarbeitet.

Die Tour von Bartos könnte zu keinem besseren Zeitpunkt beginnen. Am 25. Januar, wenn Karl Bartos in Köln seine erste Solotour seit acht Jahren startet, erhalten Kraftwerk in Los Angeles einen Grammy für ihr Lebenswerk.

Seit Jahren werden die Düsseldorfer Elektrotüftler bei der Aufnahme zur „Rock’n Roll Hall of Fame“ kläglich übergangen, doch nun wird endlich auf internationaler Bühne die maßgebliche Vorarbeit von Kraftwerk ausgezeichnet. Gerade was die Band in den 70er Jahren leistete, ist Grundlagenarbeit für viele Genres gewesen, die sich später erst entwickelten. Ob im Rock, im Pop, im HipHop, die heutige elektronische Musikwelt wäre ärmer ohne den Weitblick von Krafwerk.

Einen Eindruck dieser klanglichen Welten kann man nun am 29. Januar im K4 live erleben. Karl Bartos kommt in die Frankenmetropole. Für meine Sendung Radio Goethe hatte ich vor einiger Zeit mit Karl Bartos geskypt, das Interview kann man oben hören.

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Grammy für die Tonne

Eigentlich ist die Grammy Veranstaltung so überflüssig wie eine neue U2 Platte. Und doch, die würde wahrscheinlich auch wieder mit einem Grammy ausgezeichnet werden. Wer da in der Jury dieser hohen amerikanischen Musikauszeichnung sitzt, hat entweder nicht viel Ahnung von Musik oder läßt sich von Verkaufszahlen, Werbung, Radio Charts und sündhaft teuren Videoproduktionen blenden. Krasses Urteil, aber so sehe ich das. Denn in der Regel werden immer wieder die gleichen Verdächtigen geehrt, die entweder schon lange nichts mehr mit Innovation und Einfluß auf die Musikszene zu tun haben oder einfach eine geklonte Version eines anderen „Stars“ sind.

Einzige Ausnahme waren bislang so Randkategorien wie „historisches“ Album. Da wurden hervorragende Platten und CDs ausgezeichnet, deren geschichtlichen Wert man erkannte. In diesem Jahr war eine CD Box des deutschen Labels „Bear Family Records“ nominiert, die für mich als der sichere Sieger ins Rennen ging: The Bristol Sessions, 1927-1928: The Big Bang Of Country Music (die NZ berichtete). Ein einmaliges, mit viel Aufwand und Herzblut zusammengestelltes Meisterwerk, dass den Ursprung der Country Musik dokumentierte. Johnny Cash bezeichnete einst diese Sessions als „wichtigsten Moment in der Geschichte der Country Music“. Und dieses Album zeigt nicht nur die Wurzeln der Country Musik, sondern eigentlich den gesamten Beginn der populären Musik. Ohne die Pionierarbeit von Musikern wie der Carter Family oder Jimmy Rodgers wäre wohl vieles anders verlaufen.

Bear Family Records hatte im letzten Jahr nach jahrelanger Archivarbeit mit einigen Partnern in den USA diese „Bristol Sessions“ veröffentlicht, die als Urknall der Country Musik gelten. Eine wichtige Dokumentation, eine einzigartige Box, eine Sammlung zeitlos guter Musik. Und die fiel durch. Stattdessen wurde Paul McCartney mit der Neuauflage und der Deluxe Version von „Band On The Run“ ausgezeichnet. Klar, auch das ein tolles Album, aber….

Na ja, Paul McCartney war ja auch in LA zur Verleihung und spielte live auf, da mußte er ja auch einen Grammy bekommen. Abgekartetes Spielchen, anders kann man das doch nicht sehen. Ist doch wahr!!!

Deutscher Grammy Sieger

Chris Strachwitz wurde in Schlesien geboren und kam nach dem Weltkrieg in die USA. Dort im Land der Unbegrenzten Möglichkeiten fand er seine Faszination für den Blues. In den 50er Jahren fing er damit an, vor allem schwarze Musiker aufzunehmen. Strachwitz reiste immer wieder unter erschwerten Bedingungen in den Süden der USA, um dort „seine“ Musik live einspielen zu lassen. In Clubs genauso wie in Wohnzimmern und Küchen. Das alles zu einer Zeit, als in den Südstaaten der USA die Bürgerrechtsbewegung tobte. Doch die Unruhen und Auseinandersetzungen hielten ihn nicht ab, ganz selbstverständlich fuhr der blonde „German“ durch die Gegend und in abgelegene Dörfer, um seine „Field Recordings“ zu bekommen und wurde dabei immer mit offenen Armen empfangen. Gerade weil er keinen Unterschied zwischen den Hautfarben machte und Musik ihn mit den Musikern verband.

