Goodbye Somaliland

Eine Woche Recherche in Somaliland neigen sich dem Ende zu. Es ging um die Musik, um die Kultur in dieser Region am Horn von Afrika. Eigentlich dachte ich, ich müsste für dieses Thema auch nach Mogadischu reisen, denn die Hauptstadt Somalias galt gerade in den 1970er Jahren als ein Zentrum der Musik. Hier kamen Einflüsse aus Afrika, der arabischen Welt, aus Europa, Indien und China zusammen und vermischten sich mit dem, was die somalische Musik seit Jahrhunderten ausmacht.

Laufen ist nicht einfach in Hargeisa, Bürgersteige gibt es kaum. Und wenn da ein Weißer durch die Gegend läuft, ist das mehr als auffalend.

Es ging nicht nach Mogadischu, auch wenn es eine dieser Städte ist, in die ich gerne reisen würde. Doch jeder, mit dem ich sprach, riet man davon ab. Es sei zu gefährlich, vor allem für einen „Westener“ und außerdem sei das, was ich finde wollte, in Hargeisa, der Hauptstadt Somalilands zu finden. Einiges fand ich, anderes nicht. Musik ist wichtig in der somalischen Kultur, aber eben auch nicht so wichtig, dass man dafür zahlt. Aber vielleicht ist das auch nur ein westliches Denken. Die Wertschätzung ist da, unbezweifelt.

Es ist nicht das erste Mal, dass ich in Somaliland bin. Doch diesmal erlebte ich vieles ganz neu. Bekam Einblicke in das Leben, auch das Privatleben der Menschen hier. Immer wieder stieß ich auf freundliche Menschen, die das Gespräch suchten, die Fragen hatten, oftmals meine Antworten aber nicht verstanden. Sprache kann eine ziemliche Barriere sein. Mit viel Lachen wurde das allerdings übergangen.

Wenn man in solche Länder reist, die nicht zu den typischen Reisezielen gehören, dann ist es oftmals sehr schwer, das zu beschreiben, was man sieht, erfährt, riecht, schmeckt, erlebt. Es sind tiefe Eindrücke von Menschen und Situationen, Lebensumständen und Gegebenheiten. Von Hoffnung genauso wie vom Schicksal. Hier wird vieles im Vorfeld oder auch nachdem es schon passiert ist mit „Inschallah“ erklärt, so Gott will. Die Verantwortung wird abgegeben, man fügt sich in das, was war, ist und sein wird. Das kann charmant sein, das kann aber auch verstörend wirken, wenn es um Lebensveränderungen geht, die man selbst in der Hand hat.

An den Müll, der überall herumliegt, werde ich mich auch nie gewöhnen können.

Ich stoße hier in Somaliland oftmals an meine Grenzen. Wie das verarbeiten, was ich sehe und erlebe, wie darüber schreiben, berichten, es erzählen. Irgendwie habe ich immer das Gefühl, es nie ganz zu schaffen, das alles in Worte auszudrücken. Man hilft sich hier, doch dann sind da die Cousins, Onkel, die sehr weitgefasste Familie, zu der man gehört. Ein Sicherheitsnetz, doch auch eine deutliche Abschottung. Das zu durchdringen und zu verstehen ist nicht gerade eine leichte Herausforderung. Hier der Reichtum so einiger, da die bittere Armut anderer. Und dann sind da die Tiere. Wie mit Hunden, Katzen und Eseln umgegangen wird, das ist – zumindest für mich – sehr nahegehend, macht mich betroffen, berührt mich sehr tief. Ich habe hier schon Leute lautstark angesprochen, die mit Steinen auf Hunde und Katzen schmissen und bekam nur ungläubige Blicke als Antwort. Was will der schwitzende Weiße denn von uns? Ich musste mitansehen, wie Esel vollbepackt mit einem unglaublichen Gewicht mit harten und brutalen Schlägen zum schneller Laufen angetrieben wurden. Solche Erfahrungen treffen mich in all der menschlichen Not und dem Elend, die ich hier auch sehen muss.

Heute geht es weiter nach Niamey. Ein anderes Land, eine andere Kultur, eine andere Musik. Ich bin gespannt, doch ich weiß, auch dort warten viele Bilder und Eindrücke, die ich nicht so leicht erklären kann, für die es Zeit braucht….vielleicht daheim in Oakland bei einem Spaziergang mit meinem Hund unter den Redwoods.

Auf der Suche nach dem Buch

Dieses Reisestipendium, das ich erhalten habe heißt „Grenzgänger„. Dort heißt es: „Das Programm Grenzgänger fördert internationale Rechercheaufenthalte von Autoren, Filmemachern und Fotografen, die relevante gesellschaftliche Themen und Entwicklungen aufgreifen und sich differenziert mit anderen Ländern und Kulturen auseinandersetzen wollen.“ Organisiert wird es vom Literarischen Colloquium Berlin und finanziert von der Robert Bosch Stiftung.

Kein Schild am Eingang deutet auf die Nationalbibliothek Somalilands hin.

