„Only a good guy with a gun…“

Ganz deutlich sind auf diesem Videobild der Amokläufer im roten Kreis und Jack Wilson links oben mit gezückter Waffe zu sehen.

„…can stop a bad guy with a gun“. Das ist das Mantra der National Rifle Association, NRA, der Waffenlobby in den USA. Und nun  haben sie nicht nur einen Fall, den sie im Wahlkampfjahr ausschlachten können, nein, es gibt sogar ein Video dazu, wie der „good guy“ dem „bad guy“ in den Kopf schießt. Und das alles auch noch in einer Kirche.

In der „West Freeway Church of Christ“ in Tarrant County, in der Nähe von Ft. Worth, Texas, wurde am Sonntagmorgen gerade die Kommunion gefeiert, als der Täter mit einer Shotgun um sich schoss, zwei Menschen tötete. Der Gottesdienst wurde über den Youtube Kanal der Gemeinde in alle Welt übertragen. Zu sehen war, wie gleich mehrere Gläubige ihre Waffe zückten, als die Schießerei begann. Der 71jährige Jack Wilson war am schnellsten, zog seine Sig Sauer P229 und schoss dem Täter in den Kopf.

In NRA und „Second Amendment“ Kreisen wird Wilson nun als Held gefeiert. Er machte das, was immer wieder von all den Waffenlobbyisten in den USA an die Wand gemalt wurde. Wilson reagierte und stoppte einen Attentäter. In Texas ist es ganz legal eine Waffe tragen zu dürfen, auch in Kirchen und Gotteshäusern. Nur wenn die Gemeinde ein Schild aufstellt, dass das nicht erwünscht sei, dann müssten sich die Waffenträger daran halten, so das Gesetz. In der „West Freeway Church of Christ“ war man am Sonntag froh, dass es diese Einschränkung nicht gab. Gemeinden der verschiedensten Glaubensrichtungen sind in den letzten Jahren Ziel von Amokläufen geworden. Mittlerweile haben viele Kirchen eigene Wach- und Schutzdienste angeheuert und organisiert. Doch diesmal lief alles anders. Der Grund ist dabei auch, dass Jack Wilson geschult war und wohl auch Erfahrung im Polizeidienst hatte. Er wußte also, wie er zu reagieren und zu schießen hatte, um den Attentäter auszuschalten. Wilson ist also kein selbsternannter Cowboy, der in einer Situation wie dieser durchaus den klaren Kopf behält.

Das jedoch hält die Waffenlobby nicht davon ab, jetzt eine allgemeine Bewaffnung der Bevölkerung zu fordern. Texas sei ein Vorbild für andere Bundesstaaten tweetet die NRA. Damit hat die Waffenlobby nun ein wichtiges Thema im Wahlkampf 2020, denn erneut geht es ja darum, das vermeintliche Grundrecht auf Waffenbesitz vor den Demokraten zu verteidigen, die, so die NRA, alle Waffen der Amerikaner konfiszieren wollen. Mit solchen Angstszenarien wird in den USA Wahlkampf geführt. Donald Trump ist schon längst auf diesen Kurs eingeschlagen, die NRA wird ihn dabei tatkräftig unterstützen.

Ein Schutzraum für Waffenbesitzer

Viele Großstädte in den USA wurden zu „Sanctuaries“, zu Zufluchtsstätten für nicht erfasste Einwanderer in den USA. San Francisco, Berkeley, Oakland und viele Städte und Gemeinden auch außerhalb der Bay Area erklärten, in ihren Kommunen gehe es nicht darum, ob jemand ohne eine Aufenthaltsberechtigung im Land sei, sondern vielmehr, wie er sich in die „Community“ einbringt. Der Schutzstatus wurde ausgesprochen, was bedeutet, dass bei Anträgen niemand nach dem Visum oder der Green Card fragt und die örtliche Polizei bei Kontrollen nicht den Aufenthaltsstatus prüft. Auch wird meist nicht mit ICE, der „Immigration and Customs Enforcement“ Bundespolizei zusammengearbeitet.