Chris Strachwitz hat diese Aufnahmen auf seinem eigenen Label „Arhoolie Records“ herausgebracht. Noch heute ist er aktiv. „Arhoolie Records“ steht für diese frühen „Field Recordings“, für den Blues, für Cajun Musik, für Country und Folk, für einen Mann, der seine Leidenschaft und seine Liebe zur Musik zu seinem Lebensinhalt machte. Chris Strachwitz hat mit seinen „Recordings“ wichtige Tondokumente geschaffen, Stimmen, Musiker, Lieder wurden so für spätere Generationen bewahrt. Vor ein paar Jahren traf ich ihn für ein Interview, den Artikel dazu kann man hier nachlesen. In den 60er Jahren nahm Strachwitz in seiner Wahlheimat Berkeley all jene Musiker auf, die später die Hippie und Flower Power Bewegung beeinflussten.

Bei der Grammy Verleihung in Los Angeles erhielt nun die Arhoolie-Box „Hear Me Howling!: Blues, Ballads & Beyond As Recorded By The San Francisco Bay By Chris Strachwitz In The 1960s“ einen Grammy. Ein fantastisches und historisch wertvolles Album, das nicht nur die einzigartige Arbeit von Chris Strachwitz widerspiegelt, sondern auch die musikalische Energie der Zeit. Gratulation für diese Auszeichnung an Arhoolie und Chris Strachwitz!

Der Bär ist los

Es kommt ja nicht so oft vor, dass Deutsche für einen Grammy nominiert werden. Und dann auch gleich noch für zwei, also das ist schon einen Blogeintrag wert. Bear Family Records hat seine Zentrale in einem kleinen Dorf nördlich von Bremen. Und von dort aus wurde in den letzten 36 Jahren die amerikanische Country und Folk Musik quasi eigenhändig gerettet. Als viele US Plattenfirmen vor allem auf neue Künstler setzten, fing Oberbär Richard Weize damit an, die Archive der amerikanischen Labels zu durchstöbern, um an die Originalbänder von Musiker und Gruppen zu gelangen, die in den 30er, 40er, 50er und 60er Jahren ihre Musik aufnahmen. Mit Liebe zum Detail wurden dann diese „Recordings“ neu veröffentlicht.

Heute zählt Bear-Family Records zu den wichtigsten Plattenfirmen weltweit, die sich auf Wiederveröffentlichungen spezialisiert  haben. Und nicht nur das, die Musiker selbst sehen es als Auszeichnung an, im Bear Family Katalog zu erscheinen. Die riesigen Vinyl- und CD Boxen des Labels findet man in guten Sammlerplattenläden zwischen Los Angeles und Tokio…Hier in San Francisco gehe ich bei Amoeba Records immer mit einem Lächeln am Country/Folk Regal vorbei: „Die habe ich auch“.

Im Mai hatten wir in der NZ eine der außergewöhnlichen Bear-Family CD Boxen vorgestellt: „The Bristol Sessions – The Big Bang of Country Music“. Eine Songsammlung, die den Urknall der amerikanischen Country Musik mit Künstlern wie der Carter Family oder Jimmy Rodgers beschreibt. Die Aufnahmen stammen aus dem Jahr 1927, liegen hier aber in bester Qualität vor. Ein beeindruckendes historisches Musikdokument, begleitet von einem umfangreichen Buch.

Und genau diese Box wurde nun gleich für zwei Grammys nominiert. Einmal in der Kategore „Bestes Historisches Album“ und einmal für „Beste Liner Notes“. Eigentlich halte ich nicht viel von der Grammy Verleihung, denn immer wieder werden in den Hauptkategorien nur die selben Verdächtigen mit ihrem Bla-Bla-Bla Geschunkele ausgezeichnet. Allerdings hat die „Recording Industry“, die die Grammys verleiht, in der Vergangenheit immer wieder in diesen von der Masse weniger beachteten Nebenkategorien das richtige Ohr bewiesen. Die Nominierungen für „The Bristol Sessions“ ist dafür ein weiteres Beispiel. Gratulation nach Holste-Oldendorf und ich werde am 12. Februar die Daumen drücken. Die Verleihung findet im Staples Center von Los Angeles statt.

Und hier kann man den Sound von Bear Family hören, im eigenen „Bear-Family Radio„.