Wild West an Schulen

Nach dem Massaker an der High School in Parkland, Florida, wurden die Rufe lauter Lehrer zu bewaffnen. Allen voran blies Präsident Donald Trump in das Horn der „National Rifle Association“ und forderte mehr Knarren auf dem Schulhof. Sowieso wird nach jeder Massenschießerei – 284 gab es bereits in diesem Jahr in den USA – verlangt, dass dieses Problem nur mit der Bewaffnung aller Amerikaner gelöst werden kann, ganz nach dem Motto der NRA „a bad guy with a gun can only be stopped by a good guy with a gun“.

Lehrer werden in Florida an der Waffe geschult. Foto: Reuters.

Nun scheint Bildungsministerin Betsy DeVos der Logik ihres Bosses folgen zu wollen und willigt wohl ein, dass Bundesmittel für Schulen fortan auch dafür genutzt werden dürfen Lehrer zu bewaffnen. Gelder, die eigentlich für akademische Zwecke oder Schulprogramme ausgewiesen sind, sollen künftig auch dafür hergenommen werden dürfen, um Schießeisen zu kaufen und Lehrer auf dem Schießstand zu schulen. Gelder, die dann wieder an anderen Stellen im Schulwesen fehlen. Wenn ich mal an meine Schulzeit zurückdenke – Grundschule Schweinauer Hauptstrasse, Dürer Gymnasium, Staatliche Realschule Eibach, Städt. Fachoberschule – dann fällt mir keine Lehrerin und kein Lehrer ein, die oder den ich gerne mit einer Wumme im Holster gesehen hätte. Und wenn ich doch mal diesen Gedankengang verfolge, dann würde ich im Rückblick sagen, niemand von ihnen mit einer Knarre hätte mir ein Gefühl der Sicherheit gegeben.

Im Amerika 2018 wird also nun ernsthaft in Erwägung gezogen, Lehrerinnen und Lehrer zu bewaffnen, um so auf eventuelle Amokläufe an ihren Schulen reagieren zu können. Das ist also die Antwort, um auf Katastrophen wie an der Columbine High School, der Sandy Hook Elementary School oder der Parkland High School zu reagieren. Dieser Logik kann, will und werde ich auch nach 22 Jahren in den USA und mit amerikanischem Pass nicht folgen. Ich bin nur froh, dass ich keine Kinder durch dieses Schulsystem bringen musste.

Die Knarre muss leider draußen bleiben

In der San Francisco Bay Area tut man sich schwer einen Laden zu finden, in dem man eine Knarre kaufen kann. Den einzigen, den ich kannte, „Bullseye“ in San Rafael, hat schon vor einiger Zeit dicht gemacht. Dort konnte man sich ausführlich beraten lassen und auch auf dem hauseigenen Schießstand auf Zielscheiben oder angedeutete Terroristenbilder ballern. Doch der Druck in der liberalen Gegend wurde zu groß, „Bullseye“ machte dicht und verlagerte alle Geschäfte in den benachbarten und waffenfreundlicheren Bundesstaat Nevada.

Bierausschank nur für knarrenlose Trinker.

Hier oben in Michigan sieht das ganz anders aus. Knarren gehören hier im Land der Bären, Wölfe und Hirsche dazu. Aufkleber mit einem Wolf Konterfei, darunter „Smoke a pack a day“ sind zu sehen, Schußwaffen können auch beim lokalen Walmart erworben werden, auf großflächigen Billboards werben lokale „Gun Stores“ für ihre Produkte. Und an Kneipen (!) wird darauf hingewiesen, dass man sein Schießeisen nicht mit hinein bringen darf. Alkohol und die Wumme im Holster passen dann wohl doch nicht so gut zusammen.

Auch das ist Amerika, leben mit Waffen. Es gehört in den USA einfach dazu, das wird einem an einem Ort wie der Upper Peninsula von Michigan ganz deutlich. Wer, wie ich, in Oakland und der San Francisco Bay Area lebt, lebt auf einer Insel, wo Waffenbesitz die Ausnahme oder zumindest nicht öffentlich ist. Doch auf diese Gegenden wie die UP mit ihren Menschen zielt Donald Trump mit seinen Tweets ab, wenn er sich derzeit in den Vorwahlkampf der Bundesstaaten einmischt und die verschiedensten republikanischen Kandidaten unterstützt. Immer wieder erklärt der Präsident die Demokraten wollten das „Second Amendment“, das vermeintliche Grundrecht eines jeden Amerikaners auf Waffenbesitz, abschaffen. Deshalb sollte man den Kandidaten oder die Kandidatin seines Vertrauens wählen, nur so werde auch weiterhin garantiert, dass Amerikaner bewaffnet sein dürfen.