Das ist umstritten in den USA, denn Kritiker, allen voran Präsident Donald Trump, werfen den liberalen Hochburgen im Land vor ,Verbrecher und Straftäter zu schützen, die eigentlich des Landes verwiesen werden müssten. Im Wahlkampf hieß es denn auch, dass „illegal immigrants“ Morde, Vergewaltigungen und andere Straftaten begingen und von den „Sanctuary Cities“ geschützt und eben nicht an die Bundesbehörden ausgewiesen werden.

Waffen gehören zu Amerika wie Hamburger, Baseball und Dünnbier. Foto: AFP.

Diese Schutzraum-Politik geht nun ganz neue Wege. Im US Bundesstaat Virginia macht nun die Waffenlobby mobil und fordert in Dutzenden von Kleinstädten, dass „Second Amendment Sanctuaries“ ausgerufen werden sollen. Quasi Kommunen, in denen der freie Zugang, der Besitz und das Tragen von Schusswaffen erlaubt sei, so, wie einst im Wilden Westen. Die Waffenbesitzer erklären, ihr (vermeintliches) Grundrecht sei in Gefahr, deshalb sollten Gemeinden gegen die Bestrebungen der demokratischen Regierung in Virginia vorgehen und diese beschützten Freiräume für „Gun Owners“ ausrufen und sich damit den Gesetzen im Bundesstaat widersetzen. Die „Virginia Citizens Defense League“ hat allein in den letzten zwei Monaten in über 100 Gemeinden und Bezirken des Bundesstaates Anträge eingereicht. Jüngst kamen zu einer Stadtverordnetensitzung in Buckingham County 400 Leute zusammen, die alle ihr (vermeintliches) Grundrecht auf Waffenbesitz ausgeweitet haben wollten.

Diese Art der Mobilisierung soll nun auch für andere Bundesstaaten herhalten. Die Trump-Administration und das Trump-Wahlkampfteam suchen den engen Schulterschluss mit den Waffengruppen, um so die eigene Wählerschaft zu mobilisieren. Massenschießereien, Amokläufe und hohe Opferzahlen durch Schußwaffen beiseite geschoben. Wieder einmal wird erklärt, die Demokraten würden nur ein Ziel verfolgen, nämlich die „Guns“ der Amerikaner einkassieren zu wollen. Ohne Waffen seien die Amerikaner schutzlos gegen den Staat und den großen Plan der „Umvolkung“, der „Diktatur“, der „sozialistischen Pläne“ der Demokraten, heißt es. Mit Logik hat diese Art von Wahlkampf rein gar nichts mehr zu tun.

Und es passiert wieder

Eine weiterer Amoklauf in einer Schule. Diesmal in Santa Clarita in Südkalifornien. Die Nachrichtensender sind live dabei, haben ihre Reporter „on the ground“, ihre Hubschrauber in der Luft und die passenden Gesprächspartner live on air. Alle Register der Berichterstattung werden gezogen. Man hat ja Übung bei diesen Geschichten.

Und wieder eine Schiesserei an einer Schule. Diesmal im südkalifornischen Santa Clarita. Foto: AFP.

Und es ist nur eine weitere News Geschichte, die gerade etwas vom „Impeachment“ Verfahren gegen Donald Trump ablenkt. Mehr wird daraus nicht werden. Also, wer glaubt, Schüsse auf Jugendliche in einer Schule würden Folgen haben, der kann gerne daran glauben, doch das ist verschenkte Zeit. Amerika hat gelernt mit Massenschiessereien, mit diesem täglichen Terro und jährlich rund 70.000 Schusswaffenopfern zu leben.

Die Lage in Santa Clarita an der Saugus High School ist noch unübersichtlich. Klar ist zu diesem Zeitpunkt nur, dass ein Mensch verstorben ist, fünf weitere zum Teil schwer verletzt wurden. Der 15jährige Schütze ist gefasst und im Krankenhaus. Das Motiv, der genaue Tathergang sind noch offen. Die Einsatzkräfte haben offensichtlich schnell reagieren können und somit Schlimmeres verhindert.

