Trump und Erdogan reden über Bomben

Am 2. Februar 2016 explodierte an Bord des Daallo Airlines Flug 159 von Mogadischu nach Dschibuti eine Bombe und riss ein Loch in die Außenwand. Glücklicherweise wurde nur ein Mensch getötet, der Bombenleger. Die Maschine konnte sicher landen. Was allerdings die Alarmglocken der Geheimdienste aufschrillen ließ, waren die Umstände dieses Attentats. Eigentlich waren 69 der 73 Passagiere auf der Turkish Airlines Maschine Richtung Istanbul gebucht. Doch schlechtes Wetter verhinderte die Landung der TK687. Die Passagiere wurden kurzerhand auf die Daallo Airlines umgebucht, um dann in Dschibuti ihren Weiterflug nach Istanbul zu erreichen.

Eine Bombe in einem Laptop riss ein Loch in die Außenwand von Flug Daalo Airlines 159 von Mogadischu nach Dschibuti. Foto: Reuters.

Als Bombenleger wurde der 55jährige Abdullahi Abdisalam Borleh ausgemacht. Ein Lehrer in einer islamischen Schule in Hargeisa, Somaliland, der bislang nicht auffällig war. Borleh hatte ein Visum für die Türkei. Somaliland gilt als sichere und terrorfreie Gegend am Horn von Afrika. Auf Sicherheitskameras im abgesicherten Flughafenbereich von Mogadischu sind allerdings zwei Männer zu sehen, die Borleh einen Laptop überreichen. Und darin, so die Ermittler, war der Sprengstoff versteckt. Die Al-Shabaab Miliz übernahm später die Verantwortung für den Anschlag, der eigentlich der Turkish Airlines Maschine gegolten haben sollte. Die Türkei als NATO-Mitgliedssstaat war das Ziel des Terrorplans.

Diese Tatsache erschütterte die Nachrichtendienste weltweit, denn anscheinend war der Laptop problemlos und unerkannt durch die Sicherheitskontrollen des Flughafens gelangt. Von meinen Reisen nach Somaliland und Puntland/Somalia weiß ich, dass an den Flughäfen mehrmals verlangt wird, dass mitgeführte technische Geräte angeschaltet werden müssen. Der Laptop auf dem Flug 159 der Daallo Airlines war also keine Attrappe.

Die amerikanischen, britischen und türkischen Nachrichtendienste vor Ort erkannten die Zeichen der Zeit. Ein einschaltbarer Laptop konnte zu einer Bombe umfunktioniert und der Sprengstoff nicht bei den herkömmlichen Flughafenkontrollen erkannt werden. Aus diesem Grund erließen die USA im März das Verbot von Laptops an Bord auf Flügen aus der Türkei, dem Nahen Osten und Nordafrika. Und nun soll das Verbot erweitert werden. Auch Flüge aus Europa in die USA könnten sehr bald von dem Laptopbann an Bord betroffen sein.

Donald Trump hatte mit dem russischen Außenminister Sergei Lavrov und dem russischen Botschafter Sergey Kislyak über genau dieses Thema gesprochen und dabei wohl Quellen der Ermittlungen genannt. Denkbar ist aufgrund der genauen Untersuchungen nach dem Anschlag in Mogadischu, dass die Türkei die Quelle der Information ist, die Trump nun ausgeplaudert hat. Die Türkei ist sehr gut am Horn von Afrika vernetzt, unterstützt die Regierungen in Mogadischu und auch im somaliländischen Hargeisa. Die massive und umfangreiche Präsenz der Türken in der Region ist schon seit langem nicht mehr zu übersehen. Wenn nun also der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan Donald Trump im Oval Office besucht, könnte das Gespräch auch um den Zwischenfall in Mogadischu gehen. „Sorry, Recep“. „No problem, Donald, just give me Gülen“.

 

„Hast Du schon Kokain geraucht“

Die MiG erinnert an den Krieg gegen die Armee des somalischen Präsidenten Siad Barre.

Der letzte Tag in Somaliland. Nach einem Austag am Freitag, standen heute morgen noch zwei Interviews an. Mit dem Religionsminister Sheikh Khalil Ahmed Abdi und Professor Ahmed Ibrahim Awale von der „University of Hargeisa“. Der eine berichtete über die Krise aus religiöser Sicht, der andere aus einer umweltpolitischen. Der Minister betonte, wie die islamischen Gemeinden enger zusammen rücken, die Moscheen im ganzen Land als wichtige Zentren für Bedürftige gesehen und genutzt werden. Der Professor dagegen berichtete von den drohenden Verlusten. In seinem Büro ein Plakat mit etwa 30 verschiedenen Eidechsen, die hier im Wüstensand zu finden sind. Keiner weiß, wie viele von ihnen und wie viele der anderen Tierarten die Dürre überlebt haben und überleben werden. 3000 Pflanzenarten habe es hier in Somaliland und am Horn von Afrika gegeben. Was davon noch übrig bleiben wird ist unklar.