Das ist natürlich totaler Humbug dieses Präsidenten, allerdings auch nicht neu von republikanischer Seite. So gut wie niemand bei den Demokraten fordert ein Totalverbot von Waffen in privater Hand. Es war, ist und wird politisch überhaupt nicht durchsetzbar sein. Das wissen die Demokraten, das wissen die Republikaner, das weiß auch Donald Trump. Aber er spielt mit der Angst davor, dass Polizisten in Nacht- und Nebelaktionen an den Häusern „ehrlicher Amerikaner“ klopfen, um ihre Schießeisen einzusammeln. Das wird in den USA nie passieren. Außerdem gibt es genügend Demokraten in Bundesstaaten wie Michigan, Wisconin, Minnesota, Oregon, Pennsylvania und anderen, die selbst Waffenbesitzer, Jäger, Hobbyschützen sind. Was manche auf der liberalen Insel SF Bay Area in Bezug auf Waffenbesitz denken und fordern, wird dahier nie „law of the land“ werden. Auch das ist eine Tatsache in Amerika.

Bürgerkrieg in den USA?

Bewaffnete Milizen in den USA. Foto: Reuters.

Amerika ist gespalten, das ist nichts Neues. Doch nun hat das Meinungsforschungsinstitut Rasmussen herausgefunden, dass rund ein Drittel der Amerikaner davon ausgeht, dass es in den USA in den nächsten fünf Jahren zu einem bewaffneten Bürgerkrieg kommen wird. 32 Prozent der befragten Republikaner und 37 Prozent der befragten Demokraten sehen das Land kurz vor einem neuen „Civil War“. Rasmussen fragte auch nach, ob die Politik von Donald Trump in Gewalt enden könnte. 59 Prozent der Befragten antworteten darauf mit Ja.

      Milizen in den USA

Auch wenn man seit dem Wahlsieg von Donald Trump nicht mehr viel auf Umfragen gibt, diese Zahlen belegen dennoch erneut, dass Amerika tief gespalten ist und einen sehr beängstigenden Kurs eingeschlagen hat. Vor einigen Monaten produzierte ich für den SWR ein Feature über die bewaffneten Milizen in den USA. Viele dieser zum Teil schwer bewaffneten und selbsternannten Bürgerwehren bereiten sich auf den Tag X vor. Mit der Wahl von Donald Trump sehen sie sich und ihre politischen Überzeugungen im Aufwind. Das zeigte sich auch im Aufmarsch rechter und nationalsozialistischer Gruppen in Charlottesville, die von Milizen „gesichert“ wurden.

Die Ergebnisse der Rasmussen Umfrage unterstreichen jedoch, dass sich nicht nur die extreme Rechte im Land auf einen bewaffneten Kampf vorbereitet. Die Angst (oder Hoffnung) auf einen neuen Bürgerkrieg ist weit verbreitet in den USA. Die Waffen- und Munitionskäufe im ganzen Land nehmen zu. Viele Bürger, darunter auch zahlreiche in der eher liberalen und „Anti-Gun“ Region der San Francisco Bay Area, horten Schußwaffen, wollen „bereit“ sein, wenn es zu gewalttätigen Ausschreitungen und Konflikten im eigenen Land kommt. Was in dem Feature „Im Kampf ums Vaterland“ auch verdeutlicht wird, es gibt in den USA Bestrebungen, Amerika in diese Richtung eines neuen „Civil Wars“ zu drängen. Jeder weitere Schritt in diese Richtung wäre katastrophal.

Immer wieder Bumm-Bumm

Nun also Texas. Mal wieder griff ein Jugendlicher zur Knarre und ballerte in einer High School um sich. Zehn Tote sind die Folge, zahlreiche Verletzte, Hunderte von geschockten Schülerinnen und Schülern. Der Präsident, der Gouverneur und ziemlich viele Politiker drücken ihr Bedauern aus, so, als ob es eine Einzeltat gewesen sei. Amerika wird mal wieder aufgefordert für die Opfer zu beten.