In meiner Bewerbung erklärte ich, dass Musik eine wichtige Sprache gerade in Zeiten der Krise und in Konftliktregionen war und ist. Lieder in der somalischen Musik entstehen meist auf Grundlage eines Gedichts. Um die Worte wird die Musik gelegt. Das schien die Jury überzeugt zu haben. Nun bin ich also schon ein paar Tage in Somaliland, am Sonntag geht es weiter in den Niger. Somalia, so wurde mir mehrfach erklärt, ist eine „oral culture“, das gesprochene Wort ist hier wichtig, nicht so viel wurde niedergeschrieben. Lieder, Geschichten, Gedichte und Erzählungen wurden in der Vergangenheit vor allem mündlich weitergegeben.

Als ich erfuhr, dass es eine „National Library“ in Hargeisa gibt, die 2016 eröffnet wurde, wollte ich unbedingt dahin. Doch keiner wusste so richtig, wo sie ist. Nur grob, sie liege an der Hauptstraße 1, hieß es. Nach mehrmaligem um den Block fahren, stieg ich schließlich aus und machte mich zu Fuss in der brütenden Hitze auf die Suche. Nichts war da zu finden, wo sie sein sollte. Auf meine Fragen, wo denn die Bibliothek sei, wurde entweder der Kopf geschüttelt „sorry“ oder in eine Richtung gezeigt, aus der ich gekommen war.

Im Lesesaal der Nationalbibliothek Somalilands.

Und dann traf ich Ahmed, der mich hinführen wollte. Auf dem Weg dahin fragte er nach Angela Merkel und dem Brexit, wer deutscher Fußballmeister werden wird und wie ich denn Hargeisa so fände. Wir sprachen auf Englisch, Ahmed war interessiert, wollte sich schließlich noch per facebook mit mir verbinden. Von der Haupstraße gingen wir in eine buckelige Nebenstraße, entlang einer Mauer. Dann noch rechts und wir standen vor einem Eisentor. Kein Schild deutete daraufhin, dass das hier die nationale Bücherei sein soll. Mitten auf dem Areal stand ein nicht gerade ansehnliches Gebäude. Innen dann reihenweise Regale, auf denen vor allem englischsprachige Bücher zu finden waren. Doch es gab auch eine Sammlung mit somalischer Literatur, ein paar Kinderbücher, Erzählungen, vor allem in somalischer Sprache. Nur wenig ist davon übersetzt, doch das, was es gibt, zeigt Autoren, Dichter und Denker, die ganz bewusst, kritisch und mit Stolz auf ihre Kultur, ihre Sprache, ihr Leben blicken. Ich kramte durch das Regal und fand ein paar Übersetzungen.

Und diese Bibliothek ist nicht die einzige in Hargeisa. Auf einem viel kleineren Niveau kann man auch im Kulturzentrum von Hargeisa Bücher finden. Auf zwei Stockwerken ist Literatur aufgereiht, auch hier sind somalische Werke zu finden. Und dann ist da auch noch die Bibliothek auf dem Uni-Gelände, etwas durcheinander sind hier Bücher auf den Regalen gestapelt, man braucht Zeit, um sich durch zu suchen. Auch hier ist der Großteil der Literatur englischsprachig. Das ist erstaunlich, denn nur wenige Somaliländer, die man trifft, sprechen Englisch. Aber Hunger nach Wissen ist groß.

Ein besonderer musikalischer Abend

Es ist wie ein Pflichtbesuch, wenn man nach Hargeisa kommt. Erst recht, wenn man über die somalische Musik berichten will: Hiddo Dhowr. Ein Restaurant und ein Kulturort, an dem somalische Tänze, Musik, Kunst und Kultur gefeiert werden. Vor einigen Jahren eröffnete die Musikerin Sahra Halgan diese Themenrestaurant, um so, nach vielen Jahren im französischen Exil, einen, ja, ihren Teil zum Aufbau Somalilands beizusteuern.

Sahra Halgan beeindruckt mit ihren Songs.

Gestern Abend war der Saal gut gefüllt. Verschiedene Sängerinnen und Sänger präsentierten somalische Songs, begleitet von zwei Ouds und einem Schlagzeug. Immer mal wieder gab es tranditionelle Tanzeinlagen. Auch Sahra Halgan selbst stand auf der Bühne und begeisterte durch ihren Gesang die Besucher. Die waren größtenteils jung, meist unter 30 und gehörten zweifellos der Elite Hargeisas an. Die Frauen in feinsten, edlen und sichtbar teuren Stoffen, Kleidern und Kopftüchern gekleidet. Sowieso war hier alles etwas anders, als Tagsüber auf den Straßen Hargeisas. Kopftücher und Schals, die durchsichtig waren, Haut und Haare erkennen ließen. Auch rutschte hin und wieder mal ein Kopftuch runter, das dann mit etwas Verzögerung wieder langsam hochgezogen wurde. Somaliländische Frauen spielen durchaus mit ihren Reizen, was von den zahlreichen jungen Männern registriert wurde. Man spürte deutlich, dass das hier ein ungewöhnlicher Ort in diesem ungewöhnlichen Land ist. Auf der eine Seite das Feiern der somalischen Kultur. Auf der anderen Seite ein paar Stunden weniger restriktive Gesellschaftsordnung.