Am Nachmittag machte ich mich dann auf den Weg in die Innenstadt zum Kriegsdenkmal, eine alt MiG auf einem Sockel. Darum herum sitzen viele Männer und palavern. Direkt am Sockel im Schatten ein paar Ziegen, oben drauf hocken Tauben und gurren vor sich hin. Die Stadt pulsiert, obwohl es am frühen Nachmittag drückend heiß ist. Ich laufe durch die Gegend, biege in die engen Gänge des überdachten Marktes ein, ein ständiges „Hi, how are you?“ folgt mir vorbei an den Ständen. Der eine will mir Schuhe anbieten, der andere Stoffe, wieder ein anderer meint, ich bräuchte unbedingt neue Töpfe.

Eine Hauptstraße in Hargeisa.

Ich bin der einzige „Tourist“ weit und breit. Mit meiner hellen Hautfarbe falle ich gleich auf. Junge verschleierte Frauen grinsen sich einen und flüstern sich was zu. Männer schauen mich an, als ob ich die rosafarben Flip Flops aus dem Hotelzimmer auf dem Kopf tragen würde. Der Verkehr im Zentrum ist ein einziges Gehupe, ein wildes Durcheinander. Die Straßen sind nur teilweise geteert. Schlaglöcher ohne Ende. Ziegen, Esel, einige Straßenhunde und ein Gewusel an Menschen, die Handel betreiben, einkaufen oder mit einer Tüte Qadsträucher durch die Gegend laufen. Qad ist die Volksdroge. Alkohol gibt es hier nicht, aber an jeder Ecke verkaufen sie die Blätter, die aus Äthiopien kommen. Ein Gekaue ist das. Ziegen stehen vor den Qad Buden und fressen die Reste, auch sie mögen wohl den Rausch.

In einem Straßencafe setze ich mich hin, bestelle mir einen somalischen Tee für 10 Cent und genieße den Moment. Kaum sitze ich, spricht mich der erste an. Mit ein paar Brocken Englisch will er wissen woher ich komme. „Oh, Germany….good“ und er streckt den Daumen nach oben. Ein anderer setzt sich fast neben mich mit einer Qadtüte und bietet mir welche an. „No, thank you“. „Try“. „No, thank you“. Er erzählt mir, dass er schon in Dänemark gelebt hat und Deutschland sehr mag, dort habe er viel Bier getrunken, „Amstel“. „It’s from Holland“. „No, German“. Ok! Und dann meint er, er war auch schon in Holland. „You smoke Kokain?“ „No“. „Why not?“. Ich sag’s ihm auf Deutsch: Nix für mich.

Er redet weiter, vieles verstehe ich nicht, irgendwann hat er dann wohl genug von mir und zieht von dannen. Ich hole mir noch einen Tee, schaue mir in aller Ruhe die Leute und das bunte Treiben an. Ein schöner Ausklang einer sehr intensiven Reise. Und irgendwie, trotz allem, was ich hier gesehen und erlebt habe, bin ich dankbar dafür hier zu sein. Die Möglichkeit zu haben, andere Länder, Kulturen und Menschen kennenzulernen, die ich wohl sonst nie kennenlernen würde. Es ist immer auch ein bißchen meinen eigenen Horizont zu erweitern. Und das ist das Schöne an meinem Beruf.

Es rollt sich gut auf der Schotterpiste

Eineinhalb Stunden dauert der Flug von Hargeisa in Somaliland nach Garoowe in Puntland. Mit einer Fokker F50 der Fluggesellschaft Daalo ging es gegen Osten. Nur ein paar Passagiere waren an Bord. Meine Bordkarte sagte zwar 5D, aber den Sitz gab es gar nicht. „Free Seating“, meinte der Flugbegleiter zu mir. Als ich dann nach hinten gehen wollte, um mir einen passenden Fensterplatz auszuwählen, sagte er, „No, just sit in the front, because of the weight“. Das schafft Vertrauen!

Puntland von oben.

Draußen debattierte noch eine Frau mit mehreren Männern des Bodenpersonals, schließlich durfte auch sie an Bord und die Reise nach Puntland konnte beginnen. Um Hargeisa herum war noch etwas grün zu ehen, einzelne Bäume, Sträucher. Tiefe Spuren von früheren Bächen und Flüssen durchzogen die Landschaft. Immer seltener wurden Dörfer und Anwesen im Nirgendwo. Umso näher wir Garoowe kamen, um so trockener wurde das Land unter der Fokker. Eine Wüstenlandschaft so weit das Auge reicht. Die Landung war daher auch das Highlight des Fluges, das Video dazu sieht man unten.

Der Flughafen von Garoowe besteht aus einer Schotterpiste und ein paar Bretterbuden. Zahlreiche Soldaten, mit Maschinengewehren und Patronengürteln bewaffnet, sichern diesen Schotterstreifen ab. Von einer Stadt ist weit und breit nichts zu sehen. Ein Stempel in den Pass und die knappe Anordnung „Go“. Der Koffer wurde mit einem Kleinlaster die 30 Meter von der Maschine bis zur Butze gefahren. Ich schnappte ihn mir und ging durch eine weitere Bretterbude hindurch, das war wohl der puntländische Zoll. Auch dort ein paar Bewaffnete. Was die hier sichern, war mir wirklich nicht ganz klar.