Foto: Reuters.

Doch ändern wird sich nichts. Präsident Donald Trump, der nach dem Schulmassaker von Parkland, Florida, noch erklärte, man müsse etwas tun, war vor zwei Wochen erst auf der Jahrestagung der NRA und meinte dort, so lange er im Amt sei, werde nicht am Grundrecht auf Waffenbesitz gerüttelt. Und der Vize-Gouverneur von Texas betonte nach den tödlichen Schüssen von Santa Fe, er selbst sei „stolzer Waffenbesitzer“, man müsse nun endlich die Lehrer bewaffnen, um auf solche Ereignisse vorbereitet zu sein. Was die Waffenlobby NRA von sich gab, brauche ich gar nicht zu erwähnen, es war der gleiche zynische, gallige Brei, wie er jedesmal nach Massenschiessereien und Amokläufen verbreitet wird.

Die Vorschläge, die von den Waffenfetischisten im Land kamen, zeigen das ganze Ausmaß dieser Debatte. Lehrer müssen bewaffnet werden, die Schulen mehr Sicherheitspersonal bekommen, die Ein- und Ausgänge müssen geändert, Schüler besser kontrolliert werden. Bildungseinrichtungen sollten abgesperrte Hochsicherheitstrakte sein. Von den stolzen Waffenbesitzern im Politzirkus zitiert keiner jene Statistiken, die zumindest ein paar Fragen aufwerfen könnten. Seit 2009 gab es in den USA 288 (!) Schiessereien an Schulen. Im Land der Vergewaltiger, Mörder, Drogenhändler und Kriminellen – Mexiko – gab es im gleichen Zeitraum 8. Im Land des nördlichen Nachbarn Kanada zwei. In Deutschland eine und in Australien und Großbritannien überhaupt keine. Aber Zahlen scheinen in einer wissenschaftsfeindlichen Administration nicht zu gelten.

Der Blick über den Tellerrand fehlt bei dieser Diskussion ganz. Weder die NRA noch ihre republikanischen Marionetten sehen den Zusammenhang zwischen einem leichten Zugang zu Waffen in den USA und den fast alltäglichen amerikanischen Blutbädern. Zu viel Geld ist im Spiel, hier die Gewinne der Industrie, dort die Wahlkampfunterstützungsschecks. Diese Logik kann und werde ich wohl nie verstehen. Es scheint, die Amerikaner haben sich damit abgefunden mit dem Terror im eigenen Land zu leben. Anders lässt es sich nicht mehr umschreiben. Jede Schule und Bildungseinrichtung könnte die nächste sein. Man kann nur hoffen, dass man niemanden von den Opfern kennt. Das ist zynisch, aber das ist die amerikanische Realität.

Bewaffnung ist die Antwort

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Es ist auffällig, wenn man in diesen Tagen auf youtube unterwegs ist. Vor etlichen Videos werden Werbeclips eingespielt und die sind oftmals „Pro Gun“. Die NRA und andere Gruppen investieren zur Zeit viel Geld, um die Hoheit über die Waffendiskussion in den USA zurück zu bekommen. Hunderttausende Schülerinnen und Schüler, die in den amerikanischen Städten lautstark nach strengenen Waffengesetzen rufen, passen nicht in das Bild der NRA. Die sagt ganz klar, zehn Millionen Waffenbesitzer sind unter 21 und ebenfalls Wähler. Die Waffenlobby packt die großen Geschütze aus, verlangt nach sicheren Schulen, nach bewaffnetem Sicherheitspersonal und nach der Bewaffnung von Lehrern. Nur so seien zukünftige Massenschiessereien an Bildungseinrichtungen zu verhindern. Diese Logik gibt mir Schnappatmung!