Vom Präsidenten der Vereinigten Staaten ist bislang dazu nichts zu hören. Er ist mehr damit beschäftigt Unwahrheiten via Twitter zu seinem Ukraine Anruf zu verbreiten. Sinn macht das alles schon lange nicht mehr. Denn eigentlich ist die exzessive Waffengewalt in den USA ein „public health“ Problem, eine nationale Krise sondergleichen, die angegangen werden müsste. Jetzt, sofort und umfassend. Doch es fehlt der politische Wille. Donald Trump macht damit Wahlkampf, dass er erklärt, die Demokraten wollten bei einem Wahlsieg alle Waffen einkassieren. Nur er stehe für das Grundrecht auf Waffenbesitz. Es hat sich nichts tödlichen Schüssen in einer Grundschule, in einer High School, in einer Kirche, in einer Synagoge, in einem Nachtclub, auf einem Country Musik Festival verändert. Von daher wird Santa Clarita nur eine Erwähnung in den Statistiken werden. Noch Fragen? Ich habe keine mehr, nur die, wann wird es wieder passieren?

Und es wird wieder passieren

Anfang August gab es gleich drei Massenschiessereien, die zu einer erneuten breiten Debatte führten, zumindest einer Scheindebatte. Im kalifornischen Gilroy, im texanischen El Paso und in Dayton, Ohio wurden insgesamt 36 Menschen erschossen und 58 zum Teil schwer verletzt. Der Aufschrei war gross, auch von Präsident Donald Trump. Er werde nun einschreiten, einiges ändern und das mit Zustimmung der Waffenlobby. Er, so Trump, werde alle an einen Tisch holen. Man konnte damals schon ahnen, dass, wenn überhaupt etwas passieren sollte, dass das dann wohl eher eine Mogelpackung werden würde.

Donald Trump schaut im Kugelhagel lieber weg. Es wird keine Verschärfung der Waffengesetze geben. Foto: AFP.

Doch es kommt unter diesem Präsidenten noch nicht einmal zu einer Mogelpackung. Jedenfalls nicht bei den Waffengesetzen. Donald Trumps Berater haben ihm deutlich gemacht, dass er seine Basis im Wahlkampf zusammen halten muss, um die Wiederwahl zu garantieren. Da würden Ein- und Beschränkungen des Waffenzugangs und Waffenbesitzes nur Probleme aufwerfen. Sogar die Waffenlobby NRA hat bereits erklärt, dass es keine Gespräche mehr mit dem Weißen Haus gebe, ein sicheres Zeichen dafür, dass jegliche Reformbestrebungen eingeschlafen sind, denn ohne die NRA passiert im republikanischen Washington rein gar nichts.

Das alles vor dem Hintergrund, dass es in diesem Jahr (Stand 2. November) schon 355 Massenschiessereien gegeben hat. Die Definition für eine Massenschiesserei ist ein Vorfall mit mindestens vier Opfern. Hinzu kommen  für 2019 bislang 12615 Morde und 20662 Selbstmorde durch Schusswaffen. Amerika hat kein Waffenproblem, es hat vielmehr eine „public health“ Krise, eine Epidemie, die Jahr für Jahr unbeachtet und unbehandelt bleibt. Es gibt in den USA kein Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit, aber eben ein Recht auf Waffenbesitz.

Und nun ist Wahlkampf. Auf der Seite der Demokraten wird über strengere Gesetze gesprochen, doch auch die werden die Situation nicht groß verändern. Mit geschätzten 400 – 450 Millionen Schießeisen im Umlauf, ist eine Kontrolle kaum zu meistern. Das muss man ehrlich und offen sagen, das sollten sich die Demokraten auch eingestehen. Bei den Republikanern ist man zumindest schon ehrlicher und lehnt grundsätzlich jede Einschränkung auf Waffenbesitz ab. Das macht auch Donald Trump immer und immer wieder bei seinen Massenveranstaltungen klar. Er und seine Republikaner treten für das „2nd Amendment“ ein, also das „vermeintliche“ Grundrecht auf Waffenbesitz. Das heißt im Klartext, Tausende von Toten, Massenschiessereien und kein sicherer Ort mehr in den USA sind einfach ein Teil des „American Way of Life“. So wie eben Burger, Coke, American Football, Fahne und die Nationalhymne. Darauf, Amerika, kann man wahrlich stolz sein.