Draußen traf mich die Hitze, sonst wartete niemand auf mich. Eigentlich sollte da jemand sein, war aber keiner. Etwas bedröppelt stand ich da und fragte mich, was nun? Eine Telefonnummer hatte ich nicht, auch kein funktionierendes Telefon. Mein fragender Blick schien aufzufallen, denn sofort kamen ein paar Uniformierte auf mich zu und fragten „Problem?“. „Yeap, I have a problem“, aber wie mache ich das nun verständlich? Mein Somali ist auch auf der dritten Reise nicht besser geworden. Nach mehreren Versuchen verstand einer von ihnen, dass ich auf einen Fahrer von CARE wartete. „No problem. I call“. Woher er nun die Nummer vom CARE Büro in Garoowe hatte, wußte ich nicht, aber er versuchte es. „Not good“ kam als nächstes. Er packte sich meinen Koffer und meinte „Come“. Was sollte ich auch anderes machen, also lief ich hinter ihm her in einen Schuppen aus Wellblech. Darin saßen ein paar Soldaten, ihre AK47 locker auf dem Schoß liegend, zwei Frauen, ein paar Jugendliche waren auch in dem angenehm kühlen Unterschlupf. Mein Uniformierter bot mir einen Plastikstuhl an, alle schauten auf mich und ich sagte: „Hello, how are you?“ Ein Jugendlicher antwortete mir sogar und fragte, ob ich Wasser möchte. „Where from?“ „Germany“. „Ah, German. Good“, und er lachte. Fehlte nur noch, dass er „Schweinsteiger“ sagt, wie mir das schon öfters in Afrika passiert ist.

Nach wenigen Minuten kam der Uniformierte mit dem Telefon zurück, griff sich wieder meinen Koffer und lachte. „Driver sleep“, sagte er und wir gingen auf einen Geländewagen zu, der Fahrer stieg aus, grinste breit übers Gesicht und schmiß meinen Koffer auf die Ladefläche. Ich stieg hinten ein, doch er wartete noch mit der Abfahrt. Aus dem Radio dröhnte ein Sprecher, ich schätzte, eine Religionssendung, denn „Allah“ verstand ich gleich mehrmals. Nach etwa fünf Minuten kam ein Soldat zum Auto, der gleich zwei Maschinengewehre bei sich trug. Stereoschutz ist immer gut. Es ging weiter mit der Reise.

War die Landebahn schon eine Holperpiste, ist die Zufahrtstrasse zum Flughafen nicht viel besser. Nach mehreren Kilometern kamen wir auf eine geteerte Landstrasse. Links und rechts ist nichts, nur Sand und Steine, eine unwirtliche Landschaft. An einer Stelle kam uns auf der Straße ein Jeep entgegen. Sowohl der Fahrer, wie auch der Soldat drehten sich zu mir um, „no problem, all ok“. Nett, sie wollten mich beruhigen, obwohl ich mir gar keine Gedanken machte. Der Soldat stieg aus und in den Jeep ein, in dem zwei weitere Soldaten saßen. Das Begleitfahrzeug durch die Stadt, das den Weg für uns hupend freimachte. Und Garoowe ist eine pulsierende, lebendige Metropole inmitten der kargen Gegend. „Welcome to Garoowe“, sagte der Fahrer und freute sich, als ich meinte, es sei schon das zweite Mal. Aber heimisch fühle ich mich hier nicht.

Der Hunger erreicht die Hauptstadt

Eine junge Mutter mit ihrem unterernährten Kleinkind in der somaliländischen Hauptstadt Hargeisa.

Seit einem halben Jahr könne man es deutlich sehen, so die Chefärztin. Mehr und mehr Mütter bringen ihre unterernährten Kleinkinder in die Ambulanz MCH und in das italienische Kinderkrankenhaus, das einzige seiner Art in Somaliland. Jede Woche werden es mehr. Die Frauen machen sich von weither auf den Weg in die Hauptstadt, um hier Hilfe für ihre Kleinen zu finden. Mit dem nahrreichen Brei „Plumpy’Nut“ werden sie aufgepäppelt. Eine kurzzeitige Hilfe, denn die Gewichtszunahme bedeutet auch das Ende des Aufenthalts. Länger als nötig darf niemand bleiben, weitere kleine Patienten warten schon.

Gerade jetzt kommen viele Frauen mit ihren Kindern aus dem Ostteil der Republik, der besonders von der Dürre betroffen ist. Nachdem dort die Regenzeit im November ganz ausblieb, verschlimmerte sich die Situation dramatisch. Und auch jetzt warten die Menschen auf den dringend benötigten Niederschlag, der eigentlich schon da sein müsste. Doch am Himmel ist kein Zeichen von Regen zu erkennen.

„Vielleicht beten wir zu wenig. Vielleicht haben wir nicht genug den Armen gegeben“, wundern sich einige. „Allah wird uns helfen“, meint eine Mutter im Kinderkrankenhaus. Die Suche nach Gründen für die derzeitige Wasserknappheit, die in einer gewaltigen Hungerkatastrophe enden kann, ist umfassend. An der Universität von Hargeisa erkennt man die Ursachen für diese Katastrophe. Da ist sicherlich der zu niedrige Niederschlag in den letzten paar Jahren. Damit verbunden die Ausweitung der Wüste. Doch da ist auch die Übergrasung durch das Vieh, mangelndes Umweltbewußtsein, fehlende Wasserspeicheranlagen und noch einige weitere Gründe.