Im wichtigen Wahljahr 2018 ist ein Kulturkrieg in den USA ausgebrochen. Hier diejenigen, die sich auf das vermeintliche Grundrecht auf Waffenbesitz berufen, die sagen, die Gründungsväter haben mit ihrer „Weitsicht“, jedem weißen Mann eine Muskete zu erlauben, damit auch jeder Amerikanerin und jedem Amerikaner 229 Jahre später das Recht eingeräumt, militärische Sturmgewehre zu besitzen. Und dort diejenigen, die noch nicht einmal dieses seltsame Grundrecht anzweifeln, sondern lediglich einen sinnvollen Waffenbesitz und -umgang fordern. Dazu gehört, dass es umfassende „Background Checks“ gibt, bestimmte Waffentypen nicht mehr erworben werden können, eine Erfassung aller Waffen in den USA möglich ist und, dass die Waffengewalt als „Gesundheitskrise“ in den USA betrachtet und erforscht werden darf.

Hier prallen zwei Welten aufeinander, die nicht zusammen kommen können. Die Spaltung Amerikas wird damit nur vertieft. Gerade auch, weil eine politische Führung fehlt. Donald Trump als Präsident redet mal von sinnvollen Waffengesetzen, um dann die NRA, die ihn zu ihrem Kandidaten gekürt hatte, zu loben und sie ins Weiße Haus zum Lunch einzuladen. Eine Lösung wird es nicht geben. Schulen werden nicht sicherer werden. Amokläufe werden auch weiterhin passieren. In Amerika zählt ein vermeintliches Grundrecht auf Waffenbesitz einfach mehr als die persönliche Sicherheit und Unversehrtheit eines jeden. Das ist die bittere Realität in den USA im Jahr 2018.

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„Never Again“ ist nicht realistisch

Am Samstag waren Millionen von zumeist jungen Amerikanern auf der Straße. Sie protestierten, demonstrierten, forderten beim „March for our lives“ sichere Schulen und riefen laut „Never Again“. Niemals wieder soll es zu Schulmassakern und Amokläufen kommen. Ein Aufschrei, der gehört wird, der aber nicht realistisch ist.

Die Frage, die immer wieder gestellt wird, wird die gleiche bleiben, nicht ob, sondern wann und wo wird es wieder passieren? Amokläufe zu verhindern, Massenschiessereien zu beenden das ist utopisch, das wird nicht passieren. Amerika hat gelernt damit zu leben. Seit dem Blutbad an der Marjory Stoneman Douglas High School in Parkland, Florida, ist es in den USA zu zwanzig weiteren Massenschießereien gekommen. Der Aufschrei war kaum zu hören, denn es gab ihn nicht. Es wird also wieder passieren, die USA haben sich selbst das Fundament für diese brutale Lebensrealität geschaffen.

„March for our lives“ in Washington. Foto: Reuters.

Und es einfach auf die Waffenlobby „National Rifle Association“ (NRA) zu schieben, ist ein einfacher Ausweg. Erst in den 1980er Jahren hat die Gruppe mit ihrer politischen Lobby-Arbeit begonnen. Zuvor war sie ein Zusammenschluss von Jägern, Waffensammlern und -liebhabern. Die NRA erkannte einfach die Schwachpunkte in der amerikanischen Gesellschaft, im politischen System. Und die wurden ausgenutzt, die NRA wurde zur wichtigsten Lobby-Gruppe in Washington DC und in den Hauptstädten der Bundesstaaten. Das Problem ist also nicht einfach nur die NRA, das Problem ist ein System, dass einer Gruppe wie der NRA diesen Einfluss gewährt. Und daran will derzeit niemand etwas ändern. Strengere Waffengesetze, die nun verabschiedet werden sollen, wie ein Verbot der sogenannten „Bump Stocks“ oder ein Heraufsetzen des Mindestalters beim Waffenkauf von 18 auf 21 Jahren, werden zukünftige Amokläufe nicht verhindern, nicht verhindern können. Das ist die bittere Realität.

Ja, die NRA hat sinnvolle Gesetze blockiert und ausgebremst, hat sogar verhindert, dass es eine Zählung der im Umlauf befindlichen Waffen in den USA gibt oder, dass Waffengewalt als öffentliches Gesundheitsproblem angesehen wird und erforscht werden müsste. Keiner weiß, wie viele „Guns“ in Privatbesitz sind. Die Schätzungen gehen von 350 Millionen Schießeisen aus. Alleine diese Zahl drückt schon das ganze Problem aus, ein Ende der Waffengewalt wird es in den USA nicht geben.