Suche den Fehler!

Die Nachricht verbreitete sich rasant. Sechs Todesopfer, die mit dem Vaping, dem Inhalieren von Nassdampf bei E-Zigaretten, zusammenhängen sollen. Wie kann es auch sein, dass so etwas gefährlich ist, was von der Tabakindustrie als „gesunde“ Alternative zum Zigarettenrauch beworben wird. Die amerikanische Politik reagiert umgehend, Präsident Donald Trump tweetet, es müsse etwas getan werden.

Seit dem Amtsantritt Donald Trumps wurden in den USA rund 30.000 Menschen mit Schusswaffen ermordet. Etwa die gleiche Anzahl an Personen nahm sich mit einer Knarre das Leben. Die Zahl der Schusswaffenopfer, also Verletzte, kann verdreifacht werden, dass sind etwa 90.000 Betroffene. Damit wurden seit Januar 2017 etwa 150.000 Menschen in den USA Opfer von Schusswaffen. Das ist ungefähr die Einwohnerzahl von Regensburg. Und was sagt die amerikanische Politik dazu? Donald Trump betont fast täglich, dass er und die Kandidaten für die er sich einsetzt, zum vermeintlichen Grundrecht auf Waffenbesitzt stehen. Die Republikaner im Kongress griffen schnell die Forderung von Beto O’Rourke auf, der chancenlos als Präsidentschaftskandidat der Demokraten am Donnerstag forderte, halb- und vollautomatische Gewehre verpflichtend zurückkaufen zu wollen und umfassende „Background Checks“ durchführen zu lassen. Das wurde zugleich als allgemeine und umfassende Entwaffnung aller Amerikaner ausgelegt.

In den USA gibt es mehr Waffen als Menschen. Wie viele genau, das weiss keiner, denn gezielte Untersuchungen werden von der Waffenlobby blockiert. Selbst das sehen sie als einen Eingriff in ihr „Grundrecht“. Mittlerweile ist die Zahl der Massenschiessereien in diesem Jahr in den USA auf 354 gestiegen. Die Definition, die dafür zugrunde gelegt wird, sind vier oder mehr Opfer – Tote oder Verletzte. Und auch darüber gibt es keine einheitliche Meinung. Für das FBI müssen es mindestens drei Tote sein, bevor von einer Massenschiesserei gesprochen wird. Das heisst, die rund 90.000 Schusswaffenopfer, die es seit dem Amtsantritt von Präsident Donald Trump nachweislich in den USA gibt, zählen nicht. Aber die sechs Toten, die durch die Folgen von E-Zigaretten starben, bewegen die US amerikanische Politik. Klagen werden folgen, denn man hat ja von den Gefahren nichts gewusst. Millionenbeträge werden in Strafen und Abfindungen bezahlt werden, Anwälte freuen sich, der Landesvater selbst kann sich als sorgender Präsident für seine Schäfchen darstellen. Ich merke, wie ich zynisch werde…

Gemeinsam gegen die Gewalt

Die Politik in den USA tut nichts gegen die Gewalt auf den Straßen, gegen Massenschießereien und alljährlich Zehntausende von Toten und Verletzten durch Schusswaffen. Das ist die Lehre aus El Paso und Dayton. Doch damit wollen sich viele in den USA nicht mehr abfinden. Es bilden sich Koalitionen, um gemeinsam gegen die ausufernde Gewalt vorzugehen.

Fast die Hälfte der Gemeinde hat die Folgen von Schusswaffengewalt schon selbst erlebt.