Die unabhängige Republik Somaliland kämpft derzeit ums Überleben. Die kurz-, mittel- und langfristigen Folgen dieser Dürre sind noch nicht abzusehen. Millionen Ziegen, Rinder und Kamele sind schon verendet. Krankheiten könnten ausbrechen, die wirtschaftliche Situation von vielen Familien hat sich dramatisch verschlechtert. Der Hunger breitet sich schleichend und ohne Probleme aus. Mit den unterernährten Kindern hat die Hungerkatastrophe am horn von Afrika nun auch die Hauptstadt Hargeisa erreicht. Die Zukunft dieser Region ist ungewiss.

 

Das Land der starken Frauen

Es geht dem Ende zu. Ein Reisestipendium der Stiftung Weltbevölkerung brachte mich hierher ans Horn von Afrika, genauer gesagt in die Republik Somaliland, ein Land, das es offiziell nicht geben darf. Als ich die Ausschreibung der Stiftung gelesen hatte, dachte ich sofort an das Thema „Female Genital Mutilation“ oder Genitalverstümmelung. Ein Thema, das keineswegs einfach ist, vor allem nicht für einen Mann, vor allem nicht für einen Mann aus einem westlichen Land. Als ich im November hier war, sprachen viele Frauen jedoch ganz offen darüber, was mich verwunderte. In Absprache mit dem CARE Büro in Bonn traute ich mich dann doch an dieses Thema, gerade auch, weil ich die Zusage der Unterstützung vor Ort erhielt. Ohne die wäre die Realisierung all der Interviews und Einblicke gar nicht möglich gewesen.

NAGAAD ist eine lokale NGO, die mir vermittelt wurde. Sie arbeiten im ganzen Land, unterstützen Frauenprojekte, „Women’s Empowerment“, in auch noch so entlegenen Gegenden. Und dabei spielt FGM immer eine Rolle. Die Gesundheitsprobleme für Kinder, Jugendliche, junge und alte Frauen sind einfach zu groß, um dieses gewaltige Thema in der täglichen Arbeit auszugrenzen.

Auf dieser Reise in Somaliland traf ich vor allem starke Frauen. Engagiert, zielgerichtet, „outspoken“, kritisch. Fast alle sind von der Genitalverstümmelung betroffen, und gerade vor diesem Hintergrund setzen sie sich ein. Sie organisieren sich nicht nur in den Dörfern, suchen die Gespräche, zeigen auf, dass FGM nichts mit dem Islam zu tun hat, fordern von den religiösen Führern im Land, von den Politikern, von Männern allgemein klare und deutliche Worte.

Edna Adan im Gespräch.

Edna Adan im Gespräch.

Edna Adan kämpft seit 40 Jahren gegen die Genitalverstümmelung. Sie war mit dem früheren somalischen und somaliländischen Präsidenten, Mohamed Haji Ibrahim Egal, verheiratet, und selbst auch Außenministerin Somalilands. Schon in den 70er Jahren engagierte sie sich. Heute trägt ein Hospital in Hargeisa ihren Namen, das hat sie selbst aufgebaut. Das „Edna Adan University Hospital“ hilft vor allem Frauen und Kindern. Doch hier werden auch Hebammen ausgebildet. Edna Adan nennt sie „my foot soldiers“, ihre Mitstreiter im Einsatz. FGM ist ein wichtiger Teil der Ausbildung. Die fast 79jährige ist unermüdlich im Einsatz. Sie habe alles im Leben gesehen, mit Präsidenten diniert, den Luxus gehabt. Heute lebt sie gleich neben ihrem Büro im ersten Stock des Krankenhauses, ihre Tür ist immer offen. Sie ist das Gesicht der somiländischen Frauenbewegung gegen FGM geworden.

In diesen Tagen in der Region traf ich aber auch viele Frauen, deren Hintergrund ganz anders ist, ganz einfach und doch nicht weniger engagiert. Sie waren bereit mit mir zu sprechen, weil man über FGM offen sprechen muß, erklärten sie. In Gesprächen flossen Tränen, schlimme Erinnerungen wurden wieder hervorgeholt. Alleine als Mann hätte ich diese Interviews nie führen können, nie die Tiefe erreicht. In Hodan Elmi von CARE fand ich eine beeindruckende Frau, die mir zur Seite stand, mich beriet, was ich fragen kann und was nicht, was ich vorab wissen sollte, welche Zusammenhänge es gab und gibt. Unermüdlich erklärte sie, übersetzte sie und „öffnete“ für mich die Gespräche. Auch sie selbst kam an ihre Grenzen. Beeindruckend war für uns das Treffen in Gabiley mit betroffenen Frauen, eine von ihnen führte die „Beschneidungen“ durch. Die anderen Frauen erklärten im Gespräch, sie versuchten immer wieder ihr zu helfen, einen anderen Job zu finden. „Ich muß aber meine Familie ernähren“, meinte diese. Sie würde ja aufhören, aber das Geld für ihr „Handwerk“ unterstütze nicht nur sie.