Nein, ich belächele oder minimiere nicht den Aktionismus der Schülerinnen und Schüler. Ich finde ihn großartig, bewundernswert, mitreißend. Ich halte nur die Aussage „Never again“ für unrealistisch. Es wird wieder passieren, das steht fest. Die Bürgerrechtsbewegung in den USA hat nicht zur Ausmerzung des Rassismus geführt, aber zu einem langsamen Umbau der amerikanischen Gesellschaft. Noch heute, 50 Jahre nach dem Attentat auf Martin Luther King Jr., kämpft Amerika mit einem tief verwurzelten Rassismus. Die „Black Lives Matter“ Bewegung ist aus gutem Grund vor ein paar Jahren entstanden.

„Never again“ kann als Ruf ertönen, aber er sollte nicht als Ziel ausgegeben werden, denn so werden nur viele der jungen Leute, die gestern auf den amerikanischen Straßen protestierten, enttäuscht. Wichtig ist, die Stimmen nicht verhallen zu lassen, Schülerinnen und Schüler zu Wählerinnen und Wähler, zu aktiven Teilnehmern der Demokratie werden zu lassen. Wenn das gelingt ist viel gewonnen, denn nur so kann ein veraltetes und überholtes Politsystem in den USA überarbeitet und erneuert und an die heutige Zeit angepasst werden. Dazu zählt auch, ein vermeintliches Grundrecht auf den Besitz einer Muskete mit dem vermeintlichen Grundrecht auf den Besitz eines militärischen Sturmgewehrs anzupassen.

Gebt den Kindern das Kommando

      Schülerproteste in den USA

„Genug ist genug“. Foto: Reuters.

Columbine, Virginia Tech, Sandy Hook Grundschule, und viele andere. Die Liste der Schulmassaker in den USA ist lang, doch bislang hat sich nicht viel getan, um solche Amokläufe zu verhindern. Der politische Wille strengere Waffengesetze durchzusetzen fehlte bislang in den USA. Das könnte sich nun mit dem Amoklauf von Parkland, Florida, ändern. Seit den tödlichen Schüsse im Februar lässt der Protest der Schülerinnen und Schüler nicht nach. Heute finden in Washington und in vielen Städten der USA Demonstrationen unter dem Motto “March for our lives” statt.

Als es am Valentinstag, dem 14. Februar, zu einem erneuten Schulmassaker mit 17 Toten und 16 Verletzten kam, dachten viele in den USA, dass es nur ein weiterer Amoklauf gewesen sei. Doch schnell wurde klar, das Blutbad an der “Marjory Stoneman Douglas High School” in Parkland, Florida, konnte nicht einfach abgehakt werden. Diesmal gingen die Schülerinnen und Schüler auf die Barrikaden und verlangten lautstark nach strengeren Waffengesetzen und forderten sichere Schulen für sich ein.

In der Vergangenheit ist nach solchen Schießereien an Schulen meist nichts oder kaum etwas passiert. Doch dieses Mal organisierten die Schüler Protestmärsche, Überall in den USA kam es zu Demonstrationen für mehr Waffenkontrolle, ausgehend von den Schulen. Politiker in Washington mussten handeln, die Waffenlobby NRA sah sich zum ersten Mal in die Ecke gedrängt.

Der Aufschrei der Schüler lässt indes nicht nach, denn seit dem Amoklauf von Parkland in Florida hat es bereits neunzehn weitere Massenschießereien gegeben. Neue Gesetze zum Waffenkauf wurden in Florida verabschiedet, strengere Bundesgesetze sollen folgen. Doch die “National Rifle Association” hat angekündigt diese Gesetze vor Gericht anzufechten. Die Proteste erreichen am Samstag, gut fünf Wochen nach dem Amoklauf von Parkland, mit einer Großveranstaltung in Washington DC und lokalen Protesten in rund 800 US Städten ihren vorläufigen Höhepunkt. Die Schülerinnen und Schüler haben erkannt, dass sie im wichtigen Wahljahr 2018 eine Stimme haben, obwohl sie selbst noch nicht wählen dürfen.