The Way“ in Berkeley ist eine afro-amerikanische Kirche, die sich einmischt. Gerade die beiden Führungspersonen Pastor Mike und sein Bruder Ben McBride, beide in San Francisco und Oakland aufgewachsen, halten sich nicht zurück. Am heutigen Sonntag feierten sie einen Gottesdienst, der schlichtweg mitreißend war. Politisch, fordernd, kompromisslos. Es ging um das Thema Waffengewalt in den „black communities“ der USA. An einem Punkt forderte Pastor Mike all jene in der Gemeinde auf nach vorne zu kommen, die Angehörige, Freunde oder Bekannte durch Gewalt verloren haben. Nahezu die Hälfte der Kirchenbesucher stand danach um ihn herum, einige hatten Fotos von Verstorbenen mitgebracht. Man umarmte sich, man legte seinem Nachbarn die Hand auf die Schulter, man betete gemeinsam für ein Ende des sinnlosen Sterbens.

Die McBrides reden und beten nicht einfach nur, sie organisieren auch im ganzen Land. Pastor Mike ist einer der treibenden Kräfte in einem Verbund aus Hunderten von „black churches“ in den USA. Das Ziel ist, sich zu organisieren und gemeinsam gegen die Gewalt anzugehen. So will man politischen Druck ausüben. Mit etlichen Präsidentschaftskandidaten der Demokraten hat man bereits gesprochen, auch mit Präsident Donald Trump will man ins Gespräch kommen. Doch am wichtigsten ist es diesen Kirchenvertretern, dass die Mitglieder der etwas anderen, eher unkonventionellen Gemeinde aktiv werden, sich einmischen, ihre Senatoren und Kongressabgeordnete anschreiben und das Wort Jesus Christus‘ „love your enemy“ vorleben. Es liege an jedem von uns selbst, so McBride, die Gewaltspirale zu durchbrechen.

Es sind hoffnungsvolle Worte an diesem Sonntagmorgen auf der University Avenue in Berkeley. Vielleicht etwas naiv, doch sie sind der richtige Ansatz in diesem Land. Die Veränderung beim Waffenbesitz, das Ende der Gewalt durch Schusswaffen muss aus den Kirchen kommen, von den Gläubigen selbst, die den Schutz eines jeden als die eigentliche „Pro Life“ Frage einfordern. Die Kirchen der Schwarzen in den USA machen es vor. Sie haben zu lange der Gewalt in ihren Stadtteilen zusehen müssen, darauf hoffend, dass etwas passiert. Damit ist nun Schluß. Gemeinsam will man den Druck im ganzen Land erhöhen. Es wird höchste Zeit.

„Gun Culture“ in the USA

Man redet von der amerikanischen Waffenkultur. Gemeint ist damit, dass „Guns“ einfach dazu gehören. Leicht zu erwerben und das ganz legal. Dazu kommt, dass der Waffenbesitz als uramerikanisch dargestellt wird und irgendwie dazu gehört, wie die Pommes zum Burger, wie Hotdogs zum Baseball, wie Bud Bier zum Football.

Und selbst in einem Laden wie Walmart, der vor wenigen Tagen in El Paso noch Ort eines Amokläufers wurde, sind Waffen zu kaufen. Man stelle sich vor, man kaufe seine Wumme bei Karstadt, Real oder Metro. Doch nicht nur der leichte Zugang und die fehlenden „Background Checks“ gehören zur Waffenkultur in den USA, es ist auch die Verherrlichung des Waffenbesitzes, der Waffennutzung, dieses mit Waffen leben. Ganz deutlich wird das, wenn man sich die T-Shirts ansieht, die es bei Walmart, bei amazon oder in anderen Läden im Angebot gibt. „Smoke a pack a day“ hat nichts mit dem Rauchen einer Schachtel Zigaretten zu tun, sondern vielmehr damit, dass man ein Rudel Wölfe am Tag abknallen will.

