Leben auf und mit der Zeitbombe

Die Hayward Spalte (rot) ist die aktivste in den USA. Ich lebe in unmittelbarer Nähe. Foto: USGS.

Wer hier lebt weiß es, aber denkt kaum daran. Das nächste große Erdbeben kommt bestimmt. Gerade mal einen Kilometer von meinem Haus entfernt verläuft die Hayward Spalte, die noch aktiver und wohl auch gefährlicher ist als die bekanntere „San Andreas Fault“. Nun hat das USGS (U.S. Geological Survey) einen neuen Bericht vorgelegt, der alles andere als beruhigend ist.

Ein „major earthquake“ auf der zweitgrößten Spalte in Nordkalifornien hätte katastrophale Folgen. Bei einer Stärke von 7,0 auf der Richterskala, so die Wissenschaftler des USGS, würden mehr als 800 Menschen sterben und ein Schaden von etwa 100 Milliarden Dollar entstehen. Nahezu 55.000 Häuser würden zerstört werden, die Infrastruktur in der East Bay auf lange Zeit hinaus beschädigt sein. Das sind lediglich Schätzungen.

Die Hayward Spalte zieht sich 52 Meilen weit von der Süd Bay bis weit hinauf nach Berkeley und gilt als eine der aktivsten Spalten in den USA. Wenn ein Beben dieser Größenordnung kommen würde, hätte das massive Auswirkungen auf die sieben Millionen Einwohner der gesamten San Francisco Bay Area. Die wichtigen Verkehrsknotenpunkte und Brücken wären betroffen, ein Verkehrschaos sondergleichen wäre die Folge. Immer wieder heißt es, die Bewohner sollten sich darauf einrichten, sich mehrere Tage mit Wasser und Nahrungsmitteln selbst versorgen zu können, doch die Wissenschaftler des USGS erklären dagegen, dass die gesamte Infrastruktur im Falle eines Bebens zusammenbrechen könnte. Man solle sich also nicht nur auf ein paar Tage der Selbstversorgung einrichten.

Das letzte große Hayward-Beben war 1868. Messungen an der Erdspalte ergaben, dass in den letzten 1900 Jahren zwölf gewaltige Erdbeben von der „Hayward Fault“ ausgingen; alle 150 – 160 Jahre. Es ist also wieder höchste Zeit, die Spannung steigt. Ich sollte mich mal wieder um mein „Earthquake Kit“ kümmern, zumindest die Wasservorräte und das Hundefutter für Käthe auswechseln.

Eine unruhige Nacht

Um kurz nach Mitternacht klingelte das Telefon. Ich war bereits im Tiefschlaf und wankte zum Apparat. Am anderen Ende ein Radiosender, man wolle wissen, ob Trumps Entscheidung, die von ihm eingesetzte Wahlkommission zu beenden, ein Thema für die Mittagssendung sei. Damit war die Nacht erst einmal vorbei. Eineinhalb Stunden lag ich wieder im Bett.

Kaum eingeschlafen wachte ich erneut auf, diesmal mehr als dramatisch. Ein Erdbeben mit der Stärke 4,4 auf der Richterskala erschütterte die Region. Das Epizentrum war nur wenige Meilen von mir an der Grenze zwischen Oakland und Berkeley entfernt. Drei lange Sekunden wurde das Haus gewaltig durchgeschüttelt, dann war es wieder ruhig. Eine deutliche Erinnerung daran, in welcher Gegend ich lebe. Nun ist man hier auf den Notfall ausgerichtet. War der 4,4 Schocker nur ein Vorbeben für was größeres, was ganz sicher kommen wird, oder war es eines von vielen kleineren Entspannungsbeben auf der Hayward Spalte gleich vor meiner Haustür? Die Hayward Spalte ist die aktivste und gefährlichste in der Region. Die Wahrscheinlichkeit eines Riesenbebens liegt bei 31 Prozent in den kommenden 30 Jahren.

Kaum wieder eingeschlafen, erneut eine Unterbrechung meines „Schönheitsschlafs“. Auf der Terrasse zeigte sich mal wieder der Albino-Waschbär und turnte auf dem Geländer herum. Meine Käthe hörte das natürlich, rannte zur Terrassentür und bellte den putzig dreinblickenden „Racoon“ an. Als ich sie beruhigt hatte, der weißfellige Waschbär  schließlich unter die Terrasse geklettert war, versuchte ich es noch einmal mit dem vielgepriesenen Schlaf. Um sieben war dann endgültig die Nacht vorbei. Donnerstag ist hier Müll-, Biomüll- und Recyclingabholtag. Gleich mehrere lautstarke Trucks fahren da die Hügel rauf und runter, keine Rücksicht auf schlaflose Nächte nehmend.