Die NRA bläst zum Angriff

Es geht um alles, vor allem um Macht. Die „National Rifle Association“ (NRA) steht unter Druck. Nach dem Schulmassaker von Parkland, Florida, werden die Stimmen lauter, die einen neuen Umgang mit der NRA fordern. Die Waffenlobby dürfe nicht länger die Waffengesetzgebung in den USA bestimmen. Zahlreiche Unternehmen haben den neuen Ton vernomen und bereits ihre Kooperationen mit der NRA aufgekündigt. Es sieht nach einer Morgendämmerung aus.

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Doch es ist ein Wunschtraum, denn bislang fehlt es am politischen Willen zum einen die NRA-Revolverhelden in die Schranken zu weisen, zum anderen eine sinnvolle „Gun Policy“ umzusetzen. Auf Präsident Donald Trump ist bei dieser Diskussion nicht zu setzen, denn er sagt mal das, mal das, ganz abhängig davon, wer mit ihm im Zimmer sitzt. So richtig festlegen will er sich nicht. Ja, es müsse was getan werden, aber er stehe voll und ganz hinter dem „Grundrecht auf Waffenbesitz“. Logisch ist das nun nicht gerade.

Die NRA unterdessen geht in die Offensive. Ihre Lobbyisten beackern Abgeordnete im Kongress. Washingtoner Restaurants sind derzeit gut besucht, es spricht sich leichter bei einem Abendessen und einem Glas Wein. Es ist ja ein Wahljahr, von daher hören Abgeordnete gerne zu, vor allem jenen, die mit viel Geld und Einfluss daher kommen. Und eine Hand wäscht bekanntlich die andere. Aussitzen heißt die Devise. Die Telefone in den Büros im Kongress und in den Wahlbezirken bleiben auch nicht stumm. Die NRA hat einen Telefonmarathon gestartet, sie will, dass ihre Mitglieder ihren Unmut deutlich machen. Ein Verbot des beliebten AR-15 Gewehrs (auch die Lieblingswumme von Amokläufern) sei irrsinnig, denn das AR-15 sei zweifellos „die beste Selbstverteidigungswaffe“ (NRA). Und eine Änderung des Mindestalters beim Waffenkauf sei mit der NRA nicht durchzusetzen.

Die „National Rifle Association“ mischt sich ein. Neue Werbeclips sollen die Basis, die Waffenliebhaber, für diesen Endzeitkampf gewinnen. Denn es geht, so versucht es die NRA zu vermitteln, um Amerika, um die Freiheit, gegen Tyrannei, gegen staatliche Kontrollen. Jäger und alleinstehende Frauen vereinigt Euch im Kampf gegen „Big Brother“. Von der NRA hört man nichts zu 12.000 Mordopfern, nahezu 25.000 Selbstmorden, rund 50.000 Verletzten, alle durch Schußwaffen und das in jedem amerikanischen Jahr. Die Antwort auf alles – ob Mord, Amoklauf oder Bandenkrieg – lautet für die NRA nur: „Only Thing That Stops A Bad Guy With A Gun Is A Good Guy With A Gun“.

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Nichts ist auch nichts

Nach dem Amoklauf von Florida wurde erneut viel gebetet und erklärt, etwas müsse geschehen. Wieder mal, wie so oft nach einem Blutbad. Fast eine Woche später kramt Präsident Donald Trump in seiner Schublade und zieht den Vorschlag heraus, den er eigentlich schon nach dem Massaker von Las Vegas im vergangenen Oktober umsetzen wollte, das Verbot von „Bump Stocks“, jenem technischen Zubehör, das aus einem halbautomatischen Gewehr ein fast vollautmatisches werden lässt.

Präsident Donald Trump schlägt ein Verbot von „Bump Stocks“ vor. Foto: Reuters

Irgendwas musste er machen, denn die heftige und laute Diskussion dieser Tage konnte Trump nicht einfach aussitzen. Von daher schlug er etwas vor, was am Ende aber das Schulmassaker von Parkland nicht verhindert hätte. Und schon im Oktober hatte Trump mit Einverständnis der „National Rifle Association“ laut überlegt, diese „Bump Stocks“ verbieten zu lassen. Doch nichts geschah. Damals ließen Trump und die NRA noch Gras über die Sache wachsen.