Nicht viel besser sind da die Shirts der amerikanischen Fahne als Knarre oder das mit den Bildern einige automatischer oder halbautomischer Waffen, den Tatwaffen bei Massenschießereien. Was soll man denken von jemandem, der so etwas trägt? Was soll man von einem Unternehmen halten, in dessen El Paso Store Menschen durch Schüsse starben und verletzt wurden und die dennoch weiterhin Teil dieser ausufernden „Waffenkultur“ in den USA bleiben wollen. Sowieso hat das nichts mit Kultur zu tun, zumindest nicht mit dem weiten Feld, was ich unter Kultur verstehe. Amerika hat ein Problem und will nichts davon wissen. Das vermeintliche Grundrecht auf Waffenbesitz hat sich verinnerlicht in den USA. Das Recht eines Waffenbesitzers zählt mehr als das Recht auf Sicherheit eines Schulkindes, eines Gläubigen, eines Kunden, eines jeden.

 

 

Texas ändert seine Waffengesetze

22 Menschen starben bei einem Amoklauf in einem Walmart im texanischen El Paso, zwei Dutzend weitere wurden zum Teil schwer verletzt. Wenige Stunden danach erschütterte eine weitere Massenschiesserei in Dayton, Ohio, die Nation. Seit dem Wochenende gibt es erneut eine zum Teil heftige und intensive Diskussion, ob die Waffengesetze in den USA verschärft werden müssen. Präsident Donald Trump macht klar, dass es bei dieser Krise um die Früherkennung von „Geisteskranken“ geht, denn nicht die Waffe als solche drückt den Abzug, sondern „mentally unstable persons“.

In bed with the NRA. Foto: Reuters.

In Texas werden nun ab September neue Waffengesetze kommen. Aber nicht solche, die man nach solch einer Tat erwarten könnte. Nein, das texanische Parlament mit seiner republikanischen Mehrheit verabschiedete schon im Frühjahr Gesetze, die nun dennoch umgesetzt werden. Darin wird zum Beispiel festgelegt, dass kein Vermieter einem Mieter kündigen kann, wenn dieser Waffen in seiner Wohnung hat. Auch ist es fortan Waffenbesitzern erlaubt, ihre Knarren in ihrem geparkten Auto auf einem Schulgelände bei sich zu haben und sie dürfen ab September auch ein Schießeisen mit in einen Gottesdienst bringen. Texaner sollen also immer bereit sein, ganz nach dem Motto der NRA: only a good guy with a gun can stop a bad guy with a gun.

Umdenken ist nicht angesagt in Texas. Das Tragen und das Mitführen der Waffe im Alltag ist, so die Abgeordneten, auch ein Teil des vermeintlichen Grundrechts auf Waffenbesitz in den USA. Die paar Toten und Verletzten in El Paso sind da nur „collateral damage“, das nicht vom eigentlichen Thema ablenken sollte, dass jeder Amerikaner eine Wumme erwerben und besitzen darf. So steht es in der Verfassung, so zumindest legen es die texanischen Republikaner aus, die offensichtlich im Dienst der „National Rifle Association“ stehen.

Es ist verrückt, was in den USA passiert. Amokläufe, nahezu 300 Massenschiessereien allein in diesem Jahr, Tausende von Opfern durch Schusswaffen lassen kein Umdenken zu. Der Präsident spricht von Geisteskranken, von der Gefahr aus dem Internet und von Videospielen und übersieht schlichtweg das, was nur allzu offensichtlich ist: der leichte Zugang zu Schußwaffen. Dass sich daran nichts ändern wird, zeigt auch, dass sich Trump in den letzten Tagen mit der NRA kurz geschlossen hat, um „gemeinsam“ einen Plan zu erstellen. Das sagt alles, dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

Wahlkampf auf dem Rücken der Opfer

Amerika durchlebt derzeit schwierige Tage. Nach den Schießereien in Dayton und El Paso fragt man sich im Land, wie man damit umgehen soll, was die Lehren sein sollten, was man den vielen Toten und Verletzten schuldig ist. Die Demokraten, allen voran die zahlreichen Präsidentschaftskandidaten suchen das Rampenlicht, um Donald Trump zu verurteilen. Seine befeuernden Worte, seine Reaktionen, sein Festhalten daran, keinen Fehler gemacht zu haben, all das wird kritisiert.

Donald Trump besuchte am Mittwoch Dayton und El Paso. Foto: Reuters.