Und genau das stört die religiösen Führer in Somaliland, die diesen Kulturtempel als Dorn im Auge sehen. Musik, gemeinsamen Singen, Freizügigkeit, und sei es nur das Zeigen von Frauenhaar, sei gegen den Islam, heißt es. Hier sieht man das anders. Sahra Halgan kämpft für die somalische Kultur, Musik sei eine wichtige Sprache in der somalischen Kultur. Schon immer gewesen, wie sie im Interview betont. Hiddo Dhowr ist beliebt, ein entspannter Ort, an dem der eine Weiße am Abend kaum wahrgenommen wird, immer mal wieder gibt es sogar ein Lächeln für mich. Vielmehr singt und klatscht man mit, als auf der Bühne gesungen wird. Und dann kommt das Highlight des Abends, ein Moderator läuft mit einem Mikrofon durch die Publikumsreihen, fordert den und die zum Vorsingen auf. Es wird gelacht, geklatscht, einige singen mit leiser, leicht verschämter Stimme, andere werden zu einer Zugabe aufgefordert. Es ist ein feiner, kultureller Freiraum, in dieser vom Islam bestimmten Welt, der hier entstanden ist und gefeiert wird. Die Kraft der Musik ist an diesem Abend deutlich zu spüren.

Vergrabene Tonbänder überlebten die Zerstörung

Siad Barre war ein Diktator, der sogar die Musik im damals vereinten Somalia kontrollierte. Kritische Töne ließ er nicht zu, so etwas durfte weder aufgenommen, noch ausgestrahlt werden. Doch die Lieder entstanden dennoch und verbreiteten sich wie ein Lauffeuer in Somaliland. Der beliebte Sender Radio Hargeisa wurde in den 80er Jahren zu einer Relaisstation von Radio Mogadischu herabgestuft, das Programm streng kontrolliert und, wie mir heute mit einem Lachen erklärt wurde, nur im Gefängnis von Hargeisa gehört. Damit wollte Barre auch verhindern, dass die somaliländische Unabhängigkeitsbewegung, Somali National Movement (SNM), Zugang zu einer Radiostation haben konnte.

Doch all das langte dem Diktator nicht, 1988 wies er seine eigene Luftwaffe an, Hargeisa und andere Städte in der einstigen britischen Kolonie zu bombardieren. Die SNM sollte ausgelöscht werden. Sogar vom Airport Hargeisa stiegen Kampfjets auf, um nur ein paar Kilometer weiter ihre Bomben abzuwerfen.

Aus diesem rostigen LKW, einem chinesischen Übertragungswagen, wurde nach der Unabhängigkeitserklärung Somalilands gesendet.

Hargeisa wurde damals dem Erdboden gleich gemacht. Zehntausende von Menschen flohen in die Nachbarländer und wenn sie konnten weiter nach Europa, Kanada und die USA. Siad Barre wurde im Januar 1991 aus Mogadischu vertrieben. Noch am gleichen Tag ging Radio Hargeisa wieder auf Sendung. Gespielt wurden genau diese Lieder, die der Diktator verboten hatte. Als Zeichen der neuen Zeit, als Zeichen der Hoffnung, als „in your face, dictator“.

Gesendet wurde aus einem alten chinesischen Übertragungswagen, den schon Mao genutzt hatte, wie mir bei meinem Besuch erzählt wurde. Der war einst von Peking an Siad Barre gespendet worden, der mit seinem „wissenschaftlichen Sozialismus“ durchaus auch das Interesse der Kommunisten in Peking geweckt hatte. Und die ausgestrahlten Musiktonbänder hatten genauso die Bombardierungen überlebt, wie der rustikale Rundfunklaster. Die Bänder waren zum Teil von den Radiomachern selbst vergraben oder von Bürgerinnen und Bürgern Hargeisas vor der Vernichtung versteckt und somit gerettet worden.

Und diese Aufnahmen mit Musik, Poetry und Interviews sind heute eines der wenigen Zeugnisse des alten Hargeisas, des lebendigen, somalischen Kulturlebens der 70er und 80er Jahre. Ein unschätzbarer Wert auf verstaubten und brüchigen Tonbändern und Kassetten.

Ein kultureller Schatz – Geschichte zum Hören.

Eine lange Anreise war das. Von San Francisco ging es über Frankfurt nach Addis Abeba und dann weiter nach Hargeisa, der Hauptstadt von Somaliland. Vor genau einem Jahr war ich das letzte Mal hier. Viel hat sich nicht verändert, zumindest nicht auf den ersten Blick. Die Straßen sind weiterhin eine Katastrophe, Schlagloch folgt auf Schlagloch, es wird nach wie vor viel gehupt, am Straßenrand schlafen Straßenhunde, Ziegen fressen Gräser oder kauen auf Plastikmüll herum, es ist wie immer heiß in der Stadt, ein starker Wind bläst dazu und auch schon die obligatorische Kamelherde überquerte vor mir die Straße.

Geschichte zum Hören.