In der somiländischen Hauptstadt Hargeisa wird offener über das Thema gesprochen. Hier leben viele aus der Diaspora, Rückkehrer aus England, Holland, Deutschland, den USA und Kanada. Sie treiben die Diskussion um einen allgeimein Stopp der Genitalverstümmelung mit an. „Zero Tolerance“ ist das Ziel. In den engagierten und rastlosen Frauen und Männern von NAGAAD und anderen lokalen Organisationen im ganzen Land, sind sie auf tatkräftige Mistreiterinnen gestoßen. Gemeinsam wird schon seit Jahren für ein Ende dieser uralten, doch sinnlosen Tradition gekämpft. Und ihre Stimme wird mit jedem Tag lauter.

Ein Land voller Schmerzen

Drei Buchstaben sind es: FGM. Sie stehen für „Female Genital Mutilation“, übersetzt wird das fälschlicherweise oftmals mit weiblicher Beschneidung. Doch das trifft es nicht, ganz und gar nicht. Wenn man von Beschneidung spricht, denkt man an die Beschneidung eines Jungen, wie es bei Juden, Muslimen und auch in den USA ganz normal ist. Die Vorhaut wird dabei abgetrennt, ein kleiner chirurgischer Eingriff. „Female Genital Mutilation“ ist dagegen Genitalverstümmelung. Zumeist Mädchen im Alter zwischen 5-10 Jahren werden dabei ein Leben lang gezeichnet.

Dabei werden vier Typen unterschieden, Typ I ist die Entfernung der Klitoris, Typ II die Entfernung der Klitoris und der Schamlippen. Typ IV alles was nicht unter I, II oder III fällt. Die schlimmste Methode ist die Infibulation nach Typ III, oder auch „pharaonische Beschneidung“ genannt. Und die ist am weitesten verbreitet am Horn von Afrika.„Die Beine des Mädchens werden von der Hüfte bis zu den Knöcheln für bis zu 40 Tage zusammengebunden, damit die Wunde heilen kann. Die Haut über der Vaginalöffnung und dem Ausgang der Harnröhre wächst zusammen und verschließt den Scheidenvorhof. Lediglich eine kleine Öffnung für den Austritt des Urins, des Menstruationsbluts und der Vaginalsekrete wird geschaffen, indem ein dünner Zweig oder Steinsalz in die Wunde eingefügt wird. Durch diese Behinderung kommt es zu zusätzlichen Schmerzen und Infektionsrisiken. Weitere gesundheitliche Risiken und Komplikationen ergeben sich dadurch, dass die Vulva wieder aufgeschnitten werden muss, um Geschlechtsverkehr zu ermöglichen. Gelingt dem Mann die Öffnung der Vagina durch Penetration nicht, muss die infibulierte Vaginalöffnung mit einem scharfen Gegenstand erweitert werden. Zur Entbindung ist oft eine zusätzliche weiter reichende Defibulation notwendig. Manchmal wird an unbeschnittenen schwangeren Frauen vor der Entbindung eine Infibulation durchgeführt, weil geglaubt wird, dass Berührung mit der Klitoris zu Fehlgeburten führt. In manchen Gegenden folgt nach der Geburt eine erneute Infibulation, Reinfibulation oder auch Refibulation genannt.“ (Quelle Wikipedia).

Die Stiftung Weltbevölkerung hat es mir ermöglicht, auf diese Reise nach Somaliland zu gehen. Eine Reise, die mich oftmals an Grenzen gebracht hat. Es ist ein Thema, über das kaum jemand sprechen will. In Deutschland und den USA, jene Länder, in denen ich mich bewege, ist nicht viel bekannt über FGM, meist nur, dass aus religiösen Gründen die Klitoris abgeschnitten wird. Der Islam wird dabei verflucht, was für eine Religion sei das, die so etwas zulässt, wird abgeurteilt.

Ich gebe zu, ich habe auch nicht viel darüber gewußt, bis ich 2014 mit CARE in den Tschad und im letzten November hier ans Horn von Afrika reiste. Das Thema kreuzte immer wieder unseren Weg. In den Flüchtlingslagern im südlichen Tschad, in Somaliland und Puntland in den Gesprächen in den Dörfern und Flüchtlingslagern. Doch das ganze Ausmaß dieses barbarischen Aktes hatte ich auch nicht vor Augen.

"Female Genital Mutilation" geschieht nicht im Namen des Islam.

„Female Genital Mutilation“ geschieht nicht im Namen des Islam.

Schon am ersten Tag, kurz nach meiner Ankunft, stand das erste Interview an. Edna Adan, ausgebildete Krankenschwester, hat hier ein Hospital eröffnet. Seit 40 Jahren ist sie eine der wohl bekanntesten Kämpferinnen gegen FGM. Auch sie ist betroffen, wie eigentlich jede Frau, die ich hier im Laufe meines Aufenthaltes getroffen habe. Um das Krankenhaus aufzubauen, spendete die Witwe des früheren somalischen und somaliländischen Präsidenten, Mohamed Haji Ibrahim Egal, ihre Pension und ihr Vermögen. Ganz ruhig und sachlich berichtete sie von ihrem fast aussichtslos erscheinenden Kampf gegen tief verwurzelte Überzeugungen, eine Kultur des Schweigens, gegen scheinbar unüberbrückbare Fehlinformationen. Die fast 78jährige ist dennoch voller Energie. Mehr und mehr Mistreiterinnen und Mitstreiter findet sie für diesen Kampf.