FoxNews und Trump Vertreter erklärten, das sei nicht richtig, was die Demokraten da täten, sich nach vorne zu drängeln, quasi nach so einer nationalen Katastrophe. Das kann man so sehen, eigentlich sollte die Nation inne halten, nachdenken und vor allem zu Schlüssen kommen, wie man in Zukunft diese Gewaltverbrechen unterbinden kann. Doch dann ist da auch noch Donald Trump selbst, der spätabends und frühmorgens tweetet, den Ton setzt, politische Gegner angreift und schlichtweg Unwahrheiten verbreitet.

Heute besuchte er Dayton und El Paso. Die begleitende Presse durfte nicht anwesend sein, als der Präsident und die First Lady mit den Opfern und den Einsatzkräften sprachen. Es hieß von Seiten des Weißen Hauses, der Besuch solle nicht für politische Diskussionen hergenommen werden können. Das ist gut, wenn, ja, wenn da nicht ein anschließendes Video vom Weißen Haus veröffentlicht worden wäre, das doch sehr an ein Wahlkampfvideo mit passender Musik unterlegt erinnert. Trump nutzt also seine Besuche an den Katastrophenorten, um zum einen gegen politische Gegner auszuteilen. Zum anderen, um aus den blutigen Verbrechen auch noch politische Punkte ziehen zu können. Nein, Mister President, das ist nicht präsidial, das ist schlichtweg schäbig.

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It’s not just Trump

Donald Trump macht heute einen auf Präsident und will nach den tödlichen Schüssen vom Wochenende Dayton, Ohio und El Paso, Texas besuchen. Dort will er sich mit Einsatzkräften und Opfern treffen. Und doch macht er klar, dass er sich nur als Präsident seiner Minderheitsbasis sieht. Vor dem Abflug nach Dayton erklärte Trump: „Ich glaube, was ich sage bringt die Leute zusammen“ und weiter, er sei „besorgt über jegliche Zuwachs von Hassgruppen“, was auch immer das heißen soll.

Nicht mehr als ein Wunsch, das Ende der Waffengewalt in den USA ist nicht in Sicht. Foto: Reuters.

Donald Trump macht also da weiter, wo er vor diesem Wochenende aufgehört hat. Er sieht kein Problem in seinen Aussagen, seiner Wortwahl, seinem rassistischen Unterton. Und sein Umfeld und die republikanische Partei schauen nicht nur weiterhin zu, sie unterstützen den Präsidenten auch weiterhin. Es wird sich also nichts ändern. Man muss sowieso zwischen zwei Dingen unterscheiden. Zum einen Trumps fremdenfeindliche und aggressive Äußerungen, die wohl auch aus Auswirkungen auf den Todesschützen in El Paso hatten. In seinem Manifest hatte der 21jährige an mehreren Stellen genau das aufgegriffen, was Trump per Twitter und auf seinen Massenveranstaltungen stets von sich gibt. Von einer „Invasion“ war die Rede.

Zum anderen ist da aber auch die aktuelle Debatte um eine Verschärfung der Waffengesetze. Und die wird nicht kommen. Das liegt nicht nur an Trump, es gibt dafür einfach keine Mehrheit im republikanisch geführten Senat. Hinzu kommt, dass Amerika sich bereits knietief im Wahlkampf befindet und niemand davon ausgehen kann, dass es nun weitreichende Einschnitte im Waffengesetz geben wird. Dafür hat die angeschlagene Waffenlobby NRA immer noch genug Muskelkraft.

Trump und die Waffendiskussion in den USA sind eine gefährliche Mischung. Denn wenn es wirklich so ist, dass sich bewaffnete Amerikaner bewusst oder unbewusst durch die Worte dieses Präsidenten radikalisieren lassen, dann sollte man mit größter Vorsicht die kommenden Wahlen ansteuern. Denn Trump, der König der Verschwörungstheorien, hat damit eine nicht zu unterschätzende Waffe in seiner Hand – verblendete, schwerbewaffnete und zu allem bereite Amerikaner. Die Folgen einer Wahlniederlage dieses Mannes sind noch nicht abzusehen, aber man sollte mit allem rechnen.