Mein erstes Interview für diese Geschichte über die Bedeutung und die Kraft der Musik in schwierigen Zeiten ist geführt. Mit dem Leiter des „Hargeisa Cultural Centers„, Jama Musse Jama, habe ich über Musik in Somalia und Somaliland gesprochen. Er hat hier eine umfassende Sammlung somalischer Musik angehäuft, die auf beeindruckende Weise genau das widergibt, nach dem ich suche. Alles ist auf Kassetten festgehalten, nur ein Teil davon bislang digitalisiert. 14.000 Kassetten sind es insgesamt, ein kultureller Schatz der, wenn er nicht bald festgehalten wird, verschwindet. Es ist ein langsamer und kostspieliger Prozess. Und doch, hier ist etwas aufbewahrt, was viel über dieses Land und seine Kultur erzählt. Wie haben Musikerinnen und Musiker wichtige Themen in der Gesellschaft aufgenommen, verarbeitet und weitergegeben?

Man denke nur an Lieder wie „We shall overcome“ oder auch an die „Moorsoldaten“, Lieder, die herausstechen, die Hoffnung gaben und geben, die verbinden, die eine unglaubliche Kraft ausdrücken. Solche Lieder gibt es auch in Somalia, gibt es wohl in jeder Gesellschaft, in jedem Kulturraum. Songs, die nach der Bombardierung Hargeisas durch die Truppen des somalischen Präsidenten und Diktators Siad Barre Ende der 80er Jahre entstanden. Damals führte der eigene Präsident Krieg gegen die Unabhängigkeitsbewegung in Somaliland. 90 Prozent von Hargeisa wurden total zerstört, in der nächstgrößeren Stadt Burao waren es 70 Prozent. Die Welt blickte damals mal wieder weg.

Es entstanden Lieder in den Flüchtlingslagern im Osten Äthiopiens von denen, die der Gewalt entkommen konnten. Später dann entstanden Songs nach der Unabhängigkeitserklärung Somalilands, der Entwaffnung, der politischen und militärischen Spannungen am Horn von Afrika, der Zerstörung Mogadischus, dem Konflikt mit der Terrororganisation al-Shabaab. Die somalische Musik ist dabei oftmals ein Zusammenspiel zwischen einem Dichter und einem Musiker. Musik als Ausdruck des Gegenwärtigen, als Verarbeitung des Geschehenen, als Zeichen der Hoffnung.

Und dabei kratze ich hier nur an der Oberfläche eines so tiefen und komplexen Themas. Allein schon die Sprachbarrieren sind immens und kaum zu überwinden. Die Auswertung all dieser Tapes, die hier zu finden sind, wäre ein umfassendes Recherche, die vor allem viel Zeit benötigt. Der Anfang im HCC ist jedoch gemacht und es wird weitergehen, vielleicht auch mit internationaler Unterstützung. Es geht um nicht mehr und nicht weniger als um die Bewahrung eines Teilstücks der somalischen Kulturgeschichte, die hier auf diesen teils billigen Kassetten zu finden und zu hören ist.

Von Airportpiraten und Pantherschildkröten

Piraten, so haben mir zwei Minister in Garowe, der Hauptstadt Puntlands, versichert, gibt es in den Gewässern vor Puntland nicht mehr. Die Rechtlosigkeit auf hoher See habe ein Ende genommen. Auf dem Meer vielleicht, aber das Piratentum lebt in Puntland weiter. Man muss nur über den neuen Flughafen Garowe fliegen, der ganze Stolz der Regierung im autonomen Teilstaat Somalias. Es fängt mit den 60 $ bei der Einreise für ein Visum an, dafür kriegt man seinen Pass gestempelt und hingeworfen.

Schlimmer ist es da schon, wenn man ausreist. Nach der ersten Sicherheitskontrolle stand gleich einer da und verlangte eine 20 Dollar Gebühr für die Sicherheitskontrolle. Also, ich zahle quasi dafür, dass ich gefilzt und ziemlich ruppig von der Seite angequatscht werde. Kaum war ich zehn Schritte weiter, hatte den Koffer eingecheckt (umsonst), die Passkontrolle erledigt (auch umsonst) stand so ein kaum 20jährger mit Sonnenbrille und hochgestelltem Hemdkragen da und faselte was von Gebühr. Wie jetzt, ich habe doch gerade schon eine Sicherheitsgebühr gezahlt!? Nein, nein, meinte er, das sei jetzt eine Reinigungsgebühr. Ich wollte meinen 50jährigen Ohren nicht trauen und fragte nach: Reinigungsgebühr? Ja, so David-Hasselhoff-Light, der Flughafen müsse ja sauber gehalten werden und dafür müssten die Passagiere zahlen. Ich blickte mich um, der Boden sah so aus, als ob er schon seit Wochen nicht mehr gereinigt worden war, aber gut, so viele Menschen fliegen wohl nicht über den Airport Garowe, da häufen sich Staub und Schlieren schon an. Also zahlte ich die drei Dollar und erhielt dafür sogar eine Quittung. Mal sehen, ob ich die auf meiner nächsten Steuererklärung für berufliche Ausgaben geltend machen kann.