Am Tag danach saß ich mit Frauen im Büro von Nagaad zusammen. Vertreterinnen der Frauenrechtsorganisation, die schon 1997 gegründet wurde, und Frauen aus einem Flüchtlingslager am Rande der Stadt. Sie alle arbeiten daran, die hohe Rate von weiblicher Genitalverstümmelung in Somaliland zu senken. Und die ist hoch, weit über 90 Prozent. Alle Frauen, die im Kreis in diesem kargen Raum um mich herumsaßen waren Betroffene. Eine 70jährige berichtete davon, dass sie noch immer massive Gesundheitsprobleme habe. Und dennoch, sie selbst hat ihre Töchter und Enkelinnen „beschnitten“. Das verlangte ihre Religion, glaubte sie. Zumindest sei sie davon über all die Jahre überzeugt gewesen. Erst vor kurzem hat sie gelernt, dass im Koran nichts von dieser frauenfeindlichen und schmerzhaften Prozedur steht. Die Vertreter ihrer Religion hätten sie enttäuscht und betrogen. Ein Leben lang. Als sie das begriff ging sie zu ihren Töchtern und bat um Vergebung für das, was sie ihnen angetan hatte.

Persönliche Geschichten und Erfahrungen wie diese sind kein Einzelfall. Die Frauen erzählen bereitwillig, denn sie wissen, der Deckmantel des Schweigens ist ein Grund dafür, warum diese gewaltsame Prozedur noch immer in ihrem Land, in ihrer Kultur und vermeintlich im Namen ihrer Religion durchgeführt wird.

Mit der Wumme über den Markt

Trump und Knarren in Hargeisa.

Trump und Knarren in Hargeisa.

Das erlebt man auch nicht alle Tage. Am Morgen wollte ich hier auf den Markt gehen. Meine Begleiterin meinte gestern, lass uns mit dem Bus fahren, das ist ein Erlebnis. Doch dazu kam es nicht. Am Morgen fuhren gleich mehrere Pick-up Wagen auf das Hotelgelände, Polizei und Militär zeigten Präsenz. Und auch überall in der Stadt sah man Uniformierte. Was das bedeutete, war mir anfangs nicht klar. Etwas später erfuhr ich, dass der Hafen von Berbera für 30 Jahre an ein saudisches Unternehmen verpachtet werden soll, die somaliländische Regierung dieses Projekt allerdings hinter verschlossen Türen aushandelte. Die Öffentlichkeit im Land verlangte Einblick in den Deal. In Berbera kam es schon zu Protesten, man fürchtete nun, dass es auch in Hargeisa zu Demonstrationen kommen könnte.

Zum Markt bin ich dann dennoch gekommen, allerdings nicht im öffentlichen Bus, sondern in einem Wagen und neben mir ein junger Soldat im Kampfanzug mit einem Kalaschnikow-Gewehr. Der lächelte, begrüßte mich per Handschlag lachte, als ich im erklärte, so sei ich auch nicht zum Einkaufen gefahren. Da fühlte ich mich so richtig sicher. Und so gingen wir dann über den Markt. Hier mal Tee getrunken, auch der Soldat trank einen, und half dann sogar beim Finden von diversen Läden, fragte hier und da nach und wies den Weg durch die vielen Gänge des Marktplatzes.

Auf dem Weg im Auto unterhielten wir uns über….yeap, Donald Trump. Man will es nicht glauben, doch selbst am Horn von Afrika hört man genauhin, was der Donald aus New York da wieder von sich gelassen hat. Auch die jüngste Meldung, dass er quasi indirekt Hillary Clinton zum Abschuß freigegeben hat, war hier schon bekannt. Und ja, der Fahrer hatte selbst Verwandte in den USA, die sich große Sorgen machten, denn als Somalier sind sie ja aus einem Land, in dem es Terror gibt, also ein Land, dass auf Trumps Hassliste steht.

Ich versuchte dann zu erklären, dass Donald Trump wahrlich nicht für die Mehrheit der Amerikaner spricht, dass seine bislang erfolgreiche Kandidatur eher ein Zeichen für das verrückte und kaputte Wahlsystem der USA sei. Nun also bin ich auch in der Rolle, die USA zu verteidigen. Und im Angesicht von Donald Trump mache ich das nur zu gerne. Der Pass verpflichtet, denn Trump ist wahrlich nicht der Grund gewesen, warum ich das umfangreiche Prozedere der Staatsbürgerschaft auf mich genommen habe.

Ach ja, die Polizei und das Militär waren um 13 Uhr wieder abgezogen. In Somaliland wird nur morgens zwischen 7:30 und 12:30 protestiert, nachmittags, heisst es, ist es zu heiß. Da keine Demonstranten am Morgen kamen, war die Sache also damit vorbei. Das nennt man dann StreitKultur!