Und nein, ich beschwere mich nicht, sitze nur gerade mit einer Decke und der dritten Tasse Kaffee da, die Heizung ist ausgefallen, lese die Nachrichten der Nacht, höre dazu verstörend-schöne Musik des Finnen Mika Vainio, während meine Käthe auf dem Rücken liegt, ihre vier Beine von sich gestreckt hat und vor sich hin schlummert. Das Leben in Kalifornien ist immer wieder für Überraschungen gut.

„Any Day Now“

Am Dienstagmorgen um 2:41 Uhr bebte die Erde in der San Francisco Bay Area. Genau an der Stadtgrenze von Fremont und Union City in der East-Bay, in einer Tiefe von vier Meilen war das Epicenter des Bebens. Auf der Richterskala wurde eine Stärke von 4,0 gemessen. Die Wissenschaftler des „US Geological Survey“ (USGS) gehen nun davon aus, dass die Hayward Spalte reif für ein „Major Quake“ sei. „Any Day Now“ könnte es passieren, hieß es am Dienstag.

Foto: USGS

Foto: USGS

Die Hayward Spalte zieht sich von der San Pablo Bay im Norden bis runter nach Fremont, u.a. durch Berkeley und Oakland. Von meinem Haus ist es Luftlinie vielleicht gerade mal eineinhalb Kilometer bis dahin. „Any Day Now“ ist eine deutliche Warnung an alle, die in der Nähe und in der Region leben. Man soll vorbereitet sein, heißt es. Was das bedeutet ist sei dem Hurricane Katrina jedem klar, denn erst einmal wird man auf sich selbst gestellt sein. Falls das große Beben kommt, sollte man in der Lage sein, sich drei Tage lang selbst versorgen zu können. Das heißt sich und seine Familie, Haustiere und eventuell hilfsbedürftigen Nachbarn. Nahrung, Wasser, Decken, Kleidung zum Wechseln, Planen oder Zelte, falls das Haus nach dem Beben und den Nachbeben unbewohnbar ist. Dazu Bargeld, denn Kreditkarten und Bankautomaten werden nicht funktionieren, Taschenlampen, Batterie betriebene Rundfunkgeräte. Alles sollte an einem sicheren Ort gelagert und griffbereit sein. Eigentlich sieht die Liste so aus, als ob man zum Burning Man Festival in die Wüste fährt.

„Any Day Now“ heißt nicht morgen, heißt nicht übermorgen, heißt nicht nächste Woche. Es bedeutet vielmehr, dass man jederzeit damit rechnen und sich eben vorbereiten sollte. Dass man mit Nachbarn und Freunden spricht, wer sich um Kinder im Kindergarten und in der Schule kümmert, wer die Haustiere versorgt, falls man selbst nicht zu Hause ist. „Any Day Now“ ist keine Panikmache der Erdbebenforscher des USGS, sondern nur ein Hinweis darauf, dass die Hayward Spalte überfällig ist. Eigentlich rappelt es gewaltig alle 140 Jahre. Das letzte Mal war es 1868, vor 147 Jahren. Bis zum Beben 1906 in San Francisco galt dieses Hayward Erdbeben als das “Great San Francisco Earthquake.” Die Uhr läuft also ab für uns.

Es rappelt im Karton

In der San Francisco Bay Area wird man langsam nervös. Dass ein großes Erdbeben kommen wird, ist jedem klar, auch wenn das im Bewußtsein ganz weit nach hinten geschoben wurde. Wer hier lebt, lebt mit den „Earthquakes“. Erdstöße gibt es eigentlich  jeden Tag, nur die meisten spürt man nicht. Doch seit einer Woche wird man wieder verstärkt daran erinnert, wo man lebt. Gleich zwei Erdbeben gab es am letzten Donnerstag, 4,0 und 3,8 auf der Richterskala. Heute morgen um kurz nach halb sechs erneut ein heftiger Rappler mit der Stärke 3,6. Die Hayward Spalte, die unterhalb von Oakland und Berkeley liegt, knapp einen Kilometer von meinem Schreibtisch entfernt, ist in diesen Tagen mehr als aktiv. Mein Haus liegt auf Fels, was bedeutet, man merkt bei einem Erdstoß keine Welle ankommen, sondern erlebt einen kräftigen Rüttler. Da fliegen dann schon mal Bücher aus dem Regal und das gesamte Gebäude wird durchgeschüttelt. Man wartet kurz, ob noch was kommt und macht dann mit dem weiter, was man gerade gemacht hat. Heute morgen eben schlafen, umdrehen und nochmal eindösen. „The big one“ kommt, das ist klar, nur eben wann?