Zwei Meter weiter, ich will gerade in die Abflughalle abbiegen, ruft mir einer hinterher, ich solle zurückkommen. Was will der nun? Etwas von oben herab meinte er, ich müsse noch die Exit-Gebühr in Höhe von 60 Dollar zahlen. Exit-Gebühr, was bitte schön soll das sein? Vor allem, ich bin schon mehrmals aus Puntland ausgereist und habe diese „Fee“ noch nie berappen müssen. Tja, meinte er, ihm egal, ich müsse zahlen. An dem Punkt hatte ich den Hals dick und wurde lauter. Das könne nicht sein, hier komme eine Gebühr nach der anderen, was das denn solle? Und überhaupt, wenn ich mich so umblicke, verlangen sie diese sehr fragwürdigen Gebühren nur von den „Muzungus“, den Weißen. Geht’s noch!!! Auf einmal stand ein anderer Mitarbeiter da und fragte, ob ich die Quittung von der Einreise bei mir hätte. Natürlich habe ich die noch, sagte ich und kramte in meinem Rucksack. Dann sei ja alles gut. Gute Reise. Was mein Einreisevisum nun mit einer „Exit-Gebühr“ zu tun haben soll, ist mir nicht klar. Aber dicker Hals zahlt sich manchmal wohl doch aus. Über Galkayo und Bossasso ging es dann mit dem Flugdienst der Vereinten Nationen zurück nach Hargeisa, einmal kreuz und quer über Puntland. Die Landschaft trocken, sandig, heiss. Die Küste ein einziger Traum, grünes, klares Wasser, lange, endlose Sandstrände ohne irgendeine Menschenseele.

Am Flughafen in der Hauptstadt Somalilands wieder ein Problem. Die äußerst unfreundliche Frau an der Passkontrolle wollte mich nicht durchlassen und meinte, ich solle da drüben warten. Andere Passagiere wurden abgestempelt, nach dem letzten erhob sich die Immigrationsbeamtin und ging. Und ich stand da. Und da. Und da. Nach ein paar Minuten fragte ich einen Flughafenmitarbeiter, was nun los sei, wie lange ich hier und vor allem auf was ich hier warten sollte. Er ging zum Büro der Einwanderungsfachangestellten und kam mit der Mitteilung zurück, ich hätte nur eine Kopie des Einreisevisums, ich bräuchte allerdings ein Original. Guter Mann, wie soll ich denn ein Original haben, wenn ich eine pdf Datei als Email Anhang zugeschickt bekomme. Ja, sagte er, sie brauche das Original, ich solle jemanden anrufen. Wen denn und vor allem wie, denn weder AT&T noch Aldi-Talk funktionieren meines Wissens in Somaliland. Ich fragte, ob er nach draußen gehen könne, denn ich werde abgeholt und vielleicht hat der Fahrer das Original bei sich.

Pantherschildkröten leben mitten in der somaliländischen Hauptstadt Hargeisa.

Und so war es auch, keine fünf Minuten später trat die Immigrationssonderbeauftragte für schwere Fälle aus ihrem Büro, trat nach wie vor gelangweilt und mich keines Blickes würdigend in das Abfertigungskabüffchen, griff sich das – wohlgemerkt – Original Visum und meinen Pass, blätterte durch die Seiten und stempelte schließlich alles ab. Danach durfte ich erneut 60 Dollar zahlen. Der Tag war nicht gerade preiswert.

Am Abend dann in Hargeisa lief ausgerechnet zu dem Zeitpunkt eine ziemlich große Schildkröte an dem Gästehaus vorbei, in dem ich untergebracht bin, als ich auf dem Dach stand und den Straßenklang des Abends und den Ruf der Muezzine zum Gebet aufnahm. Der Rekorder lief auch ohne mich, also hastete ich die Treppe runter, nicht dass mir die Schildkröte entläuft. Ein Riesentier, etwa 50 cm lang, zog sie den Kopf sofort ein, als ich auf zwei Meter heran kam. Die hier in Somaliland lebende Pantherschildkröte fauchte mich gleich an, alles klar, nur ein paar Fotos, so etwas sieht man ja nicht alle Tage, vor allem nicht in Nürnberg oder in Oakland.

Amerika am Horn von Afrika

Landeanflug auf Hargeisa.

Ankunft in Somaliland. Nach einem Nachtflug, der mit einer Bahnfahrt von Nürnberg nach Frankfurt begann und von dort über Addis Abeba weiterging, kam ich schließlich am späten Vormittag in Hargeisa, der Hauptstadt von Somaliland an. Vom Flugzeug aus sah man, dass es in den vergangenen Monaten geregnet hatte, etliche grüne Streifen konnte man in der braunen Landschaft ausmachen. Vor eineinhalb Jahren war ich das letzte Mal hier, damals traf eine unglaubliche Dürre die Region. Millionen von Vieh verendete, es drohte eine gewaltige Hungerkatastrophe.

Das Horn von Afrika ist eine geschundene Region. Der Klimawandel macht alles nicht einfacher. Regenzeiten bleiben aus, das karge Land dorrt noch weiter aus. Auch darum geht es bei dieser neuerlichen Reise nach Somaliland und Puntland. Die größere Geschichte, die ich jedoch erzählen möchte, dreht sich um die amerikanische Außenpolitik unter Donald Trump. Sein Handeln, sein Nicht-Handeln, seine Militarisierung der Außenpolitik zum einen und sein Verschieben der US „foreign policy“ aus dem State Department hin zur Christlichen Rechte in den USA hat fatale Auswirkungen und langfristige Folgen für Afrika. Somaliland und Somalia sind davon massiv betroffen.