Die Faszination der Reise

Mir fällt gerade ein Lied von Marius Müller-Westernhagen ein: „Jetzt sitz‘ ich hier, bin etabliert und schreib‘ auf teurem Papier…“. Ja, ich sitze hier, im Garten des Hotels in Somaliland, schreibe nicht auf teurem Papier, tippe dafür in meinen Laptop, und etabliert, na ja, das wohl auch nicht. Es ist mehr das hier sitzen, nachdenken, das Erlebte zu verdauen. Die Reise nach Somaliland neigt sich dem Ende zu. Aus verschiedenen Gründen ging es nicht nach Puntland, aber das war am Ende für die Recherchen auch nicht mehr notwendig.

Solchen Dornen werden eingesetzt.

Solchen Dornen werden eingesetzt.

In den letzten Tagen habe ich viel gesehen, viel gehört. Frauen haben mir detailreich von ihrer Genitalverstümmelung erzählt. Noch Jahre, noch Jahrzehnte später können sie sich an diesen Tag in ihrer Kindheit erinnern. Ohne Narkose, an das Rasiermesser, an die Dornen. Am Ende durften sie sich nicht bewegen, für Tage, bis die offene Wunde verheilt, ihre Scheidenöffnung fast ganz verschlossen war. Nur ein kleines Loch blieb offen. Die Schmerzen waren damit nicht zu Ende.

Ich habe hier mit religiösen Führern gesprochen, mit Vertreterinnen der Regierung, mit Aktivistinnen und auch mit Frauen, die diese Prozedur für ihren Lebensunterhalt durchführen. Für ein paar Dollar kommen sie ins Haus und machen genau das, was die Eltern verlangen. Typ I, Typ II, doch meistens Typ III. Mit einem Rasiermesser schneiden sie die Klitoris, die äußeren, manchmal auch die inneren Schamlippen ab und „nähen“ dann die offene Wunde mit gespitzten Dornen zu.

Nach solchen Tagen, nach solchen Erzählungen, bin ich gerne durch Hargeisa gelaufen oder habe hier im Hotel in einem veralteten Fitnessraum rostige Gewichte gestemmt. Ein Weg, den Kopf freizubekommen. Es ist ja nicht so, dass das alles, was ich auf solchen Reisen erlebe, sehe, höre, einfach wegstecke, so, als sei es nur ein Job, eine Pressekonferenz, ein Bericht und das war es dann. Punkt.

Ganz im Gegenteil, der schlimme Teil kommt noch einmal, wenn ich mich Zuhause hinsetze und all die Interviews abtippe, die Artikel und Manuskripte schreibe, die Radiobeiträge produziere. Ich weiß, ich habe ein gutes Leben. Ich reise wieder ab, in meine Welt, in mein Haus in Oakland. Werde mit meinem Hund durch die Wälder streifen, laut Musik hören, ein gutes Glas Wein genießen. Hier im Hotel am Abend sitze ich im Garten, trinke einen somalischen Tee und weiß auch, dass ich ein sehr reiches Leben habe. Ich habe die Möglichkeit zu reisen, Menschen und Länder und Kulturen kennenzulernen. Vor allem habe ich die Möglichkeit zu fragen, zuzuhören, vielleicht auch mal Antworten zu finden. Das ist ein reichhaltiger und tiefer Blick auf die Probleme dieser Welt. Sei es die weltweite Flüchtlingskrise, die Kriege, die Ausbeutung in den Entwicklungsländern oder auch eben FGM, „Female Genital Mutilation“. Was ich aber vor allem schätze, sind die Menschen, die ich auf diesen Reisen kennenlerne, die mir einen Blick in ihre Welt erlauben. Das ist ein unglaublicher Schatz in meinem Leben. Das soll jetzt ganz und gar nicht pathetisch klingen. Für mich ist all das oftmals nur eine Erdung.

Da kriegt man Pickel

Nicht die Tapete macht mich wirr im Kopf.

Nicht die Tapete macht mich wirr im Kopf.

Ich sitze hier in meinem Hotelzimmer in Hargeisa, Somaliland, und mir wird angst und bang. Nein, da schießt niemand draußen, keine blutrünstigen Hundemeuten streunen die Straßen, keine Terrormilizen der Al-Shabaab wollen mir an die Wäsche. Hargeisa und Somaliland sind in diesen Stunden, Tagen und Wochen sicher. Was mir Sorgen bereitet ist was ganz anderes: Donald Trump spricht. CNN überträgt die Wirtschaftsrede des New Yorker Milliardärs aus dem „Economic Club in Detroit“. Und der amerikanische Nachrichtenkanal ist ja weltweit zu sehen. Ganz schlimm!

Donald Trump verspricht das Blaue vom Himmel und will die Uhren zurückdrehen. Steuererleichterungen für Unternehmen, die Energiewende wird wieder gewendet, Trump setzt auf Kohle und Atom und will Umweltschutzmaßnahmen außer Kraft setzen. Dazu Versprechungen an die Automobil- und die Stahlindustrie. Amerika werde wieder reich, so Trump, Jobs würden geschaffen werden und damit könne man die Infrastruktur erneuern, Familien finanziell unterstützen und überall im Land würden „Wolkenkratzer mit amerikanischem Stahl“ in die Höhe schießen. Das ist also Trumps Plan. Fast hätte er sogar noch gesungen. Und ich weiß nicht, ob ich froh oder traurig sein soll, weit weg zu sein.