Nun sind sie gefordert. Da passt es ganz gut, dass dieses Gesetz noch nicht umgesetzt wurde, so kann man zumindest Aktionismus vortäuschen, auch wenn damit kein Schulmassaker der Vergangenheit verhindert worden wäre. Trump ist in der Tasche der NRA, die ihn mit rund 30 Millionen Dollar unterstützte und ihn schon frühzeitig im Wahlkampf vor den NRA-Karren spannte. Trump war nur zu gerne der willige Gaul, denn mit seinem New Yorker Weichei Image konnte er im Mittleren Westen bei Jägern und Cowboys nicht punkten. Da machte es sich gut, wenn er als Präsident den Schulterschluss mit denjenigen suchte, die forderten „the only thing that stops a bad guy with a gun is a good guy with a gun“. Ja, mehr Waffen braucht das Land.

Trumps heutiger Schachzug ist daher zu einfältig und durchsichtig. Und doch, seine Basis wird ihn als Macher feiern, denn er kann immerhin mit dem Verbot ein Gesetz zur Waffenkontrolle vorweisen. Seinem Vorgänger Barack Obama war das nicht vergönnt, denn die Republikaner im Kongress blockierten gezielt alles was aus dem Hause Obama kam, sogar Gesetzesvorschläge zur Waffenkontrolle von Geisteskranken, Terrorverdächtigen, prügelnden Ehemännern und Kriminellen.

Fünf weitere, blutige Jahre

Vor genau fünf Jahren erschoss der 20jährige Adam Lanza seine Mutter in ihrem Haus in Newton, Connecticut, fuhr dann zur „Sandy Hook Elementary School“ und richtete eines der schlimmsten Blutbäder in der Geschichte der USA an. 20 Grundschüler und sechs Erwachsene wurde von Lanza in seinem Amoklauf tödlich getroffen. Amerika war geschockt, oder zeigte sich zumindest so. Der Ruf nach einem Ende der Waffengewalt war laut und deutlich zu hören.

„We will never forget“, schöne Worte, auf die keine Taten folgten. Foto: Reuters.

Fünf Jahre später kann man getrost sagen, es hat sich nichts verändert. Amokläufe gehören zu Amerika dazu wie Hamburger, Baseball und Cowboyhüte. Die Politiker in Washington und in zahlreichen Bundesstaaten haben Sandy Hook ausgesessen. Das Grundrecht auf Waffenbesitz wurde nie in Frage gestellt. Einfache Schutzmaßnahmen für die unbewaffnete Zivilbevölkerung nicht umgesetzt. Seit dem Blutbad in Newtown gab es fast eintausend weitere Amokläufe, manche in ihrer Dimension noch schlimmer als der an der Grundschule. Mittlerweile haben Amerikaner gelernt, dass sie nicht mehr sicher sind in Kirchen, auf Countrymusicfestivals, in Einkaufszentren, Kinos, an High Schools, Universitäten, in der Schlange im Supermarkt.

Nach Sandy Hook glaubten viele in den USA, jetzt werde sich etwas ändern. Ein weißer Vorort war getroffen, Kleinkinder brutalst abgeknallt worden, an einem Ort, der als sicher galt. Schon damals schrieb ich, es wird sich nichts ändern. Fünf Jahre später muss ich leider schreiben, ich hatte recht. Gerne würde ich meinen Fehler eingestehen. Doch viele in Amerika lernen nicht dazu, sehen nicht, dass der unkontrollierte Zugriff auf Waffen in den USA eines der größten Probleme dieses Landes ist. Jedes Jahr sterben Zehntausende durch Schusswaffen, Zehntausende weitere werden durch Schusswaffen verletzt. Die Opferzahl gleicht der Einwohnerzahl Erlangens. Die Amokläufe sind da nur die schallende Ohrfeige, die eigentlich wachrütteln sollte.

Das Schlimme ist, dass sich die Situation sogar noch verschlechtert hat. Erst vor wenigen Tagen hat der US Kongress mit der republikanischen Mehrheit beschlossen, dass Waffenbesitzer, die in ihrem Bundesstaat die Erlaubnis haben eine Waffe tragen zu dürfen, diese auch in andere Bundesstaaten mitnehmen dürfen, auch wenn die dortigen Gesetze das eigentlich nicht erlauben. Das grenzüberschreitende Grundrecht auf Waffenbesitz ist eben wichtiger als die Sicherheit der eigenen Bevölkerung. Nichts wird sich ändern, es darf also weiter fröhlich durch die Gegend geballert werden.