Kurz nach der Ankunft gab es das obligatorische Sicherheits-Briefing, danach wurde durchgesprochen, welche Projekte wir besuchen, welche Interviewpartner zur Verfügung stehen. Morgen geht es zuerst einmal mit dem Auto in den Osten des Landes. Einige Straßen sind so schlecht, dass wir lange Umwege fahren müssen. Am Golf von Aden streifen wir dabei nur vorbei. Leider bleibt keine Zeit für einen Sprung ins erfrischende Wasser, es ist brütend heiß in Somaliland.

Gerade sitze ich total übermüdet auf dem Dach vor meinem Zimmer. Bauarbeiter hämmern vor sich hin, Autos hupen, Ziegen mähen unten auf der Straße, spielende Kinder sind zu hören, ein paar Wolken ziehen am sonst klaren, blauen Himmel friedlich vorbei. Hargeisa ist eine boomende Stadt, die mehr und mehr wächst. Die unabhängige Republik Somaliland wird von keinem anderen Staat anerkannt. Irgendwie wurstelt sich die für autonom erklärte Region dennoch so durch, ohne große Hilfe aus dem Ausland und das seit gut 27 Jahren. Der Traum von der Unabhängigkeit scheint hier noch lange nicht ausgeträumt zu sein. Auch wenn es schwierig ist und bleibt, die Hoffnung auf eine eigene Zukunft für Somaliland lebt.

Das kulturelle Drehkreuz Somalia

Wer an Musik aus Afrika denkt, dem fallen Musiker aus dem Senegal, Nigeria oder Südafrika ein. Die Weltmusik hat ihre afrikanischen Stars. Eine Region Afrikas wird dabei gerne übersehen. Nicht nur, dass Teile Somalias seit über 25 Jahren im Chaos versinken, es gab auch noch nie eine funktionierende Plattenindustrie. Welch musikalischen Reichtum es jedoch am Horn von Afrika gibt, das zeigt nun ein neues Album “Sweet as broken dates”.

Hargeisa, die Hauptstadt der unabhängigen, doch international nicht anerkannten Republik Somaliland. In einer Seitenstrasse, etwas versteckt liegt das Kulturzentrum der Stadt. Der Leiter heisst Jama Mussa Jama, selbst Autor, der lange Jahre in Italien lebte. Nun versucht er mit dieser Einrichtung den Kulturschaffenden in Somaliland einen Platz zu bieten. Bei meinem Besuch in seinem Büro fiel mir gleich eine Wand voller Kassetten auf. Hunderte von Tapes. Aufgezeichnet sind Gedichte und Geschichten somalischer Autoren und Lieder von Musikern. In der somalischen Gesellschaft gab und gibt es kaum Bücher und auch keinen professionellen Musikmarkt, alles wurde mündlich weitergegeben oder bei Live-Konzerten mitgeschnitten.

Hier in diesem Büro lagert ein Schatz der somalischen Kultur, auf den auch der 31jährige Vik Sohonie, Betreiber des New Yorker Indie Labels Ostinato Records, auf Umwegen aufmerksam gemacht wurde. Er war, so Sohonie, für ein neues Album auf der Suche nach somalischer Musik: „Wir hatten sehr gute Kontakt zur somalischen Diaspora in den USA und Europa aufgebaut. Immer mal wieder bekamen wir ein paar Kassetten geschickt, darauf ein, zwei gute Lieder. Aber es war nichts besonderes darunter. Bis uns einer mal sagte, wir sollten mit Jama Mussa Jama sprechen, der ein Archiv von 10.000 Kassetten habe. Und wir wussten gleich, das ist eine Goldmine. Wir kontaktierten ihn also, erklärten, was wir vorhatten und er war sofort offen dafür.“

Im Kulturzentrum von Hargeisa war in den vergangenen Jahren das vertraute musikalische Erbe Somalias wieder zusammen getragen worden. Sohonie und sein Partner reisten mit dem Ziel nach Hargeisa, in vier Wochen so viel Musik wie möglich zu digitalisieren. Es wurde eine Reise in eine bis dahin unbekannte Musikwelt: „Jedem, den wir trafen, erzählten wir, was wir machen und fragten nach, wer ihre Lieblingsmusiker und -sänger von Hargeisa, von Puntland, von Mogadischu waren? Welchen Musikstil, sie mögen? Wir haben so eine unglaubliche “Road Map” zusammengestellt. Am Ende der Digitalisierung im Archiv wussten wir ziemlich viel über die Musikszene, die Gruppen, die Genres und die Epochen. So konnten wir alles richtig einordnen und kamen am Ende mit einem wahren Schatz zurück.“

Für Vik Sohonie hat die somalische Musikszene so viel zu bieten, wie kaum eine andere, denn Somalia war lange Zeit eine offene, multikulturelle, eine tolerante Gesellschaft, in der die vielen Einflüsse aus allen Himmelsrichtungen zusammen trafen. „Man sieht das heute nicht mehr in der Berichterstattung, aber man kann es in der Musik hören, im Essen schmecken, in der Sprache hören. Es gibt in der somalischen Sprache Wörter aus dem Chinesischen, aus dem Hindi, Arabische Wörter. Jeder Teil der somalischen Kultur hat eine alte Geschichte, und die Musik ist da nicht anders.“

Tonbänder im Archiv von Radio Hargeisa. Foto: Peltner.