Und nun die Analyse der CNN-Köpfe. Eine gut formulierte und durchdachte Rede soll das gewesen sein. Endlich, so heißt es, habe Trump konkrete Pläne vorgelegt. Wirklich? Das war kein politischer Plan, das waren leere Versprechungen eines machthungrigen und egozentrischen Kandidaten, der nun einen Ton anschlägt, um „präsidialer“ zu wirken. Wer soll, wer wird darauf hereinfallen?

Ein Besuch bei den somaliländischen Kollegen

Das Rauchverbot hat sich auch hier durchgesetzt.

Das Rauchverbot hat sich auch in diesen Studios hier durchgesetzt.

Radio Hargeisa ist der öffentliche Rundfunk Somalilands. Seit 1991 ist er in der Hand der somaliländischen Regierung, mit der Ausrufung der Republik Somaliland wurde auch die Kontrolle über die Sendeanlagen übernommen. Die Radiostationen waren bei der Abspaltung von Somalia eines der ersten Ziele der neuen Führung. Mit dem Rundfunk kontrollierte man den Informationsfluss der Bevölkerung.

Viele Jahre lang wurde Radio Hargeisa nur als eine UKW-Station betrieben, die im Sendegebiet der Hauptstadt zu empfangen war. Die finanziellen Mittel fehlten schlichtweg, um das ganze Land abzudecken. Seit 2012 sind die Programme jedoch über einen 100 Kilowatt Transmitter im ganzen Land zu hören. Gesendet werden täglich zehn Stunden Programm (06.30-09.00, 13.00-16.00 und 18.00-22.30).

Tonbänder warten auf ihre Digitalisierung.

Tonbänder warten auf ihre Digitalisierung.

Ein altes 1943 erbautes Gebäude der britischen Kolonialherren beherbegt heute noch immer den Sender. Die Decken sind hoch, die Wände zumeist kahl, viel gibt es hier nicht zu sehen. Die ersten 25 Jahre des Rundfunks in Britisch-Somaliland wurden in dem Buch „Gather Round the Speakers: A History of the First Quarter of Somali Broadcasting 1941-1966“ beschrieben, man kann diesen Bericht von Suleiman M. Adam noch online finden.

Im Archiv liegen auf den Regalen noch Hunderte von alten Tonbändern, daneben CDs. In einem Nebenraum stapeln sich alte „Reel-to-Reel“ Bänder in einer Ecke auf dem Boden. Vergessen, verstaubt, kaum beschriftet. Ein paar Bandmaschinen sind aufgeschraubt, derzeit versucht man das Equipment wieder auf Vordermann zu bringen, um die alten Tonaufnahmen digital speichern zu können. Ein scheinbar aussichtsloses Unterfangen.

Von hier sendet Radio Hargeisa.

Von hier sendet Radio Hargeisa.

Vieles hier wirkt wie eine Behelfsstation, doch dann wird einem auch wieder klar, dass man eigentlich nicht viel fürs Radiomachen braucht. Feinste digitale Studios sind keine Garantie für ein gutes, zielgerichtetes und erfolgreiches Programmmachen. Schon gar nicht in einem Land wie Somaliland. Hier zählt die Handarbeit, die Fähigkeit aus wenig möglichst viel zu machen. Radio ist nach wie vor das wichtigste Medium im Land, wenn man bedenkt, dass der Großteil der Bevölkerung Nomaden sind und in ländlichen, teils sehr abgelegenen Gegenden ohne große Infrastruktur leben. Das Fernsehen kann nur in den wenigen Städten empfangen werden, Zeitungen und auch Onlineangebote sind aufgrund der hohen Analphabetenrate keine wirkliche Konkurrenz für das Radio. Und sowieso ist die somalische Kultur eine Kultur des erzählten Wortes. Die Programme, die Radio Hargeisa ausstrahlt, sind eine Mischung aus Musik, Information, Nachrichten und Religion.

Das eigentliche Sendestudio ist dann doch modernste Technik, zumindest für hier. Ein geräumiger Mastercontrol-Room, hinter einer Scheibe ein Aufnahmestudio, in dem bequem Diskussionsrunden, Musikaufzeichnungen und andere Performances aufgenommen und übertragen werden können. Seit ein paar Jahren gibt es auch einen Live-Stream von Radio Hargeisa. Wer kein Somalisch spricht, wird sprachlich sehr schnell an seine Grenzen stoßen. Doch der Stream gibt nicht nur für begeisterte Radiofans einen Eindruck, wie in diesem Teil der Erde der Hörfunk klingt. Morgen werde ich bei einer Fortbildung weitere „Kollegen“ von Radio Hargeisa kennenlernen, ich bin gespannt auf den Austausch, auf ihre Erfahrungen und ihre Schilderungen ihres Arbeitsalltags.