Nach dem Sturz des somalischen Diktators Siad Barre 1991, erklärte sich die einstige britische Kolonie Somaliland für unabhängig. Schon zuvor gab es Spannungen zwischen dem Regime in Mogadischu und der Region im Nordwesten des Landes, die dazu führten, dass Barre 1988 die eigene Luftwaffe gegen Aufständische in Somalialand fliegen ließ. Doch zuvor hatten Mitarbeiter von Radio Hargeisa die Weitsicht viele der Musikbänder aus dem eigenen Archiv in Sicherheit zu bringen. „Die ersten Bombenziele waren Radio Hargeisa, denn es war das Kommunitkationszentrum der Rebellen. Sie wussten also, dass die Bomben kommen werden und ein paar Radioleute vergruben viele der Tonbänder, darauf Live-Mitschnitte von Musikern. Erst kürzlich hätten sie wieder welche ausgegraben. Doch sie haben vergessen, wo viele dieser Bänder versteckt wurden, nur einige konnte sie bislang wiederfinden.“

“Sweet as broken Dates” ist eine Sammlung aus Liedern dieser Kassetten und Tonbänder aus dem Kulturarchiv der somaliländischen Hauptstadt und von Radio Hargeisa, die lange als vermisst gegolten haben. Sie präsentieren ein Land, das offen für viele Einflüsse war, ein Drehkreuz der Kulturen. Dieses Album wirft ein ganz neues Licht auf eine Region, die die meisten von uns nur mit Terror, Krieg und Elend in Verbindung bringen. Es zeigt die menschliche Seite dieser reichen Kulturregion am Horn von Afrika.

„Sweet as broken Dates“ erscheint auf Ostinato Records. Auf der Webseite des Labels kann man einige Songs hören.

 

Trump und Erdogan reden über Bomben

Am 2. Februar 2016 explodierte an Bord des Daallo Airlines Flug 159 von Mogadischu nach Dschibuti eine Bombe und riss ein Loch in die Außenwand. Glücklicherweise wurde nur ein Mensch getötet, der Bombenleger. Die Maschine konnte sicher landen. Was allerdings die Alarmglocken der Geheimdienste aufschrillen ließ, waren die Umstände dieses Attentats. Eigentlich waren 69 der 73 Passagiere auf der Turkish Airlines Maschine Richtung Istanbul gebucht. Doch schlechtes Wetter verhinderte die Landung der TK687. Die Passagiere wurden kurzerhand auf die Daallo Airlines umgebucht, um dann in Dschibuti ihren Weiterflug nach Istanbul zu erreichen.

Eine Bombe in einem Laptop riss ein Loch in die Außenwand von Flug Daalo Airlines 159 von Mogadischu nach Dschibuti. Foto: Reuters.

Als Bombenleger wurde der 55jährige Abdullahi Abdisalam Borleh ausgemacht. Ein Lehrer in einer islamischen Schule in Hargeisa, Somaliland, der bislang nicht auffällig war. Borleh hatte ein Visum für die Türkei. Somaliland gilt als sichere und terrorfreie Gegend am Horn von Afrika. Auf Sicherheitskameras im abgesicherten Flughafenbereich von Mogadischu sind allerdings zwei Männer zu sehen, die Borleh einen Laptop überreichen. Und darin, so die Ermittler, war der Sprengstoff versteckt. Die Al-Shabaab Miliz übernahm später die Verantwortung für den Anschlag, der eigentlich der Turkish Airlines Maschine gegolten haben sollte. Die Türkei als NATO-Mitgliedssstaat war das Ziel des Terrorplans.

Diese Tatsache erschütterte die Nachrichtendienste weltweit, denn anscheinend war der Laptop problemlos und unerkannt durch die Sicherheitskontrollen des Flughafens gelangt. Von meinen Reisen nach Somaliland und Puntland/Somalia weiß ich, dass an den Flughäfen mehrmals verlangt wird, dass mitgeführte technische Geräte angeschaltet werden müssen. Der Laptop auf dem Flug 159 der Daallo Airlines war also keine Attrappe.

Die amerikanischen, britischen und türkischen Nachrichtendienste vor Ort erkannten die Zeichen der Zeit. Ein einschaltbarer Laptop konnte zu einer Bombe umfunktioniert und der Sprengstoff nicht bei den herkömmlichen Flughafenkontrollen erkannt werden. Aus diesem Grund erließen die USA im März das Verbot von Laptops an Bord auf Flügen aus der Türkei, dem Nahen Osten und Nordafrika. Und nun soll das Verbot erweitert werden. Auch Flüge aus Europa in die USA könnten sehr bald von dem Laptopbann an Bord betroffen sein.

Donald Trump hatte mit dem russischen Außenminister Sergei Lavrov und dem russischen Botschafter Sergey Kislyak über genau dieses Thema gesprochen und dabei wohl Quellen der Ermittlungen genannt. Denkbar ist aufgrund der genauen Untersuchungen nach dem Anschlag in Mogadischu, dass die Türkei die Quelle der Information ist, die Trump nun ausgeplaudert hat. Die Türkei ist sehr gut am Horn von Afrika vernetzt, unterstützt die Regierungen in Mogadischu und auch im somaliländischen Hargeisa. Die massive und umfangreiche Präsenz der Türken in der Region ist schon seit langem nicht mehr zu übersehen. Wenn nun also der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan Donald Trump im Oval Office besucht, könnte das Gespräch auch um den Zwischenfall in Mogadischu gehen. „Sorry, Recep“. „No problem, Donald, just give me Gülen“.

 

„Hast Du schon Kokain geraucht“

Die MiG erinnert an den Krieg gegen die Armee des somalischen Präsidenten Siad Barre.

Der letzte Tag in Somaliland. Nach einem Austag am Freitag, standen heute morgen noch zwei Interviews an. Mit dem Religionsminister Sheikh Khalil Ahmed Abdi und Professor Ahmed Ibrahim Awale von der „University of Hargeisa“. Der eine berichtete über die Krise aus religiöser Sicht, der andere aus einer umweltpolitischen. Der Minister betonte, wie die islamischen Gemeinden enger zusammen rücken, die Moscheen im ganzen Land als wichtige Zentren für Bedürftige gesehen und genutzt werden. Der Professor dagegen berichtete von den drohenden Verlusten. In seinem Büro ein Plakat mit etwa 30 verschiedenen Eidechsen, die hier im Wüstensand zu finden sind. Keiner weiß, wie viele von ihnen und wie viele der anderen Tierarten die Dürre überlebt haben und überleben werden. 3000 Pflanzenarten habe es hier in Somaliland und am Horn von Afrika gegeben. Was davon noch übrig bleiben wird ist unklar.

Am Nachmittag machte ich mich dann auf den Weg in die Innenstadt zum Kriegsdenkmal, eine alt MiG auf einem Sockel. Darum herum sitzen viele Männer und palavern. Direkt am Sockel im Schatten ein paar Ziegen, oben drauf hocken Tauben und gurren vor sich hin. Die Stadt pulsiert, obwohl es am frühen Nachmittag drückend heiß ist. Ich laufe durch die Gegend, biege in die engen Gänge des überdachten Marktes ein, ein ständiges „Hi, how are you?“ folgt mir vorbei an den Ständen. Der eine will mir Schuhe anbieten, der andere Stoffe, wieder ein anderer meint, ich bräuchte unbedingt neue Töpfe.

Eine Hauptstraße in Hargeisa.

Ich bin der einzige „Tourist“ weit und breit. Mit meiner hellen Hautfarbe falle ich gleich auf. Junge verschleierte Frauen grinsen sich einen und flüstern sich was zu. Männer schauen mich an, als ob ich die rosafarben Flip Flops aus dem Hotelzimmer auf dem Kopf tragen würde. Der Verkehr im Zentrum ist ein einziges Gehupe, ein wildes Durcheinander. Die Straßen sind nur teilweise geteert. Schlaglöcher ohne Ende. Ziegen, Esel, einige Straßenhunde und ein Gewusel an Menschen, die Handel betreiben, einkaufen oder mit einer Tüte Qadsträucher durch die Gegend laufen. Qad ist die Volksdroge. Alkohol gibt es hier nicht, aber an jeder Ecke verkaufen sie die Blätter, die aus Äthiopien kommen. Ein Gekaue ist das. Ziegen stehen vor den Qad Buden und fressen die Reste, auch sie mögen wohl den Rausch.

In einem Straßencafe setze ich mich hin, bestelle mir einen somalischen Tee für 10 Cent und genieße den Moment. Kaum sitze ich, spricht mich der erste an. Mit ein paar Brocken Englisch will er wissen woher ich komme. „Oh, Germany….good“ und er streckt den Daumen nach oben. Ein anderer setzt sich fast neben mich mit einer Qadtüte und bietet mir welche an. „No, thank you“. „Try“. „No, thank you“. Er erzählt mir, dass er schon in Dänemark gelebt hat und Deutschland sehr mag, dort habe er viel Bier getrunken, „Amstel“. „It’s from Holland“. „No, German“. Ok! Und dann meint er, er war auch schon in Holland. „You smoke Kokain?“ „No“. „Why not?“. Ich sag’s ihm auf Deutsch: Nix für mich.

Er redet weiter, vieles verstehe ich nicht, irgendwann hat er dann wohl genug von mir und zieht von dannen. Ich hole mir noch einen Tee, schaue mir in aller Ruhe die Leute und das bunte Treiben an. Ein schöner Ausklang einer sehr intensiven Reise. Und irgendwie, trotz allem, was ich hier gesehen und erlebt habe, bin ich dankbar dafür hier zu sein. Die Möglichkeit zu haben, andere Länder, Kulturen und Menschen kennenzulernen, die ich wohl sonst nie kennenlernen würde. Es ist immer auch ein bißchen meinen eigenen Horizont zu erweitern. Und das ist das Schöne an meinem Beruf.